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Posts Tagged ‘Wunsch’

„Wenn dich jemand nötigt eine Meile mit ihm zu gehen, so gehe mit ihm zwei.“ Dies ist ein Zitat aus der Bibel. (Mat 5:14) So hart möchte ich es nicht ausdrücken. Statt nötigen setze ich bitten ein.

„Wenn dich jemand bittet eine Meile mit ihm zu gehen, so gehe mit ihm zwei.“

Die Einstellung „mehr tun als erbeten“ findet man heute selten. Bitten ist möglich, aber ob sich jemand deines Wunsches annimmt oder gar bereit ist mehr als das Erbetene zu tun ist fraglich.

In der Mehrzahl der Fälle habe ich festgestellt, dass nur die „Aufgabe“ erfüllt wird und keinen Deut mehr. Freiwillig etwas zu tun oder mehr als das Nötige ist so besonders, dass es tatsächlich wert scheint das abzufeiern.

Natürlich gibt es diejenigen, die den Hilfsbereiten ausnutzen und sich auf seinem Rücken ausruhen oder die, die nicht lernen wollen Dinge selbst zu tun. Aber von diesen soll an dieser Stelle nicht die Rede sein und ich bin nicht dafür, dass Faulheit und Dreistigkeit unterstützt werden sollen. Man darf auch „Nein“ sagen.

Doch ist es wirklich so schwierig, die eigene Komfortzone störend, mit offenen Augen durch den Tag zu gehen und anderen einen Gefallen zu tun, wenn sie darum bitten oder wenn man sieht, es braucht nur eine Handreichung, um jemand glücklich zu machen? Und das ohne Augen verdrehen und stöhnen, oder gleich gefeiert werden zu wollen?

Die Hilfsbereiten, Bescheidenen tun das sowieso nicht. Sie fassen mit an und brauchen keine Orden. Allerdings kann man es ihnen nicht verübeln, wenn sie sich ausgenutzt vorkommen und ebenfalls keine zwei Meilen mehr gehen wollen. Die Folge davon, es trifft die Falschen.

Wenn jeder bereit ist (in seinem Maß) zwei Meilen zu gehen und für die geleistete Hilfe dankbar ist (und es auch zeigt), dann wird das Zusammenleben um vieles leichter und angenehmer. Wenn wir Gutes tun, erhalten wir immer etwas zurück.

Freude, die man teilt, verdoppelt sich.

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Dach, Eischnee, Gabel, weinen

Ich ziehe die Vorhänge zurück und traue meinen Augen kaum. In der Nacht hat es geschneit! Unser Garten liegt unter einer silberweißen glitzernden Schneedecke begraben. Das Dach des Gartenhäuschens sieht aus, als hätte ihm ein Konditor eine Haube aus Eischnee aufgesetzt.

Die Spatzen und Meisen besetzen das Futterhäuschen vor meinem Fenster. Lautstark und mit wedelnden Flügeln streiten sie um jedes Korn.

Die Freude über diesen herrlichen Morgen treibt mir Tränen in die Augen. Mein Wunsch erfüllt sich. Noch einmal den Zauber einer Winterlandschaft erleben.

„Hast du Lust auf einen Spaziergang nach dem Frühstück?“, hörte ich Leons sanfte Stimme hinter mir.

Er legt die Arme von hinten um mich und blickt über meine Schulter hinaus. Ich genieße den Moment der Geborgenheit und seiner Wärme.

„Ja, sehr gerne“, sage ich leise.

„Dann zieh dich an, der Tisch ist gedeckt“, er küsst mich auf die Schläfe und macht sich auf den Weg in die Küche.

Zum Glück sieht er die Tränen nicht, die sich aus meinen Lidern stehlen. Ich muss es ihm sagen. Endlich! Es wird Zeit Leon meinen Abschied anzukündigen. Er soll ihn nicht völlig unvorbereitet treffen.

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Fühlen

Herz über Kopf
Nahmst du mein Herz
Für dich ein

Lässt mich erröten
Aufgeregt sein
Immer nur fühlen

Worte sprudeln hervor
Dir zu gefallen
Meine Seele zu zeigen

Aufgeschlagenes Buch
Bitte ich dich
Lies in mir

Ich öffne mich
Für deine Augen
Deinen Wunsch

Halt nur meine Hand
Damit ich ruhen kann
Und warten

Bis der Tag kommt
An dem ich dein Lächeln
Sehen kann
Und du meins

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Bekanntschaftsanzeigen

Es hat mich als Kind fasziniert, wenn mein Vater oder meine Oma Zeitung gelesen haben. Was wohl in diesen riesigen Blättern Aufregendes drin stand? Ich fing früh an Zeitung zu lesen, auch wenn ich nicht sehr viel davon verstanden habe. Mit den Jahren änderte sich das. Meine Heimatstadt ist nicht so groß, und man kannte seine „Leute“ – Politiker, Sportler usw. über die berichtet wurde. Als ich mit 42 in ein anderes Bundesland zog, änderte sich das. Wie aufschlussreich ist Regionales, wenn man niemand kennt?

