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Posts Tagged ‘Verachtung’

Buch: Er oder Ich, Seite 33: Laufender Motor, bohemienhaft, Jahreswende

„Ich habe mir die Jahreswende auch anders vorgestellt.“

Marc und sah mich fragend an. Der Motor des alten Ford lief und wir mussten laut reden, um das Geräusch zu übertönen. Vermutlich hatte Marc Angst, man könnte uns entdecken und er müsste einen Kickstart hinlegen.

„Findest du das nicht etwas zu bohemienhaft?“

Versuchte ich die Situation ins Lächerliche zu ziehen. Dabei konnte ich mir vor ein paar Wochen nichts Schöneres vorstellen. Marc zog die Brauen zusammen und eine tiefe Falte erschien über seiner Nasenwurzel.

„Du warst doch diejenige, die gesagt hat, ich halte es nicht mehr aus, lass uns durchbrennen.“

Er gab exakt die Worte wieder, die ich gebraucht hatte. Ich versuchte zu lächeln. Es misslang.

„Also was ist? War alles nur ein Witz oder hattest du Langeweile?“

Ich sah Marc zerknirscht an, kam mir vor wie eine Verräterin. Fieberhaft überlegte ich, wie ich ihm mein Zögern erklären sollte.

„Du liebst einen anderen!“ Marcs Wangen röteten sich. Er ballte die Fäuste. „Wer ist es?!“

Ich legte meine Hand auf seinen Arm, wollte ihn beruhigen, aber er schob sie grob weg, drehte sich von mir weg. Halb zum Gehen, halb zum Bleiben.

„Es gibt niemand!“, rief ich gegen den Motor an, „Ich liebe dich nur nicht genug, um wegzulaufen.“

Marc hob den Kopf und blickte mich direkt an. Ich hielt den Atem an. In seinen Augen konnte ich seinen Zorn, seine Verachtung, den Schmerz und die Enttäuschung über meinen Verrat sehen.

***

Ich sah Marc nicht wieder. Manchmal hörte ich durch gemeinsame Freunde von ihm, dachte an ihn, wenn ich bestimmten Gerüchen ausgesetzt war, an jedem folgenden Jahreswechsel meines Lebens. Liebte ich ihn wirklich nicht genug oder war es Feigheit, die mich in dieser Nacht daran hinderte, mit ihm zu gehen? Vielleicht beides? Ich erinnere mich nicht genau. An Marcs Blick erinnere ich mich nur zu gut, als wäre es gerade erst passiert. Dabei ist es inzwischen 53 Jahre her.

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Ich habe Angst vor meine eigenen Courage, dachte ich und sah auf Sean herunter. Er lag wie Gott ihn schuf auf dem Bett und atmete gleichmäßig. Seine ebenmäßigen Gesichtszüge waren völlig entspannt. Ich versuchte mir jeden Zentimeter seines erregenden Körpers, seines Gesichts, seines Duftes einzuprägen. Der Gedanke, ihn nie wieder zu sehen, war ein Messerstich in mein Herz. Tränen drückten energisch an die Oberfläche. Ich wollte nicht weinen, aber wenn ich noch länger blieb, konnte ich es nicht aufhalten.

Ich legte den Brief auf das Nachttischchen, beugte mich zu ihm herunter, küsste ihn sanft auf die Wange und ging. Es musste sein, sagte ich mir, wie eine Platte mit Sprung, immer wieder vor. Wir stammten aus verschiedenen Welten und ich wollte nicht, dass er sich irgendwann für mich schämte oder mich mit verständnislosem Blick ansah. Ich hatte immer daran geglaubt, dass Liebe alles übersteht, aber die Illusion war mir brutal geraubt worden. Ich erlebte, wie aus Zärtlichkeit Verachtung wurde und sich Liebe in Hass verwandelte. Das konnte ich nicht noch einmal durchstehen.

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