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Posts Tagged ‘Textarbeit’

„Mein Text ist leider nicht perfekt.“ Ein Ausspruch, der in Schreibkursen sehr häufig vorkommt. Ich gestehe, auch ich habe diesen Satz das ein oder andere Mal benutz. Einerseits könnte man die Aussage als eine Art Understatement betrachten. Oder als Entschuldigung dafür, dass man einen schlechten Tag hat oder gerade nicht in Stimmung ist.

Doch der wahre Grund ist zu ca. 90 % der innere Kritiker, der in unserem Kopf herumtobt und uns sagt: „Was du da machst, ist doch Blödsinn! Ein/e Hemingway, Schätzing, Brown, Austen usw. wird doch so wieso nie aus dir!“ Und welche netten Sätze der kleine Mistkerl noch so ausbuddelt. Der kleine Mann in unserem Kopf kramt sämtliche Komplexe, hochgesteckten Erwartungen, Minderwertigkeitsgefühle, Zweifel aus unseren Schubladen und häuft sie zu einem riesigen Haufen vor uns auf. Dann lehnt er sich zufrieden zurück und sagt: „So, mein/e Liebe/r, jetzt sieh mal zu, wie du über diesen Berg kommst! Das schaffst du nie!“ Und tatsächlich ist das der Punkt, an dem so manch begabter Schreiber aufgibt. Statt den kleinen Mistkerl in den Hintern zu treten und ihn in die Verbannung zu schicken, strecken sie die Waffen. In unserem Fall den Stift. Da hilft auch gutes Zureden nicht, wie ich in meinen eigenen Schreibkursen festgestellt habe.

Benjamin Disraeli beschert uns ein Zitat, dem sicher die meisten von uns zustimmen können:
„Es steht schlimm um einen Menschen, an dem man nicht einen einzigen sympathischen Fehler entdecken kann.“

Schwierig wird es, wenn man sich in einer Gruppe befindet, in der es eine sehr kritische Person gibt oder in der die allgemeine Atmosphäre wertend und abschätzend ist. Besonders unter dem Vorwand den/die anderen Schreiber weiterzubringen. Das hat nichts mit konstruktiver Kritik zu tun, sondern mit Selbstprofilierung.

„Da Perfektion im Auge des Betrachters liegt, wird sie je nach Betrachter nie perfekt sein.“ Ilja Pohl

Der Sinn einer Gruppe ist Förderung des Talentes, Feedback, Wachstum, neue Fähigkeiten erwerben und alte verbessern. Der Künstler möchte das Beste aus sich herausholen. Das ist gut und richtig. Doch aus diesem „das Beste wollen“ kann ein Zwang werden, der sich soweit manifestiert, dass er zur Blockade wird.

Sicher kennen die meisten Kunstschaffenden die Situation: Nach reiflicher Prüfung hat man ein Projekt abgeschlossen. Alles ist in trockenen Tüchern, da fällt einem ein: Dieser oder jener Satz könnte besser sein. Das kann seine Berechtigung haben, aber irgendwann muss der Stift ruhen. Das Buch/Text/Bild/Werkstück/Skulptur/Song usw. muss in die Freiheit entlassen werden.

Nach dem Projekt ist vor dem Projekt.

Wir sind Lernende und werden es immer sein, wenn wir wollen. Das ist unser Job in diesem Leben! Es gibt einen sehr schönen Satz: Sag nicht, das kann ich nicht – sondern: das kann ich noch nicht. Es ist keine Schande etwas nicht zu können. Es liegt in unserer Hand, es zu erlernen.

Als Hilfestellung gibt es Schreibgruppen, VHS-Kurse, Schulen und Universitäten, Werkstätten usw. Kreativität lässt sich nicht erzwingen, aber sie lässt sich anlocken. Wenn eine entspannte, lockere Grundstimmung herrscht, in der sich die Teilnehmer gegenseitig inspirieren, statt zu konkurrieren, kann der kreative Same aufgehen. Dazu muss man nicht verbissen kämpfen. Aus Irrtümern, Macken, Versprechern können neue Ideen hervorgehen. Eine Schramme kann einem Tisch Charakter verleihen und eine Narbe, ein unverwechselbares Kennzeichen sein. Das ist eine Frage des Standpunktes.

