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Posts Tagged ‘Thuja’

Fensterblick

Grau in Grau, hinter einer grünen Wand aus Kirschbäumen, Thuja und Ebereschen. Wieso heißt ein Baum, von dessen Beeren sich Vögel ernähren, Eber-Esche? Die Frage ist rein rhetorisch. Ich suche nicht nach einer Antwort. Ich suche nach gar nichts. Denn ich bin gefunden worden. Und schon bricht aus dem Grau ein Sonnenstrahl und erhellt meinen Tag.

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Ich zerre meinen alten Rollkoffer über die kiesbestreute Auffahrt, bis vor die imposante Eingangstür. Sie ist grün mit einem Rahmen aus rosa Sandstein. Rechts und links stehen antike Amphoren mit Thujas, die kugelrund gestutzt sind. Kein einziges Blättchen wagt es aus der Reihe zu tanzen.

Hier soll ich also das nächste Jahr, bis zu meiner Volljährigkeit verbringen. Ein beklemmendes Gefühl steigt in mir auf, dass ich energisch zu unterdrücken versuche. Ehrfurchtsvoll blicke ich an dem riesigen Haus empor. Hinter einem der Fenster im ersten Stock meine ich ein Gesicht zu erkennen. Ich sehe genau hin, aber es ist fort. Meine Nerven scheinen doch sehr überreizt zu sein. Es hilft alles nichts. Ich gebe mir einen Ruck und drücke auf den schwarzen Knopf neben der Tür. Aus dem Inneren des Hauses höre ich einen schnarrenden Ton. So werden hier also die Gäste angekündigt.

Es dauert beinahe eine kleine Ewigkeit, bis ich Schritte höre und noch eine dazu, bis endlich die Klinke herunter gedrückt wird und sich die Tür öffnet.

„Guten Tag, was kann ich für sie tun?“

Eine Hausdame in einem schwarzen Seidentaftkleid, mit einer langen Jetperlenkette, blickt mit hochgezogenen Augenbrauen auf mich herab. Mir ist durchaus bewusst, dass meine Kleidung nicht sehr stilvoll ist, aber bei armen Verwandten ist das nun einmal so.

„Guten Tag“, antworte ich und finde meine Stimme hört sich so gar nicht nach mir an, „mein Name ist Sara Monroe. Mister Weston erwartet mich.“

Der Hausdrache mustert mich misstrauisch von oben bis unten. Als ich schon nicht mehr damit rechne, dass sie mich herein lässt, sagt sie:

„Folgen sie mir, ich bringe sie zu seiner Lordschaft.“

Jetzt könnte ich noch weglaufen. Schnell. Wenn ich wüsste wohin – aber mit kaum einem Pfund in der Tasche sind die Möglichkeiten sehr begrenzt. In Ermangelung einer adäquaten Zuflucht, zerre ich meinen Koffer über die Schwelle. Von innen wirkt das Haus noch furchteinflößender. Die Eingangshalle ist düster, dunkel getäfelt, und die endlos lange Treppe in den ersten Stock verstärkt den Eindruck noch.

Ohne auf mich zu achten, geht die Hausdame auf eine schwere Eichentür zu, stößt sie nach kurzem Klopfen auf, wirft meinen Namen in den Raum und lässt mich stehen. Ich zögere, aber da sie mich nun schon angekündigt hat, beschließe ich, mich meinem Gastgeber zu zeigen. Großes Interesse an mir vermute ich bei ihm nicht, sonst hätte er sich wohl erhoben. Adelige Manieren sind auch nicht mehr, dass was sie einmal waren.

Wachsam wage ich mich vor. Ich habe Mister Weston noch nie gesehen, aber so weit ich weiß, müsste er mindestens 80 Jahre alt sein. Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich niemand begrüßt.

„Mister Weston?“, frage ich in den Salon hinein.

Ich strenge mich an das Halbdunkel zu durchdringen. Im Kamin brennt zwar ein Feuer, aber heller wird es dadurch nicht.

„Ist da jemand?“, erkundige ich mich noch einmal.

Eine große Gestalt löst sich aus den Schatten und kommt langsam näher. Ich richte mich kerzengrade auf. Endlich steht er vor mir. Das soll Mister Weston sein? Achtzig ist er jedenfalls nicht. Mitte dreißig vielleicht, kaum älter. Tadellos gekleidet, mit glänzend polierten Stiefeln.

„Guten Tag, Miss Monroe.“

Seine melodische Stimme hat einen ironischen Unterton. Er mustert mich ebenso eingehend, wie sein Hausdrache vorhin. Allerdings hat Mister Weston entschieden reizvollere Augen. Ungewöhnlich grün-golden und so tief, dass ich den Grund nicht sehen kann. Sein markantes Gesicht lässt keine Gefühlsregung erkennen.

