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Posts Tagged ‘Tee’

London, acht Wochen später:

„Sagen sie Misses Morse vielen Dank für den Tee und fantastischen Zitronenkuchen, John.“

„Sehr wohl, Miss.“

John entfernt sich leise aus dem Salon. Rosalie wendet sich wieder ihrem Gesprächspartner zu.

„Und sie sind sicher, dass sie das wollen?“, fragt der ältere Herr, „nachdem sie als Alleinerbin eingesetzt worden sind?“

„Das bin ich, lieber Malcolm. Wer könnte das Anwesen, seine historische Bedeutung und die Schätze, die gefunden wurden, besser verwalten als der National Historic Trust. Im Grunde sind sie doch Eigentum des englischen Volkes.“ – Dad wäre stolz auf mich. –

„Das ist wohl wahr“, Lord Malcolm Rutland nippt an seinem Tee, „wie sind sie eigentlich darauf gekommen, dass der Schlüssel im Herzen der Madonna liegt?“

Rosalie lächelt.

„Es war ein Puzzle. Der Rubin des Anhängers und der des Rings ergaben zusammen die Form des Herzens der Madonna. Als wir es in die Statue einpassten öffnet sich der Mechanismus unter dem Triptychon.“

„Sehr passend gewählt“, gibt der Lord zu, „der Rubin, als Symbol des Herzens.“

Rosalie lächelt wehmütig.

„Anthony hat sich einfach zu sehr auf das Collier versteift. Er wollte den Schatz um jeden Preis und hat dabei das Ganze aus den Augen gelassen.“ – Und das hat sie beide das Leben gekostet. Hätte Gil sich nicht mit letzter Kraft über mich geworfen, wäre ich gestorben.  –

Lord Rutland zieht ein kleines Kästchen aus der Jacketttasche und reicht es Rosalie.

„Das ist für sie, meine Liebe. Im Vergleich zu dem unfassbar hohen Wert ihrer Schenkung nur der winzigste Bruchteil. Ich denke, sie sollten ihn als Erinnerung behalten. Ihr Vater wäre unendlich stolz auf sie.“

Rosalie lächelt wehmütig. Sie öffnet die Schachtel. Aus dunkelblauem Samt leuchtet ihr der Rubinring entgegen.

„Ich danke ihnen, Malcolm.“

Sie entnimmt den Ring und steckt ihn an den Finger.

„Einer unserer Goldschmiede hat ihn wieder perfekt in die Fassung eingepasst. Das Collier werden sie zur Ausstellungseröffnung in seiner ganzen Pracht in Augenschein nehmen können.“

Die Tür zum Salon öffnet sich. John tritt ein.

„Entschuldigen sie, Miss. Mister Nathan Robins möchte sie sprechen“, sein Ton drückt tiefe Missbilligung aus, „er ließ sich nicht auf einen späteren Zeitpunkt vertrösten.“

Rosalies Herzschlag beschleunigt sich. – Er ist da. – Lord Rutland erhebt sich.

„Das trifft sich gut. Ich werde in einer halben Stunde zu einer Besprechung erwartet“, er haucht Rosalie einen Kuss auf den Handrücken und zwinkert ihr zu, „wir führen unser Gespräch ein anderes Mal fort.“

„Sehr gerne, Malcolm“, sie wendet sich an John, „führen sie Mister Robins bitte in mein Arbeitszimmer.“
Der Butler nickt und geht. Rosalie trinkt noch einen Schluck Tee. – Ganz ruhig bleiben. Vielleicht will er nur einen Anstandsbesuch machen. –  Dann geht sie in ihr Arbeitszimmer hinunter.

***

Nathan steht am Fenster und blickt in den Garten. Als Rosalie eintritt dreht er sich sofort um.

„Guten Tag, Miss Graville“, sagt er förmlich.

Rosalie zieht eine Augenbraue hoch.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie haben einen Schlag auf den Kopf bekommen, Nathan. Ich erinnere mich, dass wir diese gezierte Anrede schon hinter uns gelassen hatten.“

„Entschuldigen sie, Rosalie.“ Nathan macht ein paar Schritte auf sie zu, „es ist schön sie zu sehen. Wie geht es ihnen?“

„Dank ihrer schnellen Hilfe, wieder gut“, ihre Blicke begegnen sich, dann sprechen beide gleichzeitig – „Wo“ – „Ich wollte“

„Bitte nach ihnen“, sagt Nathan leicht verlegen.

Rosalie zögert kurz, dann gibt sie sich einen Ruck.

„Wo waren sie? Ich habe Constable Collins eine Nachricht für sie hinterlassen“, sie versucht ihre Aufregung zu unterdrücken, „ich befürchtete schon, sie wollen mich nicht wiedersehen.“

Nathan sieht Rosalie mit einem intensiven Blick an. Dann macht er den letzten Schritt und zieht sie in seine Arme. Seine Wärme hüllt sie ein und sein angenehmer Duft steigt ihr in die Nase.

„Es tut mir leid“, sagt er leise, „ich war ein Dummkopf. Aber du und ich – ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir zusammenpassen.“

„Und was hat dich bewogen, deine Meinung zu ändern?“

Rosalie legt die Arme um seinen Hals. Ihre Fingerspitzen gleiten zu seinem Haaransatz hinauf. Nathans Puls schnellt in die Höhe.

„Nichts. Ich glaube immer noch nicht, dass wir wirklich zusammenpassen. Aber ich musste jeden Tag, jede Minuten an dich denken. Daran hat sich in den ganzen Wochen nichts geändert. Ich bin beinahe verrück geworden vor Sehnsucht.“

Rosalie schmiegt sich enger an ihn. Fühlt eine deutliche Reaktion seines Körpers und schmunzelt.

