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Posts Tagged ‘Symbole’

Der Besuch in Bredevoort war längst überfällig. Seitdem ich durch einen Freund davon hörte, ging es mir nicht mehr aus dem Kopf. Eine ganze Stadt voll Bücher!

boekenstad

In meiner Fantasie sah ich mich, wie in der Erzählung von Walter Moers „Die Stadt der träumenden Bücher“, knietief durch ein Büchermeer wandern. Von dem englischen Gegenstück „Hay-on-Wye“ hatte ich gehört und war fasziniert. Nun war der Traum von einer Stadt der Bücher in erreichbare Nähe gerückt.

Am Ostersamstag machte ich mich endlich auf den Weg und mein erster Eindruck von Bredevoort: verschlafen. An einem Ostersamstag, wo im größeren Winterswijk Markttag ist und die Läden zum Einkaufen einladen, indes nicht verwunderlich.

Dorfstraße Bredevoort

Mir war das gerade recht. Die Stille nach der Fahrt, die frische Morgenluft und die Gelegenheit ungestört durch die gepflegten Altstadtgassen zu laufen und mir die Buchläden anzusehen, gefiel mir (gefällt mir immer sehr). Die Fahrt war so störungslos vergangen, dass bei meiner Ankunft noch kein Buchladen geöffnet hatte.

Um die Zeit zu überbrücken, gönnte ich mir eine Kaffeepause in dem gemütlichen Café/Bistro „De Heerlyckheit“ – die Herrlichkeit – und so war es. Sehr freundliches Personal, ein super Cappuccino, dazu ein Likör mit Sahnehaube und ein Gläschen Wasser für 2,60 Euro (könnten wir das in Deutschland bitte auch einführen?). Ich machte es mir gemütlich und schrieb meine ersten Eindrücke nieder.

Gegen halb elf brach ich auf und erkundete den Ort. Das erste kleine Schmankerl wurde mir direkt auf dem Marktplatz serviert. Dort steht eine Statue von Hendrikje Stoffel.

Hendrijke

Ihres Zeichens Rembrandt van Rijns Geliebte, Model und Mutter seiner unehelichen Tochter. Sie stammte aus Bredevoort und wohnte in der hübschen Gasse auf dem folgenden Foto.

Hendrijke Gasse

„Das Spiel ist verloren, Hendrikje starb. So musste ich also auch dies ertragen und sehen, wie ich mich damit abfinde. Heute Mittag haben wir sie begraben. Was damit für mich unter die Erde sank, ist gar nicht auszusprechen.“

Aus Rembrandts Tagebüchern

Auf meinem Streifzug kam ich am englischen Buchladen vorbei, der sehr distinguiert und aufgeräumt ist.

Englischer Buchladen

Ich machte einen Abstecher in die Touristeninfo. Ein sehr netter älterer Herr gab mir einen Stadtplan, erklärte mir, wo sich die Ausstellung des chinesischen Zeichenkünstlers He Jiang befand und was man sich in der Umgebung anschauen kann. Außerdem gab er mir einige Infobroschüren über die Landschaft und Sehenswürdigkeiten des Achterhoek (so etwas wie die Wetterau für die Bad Nauheimer) in Gelderland (so etwas wie Hessen für die Deutschen).

Weite

Dabei sind die Sehenswürdigkeiten direkt vor meiner Nase. Das Wort Sehenswürdigkeit setzt sich aus Sehen und Würdigkeit zusammen und in Bredevoort gibt es diese Kleinodien an jeder Ecke zu bestaunen. Ob es das Fenster eines Antiquitätenladens ist, in dem es kleine skurrile Ausstellungsstücke zu betrachten gibt, die liebevoll dekorierten Eckchen und Vorgärten oder die vielen Fenster mit Schmuckstückchen. Wer die Augen offenhält wird mit verschwenderischen Aus- und Einblicken belohnt.

de hoek II

Ausblick II

Ich wusste von der Internetseite Bredevoorts Bredevoort Bücherstadt , dass es auch einen deutschen Buchladen gibt und natürlich war ich gespannt, was für Bücher ein deutscher Buchladen in den Niederlanden verkauft und machte mich auf die Suche. Dabei kam ich an vielen kleinen und größeren Buchantiquariaten vorbei. Außerdem an zahlreichen Bücherregalen, die vor den Läden und auch vor privaten Häusern aufgestellt sind.

Bücherregal 1

Bücherregale IV

Ein Buch kostet zwischen einem und zwei Euro. An den Regalen sind Hinweise angebracht und ein Verweis, wo das Geld einzuwerfen ist. Es lohnt sich also Kleingeld einzustecken, um für etwaige Schatzfunde gerüstet zu sein. Denn auch zwischen den niederländischen Büchern lassen sich deutschsprachige Bücher finden. Wie meine beiden hübschen Ausgaben von Wieland zeigen.

Nicht weit von der Touristeninformation stieß ich in der Landstraat 13 auf den deutschen Buchladen. Der Besitzer, Herr Heeke, war lud gerade Bücher aus. Ich stöberte in den Regalen vor dem Haus und erstand ein Exemplar von „Die blaue Blume“, ein Roman von Penelope Fitzgerald, nachdem Herr Heeke den Laden geöffnet hatte. In seinem Antiquariat konnte ich viele antike Bücher bestaunen, und ich meine wirklich antik (!). Außerdem durfte ich ein Buch anfassen und hineinschauen, das über fünfhundert Jahre alt ist. Dafür braucht man im Allgemeinen weiße Handschuhe und eine extra Genehmigung.

