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Posts Tagged ‘Zug’

„Alles aussteigen! Endstation, der Zug endet hier.“

Mary erhob sich, und zog das Fenster des Abteils herunter. Sie stellte sich auf Zehenspitzen und streckte den Kopf hinaus.

„Nichts zu sehen“, sagte sie, nachdem sie in alle Richtungen gespäht hatte.

„Das dürfte in dieser Finsternis auch schwer möglich sein“, hörte sie eine spöttische Stimme hinter sich.

Mary sah ihren Mitreisenden erstaunt an. Mister Grey kann also doch sprechen, dachte sie. Mary gab ihm den Spitznamen, weil er, bis auf eine blutrote Krawattennadel, ganz in Grau gekleidet war. Seitdem er ins Abteil gekommen war, und dass war zwölf Stunden her, hatte er kein Wort gesprochen. Er verschanzte sich erst hinter einer Zeitung, schlief, ging zur Mittagszeit ins Bordrestaurant, setzte sich alleine an einen Tisch und danach lass er ein Buch.

Mary überlegte was sie antworten sollte, aber ihr fiel keine schlagfertige Erwiderung ein. Sie wäre vermutlich an Mister Grey abgeprallt, denn er war damit beschäftigt seine Reisetasche aus dem Gepäcknetz zu ziehen.

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„Sehen sie denn nicht, dass dort ein Schild „Nicht hinauslehnen“ angebracht ist?“

Sagte eine schnippische Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah in zwei blaue Augen, über denen sich die Brauen zu einer Gewitterfront zusammengezogen hatten.

„Guten Tag, mein Fräulein“, erwiderte ich ruhig und mit einem spöttischen Lächeln, obwohl es mir in den Fingern kribbelte der jungen Dame eine gepfefferte Antwort zu geben, „ich wusste gar nicht, dass die Royal-Railway-Companie adelige Damen als Zugbegleiter einstelllt.“

Sie schnappte sichtbar nach Luft.

„Mir ist klar“, fuhr ich fort und die Ironie tropfte aus meiner Stimme, „sie wollten mich nur warnen, weil ich ihnen im Speisewagen so überaus gut gefallen habe, und es ihnen ein Greul wäre mich aus dem Zug stürzen zu sehen. Zerschmettert auf den Gleisen.“

Ihre Augen funkelten erbost über meine Spitze. Sie war mir beim Diner aufgefallen, da sie mich unverhohlen anstarrte, ja geradezu sezierte, während sich die anderen Anwesenden nach diesem kurzen Moment des Erschreckens wieder ihrem Menü zuwendeten. Ich konnte die Abscheu direkt in ihren Augen lesen. Entweder hatte man ihr keine Manieren beigebracht oder sie besaß eine sensationslüsterne Neugier auf alles was anders war und ergötzte sich daran. Oder beides.

Da ihr keine adäquate Antwort auf meinen Sarkasmus einfiel, drehte sich um und stolzierte hocherhobenen Hauptest davon. Ihr würdevoller Abgang wurde durch ein unerwartetes Ruckeln verhindert, da der Zug um eine Kurve bog und leicht schlingerte.

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Im Labor

„Gut, dass du kommst“, Aaron hielt mir triumphierend ein kleines hellblaues Tütchen entgegen, „meine neuste Entdeckung.“

Er legte mir ein Papierstäbchen in die Hand, das aussah wie die kleinen Zuckertüten, die im Cafe immer neben dem Kaffee auf der Untertasse lagen. Ich drehte es hin und her, schüttelte es. Es raschelte.

„Und was soll das sein? Sag nicht Zuckertütchen. Die gibt es schon.“

Ich setzte mich auf den Drehstuhl vor Aarons Arbeitstisch. Fasziniert und mit besorgtem Interesse betrachtete ich seine Versuchsanordnungen. In den Destillierapparaten brodelte es und in Reagenzgläsern, Petrischalen und Glaskolben agierten merkwürdige Stoffe miteinander. Es wäre nicht das erste Mal, dass Aaron Substanzen miteinander mischte, die, nun sagen wir einmal, explosive Legierungen ergaben. In seinem Labor roch es immer merkwürdig. Diesmal lag ein Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln in der Luft.

Aaron sah mich mit strafendem Blick an und nahm mir das Tütchen aus der Hand, bevor ich es aufreißen konnte.

„Ich weiß, dass du mich für einen verrückten Wissenschaftler hältst, was ich vielleicht auch bin“, er hielt kurz inne. Ehe ich ihm meine Ansicht über ihn bestätigen konnte, fuhr er fort, „aber das es Zuckertütchen schon gibt, weiß ich selbst!“

Seine blauen Augen funkelten mich ärgerlich an und in meinem Bauch flog ein wilder Schwarm Schmetterlinge auf. Aaron würde nie merken, was ich für ihn empfand. Es schien außerhalb seines Horizonts zu liegen, dass ich in ihn verliebt sein könnte. Tatsächlich waren wir wie Tag und Nacht. Was unsere Zusammenarbeit schwierig, aber auch sehr erfolgreich machte.

„Also, was ist denn nun das Besondere?“

„Schneegestöber in Tüten.“

Aaron nahm eine kleine Kiste von seinem Schreibtisch und hielt sie mir vor die Nase.

„Ähm, wie bitte?“, ich musste mich verhört haben, „Schneegestöber in Tüten?“

Ich sah Aaron misstrauisch an und argwöhnte, er wollte mich auf den Arm nehmen.

„Nicht nur“, er grinste breit und hielt mir den Karton hin, in dem verschiedene bunte Papiertütchen lagen, „es gibt auch Nebel, Wind und Regen in verschiedener Stärke, Blitze, Donner, und eben Schneegestöber.“

„Das mag ja ein netter Party-Gag sein, aber wie soll uns das bei der Arbeit helfen.“

Wieder das ärgerliche Funkeln in seinem Blick und mein Herzschlag beschleunigte sich. Himmel, diese Augen!

„Party-Gag!“, er sah mich mit strafendem Blick an, „das lass nur meine Sorge sein! Du kennst mich inzwischen drei Jahre und vertraust mir immer noch nicht.“ Aaron stellte den Karton wieder zurück. „Apropos, bist du mit deiner Recherche weitergekommen?“

Er setzte sich hinter den Schreibtisch, lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte die Füße auf den Tisch. Das machte er selten. Aaron musste sehr zufrieden mit seiner neuen Entdeckung sein.

„Ja, bin ich. Der Gegenstand steht im Museum in Flensburg, in der stadtgeschichtlichen Ausstellung.“

Ich stand auf und ging zur Anrichte hinüber. Ich stellte eine Tasse unter den Kaffeeautomaten und wählte Milchkaffee.

„Bist du sicher?“, ein leiser Ton von Skepsis schwang in seiner Stimme mit.

Diesmal funkelte ich Aaron ärgerlich an. Hinter mir setzte sich die Kaffeemaschine in Gang und gab ein Zischen und Mahlen von sich.

„Wie sicher kann man sich sein? Reicht dir 99%?“

„99,999% wären mir lieber. Aber gut, wenn du meinst.“

Ich nahm die Kaffeetasse von der Maschine und setzte mich wieder. Durchatmen, nicht provozieren lassen, dachte ich.

