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Posts Tagged ‘Stein’

„Unfähig sich zu ändern, versuchten sie die Welt zu ändern.“

Sagte ich, und scheiterten kläglich, dachte ich.

Im Publikum entstand eine kurze raumgreifende Stille, dann brandete mir ein Applaus entgegen, den ich nicht erwartet hatte. Alles was ich geschrieben, arrangierte und auf die Bühne brachte, alles was ich darstellte und sagte, war auf jeden einzelnen unter ihnen gemünzt. Doch sie verstanden es nicht. Erkannten nicht, dass sie sich ändern mussten, vom kleinsten zum großen hin, damit diese Welt nicht ins Chaos stürzte.

Möglicherweise hatten sie einen winzigen Blitz der Erleuchtung, im Augenblick der Stille, doch der wurde durch den frenetischen Beifall hinweggefegt.

Schon morgen würden sie alle Worte, die schrecklichen Bilder und die schönen, vergessen haben. Nichts veränderte sie. Egal, wie viel Blut die Straßen entlang rann oder wie faszinierend komplex die Wunder unserer Welt erschaffen waren. Nichts von alledem weckte sie auf. Sie waren wie tumbe Steine, die unbeweglich auf der Stelle lagen, statt wie eine emsige Koralle zu sein, die sich stetig veränderte und dem Licht entgegenwuchs.

Ich stand da und starrte in den Zuschauerraum. So würde es also enden.

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Der Stein hatte die Farbe eines glänzenden Rotbraun von Kastanien. Ich drehte ihn in der Hand hin und her und musste Lächeln. Er war glatt, aber nicht vollständig rund. An einer Seite hatte er eine Vertiefung, in die ich die Spitze meines Daumens legen konnte.

„Der ist echt“, sagte der Verkäufer am Schmuckstand, der aussah als wäre er aus der Flower Power Zeit übrig geblieben.

Im Hintergrund wechselte der donnernde Beat der Musik zu einer sanften Flötenmusik.

„Der ist echt“, widerholte der Verkäufer.

Ich hatte ihn schon beim ersten Mal verstanden und konnte mir vorstellen, was das andeuten sollte. Die Rechtfertigung eines horrenden Preises.

„Und wie viel soll er kosten?“, fragte ich so gleichgültig wie möglich.

„Hundert Pfund“, sagte er.

So ungefähr hatte ich mir das vorgestellt. Ich zog abschätzend die Augenbrauen hoch.

„So wird kein Geschäft draus“, stellte ich fest. „Da müssen sie mir schon entgegen kommen.“

Ich pokerte hoch. Der Stein war mehr wert, ich kannte mich aus. Er durfte auf keinen Fall in den Händen dieses Dilettanten bleiben.

 

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„Ich habe das Gefühl, der Mann, auf dem Plakat an der Wand dort drüben, starrt mich an.“

Biene legte den Kopf schief und machte einen Schritt zurück.

„Ach Bienchen, aus dir spricht der Alkohol.“ Mary lachte und zog sie sanft am Arm hinter sich her. „Wir sind gleich beim Auto. Heute Nacht wirst du schlafen wie ein Stein.“

„Doch echt! Die Augen bewegen sich. Wirklich“, nuschtelte Biene.

Mary schüttelte den Kopf, warum müssen sich die Leute immer so volllaufen lassen. Sie seufzte. Manchmal wünschte sie sich, sie könnte den Reiz dahinter erkennen. Doch in Situationen, wie dieser, wusste sie, dass sie niemals in diesen Zustand kommen wollte. Gekonnt buxierte Mary die brabbelnde Biene auf den Beifahrersitz und schnallte sie sorgfältig an.

„Plakataugen, die einen anschauen“, murmelte sie und wendete sich vorsichtshalber noch einmal dem Plakat zu. Sie konnte nichts Auffälliges erkennen. „Nichts. Wie könnte es auch anders sein.“

Mary stieg ein und startete den Motor. Die Augen des Mannes auf dem Plakat registrierten jede ihrer Bewegungen.

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„Komm! Wir müssen weiter.“

„Nein! Ich mache keinen Schritt. Seit Stunden stolpern wir durch den Wald. Nachts! Ich mache jetzt eine Pause.“

Danny setzte sich auf einen der großen Steine am Seeufer und streifte die Schuhe und Strümpfe ab. Ihre Füße brannten und Danny hielt sie in das kühle Seewasser. Martin schüttelte den Kopf.

„Immer musst du das letzte Wort haben“, er wollte noch etwas sagen, aber Danny unterbrach ihn.