„Perfektion ist der größte Makel – wer alles ist, kann nichts mehr werden.“ Maik Alwin

Der Spaß an der Sache und Freude an der kreativen Betätigung soll im Vordergrund stehen. Das hat nichts mit einem guten oder schlechten Text zu tun. Die erste Version ist immer ein Rohentwurf. Kein Schriftsteller, egal wie berühmt (berüchtigt) er sein mag, kann stante pede (stehenden Fußes/auf der Stelle/just in diesem Moment) einen druckreifen und ausgefeilten Text schreiben. (Vielleicht einen Sinnspruch, aber der hat in der Regel nur eine Zeile.) Wer sich den Anspruch der Vollkommenheit auf die Fahne schreibt, muss enttäuscht werden.

Es ist sinnvoll die erste Version als Skizze oder Basis der späteren Arbeit zu sehen. (Das Element der Textarbeit und Korrektur steht auf einem anderen Blatt.) Dadurch fällt ein großer Druck weg. In dem Stadium der Inspiration und Ideenfindung muss nichts fertig sein. Kreativität braucht Spielraum und die Vielfalt der Möglichkeiten, um sich zu entfalten.

Etwas, dass wir uns bei Kindern abschauen können. Wenn sie in ihren Spielen aufgehen, dann gibt es nichts rechts und links, sondern nur diesen Moment. Mit roten Wangen und glänzenden Augen treiben sie ihr Werk voran. Sie denken nicht darüber nach, welche Urteile andere fällen. Es wäre schön, wenn uns diese Leichtigkeit ein Leben lang erhalten bleiben könnte. Leider ist es oft nicht der Fall – entweder durch andere oder uns selbst verursacht.

Wenn wir lieben was wir tun und den Anspruch der Vollkommenheit hintenanstellen, kann sich unser Geist befreien und in den kreativen Fluss eintauchen.

„Die Feder kritzelt: Hölle das!
Bin ich verdammt zum Kritzeln-Müssen? –
So greif‘ ich kühn zum Tintenfass
und schreib‘ mit dicken Tintenflüssen.
Wie läuft das hin, so voll, so breit!
Wie glückt mir alles, wie ich’s treibe!
Zwar fehlt der Schrift die Deutlichkeit –
Was tut’s? Wer liest denn, was ich schreibe?“
Friedrich Wilhelm Nietzsche

Zum Schluss ein schönes Zitat von Özsoy Öztürk
„Die kürzeste Definition von Perfektion lautet Illusion.“

Wir können nach Vollkommenheit streben, aber wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass wir sie nicht erreichen werden. Und darin liegt doch auch ein kleiner Trost. In diesem Punkt sind wir alle gleich:

„Es gibt in der Tat nichts in der Welt, das nicht einen Vorzug hat, und nichts das nicht ein Gebrechen hat.“
Chinesische Weisheit (um 300 v.Chr.)

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Die Motivationen von Kursleitern für kreatives Schreiben sind vielfältig. Doch nicht alle Beweggründe sind hilfreich für den Schreibenden. Als Poesiepädagogin, Kursleiterin und Teilnehmerin von Schreibkursen konnte ich einige Erfahrungen sammeln. Mein Vorbild in meiner Arbeit als Kursleiterin ist meine erste Dozentin Annette. Für sie stand das Schreiben, der zündende Funke, die Inspiration der Teilnehmer immer im Vordergrund.

Folgend möchte ich über einige Gründe von Kursleitern (KL) sprechen und wie sie sich auf den Teilnehmer und den Dozenten auswirken.

Motivationen sind z. B.:
1. Geld verdienen.
2. Seinem Lebenslauf Skills (Qualifikationen) hinzuzufügen zu können.
3. Kontakte knüpfen.
4. Als Lehrer agieren.
5. Ein Prestigeobjekt vorweisen zu können.
6. Begeisterung für das Schreiben.
7. Hilfestellung für zaghafte Schreiber, Ideengeber/Anreger und Ratgeber für Geübte sein.