„Also denkst du, wir sollten es versuchen und sehen, wohin es uns führt?“

Er schaut ihr tief in die Augen.

„Genau das denke ich.“

Nathans Lippen legen sich auf Rosalies Mund und ein erregendes Kribbeln breitet sich in ihrem Körper aus. – Und dafür haben wir ein Leben lang Zeit. –

– Ende –

Liebe Blogleser,

vielen Dank, dass ihr der Geschichte so aufmerksam gefolgt seid. Aus einem „Spaßprojekt“ aus Genre und 10 Worten ist ein Text von 57 Seiten geworden. Nach den ersten paar Seiten hat sich das Ganze verselbstständigt und ich wollte die Geschichte nicht mittendrin abbrechen, sondern sie zu einem guten Ende führen. Da ich außerdem 365-Tage-Projekt meinen Fantasy-Roman (560 Seiten) überarbeite und an einem neuen erotischen Liebesroman schreibe(die ersten 45 Seiten, plus Plot und Charakterstudien) , mögt ihr mir den ein oder anderen Schnitzer verzeihen. Ich habe jeden geposteten Text dieses kleinen Krimis an dem Tag veröffentlicht, an dem ich ihn geschrieben habe. Also im Grunde gepostet, wie geschrieben. 😉

liebe Grüße und danke fürs Lesen

Caroline

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„Mister de Clare, würden sie bitte ihren Butler rufen? Ich habe einige Fragen.“

Gil zieht an dem Klingelknopf hinter seinem Schreibtisch, dann tritt er an den Rauchtisch vor dem Barschrank und zündet sich einen Zigarillo an. Sergeant Collins steht neben der Tür und beobachtet seinen Vorgesetzten. Nathan räuspert sich, um Gils Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Trotzdem dauert es einen Moment, bevor er sich umdreht und ihn mit gereiztem Gesichtsausdruck anschaut.

„Stellen sie ihre Fragen“, knurrt er. „Ich nehme an sie verdächtigen mich?“

Nathan ignoriert Gils Frage. Seine ganze Haltung drückt Widerwillen gegen den Hausherrn aus.

„Können sie sich vorstellen, warum der Dieb nur das Collier mitgenommen hat?“

Gils Antwort ist ein Schulterzucken, während er ein Wölkchen aus weißem Rauch in die Luft bläst. Rosalie blickt von einem zum Anderen.

„Ich werde zu Misses Moore gehen und sie um einen Tee zu bitten“, wirft sie in die schweigende Runde und geht zur Tür.

„Ich begleite sie“, bietet Anthony ihr an, erleichtert der unangenehmen Situation zu entkommen.

„Bitte beeilen sie sich, ich habe auch noch Fragen an sie“, ruft Nathan ihm hinterher.

Rosalie schmunzelt. Der Inspektor stellt nachdrücklich klar, dass er bestimmt, wer wann wohin geht. Die Tür fällt ins Schloss.

„Nun, Mister de Clare, beantworten sie meine Frage oder möchten sie lieber aufs Revier kommen?“

Gil zuckt gleichgültig mit den Schultern.

„Ich habe keine Ahnung. Aber ich kann dankbar sein, dass der Dieb ein paar Preziosen übrig gelassen hat, dass ich versetzen und mit dem ich einen Teil der Schulden meines Großonkels abbezahlen kann.“

Der Sarkasmus seiner Antwort bringt ihm einen misstrauischen Blick des Inspektors ein. Er saugt den Rauch seine Zigarillo tief ein.

„Was sehen sie mich so an? Ich habe Lady Edna nicht von der Treppe gestoßen und ihre Juwelen an mich genommen.“

„Es gibt Mittel und Weg.“ Das Erscheinen von Mister Smith und Anthony unterbricht Nathans Ausführungen. „Gut, dass sie kommen, Mister Smith. Sergeant Collins teilte mir mit, dass sie dafür Sorge tragen, das Haus am Abend ordnungsgemäß abzuschließen.“

Mister Smith strafft die Schultern und wird noch  steifer, als er sowieso schon ist.

„Ja, Sir“, sagt er einsilbig.

„Ist ihnen gestern Abend etwas besonderes aufgefallen, ein defektes Schloss, ein offenes Fenster?“

„Nicht, das ich wüsste, Sir.“

Nathan hatte befürchtet, dass er nichts aus dem Butler herausbekommen würde. Hausdienern wurde die Loyalität gegenüber ihrer Herrschaft mit den silbernen Löffeln eingeprügelt, die sie so sorgfältig putzen mussten.

„Haben sie das Haus überprüft, nachdem Lady Edna gestürzt war?“

„Nein, Sir. Seine Lordschaft vermutete, wie wir alle, einen unglücklichen Unfall.“

Nathan wirft einen fragenden Blick in Gils Richtung. Er blickt immer noch aus dem Fenster, aber er spürt an der eintretenden Stille, dass er als Haushaltsvorstand gefragt ist.

„Warum sollten wir die Sicherheit des Hauses überprüfen – das Fehlen des Colliers wurde erst entdeckt, als der Leichenwagen eintraf. Zu dem Zeitpunkt waren etliche Türen und Fenster bewegt worden.“
Nathan gibt Sergeant Collins einen Wink.

