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Der Hexenturm

Das erste, das mir auffiel, als wir uns dem Turm näherten, war die außergewöhnliche Stille. Kein Ton war zu hören. Es schien, als gäbe es kein lebendes Wesen in der Nähe des Turms. Nicht einmal der Wind gab ein Geräusch von sich. Dafür hörte ich meinen Herzschlag, wie Donnerhall in meinen Ohren und fragte mich angstvoll, ob sie ihn auch hören konnten. Mein Verstand schrie mich an umzudrehen und fortzulaufen, doch meine Füße folgten Aramis. Die Angst legte sich wie ein Eisenpanzer um mein Herz. Jeder Schritt kostete mich Mühe und mein Körper wurde immer schwerer. Ich fragte mich, woher Aramis den Mut nahm ohne zu zögern einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich wusste, wie man Hexen tötete, das war mein Beruf, meine Begabung sozusagen, doch so viel Bosheit, wie sie der Turm ausstrahlte hatte ich noch nie erlebt. Sie griff mit spitzen eisigen Fingern nach mir und wollte sich in mein Herz bohren. Das durfte niemals geschehen.

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In dem Café

„Hoch-über-der-Stadt“,

Nahe dem Turm

Mit dem goldenen Zifferblatt

 

Saß ein Liebespaar,

Hand in Hand,

Und er schwieg und er sah,

Und sie sah und verstand.

 

In dem Café

Hoch über der Stadt,

Wo es Wolken und

Sonne hat,

 

Ziehen die Wege fort

Über Land,

Pappeln stehen

Am Wegesrand,

 

Und die Welt ist

Wehend und weit!

Nahe dem Turm

Mit der goldenen Zeit

 

Saß ein Liebespaar,

Hand in Hand,

Und sie sah und sie schwieg –

Und er schwieg und verstand.

                                       J.R.Becher

 

Heute Morgen habe ich einen kleinen Abstecher zum Bücherflohmarkt gemacht und in einem Gedichtband – „Ich denke dein“ – dieses hübsche Gedicht gefunden.

 

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Rosalie leuchtet in den Hohlraum und ist überrascht. Tatsächlich ist es der Anfang einer Treppe. – So komme ich nicht hinein. – Sie prüft die anderen Dielen. Vier weitere Bretter lassen sich ebenfalls anheben und wegschieben. Der Einstieg zur Treppe ist frei. Rosalie schickt sich an hinabzusteigen, als sie ihren Namen hört. – Da ist wohl der Wunsch der Vater des Gedanken. – Konzentriert horcht sie. – Da ist es wieder! Nathan! – Erleichtert atmet sie auf.

„Rosalie!“

„Nathan!“

Die Tür des Turms wird aufgestoßen. Eine kalte Windböe zieht herein, die Tür schlägt krachend gegen die Wand.

„Rosalie, wo sind sie?“

Sie wedelt mit der Taschenlampe.

„Hier Nathan! Gut das sie da sind!“, begrüßt sie ihn aufgeregt, „ich habe einen geheimen Eingang entdeckt!“

„Sie wollen da hinunter steigen?“

„Ja! Ich habe es ihnen doch gesagt. Gil und Anthony suchen den Schatz.“ Sie setzt ihren Fuß auf die erste Stufe. „Kommen sie mit oder wollen sie warten?“

„Lassen sie mich voran gehen“, sagt er ernst, „Bitte!“

„Sehr gerne, Nathan. Ich schätze einen Gentleman.“

Rosalie lässt ihm den Vortritt. Am Fuß der Treppe bleibt er abrupt stehen. Rosalie stößt mit ihm zusammen und stolpert. Nathan fängt sie auf. Für einen atemlosen Augenblick hält er sie fest an sich gedrückt.

„Nicht so hastig“, sagt er und seine Stimme vibriert.