Leider wird das Schreiben (von Geschichten, Romanen, Texten, Gedichten …) in unseren Breitengraden oft belächelt: „Ach, jetzt schreibt sie/er auch noch.“ – „Ein Hemingway ist er/sie ja nicht gerade.“ – „Wenn ich wollte, könnte ich auch einen Roman schreiben, das ist doch nicht schwierig.“ – „Wozu besuchst du einen Schreibkurs? Kannst du etwa nicht schreiben?“

Maler, Bildhauer, Sänger, Musiker, Fotografen oder Köche (und andere Kreative) sind Künstler – warum sind Schriftsteller – außer den Bestsellerautoren vielleicht, weniger Künstler? Weil jedes Kind in der Schule schreiben lernt? Ich weiß es nicht. Sich schreibend auszudrücken ist Kunst. Und wie bei allen Künsten, wird der Schreiber durch Üben besser. Und wie bei anderen Künsten auch, ist das Kunstwerk Geschmacksache.
Literarische Kunst kennt, wie z. B.: Malerei und Musik, verschiedenste Stilrichtungen und Möglichkeiten sich auszudrücken. Darum ist es als KL für kreatives Schreiben besonders wichtig kein Kritiker oder Lehrer (siehe 4) zu sein, vielmehr ein Mentor. Er sollte erkennen, wo die besonderen Begabungen des Schreibenden liegen und wie sie herausgestellt werden können und an welchen Punkten gefeilt werden sollte. Rechtschreibung und Grammatik haben natürlich ihren Platz, doch nicht im Moment des Schreibprozesses(!). Das kann zu tiefgreifenden Blockaden führen. Wir sind nicht in der Schule, sondern im „Künstleratelier“.

Jede Schreiberseele braucht ihren eigenen Raum, um sich zu entfalten. Sie hat ihren individuellen Rhythmus und Stil, den es zu respektieren gilt und der nicht durch ein Korsett aus Regeln eingeengt werden soll. Um Handwerk zu vermitteln, braucht der KL Fingerspitzengefühl.
Ein weiterer Beweggrund (siehe 1), den ich als ungeeignet betrachte, einen Kurs zu leiten, ist, damit Geld zu verdienen. Dadurch setzt sich der KL selbst und den Teilnehmer unter Druck.

Gute Arbeit soll angemessen bezahlt werden. Andererseits halte ich es für wichtig, die Beiträge moderat zu halten, um möglichst vielen Interessierten die Gelegenheit zu geben sich die Teilnahme an einem Schreibkurs zu leisten. Wenn der Kursleiter die Beiträge als Anerkennung für seine Organisation und Durchführung betrachtet, nimmt er sich den Druck eine bestimmte Zahl an Teilnehmern zusammenbringen zu müssen und kann auch mit wenigen Besuchern arbeiten.

Zu dieser Einstellung zu gelangen, ist gewiss eine Sache der Begeisterung (siehe 6), die den Schreibkurs als Prestigeobjekt oder Skill (siehe 5 und 2) direkt ausschließt. Ein Prestigeobjekt oder eine vorzeigbare Qualifikation dient nicht dem Schreibenden, sondern dem KL. Wir brauchen keine „Schreibjünger“ oder Vorzeigeobjekte. Wir wollen den Nährboden für eine harmonische Atmosphäre und Gruppendynamik schaffen, in der Ideen und Inspirationen auf fruchtbaren Boden fallen, wachsen und gedeihen. Ein geschützter Raum, in dem sich die Teilnehmer, als Kollegen und Helfer wahrnehmen, im positivsten Sinn, als Freunde (siehe 3) und nicht als Konkurrenten. Durch konstruktives Feedback und Lob können alle wachsen, sich unterstützen und ihr Talent weiter entwickeln.

Die wichtigste Aufgabe eines KL ist es den Teilnehmer an seine Inspiration heranzuführen, ihm Möglichkeiten aufzuzeigen seine kreative Quelle anzuzapfen und bei Bedarf in der Textarbeit behilflich zu sein (siehe 7). Außerdem muss der KL als Betreuer einer Gruppe, die Fähigkeiten der Teilnehmer einschätzen können, und die Stimmungen und Dynamik zwischen den Schreibenden im Auge behalten. In diesen wichtigen Bereichen sind die sozialen Fähigkeiten eines KL gefragt. Ein Schriftsteller hat eine ebenso sensible Künstlerseele, wie Kunstschaffende anderer Genres. Ein KL soll keine „Brechstange“ benutzen, um aufzuzeigen, wo Korrekturbedarf besteht, sondern einen „Bleistift“. Es gibt im Bereich des kreativen Schreibens viele Übungen, mit denen der KL dem Teilnehmer das nötige Handwerkszeug zur Textarbeit entspannt vermitteln kann. (Schöne Beispiele gibt es (z.B.) in dem Buch: Kleiner Autoren-Workshop von Ursula LeGuin. )