„Collins, sie begleiten Mister Smith bei einem Rundgang durchs Haus. Überprüfen sie alle Türen und Fenster im Erdgeschoss. Achten sie besonders darauf, ob die Schlösser unversehrt sind, oder Beschädigungen aufweisen.“

„Ja, Sir“, Sergeant Collins, der Wichtigkeit seiner Aufgabe bewusst, schreit sofort zur Tat. „Mister Smith, darf ich bitten.“

Er hält dem Butler die Tür auf, der sich, nach einem Rückversicherungsblick zu seinen Brotherrn, zügig in Bewegung setzt.

„Danke Mister Collins“, Rosalie trägt ein Tablett mit Tee herein, „habe ich etwas verpasst?“
Interessiert blickt sie in die Männerrunde.

„Ich glaube nicht“, lächelt Anthony und nimmt ihr das schwere Tablett ab.

„Ich wollte Mister Douglas gerade fragen, was es mit dem geheimnisvollen Collier auf sich hat“, klärt Nathan Rosalie auf und seine Stimme trieft vor Sarkasmus, als er weiter spricht, „seine Lordschaft kann sich leider keinen plausiblen Grund denken, der den Dieb veranlasst haben könnte, nur das Collier zu stehlen“, er lässt einen Zuckerwürfel in seinen Tee gleiten.

Für einen Moment tritt eine angespannte Stille ein. Anthony wirft Rosalie einen fragenden Blick zu, die ihn offen erwidert.

„Wenn sie meine Theorie hören möchten, sollten sie sich zuerst das Collier anschauen.“

Nathan zieht erstaunt eine Augenbraue hoch. Er fängt einen skeptischen Blick von Rosalie auf.

„In der Ahnengalerie des Hauses hängen einige Gemälde, auf denen das Collier der de Clares auf den Dekolletés ihrer Ehefrauen abgebildet ist.“

„Dann sollten wir uns das Collier aus der Nähe ansehen.“ Nathan stellt seine Tasse auf das Tablett, „gehen sie voran, Mister Douglas?“

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„Rosalie“, Anthonys Stimme reißt sie aus ihren Gedanken, „sie sind noch auf?“

Er nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben sie an den Herd. Rosalie lächelt. Er trägt dicke Wollsocken, hat aber noch Dinnerhose und Hemd an, nur ohne die enge Krawatte. Sein blondes Haar ist zerzauster als sonst.

„Ich konnte nicht schlafen. Mir geht so viel im Kopf herum. Möchten sie auch einen Tee?“

Sie steht auf, füllt das kochende Wasser aus dem Kessel in die Teekanne und holt eine zweite Tasse für Anthony aus dem Küchenschrank.

„Sehr gerne. Darf ich fragen, welche schweren Gedanken ihren Schlaf vertreiben?“

„Oh, diese Familie lässt mir einfach keine Ruhe“, seufzt Rosalie und fragt, „Zucker?“

Anthony nickt und lässt seinen Blick über Rosalies schlanke Figur gleiten, die von dem seidenen Morgenrock sanft umspielt wird. Ihr Haar fällt in weichen Wellen über den Rücken. Vor Anthonys geistigem Auge erscheint das Bild von Rosalie, nackt in seinem Bett, nur geschmückt mit ihrem langen wundervollen Haaren.

Rosalie gießt den Tee ein und reicht Anthony eine Tasse.

„Danke“, er lächelt sie an, „es ist selten, dass ich schlaflose Nächte nicht bedauere.“
Rosalie nippt an ihrem Tee.

„Anthony“, beginnt sie unsicher und sucht nach den richtigen Worten, während er seinen Stuhl näher rückt, „sie sind wirklich ein Lichtblick in dieser unterkühlten Gesellschaft“, sie wird von einem schrillen Aufschrei unterbrochen.

Poltern und Scheppern ist zu hören, dazwischen weitere Schreie. Eine unheimliche Stille tritt ein. Rosalie und Anthony blicken sich für eine Schrecksekunde an, dann springen sie auf und laufen in die große Halle hinaus. Am Fuß der Treppe liegt Lady Edna verdreht wie eine Gliederpuppe in einer Blutlache. Ihr Stock liegt einige Meter weit weg. Die beiden bleiben wie erstarrt vor ihr stehen. Rosalie blick auf. Am oberen Ende der Treppe steht Gil und blickt zu ihnen hinunter. Misses Morse, Mister Smith und die anderen Dienstboten erscheinen wie Geister aus den Schatten. Leise tuschelnd halten sie Abstand. Misses Morse schluchzt gedämpft in den weiten Ärmel ihres Morgenrocks. Rosalie fasst sich als erste.

„Wir müssen einen Arzt rufen. Und den Bestatter.“

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– Was hat sich Großvater nur dabei gedacht! Was habe ich mir dabei gedacht! Und dabei habe ich mir vorgenommen ganz ruhig und gefasst zu bleiben. Ich hätte auf John hören sollen, er hat mich gewarnt. – Mit energischen Schritten umrundet sie den großen Brunnen vor dem Haus. – Ich sollte nach Hause fahren. Aber das wäre ein Triumph. Gil würde sich ins Fäustchen lachen, dass er die lästige Erbin losgeworden ist. Ich muss mehr wissen. – Rosalie hält kurz inne, atmet tief durch. – Ich werde meine allwissende Quelle anzapfen müssen. – Kurz darauf sitzt sie bei Misses Morse in der Küche, genießt ein Stück frisch gebackenen Kuchen und eine Tasse Tee.

***

Rosalie liegt im Bett, in spitzenbesetzten Kissen und Decken und betrachtet den reich bestickten Baldachin über sich. Sie hat den Verdacht, das Bett gehörte schon zur ersten Möblierung des Hauses und obwohl sie in ihrem eigenen Heim den modernen Stil bevorzugt, übt das altmodische Ambiente einen besonderen Reiz auf sie aus.

