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Posts Tagged ‘Wolken’

Der Besuch in Bredevoort war längst überfällig. Seitdem ich durch einen Freund davon hörte, ging es mir nicht mehr aus dem Kopf. Eine ganze Stadt voll Bücher!

boekenstad

In meiner Fantasie sah ich mich, wie in der Erzählung von Walter Moers „Die Stadt der träumenden Bücher“, knietief durch ein Büchermeer wandern. Von dem englischen Gegenstück „Hay-on-Wye“ hatte ich gehört und war fasziniert. Nun war der Traum von einer Stadt der Bücher in erreichbare Nähe gerückt.

Am Ostersamstag machte ich mich endlich auf den Weg und mein erster Eindruck von Bredevoort: verschlafen. An einem Ostersamstag, wo im größeren Winterswijk Markttag ist und die Läden zum Einkaufen einladen, indes nicht verwunderlich.

Dorfstraße Bredevoort

Mir war das gerade recht. Die Stille nach der Fahrt, die frische Morgenluft und die Gelegenheit ungestört durch die gepflegten Altstadtgassen zu laufen und mir die Buchläden anzusehen, gefiel mir (gefällt mir immer sehr). Die Fahrt war so störungslos vergangen, dass bei meiner Ankunft noch kein Buchladen geöffnet hatte.

Um die Zeit zu überbrücken, gönnte ich mir eine Kaffeepause in dem gemütlichen Café/Bistro „De Heerlyckheit“ – die Herrlichkeit – und so war es. Sehr freundliches Personal, ein super Cappuccino, dazu ein Likör mit Sahnehaube und ein Gläschen Wasser für 2,60 Euro (könnten wir das in Deutschland bitte auch einführen?). Ich machte es mir gemütlich und schrieb meine ersten Eindrücke nieder.

Gegen halb elf brach ich auf und erkundete den Ort. Das erste kleine Schmankerl wurde mir direkt auf dem Marktplatz serviert. Dort steht eine Statue von Hendrikje Stoffel.

Hendrijke

Ihres Zeichens Rembrandt van Rijns Geliebte, Model und Mutter seiner unehelichen Tochter. Sie stammte aus Bredevoort und wohnte in der hübschen Gasse auf dem folgenden Foto.

Hendrijke Gasse

„Das Spiel ist verloren, Hendrikje starb. So musste ich also auch dies ertragen und sehen, wie ich mich damit abfinde. Heute Mittag haben wir sie begraben. Was damit für mich unter die Erde sank, ist gar nicht auszusprechen.“

Aus Rembrandts Tagebüchern

Auf meinem Streifzug kam ich am englischen Buchladen vorbei, der sehr distinguiert und aufgeräumt ist.

Englischer Buchladen

Ich machte einen Abstecher in die Touristeninfo. Ein sehr netter älterer Herr gab mir einen Stadtplan, erklärte mir, wo sich die Ausstellung des chinesischen Zeichenkünstlers He Jiang befand und was man sich in der Umgebung anschauen kann. Außerdem gab er mir einige Infobroschüren über die Landschaft und Sehenswürdigkeiten des Achterhoek (so etwas wie die Wetterau für die Bad Nauheimer) in Gelderland (so etwas wie Hessen für die Deutschen).

Weite

Dabei sind die Sehenswürdigkeiten direkt vor meiner Nase. Das Wort Sehenswürdigkeit setzt sich aus Sehen und Würdigkeit zusammen und in Bredevoort gibt es diese Kleinodien an jeder Ecke zu bestaunen. Ob es das Fenster eines Antiquitätenladens ist, in dem es kleine skurrile Ausstellungsstücke zu betrachten gibt, die liebevoll dekorierten Eckchen und Vorgärten oder die vielen Fenster mit Schmuckstückchen. Wer die Augen offenhält wird mit verschwenderischen Aus- und Einblicken belohnt.

de hoek II

Ausblick II

Ich wusste von der Internetseite Bredevoorts Bredevoort Bücherstadt , dass es auch einen deutschen Buchladen gibt und natürlich war ich gespannt, was für Bücher ein deutscher Buchladen in den Niederlanden verkauft und machte mich auf die Suche. Dabei kam ich an vielen kleinen und größeren Buchantiquariaten vorbei. Außerdem an zahlreichen Bücherregalen, die vor den Läden und auch vor privaten Häusern aufgestellt sind.

