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Posts Tagged ‘Schreibtisch’

In der Nacht vom 30.8. auf den 31.8.2019, 2:33 Uhr habe ich das fertige Manuskript nach der ersten Überarbeitung  und zig Nachtschichten, an den Sternensand -Verlag gesendet. Die Deadline um 22 Stunden unterwandert.

Mein Roman in Zahlen:

Seiten: 777

Worte: 163166

Zeichen: 1.044.981 (mit Leerzeichen)

Nach der vorangegangenen Verlagskatastrophe, bei der immer noch kein Ergebnis erzielt wurde, habe ich echt gezweifelt. Schreiben ja. Einem Verlag anbieten? Aber was solls, Versuch macht klug. Und wenn sich gerade eine Chance bietet, dann muss man sie nutzen. Eine meiner Freundinnen hat ebenfalls ein Manuskript eingereicht und wir haben uns gegenseitig motiviert.

Nachdem ich das Manuskript abgeschickt hatte, habe ich in der selben Nacht alle Notizen, Bilder usw. vom Rechner geworfen und auf einer Festplatte gelagert. Alle handschriftlichen Notizen, Pläne und Fotos meiner Pinnwand habe ich hübsch in einem Ordner verstaut und ausgelagert. Meinen Schreibtisch habe ich geputzt und frei geräumt. Und meine Freundin, die mir schon seit Wochen in den Ohren liegt, hat endlich ihr Text-Manuskript zum Lesen bekommen.

Und nun ist er also erst einmal fertig der Vampirroman. Am nächsten Tag hatte ich plötzlich das Gefühl von Freiheit. Endlich Zeit für Neues. Endlich das Märchen zu Ende schreiben, Lilith zum x-ten Mal überarbeiten und endlich mal wieder was anderes Kreatives tun. Oder ohne schlechtes Gewissen einen Film schauen?

So viel zu der Idee. Stattdessen habe ich die Notizen für den nächsten Roman auspackt, die inzwischen schon einen beträchlichen Umfang erreicht haben – inclusive Steckbriefe, Pläne usw. Inwzischen habe ich die Steckbriefe schon aufgearbeitet, auch wenn sie noch nicht vollständig sind. An der Pinnwand hängen zwei neue Pläne und die erste Szenenfolge steht.

Nach dem Roman ist vor dem Roman. Ob ich will oder nicht. Dagegen ist kein Kraut gewachsen.

Liebe Grüße

Eure Caro

P.S.: Und wer weiß, vielleicht gibt es meinen Roman dann bald in Farbe und zum Anfassen.

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Der Wecker klingelt penetrant. Ich dreht mich um und blinzele an die Decke. Dorthin wirft der Wecker meines Liebsten die Uhrzeit. 6:10 Uhr. Mindestens zwanzig Minuten zu früh, aber wenn ich nun einmal wach bin, kann ich auch aufstehen. Ich rolle mich aus der „Koje“, schnappe meine Klamotten und gehe ins Bad. So entgehe ich immerhin dem morgendlichen Badgedränge der Familie. 🙂

Außerdem bekomme ich den ersten Kaffee und kann noch mindestens eine Stunde an meinem Roman schreiben. Das Klischee des nachtschwärmerischen Künstlers trifft auf mich leider nicht zu. Ich schreibe ich in der morgendlichen Stille. Besonders jetzt im Frühling, wenn durch die offenen Fenster die kühle Morgenluft hereinströmt und die Vögel zwitschern. Okay, wenn ich einen Roman schreibe kann ich nicht nur morgens schreiben, sonst würde ich mein Pensum nicht schaffen.

Ich muss mich zwischen meinen Jobs, Haushalt, Familie und Freunden organisieren. Da kann es schon mal vorkommen, dass ich nicht so aufmerksam bin, wie ich eigentlich sein möchte. Immerhin lebe ich in meinem Roman, mit den Figuren, bewege mich zwischen den Welten hin und her und bleibe des Öfteren in der Fantasiewelt hängen. Die vielen bunten Notizzettel auf meinem Schreibtisch sind ein sicheres Indiz dafür.

Da war es mir heute sehr recht, einen kleinen Ausflug nach Bad Homburg zum gotischen Haus zu machen.