Ihre Gedanken kreisen um die beiden Besitzer des Anwesens. Lady Edna, die in selbstgewählter Begrenzung aus Konvention und Arroganz wie ein zurückgebliebenes Kind wirkte, nicht im Stande einfachste Zusammenhänge zu verstehen. Während Gil sich durch die Traditionen an das Haus und das Erbe ketten ließ, alles genau beobachtete, sich auf der Suche nach einem Ausweg im Kreis drehte und eine Mauer aus eisiger Ablehnung aufbaute.

Rosalie schlägt die Decke zurück, schlüpft in Pantoffeln und Morgenrock und verlässt ihr Zimmer. Sie könnte Mister Smith aus dem Bett klingeln und ihn bitten ihr einen Tee zu bringen, doch sie will seine Abneigung gegen ihre Person nicht verstärken. Den Weg in die Küche findet sie ohne nachzudenken.

***

Durch den nachglühenden Herd herrscht in der Küche noch eine angenehme Temperatur. Rosalie legt einen Holzscheit nach und ragt mit dem Schürhaken mehr Glut um das Holz. Sie rückt den Wasserkessel über die Feuerstelle. Er ist noch zur Hälfte gefüllt und lauwarm. Rosalie nimmt eine kleine Teekanne vom Regal, füllt eine Handvoll Pfefferminzblätter ein und zieht sich einen Stuhl vor den Herd. Das trockene Holz knistert hinter der Ofentür und verströmt einen harzigen Geruch. Rosalie genießt die Stille und die behagliche Atmosphäre.

Ihre Gedanken kehren zum Nachmittag zurück, als sie Misses Morse in der Küche aufsuchte, um ihr ein paar Auskünfte bezüglich ihres Großvaters, Lady Ednas und des Familienschmucks zu entlocken.
Misses Morse genoss die Aufmerksamkeit der schönen Miss Rosalie und ließ sich nur zu gerne herab, ihr interessante Einzelheiten über ihre Ahnen anzuvertrauen. Immerhin, so sagte sie sich, war die Miss die Enkelin seiner Lordschaft und es wäre sträfliche Nachlässigkeit gewesen, ihr die Bedeutung ihres Großvaters vorzuenthalten.

Rosalie versucht sich einen Reim auf Misses Morse Mitteilungen und die merkwürdige Dynamik in dieser Familie zu machen. Nach der Testamentseröffnung hatte sie nicht vorgehabt am Dinner teilzunehmen, bis Anthony sie bei Misses Morse in der Küche aufspürte und sie mit Engelszungen davon überzeugte nicht klein beizugeben.

Sie machte aus der Not eine Tugend. Ein Erbe ihrer Eltern. Rosalie zog eines ihrer schönsten Kleider an, steckte ihr Haar zu einer eleganten Frisur auf und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Kannst du deine Feinde nicht schlagen, gewinn sie für dich, beherzigte sie die Maxime ihres Vaters. Bis dahin war es ihr meistens gelungen, Neider oder Kritiker für sich zu gewinnen, aber was Lady Edna und Gil betraf war sie alles andere als sicher.

Erleichtert stellte Rosalie fest, dass sie nicht der einzige Gast war. Lady Edna thronte wie eine bösartige Krähe in schwarzer Witwentracht und streng frisiertem Haar an einem Ende der Tafel. Neben ihr saß Pater Markus dessen geistiger Beistand, gegen diese schreckliche Frau, seine Anwesenheit verlangte. Anthony flüsterte ihr in einem unbeobachteten Moment zu, dass der Pater Lady Ednas Beichtvater war. Die alte Dame beobachte die junge Frau mit Argusaugen. Zu ihrem Überdruss konnte sie keine Regelverstöße gegen die Etikette feststellen. Die fixe Idee Rosalie bei einem Faux Pas zu erwischen und bloßzustellen, schlug fehl.

Des weiteren bereicherte eine adelige Familie aus der Nachbarschaft das Dinner. Rosalie verdächtigte Lady Edna Gil verkuppeln zu wollen. Die drei Töchter im heiratsfähigen Alter konnten ihre Augen nicht von Gil und Anthony abwenden. Es kostete Rosalie Mühe das alberne Kichern der jungen Damen nicht mit sarkastischen Worten zu kommentieren.

Victor, der schneidige Bruder der drei Mädchen entschädigte Rosalie mit einem interessanten Gespräch über eine Reise nach Ägypten, von der er gerade ein paar Tage zuvor zurückgekehrt war. Er schien Gefallen an ihr zu finden und wich ihr den ganzen Abend keinen Schritt von der Seite.

Rosalie war so beschäftigt, beschäftigt zu sein, dass sie nicht bemerkte, das sowohl Gil, als auch Anthony ihren Gesprächspartner mit Argusaugen beobachteten. Je mehr sie sich in die Unterhaltung mit Robert vertiefte, je weiter sank die Stimmung bei den beiden Herren, die parallel die Laune der flirtenden Mädchen herabsetzte.

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Tee mit einem Todesengel

Der Todesengel empfängt uns stilecht in einem Mausoleum im Westteil des Highgate Cemetery, London. Im Eingangsbereich des Grabmals ist ein Tisch für Zwei gedeckt. Weiße gestärkte Tischdecke und Servietten gehören ebenso zum guten Ton, wie feines chinesisches Porzellan.

In einer Ecke lehnt das Arbeitswerkzeug meines Gastgebers, die große Sense mit stabilem Eichenholzgriff und glänzender, speziell gehärter Stahlklinge.