Etwas, das nie uninteressant ist, egal wo man wohnt, sind Bekanntschaftsanzeigen. Es gibt ganz schlichte Mann-sucht-Frau-Anzeigen (oder umgekehrt), und es gibt die skurrilen. Als Schriftsteller frage ich mich, wer steckt dahinter? Hat er/sie das Inserat selber geschrieben oder hat jemand anders geholfen – und wen spricht dieser Text an?

In den letzten Wochen stand ein Inserat jedes Wochenende in der Zeitung: Mann, 166, NR, gefühlte 65J., sucht gepflegte gesunde Frau 50-65 J., Erotik sollte keine Nebenrolle spielen.

So auch am letzten Wochenende. Diesmal fiel mir auf, dass der suchende Herr gleich drei Annoncen eingestellt hat, in etwas anderer Formulierung. Die Angaben über seine Person, einschließlich des Wunsches nach einer erotisch gebildeten Frau/erotische gesunde Naturfrau und dem Zugeständnis nach getrenntem Wohnraum waren in jeder enthalten.

Der Wunsch nach Zweisamkeit und Nähe ist nur allzu verständlich und obwohl Erotik in der westlichen Welt offen „gehandelt“ wird, ist echte Nähe und Vertrauen heute nicht so leicht zu bekommen. Sämtliche Dating-Seiten im Internet profitieren davon. Und wie sich zeigt, kommt es nicht nur darauf an ein „passables“ Bild von sich zu haben, sondern auch den richtigen Text dazu. Insofern kann ich mir vorstellen, dass die Wortwahl in den Annoncen des verzweifelten Herrn nicht die Gruppe Frauen anspricht, die sein bevorzugtes Alter haben. Besonders, wenn es um den Wunsch nach Erotik geht. Daran ist nichts verkehrt. Es ist toll und gehört unbedingt dazu(!), aber es kann den Eindruck erwecken, das Frau als sexuelle Wunscherfüllerin benutzt werden soll, das wirkt von vornherein abschreckend. Trotz sexueller Freiheit, die meisten Frauen ticken, was „Liebeswerben“ betrifft, immer noch anders als Männer.

Zwischen haben wollen und bekommen können, ist eine große Diskrepanz. Natürlich soll sich niemand unter Wert verkaufen, aber man muss auch realistisch und ehrlich mit sich sein. Wenn ich 50 Jahre bin, nützen mir die gefühlten 25 Jahre auch nichts – sie machen mich eher lächerlich. Ich bin, die ich bin. Deswegen möchte ich anerkannt und gemocht werden.

In einem anderen Inserat stand: Bei gegenseitiger Zuneigung wird die erwählte Dame zur Alleinerbin eingesetzt. Ob sich bei dem Herrn die Zuschriften stapeln? Wird er sich jemals sicher sein, dass die Interessentinnen ihn seinetwegen mögen? Oder ist er des Alleinseins so müde, dass ihm alle Mittel recht sind?

Ich wünsche allen Partnersuchenden das passende Gegenstück und ganz viel Liebe!

P. S.: Ich habe das Zeitunglesen nicht aufgegeben – es gibt ja auch die Überregionalen, und wenn ich in meine Heimat fahre, lese ich dort mit nostalgischer Freude die gute alte „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“.

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Die letzten Gäste waren gegangen. Ich seufzte. Am liebsten wäre ich ihnen sofort gefolgt, aber es gab noch einiges zu tun, bevor ich nach Hause gehen konnte. Die benutzten Gläser mussten gespült, die Tische abgewischt, der Pub ausgefegt und abgeschlossen werden. Ich hatte eine anstrengende Nacht hinter mir. Sam, mein Barkeeper und einziger Angestellter, hatte sich eine Grippe zugezogen und hütete das Bett, während ich den Laden alleine schmiss. Ausgerechnet an einem Freitag!

Ich hatte die Gläser gespült, mir ein kleines Eimerchen mit Wasser und Spülmittel gefüllt, um die Tische abzuwischen, als ich ein Geräusch hörte.

„Hallo! Ist da wer?“

Suchend blickte ich mich um. Niemand zu sehen. Wieder dieses Geräusch. Mein Herz schlug schneller. Ein mulmiges Gefühl machte sich in meinem Bauch breit.

„Zeigen sie sich“, rief ich, „ich kann Karate!“

Das entsprach nicht ganz den Tatsachen. Ich hatte einen Selbstverteidigungskurs für Frauen besucht, gefühlte hundert Jahre her, aber manchmal heiligt der Zweck die Mittel.

„Was soll denn das sein?“, hörte ich plötzlich eine tiefe Stimme neben mir, die mir einen heißen Schauer den Rücken hinunter jagte.

Erschrocken fuhr ich herum und stieß den Eimer vom Tisch. Das Wasser ergoss sich über den Fußboden und versickerte langsam zwischen den dicken Dielenbrettern.