Rosalie schieb ihn sanft von sich und sagt kess:

„Entschuldigen sie. Wenn sie beim nächsten Mal so plötzlich stehen bleiben, warnen sie mich bitte vor.“

„Sie sollten nicht hier sein“, ignoriert er ihren Wunsch, „ich könnte mir nicht verzeihen, wenn ihnen etwas zustößt.“

„Dass ist nett, aber niemand wird mich vermissen. Höchstens mein Butler – der liebe John. Der Rest meiner Familie ist da unter auf Schatzsuche und vielleicht bereit einen weiteren Mord zu begehen – also wollen wir hier streiten oder gehen?“

„Wenn das so ist, dann kommen sie. – Geben sie mir ihre Taschenlampe. Es ist besser, wenn wir meine für den Rückweg aufheben.“

Rosalie reicht Nathan die Lampe und folgt ihm in den Gang. Anfangs ist er mit glatt behauenen Steinen ausgekleidet. Je weiter die beiden in den Untergrund vordringen, umso rauer werden die Wände, bis sie nur noch aus rohem Fels bestehen.

„Es ist also wahr. Hier wurden die Flüchtlinge vor dem Tudor Regime versteckt“, flüstert Rosalie.

„Vielleicht stimmt auch der Teil mit dem Schatz?“, gibt Nathan zu bedenken.

„Aber warum dann die Heimlichkeiten? Gil hätte Lady Edna um das Collier bitten können. Vielleicht hätte sie es ungern hergegeben – aber für das Haus?“

„Scheinbar war die alte Dame nicht so bereitwillig, wie sie denken. Und Lady Ednas Ableben ging Lord de Clare nicht schnell genug“, bemerkt Nathan zynisch, „warum sollte die Elite unseres Landes andere Gründe zum Morden haben, als der Pöbel in der Gosse.“

Unerwartet öffnet sich der Gang und die beiden stehen in einer Vorhalle. Sie ist rund, der Boden mit einem schlichten Holzboden ausgelegt. An den Wänden stehen einfache Stühle.

„Sieht aus wie eine Empfangshalle“, stellt Nathan fest. „Dort drüben, die Tür, da geht es weiter.“

Der Lichtkegel der Lampe schwebt über eine zweiflügelige Tür mit dicken Eisenbeschlägen.

„Kommen sie. Wir sind auf dem richtigen Weg“, Nathan geht auf die Tür zu, „sie wurde geöffnet.“

Rosalie schlüpft hinter Nathan durch den Türflügel in einen langen Gang, von dem auf beiden Seiten viele Türen abgehen. Neugierig werfen sie einen Blick in einen der Räume. Eine spartanisch eingerichtete Mönchszelle, wie in einem Kloster.

„Was für eine Entdeckung! Danach würde sich jeder Historiker die Finger lecken!“

Ein Schrei hallt durch die unterirdischen Gewölbe.

„Darum müssen sie sich später kümmern – kommen sie.“

Nathan eilt den Gang hinunter, Rosalie dicht hinter ihm. Am Ende liegt ein weiterer kreisförmiger Raum, der sich in sechs weitere Flure öffnet.

„Wohin?“, fragt Nathan.

Er leuchte mit der Taschenlampe beide Gänge ab. Sie sehen identisch aus. Keine Bilder, keine Möbel. Kein Hinweis.

„Wir nehmen den rechten Gang“, entscheidet Rosalie und biegt in den Flur ein. „Kommen sie Nathan. Vertrauen sie eine Historikerin.“

„Was hat das, mit der Wahl des Weges zu tun?“, brummt Nathan.

