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Posts Tagged ‘Zucker’

Im Labor

„Gut, dass du kommst“, Aaron hielt mir triumphierend ein kleines hellblaues Tütchen entgegen, „meine neuste Entdeckung.“

Er legte mir ein Papierstäbchen in die Hand, das aussah wie die kleinen Zuckertüten, die im Cafe immer neben dem Kaffee auf der Untertasse lagen. Ich drehte es hin und her, schüttelte es. Es raschelte.

„Und was soll das sein? Sag nicht Zuckertütchen. Die gibt es schon.“

Ich setzte mich auf den Drehstuhl vor Aarons Arbeitstisch. Fasziniert und mit besorgtem Interesse betrachtete ich seine Versuchsanordnungen. In den Destillierapparaten brodelte es und in Reagenzgläsern, Petrischalen und Glaskolben agierten merkwürdige Stoffe miteinander. Es wäre nicht das erste Mal, dass Aaron Substanzen miteinander mischte, die, nun sagen wir einmal, explosive Legierungen ergaben. In seinem Labor roch es immer merkwürdig. Diesmal lag ein Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln in der Luft.

Aaron sah mich mit strafendem Blick an und nahm mir das Tütchen aus der Hand, bevor ich es aufreißen konnte.

„Ich weiß, dass du mich für einen verrückten Wissenschaftler hältst, was ich vielleicht auch bin“, er hielt kurz inne. Ehe ich ihm meine Ansicht über ihn bestätigen konnte, fuhr er fort, „aber das es Zuckertütchen schon gibt, weiß ich selbst!“

Seine blauen Augen funkelten mich ärgerlich an und in meinem Bauch flog ein wilder Schwarm Schmetterlinge auf. Aaron würde nie merken, was ich für ihn empfand. Es schien außerhalb seines Horizonts zu liegen, dass ich in ihn verliebt sein könnte. Tatsächlich waren wir wie Tag und Nacht. Was unsere Zusammenarbeit schwierig, aber auch sehr erfolgreich machte.

„Also, was ist denn nun das Besondere?“

„Schneegestöber in Tüten.“

Aaron nahm eine kleine Kiste von seinem Schreibtisch und hielt sie mir vor die Nase.

„Ähm, wie bitte?“, ich musste mich verhört haben, „Schneegestöber in Tüten?“

Ich sah Aaron misstrauisch an und argwöhnte, er wollte mich auf den Arm nehmen.

„Nicht nur“, er grinste breit und hielt mir den Karton hin, in dem verschiedene bunte Papiertütchen lagen, „es gibt auch Nebel, Wind und Regen in verschiedener Stärke, Blitze, Donner, und eben Schneegestöber.“

„Das mag ja ein netter Party-Gag sein, aber wie soll uns das bei der Arbeit helfen.“

Wieder das ärgerliche Funkeln in seinem Blick und mein Herzschlag beschleunigte sich. Himmel, diese Augen!

„Party-Gag!“, er sah mich mit strafendem Blick an, „das lass nur meine Sorge sein! Du kennst mich inzwischen drei Jahre und vertraust mir immer noch nicht.“ Aaron stellte den Karton wieder zurück. „Apropos, bist du mit deiner Recherche weitergekommen?“

Er setzte sich hinter den Schreibtisch, lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte die Füße auf den Tisch. Das machte er selten. Aaron musste sehr zufrieden mit seiner neuen Entdeckung sein.

„Ja, bin ich. Der Gegenstand steht im Museum in Flensburg, in der stadtgeschichtlichen Ausstellung.“

Ich stand auf und ging zur Anrichte hinüber. Ich stellte eine Tasse unter den Kaffeeautomaten und wählte Milchkaffee.

„Bist du sicher?“, ein leiser Ton von Skepsis schwang in seiner Stimme mit.

Diesmal funkelte ich Aaron ärgerlich an. Hinter mir setzte sich die Kaffeemaschine in Gang und gab ein Zischen und Mahlen von sich.

