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Posts Tagged ‘Silber’

Die beiden Männer erschienen aus dem Nichts, wenige Meter voneinander entfernt, auf dem mondhellen Weg.

Der eine elegant gekleidet, mit einem auffallenden Mantel aus weißem Pelz, der im Mondlicht wie Silber leuchtete. Der andere ganz in Schwarz gehüllt, nur ein Schatten von vielen unter den Bäumen des Waldrandes, unter die er sich mit ein paar schnellen Sätzen geflüchtete.

Tatsächlich bemerkte der vornehme Herr den anderen nicht. Er war mit einem kleinen Gerät beschäftigt, dass sanfte Lichtimpulse von sich gab. Mit ruhigen Bewegungen drehte er sich in verschiedene Richtungen. Als das Gerät hellere Impulse ausstrahlte, folgte er der eingeschlagenen Richtung. Dass er direkt an dem anderen Mann vorbeikam bemerkte er in seinem Eifer nicht. Er war so beseelt von dem Gedanken an sein Ziel, dass er nicht wahrnahm, dass er von dem Schattenmann verfolgt wurde.

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Tür, Silber, Aufschrift, Dämmerung, klopfen, Spitze

„Bist du sicher, dass das“, ich deutete auf die silbernen Buchstaben der Beschwörung auf der Eingangstür, „ein ausreichender Schutz ist?“

Roman zuckte mit den Schultern.

„Es ist eine erste Barriere, die uns etwas Zeit verschaft.“

Ich war skeptisch. Eine sehr wage Aussage und wenig zufriedenstellend. Zu gerne hätte ich ihm meine Meinung dazu gesagt, aber Lucius schenkte ihm Vertrauen und hatte uns befohlen, ihn ebenfalls als einen der unseren zu akzeptieren.

Ich sah aus dem Fenster und ließ den Blick über meine geliebten Hügel schweifen. Sie waren das einzige, dass sich nicht verändert hatte. Noch nicht. Seitdem sie die Königsburg einnahmen und König Leon töteten, hatte sich alles verändert.

Die Dämmerung brach herein. Es gab eine Zeit, da liebte ich diese stille Stunde vor der Dunkelheit. Doch dies schien eine Ewigkeit her, nurn fürchtete ich sie. Die Stunde der Dämmerung war nur noch kurzes Aufatmen, dann mit dem verlöschen des letzten Tageslichtes begannen die Schrecken, die jede Nacht wiederkehrten.

„Ich übernehme die erste Wache“, bot ich an.

Roman nickte und streckte sich auf dem schlichten Holzbett aus. Ich richtete mich auf dem Lehnstuhl nahe der Tür ein, die langläufige Pistole mit den geweihten Kugeln auf den Knien.

***

Klopfen, drang in mein Bewusstsein. Ich riss die Augen auf. War ich eingenickt? Wie konnte das passieren? Die Kerze war kaum heruntergebrannt, es konnte nicht viel Zeit vergangen sein. Ich suchte den Raum nach Roman ab. Das Bett war leer. Angespannt lauschte ich. Es war totenstill. Das beunruigte mich.

„Roman, wo bist du?“, flüsterte ich.

„Hier“, hörte ich ihn hinter mir und fühlte seine spitze Klinge an meiner Kehle.

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Nach dem Bild: Furcht vor dem Großen, von Michael Ludwig

Ich falle
In den Schatten
Stürze in den Abgrund
Niemand der mich sieht
Keine Hand
Die meine hält
Einsamkeit
Zerstörte Hoffnung
Verbranntes Herz

In einer Illusion
Von Dämmerung
Trifft mich ein Strahl
Leuchten blendet
Den stumpfen Blick
Eingehüllt in Silber
Dunkler Geist
Namenlos
Versprichst mir
Alles oder Nichts

Linderst den Schmerz
Gibst deinen Anteil
Forderst
Einen hohen Preis
Das Feld der Ehre
Nimmt die Seele
Für ein Trugbild
Täuschungen
Sind harte Währung

Ich lehne ab
Erhebe mich
Aus Staub und Asche
Verletzt
Doch nicht gebrochen
Verschmäht
Doch immer Ich
Bin frei
Geh meinen Weg

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„Menschen sind merkwürdig, nicht wahr?“, Antonio unterbricht mich, „je mehr uns jemand ablehnt, um so stärker entbrennt unsere Leidenschaft.“

„Tja, als ob uns das anzieht. Die Abwehr zieht uns an, oder die Gleichgültigkeit. Sie ist wie ein Magnet. Plötzlich erscheint uns der andere so begehrenswert.“

Ich klappe das Buch zu. Ich schließe die Augen und höre dem Rauschen des Meeres zu.