„Es gibt eine Theorie entwickelt von einem geschätzten Kollegen, William Henry Matthews, wonach die Chance einen Irrgarten zu verlassen am größten ist, nach rechts zu gehen. Das liegt einerseits an der kulturhistorischen Bedeutung der rechten Hand, als bevorzugter Hand. Außerdem gibt es eine Erhebung, dass in Labyrinthen Zielwege mit Abzweigungen rechterhand meistens zum Zielführen. Oder zumindest schneller, als links.“

„Interessant“, gibt Nathan zu, „Das Thema sollten wir bei einer Tasse Tee vertiefen, nachdem wir diesen ungastlichen Ort verlassen haben.“

Ein dumpfes Hämmern ist zu hören. Die beiden beschleunigen ihre Schritte. Das Hämmern wird lauter. Sie erreichen ein Portal, dass dem einer Kirche ähnelt. In das Holz sind biblische Szenen eingeschnitzt. Ein weiter Schrei. Rosalie stürzt nach vorn, will die Tür aufstoßen. Nathan hält sie zurück.

„Warten sie“, flüstert er, „lassen sie mich zuerst gehen.“

„Hören sie Nathan, ich schätze ihre Sorge, aber wäre es nicht besser ich lenke die beiden ab und sie sind der Mann für den Notfall?“

„Würde es etwas nützen, wenn ich nein sage?“

Rosalie muss lächeln.

„Ich glaube nicht.“

Nathan seufzt.

„Ich habe es befürchtet.“ Nathan fasst sie am Arm. „Tun sie mir einen Gefallen, passen sie auf sich auf und riskieren sie nichts.“

„Danke für den guten Rat, Inspektor.“

Sie haucht ihm einen Kuss auf die Wange, dann schlüpft sie eilig durch das Portal.

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Rosalie tritt aus dem Haus. Der alte Turm ist nur einen Steinwurf entfernt. In der mondlosen Nacht unter einem wolkenverhangenen Himmel hebt er sich nur schemenhaft gegen die Landschaft ab. Ihre Finger klammern sich um den Griff der Taschenlampe. Um nicht auf sich aufmerksam zu machen, nähert sie sich dem Turm ohne sie einzuschalten. Ein kühler Wind fährt in die Baumkronen der alten Eichen und erfüllt die Luft mit einem anwachsenden Rauschen.

Rosalie zieht den Kragen ihrer Jacke höher. Wachsam geht sie um den Turm herum. Sie kann nichts Auffälliges entdecken. Dann legt sie die Hand auf die Klinke der schweren Eichentür und drückt sie herunter. Der Riegel springt auf und die Tür öffnet sich einen winzigen Spalt. Rosalies Herz macht einen aufgeregten Hüpfer.

Sie drückt die Tür weiter auf, tritt ins Treppenhaus. Drinnen lauscht sie angestrengt. Doch das Tosen des Windes macht es unmöglich andere Geräusche zu erkennen. Sie schaltet die Taschenlampe an. Neben der Tür windet sich eine abgetretene Steintreppe in die Höhe, vor ihr öffnet sich ein Durchgang. Rosalie leuchtet hinein. Es öffnet sich ein Innenraum von der Grundfläche des Turms. Der Boden ist mit Holzplanken ausgelegt. Sie haben im Lauf der Jahrhunderte einen dunklen, beinahe schwarzen Ton angenommen. An einigen Stellen wurden sie durch neue ersetzt, dort ist ihre Farbe heller. An einer Stelle hat jemand ein paar Möbelstücke zusammengeschoben. Rosalie tritt ein und lässt den Strahl der Lampe durch den Raum gleiten.

– Was ist das? – Sie schwenkt den Strahl ein Stück zurück und hält dich über dem Boden an. Es sieht aus, als hätte sich eine der Holzplanken gelöst. Sie wölbt sich ein Handbreit nach oben. Rosalie geht vorsichtig weiter. Sie spürt die Bewegung der Dielen unter ihren Füßen. Als sie näher kommt erkennt sie, dass das Brett aus dem Boden gewuchtet wurde. Sie legt die Lampe neben sich und hebt das Brett an. Darunter öffnet sich eine unheimliche Leere.

