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Posts Tagged ‘Villa’

Die Grundszene war im Kopf. Ich wusste, was sie aussagen sollte und warum ich sie schreiben wollte. Eine wichtiger Brief sollte überbracht werden.

Aber wo sollte die Szene stattfinden? Wie steige ich ein? Wie lautet der erste Satz?

Zwei Tage drückte ich mich um die Szene herum. Machte Notizen, durchdachte die Personen und wie sie sich unter den gegebenen Umständen verhalten würden.

Wer überbringt die Botschaft? Wird die Hauptperson der Szene die Augenbrauen hochziehen, wenn er von der Botschaft erfährt? Wie redet er, geschwollen oder locker? Ist er wütend über die Störung, amüsiert oder genervt? Was tut er, wenn er weiß, wie die Botschaft lautet?

Danach dachte ich darüber nach, dass ich einen weiteren Roman in diesem Fantasie-Universum schreiben sollte und wie er aussehen könnte.

Doch das Problem löste sich nicht. Ich hatte inzwischen verschiedene Sets im Auge, aber keins kam mir wirklich „richtig“ vor. Es musste etwas passieren, um die Sache ins Rollen zubringen und das,  was mir am besten hilft ist: rausgehen!

Ich habe mir vor einige Wochen eine tolle Ausstellung im Liebighaus angesehen. Sie hat mir so gut gefallen, dass klar war, ich würde sie mir noch einmal anschauen. Zufällig hatte ich gestern einen Tag frei, also eine gute Gelegenheit rauszugehen und die Gedanken auf etwas anderes zu richten.

Gesagt getan. Ich war noch nicht aus der Haustür – um ehrlich zu sein, hatte ich gerade meinen ersten Kaffee – da wusste ich, wie das Setting aussehen sollte, wer der Überbringer der Botschaft sein sollte, wie die Szene anfangen sollte usw….

und es hatte mit dem Liebighaus zu tun. Die Villa ist genau der passende Ort! Die breite Marmortreppe, die aus der großen Halle in die nächste Etage führt und später in den „Salon“. Also in meinen Romansalon 🙂 . Ich sah den Überbringer der Nachricht die Treppe hinauflaufen, spürte seine Aufregung, wusste, wie er aussah und kannte seinen Namen.

Ich hätte mich sofort an den PC setzen können, um die Szene aufzuschreiben. Doch ich war mit einer Freundin verabredete und bin ins Museum gefahren. Es war ein toller Tag und durch den weiteren Besuch im Liebighaus konnte ich mir die Örtlichkeit noch einmal genauer anschauen. Die Atmosphäre spüren, um sie für meine Szene einzufangen. Ich freue mich schon darauf sie zu schreiben.

Und hier meine Halle und meine Treppe!  Fürstlich, wie es sich gehört 😉 .

btr

 

 

 

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Ich befand mich auf dem Heimweg, als ich das Mädchen zum ersten Mal sah. Sie ging langsam an den Häusern unseres Viertels vorbei und schaute sich die Vorgärten und Fassaden an, als suche sie etwas. Mir fiel ihre altmodische Kleidung auf. Sie trug ein Spitzenkleid, dass ihr bis auf die Knöchel fiel und dazu Schnürstiefelchen. Ihre Haare waren in einen dicken Zopf geflochten. Ich dachte, sie könnte aus einem alten Film entsprungen sein.

Unerwartet blieb sie vor einer Villa stehen. Ein wunderschönes Haus, übriggeblieben aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts. Manchmal, wenn der merkwürdige Besitzer nicht zu Hause war, waren wir mutig und spielten in dem großen Garten mit den alten Bäumen. Das Mädchen legte die Hand auf die Klinke der Eingangspforte. Noch ehe ich sie vor dem Besitzer warnen konnte, war sie schon durch den Spalt geschlüpft und verschwunden.

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Lea steigt aus dem Taxi. Das Erste, das ihr noch vor dem Haus auffällt, ist der Duft. Eine leichte Brise trägt Rosen und Lavendelduft mit sich. Darunter mischt sich das Aroma von überreifen Beeren und Gras, außerdem dringt das Plätschern von Wasser an ihr Ohr.

Das Taxi braust davon. Lea lädt sich ihr Gepäck auf. Rucksack, Reisetasche und einen große Trolley. Der Rest ihrer Besitztümer, der Hauptsächlich aus Büchern besteht, kommt mit einem Container. Sie tritt durch das verrostete Gartentor. Ein Flügel hängt schief in den Angeln. – Wenn es entrostet und gestrichen ist, wird es ein kleines Juwel sein. – Lea bemerkt die kunstvollen Verzierungen, aus Blättern und Blüten, mit Begeisterung. Mit Mühe zerrt sie ihren Trolley über den zugewucherten Weg zum Haus. Der Garten gleicht einem Urwald. Zulange hat niemand hier gelebt und die Natur forderte ihr Reich zurück.