Bücherregal 1

Bücherregale IV

Ein Buch kostet zwischen einem und zwei Euro. An den Regalen sind Hinweise angebracht und ein Verweis, wo das Geld einzuwerfen ist. Es lohnt sich also Kleingeld einzustecken, um für etwaige Schatzfunde gerüstet zu sein. Denn auch zwischen den niederländischen Büchern lassen sich deutschsprachige Bücher finden. Wie meine beiden hübschen Ausgaben von Wieland zeigen.

Nicht weit von der Touristeninformation stieß ich in der Landstraat 13 auf den deutschen Buchladen. Der Besitzer, Herr Heeke, war lud gerade Bücher aus. Ich stöberte in den Regalen vor dem Haus und erstand ein Exemplar von „Die blaue Blume“, ein Roman von Penelope Fitzgerald, nachdem Herr Heeke den Laden geöffnet hatte. In seinem Antiquariat konnte ich viele antike Bücher bestaunen, und ich meine wirklich antik (!). Außerdem durfte ich ein Buch anfassen und hineinschauen, das über fünfhundert Jahre alt ist. Dafür braucht man im Allgemeinen weiße Handschuhe und eine extra Genehmigung.

Herr Heeke erzählte mir, dass er seit den Anfängen des Bücherdorfes im Jahr 1993 dabei ist. Er suchte schon länger nach einer Gelegenheit etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen, wie die Einwohner von Hay-on-Wye. Als er hörte, dass die Bredevoorter vorhatten eine Bücherstadt zu gründen, war für ihn klar, dass ist die Chance. Mit einigen Kollegen aus Bredevoort verfasste er ein Buch über das Dorf der träumenden Bücher, unter dem Titel: Die Praktikantin, Le Bookinist & De Boekenstadt.

Nach unserem Plausch ging ich zum Restaurant, Hotel Bertram zurück, das sich am Marktplatz befindet. Die nette Besitzerin führte mich in das Gästehaus in der Seitengasse.

Gästehaus Bertram

Ein schönes, sauberes, gemütliches Zimmer wartete auf mich. Das wurde am Sonntag noch durch ein tolles Frühstück getoppt. Der Innenraum der Gaststätte ist im Stil einer mittelalterlichen Schenke gehalten. Mit rustikalen Tischen, Bänken, einem Kamin, Butzenfenstern und dicken Deckenbalken. Die Chefin erzählte mir, dass das Haus 1704 erbaut und 1994 renoviert wurde.

 IMG_3221

Sonntag

Der Wetterbericht hatte drei Tage schlechtes Wetter angesagt. Regen, Schnee, Hagel usw. Tatsächlich war es sonnig, mit einigen Wolken und wunderschön. Bis auf den Sonntagmorgen. Der Himmel grau und es nieselte. Genau der richtige Zeitpunkt die Villa Mondrian in Winterswijk zu besuchen und nachzuholen, was ich bei meinem ersten Besuch verpasste. Nach einem super leckeren Frühstück, mit allem drum und dran, einschließlich frisch gepresstem O-Saft und Ei, machte ich mich auf den Weg ins benachbarte Winterswijk (circa 10 Kilometer).

Mondrian lebte ab dem Jahr 1880 bis ca. 1892 in dem hübschen Städtchen, in der Zonnebrink 4, als er achtjährig mit seiner Familie dorthin übersiedelte, da sein Vater Piet Mondriaan Senior, dort als Lehrer arbeitete. Bis zum Jahr 1901 kehrte er immer wieder dorthin zurück, um zu arbeiten.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, bin ich, was die modernen Meister angeht eher skeptisch. So wie ich bei Büchern den Klassikern zu neige, so bevorzuge ich in der Malerei die gegenständlichen Werke. Allerdings, wenn sich das Mondrian Museum direkt in Reichweite befindet, dann sollte man es auch besuchen und einfach sehen, was kommt. Augen auf, neugierig sein und sich inspirieren lassen.

Das Museum besteht aus dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Mondriaan und einem Anbau, der es mit dem Eckhaus verbindet.

An der Kasse wurde ich von einer sehr freundlichen Dame begrüßt, die mir den Audio-Guide einstellte und erklärte. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass mit der Eintrittskarte (9 Euro) ein Kaffee/Tee im gemütlichen Cafe eingenommen werden kann.