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Rosalie schaut auf die Uhr über dem Kaminsims. Inzwischen ist eine dreiviertel Stunde vergangen. – Was kann zu dieser Zeit so lange dauern? – Rosalie verlässt Gils Zimmer und tritt auf den Flur. Kein Laut ist zu hören. Sie zögert. – Ach, was soll`s. –

Rosalie geht die Treppe hinunter. Zuerst versucht sie ihr Glück im Arbeitszimmer. Der Raum ist dunkel und unbenutzt. In der Bibliothek hat sie mehr Glück. Im Kamin glühen die letzten Holzscheite und der imposante Schreibtisch wird von einer Lampe erhellt. Rosalie tritt näher. Bücher liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, Karten entfaltet, mit Linien, Kreisen und Kreuzen gekennzeichnet.

Einen Plan erkennt Rosalie wieder. Er fiel ihr am Morgen in die Hände, als sie auf die Chroniken eines ehemaligen Klosters stieß, das unter der Schirmherrschaft der de Clares stand, bevor Henry Tudors Säuberungsaktion in Kraft trat. – Ich habe ihn doch wieder in das Buch zurückgelegt? – Rosalie faltet den Plan auseinander. Dort sind die Grundrisse der alten Kellergewölbe aufgezeichnet. Mit Tinte sind einige neue Linien eingezeichnet. Rosalie hatte am Morgen dasselbe gedacht, aber niemals hätte sie gewagt einen so kostbaren Plan mit eigenen Notizen zu bekritzeln. – Anthony. Das ist es also, was er Gil zeigen wollte. – Ihr Herz schlägt schneller. – Gil und Anthony – Lady Edna – haben sie es zusammen geplant? – Ihr Inneres wehrt sich energisch gegen den Gedanken. – Andererseits, da ist der verheißungsvolle Schatz. Vielleicht altes Kirchengold, das die geflohenen Mönchen in den Gängen versteckten. An Anthonys Normannen-Theorie mag ich nicht glauben. Hat er Gil mit seiner Begeisterung angesteckt? Das Collier als Schlüssel? –

Rosalie eilt hinauf in ihr Zimmer. Hastig zieht sie eins ihrer schlichten Alltagskleider über, und zieht sich feste Schuhe an. Bevor sie das Haus verlässt, geht sie ins Arbeitszimmer. Dort steht ein Fernsprecher. Sie wählt die Nummer, die Inspektor Robins ihr gegeben hat. Es dauert einen Moment, dann hebt er ab.

„Robins.“

Verschlafen hört er sich nicht an. –

„Hier ist Rosalie. Ich meine, Miss Graville.“

„Guten Abend, Rosalie. Was kann ich für sie tun.“

Sie hört das Schmunzeln in seiner Stimme.

„Es tut mir leid, dass ich sie so spät störe.“

„Kein Problem. Worum geht es?“

„Ich glaube, ich weiß, wer Lady Edna getötet hat.“

„Ja?!“

Rosalie zögert. Ihr Verdacht bereitet ihr Unbehagen.

„Ich glaube es war Gilbert.“

Sie hört, wie sich der Inspektor am anderen Ende der Leitung räuspert.

„Wie kommen sie darauf?“

„Es geht um seine horrenden Schulden und den mysteriösen Schatz. Ich nehme an, er hofft das Gold zu finden, bevor seine Gläubiger ihn finden.“

„Finden sie nicht, dass ihre Bedenken doch etwas weit hergeholt sind? Hätte es nicht gereicht, Lady Edna um das Collier zu bitten?“

„Ich bin mir nicht sicher“, Rosalie resigniert, „entschuldigen sie nochmals die Störung, Inspektor. Ich muss gehen, bevor noch ein Mord geschieht.“

„Wohin?“, Nathan klingt besorgt.

„In die alten Keller unter dem Turm. Dort vermutet Anthony den Eingang.“

„Rosalie, warten sie!“

Sie hat aufgelegt.