Auch das registriert Lea mit Begeisterung. Die vor Kraft strotzenden Pflanzen gefallen ihr. Egal ob Unkraut oder Nutzpflanze. Lea liebt sie alle. Bevölkert von schillernden Insekten, die von eifrigen Vögeln verspeist wurden, Mäusen, Schildkröten, die in aller Seelenruhe durch die hohen Gräser stampften, Geckos, die sich in der Mittagshitze in ihren Verstecken verkriechen um in der Abenddämmerung auf Raubzug zu gehen. Irgendwo in der Nachbarschaft meckert eine Ziege.

Lea sieht das Haus zuerst durch die Zweige der alten knorrigen Oliven, die einen schützenden Kreis bilden. Sie fühlt sich wie ein ungebetener Gast. Vor der kleinen Treppe zur Veranda stellt Lea ihr Gepäck ab und staunt. – Das ist es also. Unglaublich! Es ist wunderschön. –

Die weiße Villa hat die Form einer Südstaatenvilla, nur zierlicher. Viereckig, mit einer rundumlaufenden Veranda. Es besteht aus einem Erdgeschoss und einer erste Etage. Zum Teil ist es mit Bougainvillea, Jasmin, Clematis und wildem Wein bewachsen. Trotz des desolaten Zustandes kommt es Lea vor, als sei es direkt aus einem ihrer Träume in die Wirklichkeit versetzt worden. – Das ist ein Traum. Ich werde aufwachen und alles wird verschwunden sein. – Aus einem Impuls heraus streckt sie die Hand aus und umfasst das Treppengeländer. Sie fühlte die abblätternde Farbe, das aufgeraute Holz, die Wärme die von ihm ausgeht. – Echt. Es ist echt. – Lea seufzt.

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Metaphernmontage aus Gerald Durrell`s: Meine Familie und anderes Getier

– Juli war von einem schneidenden Wind wie ein Kerze ausgeblasen worden
– Sprühregen fiel und blähte sich zu undurchsichtigen grauen Tüchern auf
– Die Berge schliefen wie unter einem zerknitterten braunen Laken, dessen Falten mit dem Grün der Olivenhaine betupft waren
– Strand weiß wie Elfenbein
– Grüne Läden waren von den Fenstern zurück geschlagen worden wie die Flügel von tausend Motten
– Anschein huldvoller Majestät
– Fetter, kleiner Mann mit kriecherischen Augen
– Scharten sich wie die Geier um uns
– Schwarzen Augen zogen sich zu einem Knoten von Nachdenklichkeit zusammen
– Mit einer dicken Schicht seidigen Staubes bedeckt war
– Wie ein Federbett aus Olivenhainen, die wie Fischleiber glänzten
– Kleine erdbeerrote Villa wie eine im Laubwerk versteckte exotische Frucht
– Die warme Luft war schwer vom Duft unzähliger sterbender Blüten
– Heftete sich wie eine Klette an uns
– Der Puls des Meeres
– Mein Herz verhärtete sich

Der Juli war von dem schneidenden Wind wie ein Kerze ausgeblasen worden und ich sehnte mich nach wärmeren Gegenden. Ich stand am Fenster und betrachtete den englischen Sprühregen, der sich zu undurchsichtigen grauen Tüchern aufgebläht hatte und mir jede Neigung verbitterte hinaus zu gehen und frische Luft zu schnappen. Da kam es geradezu einem Wunder gleich, als Onkel Victor von einem reichen Griechen eingeladen wurde, auf seinem Grundstück Ausgrabungen vorzunehmen, da er der Ansicht war, dass sich dort wertvolle archäologische Stücke verbargen. Onkel Victor teilte seine Meinung zwar nicht, aber nichts desto trotz nahm er die Einladung an, die mit einer außergewöhnlich guten Aufwandsentschädigung einher ging. Sie würde ihn in die Lage versetzen die lange hinaus geschobene Expedition nach Ägypten zu finanzieren. So packten wir eilig unsere Koffer und Werkzeuge und begaben uns auf den Weg nach Korfu.

Als wir Korfu vor uns aus dem Meer aufsteigen sahen, an einem zarten Morgen unter sanften Frühnebeln, zitterte mein Herz vor Freude. Die Berge schliefen wie unter einem zerknitterten brauen Lacken, dessen Falten mit dem grün der Olivenhaine betupft waren und unter deren Rocksäumen halbmondförmige Spitzen hervor blitzen, Strände so weiß wie Elfenbein.

