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Posts Tagged ‘Sicherheitskopie’

oder
wie man einen Schriftsteller in den Wahnsinn treibt

Seit vier Tagen scheiben – lesen – weiterschreiben – lesen – schreiben – roh korrigieren – Sätze/Absätze hin und her schieben – in den fertigen Text (der nach einem abgebrochenen NANO seit etwa 1 ½ Jahren auf seine Fortsetzung wartete) einfügen – 154 Seiten – ich nähere mich endlich der Schnittstelle, an der meine Geschichte vorläufig endete, und an der ich weiterschreiben will.

 

Es läuft! Der Flow! Daran zu erkennen, dass ich vor dem Einschlafen fünfmal (Minimum) das Licht wieder anschalte, um diesen ganz wichtigen Gedanken aufzuschreiben, und dann davon träume. Dass mir beim Putzen Plotlöcher auffallen und mir blitzartig in den Sinn kommt, warum meine Figur genau das tut, was sie tut und ich sofort an meinen PC stürze und mir drei neue Szenen notiere.

 

Bis gestern Abend. OMG! Plötzlich – ohne ersichtlichen Grund und Vorwarnung – machte mein Laptop ein nerviges Tutgeräusch und über meinem Text erschien ein kleines Feld, mit einem roten Punkt und weißem Kreuz, dazu die 5 Buchstaben des Bösen: ERROR! Und ehrlich? ERROR ist der HORROR!
In dem weißen Feld befand sich zwar auch der OK Button, mit dem man den Kasten zur Kenntnis nehmen kann und das X, um ihn zu schließen, aber ERROR ließ weder das eine noch das andere zu.

 

Eben noch bester Laune und voller Euphorie ob meiner effizienten Arbeit brach mir der Schweiß aus. Abwechselnd wurde mir heiß und kalt. Mein Herz raste – oder bliebt es gleich stehen? Im Kopf herrschte Chaos. Alle desaströsen Szenarien nahmen Gestalt an, ballten sich zu einer gigantischen schwarzen Wolke zusammen und lösten die totale Panik aus. Zu erkennen an: sinnloser Herumrennerei, diversen bizarren Schmerzenslauten, flehenden Stoßgebeten (Gott nein, Gott nein, … usw.), Kopf gegen den Türrahmen schlagen, beginnender Tränenproduktion und allen Arten physischen Schmerzes. Gott nein!

 

Auf die lapidare Frage des Computercracks unseres Haushalts: „Hast du eine Sicherheitskopie gemacht?“ erfolgte eine verbale Attacke mit der kurz zusammengefassten Aussage: „Mach ich immer! Seit damals!“

 

Ich habe so viele Sicherheitskopien, dass ich mich vor DVDs und USB-Sticks nicht retten kann – seit ich damals tatsächlich einen Text „verloren“ habe. Solche Schläge hinterlassen Narben auf der Seele, die nie richtig verheilen.

 

Kernproblem bei dieser ganzen Geschichte: Ich sah meinen Text, konnte aber nicht mehr an ihn herankommen. Nichts half. Das böse ERROR-Kästchen verhinderte jeden Zugriff. Bei der ganzen Mauschelei war die Textdatei, bis dahin auf meinem Desktop zu sehen, wie von Zauberhand verschwunden. Erwische ich den Mistkerl von Zauberer, ist er ein toter Mann!

 

Mein IT-Spezi versuchte inzwischen den Kasten des Teufels zu eliminieren und gab mir den Rat: „Bleib ruhig.“

Mein Adrenalinpegel schwang sich zu einer neuen Höchstmarke auf. Der Countdown, mich schreiend auf den Boden zu werfen lief: 10, 9, 8, 7, … Zero!

„Dein Arbeitsspeicher ist voll“, klärte mich mein PC-Manager auf.

Super! Und jetzt? Der blöde Kasten wollte sich, verdammte Axt, nicht schließen lassen. Ratloses Schweigen. Bis mein Spezialist die abscheulichsten Worte überhaupt laut aussprach:

„Ich mache einen Neustart.“

„Ist dann alles weg“, schrie ich. Der Totalausfall stand um Haaresbreite bevor.

„Kann sein“, lässiges Schulterzucken, „aber du hast doch den Text noch irgendwo.“

„Aber nicht den von eben! Nur den von gestern!“ Meine Hysterie nahm eine Form an, an der Freud seine Freude gehabt hätte. (Ja! Ich habe befriedigenden Sex. Alles klar, Sigmund?!)

„Also was soll ich machen?“, fragte Scotty und sah mich erwartungsvoll an. Schließlich wollte er nicht schuld sein, wenn das schwarze Loch den Text fraß.

„Mama, holst du mir ein Eis?“, fragte mein Kind liebenswürdig dazwischen.

„Nicht jetzt!“, schnauzte ich zurück. „Nachher vielleicht. – Dann mach es eben!“, gab ich zähneknirschend mein OK.

Scotty fuhr das System herunter. Der Bildschirm wurde dunkel.

„Ich brech zusammen! Das darf nicht wahr sein!“

Alles in mir verkrampfte sich. Ende! Aus! Verloren! Weg! Alles umsonst. Die vielen Stunden schreiben, der Flow – vergeblich! Heulen oder aus dem Fenster springen? Das System startete erneut.

„Die Datei ist es nicht?“, fragte der Spezi.

„Nein“, stöhnte ich, mit starrem Blick auf den Bildschirm.

„Und das ist deine Normdatei?“

„Siehst du doch!“, knurrte ich. Steht doch drunter!

Scotty klickte sie an, das Programm öffnete sich. In einer kleinen Spalte am linken Rand der Normdatei erschienen zwei separate Zeilen. Beide jeweils mit dem Titel des verlorenen Dokuments und der Info: Irgendwo, in den Weiten meines Laptop-Universums, schwebt eine Sicherungskopie herum, die man durch einen einfachen Klick aufrufen kann.

„Die Obere ist es!“, brüllte ich.

„Echt? Die eine ist von 18:58 Uhr und die andere von 20:59 Uhr“, las mein IT-Experte vor. Lesen kann ich auch!

„Die Obere! Die Obere!“

Wenn Scotty nicht SOFORT auf das richtige Dokument klickt, schubse ich ihn vom Stuhl und mach es selber.

Einen Klick später sehe ich meinen verschollenen Text auftauchen. In voller Länge! Selbst der Fehler, den ich vor einer Stunde verbessern wollte, bevor sich der Text aufhängte, ist noch da. Noch nie(!!!!) war ich so glücklich über einen Fehler.

„Jetzt habe ich mir aber auch ein Eis verdient“, kommentierte mein Spezi meine Wiedersehensfreude trocken. Also zog ich meine Schuhe an und besorgte Tiramisu – und Schokoladeneis.

Liebe Familie – sorry! Aber wenn es um den Text geht … kenn ich kein Pardon.

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