„Was wollen sie?“

Mir stockte der Atem, beim Anblick des hünenhaften Mannes, der vor mir stand. Sein dunkles, dichtes Haar fiel in langen Locken bis auf die breiten Schultern. Seine irisierend blauen Augen maßen mich mit einem intensiven kritischen Blick. Er war ganz in Schwarz gekleidet, was ihn unheimlich und Furcht einflößend erscheinen ließ. Aber das, was mich wirklich aus der Fassung brachte, waren seine riesigen Flügel aus glänzend blauschwarzen Federn. Ein Rabe, der sich in einen Menschen verwandelt hat, dachte ich.

„Bist du Lea Winter?“, antworte er mit einer Gegenfrage.

Ich nickte stumm. Manchmal luden mich die Gäste zu einem Drink ein, aber heute Abend hatte ich keinen einzigen Tropfen Alkohol angerührt. Diese Erscheinung war nicht auf ein Alkoholdelirium zurückzuführen. Ich war durchaus geneigt an mehr zu glauben, als ich sehen konnte, aber dieser Hüne mit den schwarzen Flügeln konnte nicht echt sein. Skeptisch streckte ich die Hand aus und berührte seinen Flügel. Samtweich glitten die Federn durch meine Finger. Bei meiner Berührung spürte ich ein leichtes Zittern im Gefieder. Es war echt, nichts Künstliches oder Ausgestopftes. Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Ein spöttisches Lächeln huschte über sein makelloses Gesicht mit der schmalen Nase.

„Meinst du, du bringst heute noch ein Wort über die Lippen?“

„Bist du ein Engel?“, presste ich die Worte heraus.

„Hey gut erkannt.“

Durften Engel so unverschämt sein und waren Engel mit schwarzen Flügeln nicht die von der Gegenseite? Ich reckte mich zu meiner vollen Größe auf und raffte meinen ganzen Mut zusammen.

„Dürfen Engel so frech sein? Oder musst du den Mistkerl raushängen lassen, weil du einer von den üblen Burschen bist?“

Er zog eine seiner fein geschwungenen Augenbrauen hoch.

„Ich glaube, hier geht’s nicht um mich“, dabei sah er mich scharf an, „ich bin nur hier, weil ich dir etwas Wichtiges sagen wollte.“

„Deinen Namen?“, unterbrach ich ihn zornig über seinen anmaßenden Ton, „ganz schön dreist mich erst so zu erschrecken und sich nicht mal anständig vorzustellen.“

„Du solltest aufpassen, was du sagst. Ich kann auch wieder gehen.“

Mein erster Impuls war mich zu entschuldigen. Aber seine Arroganz war so aufreizend, dass ich nicht anders konnte und antwortete:

„Bitte. Es steht dir frei zu gehen. Dort ist die Tür.“

Ich deutete Richtung Ausgang. Doch statt zu gehen, wie ich es erwartet hatte, begann er zu lachen. Seine Flügel wippten auf und ab. Das verursachte einen heftigen Luftzug. Die Gläser in den Regalen klangen und die Lampen schwangen hin und her. Konnte er einen Sturm entfachten, wenn er richtig mit den Flügeln schlug?

„Was ist so witzig?“, fragte ich ungehalten.

Er war wieder ernst geworden.

„Eigentlich nichts. Aber ich beobachte dich schon lange und hätte kaum für möglich gehalten, dass du dich so auflehnen würdest. Ich hatte erwartet, dass du weinst, nach Hilfe rufst oder etwas in der Art, wenn wir uns begegnen.“

Ich zuckte mit den Schultern. Er war wirklich ausgesprochen eingenommen von sich. Meiner Vorstellung von einem Engels entsprach das nicht.

„Tut mir leid, dass ich deinen Fantasien nicht entspreche. Wenn du mich so lange beobachtest, wie du sagst, solltest du mich besser kennen“, erwiderte ich und dann, „und was heißt hier, du beobachtest mich?! Bist du etwa ein Stalker?“

„Nein. Wenn ich bei dem menschlichen Terminus bleibe, würde ich mich eher als Voyeur bezeichnen.“

Er ging zum Tresen hinüber, nahm sich ein Glas und goss zwei Fingerbreit von meinem besten Whiskey ein.

„Das ist auch nicht viel besser!“, ich war empört, „was bildest du dir ein? Kommst hier rein, erschreckst mich, bist unhöflich und sagst mir solche“, ich suchte nach den passenden Worten und fand keine, „solche Dinge. Was willst du von mir!“

Er nahm einen Schluck. Dabei schloss er die Augen und ließ sich den honiggelben Alkohol genüsslich die Kehle hinab laufen.

„Ich stelle ihn mir samtig und süß wie Honig vor“, murmelte er.

„Eher rauchig, malzig, mit einem scharfen Zug im Abgang“, erwiderte ich gereizt.

Er verschluckte sich und stellte das Glas mit einem lauten Klacken auf dem Tresen ab. Ich verkniff mir ein Grinsen, als er sich mit einer ruckartigen Bewegung umdrehte und mich ärgerlich ansah.