Der Todesengel sieht etwas blass aus, begrüßt mich aber mit einem festen Händedruck und bietet mir galant einen Platz an. Der Gastgeber selbst gießt Tee ein und bietet Gebäck an. Meine Bedenken bezüglich der Verträglichkeit entkräftet er mit einem winzigen Lächeln und dem Kommentar, er würde nur in der hiesigen Edelbäckerei Candy&Cake kaufen. Tatsächlich lässt er einen erlesenen Geschmack erkennen, beim Gebäck ebenso wie bei der Wahl des Tees.

Der Todesengel ist in den edlen schwarzen Anzug eines angesagten Designers gekleidet. Auf die Frage nach der Zweckmäßigkeit seiner Kleidung, antworte er, dass es für Männer seiner Profession angemessen sei, sich dem Ernst des Anlasses anzupassen und den Kunden in Würde die letzte Ehre zu erweisen.

Hier ein Auszug aus dem Interview:

„Herr Todesengel … .“

„Bitte, sagen sie Azrael. Ich hasse Formalitäten. Mein Beruf liegt weit außerhalb der gesellschaftlichen Normen, da können wir uns die Wahrung der Konventionen sparen.“

„Gerne, Azrael. Würden sie ihren Beruf auch als Berufung bezeichnen?“

„Eher nicht. Einer musste den Job erledigen. Nachdem ich die Sache mit der Sintflut zur Zufriedenheit vom Boss gelöst hatte, übertrug er mir den Job des Projektleiters.“

„Das heißt also, sie sind nicht der einzige Vollstrecker.“

„Stimmt. Gerade in der heutigen Zeit, mit den schnell wachsenden Konflikten, Bürgerkriegen, länderübergreifenden Auseinandersetzungen, Drogen, den verschiedenen mafiösen Organisationen, Autounfällen usw., suche ich immer fähige Leute, die mich unterstützen.“

„Interessant. Wer kommt ihrer Meinung nach für diesen Job infrage?“

„Eine gute Konstitution muss der Bewerber auf jeden Fall mitbringen. Immerhin muss die Sense jederzeit mitgeführt werden und wir haben einen 16 bis 18 Stundentag. Schlaf und Freizeit sind Luxus. Außerdem sollte man Geduld und Scharfblick beweisen. Nicht jeder, der dafür gehalten wird oder danach aussieht, steht auf der schwarzen Liste.“

Bei diesen Worten lächelt Azrael müde und nippt an seinem Tee. Bei diesem immensen Arbeitspensum verwundert es nicht, dass er erschöpft und abgespannt wirkt.

„Wollen sie damit andeuten, dass nicht jeder Kunde zu seiner vorgegebenen Zeit abtritt?“

„Das ist richtig. Aber es ist schwierig gute Mitarbeiter zu finden. Der Lohn ist ausgesprochen gut. Innerhalb weniger Jahre kann es der Mitarbeiter zu einem kleinen Vermögen bringen, abgesehen von der stattlichen Abfindung beim Ausscheiden. Doch in Anbetracht der Menge an Kunden und der schwindenden Mitarbeiterzahlen – können Fehler beim Abarbeiten der Liste auftreten.“

„Das ist nachzuvollziehen, aber sehr bedauerlich.“

„Niemand bedauert das mehr als ich. Immerhin bin ich der Verantwortliche in der ganzen Sache. Ich habe Controller eingestellt, die die Außendienstmitarbeiter über eine Deadline unterstützen. Wir sind mit der neusten Technik ausgestattet – aber ein gewisser Fehlerquote besteht trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Doch manchmal hatte dies durchaus einen positiven Effekt.“

„Können sie Namen nennen?“

Azrael schmunzelt und seine schwarzbraunen Augen glänzen. Er zögert einen Moment, bevor er antwortet.

„Ich weiß, das wird für Tumult sorgen und der Boss wird nicht erfreut sein, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen unser Metier etwas aus der Zone des Negativen herauszuheben. Der Führer des dritten Reiches hätte zum Beispiel noch nicht das Zeitliche gesegnet, wäre ich nicht eingeschritten.“

„Darf ich mir die Frage erlauben, warum diese Maßnahme nicht eingeleitete wurde, bevor der Mann so viel Unheil anrichten konnte.“

Mein Gegenüber scheint auf diese Frage gefasst zu sein.

„Diese Frage höre ich immer wieder und ehrlich? Ich bin es leid. Ihr Menschen macht es euch einfach. Denkt ihr vielleicht mir macht es Spaß tausende Menschen zu töten in Kriegen, die ihr angezettelt habt? Wer treibt ganze Völker durch gewaltsame Konflikte in die Flucht? Wer zündet Flüchtlingsheime an? Verprasst Millionen für Vergnügungen und lässt gleichzeitig Menschen verhungern? Wer schädigt die Umwelt und schröpft die Ressourcen? Wer ist so machtgierig und geldgeil, dass ihm seine Mitbewohner egal sind? Das seid ihr und nicht wir! Wir machen die Drecksabreit und müssen uns dann solche Fragen gefallen lassen.“

In diesem Moment ertönt ein Klingelton. Mein Gastgeber zieht einen Pieper aus der Tasche. Ein besorgter Blick auf das Display, dann er erhebt er sich und greift zur Sense. Unser Gespräch scheint beendet zu sein. Azrael entschuldigt sich für den hastigen Aufbruch. Auf meine Frage nach dem Grund, wird er sehr ernst. Leider könne er zu diesem Zeitpunkt noch keinen Kommentar zur Sache abgeben, verspricht aber mich auf dem Laufenden zu halten.