„Ich wünschte, ich müsste nie, nie mehr hier fortgehen. Ich würde so gerne hier sitzen bleiben bis in alle Ewigkeit. Irgendwann würde ich erstarren, wie eine Fliege im Bernstein und immer würde ich hier sitzen und das Meer sehen. Die Möwen würden mir am Tag Gesellschaft leisten und in der Nacht die Sterne.“

„Ein romantischer Wunsch“, lacht Antonio, „aber ich schätze du würdest irgendwann großen Hunger bekommen.“

„Da hast du wohl recht“, seufze ich.

In seine Augen kann ich ein wehmütiges Lächeln sehen.

„Meinst du, man kann an gebrochenem Herzen sterben?“, fragt er mich.

Ich nicke wortlos mit dem Kopf. Wenn ich an Raoul denke, spüre ich diesen Schnitt in meinem Herzen noch genauso heftig, wie zu dem Zeitpunkt, als er mich verließ. Die Gedanken, die heiße Sehnsucht, die Träume lassen mich nicht los und vertiefen den Riss noch.

„Die Wunde heilt alle Zeiten“, murmele ich.

„Heißt das nicht, die Zeit heilt alle Wunden?“

„Ja, schon, aber ich fürchte, dass meine Wunden die Zeiten überdauern werden.“

„Meine auch“, flüstert Antonio und zieht mich in seine Arme.

Ich rücke zu ihm hinüber und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Ich weiß nicht, ob ich davon laufen, oder jede Grenze überschreiten und mich einfach fallen lasse soll. Tränen laufen mir über die Wangen. Meine Gefühle schlagen Wellen, wie das Meer und ich hab das Empfinden unterzugehen.

Antonio streicht mir eine Locke, die sich aus meinem Zopf gelöst hat, aus dem Gesicht, legt den Finger unter mein Kinn und hebt mein Gesicht seinem entgegen. Zärtlich küsst er mir die Tränen fort. Seine Lippen sind weich und sanft, ohne zu fordern.

„Antonio“, flüstere ich.

„Sag nichts. Lass mich dich einfach nur küssen. Ich weiß, dass du nicht bei mir bleiben kannst. Niemand kann das besser verstehen als ich. Wenn es um dich gehen würde, dann würde ich auch immer weiter nach dir suchen.“

„Warum?“

„Weil Liebe, Liebe ist. So wie du dich in diesen andern Mann verliebt hast, ohne an die Konsequenzen zu denken, so hab ich mich in dich verliebt.“

Antonio drückt mich fest an sich, und als er mich wieder küsst, lasse ich es geschehen, ohne nachzudenken. Wie lange wir dort sitzen, weiß ich nicht. Eng aneinander geschmiegt und schweigend.

„Ich glaube wir müssen langsam zurückgehen. Mutter wird mit dem Essen warten“, bricht Antonio das Schweigen.

„Dann sollten wir gehen“, versuche ich zu lächeln, „deine Mutter wundert sich bestimmt, wo du solange geblieben bist.“

„Ich glaube nicht. Meine Mutter ist eine kluge Frau!“

Als wir zurück sind, gehe ich auf mein Zimmer. Meine Sehnsucht bringt mich fast um. Ich denke an Antonio und seine Zärtlichkeit, die mich bis in mein Inneres getroffen hat. Ich könnte bleiben. Niemals fortgehen von diesem wunderbaren Mann, dem Meer, dem Himmel. Mein Herz hier verlieren. Aber dann wird mir bewusst, dass ich es schon längst verloren habe und es weit fort von hier ist.