Wenn wir an Mondrian denken, dann fallen uns meistens blaue, gelbe, rote Quadrate, schwarze Linien und weißer Untergrund ein. Bei meinem Eintritt in den ersten Saal des Museums, war es das, was ich erwartete und wurde zu meiner Freude enttäuscht. Das erste Bild, das mir sofort ins Auge fiel war eine Wandtafel mit dem Spruchband „Dein Wort ist Wahrheit“. Es wurde von Mondriaan Senior entworfen und von Piet gemalt.

Vater Mondriaan war ein sehr guter Zeichner und Lithograf (einige seiner Arbeiten sind ausgestellt). Das Bild „Dein Wort…“ ist voller Symbole und Zeichen, wie es bei den alten Meistern üblich war. Kannte man sich aus, konnten die Bilder, wie Bücher gelesen werden. (Sanduhr – Zeit, Flamme – Liebe, Taube – Frieden, usw.) Teilweise gab es zu den Lithografien kleine Hefte in denen die verschiedenen Symbole erklärt wurden, damit der Betrachter das Bild lesen konnte.

Daneben wurden Bilder gezeigt, die Mondrians malerischen Werdegang zeigen. So Kopien alter Meister, zu Übungszwecken. Die Kopien durften dabei nie ganz den Originalen entsprechen. Sie mussten sich in den Formaten und in gewissen Details unterscheiden, damit man sie auseinanderhalten konnte.

Unter anderem zeigt die Villa Mondrian auch Gemälde seiner Malerkollegen, Theo van Doesburg, Vilmos Huszar usw., die sich mit weiteren Künstlern zu der Gruppe „De Stijl“ zusammenschlossen. Die Mitglieder bekannten sich zu einer geometrisch-abstrakten, „asketischen“ Darstellungsform in Kunst und Architektur. Sie wollten die naturalistischen Formen komplett in Farben und geometrische Muster auflösen. Dazu gibt es verschiedene Beispiele in Mondrians Arbeiten, die die fortlaufende Wandlung eines Sujets in Auflösung der Geometrik zeigen.

In einem Raum sind Bilder von Frits Mondriaan ausgestellt. Onkel Frits, der Bruder des Vaters, war Landschaftsmaler. Er nahm den jungen Piet mit in die Natur, um zu malen. Onkel Frits Bilder gefallen mir übrigens sehr gut.

Ein Bild von Mondrian, das mir in der Ausstellung sehr gefiel, war eine Weide, gelegen an einem Fluss, mit alten knorrigen Bäumen und grasenden Kühen.

Desweiteren gibt es Filme über Mondrians Leben, Werdegang und später die Zusammenarbeit mit Cornelis Bruynzeel, der Möbel herstellte. Außerdem ist in diesem Jahr eine wechselnde Reihe niederländischer Designer ausgestellt, die das moderne Dutch Design zeigen.

Mondrian sagte: „Ich habe kein Interesse an Gemälden, sondern an Entdeckungen.“ Daneben liebte er Musik, besonders Jazz, tanzte sehr gerne und liebte die Damen. Es gibt sogar ein Quartett mit 52 Damen, die in Mondrians Leben eine Rolle spielten.

In einem Raum wurde sein Arbeitszimmer gezeigt. Die Wände und Möbel waren weiß, bis auf verschiedene farbige Vierecke an den Wänden, die nach Belieben verändert werden konnten. Auf seinem Tisch lagen die verschiedenen Komponenten (farbige Vierecke) für seine Bilder, die er dann auf weißem Untergrund montierte.

Die Informationen waren vielfältig und für einen Mondrian Neuling ausgesprochen spannend und inspirierend. Tatsächlich hat mir die Ausstellung verdeutlicht wie Mondrian zu seiner Sicht der Dinge gekommen ist, wie sich seine Malerei entwickelte und auch in Ansätzen, was für ein Mensch er war. Ich kann das Museum unbedingt empfehlen und werde es auf jeden Fall wieder besuchen.

Nach meinem Besuch im Museum bin ich „durch die Gegend gefahren“. Und das Achterhoek hat eine Menge davon. Hübsche Dörfchen, Höfe, Wäldchen und Bäche, Wiesen, und einen endlosen Himmel.

