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Posts Tagged ‘Verantwortung’

„Ich bin glücklich“, sagte er nachdrücklich.

Sein strahlendes offenes Lächeln, das mein Herz jedes Mal höherschlagen ließ, schmolz zu einem pragmatischen Geschäftsgrinsen zusammen. Es erreichte seine Augen nicht ansatzweise.

Ich sah ihn aufmerksam an. Seine ganze Haltung deutete Spannung an. Die Lippen leicht gepresst, die schlanken Finger ineinander verschlungen.

„Ich bin glücklich“, widerholte er.

Es klang trotzig.

Ich überlegte, was ich darauf sagen sollte. Die beiden zusammenzusehen hatte mir einen Stich versetzt. Ich versteckte es. Wer war ich, dass ich ihm sagen durfte, was ich sah? Ich kannte ihn und kannte ihn nicht, aber ich spürte die Spannung und das Machtgefälle zwischen den beiden, dass nicht zu seinen Gunsten ausfiel.

Eine Erfahrung, die ich nur allzu gut kannte. Hatte ich mich in meiner Ehe nicht ebenfalls oft genug angepasst, um den Frieden zu wahren und nicht aufs Spiel zu setzen, was ich als mein Leben oder meine Zukunft betrachtete? Ich wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, wenn aus Liebe Nett sein, aus Leidenschaft Gewohnheit wurde, gepaart mit Bequemlichkeit und der Sicherheit eines goldenen Käfigs.

Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach, hörte ich den Satz, den mir meine Mutter immer wieder vorgebetet hatte und erkannte erst spät, dass ich selbst lieber Taube, als Spatz sein wollte.

Ich fing seinen dunklen Blick auf, der mir unter anderen Umständen eine Gänsehaut über den Körper gejagt hätte.

„Sag mir was du denkst!“, forderte er mich auf.

Vermutlich sah er die Gedanken auf meiner Stirn geschrieben, wie dunkle Wolken, die Vorboten eines Gewitters.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Was soll ich dir sagen? Du sagst, du bist glücklich.“

„Aber du glaubst mir nicht.“

Es war eine Feststellung, keine Frage. Ich schwieg. Wie konnte ich das ernstlich glauben? Seine Küsse, seine Berührungen, das, was er mir anvertraut hatte – er und ich – es kam mir vor, als hätte es niemals jemand anderen gegeben – nur er und ich. Aber ich war meiner selbst nicht sicher. Liebe ist ein Januskopf. Man sieht was man sehen möchte und das Herz sagte mir, du liebst ihn, du hältst es aus, auch wenn er gebunden ist und du ihn niemals für dich haben kannst – und dann…?

„Ich werde nicht an deinem Kartenhaus rütteln“, sagte ich ruhig, „aber ich glaube dir nicht, das ist wahr.“

An seinem Blick konnte ich erkennen, dass er ärgerlich war. Es erstaunte mich immer wieder, wie gut wir uns lesen konnten. Obwohl wir so wenig übereinander wussten, war da ein geheimes Verständnis, dass uns ein Gespür für die Stimmungen des anderen gab.

„Dann kannst du mir auch sagen, wie du darauf kommst!“, seine Stimme klang gereizt, „glaubst du, ich lüge dich an?“

„Nein. Es ist keine Lüge, sondern dass, was du glauben willst“, ich hielt inne. Einfach den Mund halten, ermahnte ich mich und dachte, würdest du dir die Wahrheit eingestehen, könntest du so nicht mehr leben. Die Sehnsucht nach der Welt hinter dem Horizont würde dich auffressen und das Gefühl machte einen kaputt. „Ich habe wirklich genug gesagt. Du willst kämpfen, dann tu es. Du bist glücklich. Gut.“

„Was hast du dagegen einzuwenden?“, fragte er und beugte sich etwas vor.

Mein Herz schlug schneller. Wenn er mir so nah war, fiel er mir schwer klar zu denken. Sein Duft benebelte mir das Hirn und ich wollte nur eins, mit ihm ins Bett gehen und jedes Tabu brechen.

„Wenn man um eine Beziehung kämpfen muss, läuft was schief“, rutschte es mir heraus.

Verdammt! Sei endlich still, schalt ich mich.

„Aber sie ist nett!“, warf er dazwischen.

Ich atmete tief durch. Ja, nett, dachte ich, aber Liebe? Liebe ist nicht nett. Liebe ist alles. Konnte er wirklich lieben? War ich es, die mehr in ihm sah, als da war? Konnte er eine einzige Frau lieben, leidenschaftlich, mit Haut und Haar. Konnte er eine Frau entdecken, ihre Höhen und Tiefen erforschen, ohne oberflächlich verliebt zu sein und gleich zur nächsten verführerisch winkenden Blüte zu gaukeln, wie ein betrunkener Schmetterling in der Sommersonne, geblendet und unfähig die Schönheit einer tiefen innigen Liebe zu erkennen, die freiwillig gab und den anderen so nahm, wie er wahr und dadurch ein Universum an Leidenschaft öffnen konnte?

Ich gab mir einen Ruck und lächelte.