„Eine Ferndiagnose zu stellen ist immer schwierig“, erwiderte ich so lässig, wie möglich, „deswegen fahre ich morgen früh nach Flensburg, um mich selbst von der Echtheit des Artefakts zu überzeugen“, und um Aaron zu ärgern fügte ich hinzu, „Oliver ist schon unterwegs und bereite alles vor.“

„Oliver?“, Aarons Gesichtsausdruck versteinerte sich, „du willst mit diesem Dilettanten zusammenarbeiten?“

„Von ihm stammt der Tipp. Ich finde, da hat er es verdient, dabei zu sein.“

Aaron stand auf, beugte sich über den Schreibtisch und sah mir tief in die Augen.

„Nur über meine kalte Leiche!“, sagte er und ich konnte die Wut in seiner Stimme hören, „das letzte Mal, als er dabei war, wärst du beinahe getötet worden. Das Risiko gehe ich nicht noch einmal ein! Ich begleite dich auf Schritt und Tritt.“

Ich öffnete den Mund, aber er hob den Finger.

„Keine Widerrede! Ich lasse dich keine Sekunde mit diesem Schwachkopf allein. Denk nicht mal daran!“

Ich schloss den Mund wieder. Tatsächlich wollte ich ihm nur sagen, dass ich mit seiner Begleitung sehr einverstanden war. Doch wenn er unbedingt an meinen Widerspruch glauben wollte, ich hinderte ihn nicht daran.

Oliver war noch neu in unserem Business und hatte wenig Erfahrung. Er war ein auffallend gutaussehender Mann und versuchte sich ausdauernd an mich heranzumachen, aber ganz wohl war mir in seiner Gegenwart, seit dem letzten gemeinsamen Auftrag, auch nicht mehr.

„Ich hole dich um acht Uhr ab.“

Ich musste lachen.

„Das tust du nicht! Ich fahre. Um acht Uhr vor deiner Haustür.“

„Du fährst wie ein Henker“, stellte Aaron fest und zog eine Braue hoch.

„Und du wie meine Großmutter!“, ich schüttelte den Kopf, „entweder auf meine Weise oder du musst mit dem Zug fahren.“

Aaron zögerte und für einen Moment dachte ich, er würde sich gegen die Autofahrt mit mir entscheiden, aber der Gedanke an Oliver und mich schien ihm wenig zu behagen.

„Gut, auf deinen Weise“, gab er nach, „ich muss noch einige Vorbereitungen treffen.“

Das war mein Zeichen.

„Dann lass ich dich mal machen“, ich grinste, „bis morgen.“

Beschwingt tänzelte ich aus Aarons Labor. Ich freute mich auf unseren Ausflug. Es war das erste Mal nach meinem Unfall.

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– Was wäre wenn ich nicht einsteige? – Unschlüssig stehe ich auf dem Bahnsteig und blicke auf die Anzeigentafel. Rechts fährt mein Zug zur Arbeit, links ein Zug Richtung Köln. – Von dort ist es nicht mehr weit bis nach Aachen und von da nach Zeeland. Ein Tag am Meer und nicht in diesem blöden, stickigen Büro mit dem ewig schlechtgelaunten Chef. Einen Tag mir den Wind um die Nase wehen lassen. Ich habe alles dabei. Kreditkarte, Laptop, Schreibzeug. Den Rest kann ich kaufen. – Der Zug zur Arbeit hält. Leute steigen aus, andere ein. Das typische Montagmorgengewusel. Mein Herz schlägt schneller. Jetzt kann ich noch einsteigen. Die Türen schließen sich, der Zug fährt los. Ich sehe ihm nach. Der Zug nach Köln läuft ein. Ich steige ein und bin plötzlich ganz ruhig. – Das hätte ich schon lange tun sollen. –

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Der letzte glückliche Sommer

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit … die leuchtenden Sonnentage über einem sanften Meer, ließ in uns die Illusion entstehen, dass es immer so weitergehen und kein Ende nehmen würde. Doch in einer Nacht änderte sich alles. An dem Abend, der dieser schicksalhaften Nacht vorausging, ahnte keiner meiner Freunde, wie schrecklich es tatsächlich werden würde.

Ich erinnere mich, wie wir dem leisen Plätschern der Wellen lauschten, das sich mit dem Knistern des Lagerfeuers vermischte. Wir träumten vor uns hin. Ab und zu fielen kurze Bemerkungen, die keine besondere Bedeutung hatten. Plötzlich strich eine kühle Brise über den sonst menschenleeren Strand und die fast erloschene Glut flammte erneut auf.

Noch heute höre ich Toms raue unheilschwangere Stimme, als er sagte:

„Leute, etwas Schlimmes wird geschehen. Ich spüre es in meinen Knochen.“

Damit meinte er sein linkes Schienbein, das er sich als kleiner Junge gebrochen hatte und das ihn bei Wetterwechsel schmerzte.

Jay schüttelte den Kopf, verdrehte genervt die Augen gen Himmel und blies den Rauch seiner Zigarette in die wieder windstille Abendluft.

„Du immer mit deinen Vorahnungen. Nichts wird geschehen. Du wirst sehen“, knurrte er.

„Genau“, stimmte Sally zu, „du bist ein Schwarzseher.“

„Und du ein Schwarzfuß“, neckte Tom sie.

Worauf Sally eine leere Zigarettenschachtel nach ihm warf.

„Da passt ihr ja hervorragend zusammen“, stellte Andrew lapidar fest.

Mary stimmte Andrew zu. Die beiden waren seit Beginn des Sommers ein Paar und Mary teilte seine Auffassung im Grunde immer, wenn es um andere ging. Solange er ihrer Meinung war, wenn es um sie ging.

Ich sagte nichts, wollte nicht abergläubisch erscheinen, wusste aber, dass Tom schon einige Male recht behalten hatte, was seine Voraussagen betraf. Ich sah zu David hinüber. Er schlug die Augen auf, lächelte mir kurz zu, dann lehnte er sich wieder entspannt zurück. Solange David ruhig blieb, gab es keinen Grund besorgt zu sein. Er war der Älteste unserer Gruppe und jeder akzeptierte seine Ansichten als maßgebend.

Ich verliebte mich auf Anhieb in David. Natürlich. David war groß, sportlich, hatte dunkle Haare und die verführerischten Katzenaugen, die sich ein Mädchen vorstellen kann. Leider war ich nicht die Einzige, die seinem Charme verfiel. Jedes Mädchen im Umkreis von zwei Meilen schwärmte von ihm. Ich war sehr schüchtern und rechnete mir keine großen Chancen bei ihm aus, umso mehr erstaunte es mich, als er sich auf dem Heimweg vom Strand zu mir gesellte und nach meiner Hand griff. Ich war selig und völlig abgelenkt von dem Geschehen vor uns. Als die Gruppe den Leuchtturm passierte, blieb David stehen.

„Komm“, sagte er, „ich will mit dir allein sein.“

Mein Herz raste und ich brachte kein Wort heraus. Ich nickte nur und folgte ihm. David zog mich zum Eingang des Leuchtturms. Er drückte die Türklinke herunter und schob die schwere Eisentür auf. Wir drängten uns durch den schmalen Spalt in das finstere Innere des Turms. David legte die Arme um meine Taille und ich schlang meine Arme unbeholfen um seinen Hals. Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme, als er sagte:

„Das hast du noch nicht oft getan?“

„Nein“, flüsterte ich und verwünschte meine schwachen Nerven. David denkt bestimmt, ich bin ein „Fräulein-Rühr-mich-nicht-an“, ging es mir durch den Kopf.