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Nachdem sich der Inspektor verabschiedet hatte, zog sich Rosalie in die Abgeschiedenheit der Bibliothek zurück, während Anthony  Gil, nach der denkwürdigen Besichtigung der Ahnengalerie, zu einem Ausritt drängte. Rosalie war froh ihren Recherchen ungestört nachgehen zu können.

Die Tür der Bibliothek öffnet sich mit leisem Knarren. Misses Morse lauscht, macht ein paar Schritte in den Raum, reckt den Hals und sieht sich aufmerksam um.

„Miss Rosalie“, ruft sie unsicher, „sind sie da?“

„Ja, Misses Morse“, hört sie Rosalies dumpfe Stimme, „ganz hinten links.“

Vorsichtig balanciert die Köchin ein Tablett mit frischem Brot, Butter, kaltem Hühnchen und einer Flasche Weißwein zwischen den langen Regalreihen hindurch. Erstaunt zieht sie die Augenbrauen hoch, als sie die junge Frau in einem Durcheinander aus Karten, Büchern und Grundrissen auf dem Boden sitzen sieht. Es hat den Anschein, ein Sturmwind hätte die Regale geleert.

„Miss Rosalie“, sagt sie mit leisem Vorwurf in der Stimme, „das schöne Kleid.“

Rosalie lächelt und steht vorsichtig auf, um keines der kostbaren Schriftstücke zu beschädigen.

„Liebe Misses Morse, sie haben so Recht! Ich war ganz vertieft in meine Recherche, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe.“ Sie streicht das blau schimmernde Seidenkleid glatt und rückt ihre warme Wolljacke zurecht. „Stellen sie den Tee doch auf den Tisch am Fenster. Dann kann ich die letzten Sonnenstrahlen genießen.“

„Zum Glück haben sie eine warme Jacke an. Sie holen sich in diesen zugigen Räumen noch den Tod.“ Die ältere Frau schüttelt besorgt mit dem Kopf und sagt mehr zu sich selbst, „heutzutage sind die jungen Leute so leichtsinnig, wenn es um ihre Gesundheit geht.“

Das Porzellan klirrt leise, als Misses Morse das Tablett auf dem Spieltisch vor dem Fenster abstellt. Sie richtet Rosalie einen Teller mit Brot und Hühnchen, gießt ihr ein Glas Weißwein ein. Rosalie setzt sich und kostet einen Schluck.

„Ein edler Tropfen“, stellt sie fest.

„Aus unserem Weinkeller“, erklärt Misses Morse, „der alte Lord war immer sehr eigen, was seine Weine betraf“, Rosalie horcht auf, „aber ich dachte, nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Nacht, könnte ihnen ein kleine Aufmunterung nicht schaden.“

Die Köchin zwinkert Rosalie verschwörerisch zu.

„Danke, liebe Miss Morse. Würden sie sich zu mir setzen und mir Gesellschaft leisten? Ich denke, das Hühnchen reicht für zwei und der Wein ebenso.“

Misses Morse errötet verlegen und setzt sich ganz vorne auf die Stuhlkante. Rosalie reicht ihr einen Teller und schmunzelt.

„Und einen Schluck Wein?“

„Nein, Miss, danke. Lieber nicht.“

Rosalie bestreicht das warme duftende Brot mit Butter, die sofort zerläuft.

„Sie sind eine begnadete Köchin“, Rosalie saugt den Geruch ein, „ich erwäge ernsthaft sie abzuwerben. John, mein Butler, liegt mir seit Wochen in den Ohren endlich wieder eine festangestellte Köchin einzustellen.“

Misses Morse Augen leuchten auf und Rosalie weiß, dass sie ihren Trumpf an der richtigen Stelle ausgespielt hat. Tatsächlich spielt sie mit dem Gedanken die freundliche Frau in ihren Haushalt aufzunehmen.