Als wir das Schiff verließen, heuerte mein Onkel einige der Gepäckträger an, die sich wie die Geier um uns geschart hatten, um sich ein paar Drachmen zu verdienen. Die übrigen Männer hefteten sich wie Kletten an meine Fersen. Ich versuchte mir den Anschein huldvoller Majestät zu geben, um sie von mir fern zu halten. Es blieb nur bei dem Versuch, der mir offenkundig missglückte. Ein fetter, kleiner Mann mit kriecherischen Augen und ungewöhnlich pompöser Aufmachung tat sich unter ihnen besonders hervor und griff nach meinem Arm, um mich aus der Menge zu ziehen.

„Lassen sie mich sofort los“, herrschte ich ihn an.

„Bitte Miss Lilienstein“, sagte er unterwürfig, „mein Name ist Leonidas Stamatis. Ich habe ihren Onkel nach Korfu eingeladen.“

Seine feuchte Hand auf meinem Arm ließ mich erschauern und ich entzog ihm meinen Arm so schnell es die Etikette unter diesen Umständen zu ließ. Ich wusste, dass ich es mir mit dem Finanzier meines Onkel nicht verderben sollte. Aber der ganze Mann war ein Affront gegen den guten Geschmack. Allein die dandyhafte Kleidung und der viel zu üppige Schmuck, dazu ein überdimensionaler Zylinder. Mister Stamatis wirkte eher wie ein deplazierter Zirkusdirektor, denn ein vornehmer Grieche. Bevor ich etwas dagegen tun konnte verhärtete sich mein Herz gegen diesen Mann, den ich erst wenige Minuten kannte. Zum Glück befreite mich Onkel Victor aus diese unangenehmen Situation.

„Mister Stamatis, sehr erfreut sie zu sehen“, sagte er und warf mir einen beruhigen Blick zu, „wohin sollen die Träger das Gepäck bringen?“

„Bitte überlassen sie alles mir“, sagte Mister Stamatis und rief den Gepäckträgern ein paar griechische Befehle zu.

Ich war erstaunt, dass ich den größten Teil davon verstehen konnte. Mein Studien in griechisch hatten sich also doch ausgezahlt.

„Das ist mein Neffe Nicolas Stamatis“, stellte er den jungen Mann vor, der neben einer der Kutschen stand und dessen schwarze Augen sich zu einem Knoten aus Nachdenklichkeit zusammen gezogen hatten.

„Sehr erfreut Mister Stamatis“, sagte ich und reichte ihm meine Hand.

„Ebenfalls“, murmelte er.

Ich hatte das unangenehme Gefühl, dass mit Mister Stamatis und seinem Neffen etwas nicht in Ordnung war. Nicolas half mir in den Landauer und setzte sich mir gegenüber. Als das Gepäck ordnungsgemäß verstaut war, gesellten sich Onkel Victor und Mister Stamatis zu uns und die Kutschen setzten sich in Bewegung. Nicolas, wie auch Mister Stamatis, beäugten mich mehr als neugierig, was ich versuchte zu ignorieren.

Ich betrachtete die weißen Häuser der Hafenstadt, deren grüne Läden von den Fenstern zurückgeschlagen waren, wie die Flügel von tausenden Motten. Der Weg führte ein gutes Stück am Meer vorbei, dessen Puls langsam und bedächtig an den Strand schlug. Die Straße war mit einer dicken Schicht seidigen Staubes bedeckt, der das Geräusch der klappernden Hufe dämpfte.

Alsbald sahen wir Mister Stamatis riesige graue Villa, die er uns mit unverhohlenem Stolz zeigte. Der Gedanke dort zu übernachten ließ mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Doch die Kutsche fuhr noch einige hundert Meter weiter und ich entdeckte eine kleine erdbeerrote Villa, wie eine im Laubwerk versteckte rote Frucht, inmitten eines Federbettes aus Olivenhainen, die wie Fischleiber glänzten. Nicolas musste meine Erleichterung bemerkt haben, denn er lächelte still in sich hinein und nickte mir mit einer leichten Bewegung des Kopfes zu. Fast verlegen fuhr er sich durch seine dunklen Locken und als die Kutsche hielt sprang er eilig hinaus und half mir beim Aussteigen.

„Wirklich vorzüglich“, sagte Onkel Victor, „ich darf annehmen, dass wir hier unser Domizil aufschlagen werden.“

„Sehr richtig, lieber Mister Lilienstein“, sagte Herr Stamatis erfreut über die Begeisterung meines Onkels, „die Ausgrabungsstelle liegt zwischen den beiden Häusern und dort“, er zeigte auf die kleine Villa, „können sie ungestört ihren Studien nachgehen, so wie sie es gewünscht haben.“

Ein paar Burschen kamen herbei geeilt und brachten unsere Koffer in die Villa. Die warme Luft war schwer vom Duft unzähliger sterbender Blüten, die die kleine erdbeerrote Villa in einen Mantel aus Wohlgeruch hüllte. Als ich die Veranda betrat konnte ich ganz in der Nähe das Meer sehen. Wäre Mister Stamatis nicht gewesen, es hätte das Paradies sein können.