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Meine Freundin kannte es noch nicht und ich konnte neben einem netten Gespräch, bei Kaffee und Kuchen, noch einen Museums Besuch machen und dabei ein bisschen Recherche betreiben. Dazu gehört zum Beispiel Equipment, dass im 19. Jahrhundert verwendet wurde.

Hier ein wunderschönes Cembalo.

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Mit diesen Lampen erhellten die Menschen damals ihre Wohnungen.

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Handlampe, mit denen man nachts durch die dunkle Stadt ging.

Ich nehme an, dass die reichen Leute einen Diener hatten, der sie trug und die Herrschaft begleitete.

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Für die „Dame von Welt“ gab es wunderschöne Hüte und ein Sommerkleid zu sehen.

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Und für den eleganten Herren verschiedene Zylinder.

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Es war also ein sehr entspannender und gleichzeitig spannender Besuch. Außerdem ist es allemal interessanter, als nur am PC zu recherchieren. In der Bewegung nach außen, bewegt sich auch das Innen. Bei genauer Betrachtung der Gegenstände und der geschichtsträchtigen Orte, stellt man erst fest, welchen Widrigkeiten die Menschen in anderen Jahrhunderten ausgesetzt waren.

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Durch diese Allee kam der Herzog vom Schloss in Bad Homburg zum gotischen Haus.

Nach diesem schönen Ausflug wird die riesige Handlampe, neben ein paar anderen Kleinigkeiten, auf jeden Fall in meinem Roman vorkommen!

Den Wecker habe ich für morgen früh absichtlich auf 6:30 gestellt 😉 .

PS.: Falls ihr einen Ausflug plant: Öffnungzeiten ab 14 Uhr bis 17 Uhr. Eintrittspreis 2 Euro für Erwachsene. Unbedingt Zeit für Kaffee und Kuchen einplanen. Lecker!

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Eigentlich hatte ich geplant, spätestens mit dreißig reich, seriös und gesetzestreu zu sein, doch die Umstände waren eindeutig gegen mich.

Jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt wird es besser, kam etwas dazwischen. Meine kranke Mutter, eine verhängnisvolle Liebschaft, ein unverschuldeter Unfall, unglückliche Zufälle usw. Ich weiß kaum, wo ich anfangen und aufhören soll. Eine Zeitlang zog ich in Erwägung, dass ich in einem früheren Leben ein schlechtes Karma auf mich gezogen hätte. Inzwischen habe ich akzeptiert, nichts so sicher ist, wie die Veränderung. Es scheint mein Schicksal zu sein, dass die Veränderungen nicht zu meinen Gunsten ausschlagen.

Damit ihr meine Situation besser verstehen könnt, möchte ich euch folgende Geschichte aus meinem bewegten Leben erzählen:

Vor einer Woche, es war ungewöhnlich ruhig und friedlich, ich saß an meinem Schreibtisch und wollte gerade eine Kaffeepause einschieben, als das Telefon klingelte.

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Im Labor

„Gut, dass du kommst“, Aaron hielt mir triumphierend ein kleines hellblaues Tütchen entgegen, „meine neuste Entdeckung.“

Er legte mir ein Papierstäbchen in die Hand, das aussah wie die kleinen Zuckertüten, die im Cafe immer neben dem Kaffee auf der Untertasse lagen. Ich drehte es hin und her, schüttelte es. Es raschelte.

„Und was soll das sein? Sag nicht Zuckertütchen. Die gibt es schon.“

Ich setzte mich auf den Drehstuhl vor Aarons Arbeitstisch. Fasziniert und mit besorgtem Interesse betrachtete ich seine Versuchsanordnungen. In den Destillierapparaten brodelte es und in Reagenzgläsern, Petrischalen und Glaskolben agierten merkwürdige Stoffe miteinander. Es wäre nicht das erste Mal, dass Aaron Substanzen miteinander mischte, die, nun sagen wir einmal, explosive Legierungen ergaben. In seinem Labor roch es immer merkwürdig. Diesmal lag ein Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln in der Luft.

Aaron sah mich mit strafendem Blick an und nahm mir das Tütchen aus der Hand, bevor ich es aufreißen konnte.