„Wissen sie, ob die Weinkeller zu dem alten oder neuen Teil des Hauses gehören?“

„Sie wurden auf einem alten Teil des Hauses aufgebaut, soweit ich weiß“, Misses Morse belegt ihr Brot mit einem Stück Hühnchen, „aber Mister Smith kennt sich besser mit diesen Dingen aus, schon sein Vater und Großvater haben den de Clares gedient. Ich bin erst mit vierzehn als Küchenmädchen hergekommen.“

„Danke für den Hinweis“, Rosalie gießt sich etwas Wein nach, „aber sie haben meine Theorie schon bestätigt. Wissen sie zufällig, ob es so etwas wie Eiskeller oder Erdgewächshäuser gab?“

Misses Morse kaut bedächtig an ihrem Bissen. Dann nickt sie.

„Ja, ich erinnere mich. Ich muss etwa 16 gewesen sein, als ich in der Nähe des großen Turms in ein Loch stürzte. Es hatte die Form einer kleinen Vorratskammer. Es dauerte drei Stunden, bis man nach mir suchte und mich befreite.“

„Ich nehme an, dass das Loch danach zugeschüttet wurde?“

Misses Morse zuckt mit den Schultern.

„Tut mir leid, Miss Rosalie. Ich weiß es nicht. Ich war nur heilfroh, dass sie mich da rausholten.“

„Macht nichts. Mir wäre es vermutlich genauso gegangen.“

Rosalie lächelt verständnisvoll. Sie hat erfahren, was sie wissen will.

Ihr Vater ermöglichte es ihr Geschichte zu studieren. Ein Wissensgebiet, dass ihm mehr als alles andere am Herzen lag. Wann immer sich die Gelegenheit bot, besichtigte er mit Rosalie Herrenhäuser, Schlösser, Kirchen, Museen, Galerien und Bibliotheken. Ihr Vater erzählte ihr die Legenden über Uther Pendragon und König Artur, der ebenso ein Bastardkind war, wie er selbst. Er brachte ihr bei, wie man recherchierte, Karten las und welche Bedeutung Symbole und Zeichen hatten.

Rosalies erste Arbeit, in langen Stunden recherchiert, handelte von der Verfolgung katholischer Gemeinden unter Heinrich dem VIII. Sie wusste von den Plünderungen der Kirchenschätze, den Morden an einzelnen Priester und ganzen Ordensbruderschaften. Wer nicht auf Heinrichs Seite war, war gegen ihn. Allerdings gab es auch die andere Seite. Zufluchtsstätten, geheime Schatzkammern, Menschen, die ihr Leben für das Leben fremder Menschen aufs Spiel setzten und den Tod fanden.

„Ich glaube, ich sollte mich wieder in die Küche aufmachen“, reißt Misses Morse Rosalie aus ihren Erinnerungen. „Seine Lordschaft und Mister Douglas werden sich hungrig sein, wenn sie von ihrem Ausritt zurückkehren.“

Sie steht auf und räumt das Geschirr zusammen.

„Sie kennen seine Lordschaft seit seiner Kindheit?“

„Ja, Miss Rosalie“, die Köchin seufzt, „ein liebenswürdiger, fröhlicher Junge. Und so hübsch. Seit er den alten Lord beerbt hat und die Last dieses düsteren Hauses tragen muss, hat er sich sehr verändert. Leider nicht zum Vorteil, wenn ich diese Meinung äußern darf.“ Sie nimmt das Tablett auf. „Er ist ein musischer, künstlerisch begabter Mensch. Ich glaube nicht, dass Mister Gil für diese Art der Verantwortung geschaffen ist.“

„Da mögen sie durchaus Recht haben, Misses Morse“, stimmt Rosalie nachdenklich zu. – Ich sollte ein ernsthaftes Gespräch mit seiner Lordschaft führen. –

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Der Fordbus des „Fed“ schnauft den schmalen Weg zur Ronneburg hinauf. Inständig hoffe ich, dass mir kein Auto entgegen kommt, weil es rechts und links keine Ausweichmöglichkeiten gibt. Immerhin weiß ich jetzt, dass die Ronneburg eine Höhenburg ist. Die Ritter haben sie auf einen Basaltkegel gebaut. Er ist eine der höchsten Erhebungen im Umkreis und man hat einen sagenhaften Blick auf die Landschaft. So konnten die Burgherren frühzeitig erkennen, wann Gefahr drohte oder Gäste kamen.