Herr Heeke erzählte mir, dass er seit den Anfängen des Bücherdorfes im Jahr 1993 dabei ist. Er suchte schon länger nach einer Gelegenheit etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen, wie die Einwohner von Hay-on-Wye. Als er hörte, dass die Bredevoorter vorhatten eine Bücherstadt zu gründen, war für ihn klar, dass ist die Chance. Mit einigen Kollegen aus Bredevoort verfasste er ein Buch über das Dorf der träumenden Bücher, unter dem Titel: Die Praktikantin, Le Bookinist & De Boekenstadt.

Nach unserem Plausch ging ich zum Restaurant, Hotel Bertram zurück, das sich am Marktplatz befindet. Die nette Besitzerin führte mich in das Gästehaus in der Seitengasse.

Gästehaus Bertram

Ein schönes, sauberes, gemütliches Zimmer wartete auf mich. Das wurde am Sonntag noch durch ein tolles Frühstück getoppt. Der Innenraum der Gaststätte ist im Stil einer mittelalterlichen Schenke gehalten. Mit rustikalen Tischen, Bänken, einem Kamin, Butzenfenstern und dicken Deckenbalken. Die Chefin erzählte mir, dass das Haus 1704 erbaut und 1994 renoviert wurde.

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Sonntag

Der Wetterbericht hatte drei Tage schlechtes Wetter angesagt. Regen, Schnee, Hagel usw. Tatsächlich war es sonnig, mit einigen Wolken und wunderschön. Bis auf den Sonntagmorgen. Der Himmel grau und es nieselte. Genau der richtige Zeitpunkt die Villa Mondrian in Winterswijk zu besuchen und nachzuholen, was ich bei meinem ersten Besuch verpasste. Nach einem super leckeren Frühstück, mit allem drum und dran, einschließlich frisch gepresstem O-Saft und Ei, machte ich mich auf den Weg ins benachbarte Winterswijk (circa 10 Kilometer).

Mondrian lebte ab dem Jahr 1880 bis ca. 1892 in dem hübschen Städtchen, in der Zonnebrink 4, als er achtjährig mit seiner Familie dorthin übersiedelte, da sein Vater Piet Mondriaan Senior, dort als Lehrer arbeitete. Bis zum Jahr 1901 kehrte er immer wieder dorthin zurück, um zu arbeiten.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, bin ich, was die modernen Meister angeht eher skeptisch. So wie ich bei Büchern den Klassikern zu neige, so bevorzuge ich in der Malerei die gegenständlichen Werke. Allerdings, wenn sich das Mondrian Museum direkt in Reichweite befindet, dann sollte man es auch besuchen und einfach sehen, was kommt. Augen auf, neugierig sein und sich inspirieren lassen.

Das Museum besteht aus dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Mondriaan und einem Anbau, der es mit dem Eckhaus verbindet.

An der Kasse wurde ich von einer sehr freundlichen Dame begrüßt, die mir den Audio-Guide einstellte und erklärte. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass mit der Eintrittskarte (9 Euro) ein Kaffee/Tee im gemütlichen Cafe eingenommen werden kann.

Wenn wir an Mondrian denken, dann fallen uns meistens blaue, gelbe, rote Quadrate, schwarze Linien und weißer Untergrund ein. Bei meinem Eintritt in den ersten Saal des Museums, war es das, was ich erwartete und wurde zu meiner Freude enttäuscht. Das erste Bild, das mir sofort ins Auge fiel war eine Wandtafel mit dem Spruchband „Dein Wort ist Wahrheit“. Es wurde von Mondriaan Senior entworfen und von Piet gemalt.

Vater Mondriaan war ein sehr guter Zeichner und Lithograf (einige seiner Arbeiten sind ausgestellt). Das Bild „Dein Wort…“ ist voller Symbole und Zeichen, wie es bei den alten Meistern üblich war. Kannte man sich aus, konnten die Bilder, wie Bücher gelesen werden. (Sanduhr – Zeit, Flamme – Liebe, Taube – Frieden, usw.) Teilweise gab es zu den Lithografien kleine Hefte in denen die verschiedenen Symbole erklärt wurden, damit der Betrachter das Bild lesen konnte.

Daneben wurden Bilder gezeigt, die Mondrians malerischen Werdegang zeigen. So Kopien alter Meister, zu Übungszwecken. Die Kopien durften dabei nie ganz den Originalen entsprechen. Sie mussten sich in den Formaten und in gewissen Details unterscheiden, damit man sie auseinanderhalten konnte.

Unter anderem zeigt die Villa Mondrian auch Gemälde seiner Malerkollegen, Theo van Doesburg, Vilmos Huszar usw., die sich mit weiteren Künstlern zu der Gruppe „De Stijl“ zusammenschlossen. Die Mitglieder bekannten sich zu einer geometrisch-abstrakten, „asketischen“ Darstellungsform in Kunst und Architektur. Sie wollten die naturalistischen Formen komplett in Farben und geometrische Muster auflösen. Dazu gibt es verschiedene Beispiele in Mondrians Arbeiten, die die fortlaufende Wandlung eines Sujets in Auflösung der Geometrik zeigen.

In einem Raum sind Bilder von Frits Mondriaan ausgestellt. Onkel Frits, der Bruder des Vaters, war Landschaftsmaler. Er nahm den jungen Piet mit in die Natur, um zu malen. Onkel Frits Bilder gefallen mir übrigens sehr gut.

Ein Bild von Mondrian, das mir in der Ausstellung sehr gefiel, war eine Weide, gelegen an einem Fluss, mit alten knorrigen Bäumen und grasenden Kühen.