„Ich weiß, dass du mich für einen verrückten Wissenschaftler hältst, was ich vielleicht auch bin“, er hielt kurz inne. Ehe ich ihm meine Ansicht über ihn bestätigen konnte, fuhr er fort, „aber das es Zuckertütchen schon gibt, weiß ich selbst!“

Seine blauen Augen funkelten mich ärgerlich an und in meinem Bauch flog ein wilder Schwarm Schmetterlinge auf. Aaron würde nie merken, was ich für ihn empfand. Es schien außerhalb seines Horizonts zu liegen, dass ich in ihn verliebt sein könnte. Tatsächlich waren wir wie Tag und Nacht. Was unsere Zusammenarbeit schwierig, aber auch sehr erfolgreich machte.

„Also, was ist denn nun das Besondere?“

„Schneegestöber in Tüten.“

Aaron nahm eine kleine Kiste von seinem Schreibtisch und hielt sie mir vor die Nase.

„Ähm, wie bitte?“, ich musste mich verhört haben, „Schneegestöber in Tüten?“

Ich sah Aaron misstrauisch an und argwöhnte, er wollte mich auf den Arm nehmen.

„Nicht nur“, er grinste breit und hielt mir den Karton hin, in dem verschiedene bunte Papiertütchen lagen, „es gibt auch Nebel, Wind und Regen in verschiedener Stärke, Blitze, Donner, und eben Schneegestöber.“

„Das mag ja ein netter Party-Gag sein, aber wie soll uns das bei der Arbeit helfen.“

Wieder das ärgerliche Funkeln in seinem Blick und mein Herzschlag beschleunigte sich. Himmel, diese Augen!

„Party-Gag!“, er sah mich mit strafendem Blick an, „das lass nur meine Sorge sein! Du kennst mich inzwischen drei Jahre und vertraust mir immer noch nicht.“ Aaron stellte den Karton wieder zurück. „Apropos, bist du mit deiner Recherche weitergekommen?“

Er setzte sich hinter den Schreibtisch, lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte die Füße auf den Tisch. Das machte er selten. Aaron musste sehr zufrieden mit seiner neuen Entdeckung sein.

„Ja, bin ich. Der Gegenstand steht im Museum in Flensburg, in der stadtgeschichtlichen Ausstellung.“

Ich stand auf und ging zur Anrichte hinüber. Ich stellte eine Tasse unter den Kaffeeautomaten und wählte Milchkaffee.

„Bist du sicher?“, ein leiser Ton von Skepsis schwang in seiner Stimme mit.

Diesmal funkelte ich Aaron ärgerlich an. Hinter mir setzte sich die Kaffeemaschine in Gang und gab ein Zischen und Mahlen von sich.

„Wie sicher kann man sich sein? Reicht dir 99%?“

„99,999% wären mir lieber. Aber gut, wenn du meinst.“

Ich nahm die Kaffeetasse von der Maschine und setzte mich wieder. Durchatmen, nicht provozieren lassen, dachte ich.

„Eine Ferndiagnose zu stellen ist immer schwierig“, erwiderte ich so lässig, wie möglich, „deswegen fahre ich morgen früh nach Flensburg, um mich selbst von der Echtheit des Artefakts zu überzeugen“, und um Aaron zu ärgern fügte ich hinzu, „Oliver ist schon unterwegs und bereite alles vor.“

„Oliver?“, Aarons Gesichtsausdruck versteinerte sich, „du willst mit diesem Dilettanten zusammenarbeiten?“

„Von ihm stammt der Tipp. Ich finde, da hat er es verdient, dabei zu sein.“

Aaron stand auf, beugte sich über den Schreibtisch und sah mir tief in die Augen.

„Nur über meine kalte Leiche!“, sagte er und ich konnte die Wut in seiner Stimme hören, „das letzte Mal, als er dabei war, wärst du beinahe getötet worden. Das Risiko gehe ich nicht noch einmal ein! Ich begleite dich auf Schritt und Tritt.“

Ich öffnete den Mund, aber er hob den Finger.

„Keine Widerrede! Ich lasse dich keine Sekunde mit diesem Schwachkopf allein. Denk nicht mal daran!“

Ich schloss den Mund wieder. Tatsächlich wollte ich ihm nur sagen, dass ich mit seiner Begleitung sehr einverstanden war. Doch wenn er unbedingt an meinen Widerspruch glauben wollte, ich hinderte ihn nicht daran.