„Macht nichts. Ich weiß genug für uns beide.“

Das glaubte ich ihm aufs Wort, schluckte die Bemerkung aber hinunter. Ich wünschte mir, dass David mich wollte und mir beibrachte, wovon ich bis jetzt mehr oder weniger nur gelesen hatte. Ich streckte mich ihm entgegen, als er sich zu mir herunterbeugte und mich aufreizend und fordernd küsste.

„Hat dich schon einmal ein Junge geküsst?“, fragte er.

„Ein Junge schon, aber kein Mann, wie du“, antwortete ich atemlos.

„Das Gefühl habe ich auch“, stellte er triumphierend fest.

David presste mich mit seinem muskulösen Körper gegen die Wand. Die Kälte der Mauer an meinem Rücken und seine offenkundige Erektion an meinem Bauch verursachten mir eine Gänsehaut.

„Dann sollten wir es gleich noch mal versuchen“, flüsterte er an meinem Ohr.

Sein warmer Atem löste einen neuen Schauer in mir aus und ich schmiegte mich willig an ihn. Gerade als Davids Mund sich wieder meinen Lippen näherte, hämmerte jemand gegen die metallene Tür des Leuchtturms.

„David! Bist du da drin! David!“

Es war Tom. Er schrie verzweifelt immer wieder Davids Namen. David ließ mich los und versuchte die Tür aufzureißen. Sie bewegte sich keinen Zentimeter.

„Das ist nicht möglich“, keuchte David, „sie muss aufgehen.“

Sie öffnete sich nicht, so sehr er sich mühte. Draußen schrie Tom wie von Sinnen. Drinnen kämpfte David mit der Tür. Er schrie und schlug mit den Fäusten gegen das unnachgiebige Metall. Seine Knöchel bluteten, hinterließen eine dunkelrote Spur auf dem Türblatt. Ich stand nur da, wusste nicht, wie ich hätte helfen können. Der Schrecken lähmte mich.

Jäh verstummte Tom. David hielt inne. Wir lauschten. Die schlagartige Stille war unerträglich. Ein leises Geräusch ließ uns zusammenzucken. Der Riegel des Schlosses löste sich. Die Tür sprang auf. Ich griff nach Davids Hand. Sein warmer fester Händedruck gab mir etwas Sicherheit.
Vorsichtig traten wir ins Freie und fanden uns in einem Albtraum gefangen. Unsere Freunde waren tot. Ihre Körper zerrissen und verstümmel, als wären sie von einem Rudel wilder Tiere attackiert worden. Übelkeit stieg mir in die Kehle. Ich drehte mich weg. Mein Inneres kehrte sich nach außen.

***

Dieser Sommer liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Niemand fand heraus, wer unsere Freunde tötete und warum wir überlebten. David reiste noch vor der Beerdigung ab. Vermutlich fühlte er sich schuldig, weil es ihm nicht möglich gewesen war, Tom zu helfen. Aber wie hätten wir das tun können? Die Tür war fest verschlossen.

Seitdem gingen David und ich getrennte Wege. Doch dieses Ereignis hat uns nicht losgelassen. Jeder versuchte auf seine Weise damit fertig zu werden. Ich habe Davids berufliche Laufbahn verfolgt. Er ist ein ausgezeichneter Forensiker geworden und klärt außergewöhnliche Verbrechen auf. Während ich meinen Master in Geschichte und Mythologie gemacht habe. Ich bin die beste meines Fachgebietes.

Das muss ich sein, denn anders als David, glaube ich nicht, dass ein menschlicher Serienkiller unsere Freunde auf dem Gewissen hat und endlich habe ich einen Anhaltspunkt gefunden, der mich der Lösung des Rätsels näher bringen könnte.

Ich bin gespannt, was David dazu sagt. Heute treffe ich ihn das erste Mal, nach diesem schicksalsträchtigen Tag, wieder. Ich rief ihn an und erzählte ihm, dass ich neue Erkenntnisse habe. David lachte mich aus und wollte nicht kommen, als ich ihn bat mir eine Chance zu geben. Zwei Tage später hatte er sich anders überlegt.

In zwei Minuten kommt David mit dem Zug um 12:34 Uhr an. Zig Fragen donnern durch meinen Kopf. Wie sieht er wohl aus? Hat er sich verändert? Was erwartet er von mir? Soll ich ihn umarmen? Oder lieber nicht? Wird er mir helfen oder reist er mit dem nächsten Zug wieder ab?

„Vorsicht an der Bahnsteigkante“, schnarrt die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher, „der Zug aus London läuft ein.“

 

Der Anfangssatz und die Worte, die ich mir im Generator erspielt habe, sind:

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit…

Königin, Leuchtturm, Erfolg, Leistung, necken, gebogen, Zug, umleiten, schmal, Beerdigung, akzeptieren

Leider konnte ich noch nicht alle Wort in diesen Teil des Textes einbauen. Aber da die Aufgabe „zwischen 6 Zeilen und zwei Seiten“ lautet, habe ich nach vier Seiten ein vorläufiges Ende gesetzt. Aber es interessiert mich schon sehr, was für einen Anhaltspunkt sie gefunden hat …. 😉

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So! Hier der zweite Teil meines kleinen Schreibmarathons. Viel Spaß beim Lesen 🙂 . Die nächsten 13 Sätze für die Nachtbereitschaft warten schon. Werden morgen auf den Schreiberlebentipps gepostet unter dem Titel: 13 Sätze – 13 Geschichten

6.Heute bei der Arbeit…

Heute bei der Arbeit, ich saß im Pyjama auf dem Bett, das Laptop auf den Knien, im Fernsehen lief „Crossing Lines“, hörte ich vor meiner Zimmertür ein merkwürdiges Geräusch. Zugegeben, ich höre öfter Geräusche vor meiner Zimmertür oder über meinem Zimmer. Kein Wunder! Bei 20 Schlaf-Gästen und einem Haus, das mindestens zwei Jahrhundertwenden überdauerte, kann es die verschiedensten Geräusche geben. Türen quietschen oder krachen, Treppen knarren, Holzdielen knarzen und wer weiß, ob nicht die ein oder andere Maus im Spiel ist.

Die Töne heute waren mir jedenfalls nicht vertraut. Ich speicherte meine Datei, stellte das Netbook aufs Bett und stand auf. Das Geräusch nahm an Lautstärke zu. Ich hatte sie schon öfter gehört, nur eben nicht in diesem Haus. Ich zog meine Turnschuhe und meinen Pulli an, griff nach dem Zimmerschlüssel und drückte die Klinke herunter. Sacht zog ich die Tür auf. Ein kalter Luftzug drückte durch den Spalt zu mir herein und verursachte mir eine Gänsehaut. Völlig fassungslos starrte ich auf das Szenario vor mir.

Als Schriftstellerin kann ich mir alle möglichen wilden und abstrusen Situationen vorstellen, das ist mein Job – aber das?! Es war wie eine Szene aus einem Traum! Völlig surreal und mit nichts zu erklären. Denn trotz meiner ausufernden Fantasie bin ich mir der Naturgesetze wohl bewusste, auch wenn ich sie in meinen Geschichten gelegentlich außer Kraft setze.