Wer sich ernsthaft mit dem kreativen Schreiben auseinandersetzt, das betrifft ebenfalls die therapeutisch/psychologische Seite, die nicht zu unterschätzen ist, weiß, dass durch Druck nichts erreicht wird. Druck und harsche Kritik machen hart, widerwillig und führen zu tiefsitzenden Schreibblockaden.

Die Musen der Antike werden mit Attributen wie fröhlich tanzen, erfreuen, liebevoll, himmlisch usw. belegt. Unsere Aufgabe als Kursleiter ist es die Teilnehmer zum „Singen“ (Schreiben) zu bringen. Dazu kann ich die Bücher von Lutz von Werder (Lehrbuch des kreativen Schreibens, Schreiben als Therapie, Schreib- und Poesietherapie), Jürgen vom Scheidt (Kreatives Schreiben – HyperWriting) und von Julia Cameron (Von der Kunst des Schreibens) empfehlen.

Es ist gut die eigene Motivation von Zeit zu Zeit neu zu überdenken, um die bestmögliche Arbeit für unsere Kursteilnehmer zu leisten und den Spaß an der Kunst für uns und andere zu erhalten.

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Dialektik der Symbole

Georg Heym benutzt zur Symbolisierung der Dystopie (in der Literaturwissenschaft ist die D. eine Anti-Utopie eine fiktionale Erzählung, die in der Zukunft stattfindet, mit negativem Ausgang, z.B.: George Orwell, 1984) z.B.: den Winter, das erstarrte Leben, den Tod und die Toten, den Mond, die Kranken, Lahmen, Blinden, Tauben, Irren, die Endzeit, den Untergang.

Symbole der Utopie sind bei Heym: die Sonne, das Feuer, die revolutionäre Aktion, der Krieg.

Übung: Schreiben sie einen Text in dem möglichst viele der genannten expressionistischen Symbole vorkommen.

Expressionistische Farben

Farben haben im expressionistischen Text eine besondere Bedeutung. Sie werden nach drei Regeln angewandt.

–   Sie verwenden die Grundfarben.

–   Sie trennen die Farben von ihrem natürlichen Gegenstand.

–   Sie affektieren(anstreben, anmaßen) und subjektivieren(einer Sache einen persönlichen Stempel aufdrücken)den Bedeutungsgehalt der Farben.

Folgende Bedeutung von Farbsymbolen lassen sich ausmachen:

  1. Dystopische Farben:

–   Schwarz: Tod, Sterben

–   Rot: Katastrophe, Untergang

–   Geld: Unheil

  1. Doppeldeutige Farben

–   Weiß: Göttliches Licht und Grauen

–   Purpur: Pracht und Gefahr

–   Grün: Kälte und Friede

  1. Utopische Farben:

–   Golden: Versöhnung mit dem All

–   Blau: Erhabenheit, maßloses Entzücken

Schreiben sie einen Text (über den Staat) in

expressionistischen Farben.

Die Reise durch die expressionistischen Seelenlandschaften

Die Expressionisten versuchten das Unbewusste zu erfassen. Gemäß der Dialektik (die Lehre von den Gegensätzen in den Dingen, bzw.: den Begriffen, sowie die Auffindung und  die Aufhebung dieser Gegensätze) der Grundtriebe (Todes- und Lebenstrieb) entwerfen die Expressionisten mit Hilfe von Landschaftssymbolen ein Bild vom ES.

Landschaften des Todestriebs:

In Landschaften spiegelt sich für Trakl wie für Heym das Bild des Untergangs. Tiere, Pflanzen, die unbelebte Natur, Gestirne, Personen symbolisieren die Untergangsmetaphorik in unterschiedlicher Weise.

Die Tiere

Das wilde Tier(Sinnbild des Triebes und der Affekte) das sanfte Wild(Bild des Mutterkindes), die Vögel/der Vogelflug(Sinnbild der Fantasie, der Reise ins Totenland).