Habe ich mich die ganze Zeit vor dem Leben gedrückt? Bin ich verloren gegangen aus Angst, niemals wirkliches Glück und echte Liebe zu finden? Mein Herz schlägt wie verrückt. Mir ist bewusst, dass es keine Alternative gibt. Ich habe meinen Bestimmungsort noch nicht gefunden und muss gehen. Schnell packe ich meine Sachen und gehe hinunter ins Café. Madeleine erwartet mich.

„Du gehst fort nicht wahr“, fragt sie traurig.

Ich nicke unter Tränen.

„Ja, ich muss gehen. Grüßen sie bitte Antonio von mir?“

Da kommt Antonio aus der Küche.

„Du musst nicht fortlaufen“, sagt er leise.

Ich umarme ihn ganz fest. Mein Hals ist zugeschnürt. Tränen laufen über meine Wangen und vermischen sich mit seinen.

„Vergiss mich“, flüstere ich, „finde die Eine, die dich so sehr liebt, wie du es verdienst.“

Dann nehme ich mein Gepäck und gehe zum Bahnhof hinüber. Mein Herz ist steinschwer und meine Augen sind blind vor Tränen. Der Zug hält gerade, als ich ankomme. Ein netter Schaffner hilft mir beim Einsteigen, dann ist ein lauter Pfiff zu hören und der Zug setzt sich in Bewegung und verlässt den Bahnhof. Die Tränen sind wie ein Strom, der über die Ufer tritt. Jeder Zentimeter meines Körpers, meines Herzens und meiner Seele schmerzt. Da höre ich eine sanfte Stimme neben mir.

„Hab keine Angst, Noelle, alles wird gut.“

„Herr Grimm?! Wie kommen sie hier her?“, frage ich überrascht und erleichtert.

Ich umarme ihn und er streicht mir sanft über das Haar.

„Nun, ich dachte, es wäre an der Zeit meine Notizbücher wieder abzuholen und dir deine eigenen zu bringen.“

Er lächelt und reicht mir ein Bündel Notizbücher, das mit einer roten Schleife versehen ist. Oben auf den Etiketten steht mein Name: Noelle Snow. Sie sind ganz neu und riechen nach frischem Papier.

„Hier und dies sind ein paar Stifte, damit du sofort anfangen kannst.“

Herr Grimm reicht mir einen Bund Stifte, die von einem Bindfaden zusammengehalten werden.

„Danke, Herr Grimm.“

Er sieht mich aufmerksam an.

„Hab keine Angst. Sei mutig, du wirst finden, was du suchst. Du bist jetzt eine Geschichtenerzählerin. Du hast die Liebe, die Freude, das Leid gesehen. Du brauchst all dies um deine Geschichten zu erzählen. Und hab keine Angst vor den Schatten. Du kannst sie bezwingen. Deine Fantasie wird sie zurückdrängen und die Welt um vieles bunter machen.“

Dann küsst er mich auf die Stirn, nimmt sein Bündel Notizbücher unter den Arm und verlässt mein Abteil.

Ich erwache. Was war das für ein Traum? Ich reibe mir die Augen und strecke mich. Neben mir auf dem Sitz liegen die Notizbücher. Ich nehme sie in die Hand. Auf den Etiketten steht mein Name. Noelle Snow.

„Hallo Noelle, wie schön, dass du wach bist.“

Diese Stimme! Wie sehr habe ich mich danach gesehnt sie zu hören.

„Raoul?“, flüstere ich verwundert.

„Hast du daran gezweifelt?“, fragt er.

„Nein“, erwidere ich fassungslos, „ich sah dich in meinen Träumen, hörte deine Stimme. Was ist passiert?“

Raoul setzt sich zu mir und reicht mir einen Becher Kaffee.

„Ich weiß es nicht. Du bist eingeschlafen und ich hab dich nicht mehr wach bekommen. Dein Schlaf war sehr unruhig und ich hatte Angst um dich. Manchmal hast du gesprochen, aber ich konnte dich nicht richtig verstehen. Aber nun bist du ja wieder erwacht.“

Das ist unmöglich. Alles soll nur ein Traum gewesen sein? Nein, das kann, das darf nicht sein. Ich öffne meinen Rucksack. Alles, was ich geschenkt bekam, ist noch da. Ich finde sogar eine Feder von Lilis Flügeln. Was ist passiert? Die Schatten? Ich sehe Raoul aufmerksam an, ich weiß nicht, was es ist, aber seine Gesten, seine Blicke sind so verändert, dass ich es mehr als beunruhigend finde.