…. eine hübsche Aufgabe falls du mal nicht weißt, was du schreiben sollst 🙂 . Nimm dein Lieblingsbuch, such dir eine oder zwei Handvoll Metaphern aus dem Text und schreibe deine eigene Geschichte in der du sie verwendest.

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Ich erwache vom Rucken des Zuges. Ich reibe mir die Augen, streiche mir durch die wirren Locken. Der Zug hat wohl angehalten. Mit wackligen Beinen stehe ich auf und öffne das Fenster des Abteils. Draußen läuft ein geschäftiger Bahnvorsteher hin und her, der den Leuten beim Aussteigen hilft. Da bemerkt er mich und winkt mir zu.

„Sie müssen leider auch aussteigen“, ruft er mir zu.

„Wieso? Was ist denn passiert?“

„Der Zugverkehr endet hier.“

Inzwischen ist er näher gekommen und steht vor meinem Fenster.

„Sie wollen mir sagen, von hier aus fährt kein Zug?“, frage ich entsetzt, „wie soll ich denn jetzt weiterkommen?“

„Keine Angst“, beruhigt mich der Bahnvorsteher, „der Zugverkehr endet zwar hier, aber in den nächsten Tagen, wird ein Zug von hier wieder zurückfahren.“

„Wohin zurückfahren?“

„Wohin sie wollen.“

Was für eine merkwürdige Antwort. Aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Ich steige aus, obwohl es mir gar nicht recht ist, den Zug zu verlassen. Hier weiß ich wenigstens, womit ich es zu tun habe, sobald ich aussteige, ist alles Neuland. Ich nehme meinen Trolley und meinen Rucksack und verlasse den Zug. Der Bahnvorsteher nimmt mir den Koffer ab.

„Wohin darf ich sie bringen?“, fragt er freundlich.

„Ich weiß ja noch nicht einmal, wo ich bin, und war auf so einen Zwischenstop nicht vorbreitet.“

„Ich verstehe“, sagt der Mann und kratzt sich am stoppeligen Kinn, „lassen sie mich überlegen. Ah, ich weiß, wohin ich sie bringen könnte. Eine sehr nette Familie.“

Er nimmt meinen Koffer, geht den Bahnsteig entlang durch das winzige Bahnhofgebäude auf die Straße. Ich folge ihm gespannt und aufgeregt. Immerhin ist es schon lange her, dass ich einen Bahnhof verlassen habe und mich ins Leben wagen musste.

Um den Bahnhofsplatz herum liegen ein paar Häuser, weiß getüncht wie im Süden. Der Platz wird von schattenspendenden Platanen gesäumt und in dem kleinen Cafe, sitzen ältere Männer beim Espresso, rauchen Zigarren und plaudern. Der Bahnhofsvorsteher stößt einen Pfiff aus und nach ein paar Sekunden hört man das Trappeln von Pferdehufen. Ein hübscher Einspänner biegt um die Ecke. Der junge Kutscher springt vom Bock, lädt meinen Koffer auf und hilft mir beim Einsteigen.

„Bringen sie die junge Dame zu Lady Shelley, sie hat immer ein nettes Plätzchen für Besucher frei“, sagt der Vorsteher und winkt mir zum Abschied.

Der Kutscher nickt und lässt seine Peitsche einmal knallen. Das Pferd setzt sich in Gang. Da fällt mir ein, dass ich nicht weiß, wann der nächste Zug fährt. Ich lehne mich aus der Kutsche.

„Wann kommt der nächste Zug?“ rufe ich dem Bahnhofvorsteher zu.

„Ich weiß es nicht. Wenn es soweit ist, werde ich es sie wissen lassen“, schreit er mir hinter her.

Ich lasse mich resigniert in meinen Sitz fallen und weiß nicht was ich sagen soll. Ich sitze fest. Was wenn kein Zug mehr kam? Ein vergessener Bahnhof. Gibt es so etwas? Das kann ich mir kaum vorstellen, wo doch bei der Bahn alles auf Fahrplänen festgehalten wird. Könnte es möglich sein, dass dieser hier durch die Finger der Bahnbediensteten gerutscht war? Auf nimmer wiedersehen verschwunden? Ein panisches Gefühl steig in mir auf. Ich muss in Erfahrung bringen, was hier vor sich geht, sonst werde ich Raoul niemals finden.