Vor meiner Tür ankerte ein Schiff. Und nicht irgendein Schiff. Es war ein fünf-Mast-Segelschiff. Am Bug hing eine riesige Meerjungfrau als Galionsfigur. Ihr hellblauer Fischschwanz wand sich über der Wasseroberfläche.
Ich kniff mich in den Arm. Verdammt, das tat weh. Ich drückte panisch die Zimmertür zu. Für einen Moment herrschte Stille.

Dann hörte ich erneut Geräusche. Was stimmte nicht mit mir? Erneut öffnete ich die Tür. Dieses Mal lag vor meinen Füßen ein Bahnsteig. Mir gegenüber stand ein altmodischer Zug. Menschen gingen auf und ab. Sie trugen Kleider, wie aus den BBC Verfilmungen von Jane Austen. Niemand nahm Notiz von mir. Ich schien unsichtbar zu sein. Vielleicht können sie mich sehen, wenn ich auf den Bahnsteig trete, dachte ich und wagte einen Versuch.

7.Nach dem Ball …

Nach dem Ball ist vor dem Ball, denke ich, schleiche mich in die Garderobe und mache mich auf die Suche nach meinem Mantel. Ein langer roter Mantel aus Kaschmir. Passend zu meinen Schuhen. Es ist alles nur geliehen. Ich kann mir so teure Sache nicht leisten. Ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Na gut, etwas übertrieben. Aber für das teure Seidenkleid, das ich gerade trage, müsste ich mehr als drei Monate arbeiten. Ich fühle mich wie Cinderella. Der Fehler in meiner Geschichte ist, dass es für sie ein Happy End gab. Ich dagegen habe alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Ich habe ihn gesehen, aber er mich nicht. Morgen früh wird es so sein, als hätte es diesen Abend nicht gegeben. Ich bringe die Kleider zurück. Bis auf die Quittung wird nichts mehr daran erinnern, dass ich ein paar Stunden Prinzessin war.

Endlich habe ich meinen Mantel gefunden. Ich streiche gedankenverloren über den weichen Stoff. Er fühlt sich fantastisch an. Der Mantel trägt sich wie eine zweite Haut. Ich muss lächeln. Der Busfahrer wird sich wundern, wenn er sieht wie ich einsteige. Ich werde sagen: Guten Abend, leider habe ich meinen Kürbis verlegt. Ich hoffe, er hat Humor. Ich knöpfe den Mantel zu, schließe den Gürtel. Noch einmal sehe ich zum Ballsaal hinüber. Musik dringt heraus. Ich drehe mich um und gehe auf die breite Marmortreppe zu.

„Sie wollen schon gehen?“

Ich halte inne, sehe über die Schulter. Da steht ein großer blonder Mann in einem tadellos sitzenden Anzug, klassisch schwarz. Gutaussehend, sympathisch.

„Ja, leider. Es ist nach Mitternacht und mein Kürbis ist schon weg.“

Er lacht und kommt näher.

„Darf ich ihr Kutscher sein?“

Ich lächele.

„Ich bin mir nicht sicher. Meine Mutter hat mir immer eingebläut nicht mit fremden Männern mitzugehen. Nur weil sie einen Anzug tragen, heißt das nicht, dass sie vertrauenswürdig sind.“

In seinen blaugrauen Augen blitzt der Schalk auf.

„Dann darf ich mich vorstellen. Thomas Berger.“ Er verbeugt sich galant. „Zu ihren Diensten.“

„Lea Winter. Prinzessin für eine Nacht.“ Ich mache einen Knicks. „Schade, dass sie mich nicht in meinem Kleid sehen konnten.“

„Woher wollen sie das wissen?“, er schmunzelt, „ich habe den ganzen Abend nichts anderes gesehen.“

„Dann muss ich sie tadeln, Herr Berger.“

„Tom, bitte, sagen sie Tom“, unterbricht er mich.

„Gut. Also Tom, wenn das wahr ist, dann frage ich mich, warum sie mich nicht zu einem Tanz aufgefordert haben?“

Er wird ernst.

„Sie hatten ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Herrn gerichtet. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir einen Korb geben.“

Ich senke beschämt den Blick und erröte. Hat er recht? Bin ich so durchschaubar.

„Wollen wir das jetzt nachholen?“

Seine Stimme ist sanft. Ich sehe auf. Tom streckt mir die Hand entgegen. Ich lege meine hinein. Er zieht mich zu sich heran, legt die andere Hand in meine Taille. Wir machen die ersten Schritte. Tom ist ein guter Tänzer. Er schafft es problemlos meine Fehltritte auszugleichen. Die Prinzessin hat ihren Tanz zu guter Letzt doch noch bekommen.

„Vielen Dank für diesen Tanz“, sagt Tom, neigt leicht den Kopf und bietet mir seinen Arm, „darf ich sie nach Hause chauffieren?“

„Gerne.“

Ich genieße die Fahrt durch die nächtliche Stadt. Wir reden über Gott und die Welt. Lachen mit einander. Ich fühle mich wohl mit ihm. Tom ist ein guter Autofahrer. Entspannt und sicher. Er findet meine Straße ohne Navi, kennt sich gut aus. Vor meinem Haus steigt er aus, hält mir die Autotür auf und begleitet mich zur Haustür. Er nimmt meine Hand. Warme Finger umfassen meine.

„Darf ich sie wiedersehen?“, fragt Tom.

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

„Warum nicht?“

„Wie ich schon sagte, ich bin Prinzessin für einen Abend gewesen. Morgen bin ich wieder das Mädchen in der Asche. Ich passe nicht in ihre Welt.“ Ich deute an der Hausfassade hinauf. „Ich bin das Mädchen aus dem Dachgeschoss.“

„Was würde der Prinz jetzt tun?“, ignoriert er meinen Einwand und lächelt.

Ich zögere, sehe in seine strahlenden Augen. Der Mann ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

„Die Prinzessin küssen.“

Tom zieht mich in seiner Arme und küsst mich. Ich schließe die Augen, gebe mich dem Augenblick hin.

„Keine Angst Prinzessin“, sagt er, nachdem er mir das Versprechen abgenommen hat, ihn wiederzusehen, „alles ist möglich.“

8.Später beim Picknick…

„Später, nach dem Picknick!“

„Später, später … das sagst du immer!“, mault das Mädchen.

„Nein. Sag ich nicht.“

Sie stapft mit dem Fuß auf. Der Kellner serviert meinen Kaffee.

„Doch! Du hörst dir ja nicht mal selber zu. Du hilfst mir später bei den Hausaufgaben, du gehst später mit mir zum Gartenfest, später redest du mit meinem Lehrer, später, später, später!“

Der Mann sieht erschöpft aus. Er hat etwa mein Alter. Das Mädchen, wohl seine Tochter, zirka 13.

„Bitte, Natalie, beruhige dich. Du weißt, dass ich einen streßigen Job habe.“

„Bei Mama ist es viel besser. Ich will das Mama wiederkommt.“

„Deine Mutter ist aber noch zwei Monate im Ausland. Du wirst es wohl oder übel mit mir aushalten müssen.“

Aha, daher weht der Wind. Scheidungskind, nervt Vater und macht ihm ein schlechtes Gewissen. Natalie scheint zu spüren, dass ihr Vater die Grenze seines guten Willens erreicht. Ich trinke den letzten Schluck Kaffee.