Desweiteren gibt es Filme über Mondrians Leben, Werdegang und später die Zusammenarbeit mit Cornelis Bruynzeel, der Möbel herstellte. Außerdem ist in diesem Jahr eine wechselnde Reihe niederländischer Designer ausgestellt, die das moderne Dutch Design zeigen.

Mondrian sagte: „Ich habe kein Interesse an Gemälden, sondern an Entdeckungen.“ Daneben liebte er Musik, besonders Jazz, tanzte sehr gerne und liebte die Damen. Es gibt sogar ein Quartett mit 52 Damen, die in Mondrians Leben eine Rolle spielten.

In einem Raum wurde sein Arbeitszimmer gezeigt. Die Wände und Möbel waren weiß, bis auf verschiedene farbige Vierecke an den Wänden, die nach Belieben verändert werden konnten. Auf seinem Tisch lagen die verschiedenen Komponenten (farbige Vierecke) für seine Bilder, die er dann auf weißem Untergrund montierte.

Die Informationen waren vielfältig und für einen Mondrian Neuling ausgesprochen spannend und inspirierend. Tatsächlich hat mir die Ausstellung verdeutlicht wie Mondrian zu seiner Sicht der Dinge gekommen ist, wie sich seine Malerei entwickelte und auch in Ansätzen, was für ein Mensch er war. Ich kann das Museum unbedingt empfehlen und werde es auf jeden Fall wieder besuchen.

Nach meinem Besuch im Museum bin ich „durch die Gegend gefahren“. Und das Achterhoek hat eine Menge davon. Hübsche Dörfchen, Höfe, Wäldchen und Bäche, Wiesen, und einen endlosen Himmel.

Wiesen II

Zurück in Bredevoort, machte ich einen Spaziergang durch den Ort, den Park an der großen Gracht entlang, die sich in mittelalterlichen Zeiten um die Stadtmauer zog. Die ersten Grachten wurden um 1100 in Bredevoort ausgehoben. Leider ist davon nur noch eine große Gracht und eine kleine (ziemlich klein) vorhanden.  Im September findet dort das Lichterfest statt.

Ich gab mich den Betrachtungen des Wassers und der Wolken hin und genoss die Stille, wenn Bäume Geschichten erzählen und die Spatzen Neuigkeiten von den Dächern pfeifen.

Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer kam ich am „De Zwaan“ vorbei.

Der Schwan II

Ein Musik-Cafe mit langen Regalen antiquarischer Bücher. So eine Besonderheit konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Ich machte es mir an einem der Tische gemütlich und zückte mein Schreibzeug. Der Kaffee war gut und der Besitzer sehr freundlich.

Ich bedauere außerordentlich, dass ich nur zwei Tage zur Verfügung hatte, auch wenn die Niederlande jedes Mal eine Erholung für mich sind, reicht es einfach nicht aus, um weiter einzutauchen und komplett abzuschalten.

Aus welchem Grund auch immer, aber sobald ich die deutsche Grenze nach den Niederlanden übertrete, hab ich das Empfinden die Zeit schaltet um. Es ist ein tiefes Durchatmen, das alles erfasst. Mag es an der Weite des Himmels liegen, den Gedanken an das nahe Meer, dem unnachahmlichen Licht, das den besonderen Reiz der niederländischen Maler ausmacht oder auch dem freundlichen, entspannten Wesen seiner Einwohner. Sicher von allem etwas.

Selbst Mondrian kehrte frustriert aus Spanien zurück. Es war nicht das Licht seiner Heimat und er konnte dort nicht malen. Vielleicht ähnlich wie van Gogh, der mit der gleißenden Sonne Frankreichs seine Mühe hatte.

Ich verstehe Mondrian nur zu gut. Das Grün der Wälder und Wiesen im Zusammenspiel mit dem unendlich weiten Himmel und den Wolken ist besonders.

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zee en wolkjes VIII

Das ist nicht für jeden Menschen geeignet. In den Niederlanden gibt es viele Orte an denen es so „still“ ist, dass einen die Gedanken regelrecht anschreien. Man kann sie nicht überhören und mit nichts übertönen.

Wir sind nur ein Hauch. Im Vergleich zur Ewigkeit. Weniger als ein Blatt im Wind. Zerbrechlich wie Strohhalme. Am Ende sind wir gegangen, ehe wir richtig angekommen sind. Wenn wir erkannt haben, dass wir nichts wissen, ist es vorbei. Doch das Land bleibt ewig, das wusste schon Scarlett O`Hara. Wenn wir lange vergessen sind, wachsen die Bäume weiter, fliegen die Vögel über Wiesen und Wälder, grasen die Kühe auf den Weiden, blühen die Blumen. Es zählt nur dieser Moment, denn was im nächsten kommt wissen wir nicht.

Und so packte ich früh am Montag meine Tasche, frühstückte im Restaurant und machte mich bereit nach Hause zu fahren, doch nicht ohne den Händlern beim Auspacken ihrer Bücherkisten für den Bücherflohmarkt auf dem Marktplatz zuzusehen, auf dem am Tag vorher die Stände aufgebaut worden waren und noch ein Buch zu erstehen. Schätzchen fallen einem meistens unerwartet in die Hände.