Als die Kutsche vor Lady Shelleys Anwesen hält, versuche ich meine Angst so gut wie möglich zu unterdrücken. Die Villa gleicht einem englischen Landhaus in einem südlichen Garten. Überall stehen üppig blühende Bäume, Büsche und fremdartige Blumen, die ich noch niemals gesehen habe. Zumindest scheint die Hausherrin Geschmack zu haben. Der Kutscher trägt mir den Koffer bis vor die repräsentative Haustür. Auf sein Klopfen hin erscheint ein Hausdiener im schwarzen Frack und mit gestärkten Hemd. Ich wundere mich doch sehr, dass in unserer Zeit noch solche antiquarische Bräuche gepflegt werden. Bis die Dame des Hauses erscheint. Lady Shelley kommt mit einem freundlichen Lächeln und ausgestreckten Armen auf mich zu.

„James, nicht so schüchtern. Lassen sie die junge Dame doch herein. Endlich mal wieder ein frisches neues Gesicht.“

James tritt mit unbewegter Miene zur Seite und lässt mich eintreten.

„Darf ich erfahren mit wem ich das Vergnügen habe?“, fragt Lady Shelley interessiert.

„Entschuldigen sie Lady Shelley, wie unhöflich. Mein Name ist Noelle Snow.“

Ich mache eine angedeutete Verbeugung.

„Was für ein hübscher Name“, Lady Shelley lächelt gewinnend, „darf ich sie Noelle nennen?“

„Ja, gerne.“

„Bitte nennen sie mich, Mary“, bietet mir Lady Shelley an und erklärt mir, während sie mich unterhakt, „wissen sie, ich hatte schon lange keinen Besuch mehr.“

„Das könnte an der ungünstigen Bahnverbindung liegen“, bemerke ich.

Sie zieht für eine Sekunde die Nase kraus, dann lacht sie schelmisch.

„Da könnten sie recht haben“, sie zieht mich weiter in die große Eingangshalle, „kommen sie meine Liebe. Sie werden müde sein, von der langen Reise und wollen sich sicher noch etwas frisch machen vor dem Abendessen?“

„Ja, sehr gerne, danke.“

„Kommen sie, ich zeige ihnen ihr Zimmer.“

Lady Shelley geleitet mich durch die Eingangshalle zu der großen Treppe, die zu beiden Seiten der Halle in den ersten Stock führt. Mir ist aufgefallen, dass Mary, ebenso wie ihr Diener, in einer altmodischen Tracht gekleidet ist. Nicht dass es zerschlissen oder alt, im Sinne von verbraucht wäre, sondern nur was den Schnitt betrifft. Man nennt es Empirestil. Ihr duftiges Kleid ist aus einem kunstvoll bestickten kostbaren Stoff und ihre dunklen Haare sind zu einer kunstvollen Frisur gesteckt, die mit Bändern und Perlennadeln zusammengehalten wird.

Lady Shelley ist eine ausgesprochen sinnliche, anziehende Frau. Ich blicke verstohlen zur Seite. Es fällt mir schwer ihr Alter zu schätzen. Sie bewegt sich und spricht, wie eine junge Frau, aber als ich vorhin ihre Augen sah, hatte ich das Gefühl, irgendetwas stimmte nicht.

Ich habe auf meiner Reise schon ab und an, das Phänomen der alten Seelen erlebt. Das unbestimmte Gefühl, dass in einer jungen Person eine alte Seele wohnte, die vor langer Zeit in einem anderen Zeitalter, oder in vielen durchlebten Leben, mit Wissen erfüllt worden war und sich wieder manifestierte, kenne ich. Allerdings habe ich das immer als positiv empfunden.

Von Mary geht eine ungewöhnliche Aura aus, die ich nur als unheimlich bezeichnen kann, obwohl es mir widerstrebt, meiner wohlwollenden Gastgeberin so etwas zu unterstellen. Davon abgesehen trägt die Lady einen großen Namen. Die Schöpferin der genialen „Frankensteingeschichte“ ist ein Klassiker. Möglicherweise bin ich auf meiner langen Reise etwas merkwürdig geworden. Ich versuche den unliebsamen Gedanken abzuschütteln und mich auf ein paar Tage der Ruhe zufreuen, statt mich zu sehr zu sorgen.

„Das ist ihr Zimmer. Ich hoffe, es gefällt ihnen.“

Mary stößt die Tür zu einem Zimmer auf, das so groß ist, dass zehn Menschen darin übernachten könnten. Ich staune über soviel Großzügigkeit. In der Mitte des Zimmers steht ein riesiges Himmelbett mit einem zarten Voilevorhang in Lindgrün. In diesem Ton sind auch die Wände und die Accessoires gehalten, der durch den Kontrast zu weißen Möbeln und Vorhängen den Eindruck von Frühling erweckt.