„Und du musst dich ständig auf solche Himmelfahrtkommandos einlassen.“

Danny planschte mit den Füßen. Hinter den Hügeln stiegt langsam der Mond auf. Sein Licht verwandelte das schwarze Wasser des Sees in pures Silber.

„Ich“, begann Martin.

„Psst! Sag einfach mal nichts“, unterbrach Danny ihn unwirsch.

Sie hörte ihn schnauben. Äste knackten. Dann war es still. Danny wusste, dass Martin sie allein gelassen hatte. Er hasste es, wenn sie ihm widersprach. Es war ihr egal. Danny wollte sich diesmal die Stimmung nicht von ihm kaputt machen lassen.

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Ins Meer hinein, ins Meer,
in seine schwerelose Tiefe,
wo die Träume sich erfüllen,
und Zwei in einem Willen sich vereinen,
um zu stillen eine große Sehnsucht.

Ramón Sampedro

Das Meer ein Ort der Sehnsucht. Licht, Himmel, Wolken, die Ströme der Gezeiten. Es zieht uns unaufhaltsam an. Das Meer, das letzte Mysterium unseres Planeten, in dem Tiefen existieren, die unerforscht und für uns nicht zu erfassen sind.

Dort spüren wir die Unendlichkeit auf eine beinahe stoffliche Weise. Anders als bei einem Blick auf den nächtlichen Himmel, der uns Ehrfurcht abverlangt, liegt das Meer mit seinen Schätzen, Schönheiten und Gefahren direkt vor unseren Füßen.

Wir durchleben seine Auswirkungen ungefiltert an Körper und Geist. Den Wind, die Macht der Wellen, die sprühende Gischt auf der Haut, den Sand unter unseren Füßen. Weite, die wir sehen und dennoch nicht erfassen können. Eine tiefe Ruhe steigt in uns auf, selbst unter dem Brausen des Sturms, wissend danach wird alles wieder rein und klar vor uns liegen.

Doch das Meer ist mehr als ein Ort, den wir ersehnen. Es ist die Fülle, die Unendlichkeit in uns. Das Rollen der Wellen an die raue Küste gleicht dem Schlagen der Herzen unserer Mütter, als sie uns in sich trugen. Das Urmeer, das uns geborgen hielt und nährte, bis zum Tag der Geburt. Das Meer, Anfang und Erhalter allen Lebens.

Das Meer in uns besitzt eine Tiefe, die wir nicht ermessen, nicht durchmessen können. Wie das Menschenherz, dessen Wünsche und Obsessionen wir nicht einmal selbst verstehen. Wir blicken in dunkelste Abgründe, werden von hellstem Licht an die Oberfläche zurückgezogen, um erneut dem Rausch der Tiefe zu verfallen.

Das Meer in uns ist eine Sehnsucht so groß und weit, so zeit- und grenzenlos. Sie lässt uns niemals ruhen, treibt uns immer weiter an, auf der Suche nach der Fülle des Lebens. Sehnsucht nach dem Ganzen. Sehnsucht nach einer Liebe, die alle Fragen beantwortet. Sehnsucht nach Freiheit von Hektik und Zwängen. Sein um des Seins willen.

Immer wieder werden wir in den Sturm des Lebens gejagt, kämpfen, bezwingen ihn. Im beständigen Kreislauf der Gezeiten werden wir an den Strand unseres Selbst gespült und in uns zurückgeworfen. Gehen unter. Bis an den Rand des Todes und tauchen wieder auf. Sanft gewogen in den Armen unseres Sehnsuchtsmeeres.

Sehnsucht nach dem Meer. Sehnsucht nach mehr. Mehr Erfahrung, mehr Wissen, mehr Fülle, mehr Gefühl. Sehnsucht nach Unendlichkeit. Nach Unsterblichkeit. Das ist der Antrieb aller Bestrebungen, aller Kunst. Unser Name auf Stein gemeißelt, auf Leinwand gemalt, auf Papier gedruckt.

Wir stehen am Ufer unseres Lebens. Blicken auf den Horizont. Sehen die Sonne rot brennend versinken und fragen uns bange, was wird sein? Gibt es eine Antwort? Vielleicht die der Philosophen, der Religionslehrer – doch am Ende müssen sie die Antwort schuldig bleiben. Wir gehen in unbekannte Gefilde. Wie Ramón Sampedro es ausdrückte: in eine schwerelose Tiefe.

Eine namenlose Sehnsucht, die in uns schwingt, uns hält und uns zu unserem Ausgangspunkt zurückführt, dem Meer in uns.