„Raoul kannst du dich noch daran erinnern, was du mir am Anfang unserer Reise über die Liebe sagtest?“

„Was gibt es über die Liebe zu sagen?“, antwortet er gleichgültig.

„Du bist nicht Raoul! Wer bist du!“, schreie ich den Doppelgänger an.

Ein böses Lachen ist zu hören.

„Ich habe dich unterschätzt Noelle Snow. Woran hast du es bemerkt?“

Vor meinen Augen verwandelt sich Raoul in einen gesichtslosen dunklen Schatten. Schwarz und bedrohlich erfüllt er das kleine Abteil und nimmt der Sonne das Licht.

„An deinen Augen. Du bist ein Schatten, seelenlos und Raoul ist alles andere als das!“

Der Schatten kommt näher und ich spüre, wie mich die Kälte, die er ausstrahlt, zu lähmen beginnt.

„Gib ihn mir zurück!“, befehle ich ihm.

„Warum sollte ich!“, der Schatten lacht mich aus.

„Weil ich, dich töten werde.“

Die Wut treibt mir Tränen in die Augen, aber ich werde mich nicht unterkriegen lassen.

„Mit was willst du mich töten?“

Immer weiter dringt die Kälte in mich ein.

„Mit meinen Worte, meiner Fantasie. Ich werde solange Geschichten erzählen, bis du fort bist, du hast keine Chance, denn dir fehlt die Liebe und niemals! Niemals wird das Böse das Gute besiegen! Es war einmal ein kleines Mädchen, das sich verloren hatte …“, beginne ich mit letzter Kraft zu erzählen.

Plötzlich ertönt ein lautes Zischen ich halte mir die Ohren zu und rede dabei immer weiter. Schwarze grausame Nebel wallen auf und ab, greifen nach mir. Ich rede, wie ein Wasserfall. Jeder Gedanke, der sich in meinem Gehirn verfangen hat, ist mir recht. Ich spreche, bis mir die Zunge am Gaumen klebt und ich mich kaum noch aufrecht halten kann. Da weicht unerwartet der Schatten immer weiter zurück, bis er ganz verschwunden ist.

Die Sonne erhellt mein Abteil, wie vorher. Ich atme auf. Da geht ein leichter Ruck durch den Zug. Die Bremsen krallen sich in die Schienen. Ein lautes Zischen. Die Lok stößt einen weißen Schwall Rauch aus. Ein Bahnhof. Soll ich jetzt den Zug verlassen und an diesem Ort bleiben? Alles in mir verkrampft sich. Ein lähmendes Gefühl lässt mich zögern, als ich eine sanfte Stimme höre.

„Geh, Noelle, versuch dein Glück!“

Ich sehe Herrn Grimms gütige Augen vor mir. Er zwinkert mir zu und lächelt aufmunternd.

Ich nehme allen Mut zusammen und steige aus. Es ist ein Bahnsteig, wie alle anderen. Nichts ist besonders hier. Kein Duft, keine außergewöhnlichen Menschen. Und tatsächlich regnet es. Wie auf Tausenden Bahnhöfen vorher. Vielleicht sollte ich wieder in den Zug einsteigen. Ich will einen anderen Bahnhof finden, einen besseren als diesen ordinären Bahnsteig im Nirgendwo.

Da setzt sich der Zug wieder in Bewegung, meine Chance ist vorbei. Ich gehe zu der einzigen Bank auf dem Bahnsteig, setze mich und öffne meinen Rucksack. Da, auf den Notizbüchern von Herrn Grimm, liegt das kleine Päckchen, dass Raoul mir hinterlassen hat, bevor er ging. Ich nehme es heraus, hebe den Deckel an und ein unglaublicher Duft von Kaffee, Schokolade und betörenden Essenzen strömt heraus.

Das ist genau der Duft! Ich hatte ihn schon die ganze Zeit bei mir und habe es nicht gewusst. Ich verschließe das Döschen wieder, stecke es in meine Tasche und verlasse eilig den Bahnsteig.

