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Posts Tagged ‘Zeitung’

„Alles aussteigen! Endstation, der Zug endet hier.“

Mary erhob sich, und zog das Fenster des Abteils herunter. Sie stellte sich auf Zehenspitzen und streckte den Kopf hinaus.

„Nichts zu sehen“, sagte sie, nachdem sie in alle Richtungen gespäht hatte.

„Das dürfte in dieser Finsternis auch schwer möglich sein“, hörte sie eine spöttische Stimme hinter sich.

Mary sah ihren Mitreisenden erstaunt an. Mister Grey kann also doch sprechen, dachte sie. Mary gab ihm den Spitznamen, weil er, bis auf eine blutrote Krawattennadel, ganz in Grau gekleidet war. Seitdem er ins Abteil gekommen war, und dass war zwölf Stunden her, hatte er kein Wort gesprochen. Er verschanzte sich erst hinter einer Zeitung, schlief, ging zur Mittagszeit ins Bordrestaurant, setzte sich alleine an einen Tisch und danach lass er ein Buch.

Mary überlegte was sie antworten sollte, aber ihr fiel keine schlagfertige Erwiderung ein. Sie wäre vermutlich an Mister Grey abgeprallt, denn er war damit beschäftigt seine Reisetasche aus dem Gepäcknetz zu ziehen.

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„Ich habe dir meine besten Jahre geopfert“, schrie Marie.

Sie wischte mit einer ausladenden Handbewegung seine Zeitung, Brille und Kaffeetasse vom Tisch. Die Tasse flog gegen den Schrank und zerbrach, als sie auf den Boden krachte. Der Kaffee rann über die Schranktüren und tropfte gemächlich auf die weißen Fliesen.

Beinahe in Zeitlupe hob Günni den Kopf und sah sie an, als wäre es das erste Mal. Träge erhob er sich, sammelte die Zeitung und die Brille auf, dann setzte er sich wieder.

Marie folgte dem Schauspiel mit aufgerissen Augen und offenem Mund. Sie griff nach dem massiven Glasstövchen und warf es in Günnis Richtung. Als es auf seinen Kopf traf, hörte sie ein hässliches Geräusch. Günni kippte beinahe in Zeitlupe zur Seite. Das Blut tropfte gemächlich auf die weißen Fliesen.

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„Holen sie Harry. Sofort!“, brüllt Chief Morris und knallt die Zeitung auf den Tisch.

„Ja, Sir!“, Ben eilt davon.

Chief Morris lässt sich schweratmend auf seinen gepolsterten Stuhl fallen. Er zieht die unterste Schublade seines Schreibtisches auf, holt den Scotch heraus und ein Glas. Er gießt es fast bis unter den Rand voll, dann trinkt er es in einem Zug. Für einen Moment hält er inne, dann schüttelt er sich. – Verdammter Hundesohn, dieser Harry! Hat versprochen die Presse rauszuhalten. Und jetzt steht alles brühwarm auf der ersten Seite. Dem dreh ich den Hals um! – Es klopft.

„Herein!“

„Chief!“, Ben stößt unsanft einen kleinen dicken Mann ins Büro, „Harry Ellis.“

Chief Morris grinst und deutet auf einen unbequemen Holzstuhl vor seinem Schreibtisch.

„Setzen sie sich bitte, Harry“, sagt er gespielt höflich. Er legt die Hände, wie zum Gebet aneinander und beugt sich vor. „Sie und ich, Harry, werden nun ein Gespräch darüber führen, was es heißt Vereinbarungen einzuhalten!“

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„Es wird dir nicht gefallen das zu hören, aber besser du erfährst es von mir, als von jemand anderem.“

„Hm.“

„Ich habe einen Mann kennengelernt.“

„So?“

„Ja. Wir verstehen uns gut.“

„Schön.“

„Mehr als das. Ich habe mich verliebt.“

Er ließ die Zeitung sinken. Sein Blick traf mich und ging gleichzeitig durch mich hindurch.

„Reichst du mir die Kaffeekanne.“

„Sie steh direkt vor dir.“

Er schenkte sich ein.