„Mister Weston, Alfons Weston?“

Er umrundet mich, als sei ich ein bizarres Kunstwerk.

„Nein. Mein Vater ist vor einem halben Jahr verstorben. Mein Name ist Marcus Weston.“

Die Ankündigung verwirrt mich. Ich bin nicht sicher, ob das gut oder schlecht für mich ist.

„Ach ja?“, mehr fällt mir dazu nicht ein.

„Ja, und da ich mit dem Haus und dem Vermögen auch die Pflichten geerbt habe, musst du dir keine Sorgen machen, dass du am Hungertuch nagen könntest.“

„Ich mache mir keine Sorgen“, und versuche genauso herablassend zu klingen wie Marcus, „ich habe gesunde Hände und einen klaren Verstand.“

„Erfreulich, dass wirst du bald unter Beweis stellen können“, ein Schmunzeln zuckt um seine Lippen. „Bring dein Gepäck in dein neues Domizil, mach dich frisch und sei in einer halben Stunde wieder hier.“

Ohne mich weiter zu beachten, dreht er sich um und geht zurück in den Salon. Die Audienz ist beendet.

„Kommen sie Miss Monroe“, die scharfe Stimme des Hausdrachen lässt mich zusammenzucken, „sie haben keine Zeit zu verlieren.“

Das fängt gut an. Marcus scheint mich als billige Arbeitskraft zu sehen – wenn sie essen will, soll sie arbeiten. Nun, nicht wirkliche ein Verfall, wenn ich die Umgebung betrachte, aber die Personen, die hier leben. Ich glaube nicht, dass ich für sie freundliche Worte finde. Das Haus und mag es noch so vornehm sein, gleicht einer Gruft und die Menschen scheinen in der Kälte ihres Daseins völlig erstarrt.

Die letzten Jahre meines Lebens habe ich in einer feucht-kalten Souterrainwohnung gelebt. Wobei das dunkle Loch, die Bezeichnung Wohnung kaum verdiente. Trotzdem herrschte dort mehr Wärme und Spaß. Immerhin hatte ich Mama. Sie war liebenswürdig, freundlich und entschädigte mich mit ihrer Liebe für alle Unbilden unseres Daseins. Nach ihrem Tod, erhielt ich die Adresse von Mister Weston und 10 Pfund für die Reise. Während dieser hatte ich ausreichend Zeit darüber nachzudenken, warum Mama erst sterben musste, bevor sich jemand meiner erbarmte. Obwohl, von Erbarmen möchte ich in dieser Situation nicht sprechen. Drama trifft es eher. Mama würde sich im Grab umdrehen.

Die Hausdame führt mich durch eine Seitentür der großen Halle zu einer Art Pavillon im verwilderten Teil des Parks. Aschenputtel lässt grüßen. Immerhin muss ich nicht in dem düsteren Gemäuer schlafen. Wer weiß, wie viele Geister dort ihr Unwesen treiben.

„In einer halben Stunde im Salon“, sagt sie, nachdem sie mir den schweren Eisenschlüssel für das Häuschen in die Hand gedrückt hat, „sie kennen den Weg.“

Und schon rauscht sie davon. Wie die Flügel einer Krähe weht ihr Kleid hinter ihr her. Und ich muss mir eingestehen, eine Krähe wäre mir tausend Mal lieber gewesen.

Nervös stecke ich den Schlüssel ins Schloss und drehe ihn herum. Entgegen meiner Erwartung springt es sofort auf.  Mit einem flauen Gefühl im Magen öffne ich die Tür und stehe in einem sauberen kleinen Flur, von dem mehrere Türen ausgehen. Erfreulich wenn sich Befürchtungen nicht erfüllen.

Links von mir befindet sich mein Schlafzimmer. Das Bett sieht einladend aus, mit weichen Kissen und Decken in zartem Pastell dekoriert. Eine hübsche Kommode, ein Nachttischchen und ein Frisiertisch mit Stühlchen in freundlichem Weiß, komplettieren die Einrichtung. Ich bin ehrlich erstaunt. Nachdem unterkühlten Empfang habe ich mit einer kargen Zelle gerechnet. Aber hier kann ich mich wirklich wohlfühlen. Das Wohnzimmer, eine winzige Küche und ein Bad !!! sind ebenfalls gemütlich hergerichtet. Wer hat hier seine Finger im Spiel? Bestimmt nicht die Krähe und der Hausherr kommt für mich auch nicht in Frage.

Der Text entstand im Schreibkurs unter dem Thema: Hinter der Tür – Schreiben nach Bildern

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