Oliver war noch neu in unserem Business und hatte wenig Erfahrung. Er war ein auffallend gutaussehender Mann und versuchte sich ausdauernd an mich heranzumachen, aber ganz wohl war mir in seiner Gegenwart, seit dem letzten gemeinsamen Auftrag, auch nicht mehr.

„Ich hole dich um acht Uhr ab.“

Ich musste lachen.

„Das tust du nicht! Ich fahre. Um acht Uhr vor deiner Haustür.“

„Du fährst wie ein Henker“, stellte Aaron fest und zog eine Braue hoch.

„Und du wie meine Großmutter!“, ich schüttelte den Kopf, „entweder auf meine Weise oder du musst mit dem Zug fahren.“

Aaron zögerte und für einen Moment dachte ich, er würde sich gegen die Autofahrt mit mir entscheiden, aber der Gedanke an Oliver und mich schien ihm wenig zu behagen.

„Gut, auf deinen Weise“, gab er nach, „ich muss noch einige Vorbereitungen treffen.“

Das war mein Zeichen.

„Dann lass ich dich mal machen“, ich grinste, „bis morgen.“

Beschwingt tänzelte ich aus Aarons Labor. Ich freute mich auf unseren Ausflug. Es war das erste Mal nach meinem Unfall.

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„Holen sie Harry. Sofort!“, brüllt Chief Morris und knallt die Zeitung auf den Tisch.

„Ja, Sir!“, Ben eilt davon.

Chief Morris lässt sich schweratmend auf seinen gepolsterten Stuhl fallen. Er zieht die unterste Schublade seines Schreibtisches auf, holt den Scotch heraus und ein Glas. Er gießt es fast bis unter den Rand voll, dann trinkt er es in einem Zug. Für einen Moment hält er inne, dann schüttelt er sich. – Verdammter Hundesohn, dieser Harry! Hat versprochen die Presse rauszuhalten. Und jetzt steht alles brühwarm auf der ersten Seite. Dem dreh ich den Hals um! – Es klopft.

„Herein!“

„Chief!“, Ben stößt unsanft einen kleinen dicken Mann ins Büro, „Harry Ellis.“

Chief Morris grinst und deutet auf einen unbequemen Holzstuhl vor seinem Schreibtisch.

„Setzen sie sich bitte, Harry“, sagt er gespielt höflich. Er legt die Hände, wie zum Gebet aneinander und beugt sich vor. „Sie und ich, Harry, werden nun ein Gespräch darüber führen, was es heißt Vereinbarungen einzuhalten!“

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Anthony schien sich auf die Fahne geschrieben zu haben, Rosalie zu unterhalten. Bis zur Testamentseröffnung am Nachmittag zeigte er ihr sämtliche Räume des Schlosses, einschließlich seiner Geschichten und Legenden. Einige kannte sie von ihrem Vater, andere waren ihr neu. Am meisten beeindruckte sie die Bibliothek von gigantischen Ausmaßen.

Rosalie hätte dort gerne mehr Zeit verbracht, aber Anthony war kein großer Bücherliebhaber und lotste sie beinahe im Laufschritt hindurch. Er interessierte sich eher für die unterirdischen Gänge des Hauses, die seit langem verschlossen und ihre Eingänge vergessen waren. Rosalie war der Überzeugung, dass es zwischen den Tausenden Büchern Lagepläne des Hauses geben musste, behielt ihre Meinung aber für sich.

Als sie nun in dem düsteren Arbeitszimmer ihres verstorbenen Großvaters vor dem großen Schreibtisch sitzt, gilt ihre ganze Neugier der Dame des Hauses, Lady Edna und dem neuen Herrn der Familie, Gilbert de Clare. Die beiden ließen sich beim Frühstück entschuldigen und vertrauten Anthony die Rolle des Gesellschafters bereitwillig an.

In der unangenehmen Stille, neben Lady Edna im steifen Witwenkostüm, das ihre faltige blasse Haut hervorhebt, und die sie keines Blickes würdigt, und unter den scharfen Blicken von Gilbert, der ihr gegenüber am Kamin steht, vermisst sie ihn beinahe. Rosalie hat kein ängstliches oder leicht zu beeinflussendes Wesen, aber sie bevorzugt im Allgemeinen die Gesellschaft fröhlicher Menschen.