„Wunderschön“, flüstere ich beeindruckt.

„Ich habe mir schon gedacht, dass ihnen die Farbgebung gefallen wird“, Mary lächelt, „dort drüben“, sie deutet auf eine Tapetentür, „befindet sich das Bad. Und im Schrank hängen Kleider. Bedienen sie sich.“

„Danke, Lady Shelley.“

„Mary, bitte sagen sie Mary.“

„Ja, natürlich.“

„Ich lasse sie jetzt allein. Wenn sie fertig sind, dann kommen sie doch herunter. Vor dem Abendessen nehmen wir noch einen kleinen Aperitif.“

Die Tür fällt ins Schloss und ich bin allein. Ich lege meinen Rucksack auf den Stuhl vor dem Sekretär und trete ans Fenster. Mein Blick fällt auf einen herrlichen Rosengarten. Ein betörender Duft weht durch das offene Fenster herein und macht mein Herz wehmütig. Ich bin in einem Haus, ohne zu wissen wo. Außerdem weiß ich nicht, wann ich weiter reisen kann. Ich bin ein verlorenes Kind, aber selten habe ich mich wirklich so verloren gefühlt, wie in diesem Moment. Ich kann meinem wahren Ziel nicht näher kommen und dann ist da auch noch Raoul. Hier wird er mich niemals wiederfinden, falls er mich suchen sollte und ich kann ihm nicht wieder begegnen, wenn ich nicht auf der Reise bin. Es zerreißt mich fast, so groß ist meine Sehnsucht. Ich kann seine Augen sehen, immer wieder dieser Blick. So tief, dass er mir bis in die Seele geschaut hat. Nicht nur das, er hat sich auch in mir festgesetzt. Seine Stimme, die zu mir spricht, auch wenn er unendlich weit von mir entfernt ist. Der unausgesprochene Wunsch ist immer in meinen Gedanken: Komm zu mir zurück, lass dich von mir finden.

Ein leises Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken.

„Miss, ihr Bad ist bereit.“

Eine junge Zofe, in schwarzem Kleid, mit Schürze und Haube, bittet mich ins Bad, hilft mir beim Auskleiden und legt mir Handtücher bereit.

„Wenn ihr Hilfe beim Ankleiden braucht, klingelt und ich werde sofort kommen.“

„Danke. – Wie ist dein Name?“, frage ich sie.

„Jenny, Miss“, antwortet sie verlegen.

„Danke, Jenny. Ich sage bescheid, wenn ich etwas brauche.“

Jenny schließt lautlos die Tür. Ich genieße das warme, nach Lavendel duftende, Wasser. Der leichte Rosenduft dringt bis ins Bad und ich komme mir vor wie eine Prinzessin. Mein Körper entspannt sich langsam und die Wärme des Wassers und die Schwerelosigkeit machen mich müde und ich döse vor mich hin.

„Du bist schön“, höre ich seine leise Stimme, „ich liebe dich so sehr und ich will dich so sehr. Ich kann an nichts anders mehr denken, dich zu lieben und bei mir zu haben.“

„Raoul“, flüstere ich.

Ich spüre seine Finger, die zärtlich über meinen Hals streifen. Seinen warmen Atem auf meiner Haut, der mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper laufen lässt. Seine weichen Lippen – Lippen? Ich schrecke aus meinem Tagtraum auf, drehe mich um und sehe in zwei stahlblaue Augen.

„Wer sind sie?“, frage ich aufgebracht, „was machen sie in meinem Badezimmer? Wie sind sie hier rein gekommen?“

Ich rutsche weiter in die Wanne hinein und versuche mit en Armen meine Blöße zu bedecken. Der Mann lacht leise und sein jungenhaftes Gesicht zeigt charmante Lachfalten.

„Was für viele Fragen. Also ich bin John St. Claire, der Halbbruder von Mary.“

Ich unterbreche ihn.

„Gut. Die anderen Fragen können sie mir gleich beantworten. Vorher muss ich mich anziehen. Gehen sie bitte in meine Zimmer. Ich komme sofort.“

„Der Wunsch einer schönen Dame ist mir Befehl.“

Er erhebt sich und entschwindet in mein Zimmer. Ich stehe auf, schnappe mir ein Handtuch und wickele mich darin ein. Mit einem anderen trockne ich meine Haare ab.

„Sie sind eine außergewöhnliche Frau, deswegen bin ich in ihrem Zimmer“, höre ich John aus dem Nebenzimmer rufen.

„Und sie sind unverschämt“, erwidere ich.

Ich gehe hinüber und sehe ihn lässig auf meinem Himmelbett sitzen. Er grinst mich frech an.