Seit Beginn der Zeit brandet das Meer an die Gestade der Küsten und so wird es sein, wenn wir längst vergessen sind. Strebt das Meer in uns danach, sich an den Gestaden unseres Geistes zu brechen, werden wir ein Stück Unsterblichkeit erlangen.

Sehnsuchtsmeer
Tief in mir verborgen
Niemand kann es sehen
Niemand wissen
Niemand fühlen
So wie ich

Caroline Susemihl

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Szene aus der Kindheit von Rowenna (Tag 87/88)

Rowenna und Laurence sitzen auf der niedrigen Natursteinmauer, die das Haus von Laurence Großeltern von der Straße trennt. Zu ihren Füßen liegt ein Bernersennenhund und blinzelt ab und zu in die Sonne. Zwischen den beiden Kindern steht eine Papiertüte mit Kirschen. Rowenna spukt einen abgenagten Kirschkern auf die Straße. Er klackt einmal auf und springt auf den Rasenstreifen auf der anderen Seite.

„Einmal über die Straße!“, ruft sie triumphierend, „das musst du mir erst mal nachmachen.“

„Das gilt nicht. Der Kern ist einmal aufgeditscht!“, widerspricht Laurence.

Er schürzt die Lippen, ruckt mit dem Kopf zurück, dann vor und spukt. Der Kern landet wenige Zentimeter vor dem Randstreifen der gegenüberliegenden Seite.

„Das musst du mir nachmachen!“

Laurence sieht Rowenna mit einem siegessicheren Grinsen an. Sie spukt den nächsten Stein. In einem hohen Bogen fliegt er diesmal direkt auf den Randstreifen.

„Bitte! Ich kann es!“

Laurence will etwas erwidern, als ein Stein durch die Luft saust und ihn an der Schulter trifft.

„Hey, wer war das?!“

Laurence reibt sich die schmerzende Stelle und rutscht von der Mauer. Suchend sieht er sich um. Ein weiterer Stein trifft den schlafenden Hund. Er springt auf und jault.

„Da!“, schreit Rowenna, „in der Hecke!“

Noch ehe Laurence den Attentäter entdeckt hat, ist Rowenna über die Straße gerannt und kriecht durch die Hecke.

„Andy, du blöder Mistkerl“, hört Laurence sie auf der anderen Seite der Hecke schreien. „Feigling!“

Er kriecht ebenfalls hindurch und sieht gerade noch, wie Rowenna dem Rowdy der Klasse mit voller Wucht die Faust auf die Nase schlägt. Sofort quillt Blut heraus und Andy heult auf.

„Du dumme Kuh!“, Andy hält sich die Hände vor die Nase, „das sage ich meinem Vater!“

„Mach doch! Dann kannst du ihm gleich sagen, dass du uns aus dem Hinterhalt angegriffen hast. Bin gespannt was er dazu sagt!“

Die letzten Worte hört Andy schon nicht mehr, so schnell hat er das Weite gesucht. Rowenna lacht und grinst Laurence an.

„Dem hab ich es gegeben! Ein hilfloses Tier mit Steinen zu bewerfen, was für ein Blödmann. Soll sein Vater nur kommen.“

„Darauf kannst du wetten. Das lässt der sich nicht entgehen.“ Auf Laurence kindlich glatter Stirn erschienen ein paar zarte Denkerfalten. „Erinnerst du dich an den Krach den er bei uns geschlagen hat, als mein Bruder und Andy sich geprügelt haben?“

Rowenna lachte.

„Und wie ich mich erinnere! Das war Dorfgespräch.“

Die beiden Kinder kriechen durch die Hecke, zurück auf die Straßenseite. Rowenna kniet sich vor den Hund und krault ihn hinter den Ohren.

„Du lieber Artur, alles gut? Das macht der so schnell nicht wieder. Ich pass auf dich auf“, sie blickt zu Laurence hoch, „und auf dich auch.“

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Leben in Stein gemeißelt

Gefühle gepflanzt in Kräutertöpfe

Auf Balkonen wie Vogelnester

Wolkenkratzer Baumkronen ohne Blatt

Aus Stahl und Glas blind

Spiegeln sie Wolkenhimmel

Ohne miteinander zu flüstern

Fluss der geraden Straße folgend

Betoniert ohne Fisch und Strudel

Menschenmassen hetzen ohne Blick

Durch Gassen ohne Glück

 

Immer schneller läuft der Mensch

In seinem Rad

Zeit zum Atmen wird uns abgedrückt

Eine Manschette, um den Hals

Die Spritze steckt schon in der Ader

Regelmäßig eine Infusion

Eine Prise Lachen, ein Prise Illusion

Schon läuft er wieder rund

Nur ungesund ist es immer noch

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