„Wie sicher kann man sich sein? Reicht dir 99%?“

„99,999% wären mir lieber. Aber gut, wenn du meinst.“

Ich nahm die Kaffeetasse von der Maschine und setzte mich wieder. Durchatmen, nicht provozieren lassen, dachte ich.

„Eine Ferndiagnose zu stellen ist immer schwierig“, erwiderte ich so lässig, wie möglich, „deswegen fahre ich morgen früh nach Flensburg, um mich selbst von der Echtheit des Artefakts zu überzeugen“, und um Aaron zu ärgern fügte ich hinzu, „Oliver ist schon unterwegs und bereite alles vor.“

„Oliver?“, Aarons Gesichtsausdruck versteinerte sich, „du willst mit diesem Dilettanten zusammenarbeiten?“

„Von ihm stammt der Tipp. Ich finde, da hat er es verdient, dabei zu sein.“

Aaron stand auf, beugte sich über den Schreibtisch und sah mir tief in die Augen.

„Nur über meine kalte Leiche!“, sagte er und ich konnte die Wut in seiner Stimme hören, „das letzte Mal, als er dabei war, wärst du beinahe getötet worden. Das Risiko gehe ich nicht noch einmal ein! Ich begleite dich auf Schritt und Tritt.“

Ich öffnete den Mund, aber er hob den Finger.

„Keine Widerrede! Ich lasse dich keine Sekunde mit diesem Schwachkopf allein. Denk nicht mal daran!“

Ich schloss den Mund wieder. Tatsächlich wollte ich ihm nur sagen, dass ich mit seiner Begleitung sehr einverstanden war. Doch wenn er unbedingt an meinen Widerspruch glauben wollte, ich hinderte ihn nicht daran.

Oliver war noch neu in unserem Business und hatte wenig Erfahrung. Er war ein auffallend gutaussehender Mann und versuchte sich ausdauernd an mich heranzumachen, aber ganz wohl war mir in seiner Gegenwart, seit dem letzten gemeinsamen Auftrag, auch nicht mehr.

„Ich hole dich um acht Uhr ab.“

Ich musste lachen.

„Das tust du nicht! Ich fahre. Um acht Uhr vor deiner Haustür.“

„Du fährst wie ein Henker“, stellte Aaron fest und zog eine Braue hoch.

„Und du wie meine Großmutter!“, ich schüttelte den Kopf, „entweder auf meine Weise oder du musst mit dem Zug fahren.“

Aaron zögerte und für einen Moment dachte ich, er würde sich gegen die Autofahrt mit mir entscheiden, aber der Gedanke an Oliver und mich schien ihm wenig zu behagen.

„Gut, auf deinen Weise“, gab er nach, „ich muss noch einige Vorbereitungen treffen.“

Das war mein Zeichen.

„Dann lass ich dich mal machen“, ich grinste, „bis morgen.“

Beschwingt tänzelte ich aus Aarons Labor. Ich freute mich auf unseren Ausflug. Es war das erste Mal nach meinem Unfall.

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„Rosalie“, Anthonys Stimme reißt sie aus ihren Gedanken, „sie sind noch auf?“

Er nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben sie an den Herd. Rosalie lächelt. Er trägt dicke Wollsocken, hat aber noch Dinnerhose und Hemd an, nur ohne die enge Krawatte. Sein blondes Haar ist zerzauster als sonst.

„Ich konnte nicht schlafen. Mir geht so viel im Kopf herum. Möchten sie auch einen Tee?“

Sie steht auf, füllt das kochende Wasser aus dem Kessel in die Teekanne und holt eine zweite Tasse für Anthony aus dem Küchenschrank.

„Sehr gerne. Darf ich fragen, welche schweren Gedanken ihren Schlaf vertreiben?“

„Oh, diese Familie lässt mir einfach keine Ruhe“, seufzt Rosalie und fragt, „Zucker?“

Anthony nickt und lässt seinen Blick über Rosalies schlanke Figur gleiten, die von dem seidenen Morgenrock sanft umspielt wird. Ihr Haar fällt in weichen Wellen über den Rücken. Vor Anthonys geistigem Auge erscheint das Bild von Rosalie, nackt in seinem Bett, nur geschmückt mit ihrem langen wundervollen Haaren.