„Sehen sie“, ich deute auf ihn, „unverschämt.“

„So bin ich“, erwidert er unbekümmert, „ach und gekommen bin ich durch die Tür.“

„Auch wenn ich sehr tolerant bin, finde ich es doch auch im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht sehr schicklich, oder sollte ich sagen, kompromittierend, bei einer Dame, die man nicht kennt, ins Badezimmer einzudringen.“

Ich verschwinde hinter meinem Paravent und schlüpfe in eines der wunderschönen Kleider, die Jenny für mich herausgelegt hat. Es ist ein Kleid im Empirestil aus dunkelgrünem Mousseline mit kleinen Ärmelchen. Auf die Säume und Bänder sind kleine Rosenblüten und Knospen aufgestickt. Ich frage mich, wie viele Stunden die Stickerin an diesem Kleid gesessen hat. Als ich wieder hinter dem Wandschirm hervor trete, sehe ich wie John mich von oben bis unten betrachtet.

„Ich sagte doch sie sind schön.“

Seine Augen leuchten begeistert, er springt vom Bett auf, kommt auf mich zu, zieht meine Hand an seine Lippen und küsst sie zärtlich.

„Sie haben das gesagt?“, frage ich schwermütig.

„Ja, vorhin im Bad“, John nickt, „das scheint sie aber nicht zu freuen.“

Ist es wirklich John gewesen, der mit mir gesprochen hatte? Ich kann es nicht glauben, will es auch nicht. Ich entziehe John meine Hand, gehe zum Spiegeltisch, greife mir eine der vielen Bürsten und richte mir die Haare. Ich nehme das goldene Band aus meinem Rucksack und flechte es mir in meinen Zopf. Ich wünschte, ich könnte aufwachen und säße in meinem Abteil, Raoul hielte meine Hand und würde mich seinem unglaublichen Lächeln ansehen.

„Verzeihen sie John“, versuche ich eine Erklärung, „aber mein Herz ist nicht frei und ich dachte“, ich breche ab.

„Sie dachten, er wäre es, der bei ihnen ist.“

Ich nicke wortlos. John tritt hinter mich und betracht mich im Spiegel und ich ihn. Er hat halblange Locken, die sein männliches Gesicht etwas weicher wirken lassen. Sein Körper ist sehnig und muskulös, ohne kraftprotzig zu sein. Seine tadellose Kleidung ist schlicht und chic. Sie betont sein breiten Schultern und seine schmalen Hüften. Sanft legt er seine schlanken Hände auf meine Schultern. Sein Blick ist dunkel, aber ich kann seine Gefühle verstehen.

„Wer weiß“, sagt er, „was die Zeit uns zeigt.“

„Die Zeit“, flüstere ich und sehe seinen begehrenden Blick im Spiegel.

Die Zeit läuft mir davon, habe ich das Gefühl. Ich bin hier und Raoul ist weit fort. John scheint zu glauben, dass ich für längere Zeit hier sein werde. Ich weiß ja nicht, wie er darauf kommt, aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht verzettele.

„Begleiten sie mich in die Bibliothek?“, fragt er galant.

„Gerne“, ich nehme seinen Arm, „wussten sie, dass ich komme?“

John schüttelt den Kopf.

„Nicht direkt. Ich habe es gehofft. Schon oft sah ich sie in meinen Träumen und betete dafür, sie eines Tage zu sehen.“

James öffnet die Tür zur Bibliothek und wir treten ein. Gespannte Gesichter sehen uns entgegen. Ich klammere mich hilfesuchend an Johns Arm.

„Ich bin bei ihnen“, flüstert er, „verlassen sie sich auf mich.“

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Einmal links, dann wieder links und dann rechts. Ich stehe vor dem Löwenhaus. Es ist ungewöhnlich und doch schön. Auf der Mauer und hinter der Eingangspforte sitzen zwei große Löwen aus rose-anthrazit-farbenem Marmor. Die Pranken gehoben und mit offenem Maul. Vor der Haustür steht ein Mädchen, das aus einer Muschel Wasser in eine Schale laufen lässt. Ein ausgesprochen schönes Wasserspiel. Wenn man an der rosefarbenen Mauer entlang geht, kommt man zu einem Heckenstück, über das man in den Garten sehen kann. Dort steht ein runder Springbrunnen, der mit blauen glänzenden Fliesen ausgekleidet ist und mich an Spanien erinnert, daneben steht eine Bank. Ich würde dort gerne sitzen und dem Plätschern zuhören.

Das Löwenhaus besteht aus vielen verschiedenen Hausteilen, einem Türmchen, einem angebauten Carport und einer winzigen Gartenvilla. Ein Pferdeanhänger steht davor. Es hat einen Treppenaufgang, in Form eines Türmchens und weiße Holzgeländer. Es sieht aus wie eines dieser eleganten Südstaatenhäuser in Miniaturformat.