„Du hast es verdorben. Die schöne Vorstellung verdorben.“

„Whiskey ist nun mal hochprozentiger Alkohol. Dein Realitätssinn scheint nicht sehr ausgeprägt zu sein“, spottete ich.

Als er auf mich zu kam, hob ich abwehrend die Hände. Selbst wenn ich Karate beherrschte, hätte ich mich nicht gegen diesen Riesen wehren können. Dicht vor mir blieb er stehen. Ein merkwürdig betörender Duft ging von ihm aus. Ich roch Meer, Sonne, Wiesenblumen, Wald, Quellen, Herbstlaub, Schnee. Bilder regten sich in meiner Erinnerung, steigen auf und zogen vorbei. Ein Rausch aus Farben, Tönen, Gerüchen. Schwerfällig legte ich den Kopf in den Nacken, um ihn anzusehen.

„Ich glaube, es reicht“, sagte er leise, aber bestimmt.

Unerwartet nahm er mein Gesicht in seine Hände. Obwohl sie kühl waren, strömte Wärme durch meinen Körper. Ein angenehmes Kribbeln rann durch meine Adern. Sein Blick tauchte in meinen und seine Stimme war dunkel und weich.

„Mein Name ist Aryon. Dein ganzes Leben lang beobachte ich dich. Aber die Zeit läuft ab. Ich musste endlich in deine Augen sehen, dich fühlen, bevor alles zugrunde geht. Ich bin deinetwegen hier.“

Es dauerte etwas bis seine hypnotische Wirkung nachließ und der Grund seiner Anwesenheit durchsickerte.

„Was sagst du da?! Die Zeit geht zu Ende? Willst du mir damit sagen, du bist gekommen, weil ich sterben muss?“

Das alles war ein böser Traum! Doch so sehr ich mich ermahnte die Augen aufzumachen, ich wachte nicht auf.

„Es tut mir leid, das ist kein Traum.“

Las er jetzt etwa meine Gedanken!

„Wir sind am Ende der Zeit angelangt. Deine Welt geht unter. Alles wird vergehen. Zerfallen zu Staub.“

„Aus Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren“, flüsterte ich. Tränen traten mir in die Augen. „Alles? Wirklich alles?“

Aryon nickte. Ein schmerzlicher Ausdruck trat in seine Augen. Diese Traurigkeit machte ihn noch schöner. Das Dunkle an ihm wurde unversehens ätherisch und anziehend.

„Wann?“

Ich war mir nicht sicher, ob ich es gedacht oder gesagt hatte.

„Morgen Nacht.“

Ich riss mich los. Unglaublich! Morgen sollte die Welt in Schutt und Asche liegen und er kam jetzt. Am liebsten hätte ich ihn geschlagen.

„24 Stunden! Du tauchst hier auf und willst mir allen Ernstes sagen, ich habe nur noch 24 Stunden?!“

„Wärst du lieber unwissend gestorben?“

Aryon schien meinen Ärger nicht zu verstehen.

„Ja! Dann hätte ich wenigstens keine Zeit meinen verpassten Chancen nachzutrauern. Und hätte ich es früher gewusst, könnte ich noch einmal die Orte besuchen, an denen ich glücklich war.“

Vor Wut zitterte ich wie Espenlaub. Meine Hände waren zu Fäusten geballt und meine Stimme schnappte beinahe über. Aryon machte einen Schritt auf mich zu und legte seine Arme ganz fest um mich.

„Lass mich los“, schimpfte ich.

„Nein. Erst beruhigst du dich wieder“, sein Ton duldete keinen Widerspruch.

„Ich kann mich nicht beruhigen!“, da kam mir ein Gedanke, „du bist überhaupt nicht meinetwegen hier. Du bist hier, weil du schnell noch einmal erleben wolltest, wie das Leben in Wirklichkeit ist.“

Ich versuchte seiner Umarmung mit aller Kraft zu entkommen. Ohne Erfolg. Aryon hielt mich in eisernem Griff. Erschöpft gab ich auf.

„Warum?“, flehte ich um eine Antwort.

Ich sah ihn an. Aryon beugte sich zu mir herunter. Mein Herz stand für einen Moment still. Seine Lippen nahmen meine Lippen. Gefühle stürmten durch meinen Körper, die mir heftige Schmerzen und gleichzeitig köstliche Lust bereiteten. Wieder tauchten Bilder auf. Ich kannte sie nicht. Es waren nicht meine Erinnerungen. Unendliche dunkle Räume, Hallen angefüllt mit gleißendem Licht. Stille, die in den Ohren wehtat, dann Stimmen tausendfach hallend, die mein Gehirn fast in Stücke rissen. Kälte, tiefer als die Finsternis und Hitze, größer als das Sonnenlicht zerrten an mir. Ich schrie bis meine Lungen brannten und hörte doch keinen Ton. Meine Finger krallten sich in Aryons Fleisch. Tränen lösten sich, wie eine Springflut und durchnässten Aryon und mich.