Büchermarkt II

Für die, die Lust gekommen haben Bredevoort einen Besuch abzustatten, hier weitere Termine für den großen Büchermarkt 2017:

Internationaler Büchermarkt, Pfingstmontag, 5. Juni, 10 – 17 Uhr

Büchermarkt für Privatleute, Samstag, 8. Juli, 10 – 17 Uhr

Internationaler Büchermarkt, Samstag, 29. August, 10 – 17 Uhr

Die Buchläden in Bredevoort haben vorzugsweise am Wochenende von 11 – 17 Uhr auf und am Nachmittag. Ein Besuch in der Stadt der träumenden Bücher lohnt sich auf jeden Fall und sei es, um einen Kaffee zu trinken und dazu ein Stück Apfelkuchen mit Nüssen zu essen. In Bredevoort hat man Zeit zu plauschen und zur Ruhe zu kommen. Herr Heeke schreibt in seinem Flyer so schön:

„…einfach mal reinschauen – die Eingangstür klemmt, der Holzofen brennt & de Koffie is klaar.“

PS.: Noch eine Frage in eigener Sache. Falls mir jemand sagen könnte, ob der Titel dieses Buches

Poesie

tatsächlich wörtlich zu verstehen ist? Schnelltrocknende Poesie? 

 

 

 

 

 

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Das Essen verlief auf angenehme Art und Weise. Meine Gastgeberin und ihre Gäste interessierten sich sehr für mich, aber ich hielt mich soweit es ging bedeckt. Ich erzählte nichts davon, dass ich ein verlorenes Kind war. Lady Shelley schien ein ausgesprochen großes Interesse an der Wissenschaft zu haben, denn die meisten der anwesenden Herren waren Ärzte, Physiker oder Chemiker. Der Einzige, der wohltuend anders war, war John. Er saß neben mir und versuchte mich, so gut es ging, von den hochtrabenden Gesprächen abzulenken. Er flüsterte mir kleine Anekdoten der gelehrten Herren ins Ohr und ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen.

Nach dem Abendessen teilt sich die Gesellschaft. Die Damen werden in den blauen Salon geführt, wo Sherry gereicht werden soll. Unterdessen begeben sich die Herren ins Raucherzimmer, um sich einen Zigarre zu genehmigen und zu fachsimpeln.

Ich trödele etwas herum und es gelingt mir, der langweiligen Damenrunde zu entwischen und in die Bibliothek zu gelangen. Leise schließe ich die Tür hinter mir. In dem großen Kamin brennt ein hell loderndes Feuer, das Buchenholz knistert leise und erfüllt den Raum mit einem angenehmen Duft. Ich schreite die langen Regalreihen entlang und kann kaum glauben, was für Klassiker sich hier verbergen. Jeder Sammler würde sich glücklich schätzen so eine Bibliothek zu besitzen. Ich nehme hier und da eines der kostbaren in weiches Leder gebundenen Bücher in die Hand. Viele sind echte Erstausgaben, aus dem Jahr, in dem sie das erste Mal gedruckt wurden. Wer auch immer diese Bücher gekauft hatte, muss eine Menge dafür ausgegeben haben. Immer weiter wandere ich in dem Regallabyrinth umher. Eins ist sicher, hier wird mich niemand so schnell finden. In der Mitte des Labyrinths steht ein Buchständer von gigantischen Ausmaßen. Darauf liegt ein ungewöhnlich großes Buch. Neugierig trete ich näher und schaue mir den Einband an. Es ist aus dunkelbraunem Leder und mit goldenen Lettern beschrieben. Die Buchstaben sind in Latein und italienisch geschrieben. Ich kann ein paar Brocken und lese etwas über Anatomie und Mensch, und einen Namen. Vor Ehrfurcht bleibt mir die Luft weg. Leonardo Da Vinci. Ich sehe mich ängstlich um, kein Laut ist zu hören. Dann schlage ich das Buch auf. Die Seiten sind aus dickem Pergament. Jede Seite ist mit detaillierten Zeichnungen der menschlichen Anatomie gefüllt. Der Mensch an sich, der Mensch ohne Haut mit Sehnen und Muskeln, nur das Skelett, die inneren Organe, Herz, Nieren usw, Augen, Zunge, Hirn und das von allen Seiten. Faszinierend zu sehen, wie genau Leonardo war, aber ich weiß, wie er zu seinen Zeichnungen kam und das ist keine angenehme Sache. Leichen sezieren, gut muss wohl sein, aber Leichen stehlen, oder frisch getöteten Verbrechern die Haut von den Knochen ziehen, ich weiß nicht, das kann nicht gut gewesen sein. Aber andererseits musste Leonardo so vorgehen, da ihn die Kirche sonst als Ketzer verurteilt hätte und vermutlich wäre er auf dem Scheiterhaufen gelandet. Wenn ich mich nicht irre, haben sie sogar Jagd auf ihn gemacht. Schade, dass die wirklich genialen Geister immer solche Probleme hatten.

„Oh, sie scheinen eine vielseitig interessierte junge Dame zu sein!“

Ich schrecke zusammen, und als ich mich umdrehe, fängt der Buchständer an zu wackeln. John kann ihn gerade noch abfangen, bevor er umkippt.

„John haben sie mich erschreckt. Mein Herz ist fast stehen geblieben.“

John lacht und nimmt meine Hand.

„So schnell bleiben Herzen nicht stehen. – Wie kommt es, dass sie aus der ehrenwerten Damengesellschaft geflüchtet sind?“

„Ich hatte keine Lust auf Gespräche über Sticken und Kinder“, sage ich und zwinkere ihm zu, „ich liebe Bücher und musste sie mir unbedingt einmal ansehen. Ich habe recht daran getan. Sie sind wundervoll. Haben sie sich die Bände schon einmal richtig angesehen? – Bestimmt. – Aber wie kommen sie eigentlich hier her? Und wie haben sie mich in dem Labyrinth gefunden?“

„Also erstens habe ich mir die Bücher angesehen, ich habe viele davon gesammelt.“

Ich schaue ihn mit großen Augen an. Wann hat er diese Bücher gesammelt und wo hat er sie aufgetrieben. Er ist kaum dreißig Jahre alt.