„Ja, sie ist nett“, sagte ich, aber sie behandelt dich, wie einen ungezogenen Jungen, der sich zu weit von der schützenden Mutter entfernt hat und dem sie die Leviten lesen muss, damit er wieder in der vorgegebenen Spur geht. In meiner Fantasie hatte sie ihm ein Gängelband angelegt, an dem sie ihn jederzeit zurückzerren konnte.

Andererseits, das eine bedingte das andere. Zu einer Beziehung gehören zwei, einer, der es tut und einer, der es geschehen lässt. Eine Erkenntnis, die ich gerade erst selbst gemacht hatte. Und ich war diejenige, die es mit sich machen ließ. Deswegen verstand ich es so gut, wenn er von Freiheit sprach.

Wer war ich, dass ich vorwegnehmen durfte, was er vielleicht irgendwann erkennen würde? Und wenn er es nie erkannte, dann war es auch nicht an mir, die Karte aus dem Stapel zu ziehen. Es lag in seiner Verantwortung seine Verstrickungen zu erkennen und wenn er die Fesseln nicht abwerfen wollte, war dies ebenfalls seine Entscheidung. Egal, wie sehr ich ihn liebte, es war nicht mein Leben, es war seins.

„Ja, sie ist nett. Wir haben uns was aufgebaut, das will ich nicht verlieren“, wiederholte er sein Argument.

Ich nickte. Wer weiß, was morgen ist, dachte ich, Carpe diem, lagen mir die Worte auf der Zunge. Ich schluckte sie herunter.

“Sei glücklich”, sagte ich, beugte mich zu ihm herunter und küsste ihn sanft auf den Mund. Ich liebe dich, mehr als du je wissen wirst, dachte ich und sagte, „Ich werde dein Kartenhaus nicht stürzen.“

Erstaunt sah er mich an. Ich wendete mich ab und ging schnellen Schrittes davon. Meine Tränen sollte er nicht sehen.

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Der Regen verwandelte den schmalen Pfad in einen Pfuhl aus Matsch und toten Blättern. Die Nässe hatte längst meine Haut erreicht. Ich hatte das Gefühl, sie kröche durch meine Poren und suche sich einen Weg in die Zellen meines Körpers. Jeder Schritt war eine Qual. Der Dreck klebte an meinen Stiefeln und die Kleidung war beschwert vom Wasser.

„Warum sind wir nochmal hier?“, hörte ich die Stimme von Anna hinter mir, „dass ich mich von dir zu solchen Himmelfahrtskommandos überreden lasse! Warum haben wir nicht gewartet bis der Regen aufhört. Ellie wird schon nichts passiert sein.“

Ich hätte antworten können. Die Worte lagen mir auf der Zunge. Andererseits wäre garantiert eine längere Diskussion daraus entstanden und dazu hatte ich in diesem Moment keine Lust.

Immerhin war dieses Undercoverding nicht meine Idee gewesen. Im Gegenteil! Ich hatte mich strikt dagegen ausgesprochen, Aber auf mich hatte niemand hören wollen. Wir mussten Ellie finden, bevor ihr etwas zustieß, falls es nicht schon zu spät war. Seit zehn Stunden war sie überfällig und ich hatte ein sehr ungutes Gefühl bei der Sache. Welche Rolle spielte da das bisschen Regen. Was man sich einbrockt muss man halt auslöffeln. Leider musste ich mitlöffeln, weil ich die Verantwortung für die beiden trug.

Abrupt hörte der Regen auf.

 

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Band, faul, Spiegel, Spitze

„Sei nicht so faul, Eliza! Gib mir das Spitzenband da. Das weiße mit den goldenen Röschen.“

Kitty stampfte mit dem Fuß auf und sah Eliza mit zusammengezogenen Augenbrauen und herunterhängenden Mundwinkeln an. Eliza hatte die Arme untergeschlagen und machte keine Anstalten sich zu bewegen.

„Ich muss auf dem Ball wunderschön sein! Austin muss sehen, dass er keine bessere haben kann!“, jammerte sie.

„Wie heißt das Zauberwort?“

Eliza verkniff sich ein Grinsen. Kitty war eitel, launisch, hager und verbissen, aber ihre Mitgift war so hoch, dass die Freier Schlange standen. Nur Austin nicht. Obwohl keine Aussicht bestand, dass er in nächster Zeit zu Vermögen kommen würde. Er hatte nur den Titel und seine Ehre.

„Bitte!“, Kitty versuchte ein Lächeln. Es verunglückte. „Siehst du nicht, dass ich hier nicht weg kann?“
Kitty stand auf einem Podest, die Arme in die Höhe gestreckt und wedelte mit den Händen in Elizas Richtung. Eine Schneiderin steckte ihr gerade die Seiten über der Taille ab.

„Bitte Miss Kitty, stehen sie still. Ich übernehme keine Verantwortung dafür, wenn sie von einer Nadel gestochen werden“, tadelte die Schneiderin Kitty.

Kitty presste die Lippen zusammen und versuchte still zu halten. Mit den Augen gab sie Eliza ein Zeichen. Aufreizend langsam setzte sie sich in Bewegung und brachte Kitty das geforderte Band. Der Ball wird spannend, dacht sie, Kitty beißt sich an Austin die Zähne aus.