Als Aryon seinen Mund von meinem löste, schlug ich meine Augen auf. Die Qual verebbte. Wir schwebten in einer Blase aus sanftem Licht. Wärme hüllte unsere nackten Körper ein. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Nie hatte ich etwas Vollkommeneres gesehen.

„Ich muss dich um Verzeihung bitten. Obwohl ich dich liebe, seit die Welt existiert, habe ich dich falsch eingeschätzt. Es war mein Fehler. Das hätte nicht passieren dürfen.“

„Liebe“, flüsterte ich.

Aryon nahm meine Hand und legte sie auf seine Brust.

Ich fühlte seinen Herzschlag, heftig und rasend, wie den eines verletzten ängstlichen Vogels, den man in der Hand hält.

„Ich hätte es dir früher sagen müssen. Hätte uns mehr Zeit verschaffen müssen. Mein Zaudern hat sinnlose Zeit gekostet und am Ende läuft es auf dasselbe hinaus.“

Der Kummer in seiner Stimme war nicht zu überhören. Ich wollte Aryon fragen, was das bedeutete, aber in dem Moment, als sich die Frage stellte, wusste ich die Antwort. Aryon gab für die Begegnung mit mir seine Ewigkeit auf. Die Dunkelheit, das Licht, die Stille und den Lärm. Er hatte gewählt, während der Ausgang für mich feststand.

Sein Mund suchte meine Lippen. Wir tauchten tiefer in das Meer aus Licht und Glanz, bis es uns ganz durchdrang, sich tief in unseren Seelen ausbreitete. Der Schmerz der Vergänglichkeit löste sich in diesem unendlichen Leuchten. Ich fühlte Aryons starken Körper, seine Hände, seinen Mund, die mich in einen Strom aus Erregung und Ekstase zogen, dem ich nichts entgegensetzen konnte. Es war so leicht sich mit ihm dahin geleiten zu lassen, immer weiter empor gehoben in einem rasenden Sturm aus Lust und Verschmelzung. Ich ging unter, ohne zu ertrinken und flog zwischen den Sternen, ohne einen Flügelschlag.

Es bedeutete mein Ende. Ich erkannte es ohne Bedauern. Kein Mensch vermochte der Kraft eines Engels standzuhalten. Wenn Aryon sich mit mir vereinigte, würde meine Lebenskraft dahinschwinden, wie ein Tropfen Wasser in der Wüste.

Es hatte keine Bedeutung. Mir war in meinem Erdendasein oft alles so dunkel und schwer vorgekommen. Die Zeit zu kurz, das Glück so flüchtig, Liebe oft nur ein Wort und Freundschaft beschränkte sich meistens auf ihren Nutzen. Alles endete. Irgendwann. Nichts blieb. Nur das Licht. Aryon machte mich zu einem Teil dieses Lichts.

Als er in mich eindrang, ließ ich jeden Gedanken, jeden Wunsch los. Gab mich völlig Aryons Begehren hin, dass eine Euphorie in meinem Körper und meiner Seele auslöste, die alles verschlang. Es gab nur Aryon und mich. Und dann nichts mehr.

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Ich erwache vom Rucken des Zuges. Ich reibe mir die Augen, streiche mir durch die wirren Locken. Der Zug hat wohl angehalten. Mit wackligen Beinen stehe ich auf und öffne das Fenster des Abteils. Draußen läuft ein geschäftiger Bahnvorsteher hin und her, der den Leuten beim Aussteigen hilft. Da bemerkt er mich und winkt mir zu.

„Sie müssen leider auch aussteigen“, ruft er mir zu.

„Wieso? Was ist denn passiert?“

„Der Zugverkehr endet hier.“

Inzwischen ist er näher gekommen und steht vor meinem Fenster.

„Sie wollen mir sagen, von hier aus fährt kein Zug?“, frage ich entsetzt, „wie soll ich denn jetzt weiterkommen?“

„Keine Angst“, beruhigt mich der Bahnvorsteher, „der Zugverkehr endet zwar hier, aber in den nächsten Tagen, wird ein Zug von hier wieder zurückfahren.“

„Wohin zurückfahren?“

„Wohin sie wollen.“

Was für eine merkwürdige Antwort. Aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Ich steige aus, obwohl es mir gar nicht recht ist, den Zug zu verlassen. Hier weiß ich wenigstens, womit ich es zu tun habe, sobald ich aussteige, ist alles Neuland. Ich nehme meinen Trolley und meinen Rucksack und verlasse den Zug. Der Bahnvorsteher nimmt mir den Koffer ab.

„Wohin darf ich sie bringen?“, fragt er freundlich.

„Ich weiß ja noch nicht einmal, wo ich bin, und war auf so einen Zwischenstop nicht vorbreitet.“

„Ich verstehe“, sagt der Mann und kratzt sich am stoppeligen Kinn, „lassen sie mich überlegen. Ah, ich weiß, wohin ich sie bringen könnte. Eine sehr nette Familie.“

Er nimmt meinen Koffer, geht den Bahnsteig entlang durch das winzige Bahnhofgebäude auf die Straße. Ich folge ihm gespannt und aufgeregt. Immerhin ist es schon lange her, dass ich einen Bahnhof verlassen habe und mich ins Leben wagen musste.