„Und“, fährt er fort, „ich kenne die Bibliothek wie meine Westentasche und wer sich für Bücher interessiert, der landet früher oder später bei Leonardo.“

„Donnerwetter, das ist ja ungeheuerlich.“

„Finde ich auch. Was ich besonders bedenklich finde ist, dass ein so schönes Mädchen, wie sie, diese wundervolle Nacht in einer dunklen Bibliothek verbringt. Was halten sie davon, wenn wir zum Strand hinunter gehen?“

„Das wäre wundervoll“, stimme ich begeistert zu.

Wie lange habe ich das Meer nicht mehr gesehen. Eine wilde Sehnsucht beginnt in mir zu schlagen. Das Meer.

„Komm, wir nehmen den Weg durch die Küche. Die anderen müssen nicht mitkriegen, dass wir fort sind.“

Ich kann vor Aufregung nicht sprechen und nicke nur. John sieht mich mit einem zärtlichen Blick an, schnell beugt er sich vor und küsst mich auf die Wange. Auf meinen tadelnden Blick hin sagt er entschuldigend:

„Verzeih, sie sehen so hinreißend aus, ich konnte einfach nicht anders.“

„Na, gut, ihnen sei verziehen. Komm, last uns jetzt ans Meer gehen.“

John lacht leise.

„Dann schnell, bevor sie mich auch noch vermissen.“

„Haben sie mich vermisst?“

„Was denken sie, warum ich sie gesucht habe?“

John öffnet eine geheime Tür in einer der Regalreihen. Der geheime Mechanismus ist, mich wundert gar nichts mehr, hinter Robinson Crusoe versteckt. John führt mich durch einen dunklen engen Gang, dann höre ich ein Klicken, eine weitere Geheimtür springt auf und wir stehen in der Küche. Zum Glück sind die Bediensteten schon fertig mit Aufräumen und niemand sieht wie wir das Haus durch den Dienstboteneingang verlassen. John durchquert den Garten, bis zu einer kleinen schmiedeeisernen Tür, die er mit einem Schlüssel, den aus seiner Jackentasche zaubert, öffnet. Von dort aus führt eine Steintreppe den Hügel hinab zum Strand. Ich ziehe die Schuhe aus und bohre meine Zehen in den warmen Sand. Die Wellen rollen sanft an den Strand. Ein dünner weißer Saum aus Gischt schmückt den feinen Sandstrand, wie eine Spitzenbordüre. Der riesige Mond wirft eine verschwenderische Fülle von Diamantsplittern auf das Wasser. Ich kann mich nicht sattsehen.

„Gefällt es ihnen?“, fragt John.

„Und wie! Danke! Vielen Dank! Es ist wundervoll!“

Ich umarme ihn begeistert und er legt seine Arme mich. Mein Kopf lehnt an seiner Schulter und John vergräbt seine Nase in meinem Haar. Ich spüre seine Wärme, seinen verführerischen Duft, sein Atem streicht sanft über meine Haut und ich habe plötzlich ein völlig zwiespältiges Gefühl. Ich schwanke zwischen Sicherheit, Wehmut, Liebe, Traurigkeit, Nostalgie, Deja-vu, Illusion und Realität. Ich rühre mich nicht vom Fleck und auch John hält mich ganz still in seinen starken Armen. Ich kann durch den teuren Stoff sein Muskelspiel spüren. Am liebsten würde ich die Augen schließen, mich ganz diesem Augenblick und ihm hingeben. Es kostet mich große Anstrengung es nicht zu tun, aber der Gedanke an Raoul, lässt nicht zu, dass ich mich verliere.

„Wo bist du nur so lange gewesen“, flüstert John und drückt mir einen Kuss auf die Locken.

„Ich weiß es nicht“, antworte ich leise.

„Solange habe ich auf dich gewartet und nun muss ich feststellen, dass dir ein anderer Mann begegnet ist, der dein Herz für sich eingenommen hat.“

„John“, versuche ich eine Erklärung, aber er unterbricht mich und legt mir einen Finger auf die Lippen.

„Psst! Sag nichts. Lass uns einfach hier stehen und den Augenblick genießen. Heute ist heute und morgen ist morgen.“

Ich schließe meine Arme noch fester um ihn und schmiege mich an ihn. Die Zeit hat plötzlich ihre Bedeutung verloren. Immer höher steigt der Mond und wird immer kleiner.

„Wir müssen langsam zurückgehen“, flüstert John und drückt einen Kuss auf meine Stirn.

„Müssen wir wirklich? Können wir nicht hier am Strand bleiben?“

„Du zitterst schon. Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn du krank wirst.“

„John.“

„Ja?“

„Ich habe Angst in dem großen Zimmer, ganz allein in einem fremden Haus.“

„Musst du nicht. Ich sagte dir doch, dass du dich auf mich verlassen kannst. Außerdem schlafe ich in dem Zimmer neben an, wenn du mich rufst, werde ich sofort zu deiner Hilfe eilen.“

„Höre ich da etwas Spott in deiner Stimme?“, frage ich und sehe zu ihm auf.

Ein Lächeln liegt auf seinem schönen Gesicht. Johns Augen sind dunkel, wie das nächtliche Meer und halten meinem Blick stand.

„Nein“, sagt er zärtlich, „nur ein ganz kleines Bisschen. Aber ich schwöre dir, dass ich mein Leben dafür geben werde, dich zu beschützen.“

„So etwas darfst du nicht sagen“, erwidere ich erschrocken.

„Es ist mein Leben und ich gebe es, wem ich will.“

Ich sehe ihn ängstlich an.