Dieses aufschlussreiche Interview mit einem außergewöhnlichen Gesprächspartner führt uns allen einmal mehr vor Augen wie wichtig Toleranz, Akzeptanz und Hilfsbereitschaft in unserer von Krisen geschüttelten Zeit sind. Dadurch können Menschenleben geschont und überflüssige Tode vermieden werden. Eine Sache, die uns allen am Herzen liegen sollte.

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Poem 3.4

Kulinarisches

Joghurt weiß & Kühl
Tee schwarz & heiß
Kandis braun & knackig
Apfel grün & saftig
Schokolade samtig & süß
Kaffee milchig & duftig
Brathuhn kross & würzig
Müsli nussig & fruchtig
Chili scharf & explosiv
Sahne cremig & luftig
Eis zart & schmelzend
Pizza italienisch & mediterran

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Miss Odilia Cecilia Rosegarden trank wie jeden Morgen ihren schwarzen Tee mit zwei Stück Zucker. Nur am Sonntag nahm sie ein Stückchen Zucker mehr. Es hatte keinen besonderen Grund. Einfach weil Sonntag war, da konnte man sich auch mal etwas Gutes tun. Aber heute war ein ganz gewöhnlicher Dienstag und Miss Odilia Cecilia Rosegarden nahm nur zwei Stück Zucker.

Nebenbei streichelte sie eine ihrer zahlreichen Katzen, die die kleine urige, mit allerlei Tand voll gestopfte, Dachwohnung mit ihr teilten. Ihr Liebling war Artus, der silbergraue Kater mit den blauen Augen. Artus war sich seines königlichen Namens wohl bewusst und verhielt sich auch so. Majestätisch schritt er durch sein Katzenreich und gewährte Miss Odilia ab und zu die Gunst sich von ihr streicheln zu lassen.

Miss Odilia lebte schon viele Jahre hier oben über den Dächern von London. Von ihrer Dachterrasse aus, konnte sie ihre Blicke in jede Richtung schweifen lassen und bei klarer Sicht konnte sie die Themse wie ein silbern schimmerndes Band unter sich liegen sehen. Außerdem liebte sie es, hier mitten in der hektischen Stadt, des Nachts den Mond am Himmel zu sehen und wenn sie Glück hatte auch ein paar Sterne.

In den vielen Blumenkästen und Töpfen, die den kleinen Dachgarten bevölkerten, wuchsen allerlei verschieden Blumen und Kräuter, die Miss Odilia Cecilia für ihre Tränke brauchte. Sie standen sauber aufgereiht in einem großen Regal in der Küche und warteten auf ihren Einsatz. Miss Odilias ganzer Stolz waren zwei Rosenstöcke, der eine Weiß und der andere Rot. Die hatte sie einmal, vor vielen Jahren von zwei reizenden Schwestern, denen sie geholfen hatte, geschenkt bekommen und pflegte sie mit Hingabe.

Miss Odilia Cecilia Rosegarden trank also ihren Tee und knabberte an einem Zwieback. Sie überlegte angestrengt, welches ihrer Kleider zu einem leicht wolkenverhangenen Frühlingsdienstag passen könnte und entschied sich für das lindgrüne Tüllkleid mit den Löwenzahnblüten darauf.

Als Miss Odilia mit ihrem Morgentee fertig war, wusch sie sich, kämmte ihre goldenen Locken, zog das lindgrüne Tüllkleid an, setzte den passenden Spitzenhut dazu auf und wollte gerade aus der Tür, als sie bemerkte, dass sie noch ihre pinkfarbenen Puschelschläppchen an hatte. Sie eilte in ihr Schlafzimmer zurück und holte aus ihrem Schuhschrank ein Paar silberglitzernde Ballerinaschuhe.

Miss Odilia Cecilia Rosegarden war der Meinung, dass eine so wichtige Tätigkeit, wie das Verzaubern, mit genügend Glitter und Glamour verrichtet werden sollte, damit die Menschen, denen die Ehre ihrer Hilfe zu teil wurde, auch genau wussten, mit wem sie es zutun hatten.

So steckte Miss Odilia ihre Füßchen also in die glitzernden Schühchen und als sie wieder zur Haustür ging und an ihrer Kommode vorbei kam, stellte sie entsetzt fest, dass sie ihre wichtigsten Utensilien noch gar nicht eingesteckt hatte.

„Ach, wie kann man nur so vergesslich sein“, murmelte sie vor sich hin und hängte sich ihr kleines Täschchen um, in dem sich ihre Visitenkarten und ein Taschentuch, für alle Fälle, befanden. Sie setzte ihre Brille auf, die mit den eingelegten Glassteinchen, und nahm das Allerwichtigste an sich, dass sie für ihre Tätigkeit als Verzauberin brauchte: Ihren Zauberstab! Jedes Mal wenn sie ihn an sich nahm, überkam sie wieder das ehrfurchtsvolle Gefühl, das sie gespürt hatte, als sie die Beschäftigung des Verzauberns von ihrer Großmutter Titania Mirabelle Rosegarden übernommen hatte und sie ihr den Zauberstab vererbt hatte.

Er ist ein merkwürdiges Ding, dachte sie, wie so oft, bei sich. Der Zauberstab bestand aus einer durchsichtigen Glasröhre, in der eine zähe Flüssigkeit hin und her wabberte. In dieser Masse schwammen kleine Kristallsplitter, die je nach Lichteinfall aufstrahlten und mit der Sonne um die Wette glitzerten. Aber das wirklich Besondere an dem Stab war das Rubinherz, das die Spitze des Stabes krönte. Es leuchtete nicht immer auf, aber wenn, dann war alles möglich!