Um den Bahnhofsplatz herum liegen ein paar Häuser, weiß getüncht wie im Süden. Der Platz wird von schattenspendenden Platanen gesäumt und in dem kleinen Cafe, sitzen ältere Männer beim Espresso, rauchen Zigarren und plaudern. Der Bahnhofsvorsteher stößt einen Pfiff aus und nach ein paar Sekunden hört man das Trappeln von Pferdehufen. Ein hübscher Einspänner biegt um die Ecke. Der junge Kutscher springt vom Bock, lädt meinen Koffer auf und hilft mir beim Einsteigen.

„Bringen sie die junge Dame zu Lady Shelley, sie hat immer ein nettes Plätzchen für Besucher frei“, sagt der Vorsteher und winkt mir zum Abschied.

Der Kutscher nickt und lässt seine Peitsche einmal knallen. Das Pferd setzt sich in Gang. Da fällt mir ein, dass ich nicht weiß, wann der nächste Zug fährt. Ich lehne mich aus der Kutsche.

„Wann kommt der nächste Zug?“ rufe ich dem Bahnhofvorsteher zu.

„Ich weiß es nicht. Wenn es soweit ist, werde ich es sie wissen lassen“, schreit er mir hinter her.

Ich lasse mich resigniert in meinen Sitz fallen und weiß nicht was ich sagen soll. Ich sitze fest. Was wenn kein Zug mehr kam? Ein vergessener Bahnhof. Gibt es so etwas? Das kann ich mir kaum vorstellen, wo doch bei der Bahn alles auf Fahrplänen festgehalten wird. Könnte es möglich sein, dass dieser hier durch die Finger der Bahnbediensteten gerutscht war? Auf nimmer wiedersehen verschwunden? Ein panisches Gefühl steig in mir auf. Ich muss in Erfahrung bringen, was hier vor sich geht, sonst werde ich Raoul niemals finden.

Als die Kutsche vor Lady Shelleys Anwesen hält, versuche ich meine Angst so gut wie möglich zu unterdrücken. Die Villa gleicht einem englischen Landhaus in einem südlichen Garten. Überall stehen üppig blühende Bäume, Büsche und fremdartige Blumen, die ich noch niemals gesehen habe. Zumindest scheint die Hausherrin Geschmack zu haben. Der Kutscher trägt mir den Koffer bis vor die repräsentative Haustür. Auf sein Klopfen hin erscheint ein Hausdiener im schwarzen Frack und mit gestärkten Hemd. Ich wundere mich doch sehr, dass in unserer Zeit noch solche antiquarische Bräuche gepflegt werden. Bis die Dame des Hauses erscheint. Lady Shelley kommt mit einem freundlichen Lächeln und ausgestreckten Armen auf mich zu.

„James, nicht so schüchtern. Lassen sie die junge Dame doch herein. Endlich mal wieder ein frisches neues Gesicht.“

James tritt mit unbewegter Miene zur Seite und lässt mich eintreten.

„Darf ich erfahren mit wem ich das Vergnügen habe?“, fragt Lady Shelley interessiert.

„Entschuldigen sie Lady Shelley, wie unhöflich. Mein Name ist Noelle Snow.“

Ich mache eine angedeutete Verbeugung.

„Was für ein hübscher Name“, Lady Shelley lächelt gewinnend, „darf ich sie Noelle nennen?“

„Ja, gerne.“

„Bitte nennen sie mich, Mary“, bietet mir Lady Shelley an und erklärt mir, während sie mich unterhakt, „wissen sie, ich hatte schon lange keinen Besuch mehr.“

„Das könnte an der ungünstigen Bahnverbindung liegen“, bemerke ich.

Sie zieht für eine Sekunde die Nase kraus, dann lacht sie schelmisch.

„Da könnten sie recht haben“, sie zieht mich weiter in die große Eingangshalle, „kommen sie meine Liebe. Sie werden müde sein, von der langen Reise und wollen sich sicher noch etwas frisch machen vor dem Abendessen?“

„Ja, sehr gerne, danke.“

„Kommen sie, ich zeige ihnen ihr Zimmer.“

Lady Shelley geleitet mich durch die Eingangshalle zu der großen Treppe, die zu beiden Seiten der Halle in den ersten Stock führt. Mir ist aufgefallen, dass Mary, ebenso wie ihr Diener, in einer altmodischen Tracht gekleidet ist. Nicht dass es zerschlissen oder alt, im Sinne von verbraucht wäre, sondern nur was den Schnitt betrifft. Man nennt es Empirestil. Ihr duftiges Kleid ist aus einem kunstvoll bestickten kostbaren Stoff und ihre dunklen Haare sind zu einer kunstvollen Frisur gesteckt, die mit Bändern und Perlennadeln zusammengehalten wird.