„Bitte, Tom, bitte. Ich habe so einen Hunger“, sie hakt sich bei ihrem Vater ein.

„Na gut, dann mach die Tüte auf! Und nenn mich nicht Tom.“

Natalie zerrt eine Tüte mit Schokoriegelchen aus der Einkaufstasche und reißt sie auf. Ziel erreicht. Sie lächelt triumphierend.

Ich lege das Geld für den Kaffee neben meine Tasse. Tom bemerkt, dass ich die Szene interessiert beobachte. Ich lächele ihm zu und nickte. Er erwidert es verlegen.

„Du Papa“, Natalie zieht die Worte schmeichelnd in die Länge.

Der nächste Angriff kündigt sich an. Ich stehe auf, mache ein überraschtes Gesicht und sage:

„Mensch Tom! Jetzt erkenn ich dich! Ich bin`s die Sandra aus der Schule. Schön dich wieder zu sehen.“
Vater und Tochter sehen mich überrascht an. Ich mache noch einen Schritt nach vorn und umarme Tom stürmisch, Küsschen rechts, Küsschen links, und flüstere ihm ins Ohr:

„Einfach mitspielen, alles wird gut.“

Zu Natalie sage ich:

„Hallo und du bist Toms Tochter?“

„Ja!“, erwidert sie reserviert.

„Freut mich dich kennen zu lernen“, ich sehe zu Tom, „wirklich gut hingekriegt, mein Lieber!“

„Stimmt“, er nickt leicht irritiert.

„Darf ich euch einen Vorschlag machen?“, ich sehe die beiden an und rede einfach weiter, „magst du Pferde, Natalie?“

Bitte sag ja, denke ich, alle Mädchen mögen Pferde.

„Ja, wieso?“

„Mein Bruder hat ein Gestüt. Wenn dein Vater nichts dagegen hat, könnt ihr euer Picknick dort machen und du könntest eine Reitstunde nehmen.“

Mein Vorschlag hat die gewünschte Wirkung.

„Papa, bitte, darf. Bitte, bitte, Papaaaa.“

„Wenn Sandra uns einlädt können wir so ein tolles Angebot nicht ablehnen“, sagt er verhalten.

Ich zwinkere ihm zu.

„Ich geh schon mal zum Auto!“, ruft Natalie und rennt los.

„Ich hoffe mein Überfall hat sie nicht völlig aus dem Konzept gebracht“, grinse ich Tom an, „ich bin auch alleinerziehend und meine Tochter ist im selben Alter. Ich kenne solche Situationen zu gut. Vielleicht verschafft ihnen meine Intervention einen entspannten Nachmittag.“

Tom zieht die Augenbraue hoch und schmunzelt.

„Aha, Leidensgenossin also.“

Ich nicke.

„Sie haben was gut bei mir“, sagt er und sein Blick verursacht einen Herzhopser bei mir. „Ich hoffe, dass war nicht der letzte Überfall.“

9.Wir gingen am Strand entlang…

Wir gehen am Strand entlang. Die Jungs mit großen Schritten vor weg. Ich in sicherem Abstand hinter her. Das Wetter hat sich etwas beruhigt. Der Dauerregen der letzten zwei Tage hält seit ein paar Stunden den Atem an und gönnt uns eine Verschnaufpause. Vermutlich drehe ich sonst durch.

In der kleinen Ferienhütte herrscht ein Testosteronpegel, der ausreichen würde eine ganze Klosterschule flach zu legen. Bei dem Gedanken setzt bei mir ein Kopfkino ganz besonderer Art ein. Nur gut, dass von den Fünf keiner Gedanken lesen kann.

Dass das keiner falsch versteht! Ich liebe Männer. Männer sind toll. Ich komme gut mit Männern klar. Wirklich wahr. Aber fünf Männer auf engstem Raum – alle gut befreundet und ich?!

Der ganze Ausflug fing ganz harmlos an. Wie das bei solchen Sachen meistens der Fall ist. Arbeitsurlaub nannte es unser Boss.

„Alles easy“, höre ich Adam noch sagen und dachte, na wenn er meint.

Wir arbeiten zusammen. Die Fünf und ich. In einer Drehbuchschmiede für eine SiFi-Serie. Vielleicht erklärt das den Frauenmangel im Team. Gestört hat das bis dahin nicht. Klar wird anders geredet, wenn keine Frau dabei ist und tatsächlich habe ich immer das Gefühl gehabt, in der Masse unterzugehen. Ja, hahaha, schon klar. Aber ich bin halt kein Püppchen, sondern Frau. Make up ist nicht meins. Klamotten mag ich gerne bequem, was nicht heißen soll, dass ich in Sacktuch und Asche herumlaufe. Ich bin nicht auf den Mund gefallen und eine klare Sprache macht mir nichts aus. Im Gegenteil. Mein Vater war Vorarbeiter auf dem Bau. Ich kenne den Sprachduktus unter Männern. Eigentlich finde ich es sogar witzig. Wenn es nicht total unterste Schublade ist.

Jedenfalls hatte ich in dem Jahr unserer Zusammenarbeit nicht den Eindruck der Gegenstand von Anmache zu sein, sondern eine Kollegin unter Kollegen. Voll integriert. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich daran etwas ändert, wenn wir in Klausur gehen. Wir waren heilfroh der tristen Büroatmosphäre eine Weile zu entkommen. Das Ganze sollte der Teambildung und der Ideenfindung dienen. Die Serie ist so beliebt, dass man einen Kinofilm drehen will und wir sollen das Drehbuch schreiben. Immerhin ist das unser Baby.

Die ersten zwei Tage ging alles gut. „Alles easy.“ Das Gerangel fing an, als ich am dritten Tag morgens aus dem Bad kam. Ich vergaß meine Klamotten in meinem Zimmer und trug auf dem Rückweg nur ein knappes Handtuch. Das Bad liegt im Erdgeschoss, mein Zimmer in der ersten Etage. Der Weg dorthin führt durch die Küche. Womit ich nicht rechnete war, dass meine lieben Kollegen so früh auf waren, nachdem ich sie die vorangehenden Tage wecken musste. Nein, alle fünf standen, saßen dort und tranken ihren ersten Kaffee. Muss ich noch etwas sagen?

Nur so viel. Jerry, der Spaßvogel, grinste und sagte: „Wow Kat, zeig uns mehr,“ und griff nach dem Zipfel meines Handtuchs. Es passierte, was passieren musste. Und auch wenn Jerry sich später bei mir entschuldigte, nachdem ich im Evakostüm posiert hatte, schienen „meine“ Jungs in Erwägung zu ziehen, dass ich mehr sein könnte, als ihre Kollegin und taten alles, um es mich wissen zu lassen.

10.Ich beobachtete den Regenbogen…

Ich beobachte den Regenbogen, der sich in leuchtenden Farben über die Straße spannt. Leider kann ich dabei die Verkehrslage nicht so gut überblicken und werde mit einem heftigen Ruck und Krachen in die Wirklichkeit zurückgeholt. Meine Tasche fliegt durch den Innenraum. Mein Apfel auch. Mist! Und vor mir ein großer BMW. Ziemlich neues Model. Glänzend poliert und chromverziert. Seufzend steige ich aus. Der Halter des BMW steht schon am Heck und beugt sich über die Stoßstange. Anzugträger, teurer Stoff, tadelloser Sitz. Durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. Der mag bestimmt keine Kratzer. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich mache mich auf einen rauen Anpfiff gefasst.