Miss Odilia Cecilia Rosegarden angelte nach ihrer Uhr, die ihr an einer Goldkette um den Hals hing. Als sie sah, wie spät es war, rief sie erschrocken:

„Ach du lieber Himmel, ich komme zu spät! Bestimmt ist Mister Brown schon vorbei gekommen.“

Mit einem Krachen fiel die Tür ins Schloss und Miss Odilia rannte, so schnell es ihre Ballerinas erlaubten, die fünf Stockwerke hinunter auf die Floral Street. Sie musste ihr Spitzenhütchen festhalten, als sie um die Ecke in die Long Acre Avenue einbog, denn ein laues Lüftchen wehte ihr entgegen, dass ihr den Hut von den Locken zu reißen drohte. Schnell eilte sie die Treppen zur Metro hinab, winkte dem Mann im Fahrkartenhäuschen, sprang in ihre Bahn und fuhr die zwei Stationen zum Piccadilly Circus. Dort stieg Miss Odilia aus und die Stufen zum Piccadilly empor. Umgehend steuerte sie auf den Eros-Brunnen zu. Das war Miss Odilias angestammter Platz, an dem sie immer anzutreffen war. Montags bis Freitags, von 9.00 Uhr bis nachmittags um 16.30 Uhr, damit sie die Metro nach Hause erreichte, um den Fünfuhrtee mit Artus einzunehmen.

Nur gegen 13.00 Uhr verließ sie kurz ihren Stammplatz, um sich bei Alberto ein Sandwich zu holen. Manchmal wenn Miss Odilia Cecilia Rosegarden ganz wagemutig war, erlaubte sie sich einen Cappuccino mit Sahnehäubchen dazu.

Aber heute hatte Miss Odilia Glück. Sie sah Mister Brown gerade im Eilschritt die Straße entlang hasten und auf sie zusteuern. Von der anderen Seite eilte Miss Mae heran. Miss Odilia hatte schon seit Wochen darauf gewartet, dass sich die Wege der beiden kreuzten und heute war es endlich soweit. So konzentrierte sie sich ganz fest auf das Herz ihres Zauberstabes und sagte einen Zauberspruch vor sich hin:

„Eros steh mir bei

dies dein Liebeszauber sei

Lass dein Licht erstrahlen

Das die Herzen sich erwärmen

Liebe lass entstehen,

die niemals mag vergehen.“

 

Dann mit einem kaum wahrnehmbaren Klirren, erstrahlte das eben noch leicht pulsierende Herz in vollem Rot und kleine Lichtstrahlen blitzten daraus hervor, die träge Flüssigkeit im Inneren der Glasröhre kam in Wallung und die Regenbogensplitter funkelten wild. Mister Brown ließ vor Schreck seine Unterlagen fallen, Miss Mae direkt vor die Füße. Sie bückte sich und half Mister Brown seine Zettel wieder einzusammeln. Dabei sahen sie sich tief in die Augen und als Mister Brown in sein Büro weiter eilte, hatte er die Telefonnummer der reizenden Miss Mae in seiner Jackentasche, mit dem Versprechen ihn zu einem Diner zu begleiten.

Miss Odilia Cecilia Rosegarden war glücklich. Endlich hatte es geklappt. Sie hatte schon fast daran gezweifelt, aber das Schicksal hatte es gut gemeint. Sie blickte zu Eros hinauf, der ihr einen schelmischen Blick zuwarf. Miss Odilia war heilfroh, dass sie ihre Brille heute Morgen nicht vergessen hatte. Leider war ihr dadurch schon das ein oder andere Missgeschick passiert. Liebeszauber waren ziemlich kompliziert und sensibel zu handhaben. Miss Odilia konnte ein Lied davon singen.

Mit Schrecken dachte sie an das hübsche junge Mädchen, Lizzy hieß sie, die sie durch ihre Kurzsichtigkeit mit diesem Rüpel Jim bezaubert hatte. Am Anfang war noch alles eitel Sonnenschein gewesen, aber dieser Jim hatte sich zusehends in ein Ekel verwandelt und Lizzy, dieses zierliche nette Persönchen, war einfach viel zu weich für diesen Fiesling. Inzwischen hatte sie drei kleine Kinder und lebte in einer herunter gekommenen Bude im schlechtesten Viertel der Stadt.

Oder der arme Mister Smith. Rita, das schöne, stille, schwarzhaarige Mädchen hatte sein Herz vom ersten Augenblick an höher schlagen lassen und als der geeignete Zeitpunkt gekommen war, hatte Miss Odilia ihren Teil dazu getan, dass dich die Zwei kennen lernten. Aber diese so strahlende Liebe war zu einem Desaster für den armen Mister Smith geworden. Gerade hatte er ihr den Ring an den Finger gesteckt, als aus der schönen Rita eine Furie wurde, die ihren Mann nach allen Regeln der Kunst unter Druck setzte und der er nichts recht machen konnte. Es war traurig mit an zusehen, wenn Mister Smith auf dem Weg in sein Kaufhaus mit blassem Gesicht und Rändern unter den Augen am Eros-Brunnen vorbei kam.

„Ach, ja“, seufzte Miss Odilia. Liebeszauber hielten leider nicht immer an. Schon Kleinigkeiten konnten sie stören oder mindern und sie war nicht dafür verantwortlich, wie die Bezauberten mit ihrer Liebe umgingen, sie führte sie lediglich zusammen, mehr nicht.