Wiesen II

Zurück in Bredevoort, machte ich einen Spaziergang durch den Ort, den Park an der großen Gracht entlang, die sich in mittelalterlichen Zeiten um die Stadtmauer zog. Die ersten Grachten wurden um 1100 in Bredevoort ausgehoben. Leider ist davon nur noch eine große Gracht und eine kleine (ziemlich klein) vorhanden.  Im September findet dort das Lichterfest statt.

Ich gab mich den Betrachtungen des Wassers und der Wolken hin und genoss die Stille, wenn Bäume Geschichten erzählen und die Spatzen Neuigkeiten von den Dächern pfeifen.

Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer kam ich am „De Zwaan“ vorbei.

Der Schwan II

Ein Musik-Cafe mit langen Regalen antiquarischer Bücher. So eine Besonderheit konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Ich machte es mir an einem der Tische gemütlich und zückte mein Schreibzeug. Der Kaffee war gut und der Besitzer sehr freundlich.

Ich bedauere außerordentlich, dass ich nur zwei Tage zur Verfügung hatte, auch wenn die Niederlande jedes Mal eine Erholung für mich sind, reicht es einfach nicht aus, um weiter einzutauchen und komplett abzuschalten.

Aus welchem Grund auch immer, aber sobald ich die deutsche Grenze nach den Niederlanden übertrete, hab ich das Empfinden die Zeit schaltet um. Es ist ein tiefes Durchatmen, das alles erfasst. Mag es an der Weite des Himmels liegen, den Gedanken an das nahe Meer, dem unnachahmlichen Licht, das den besonderen Reiz der niederländischen Maler ausmacht oder auch dem freundlichen, entspannten Wesen seiner Einwohner. Sicher von allem etwas.

Selbst Mondrian kehrte frustriert aus Spanien zurück. Es war nicht das Licht seiner Heimat und er konnte dort nicht malen. Vielleicht ähnlich wie van Gogh, der mit der gleißenden Sonne Frankreichs seine Mühe hatte.

Ich verstehe Mondrian nur zu gut. Das Grün der Wälder und Wiesen im Zusammenspiel mit dem unendlich weiten Himmel und den Wolken ist besonders.

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zee en wolkjes VIII

Das ist nicht für jeden Menschen geeignet. In den Niederlanden gibt es viele Orte an denen es so „still“ ist, dass einen die Gedanken regelrecht anschreien. Man kann sie nicht überhören und mit nichts übertönen.

Wir sind nur ein Hauch. Im Vergleich zur Ewigkeit. Weniger als ein Blatt im Wind. Zerbrechlich wie Strohhalme. Am Ende sind wir gegangen, ehe wir richtig angekommen sind. Wenn wir erkannt haben, dass wir nichts wissen, ist es vorbei. Doch das Land bleibt ewig, das wusste schon Scarlett O`Hara. Wenn wir lange vergessen sind, wachsen die Bäume weiter, fliegen die Vögel über Wiesen und Wälder, grasen die Kühe auf den Weiden, blühen die Blumen. Es zählt nur dieser Moment, denn was im nächsten kommt wissen wir nicht.

Und so packte ich früh am Montag meine Tasche, frühstückte im Restaurant und machte mich bereit nach Hause zu fahren, doch nicht ohne den Händlern beim Auspacken ihrer Bücherkisten für den Bücherflohmarkt auf dem Marktplatz zuzusehen, auf dem am Tag vorher die Stände aufgebaut worden waren und noch ein Buch zu erstehen. Schätzchen fallen einem meistens unerwartet in die Hände.

Büchermarkt II

Für die, die Lust gekommen haben Bredevoort einen Besuch abzustatten, hier weitere Termine für den großen Büchermarkt 2017:

Internationaler Büchermarkt, Pfingstmontag, 5. Juni, 10 – 17 Uhr

Büchermarkt für Privatleute, Samstag, 8. Juli, 10 – 17 Uhr

Internationaler Büchermarkt, Samstag, 29. August, 10 – 17 Uhr

Die Buchläden in Bredevoort haben vorzugsweise am Wochenende von 11 – 17 Uhr auf und am Nachmittag. Ein Besuch in der Stadt der träumenden Bücher lohnt sich auf jeden Fall und sei es, um einen Kaffee zu trinken und dazu ein Stück Apfelkuchen mit Nüssen zu essen. In Bredevoort hat man Zeit zu plauschen und zur Ruhe zu kommen. Herr Heeke schreibt in seinem Flyer so schön:

„…einfach mal reinschauen – die Eingangstür klemmt, der Holzofen brennt & de Koffie is klaar.“

PS.: Noch eine Frage in eigener Sache. Falls mir jemand sagen könnte, ob der Titel dieses Buches

Poesie

tatsächlich wörtlich zu verstehen ist? Schnelltrocknende Poesie? 