„Hm, nichts zu sehen“, sagt er und sieht mich mit einem freundlichen Lächeln an.

Ich atme auf. Keine verbale Attacke. Leider hat mein fahrbarer Untersatz mehr einstecken müssen. David gegen Goliath. Der linke Kotflügel ist verzogen und die Motorhaube hat sich nach oben gedrückt.

„Zum Glück“, sage ich und denke an meinen Versicherungsbeitrag.

„Leider muss ich ihn in die Werkstatt bringen. Ist ein Firmenwagen“, stellt er beinah bedauernd fest.

„Ok“, ich zucke mit den Schultern.

Die Prozedere kenne ich. Wenn die Schrauber das Auto erst mal in der Mache haben, wird’s teuer. Schließlich bezahlt die Versicherung – denen ist egal ob da nichts zu sehen ist. Hauptsache die Kohle stimmt. Ich krame meine Visitenkarte aus der Geldbörse und drücke sie dem BMW-Mann in die Hand. Er gibt mir seine. Creative Direktor steht drauf. Na sowas aber auch.

Wir steigen wieder in unsere Autos. Hinter uns hat sich eine morgendliche Rush-Hour-Schlange gebildet. Wir fahren weiter.

Der BMW-Mann sah gut aus und nett war er, wieder erwarten. Ich bin froh, dass ich mich in dieser Hinsicht getäuscht habe. Der Crash reicht mir, da brauche ich nicht noch einen wutschnaubenden Fahrer, der mich auf offener Straße zur Schnecke macht.

Ich lächele zufrieden. Immerhin steht auf meiner Visitenkarte Autorin. Das macht ein bisschen was her, Herr Creative Direktor, oder? Auch wenn mein kleiner Reisfresser eher nach Chaos als nach Kaviar aussieht. Aber der erste Eindruck muss ja nicht unbedingt, der richtige sein.

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Der Weg nach Hause war lang. Der Bummelzug hielt mit quietschenden Rädern an dem kleinen Bahnhof. Ein einziger Bahnsteig im Nirgendwo und das Bahnhofsgebäude nicht mehr als ein baufälliges Häuschen. Ich stieg aus. Niemand erwartete mich. Selbst wenn jemand gewusst hätte, dass ich zurück wäre, würde keiner kommen, um mich abzuholen. Dazu war zu viel Zeit vergangen.

Ich klopfte an die Tür des Bahnhofshäuschens. Ein alter Herr in einer antiquierten Uniform öffnete atemlos. Er sah mich verwirrt an. Entweder, weil er mich wiedererkannte, ich wusste genau, wer er war, oder weil ich ihn bei seinem Mittagsschlaf störte. Ich bat Mister Johnson, meinen Koffer bei ihm unterstellen zu dürfen. Nachdem ich ihm eine fünf Pfund Note in die Hand gedrückt hatte, stimmte er zu.

„Aber wieder abholen“, nörgelte er mit seiner kratzigen Stimme, „wenn das jeder machen würde. Hier ist doch keine Gepäckaufbewahrung.“

Ich versprach es. Dann verließ ich den Bahnhof. Es gibt Orte auf dieser Welt, die sich nicht verändern. Solange du dort lebst, bemerkst du es nicht. Wenn du fortgehst, erstarren sie. Als ob sie in einer zähen Schicht aus Bernstein eingegossen würden. Umgeben vom nostalgischen Glanz der Vergangenheit, der nur die guten Erinnerungen durchscheinen lässt und die schlechten mit einer Schicht aus Patina bedeckt. Konserviert und bewegungslos bis ans Ende aller Tage.

Die Musikinspiration ist von Birdy „Wings“. Ein wunderschöner, etwas wehmütiger, Song.

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Eisiger Wind fegte über den menschenleeren Bahnsteig. Lea suchte hinter einer Anschlagtafel Schutz, aber es gab kein Entkommen. Ihr Mantel war viel zu dünn und die leichten Schuhe isolierten nicht gegen die Kälte, die unerbittlich ihre Beine hinauf kroch.

Er würde kommen. Sie gingen fort, dorthin wo sie niemand suchte. Ein unkontrolliertes Zittern erfasste Lea. Sie schlug den Mantelkragen höher und trat auf der Stelle hin und her. Es nützte nichts. Immer tiefer drang die Kälte in ihren schlanken Körper vor. Schüttelte sie, sog ihr die Energie aus den Adern. Ergriff Besitz von ihr.

Lea warf einen Blick auf die Bahnhofsuhr. So erbarmungslos die Kälte war, so lief die Zeit dahin. Nur noch fünf Minuten. Der Zeiger hopste von einem Minutenstrich zum Nächsten, während der Sekundenzeiger im Laufschritt die Runde drehte. Lea hörte das Rattern des Zuges. Sah die flackernden Lichter in der Dunkelheit.

Er würde nicht kommen. Lea war allein. Ihr Herz erstarrt in den letzten endlosen Minuten der frostklirrenden Nacht. Gedanken rasten dahin. Allein, allein, allein. Der Rhythmus des Zuges auf den vibrierenden Schienen. Es war leicht. Allein, allein. Nur wenige Schritte, ein Schlag, übertönt vom Kreischen tonnenschweren Stahls.

Er las es am nächsten Tag in der Zeitung. Sein eiskaltes Herz zerbrach allein.

Der Name der Gruppe ist Hurts und der Song heißt „Miracle“.

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Ich schrecke auf. Niemand ist in meinem Abteil. Ich bin allein. Aufmerksam schaue ich mich um. Ein Notizbuch liegt auf dem Boden. Ich hebe auf. Es muss heruntergefallen sein, als ich einschlief. Ich zupfe an meinem Kleid. Alles ist etwas verrutscht.

Aus meinem Kosmetikbeutelchen hole ich meinen kleinen Taschenspiegel. Ich sehe furchtbar aus. Meine Augen sind von meinen Tränen verquollen, meine Wangen gerötet. Leider habe ich kein Beutelchen Eis, das ich mir auf die Augen legen könnte. Ich streiche mir eine Haarlocke aus dem Gesicht, als mir etwas in den Schoß fällt.

Ich lasse den Spiegel sinken und sehe ein kleine rote Blüte in meinem Schoß liegen. Ich nehme sie auf und rieche daran. Ein Duft so süß wie Honig, so frisch wie eine Sommerbrise. Ich sehe das Gestade des Meeres an dem Titania und ihre Elfen die Nächte verbrachten, sehe die Wälder, Wiesen, die Quellen und Flüsse an denen sich die Feen vergnügten.

„Puck!“, flüstere ich ehrfurchtsvoll.