„Hab keine Angst, Noelle, alles wird gut.“

Er fasst in mein Haar, zieht meinen Kopf in den Nacken und küsst mich unendlich sanft. Schwer atmend lehne ich meinen Kopf an seine Brust. Ich muss zugeben, dass mich dieser Kuss durcheinander bringt. John nimmt meine Hand.

„Komm, lass uns gehen.“

Schweigend gehen wir zurück zum Haus. Dort ist inzwischen alles still. Scheinbar hat sich die Gesellschaft schon in ihre Gemächer zurückgezogen. Wir schleichen die Treppe hinauf und John begleitet mich zu meinem Zimmer.

„Schließ deine Tür und sollte etwas sein, klopf einfach an die Wand hinter deinem Spiegeltisch. Dort liegt mein Zimmer. Ich nicke und sehe ihn mit großen Augen an. Die kleinen Lampen in den Gängen geben nur wenig Licht, aber ich kann in seinen Augen lesen und was ich sehe macht mich verlegen.

„Du bist wunderschön“, flüstert John, „dieser andere Mann – ich hoffe, er ist dich wert.“

Er zieht meine Hände an seine Lippen, ohne meinen Blick loszulassen und drück zärtliche Küsse auf meine Handflächen. Zögernd gehe ich in mein Zimmer und verschließe die Tür hinter mir, so wie John es mir geraten hat. Verwirrt von diesem Haus, seinen Bewohnern und besonders von diesem außergewöhnlichen Mann, ziehe ich mir das Nachthemd über, dass Jenny mir auf dem Bett bereitgelegt hat. Im Kamin verglühen langsam die Holzscheite. Ich nehme einen Kienspan, entzünde ihn an der Glut und zünde mir ein paar Kerzen an. Ich bin zwar erschöpft, aber in meinem Kopf rasen die Gedanken kreuz und quer. Dieses Haus ist geschmackvoll eingerichtet, seine Bewohner sind in teure Stoffe gehüllt, die Speisen sind auserlesen und doch, etwas stimmt nicht. Dabei ist es noch nicht einmal die antiquierte Art zu leben, sondern die geheimnisvolle Aura, die alles hier umweht, wie ein undurchdringlicher Nebel. Ich kann mich nur schrittweise vortasten. Wenn ich den Blick auf das nächste Bild werfen kann, dann ist das Vorherige schon wieder so verschwommen, dass nichts von allem zu einem Ganzen wird. Wie ein Puzzelspiel von dem man ein paar passende Teile zusammensteckt und sobald man einige weitere findet, jemand kommt und die Ersten böswillig wieder auseinanderreißt. Nichts erscheint vollständig, nur winzige Teilstücke sind zu entziffern.

Um wenigstens etwas Ruhe zu finden, hole ich die Notizbücher von Herrn Grimm aus meinem Rucksack und blättere darin herum. Aber auch mit ihnen stimmt hier etwas nicht. Die Buchstaben ähneln willkürlich hingeworfenen Kritzeln und ergeben keinen Sinn, geschweige denn ein vernünftiges Wort. Ich will die Bücher gerade wieder weglegen, als auf einer Seite Linien erscheinen, wie vor Kurzem, als das Buch mir Raouls Gesicht zeigte. Gebannt blicke ich auf die Seite, als vor meinen Augen eine schreckliche schmerzverzerrte Fratze erscheint. Ein Gesicht mit weit aufgerissenem Maul, scharfe Zähne blitzen daraus hervor, die Haare hängen wirr in dem gequälten Gesicht. Einzig seine Augen haben etwas Menschliches. Ich kann meinen Blick nicht von dem Gesicht abwenden. Hin und her gerissen von Mitleid und Grauen. Langsam verschwimmen die Linien wieder und nur ein grauer Schleier bleibt auf der Seite zurück. Ich klappe das Buch zu und verpacke die Bücher hastig in meinem Rucksack.

„Geh!“, höre ich eine warnende Stimme.

Ängstlich sehe ich mich um. Vermutlich werde ich jetzt verrückt.

„Geh, Noelle. Verlier keine Zeit.“

Atemlos springe ich auf. Es ist Raouls Stimme, also habe ich mich doch nicht geirrt. Hastig packe ich meine Sachen, ziehe mir bequeme Reisekleidung an und lösche alle Lichter. Dann öffne ich vorsichtig meine Zimmertür, versichere mich besorgt, ob auch niemand meine Flucht bemerken wird, und husche den Gang entlang zur Treppe. Die Eingangshalle ist leer. So lautlos wie möglich schleiche ich die Treppe hinunter, als ich plötzlich ein lautes Schreien höre. Mein Herz krampft sich zusammen. Das ist der Schrei eines Menschen, dem etwas Schreckliches angetan wird. Ich bin schon fast an der Tür, als wieder ein Schrei durch das Haus hallt. Es sind nur noch ein paar Schritte und ich bin frei.

„Lauf fort Noelle!“, höre ich wieder eine besorgte Stimme aus den Schatten.

„John“, durchzuckt es mich.

Für einen Moment zögere ich, dann stelle ich meinen Koffer neben die Tür, und gehe dem Schreien nach. Ich gelange zu einer Tür, die mich rohe Steinstufen hinab, in einen dunklen Kellergang, führt. Das Klischee aus einem Horrorfilm. Tu genau das, was kein normal denkender Mensch tun würde. Ich kann nicht anders. Mein Verstand schimpft wie ein Rohrspatz, um mich von diesem Wahnsinn abzuhalten, aber mein Herz sagt mir, dass ich meine Augen nicht vor dem Unglück eines anderen verschließen darf.