 

 

 

 

 

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Im Museum

Der R8 schoss in die Parkbox vor dem Museum. Ich stellte den Motor aus und sah Aaron an.

„Und? So schlimm war es doch gar nicht.“

Aaron sah mich mit tadelndem Blick an. Er löste den Sicherheitsgurt und atmete hörbar auf.

„Endlich da.“

Ich verkniff mir ein Grinsen.

„Ach komm, so wie du Motorrad fährst, dürfte diese Fahrt wie auf Wolken gelaufen sein.“

„Du hast keine Ahnung!“

Aarons Diskurs wurde durch ein Klopfen an das Seitenfenster unterbrochen. Wir zuckten beide zusammen.

„Hallo, Clara, ich hatte dich nicht so früh erwartet.“ Oliver bemerkte Aaron und sein Lächeln schrumpfte zusammen. Er nickte leicht und sagte nur: „Aaron.“

„Oliver“, zu mehr war auch Aaron nicht bereit.

Die Fronten waren klar abgesteckt. Das kann ja heiter werden, dachte ich und stieg aus.

„Hallo, Oliver.“

„Schönes Auto“, sagte er anerkennend und klopfte auf das Dach des schwarzen Audis.

„Danke, das ist der Vorteil ein Agent der ABMA (Abteilung zur Beschaffung mysteriöser Artefakte) zu sein. Das Equipment ist hervorragend.“

Oliver wollte etwas sagen, aber Aaron war ebenfalls ausgestiegen und schob sich in sein Blickfeld.

„Und, alles erledigt?“

Er warf Oliver einen scharfen Blick zu. Der ignorierte ihn geflissentlich. Aarons Gesicht sprach Bände. Ich öffnete den Kofferraum. Unter einer speziellen Abdeckung, die durch ein gesondertes Schloss gesichert war, befand sich die Ausrüstung. Aaron schob Oliver beiseite und nahm seine Tasche heraus. Der gab einen knurrenden Laut von sich.

„Leute“, ich drehte mich um, „ihr könnt euch prügeln wenn ihr wollt! Später! Jetzt geht es um eine wirklich wichtige und gefährliche Sache! Reißt euch zusammen.“

Beide sahen mich an. Während Oliver Schuldbewusstsein ausstrahlte, funkelten Aarons Augen kampflustig, aber er sagte nichts. Dass hatte ich allerdings auch nicht erwartet. Ich nahm meinen Rucksack aus dem Safe und verschloss ihn wieder. Ohne auf die beiden Streithähne zu achten, steuerte ich auf das Museum für Stadtgeschichte zu. Der rote Backsteinbau thronte wie ein gigantischer Wächter über der Stadt und beherbergte eine naturkundliche und eine stadtgeschichtliche Sammlung. Erstaunlich, dass das außergewöhnliche Artefakt seit Jahren in einer Vitrine stand, der Öffentlichkeit zugänglich und nie ein außergewöhnliches Ereignis stattgefunden hatte. Oder keines, das publik geworden war.

Oliver hielt mir die Tür auf. Als ich an ihm vorbei ging, nahm ich einen Duft wahr. Er erinnerte mich an etwas, allerdings konnte ich es in diesem Moment nicht an einem bestimmten Ereignis festmachen.

„Erste Etage“, sagte er und deutete die breite Sandsteintreppe hinauf, „frühes Mittelalter.“

Der Innenraum des Museums war ebenso imposant wie das Äußere. Hier sah man, entgegen der schlichten hanseatischen Bauweise der Front, mehr Dekorationen. Schöne Türblätter, verzierte Säulen und Stuckarbeiten an den Decken erfreuten das Auge. Ganz zu schweigen von den ausgestellten Exponaten.

Hinter einem dunklen Holztresen stand eine junge Frau, die für Eintrittskarten und Museumsshop zuständig war. Oliver schien sie über unser Erscheinen informiert zu haben, denn sie grüße nur freundlich und winkte uns ohne weitere Komplikationen durch.

Wir stiegen in den ersten Stock hinauf. Oliver vor mir, Aaron hinter mir. Wieder fiel mir der Geruch auf. Fieberhaft arbeiteten meine Synapsen.