Es war doch kein Traum. Er ist hier gewesen. Alles war wirklich gewesen. Ich habe nicht geträumt. Der Duft der Blume betört mein Herz und meine Sinne. Die Sehnsucht nach Raoul wird plötzlich wieder so groß, dass ich einen scharfen Stich spüre. Schnell schlage ich das Notizbuch auf, lege die Blüte zwischen zwei leere Seiten und schlage es wieder zu. Wenn ich mein Herz nicht dauernd in Aufruhr bringen will, sollte ich jedenfalls nicht zu oft daran riechen. Immerhin hatte Amor selbst den Pfeil verschossen und die Blume mit der Liebe infiziert. An sich ein ganz hübscher Umstand, wenn es Shakespeare geholfen hat seine Stücke zu schreiben. Aber ich frage mich, wie lange wohl so eine Verzauberung anhalten mag. Was passiert, wenn der Rausch aus Amors Geschützen dem Alltag weicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese ekstatischen Zustände auf Dauer angelegt sind. Ich für mich denke, dass außer dem Rausch und der Ekstase noch etwas da sein muss, das stärker ist. Liebe und Verständnis halten bestimmt länger. Stop! Ich will jetzt nicht mehr daran denken. Und wenn ich ehrlich sein müsste, dann müsste ich meinen eigenen Rausch bekennen, der mich erfasst hat. Könnte es möglich sein, dass Amor auf mich geschossen, getroffen und Raoul verfehlt hat? Da hätte Amor aber keinen guten Abschuss gehabt. Denkbar wäre es, denn immerhin hatte er sich ja damals schon verschossen. Aber in Zeiten großer Brillenläden sollte das ja eigentlich kein Problem sein. Was auch immer es ist, ich hatte eine Begegnung der besonderen Art und wünsche mir ich könnte Raoul davon erzählen.

Was soll man tun, wenn man sich nach einem Menschen so sehr sehnt, dass alles wehtut. Das Herz, der Körper, der Kopf. Wenn die Seele nur noch Trauer trägt und man weiß, dass der andere so fern ist, dass nichts die Kluft überbrücken kann. Ich sehe mir zu, wie ich da sitze das Notizbuch an mich gepresst, zwischen dessen Seiten die rote Blume steckt und mein Herz nur einen Gedanken hat: Raoul. Ich schließe die Augen, sehe ihn vor mir. Kein anderer Gedanke hat Platz, nichts dass ihn aus meinem Kopf und meinem Körper heraus bringen kann. Es gibt noch nicht einmal Worte, mit denen ich diesen Zustand beschreiben kann. Wahnsinn würde es vielleicht treffen, aber das wäre doch zu profan. Auch wenn das Verlieben von Hormonen, Endorphinen und Adrenalin abhängen mag. Ich wehre mich aber dagegen, die Liebe als einen Cocktail zu betrachten, den meine Gene gemixt und in mir verschüttet haben, um meinen Verstand auszuschalten und den Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Nichts ist so zufällig, wie die Liebe. Nichts ist so irre und gleichzeitig so stark, egal ob in negativer oder positiver Hinsicht. Ich erinnere mich an einen Mann, dem ich auf meiner Reise begegnete. Seinen Namen möchte ich vergessen, und auch die Umstände, unter denen ich ihn traf, aber diese Begebenheit ist ein interessantes Beispiel für die negative Seite.

Ich war lange allein gereist, fühlte mich einsam und dachte, es wäre an der Zeit am nächstbesten Bahnhof auszusteigen und zu bleiben. Im Zug traf ich einen Mann, der mir sympathisch war, und der mich bat, mit ihm zu gehen. In meiner Einsamkeit betrachtete ich ihn nicht mit dem Herzen und dem Verstand, sondern gab meiner Angst nach, die mir suggerierte, ich würde niemals den richtigen Menschen finden. Ich versuchte seine positiven Eigenschaften durch eine Lupe zu sehen und seine Schlechten versuchte ich unter den Teppich zukehren. Ich stieg mit ihm an seinem Zielbahnhof aus und blieb. Aber es dauerte nicht lange. Eigentlich wusste ich schon, als ich meine Sachen bei ihm in die Diele stellte, dass ich wieder fortgehen würde. Nur hatte ich nicht den Mut die Konsequenzen sofort zu ziehen. So blieb ich und begann zu schrumpfen. Meine Seele schrumpfte zu einem unansehnlichen Etwas und ich erkannte mich kaum wieder. Sein Stumpfsinn, seine Arroganz und seine Dummheit, machten mich sprachlos und begannen meinen Geist zu verwirren. Wenn ich in den Spiegel sah, fragte ich mich immer, was für ein merkwürdiges Geschöpf da vor mir stand. Alles an mir wurde glanzlos, fantasielos und nichts ergab mehr einen Sinn. Eines Morgen, er war gerade zu seiner stupiden Arbeit gegangen, als ich im Spiegel meine Augen sah. Leer und ohne Hoffung starrten sie mich an. Da schrak ich aus meinem schrecklichen Traum auf. Ich packte sofort meine Sachen, rannte zum Bahnhof und stieg in einen Zug, der mich soweit wie möglich fortbrachte. Aber ich rechnete nicht mit seiner Bosheit, die seine Dummheit, gepaart mit seiner Überheblichkeit hervor brachte. Er beschuldigte mich, ihm etwas gestohlen zu haben und da er wusste, dass ich eine Verlorene war, leider hatte ich es ihm verraten, begann er nach mir zu suchen. Auf jedem Bahnhof hingen Bilder von mir. Wie eine Verbrecherin wurde ich gejagt, obwohl ich nichts getan hatte, dass man mir zur Last legen konnte. Aber wer glaubt schon einem verlorenen Kind?

Eines Tages begegnete ich einer weisen Frau. Ich war so verzweifelt, dass ich ihr mein Herz ausschüttete. Sie hatte von dem Vorfall gehört. Wer nicht? Bei dem Aufgebot an Mitteln! Sie tröstete mich und sagte, ich solle mir keine Sorgen machen. Er würde mich eines Tages wahrscheinlich in Ruhe lassen, aber bis dahin, riet sie mir, sollte ich in ein anderes Land gehen und dort weiter suchen.

Das tat ich. Ich bereiste viele Länder Europas. Sah das Meer, die Berge, dunkle Wälder, Schnee und Eis, die Sonne des Südens. Ich hörte fremde Sprachen und lernte neue Menschen kennen, die mir viele interessante Dinge erzählten und mir von ihren Kulturen und Gebräuchen erzählten. Sie machten mich mit Mythen und Märchen ihrer Völker bekannt und ich dachte lange schon nicht mehr an meinen Verfolger, bis er mich eines Tages doch wieder fand. Ich saß mit einem netten jungen Mann im Abteil. Er hieß Lance und erzählte mir von seiner Familie. Er hatte einen Zwillingsbruder, der in einem fernen Land weilte, während er in der Nähe seiner Familie geblieben war. Lance hatte das Herz eines Löwen. Seine schönen braunen Augen und sein strahlendes Lächeln erwärmten mein Herz, als plötzlich die Abteiltür aufschwang und mein Verfolger auf der Bildfläche erschien.

„Endlich habe ich dich gefunden“, donnerte er, „gib heraus, was du gestohlen hast!“

„Ich habe nichts gestohlen! Ich bin nur gegangen.“

Ich konnte kaum sprechen, so sehr schnürte mir die Angst die Kehle zu.

„Du hattest nicht das Recht! Ich habe dich in mein Haus aufgenommen und du gehörst mir!“, brüllte er.

Seine kalten Augen schossen Blitze hervor und mein Mut war so kleine geworden, dass es noch nicht einmal für eine Antwort reichte. Da trat Lance zwischen mich und ihn.