Draußen empfängt mich unerwartet ein milder Duft, der Regen ist fort und es riecht nach Blüten und Sommer. Ein kleiner Platz umsäumt mit Platanen liegt vor dem Bahnhof. Sonnenstrahlen drängen durch die Wolken und lassen das Wasser in den Pfützen glitzern wie Silber. Ich setze mich auf eine weiße Bank und genieße die Düfte, die mich umschweben.

Zu Hause? Ich weiß es nicht, aber ich weiß plötzlich, dass alles gut wird. Egal wohin ich von hier aus gehe, egal wem ich begegne und was mir passieren wird. Ich werde niemals allein sein. Es wird Menschen, Elementare, Ritter und Engel geben, die meinen Weg begleiten. Ob in meinen Träumen oder in der Realität ist nicht wichtig. Für mich leben sie alle und die Schatten werden vergangen sein. Auch die Schatten meiner Vergangenheit. Ich habe sie besiegt, weil ich sie bunt gemacht habe. Ich habe ihnen durch meine Fantasie die Spitzen und die Bitterkeit genommen.

Festentschlossen meine eigene Geschichte zu schreiben, werde ich meinen Weg gehen. Alles ist Legende. Vielleicht noch nicht heute, aber die Zeit wird kommen, in dem meine Geschichte sich in ein Märchen verwandelt. Ich hole die kleine Dose wieder heraus, entnehme die Praline und stecke sie mir in den Mund. Sie zergeht auf der Zunge, die Quintessenz des Lebens, Süße und Bitternis. Füllung und Umhüllung.

„Noelle?!“

Raoul kommt auf mich zu. Ich sehe ihn einfach nur an.

„Du bist da“, sage ich, ohne überrascht zu sein.

Es ist eine Feststellung und keine Frage.

„Ja.“

Er schaut mich mit einem fragenden Blick an.

„Ich bin gekommen, um dir eine Frage zu stellen. Weiß du noch, was du mir am Anfang der Reise sagtest?“, frage ich.

„Man lebt nur einmal und man liebt nur einmal“, antwortet Raoul.

„Bist du immer noch dieser Ansicht?“

Raoul sieht mir tief in die Augen. Dann nimmt er meine Hand, legt sie auf seine Brust. Ich spüre seine warme Haut unter meinen Fingerspitzen und den Schlag seines Herzens, der in meinem Rhythmus schlägt.

„Als ich dich sah, wusste ich es. Ich liebte dich, mehr als ich jemals geliebt habe. Aber ich habe schon soviel Schmerz gesehen, soviel Leid erlebt, dass ich dir das ersparen wollte.“

„Und jetzt?“, flüstere ich ängstlich.

„Willst du mich, mit allen meinen Zweifeln, meiner Zerrissenheit und meiner Angst?“

Mein Herz setzt für einen Moment aus.

„Willst du mich mit all meiner Liebe?“, frage ich zurück.

Schweigend sehen wir uns an. Raoul hält immer noch meine Hand auf sein Herz gepresst. Ich fühle, dass sein Herz sich fast überschlägt.

„Mehr als alles, was ich mir je wünschte“, antwortet er.

Seine Lippen sind meinen ganz nah, und als er mich küsst, ist es genauso, wie ich es mir erträumt habe. Also werden Träume doch wahr.

„Komm, lass uns gehen“, sagt Raoul und lächelt.

„Wohin?“, frage ich.

„Ich weiß es nicht. Wenn wir da sind, werden wir es wissen.“

Ich muss lachen.

„Also bin ich nur angekommen, um wieder zu gehen?“

Raoul schüttelt den Kopf.

„Du bist gekommen, um zu finden. Deine Suche ist zu Ende. Du bist nicht mehr verloren, weil du gefunden wurdest und gefunden hast.“ Er lacht und küsst mich zärtlich. „Aber unsere Reise beginnt erst und es gibt soviel, das ich dir zeigen will, meine süße Noelle.“

Mein Herz macht einen Satz.

„Wo möchtest du zuerst hin?“, fragt Raoul.

„Zurück zum Meer“, antworte ich sofort.

„Dann schnell, der nächste Zug kommt gleich. Er wird uns ans Meer bringen.“

Raoul nimmt mich an die Hand, und als wir den Bahnsteig betreten, fährt gerade der nächste Zug ein.

 

„Bon Voyage!“

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