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Frei sein. Große Freiheit. Egal ob klein oder groß? Lieber groß, wenn ich mich schon entscheiden muss. Muss ich das? Will mich nicht entscheiden, sondern einfach frei sein. Nicht vom Leben leben lassen, selber Leben bestimmen, das ist die Devise. Vielleicht ist die Freiheit zu groß für mich. Sie nimmt mir den Atem, macht mir Angst, weil ich keine Sicherheit habe und einfach den Sprung in den Abgrund wagen muss, es keine Garantie dafür gibt, dass ich heil unten ankomme. Alles Neue macht mir Angst. Ich zweifele und denke, warum? Wie konntest du auf die Idee kommen, dass dies oder das klappen soll? Manchmal möchte ich einfach aufhören zu atmen. Mich nicht mehr rühren, nicht mehr mitspielen, mich einfach in Luft auflösen.

Mein Bild von mir und das der anderen passt nicht zusammen. Niemand kann mich kennen, denn ich verstecke mich hinter einem Lächeln, guter Laune und Zuversicht. Ich spiele ein sicheres, begeistertes Leben und wünsche mir eigentlich (dieses blöde Wort), dass mir jemand die Last der Verantwortung von den Schultern nimmt.

Ich bin neidisch und ich hasse diesen Wesenszug. Ich will nicht missgünstig sein, will anderen das gönnen was sie haben und zufrieden mit meinem Leben sein. Besonders da ich nicht einmal weiß, ob ich das will was andere haben. Ich möchte reisen und trau mich nicht. Es gibt Tage an denen wäre ich gerne allein. Niemand, der mich fragt. Niemand, der etwas von mir fordert und doch, scheine ich, ohne dieses Gebrauchtwerden nicht leben zu können.

Ich bin ein Kontrollmensch, habe immer Angst nichts geht mehr, wenn ich loslasse. Denke, dass es nur in einer Katastrophe enden kann, wenn ich die Verantwortung abgebe, dass ich alles geben muss, hundert Prozent. Ich möchte die Stille genießen und denke nur darüber nach, was ich als nächstes Sinnvolles tue.

Getrieben und oft erschöpft muss ich die Waffen strecken und fühle mich selten im Einklang mit mir. Was ist, wenn ich morgen sterben muss? Sind alle sicher, versorgt? Habe ich alles getan, damit sie es gut haben. Was bleibt von mir? Ein Bild, ein Stück Geschichte auf Papier? Ein paar Gedanken an die Frau, die ich gewesen bin?

Meine Wirklichkeit existiert auf dem Papier, weil ich befürchte, dass meine Realität zu schwer für andere zu ertragen ist. Meine Schattenseiten erhelle ich, damit sie nicht zu sehr auffallen und meine Ängste und Sorgen packe ich in Watte, damit sich keiner daran stößt, geschweige denn sie bemerkt.

Ich hasse es rücksichtslos zu sein, denn ich wurde so oft rücksichtslos behandelt, dass es für zwei Leben reicht. Ich möchte andere nicht entmutigen, denn ich wurde so oft entmutigt, dass von meinem Selbst kaum etwas übrig war. Ich möchte anderen nicht wehtun, denn mir wurden so oft Wunden geschlagen, dass meine Seele die Narben nicht mehr zählen kann.

Immer stelle ich mir die Frage: Wer bin ich? Was macht mich aus? Die Antworten bleiben im Nebel stecken. Wer weiß, vielleicht kann ich mich selbst nicht ertragen, wenn ich die Antworten wüsste. Denn wenn doch ab und an ein Fetzen meines Ich aus dem Unterbewusstsein hochkommt, dann schäme ich mich für meinen Egoismus.

Wünsche werden nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen und abgewogen auf der Waage meines Selbst. Darf ich Wünsche haben und wenn ja, sind es die richtigen?  Werde ich jemals ich sein können? Kann ich ertragen, wer ich bin? Ich fürchte, dass ich ein Kind in mir verstecke, das nicht herauskommen kann, weil ich es einsperre. Ein Kind, das die Schönheiten und Wunder dieser Welt niemals sehen wird.

Die Zeiten laufen dahin, mein Leben schwindet und ich habe das Gefühl noch hundert Jahre zu brauchen, bevor ich fertig bin und auch diese hundert Jahre sind zu wenig. Was habe ich gesehen? Was verwirklicht? Wer kann das verstehen, wer will sich meiner Finsternis stellen, wenn ich es nicht kann?

Ich trage diese Lasten mit mir. Meine unerfüllten Sehnsüchte, meine Wünsche und Ideen. Ich wünsche mir ein nächstes Leben. Eins mit mehr Stärke, Ermutigung und Kraft. Und eins mit weniger Ängsten, weniger Dunkelheit und mehr Licht. Aber ich fürchte, das wird mir verwehrt bleiben und ich muss versuchen dieses Leben zu nehmen, wie es ist und das Beste daraus machen. Egal wie schwer es mir oft fällt.

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