Wenn man um das Haus herum geht, kann man in den riesigen Garten, mit den Statuen, dem großen Springbrunnen und der Patchworkbauweise, sehen. Am Gartentor hängt ein Löwenkopf aus Metall, der einen großen Ring im Maul trägt. Für Hunde gibt es am Ende des Grundstücks eine Wasserstelle.

Das Haus sticht vor allen anderen heraus, bis auf das „Hakuna Matata“ Haus. Das erinnert mich immer an unsere Legohäuser. Ein großes Viereck unten, eine Reihe Dachsteine, dann ein kleineres Viereck oben aufgestockt. Und so viele Fensterelemente, wie ich verbauen konnte. Ich habe, glaube ich, meistens Häuser aus Legosteinen gebaut.

Es hat geregnet. Meine Nase wird mit Geruch geradezu überflutet. Es riecht nach nassem Gras, schwerer dunkler Erde, modrigem Holz und sterbenden Blüten. Lavendel und Rosen. Die Blätter der Büsche sehen aus wie frisch poliert und ich könnte einfach reinbeißen, nur der Gedanke sie könnten giftig sein hält mich zurück.

Ich höre das Plätschern des Nauheimer Baches. Der Weg aus Erde und Tannennadeln ist weich und elastisch. Jeder Fußtritt wird verschluckt. Die alten Bäume bilden mit ihren überhängenden Ästen eine grüne Höhle, und der Bach spielt seine Musik dazu. In manchen Abschnitten hört man es gurgeln, sprudeln, plätschern und gluckern. In anderen ist es ganz still. Ich bleibe stehen und lausche. Nur hier und da gibt ein Vogel ein Zwitschern von sich. Sie scheinen erschöpft von den vergangenen heißen Tagen und müssen neue Kräfte schöpfen, bevor sie wieder ihre Sinfonien erklingen lassen.

Einer unserer Nachbarn kommt mit zwei seiner Kinder und dem Hund vorbei. Der Hund ist hübsch, schwarz-weiß, aber etwas zottelig. Der Mann ist mir unheimlich. Unsympathisch kann ich nicht sagen, denn ich kenne ihn nicht, ich sehe ihn nur. Damals, als wir hier herzogen, da hatte er kurze Haare und sah ganz adrett aus, wenn man das so sagen kann. Im Laufe der Zeit hat er sich einen Zopf wachsen lassen und sieht sehr ungepflegt aus. Er ist etwa vierzig Jahre alt. Alles kein Grund für Unsympathie, aber wenn ich seine Frau sehe, die inzwischen das fünfte Kind hat und völlig ausgezehrt und grau aussieht, dann ist er mir unheimlich. Seine Frau habe ich noch nie lächeln gesehen. Ihre Kleidung hängt an ihr herab, ihre Augen sind riesig in dem knochigen Gesicht. Ein mit Haut überzogener Schädel. Ihre Kinder sind alle „normal“ im Sinne von Gewicht und Größe. Es ist, als ob sie sich auflöst, während die Kinder geboren werden und aufwachsen. Wie Schmarotzerpflanzen, die den Wirt immer weiter überwuchern, bis sie ihn irgendwann mit ihren Wurzeln und Fangarmen erstickt haben. Fühlt ein Baum den Schmerz? Kann er sich wehren? Ich habe von Bäumen gelesen, die gegen ihre Feinde bestimmte Substanzen entwickeln und sie dadurch vertreiben. Gut gemacht, Baum!

Hier am Nauheimer Bach stehen viele Baumarten. Pflaumenbäume mit lila, weißen Früchten und Pflaumenbäume mit kirschgroßen Früchten. Apfelbäume, Kirschbäume, Trauerweiden, Kiefern, Walnussbäume, Eichen, Kastanien und noch einige andere, die ich nicht kenne.

Vom Golfplatz her hört man dieses leise „Klack“, wenn die Golfer abschlagen. Der hohe Maschendrahtzaun, der von verschiedenen Schlinggewächsen überwuchert ist, trennt die Golfer von den übrigen Menschen. Sie sind auf der anderen Seite in ihrer geschlossenen kleinen Welt, von Bekannten und Gegnern sicher verwahrt, aber das stimmt nicht. Denn an einigen Stellen gibt es Löcher, kleinere und größere, durch die man ohne Probleme hindurchschlüpfen könnte. Das weiße Clubhaus sieht wie eine afrikanische Villa aus. Aus Holz, mit riesiger überdachter Terrasse, Korbmöbeln. Alles sehr stilvoll, gepflegt, vorhersehbar. Ich bleibe lieber auf der anderen Seite, in der grünen, aufregenden Höhle.

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