Die Pflanzen

Rose(Sinnbild der Frau, lockend und drohend), Holunder (Zeichen der berauschenden Kindheit). Aster (Todesblume)

Unbelebte Natur

Am Waldesrand(Nahe dem Reich der Mütter, dem Unbewussten), die Mauer(Schutz und Widerstand), den Stein (Sinnbild erstarrter Vitalität).

Gestirne

Sonne/Sonnenuntergang(bei Trakl anderes als bei Heym Sinnbild des Todes), Mond(Gestirne des Totenreichs).

Personen

Engel(ambivalente Züge: geistige Freiheit und satanische Empörung, dann Sinnbild des narzisstischen Selbst), der Hirte/Landmann(Symbol der bedrohten Einheit von Mensch und Natur).

Landschaften des Lebenstriebes:

Landschaft:

Die seelische Ideallandschaft bei G.Benn ist der mittelmeerische Komplex. Der „Süden“ wird vom Meer beherrscht. Berge und Gebirge lässt Benn weg. Das „Meer“ erscheint als Zusammensetzung: „Muschelmeer“, „Mythenmeer“, „Sternenmeer“. Es hat bei Benn einen „Strand“, „Küste“, „Lagune“, „Hafen“. Die Landschaft wird von einer „Sonne“ beherrscht, die „Licht“, „Wüste“, „Mittag“, „Schatten“ verursacht.

Pflanzen:

Blumen, Sträucher spielen eine große Rolle: Mohn, Glyzinien, Orchideen, Asphodelen, Anemonen (sie bdeuten: Fülle, Schönheit, Harmonie, aber auch einmalige Leuchtkraft im Zeichen ihrer natürlichen Vergänglichkeit).

Gebäude:

Antike Ruinen runden das Bild an: Säulen, Tempel, Krüge, Vasen.

Tiere:

Erwähnte Tiere sind z.B.: Taube, Möwe, Stier, Schwalbe.

Personen:

Personen treten als Angehörige von alten Kulturen auf: Nubier, Phäaken, Inkas.

Farben:

Die wichtigste Farbe des mittelmeerischen Komplexes ist Blau. Mit dem Blau kann der Dichter „den Himmel von Sansibar … und das Meer der Syrten in seinem Herz beschwören“.

Übung: Beschreiben sie eine Reise, die sie erst durch die Landschaften des Todes und dann des Lebenstriebes führt.

Schreibprozess und Textarbeit

Inspiration: ist für Benn die Ausschaltung des Ichs, Öffnung tieferer Bewusstseinsschichten, freie Assoziation von Worten, Hinzuziehung von gesammelten Einfällen.

Inkubation: der Einfall wird vertieft, vernetzt, verdichtet. Das ist für Benn das Zusammenschließen von Worten in tieferen Schichten des Unterbewussten: Verdichtung, Symbolisierung, Verschiebung.

Explikation: Das unbewusste Material erhält Form. Der Text wird nun gestaltet, vom Intellekt durchgearbeitet.

Diese drei Stufen können wir mit der Clustermethode der freien Assoziation durchschreiten. Dabei ist wichtig, dass wir das Kernwort und Assoziation im Geist des Expressionismus vollziehen.

Aufgabe: Mit Hilfe des Clusterns schreiben wir einen Text zum Thema „Kleine Aster“.

Expressionistische Textarbeit umfasst sechs Regeln:

  1. Substantivierung

Wortverkürzung, Wortveränderung, Satzverkürzung,

Konzentration. Z.B.:

Die Bäume und Blumen blühen.

Die Bäume, Blumen blühen.

Baum und Blume blühen.

Baum blüht Blume.

Blühte.

Aufgabe: Bilden sie einen längeren Satz. Substantivieren sie diesen Satz, indem sie erst die Worte des Satzes verkürzen, dann verändern, dann den Satz verkürzen und schließlich die Satzaussage konzentrieren.

  1. Heterogenisierung

Die poetischen Bilder werden dissonant gegeneinander

Gesetzt, wie Schnitte im Film. Die freie Assoziation wird hier literarisches Prinzip. (James Joyce, der innere Monolog).