Rosalie gießt den Tee ein und reicht Anthony eine Tasse.

„Danke“, er lächelt sie an, „es ist selten, dass ich schlaflose Nächte nicht bedauere.“
Rosalie nippt an ihrem Tee.

„Anthony“, beginnt sie unsicher und sucht nach den richtigen Worten, während er seinen Stuhl näher rückt, „sie sind wirklich ein Lichtblick in dieser unterkühlten Gesellschaft“, sie wird von einem schrillen Aufschrei unterbrochen.

Poltern und Scheppern ist zu hören, dazwischen weitere Schreie. Eine unheimliche Stille tritt ein. Rosalie und Anthony blicken sich für eine Schrecksekunde an, dann springen sie auf und laufen in die große Halle hinaus. Am Fuß der Treppe liegt Lady Edna verdreht wie eine Gliederpuppe in einer Blutlache. Ihr Stock liegt einige Meter weit weg. Die beiden bleiben wie erstarrt vor ihr stehen. Rosalie blick auf. Am oberen Ende der Treppe steht Gil und blickt zu ihnen hinunter. Misses Morse, Mister Smith und die anderen Dienstboten erscheinen wie Geister aus den Schatten. Leise tuschelnd halten sie Abstand. Misses Morse schluchzt gedämpft in den weiten Ärmel ihres Morgenrocks. Rosalie fasst sich als erste.

„Wir müssen einen Arzt rufen. Und den Bestatter.“

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Ich las gerade Tolstois „Krieg und Frieden“, als ich meine Mutter rufen hörte:

„Wo hast du die Salz und Pfefferstreuer hingestellt?“

„Moment, ich komme.“

Ich stand auf und ging in die Küche.

„Hier sind sie“, sagte ich und nahm die Streuer von dem kleinen Brett über dem Herd.

Wir setzten uns und ich tat Milch und Zucker in meinen Kaffee.

„Hast du eigentlich schon das von den Millers gehört?“, fragte meine Mutter und biss in ihr Marmeladenbrötchen.

Ich nickte. Die Story raste wie ein Lauffeuer durch den Ort und war Stadtgespräch.

„Das war zu erwarten“, erwiderte ich, „sie liebten und sie schlugen sich. Irgendwann musste das nach hinten losgehen.“

Meine Mutter schwieg und kaute an ihrem Brötchen herum. Ich trank meinen Kaffee und köpfte mein Ei.

„Stimmt, so eine Hass-Liebe endet oft böse“, sagte meine Mutter leise.

Sie wusste wovon sie sprach.

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Kaputt

„Du hast es kaputtgemacht!“, brüllte Andreas.

Fassungslos starrte er auf sein Modellflugzeug.

Anja zuckte gleichgültig mit den Schultern.

„Scheiß Hobby, beschäftige dich lieber mit mir.“

Ihre Blicke begegneten sich.

„Mach das nicht noch mal!“

Anja drehte sich wortlos um, goss sich eine Tasse Kaffee ein.

„Und wenn doch?“, fragte sie aufreizend, „was willst du dann tun?“

„Dann wird es das letzte Mal sein“, sagte Andreas kalt und schlug zu. Anjas Genick zerbrach so leicht, wie die Flügel des Modellflugzeugs, als sie auf die Tischkante krachte.

 

Apfel 

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Sie betrachtete den Vater ihres Freundes interessiert. Sie sahen sich ähnlich, groß, blaue Augen, dunkles Haar. Allerdings gehörte dem Vater ein Haus, ein schnelles Auto und die Firma, in der er arbeitete. Er hielt ihre Hand eine Sekunde zu lange. Sie lächelte. Seine Augen wanderten. Zwei Stück Zucker versanken im Kaffee. Seine Augen versanken auch. In ihrem Dekolleté.

 

Meise 

Da kommt sie wieder! Den ganzen Vormittag sitze ich hier und sehe zu, wie sie sich bei uns bedient. Aber ich habe Geduld. Viel Geduld. Ich kriege sie. Eine Warnung für alle anderen, die hier ungefragt auftauchen. Ich beiße ihr den Kopf ab und lege sie meinen Leuten vor die Tür. Ein hübsches Geschenk! Aber vorher habe ich noch meinen Spaß mit ihr und breche ihr die Flügel. Dann hast du ausgepickt, du blöde Meise!