„Hier entlang“, Oliver ging in einen Ausstellungsraum, „dort in der Vitrine.“

Der Raum beherbergte drei riesige Schränke, die einst in Kirchen gestanden hatten und in denen die sakralen Geräte untergebracht waren. Sie waren mindestens 2,50 bis 3 Meter hoch und 2 Meter breit und mit breiten Eisenscharnieren und Nieten verziert. Dazwischen standen eine Kirchenbank, Truhen und Vitrinen mit kleinen Exponaten.

„So und wie läuft das jetzt?“

Oliver sah mich aufmerksam an. Ehe ich antworten konnte, sagte Aaron:

„In dem du die Klappe hältst.“

Ich seufzte.

„Bitte! Wenn ich gewusst hätte, wie das hier abgeht, wäre ich ohne euch gefahren.“

Gespannte Stille trat ein. Ich ging auf die Vitrine zu und schaute mir die verschiedenen Behälter genau an. Besonderes Augenmerkt legte ich auf das älteste Artefakt.

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Das Kästchen war sehr gut erhalten. Es hatte Verzierungen und einen Griff auf dem Deckel, der mit einem zusätzlichen Riegel am Korpus gehalten wurde. Der Schlüssel fehlte. Irgendetwas stimmte nicht. Normalerweise erkannte ich sofort, wenn ein Artefakt eine Anhaftung hatte. Doch hier spürte ich nichts. Entweder war es nicht das Kästchen selbst, das die Gefahr darstellte, sondern der Inhalt. Aber das bemerkte ich normalerweise, wenn ich in die Nähe kam. Manchmal auch von weiter weg, je nachdem wie stark die Kräfte wirkten.

„Merkwürdig“, ich öffnete den Rucksack und holte ein altes Buch heraus und schlug es auf, „es sieht genauso aus, wie auf der Abbildung.“

Aaron trat neben mich und sah mir über die Schulter. Oliver blieb in sicherer Entfernung stehen, er beobachtete mich mit Argusaugen. Ich konnte seinen stechenden Blick in meinem Nacken fühlen.

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Beton und Glas

Hochhäuser

Kratzen an Wolken

Brechen den Himmel

Auf für Sonnenstrahlen

Erhellen den dunklen

Morgen aus Einsamkeit

Du siehst wie ich

Denselben Himmel

Ein Stück Blau

Deine glänzenden Augen

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In dem Café

„Hoch-über-der-Stadt“,

Nahe dem Turm

Mit dem goldenen Zifferblatt

 

Saß ein Liebespaar,

Hand in Hand,

Und er schwieg und er sah,

Und sie sah und verstand.

 

In dem Café

Hoch über der Stadt,

Wo es Wolken und

Sonne hat,

 

Ziehen die Wege fort

Über Land,

Pappeln stehen

Am Wegesrand,

 

Und die Welt ist

Wehend und weit!

Nahe dem Turm

Mit der goldenen Zeit

 

Saß ein Liebespaar,

Hand in Hand,

Und sie sah und sie schwieg –

Und er schwieg und verstand.

                                       J.R.Becher

 

Heute Morgen habe ich einen kleinen Abstecher zum Bücherflohmarkt gemacht und in einem Gedichtband – „Ich denke dein“ – dieses hübsche Gedicht gefunden.

 

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Großreinemachen und gute Vorsätze müssen sich nicht ausschließen – können sie aber. Wenn das Reinmachen zu den Vorsätzen gehört, super – wenn nicht – kann auch super sein, muss es aber nicht. Das Großreinemachen gehörte Ende 2015 nicht zu meinen guten Vorsätzen, es schlich sich eher so peu a peu ein.

Drei Tage an der See – Wolken, eisiger Wind, ungestüme Wellen und Einsamkeit.

Eck. Dünen 2

Angenehme Einsamkeit in einer wunderschönen roten Backsteinkirche,

Nicolai Kirche 6

in der es nach Tanne duftete, einem liebvoll eingerichteten Heimatmuseum,

Eckernförde, Museum am Markt 1

das einen Dichter und Philosophen sein eigen nennt, und in gemütlichen Cafes mit aromatischem Kaffee und leckerem Gebäck.