Aufgabe: Schreiben sie einen Text über die Großstadt, die nur aus einer Reihung freier Assoziationen und Einfällen besteht, die möglichst wenig miteinander zu tun haben.

  1. Personifizierung

Die dringliche Umwelt, Landschaften werden als Personen

dargestellt: Häuserrudel, Fenster sehen in die Nacht, Häuser bellen wie Hunde, etc. Die animistische und mystische Beseelung der Umwelt wird als Ausdruck der Aggressivität, der Dämonie der städtischen Konkurrenzgesellschaft, des bürgerlichen Schicksals im Krisenzyklus von Krieg und Wirtschaftszusammenbruchs benutzt.

Aufgabe: Lassen sie sich einige Stadtlandschaften einfallen und verwandeln sie sie in Personen; verwandeln sie Häuser in Tiere, Fenster in Augen, Wolken in Fäuste, Gedanken in mytische Gestalten, Brücken in Raubwesen etc. Schreiben sie dann einen personifizierten Text über ihren Stadtteil.

  1. Reduktion der Personen auf hässliche Details

Menschen werden nur noch durch hässliche Körperteile

dargestellt: Sattelnase, Bartflechte etc.(Benn: Nachtcafé) oder als Tiere: durch Substantivverschmelzung: Hungerhaie, Menschentiere. Die Entmenschung der Industriegesellschaft wird damit handgreiflicher Ausdruck.

Aufgabe: Schneiden sie aus einer Illustrierten zehn Bilder von Menschen aus und versuchen sie sie nur durch ein Körperdetail zu charakterisieren. Danach charakterisieren sie dieselben Menschen durch Tiere. Schreiben sie dann einen Text über Menschen in der Großstadt, die sich als Körperteile begegnen.

  1. Emotionalisierung

Das Verhältnis des bedrohten Ichs zu seiner drohenden,

zerstörerischen Umwelt erzeugt eine hohe emotionale Dauerspannung. Diese wird durch Rhythmus und Spannungen im Satzbau ausgedrückt.

–   Das lyrische Gedicht ist keine Mitteilung von Gedanken, sondern Kunde einer Offenbarung

–   Wichtige Stilmittel sind Laut und Rhythmus.

–   Der Rhythmus ordnet die Laute zu einer Einheit

–   Die Grammatik der Umgangssprache ist für die Lyrik belanglos. Das lyrische Gedicht ist Sprachtonwerk

Aufgabe: Schreiben sie zehn Sätze über einen Mord in

einer Großstadt. Versuchen sie dann durch folgenden Stilmittel den Text zu emotionalisieren.

–   Stellen sie die Worte in jedem Satz so um, dass der Satz stärker wird. Aus „Der Mörder hob langsam das Messer“ wird „Das Messer der Mörder hob – langsam“.

–   Versuchen sie möglichst viele dunkle Vokale in den Worten Ihrer Sätze unterzubringen.

–   Sprengen sie dann alle Regeln der Grammatik und verwandeln sie ihren Text in ein Sprachtonwerk.

  1. Utopisierung

Aus den Trümmern der Gegenwart, aus dem Chaos des

Untergangs erhebt sich die Gestalt des neuen Menschen, der sich in ekstatischer Lebe, in neuer Naturverschmelzung, utopischer Gemeinschaftssehnsucht ausdrückt. Aufbruch, Bewegung des Empor, Lichtmetaphern, der standhafte Mensch, Ideen neuer Gesellschaft.

Aufgabe: Nach dem Setzung des oberflächlichen Stadtmenschen durch die expressiven Stilmittel, soll nun ein Text über den neuen Menschen mit den Formeln des expressiven Pathos erarbeitet werden. Schreiben sie einen Text über den neuen Menschen als Bruder, guter Mensch, treuen Freund. Laden sie ihn mit dann utopisch auf.

–   O-Mensch-Ausrufe

–   Empor- und Lichtmetaphern

–   Aufbruchstimmung

–   Stilisierung des Guten bis zur ironischen Schmerzgrenze und bis an den Rand des Kitsches.

Die Aufgaben sind angelehnt und zum Teil wörtlich zitiert aus dem Buch: Kreative Literaturgeschichte, von Lutz von Werder, Klaus Mischon, Barbara Schulte-Steinicke ISBN 3-928878-01-8

Siehe expressionistisches Schreiben Teil II.

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