Lady Shelley ist eine ausgesprochen sinnliche, anziehende Frau. Ich blicke verstohlen zur Seite. Es fällt mir schwer ihr Alter zu schätzen. Sie bewegt sich und spricht, wie eine junge Frau, aber als ich vorhin ihre Augen sah, hatte ich das Gefühl, irgendetwas stimmte nicht.

Ich habe auf meiner Reise schon ab und an, das Phänomen der alten Seelen erlebt. Das unbestimmte Gefühl, dass in einer jungen Person eine alte Seele wohnte, die vor langer Zeit in einem anderen Zeitalter, oder in vielen durchlebten Leben, mit Wissen erfüllt worden war und sich wieder manifestierte, kenne ich. Allerdings habe ich das immer als positiv empfunden.

Von Mary geht eine ungewöhnliche Aura aus, die ich nur als unheimlich bezeichnen kann, obwohl es mir widerstrebt, meiner wohlwollenden Gastgeberin so etwas zu unterstellen. Davon abgesehen trägt die Lady einen großen Namen. Die Schöpferin der genialen „Frankensteingeschichte“ ist ein Klassiker. Möglicherweise bin ich auf meiner langen Reise etwas merkwürdig geworden. Ich versuche den unliebsamen Gedanken abzuschütteln und mich auf ein paar Tage der Ruhe zufreuen, statt mich zu sehr zu sorgen.

„Das ist ihr Zimmer. Ich hoffe, es gefällt ihnen.“

Mary stößt die Tür zu einem Zimmer auf, das so groß ist, dass zehn Menschen darin übernachten könnten. Ich staune über soviel Großzügigkeit. In der Mitte des Zimmers steht ein riesiges Himmelbett mit einem zarten Voilevorhang in Lindgrün. In diesem Ton sind auch die Wände und die Accessoires gehalten, der durch den Kontrast zu weißen Möbeln und Vorhängen den Eindruck von Frühling erweckt.

„Wunderschön“, flüstere ich beeindruckt.

„Ich habe mir schon gedacht, dass ihnen die Farbgebung gefallen wird“, Mary lächelt, „dort drüben“, sie deutet auf eine Tapetentür, „befindet sich das Bad. Und im Schrank hängen Kleider. Bedienen sie sich.“

„Danke, Lady Shelley.“

„Mary, bitte sagen sie Mary.“

„Ja, natürlich.“

„Ich lasse sie jetzt allein. Wenn sie fertig sind, dann kommen sie doch herunter. Vor dem Abendessen nehmen wir noch einen kleinen Aperitif.“

Die Tür fällt ins Schloss und ich bin allein. Ich lege meinen Rucksack auf den Stuhl vor dem Sekretär und trete ans Fenster. Mein Blick fällt auf einen herrlichen Rosengarten. Ein betörender Duft weht durch das offene Fenster herein und macht mein Herz wehmütig. Ich bin in einem Haus, ohne zu wissen wo. Außerdem weiß ich nicht, wann ich weiter reisen kann. Ich bin ein verlorenes Kind, aber selten habe ich mich wirklich so verloren gefühlt, wie in diesem Moment. Ich kann meinem wahren Ziel nicht näher kommen und dann ist da auch noch Raoul. Hier wird er mich niemals wiederfinden, falls er mich suchen sollte und ich kann ihm nicht wieder begegnen, wenn ich nicht auf der Reise bin. Es zerreißt mich fast, so groß ist meine Sehnsucht. Ich kann seine Augen sehen, immer wieder dieser Blick. So tief, dass er mir bis in die Seele geschaut hat. Nicht nur das, er hat sich auch in mir festgesetzt. Seine Stimme, die zu mir spricht, auch wenn er unendlich weit von mir entfernt ist. Der unausgesprochene Wunsch ist immer in meinen Gedanken: Komm zu mir zurück, lass dich von mir finden.

Ein leises Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken.

„Miss, ihr Bad ist bereit.“

Eine junge Zofe, in schwarzem Kleid, mit Schürze und Haube, bittet mich ins Bad, hilft mir beim Auskleiden und legt mir Handtücher bereit.

„Wenn ihr Hilfe beim Ankleiden braucht, klingelt und ich werde sofort kommen.“

„Danke. – Wie ist dein Name?“, frage ich sie.

„Jenny, Miss“, antwortet sie verlegen.

„Danke, Jenny. Ich sage bescheid, wenn ich etwas brauche.“

Jenny schließt lautlos die Tür. Ich genieße das warme, nach Lavendel duftende, Wasser. Der leichte Rosenduft dringt bis ins Bad und ich komme mir vor wie eine Prinzessin. Mein Körper entspannt sich langsam und die Wärme des Wassers und die Schwerelosigkeit machen mich müde und ich döse vor mich hin.

„Du bist schön“, höre ich seine leise Stimme, „ich liebe dich so sehr und ich will dich so sehr. Ich kann an nichts anders mehr denken, dich zu lieben und bei mir zu haben.“

„Raoul“, flüstere ich.

Ich spüre seine Finger, die zärtlich über meinen Hals streifen. Seinen warmen Atem auf meiner Haut, der mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper laufen lässt. Seine weichen Lippen – Lippen? Ich schrecke aus meinem Tagtraum auf, drehe mich um und sehe in zwei stahlblaue Augen.