Die Geschichtchen entstanden in einer Schreibstunde, in der wir für eine Geschichte nur 10 Sätze verwenden sollten 😉 .

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Erster Schnee

Langsam steigt eine rote Sonne

Über den Rand des Morgens

Unter ihr liegt die Welt

Weiß von Raureif

 

Wie mit Zucker bestäubt

Ein Traum aus Kindertagen

Schnee fällt in dicken Flocken

Lautlos deckt er alle Wunden zu

 

In der Stille des Tages

Knirscht der Schnee unter meinen Füssen

Sehe meine Atemwölkchen losgelöst

Von meiner Seele aufsteigen

 

Könnte ich noch einmal das Kind sein

Verspielt und verzaubert an diesem Wintertag

Wieder den Traum der Kindheit träumen

Alle Sorgen hinter mir lassen

 

Der Morgen verstreicht

Die Sonne zieht ihre Bahn

Mein Wunsch zerfließt

Wie Raureif auf den letzten Rosen

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„Und du bleibst immer bei mir und du verlässt mich nie“, sagte sie und blickte zärtlich auf ihn hinab. Mit großen Augen sah er sie an. Was sollte das bedeuten? Der Klang ihrer Stimme war so liebevoll wie immer und trotzdem wurde er das dumpfe Gefühl nicht los, es wäre eine Drohung. Sie schenkte ihm Kaffee ein, ließ vorsichtig zwei Zuckerstückchen hinein plumpsen und goss einen guten Schuss Sahne dazu.

„Wie kommst du darauf?“, fragte er und lächelte unbeholfen. Ob sie etwas ahnte?

„Ach, nur so“, sie lächelte zurück, während er die Tasse zum Mund führte und das köstliche Getränk seine Kehle hinunter floss.

„Ich fand die Hotelrechnung von deiner letzten Tagung, in deiner Manteltasche. Sie war auf ein Doppelzimmer ausgestellt“, bemerkte sie leichthin und strich Butter auf ihr Brötchen. Ihm lief ein Schauer über den Rücken und die Haut auf seinen Armen begann zu kribbeln.

„Als ich anrief um den Irrtum aufzuklären, erklärte mir der Hotelportier, dass alles seine Richtigkeit habe, da du mit deiner Frau angereist warst.“

Ihre Stimme hatte nichts von ihrer Liebenswürdigkeit verloren. Entsetzt sah er sie an. Sie hatte es heraus gefunden. Er war zu nachlässig geworden, nach dem er es geschafft hatte, sein Geheimnis so viele Jahre vor ihr zu verbergen.

„Aber Schätzchen“, wollte er sagen. Doch es gelang ihm nicht. Kein Laut kam über seine Lippen. Erneut setzte er an. Nichts. Er hörte nur die Stimme in seinem Kopf.

„Aber Schätzchen“, hallte sie wieder und wieder.

Sie träufelte goldglänzenden Honig auf ihr Brötchen. Schaum tropfte aus seinen Mundwinkeln. Seine Glieder verkrampften sich, er wollte aufstehen, warf den Stuhl mit lautem Poltern um und stürzte zu Boden. Er wand sich in Krämpfen, stöhnte laut. Ein letztes Aufbäumen durchfuhr seinen gequälten Körper. Er starb, während sich seine brechenden Augen auf sie richteten.

Sie nahm seine Kaffeetasse, erhob sich, schüttete den Inhalt in den Ausguss der Spüle, wusch sie sorgfältig aus, stellte eine frische Tasse an seinen Platz, goss frischen Kaffee hinein, zwei Stückchen Zucker und einen guten Schuss Sahne. Dann beugte sie sich zu ihm hinunter, sah in sein verzerrtes Gesicht und sagte lächelnd:

„Und du bleibst immer bei mir und du verlässt mich nicht. Nicht wahr?!“

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