Die Schreie werden immer lauter. Mein Herz zerspringt fast vor Angst. Ich muss weiter gehen. Welche Kreatur hat es verdient solche Schmerzen zu erdulden? Jäh bricht das Schreien ab. Abrupt bleibe ich stehen. Was ist passiert? Ich befürchte, dass der Gefolterte entweder bewusstlos oder tot ist. Ich lausche in die Dunkelheit. Nicht weit entfernt höre ich Schritte und Stimmen. Ich raffe all meinen Mut zusammen und taste mich weiter an den rauen Wänden entlang. Da sehe ich einen Schimmer Licht. Die Stimmen werden lauter. Ich halte den Atem an und versuche einen Blick auf den Raum vor mir zu erhaschen.

Der Anblick, der sich mir bietet, lässt mich an meinem Verstand zweifeln. Unter dem englischen Landhaus erstreckt sich eine Art Krypta. An den marmornen Säulen hängen Fackeln, die der unterirdischen Gruft ein gespenstisches Aussehen geben. An den Wänden stehen Sarkophage, die auf ihren Deckeln Reliefe der Menschen tragen, die in ihnen bestattet wurden. In der Mitte des Raumes, unter einer Art Baldachin, steht ein Holzgestell, auf dem eine Kreatur festgeschnallt ist. Halb Mensch, halb Bestie. Lady Shelley und drei der Männer, die ich beim Dinner gesehen habe, stehen vor dem Holzgestell und streiten sich. Der Baldachin ist mir Symbolen bestickt, die mir nicht fremd sind. Ich habe sie auf einigen Seiten von Leonardos Buch gesehen. Lady Shelley trägt Handschuhe und hat ein Skalpell in der Hand.

„Sie Dummkopf“, schreit sie einen der Männer an, „sehen sie was sie angerichtet haben! Statt sich zu verwandeln, ist er ein Hybride. Halb Mensch, halb Monster. So war das nicht gedacht.“

Sie schlägt den Mann mit der flachen Hand ins Gesicht. Der gibt nur ein leises Stöhnen von sich, ohne Mary etwas entgegenzusetzen.

„Wir brauchen noch einen Katalysator. Er ist einfach zu sehr Mensch, als dass er sich freiwillig verwandeln würde“, wirft ein anderer Mann ein.

„Was soll denn das heißen? Wir haben alles so gemacht, wie Leonardo es beschrieben hat. Wir haben ihn infiziert und haben ihn einem hohen Stresspegel ausgesetzt. Das Adrenalin müsste bewirken, dass der Virus sich rasend schnelle vermehrt und die Verwandlung in Gang setzt.“

Lady Shelley ballt die Fäuste und nähert sich dem Mann, der ängstlich zurückweicht.

„Ja, aber“, stammelt er, „er ist stark. Sein Wille ist ungebrochen. Alles in ihm wehrt sich dagegen sich zu verwandeln.“

„Und was jetzt?“, Lady Shelleys Stimme schnappt über, „tun sie was, verdammt!“

Dann versetzt sie dem Mann einen heftigen Stoß gegen die Brust, die ihn taumeln lässt. Im letzten Moment kann er sich an einer Säule festhalten.

„Holen sie das Mädchen“, schlägt der erste Mann vor, „um sie zu beschützen, wird John sich verwandeln.“

Ich presse die Hände vor meinen Mund, um nicht zu schreien. Es ist John. Das Gesicht in meinem Buch, ich sehe wieder die Augen des Monsters vor mir. Es sind seine Augen. Flehende Augen. Oh, John, wie kann ich dir nur helfen? Fieberhaft überlege ich, was ich tun kann.

„Gute Idee! Los, machen sie schon!“, befiehlt Lady Shelley gereizt, „sie sind allesamt Stümper. Wenn das nicht klappt, dann Gnade ihnen Gott“, ein böses Lachen hallt durch die Krypta, „Gott, es gibt keinen Gott!“

Die drei Männer setzen sich hastig in Bewegung und ein wilder Schreck durchzuckt mein Gehirn. Sie suchen mich. Die Lady ist eine Art Frankenstein, besessen von Leonardos Forschungen. Aber das Leonardo solche perversen Forschungen angestrebt hat, ist mir neu. Allerdings war er, der Meister der Erfindung, wohl selten in der Lage, seine Erfindungen auch zu verwirklichen. Ein Genie auf dem Papier. Ich stehe hinter einer Säule und halte den Atem an. Was jetzt. Die drei Männer hasten an mir vorbei. Mir bleiben nur wenige Minuten, bis sie unverrichteter Dinge zurückkehren werden. Lady Shelley ist allein. Ich muss die Gelegenheit ergreifen und John helfen. Ich taste mich nach vorne, nehme eine Fackel aus ihrem Halter und trete hinter meiner Säule hervor.

„Sie sind ein kranker Mensch, Lady Shelley.“

Ich versuche meiner Stimme einen festen Klang zu geben, kann aber nicht verhindern, dass sie zittert. Mary fährt herum und ein teuflisches Lächeln spielt um ihre Lippen.

„Ich würde mich eher als Genie bezeichnen“, erwidert sie gelassen, „denn sehen sie, eigentlich wollte ich sie verwandeln, immerhin ist mir John lieb und teuer. Aber er hat mir sein Leben für ihrs gegeben.“

Bei diesen Worten geht mir ein Stich durchs Herz und Tränen treten mir in die Augen. Jetzt bloß nicht weinen, ermahne ich mich.

„Und welch glückliche Fügung! Dadurch werde ich tatsächlich erreichen, dass Leonardos Forschungen wahr werden. Ihren Willen hätte ich vielleicht nicht brechen können, aber John liebt sie und er wird alles tun, um sie zu verteidigen.“

Ich bin wie gelähmt. Der Plan ist tatsächlich perfide und gleichzeitig brillant. Meine Liebe gilt Raoul und hätte, statt mich zu schwächen, gestärkt. Johns Liebe zu mir wird ihn dazu bringen, alles zu tun mich vor dem Übel zu beschützen, dass mir Lady Shelley zu gedacht hat.