Cafe Heldt innen

Abends saß ich in einem heimeligen Gästezimmer, mit meinem neuen Buch, das ich mir als Reiseandenken gekauft hatte, meinem Laptop, meiner Musik und einem Zeitungsartikel in dem es um: „Neue Visionen deines Lebens“ ging und meinen Gedanken.

Kiel, Unterkunft 7

Seit über zehn Jahre schreibe ich. Es ist ein besonderer Teil meines Lebens. Schreiben macht mich glücklich. Ich schreibe jeden Tag und gerne. Aber es gibt auch andere Sachen, die ich gerne tue und die ich vernachlässigt habe. Eine davon ist Zeit zu haben, ohne Druck im Nacken. Zu lesen und mich in den Stoff zu vertiefen, nähen, häkeln, spazieren gehen, fotografieren, Ideen nachgehen, Notizen machen – einfach mal so – ohne zu wissen wohin es führt.

Natürlich gibt es die Idee zu einem neuen Roman. Notizen, einige Skizzen, Personen, den Ort. Und doch – es ist das erste Mal, seit langem, dass ich es nicht eilig habe. Angenehm. Aufatmen. Es wird geschrieben, wenn es so sein soll. Keine Eile, nichts überstürzen. Leben. Leben um zu schreiben. Es wird Zeit die Dinge anders anzugehen.

Konstantin Paustowski schrieb: „Die Fähigkeit, das Leben als etwas ständig Neues zu empfinden, ist jener fruchtbare Boden, auf dem die Kunst erblüht und reift.“

Ich will nicht schreiben müssen. Ich möchte schreiben wollen. Das kommt wieder. Ich kenne die Phasen. Doch diese Phase ist frei gewählt. Ich will mich ausklinken, will sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen. Ich will mich nicht quälen, um meine Fähigkeiten als Schriftstellerin unter Beweis zu stellen oder mich abwatschen zu lassen. Ich die meiste Zeit meines Lebens in der Pflicht und gerade jetzt ist es an der Zeit nicht in der Pflicht zu sein oder nur, wenn ich es für richtig halte.

Wenn es Zeit ist, möchte ich schreiben wollen. Bis dahin will ich leben, mich mit dem Strom dahin gleiten lassen und einfach ich sein.

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Für Alfred Walther Heymel, Dezember 1907, Rilke

Tage, wenn sie scheinbar uns entgleiten,
gleiten leise doch in uns hinein,
aber wir verwandeln alle Zeiten;
denn wir sehnen uns zu sein…

Blick von meinem Schreibtisch aus

Blick von meinem Schreibtisch aus

Tage wie dieser – mit unglaublich blauem Himmel, weißen Wattewolken, frisch gereinigter Luft, nach einem nächtlichen Donnerwetter, am PC sitzen und schreiben, die unangenehmen Dinge alle erledigt, Wohlfühlmusik im Hintergrund und eine Tasse Milchkaffee – gibt es Besseres? Einfach sein. Nur gerade im Hier und Jetzt. Dahingleiten, in den Tag hineingleiten. Ohne Hektik tun, was sich ergibt. Gedanken und Träumen nachhängen. Einfach sein, ohne sein zu müssen. Ich möchte diesen Moment festhalten. Er ist flüchtig, wie das Glück. Doch in mir hat er einen leuchtenden Abdruck hinterlassen.

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Die Stille ist dumpf und feucht. Der Nachthimmel ist von schweren Wolken verdeckt. Ich höre den ersten Donner grollen. – Endlich. – Ich stehe barfuß auf der Terrasse, die Fliesen unter den Füßen sind warm. Wieder brummt ein Donner zu mir herüber. Er ist noch einige Kilometer weg. Ich kann die Blitze in der Ferne sehen, aber der Paukenschlag braucht eine ganze Weile, bevor er an meine Ohren dringt. Nun frischt die Luft auf. Eine Brise, erst lau und feucht rollt über mich hinweg. Die nächsten Winde werden deutlich kühler. Blitz und Donner folgen jetzt schnell aufeinander. Der Wind trägt das Gewitter in hastigem Tempo näher. Ich atme tief durch. Die ersten Regentropfen fallen, wie winzige Perlen, dann bricht es aus dem Himmel hervor, als öffneten sich alle Schleusen. Ich breite meine Arme weit aus, strecke mein Gesicht dem Wasser entgegen und warte bis die Feuchtigkeit meine erhitze Haut abkühlt. Dann gehe ich hinein und trockne mich ab.

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