„Wer sind sie?“, frage ich aufgebracht, „was machen sie in meinem Badezimmer? Wie sind sie hier rein gekommen?“

Ich rutsche weiter in die Wanne hinein und versuche mit en Armen meine Blöße zu bedecken. Der Mann lacht leise und sein jungenhaftes Gesicht zeigt charmante Lachfalten.

„Was für viele Fragen. Also ich bin John St. Claire, der Halbbruder von Mary.“

Ich unterbreche ihn.

„Gut. Die anderen Fragen können sie mir gleich beantworten. Vorher muss ich mich anziehen. Gehen sie bitte in meine Zimmer. Ich komme sofort.“

„Der Wunsch einer schönen Dame ist mir Befehl.“

Er erhebt sich und entschwindet in mein Zimmer. Ich stehe auf, schnappe mir ein Handtuch und wickele mich darin ein. Mit einem anderen trockne ich meine Haare ab.

„Sie sind eine außergewöhnliche Frau, deswegen bin ich in ihrem Zimmer“, höre ich John aus dem Nebenzimmer rufen.

„Und sie sind unverschämt“, erwidere ich.

Ich gehe hinüber und sehe ihn lässig auf meinem Himmelbett sitzen. Er grinst mich frech an.

„Sehen sie“, ich deute auf ihn, „unverschämt.“

„So bin ich“, erwidert er unbekümmert, „ach und gekommen bin ich durch die Tür.“

„Auch wenn ich sehr tolerant bin, finde ich es doch auch im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht sehr schicklich, oder sollte ich sagen, kompromittierend, bei einer Dame, die man nicht kennt, ins Badezimmer einzudringen.“

Ich verschwinde hinter meinem Paravent und schlüpfe in eines der wunderschönen Kleider, die Jenny für mich herausgelegt hat. Es ist ein Kleid im Empirestil aus dunkelgrünem Mousseline mit kleinen Ärmelchen. Auf die Säume und Bänder sind kleine Rosenblüten und Knospen aufgestickt. Ich frage mich, wie viele Stunden die Stickerin an diesem Kleid gesessen hat. Als ich wieder hinter dem Wandschirm hervor trete, sehe ich wie John mich von oben bis unten betrachtet.

„Ich sagte doch sie sind schön.“

Seine Augen leuchten begeistert, er springt vom Bett auf, kommt auf mich zu, zieht meine Hand an seine Lippen und küsst sie zärtlich.

„Sie haben das gesagt?“, frage ich schwermütig.

„Ja, vorhin im Bad“, John nickt, „das scheint sie aber nicht zu freuen.“

Ist es wirklich John gewesen, der mit mir gesprochen hatte? Ich kann es nicht glauben, will es auch nicht. Ich entziehe John meine Hand, gehe zum Spiegeltisch, greife mir eine der vielen Bürsten und richte mir die Haare. Ich nehme das goldene Band aus meinem Rucksack und flechte es mir in meinen Zopf. Ich wünschte, ich könnte aufwachen und säße in meinem Abteil, Raoul hielte meine Hand und würde mich seinem unglaublichen Lächeln ansehen.

„Verzeihen sie John“, versuche ich eine Erklärung, „aber mein Herz ist nicht frei und ich dachte“, ich breche ab.

„Sie dachten, er wäre es, der bei ihnen ist.“

Ich nicke wortlos. John tritt hinter mich und betracht mich im Spiegel und ich ihn. Er hat halblange Locken, die sein männliches Gesicht etwas weicher wirken lassen. Sein Körper ist sehnig und muskulös, ohne kraftprotzig zu sein. Seine tadellose Kleidung ist schlicht und chic. Sie betont sein breiten Schultern und seine schmalen Hüften. Sanft legt er seine schlanken Hände auf meine Schultern. Sein Blick ist dunkel, aber ich kann seine Gefühle verstehen.

„Wer weiß“, sagt er, „was die Zeit uns zeigt.“

„Die Zeit“, flüstere ich und sehe seinen begehrenden Blick im Spiegel.

Die Zeit läuft mir davon, habe ich das Gefühl. Ich bin hier und Raoul ist weit fort. John scheint zu glauben, dass ich für längere Zeit hier sein werde. Ich weiß ja nicht, wie er darauf kommt, aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht verzettele.

„Begleiten sie mich in die Bibliothek?“, fragt er galant.

„Gerne“, ich nehme seinen Arm, „wussten sie, dass ich komme?“

John schüttelt den Kopf.

„Nicht direkt. Ich habe es gehofft. Schon oft sah ich sie in meinen Träumen und betete dafür, sie eines Tage zu sehen.“

James öffnet die Tür zur Bibliothek und wir treten ein. Gespannte Gesichter sehen uns entgegen. Ich klammere mich hilfesuchend an Johns Arm.

„Ich bin bei ihnen“, flüstert er, „verlassen sie sich auf mich.“

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