Miss Odilia war froh, dass solche Unglücke nicht so häufig passierten. Ihre Erfolgsquote war ziemlich hoch und immer wenn ein Paar, dass sie verzaubert hatte, Händchen haltend an ihr vorbei kam und die Augen der Liebenden Funken sprühten, erwärmte das ihr Herz. Abends wenn sie erschöpft vom Piccadilly heim kam, erzählte sie Artus ihre Erlebnisse und königlich, wie er nun einmal war, hörte er ihr gnädig zu und freute sich mit ihr über ihre Erfolge.

Der einzige Wehrmutstropfen, denn Miss Odilia Cecilia Rosegarden in ihrem Leben verspürte war, dass sie selbst noch kein passendes Gegenstück gefunden hatte. Manchmal geschah es, dass ein Mann vorbei kam, der ihr Herz höher schlagen ließ, aber während sie für andere Menschen einen geeigneten Gefährten erkennen konnte, zweifelte sie bei den Männern, denen sie selbst begegnete.

Während der vielen Jahre, die sie inzwischen hier am Eros-Brunnen ihrer Tätigkeit als Verzauberin nach kam, war ihr noch nie aufgefallen, dass es ganz in ihrer Nähe einen Mann gab, der sie verehrte, ja geradezu an himmelte und der genau der ideale Partner für sie gewesen wäre.

Er arbeitete etwas weiter die Straße hinunter, aber in guter Sichtweite von ihr, hinter seinem Leierkasten. Meistens war er schon vor ihr am Piccadilly. Sobald er sie erblickte spielte er ihr eines seiner herzerwärmenden Liebeslieder. Miss Odilia Cecilia Rosegarden war jeden Tag aufs Neue entzückt von den wundervollen Melodien. Aber den Mann, der sie so sehr liebte und nur für sie spielte, den bemerkte sie nicht.

Mister Jonathan Tristan Perivale trug einen schwarzen Frack, ein gestärktes weißes Hemd mit Fliege und auf dem inzwischen leicht ergrauten Haar einen glänzenden Zylinder. Seine hellblauen Augen strahlten wie die Sterne, wenn er Miss Odilias ansichtig wurde. Da er kein Mann von großen Worten war, brachte er es nicht übers Herz sie anzusprechen.

So liebte er sie Tag für Tag, Jahr für Jahr, in jeder Jahreszeit, spielte ihr die schönsten Lieder und wartete auf seine Chance, die sich so hoffte er, eines Tages ergeben würde.

Als Mister Jonathan Tristan Perivale an diesem Dienstag zu seinem Leierkastenstandplatz gegangen war, hatte er am Eros-Brunnen angehalten und einen glänzenden neuen Penny hinein geworfen. Ganz fest hatte er an Miss Odilia gedacht und sich gewünscht, dass er sie endlich kennen lernen könnte. Eros lächelte in sich hinein. Als Miss Odilia Cecilia Rosegarden an ihren Arbeitsplatz kam, war soviel Betrieb wie noch nie. Irgendwie hatte das lindgrüne Löwenzahnblütenkleid etwas genützt und die Sonne war hervor gebrochen. Die Menschen lächelten und verlangsamten ihre Schritte.

Nachdem sie Mister Brown und Miss Mae bezaubert hatte, kamen so viele zu bezaubernde Menschen vorbei, dass ihr Zauberstab heiß zu glühen begann. Inzwischen war es fast 13.00 Uhr, Zeit für ihr Sandwich. Miss Odilia machte sich auf den Weg zu Albertos Imbiss und während sie so ganz in Gedanken die Straße in Mister Jonathans Richtung entlang schwebte, fiel ihr der zauberhafte Stab aus der Hand. Sie stieß einen Entsetzensschrei aus, aber Mister Jonathan Tristan Perivale, der sie keine Sekunden aus den Augen gelassen hatte, sah das Unglück kommen und sprang gewandt hinzu, um das kostbare Stück auf zufangen. Als er den Stab in den Händen hielt begann er plötzlich zu funkeln und Lichtstrahlen auszusenden, die ihn und Miss Odilia einhüllten. Miss Odilia griff sich an ihr rasendes Herz.

„Oh, mein Herr“, stammelte sie, „sie haben meinen Verzauberstab gefangen! Wie kann ich ihnen jemals danken!“ Ihre Augen trafen sich und Mister Jonathan war noch verzauberter als vorher. Er nahm allen seinen Mut zusammen und sagte:

„Miss Odilia Cecilia Rosegarden, ich liebe sie, seit ich sie das erste Mal sah. Bis zum heutigen Tage sind 18 Jahre, 4 Monate, drei Tage und 5 Stunden vergangen und mein größter Wunsch ist es, den Rest meines Lebens mit ihnen zu verbringen.“

Dabei sah er sie mit soviel Liebe an, dass Miss Odilia wusste, dass sich in diesem Moment ihr Schicksal erfüllte. Sie legte ihre Hand in seine und fragte:

„Wie ist ihr Name mein Herr?“

„Jonathan Tristan Perivale“, antwortete er feierlich.

„Ja, mein lieber Jonathan, ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen“, sagte Miss Odilia genauso feierlich.

Und während die beiden Verzauberten zu einem gemeinsames Sandwichessen und einem Cappuccino mit Sahne zu Albertos Imbiss gingen, lachte Eros über das ganze pausbäckige Gesicht, endlich konnte er Miss Odilia glücklich machen, so wie sie es all die vielen Jahre getan hatte. Eros freute sich schon darauf Miss Odilia Cecilia Rosegarden und Mister Jonathan Tristan Perivale an Sonntagen Hand in Hand an seinem Brunnen vorbei spazieren zu sehen.

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