Die Kinder vom Kidsclub sind ziemlich aufgeregt. Besonders die Jungs, die komplett in der Überzahl sind. Die besondere Umgebung beflügelt die Fantasie der Kinder. Kevin bezahlt den Eintritt und bringt eine nette ältere Dame in historischen Gewändern mit. Sie stellt sich vor. Ihr Name ist Jana. Kinder und Betreuer nehmen auf Bänken platz. Jana erzählt etwas über die Geschichte der Ronneburg und beantwortet Fragen. Einer der Jungen fragt, ob es auch Drachen gegeben hat. Jana sagt: nein. Ich will ihr nicht widersprechen, aber insgeheim bin ich mir sicher, dass immer ein Körnchen Wahrheit in den Legenden steckt. Außerdem bin ich Schriftstellerin, wir müssen alles für möglich halten.

Aufmerksam folge ich Janas Ausführungen über die Ritterzeit und die Besonderheiten der Burg. Dann führt sie uns in das Innere der Burg. Bevor wir die Wohnräume zu sehen bekommen, führt sie die Gruppe ins „Brunnenhäuschen“. Der 96 Meter tiefe Brunnen beeindruckt die Kinder, und wohl auch uns Erwachsene, am meisten. Die Kinder rufen in den Brunnen und amüsieren sich über das Echo, das ohrenbetäubend wieder hinauf hallt. Auf Janas Kommando singen sie sogar ein Lied.

Wie haben die alten Ritter es bewerkstelligt einen beinahe 100 Meter tiefen Brunnen in den Fels zu hauen? Basalt ist nicht gerade ein weiches Gestein. Das muss ungeheuere Mühe gekostet haben. Aber so hatten sie selbst in Belagerungszeiten immer Trinkwasser. Jana lässt Wasser in einen Blecheimer laufen, und als die aufgekratzte Gruppe endlich still ist, schüttet sie es in den imposanten Brunnenschacht. Es dauert einige atemlose Sekunden, ehe wir das Platschen auf dem Wasserspiegel hören. Faszinierend. Später zeigt sie uns dann den Burgturm, der 30 Meter misst. Hinaufzusehen macht mich mit meiner Höhenangst schon schwindelig. Mir vorzustellen, dass der Brunnen noch zwei Mal tiefer ist, fordert meine ganze Fantasie und davon habe ich eigentlich genug.

Die Ronneburg ist im Inneren sehr gut erhalten (oder restauriert). Auf unserem Rundgang begegnet uns Ritter Bernd im Mittelaltergewandt, mit Stiefeln, Schwertgürtel und Messer. Ritter Bernd hat sehr kurze Haare. Ich hatte mir Ritter immer mit langem Haar und Bart vorgestellt? Er grüßt fröhlich. Später treffen wir ihn wieder und da hat er sogar ein Schwert dabei. Die Jungs sind begeistert und als Ritter Bernd sie anspricht, sind sie richtig ehrfürchtig und plötzlich ganz kleinlaut.

Die Küche ist ein interessanter Ort. Mit einem riesigen Kamin über einer großen Feuerstelle. In großen Kupferkesseln wurde für die Bewohner Eintopf gekocht und bei Festlichkeiten briet man dort die Schweine am Spieß. In der kalten Jahreszeit hielten sich die Bewohner meistens in der Küche auf. Erstens gab es dort zu essen und zweitens brannte dort immer ein Feuer. Jana zeigt uns, wie schnell sich die Glut wieder entfachen lässt. Allerdings würde mich auf die Dauer der Geruch von Rauch stören. Ich nehme an, die Ritter waren daran gewöhnt – und heilfroh, wenn sie aus der Winterkälte an einem Feuer ihre Hände und Füße wärmen konnten. In einer Außenwand macht Jana uns auf ein Loch aufmerksam, durch das der Abfall aus der Burg befördert wurde.