„Noelle gehört niemandem, nur sich selbst!“, sagte er ganz ruhig und mit ernstem Gesicht.

„Ich habe ihr zu essen gegeben, sie hat in meinem Bett geschlafen, mein Geld verbraucht. Sie gehört mir.“

Er versuchte Lance aus dem Weg zu schieben, aber der stand felsenfest und rührte sich keinen Zentimeter.

„Geh, oder du wirst es bereuen!“, warnte Lance ihn.

„Du Wicht, du bist doch nur eine Ameise und ich werde dich zerquetschen.“

Er trat nach vorne und wollte Lance einen heftigen Stoß geben, aber der sah dies voraus und sprang zur Seite. Er stolperte und Lance setze einen Schlag nach, der ihn zu Fall brachte. Ächzend versuchte er sich wieder aufzurappeln. Aber Lance zerrte ihn auf den Gang. Er versuchte Lance von den Füßen zu reißen, aber der junge Mann war kampferprobt und ließ sich seinen Vorteil nicht nehmen. Da fuhr der Zug in einen Tunnel ein. Mein Herz raste wie verrückt. Ich betete dafür, dass Lance nichts geschah. Als der Zug den Tunnel wieder verließ, war er weg. Lance stand schwer atmend auf dem Gang, eines der Fenster war geöffnet. Ich stürzte mich in seine Arme.

„Oh, Lance, ich dachte dir wäre etwas passiert! Ich bin so froh, dass du in Ordnung bist.“

Ich konnte vor Erleichterung meine Tränen nicht zurückhalten und benetzte sein Hemd. Lance drückte mich an sich und küsste mich auf die Stirn.

„Alles in Ordnung, nichts passiert. Der Finsterling muss schon früher aufstehen, um einen Lancelot zur Strecke zu bringen“, lachte er.

„Lance – Lancelot. Du bist Lancelot“, stammelte ich.

Lance nickte belustigt. Dabei erschienen zwei Grübchen auf seinem schönen ebenmäßigen Gesicht.

„Genau der.“

„Lancelot vom See“, mir blieb die Sprache weg.

„So schlimm ist das nicht“, er hob meinen Kopf etwas, damit er mir in die Augen schauen konnte, „ich bin froh, dass ich dich vor ihm gefunden habe“, stellte er ernst fest, „sonst hätte etwas Schlimmes passieren können.“

„Du wusstest, dass er kommen würde?“, fragte ich verwirrt.

„Ich weiß vieles. Aber ich darf dir nicht zuviel verraten. Merlin hat es verboten.“ Lance beugt sich etwas vor und flüstert mir ins Ohr, „Merlin hat mich geschickt. Dein Verfolger ist ein dunkles Monster, das die Liebe und Fantasien der Menschen frisst. Besonders die der Menschen, die eine ganze Welt dieser Fantasien und der Liebe in sich tragen. Und du gehörst zu ihnen. Ich musste dich beschützen, damit nichts von diesen kostbaren Gaben verloren geht.“

Hatte er Merlin gesagt? Ich sah Lancelot nur an. Ich hatte tausend Fragen und doch kam mir keine über die Lippen. Das war einfach unmöglich.

„Eins darf ich dir noch sagen“, dabei wurden seine strahlenden Augen plötzlich dunkel und traurig, „du wirst den einen Menschen finden, der dich glücklich macht.“

„Und warum bist du deswegen so niedergeschlagen?“, fragte ich leise.

„Weil ich nicht dieser Mann sein darf. Ich sehe dich schon so lange in meinen Träumen, um dich vor der Gefahr zu beschützen, aber ich muss wieder dorthin zurückkehren, woher ich gekommen bin.“

Ich sah in seine Augen und konnte dort all die Liebe und die Sehnsucht erkennen, die in ihm war. Ein heftiger Stich ging durch mein Herz. Lancelot kam meinetwegen. Auch wenn Merlin ihn zu mir sandte, ist er doch deswegen aus seiner Welt gekommen, weil er mich liebte.

„Lancelot“, flüsterte ich.

„Bitte sag nichts.“ Er legte sanft einen Finger auf meinen Mund. „Es ist mir nicht vergönnt um dich zu werben, aber du wirst immer in meinem Herzen und in meinen Träumen sein. Wenn du mich irgendwann brauchst, werde ich zu dir kommen. Ein Ritter ist treu bis in den Tod.“

Tränen lösten sich von meinen Wimpern und tropften auf meine Wangen. Zärtlich strich er sie fort. Seine Augen hielten meinen Blick gefangen. Er beugte sich vor. Seine warmen Lippen küssten mich mit einer Leidenschaft, die jeden dunklen Gedanken aus meiner Seele vertrieb, der mich in den unruhigen Zeiten davor beschäftigt hatte. Die Angst und die Dunkelheit wichen einem warmen Strahlen, dass er mir mit seinem Kuss zum Geschenk machte.

„Egal, was auch immer sein wird. Du bist nicht mehr verloren, denn ich habe dich gefunden und werde dich immer lieben.“

Der Zug fuhr wieder in einen Tunnel und als er das Tageslicht wieder erblickte, war ich allein. Lancelot war fort.

Genau wie bei Puck vorhin. Meine Begleiter haben alle ihre eigene Art sich in Luft aufzulösen. Aber so wie Puck mir die Blume zurückließ, so hatte auch Lancelot etwas zurückgelassen. Sein Kuss hatte ein Gefühl in meinem Herzen erweckt, das wie ein Sonnenstrahl in mir glühte und mir Zuversicht und Mut einflößte. Die letzten Tage hatte ich es kaum noch gespürt. Die Traurigkeit und die Verwirrung über Raouls Verschwinden senkten einen Nebel in mein Herz. Ich schlage das Notizbuch auf, dass ich fest an mich gepresst habe, als wäre es mein Rettungsanker. Langsam blättere ich die Seiten durch. Da sehe ich auf einer Seite ein paar schwache Linien, die immer stärker hervor treten. Es ist Lancelots schönes Gesicht, ein wehmütiges Lächeln schwebt auf seinem Antlitz. Unerwartet verändert sich das Bild. Ich sehe plötzlich Raouls Augen. Diese melancholischen Augen mit den sanft geschwungenen Brauen, die mich sofort ins Herz getroffen haben. Langsam verwandelt sich Lancelots Bild immer mehr ins Raouls Bild. Ich sehe seinen sinnlichen Mund, den ich so gerne küssen möchte, um zu wissen, wie es sich anfühlt. Dieses Lächeln, das mich schwach macht und die Grübchen auf seinen Wangen. Grübchen? Nein. Alles ist möglich aber das? Nein! Ich kann mich nicht von seinem Anblick lösen. Immer plastischer wird Raouls Bild. Vielleicht hatte Lancelot recht.

Bin ich nicht mehr verloren, weil ich gefunden wurde und es bloß nicht bemerkt hatte? Oder habe ich etwas gefunden, was ich nicht als einen Fund betrachtet habe? Ich bin so unendlich müde. In meinem Kopf dreht sich alles. Jeder Gedanke ist wie ein Gummiband. Wenn er gedacht ist und vorschellt, kommt er augenblicklich zurück und schwirrt in meinem Kopf herum, ohne ein Ziel zu finden. Ich packe die Notizbücher in meinen Rucksack, lehne mich in meinen Sitz und schließe die Augen.

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