„Und was willst du mir sagen? Verlässt du mich?“

„Soll ich das denn?“

„Wenn du das für klug hältst? Deine Entscheidung.“

Ich hatte mehr erhofft, aber nicht erwartet. Die Zeitung in seinen Händen zuckte. Ich wusste, er wollte weiterlesen. Es gab keinen anderen, aber die Entscheidung war gefallen.

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Bekanntschaftsanzeigen

Es hat mich als Kind fasziniert, wenn mein Vater oder meine Oma Zeitung gelesen haben. Was wohl in diesen riesigen Blättern Aufregendes drin stand? Ich fing früh an Zeitung zu lesen, auch wenn ich nicht sehr viel davon verstanden habe. Mit den Jahren änderte sich das. Meine Heimatstadt ist nicht so groß, und man kannte seine „Leute“ – Politiker, Sportler usw. über die berichtet wurde. Als ich mit 42 in ein anderes Bundesland zog, änderte sich das. Wie aufschlussreich ist Regionales, wenn man niemand kennt?

Etwas, das nie uninteressant ist, egal wo man wohnt, sind Bekanntschaftsanzeigen. Es gibt ganz schlichte Mann-sucht-Frau-Anzeigen (oder umgekehrt), und es gibt die skurrilen. Als Schriftsteller frage ich mich, wer steckt dahinter? Hat er/sie das Inserat selber geschrieben oder hat jemand anders geholfen – und wen spricht dieser Text an?

In den letzten Wochen stand ein Inserat jedes Wochenende in der Zeitung: Mann, 166, NR, gefühlte 65J., sucht gepflegte gesunde Frau 50-65 J., Erotik sollte keine Nebenrolle spielen.

So auch am letzten Wochenende. Diesmal fiel mir auf, dass der suchende Herr gleich drei Annoncen eingestellt hat, in etwas anderer Formulierung. Die Angaben über seine Person, einschließlich des Wunsches nach einer erotisch gebildeten Frau/erotische gesunde Naturfrau und dem Zugeständnis nach getrenntem Wohnraum waren in jeder enthalten.

Der Wunsch nach Zweisamkeit und Nähe ist nur allzu verständlich und obwohl Erotik in der westlichen Welt offen „gehandelt“ wird, ist echte Nähe und Vertrauen heute nicht so leicht zu bekommen. Sämtliche Dating-Seiten im Internet profitieren davon. Und wie sich zeigt, kommt es nicht nur darauf an ein „passables“ Bild von sich zu haben, sondern auch den richtigen Text dazu. Insofern kann ich mir vorstellen, dass die Wortwahl in den Annoncen des verzweifelten Herrn nicht die Gruppe Frauen anspricht, die sein bevorzugtes Alter haben. Besonders, wenn es um den Wunsch nach Erotik geht. Daran ist nichts verkehrt. Es ist toll und gehört unbedingt dazu(!), aber es kann den Eindruck erwecken, das Frau als sexuelle Wunscherfüllerin benutzt werden soll, das wirkt von vornherein abschreckend. Trotz sexueller Freiheit, die meisten Frauen ticken, was „Liebeswerben“ betrifft, immer noch anders als Männer.

Zwischen haben wollen und bekommen können, ist eine große Diskrepanz. Natürlich soll sich niemand unter Wert verkaufen, aber man muss auch realistisch und ehrlich mit sich sein. Wenn ich 50 Jahre bin, nützen mir die gefühlten 25 Jahre auch nichts – sie machen mich eher lächerlich. Ich bin, die ich bin. Deswegen möchte ich anerkannt und gemocht werden.

In einem anderen Inserat stand: Bei gegenseitiger Zuneigung wird die erwählte Dame zur Alleinerbin eingesetzt. Ob sich bei dem Herrn die Zuschriften stapeln? Wird er sich jemals sicher sein, dass die Interessentinnen ihn seinetwegen mögen? Oder ist er des Alleinseins so müde, dass ihm alle Mittel recht sind?

Ich wünsche allen Partnersuchenden das passende Gegenstück und ganz viel Liebe!

P. S.: Ich habe das Zeitunglesen nicht aufgegeben – es gibt ja auch die Überregionalen, und wenn ich in meine Heimat fahre, lese ich dort mit nostalgischer Freude die gute alte „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“.

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