„Warum?“, ich bin verzweifelt.

„Forschung, meine Liebe. Ich werde das Leben neu erschaffen. Eine bessere, stärkere Kreatur hervorbringen.“

„Das ist ein Sakrileg!“

„Nein, Herzchen, das ist Genie.“

Sie nähert sich mir, als plötzlich ein Stöhnen zu hören ist.

„Lass sie!“

Johns Bewusstsein ist zurückgekehrt. Er atmet schwer. Mary fährt herum und mit ein paar Schritten ist sie neben ihm.

„Dann lass los und verwandele dich.“

„Nein, John, bitte nicht!“, rufe ich voller Angst.

„Ich muss es tun, sie wird dich sonst töten.“

Seine Augen sind auf mich gerichtet und ich sehe in seine Seele. Reine Liebe strömt mir entgegen.

„Nein!“, höre ich mich schreien.

Ich stürze auf ihn zu, werfe mich auf John und lege schützend meine Arme um ihn. Das darf nicht sein.

„Ihr seid so niedlich, aber die Verwandlung wird stattfinden. Er hat sich schon entschieden, sieh hin!“

Ein hysterisches Lachen erfüllt den Raum. Grauen erfüllt mich.

„Lancelot, wo bist du?“, flüstere ich.

„Hier, meine Herrin. Du hast mich gerufen.“

Lancelot tritt aus den Schatten. Er trägt einen Kampfanzug aus Leder, mit silbernen Nieten beschlagen, die in den flackernden Flammen der Fackeln aufblitzen. In seiner Hand hält er ein Schwert mit einem großen Namen: Flammenzunge.

„Oh, Verstärkung“, höhnt Lady Shelley, „du armer Junge. Liebst du sie etwa auch? Sie wird dich heute in den Abgrund  stoßen.“

Lancelot ignoriert ihre Tirade und tritt neben mich. Mitleidig blickt er auf John, der sich in Schmerzen windet und immer mehr zu der Bestie mutiert, die Mary aus ihm machen will.

„Bitte, hilf ihm“, flehe ich Lancelot an, „er wollte mich beschützen.“

Wortlos nickt Lancelot. Er steckt ihm einen Ring an den Finger.

„Nein!“

Lady Shelley schreit wie eine Furie und stürzt auf Lancelot zu. Aber es ist zu spät. Lancelot hat an dem Ring gedreht und John löst sich vor unseren Augen in Luft auf.

„Das wirst du büßen!“, tob Mary und stößt einen schrillen Ruf aus.

Plötzlich sind schnelle Schritte zuhören und Männer mit Masken bevölkern den Raum.

„Lauf“, flüstert Lancelot mir zu, „ich komme nach!“

Er hebt sein Schwert, und als die Maskierten angreifen, stürzt Lancelot der Menge entgegen. Ich kann nichts tun, um ihm zu helfen. Also gehorche ich seinem Rat und laufe dem Ausgang entgegen, aber Lady Shelley stellt sich mir in den Weg.

„Das hast du dir so gedacht?! Aber mir entkommst du nicht.“

Was ich sehe lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Für den Bruchteil einer Sekunde schließt sie die Augen und als sie sie wieder öffnet, sind sie rot wie Blut. Mary öffnet ihren Mund und entblößt zwei spitze Eckzähne.

„Sie sind ein Vampir! Nein, das ist unmöglich.“

„Nichts ist unmöglich“, lacht sie kalt und kommt näher, „John sah dich in seinen Träumen und ich habe dich gerufen. Und wie du siehst hat mein Plan funktioniert.“

„Nur fast!“, stoße ich hervor.

Ich reiße eine Fackel aus ihrer Halterung und senke sie ihr mit einer schnellen Bewegung entgegen. Ehe Lady Shelley sich in Sicherheit bringen kann, hat ihr kostbares Kleid Feuer gefangen. Ihr gellender Schrei lässt die Maskierten innehalten. Als sie sehen, wie ihre Gebieterin in Flammen steht, strecken sie die Waffen und verschwinden in der Dunkelheit, aus der sie kamen. Immer höher lodert das Feuer, immer schriller dröhnt das Geschrei durch die Krypta. Es ist nicht auszuhalten und ich presse mir verzweifelt die Hände auf die Ohren. Lancelot packt mich am Arm und zieht mich hastig hinter sich her.

„Raus hier“, keucht er.

Vor dem Haus steht die Kutsche, angespannt und bereit loszufahren.

„Lancelot“, stammele ich.

„Frag nicht, geh“, sein eindringlicher Blick mahnt mich zur Eile, „schnell. Sieh nicht zurück!“

Ich umarme ihn, dann steige ich ein und Lancelot gibt dem Kutscher ein Zeichen. Ein leises Schnalzen und das Pferd setzt sich in Bewegung. Das Letzte, was ich von Lancelot sehe, ist das Aufblitzen von Flammenzunge im Licht der ersten Sonnenstrahlen.

Die Kutsche fährt auf den kleinen Platz vor dem Bahnhof. Die Morgensonne scheint warm und in dem kleinen Cafe sitzen die alten Männer, rauchen und trinken Kaffee. Der junge Kutscher reicht mir die Hand und hilft mir auszusteigen. Er stellt mir meinen Koffer und meinen Rucksack auf die Eingangstufen zum Bahnhof, lüpft zum Abschied das Hütchen und fährt davon.

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