Jana schenkt Kevin eine Handvoll Glückssteine für alle. Sie sind so klein, dass die Gefahr besteht, dass sie ausversehen von einem der Kinder geschluckt werden könnten. Ich schlage die kleinen Halbedelsteine in ein Taschentuch und bewahre sie sicher in meiner Tasche auf.

Heute stehen sie in einem kleinen Glas neben meinem Laptop, mit Datum und Ort versehen. Ich durfte sie behalten, damit ich mich immer an diesen schönen Tag erinnere.

Der Burghof ist beinahe romantisch. Mit Bäumen und versteckten Nischen. Ob sich hier der Burgherr heimlich mit der Magd getroffen hat? Immerhin bietet er genug Platz für die Kinder sich auszutoben. Wir müssen aufpassen, dass uns niemand abhanden kommt. Aber nach ihrer Geduld bei der Führung, haben sie sich die Bewegung redlich verdient.

Außer dem Burgturm, Bergfried heißt er glaub ich, gibt es auf der Außenmauer der Burg noch mindestens zwei Aussichtsplattformen, von denen man einen herrlichen Ausblick hat. Damals waren sie sicher eher praktischer Natur – immerhin musste man die Gegend im Blick behalten, schließlich weckte so eine schöne Burg zweifellos begehrliche Wünsche bei den Nachbarrittern.

Die Kinder, die keine Angst haben, steigen mit Christine auf den Burgturm, während Kevin den Proviant aus den Autos holt, den Henni mit viel Liebe zubereitet hat. Es gibt belegte Brötchen, Karotten, Gurken und als Highlight Schokoküsse. Wie still die Kinder auf einmal sitzen können! Man hört kaum ein Wort.

Und tatsächlich machen sich die Glücksteine sofort „bezahlt“! Ich finde eine glänzende Pfauenfeder auf dem Kieshof vor dem Geschenkeshop, wo wir unser Picknick machen. Dort hat bei unserer Ankunft ein Pfau gesessen. Vielleicht hat er meinen bewundernden Blick bemerkt und sie mir als Geschenk zurückgelassen? Sie wird einen Ehrenplatz in meinem Tagebuch bekommen. Pfauenfedern findet man schließlich nicht jeden Tag.

Die Flugschau können wir nicht ansehen. Sie ist nur zwei Mal am Tag. Allerdings ist der Weg zur Ronneburg nicht so weit. Ich nehme mir fest vor, wieder zu kommen und die Burg noch einmal genauer zu erkunden. Außerdem will ich ganz viele Fotos machen. So eine schöne Burg ist eine Inspiration für märchenhafte Geschichten. Recherche direkt vor der Haustür, sozusagen. Dabei fällt mir eine Geschichte ein, die ich vor einigen Monaten geschrieben habe. Sie handelt von einem Zauberer, der in seinem Keller geheime Experimente macht. Zeit sie wieder hervorzuholen und weiter zu schreiben.

Die Zeit geht viel zu schnell vorbei, an diesem Nachmittag. Es war harmonisch und angenehm, mit den begeisterten Kindern und den netten Betreuern. Wir hatten Spaß, haben gelacht, etwas gelernt und alle sind wieder gut nach Hause gekommen. Bis zum nächsten Kidsclub.

Dies ist ein Bericht aus meinem „Tagebuch“. Ich musste diesen Nachmittag unbedingt festhalten, weil es ein so angenehmer Tag war und es mir wirklich sehr viel Spaß gemacht hat.

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