Lady Ednas schrille Stimme zerreißt jäh die Stille und Rosalie zuckt unmerklich zusammen.

„Wo bleibt er denn nur? Unzuverlässig wie immer, dieser blutsaugende Winkeladvokat!“

Lady Edna stampft mit ihrem Stock auf den Fußboden. Rosalie bemerkt ein Lächeln auf Gils sonst so ernstem Gesicht, das sofort wieder verschwindet, als er ihrem Blick begegnet. Tatsächlich hat die Szene etwas sehr Skurriles an sich, das entging nicht einmal dem arroganten Gil. Rosalie fragt sich, ob Gil jemals Leidenschaft für eine Frau empfunden oder einer die Chance gegeben hat, sein Herz zu erobern.

So wie er dort steht, aufrecht beinahe steif, glatt und unnahbar, fällt es ihr schwer sich das vorzustellen. Andererseits hat Rosalie mit einem Mann ähnlichen Kalibers, eine der aufregendsten Liebesnächte ihres bisherigen Lebens erlebt, nachdem das Eis aufbrach und das Feuer daraus hervorsprudelte.

Gil beobachtet Rosalie aus den Augenwinkeln. Verdammt, denkt er, warum lächelt sie so geheimnisvoll und warum ist sie nur so unglaublich schön. Im Geist löst er ihr helles Haar und stellt sich vor, wie es über ihre nackten Schultern den Rücken hinabfällt. Bevor Gil weiter über Rosalies Vorzüge nachdenken kann, fliegt die Tür des Arbeitszimmers auf und besagter Winkeladvokat stolpert herein.

„Entschuldigen sie, Mylady, Mylord.“

Er nickt beiden Herrschaften diensteifrig zu und platziert seine abgegriffene Aktentasche auf dem Schreibtisch. Die Schnalle der Tasche löst sich und ein Stapel Papiere rutscht heraus.

„So, so, so“, der dickliche kleine Mann sammelt sie mit fahrigen Fingern wieder ein. Schweißtropfen bilden sich auf seiner Stirn, die er mit einem riesigen Taschentuch abtupft. Rosalie muss sich ein Lachen verkneifen. Die ganze Situation wird immer absonderlicher, geht es ihr durch den Kopf.

„Sie müssen Rosalie Graville sein“, inzwischen hat sich der Notar gefasst und blickt Rosalie über seine Brille hinweg an.

„Das ist richtig. Und sie müssen Mister Blythe sein.“

Sie streckt ihm die Hand entgegen, die er verlegen ergreift, ohne recht zu wissen, was er machen soll.

„Wie lange soll das dauern“, keift Lady Edna, „fangen sie an Blythe, wofür bezahlen wir sie!“

Rosalie befürchtet, die alte Dame könnte den Stock gegen den Notar erheben.

„Ja, nun“, stammelt Mister Blythe und lässt Rosalies Hand fallen, als hätte er sich die Finger verbrannt. Mit schuldbewusst gesenktem Kopf huscht er hinter den Schreibtisch. „Dann lassen sie uns anfangen.“

Mister Blythe setzt sich und versinkt beinahe in dem riesigen Ledersessel. Gils und Rosalies Blicke begegnen sich und in diesem winzigen Moment blitz etwas wie verstehen zwischen ihnen auf. Um nicht laut aufzulachen wendet sich Rosalie dem herrlichen Ausblick auf den Garten zu. Der Notar hat inzwischen das Testament aus dem Zettelgewirr herausgesucht.

„Darf ich um ihre geschätzte Aufmerksamkeit bitten“, Mister Blythe blickt von einem Anwesenden zum anderen. „Seine Lordschaft hat in seinem letzten Willen verfügt, dass Gilbert de Clare als nächstem Angehörigen, das gesamte Erbe, beweglich und unbeweglich, zufällt. Seine geliebte Frau Lady Edna wird natürlich bis zu ihrem Lebensende Wohnrecht in ihrem geliebten Zuhause erhalten und eine Apanage von 1000 Pfund im Jahr“, Mister Blythe macht eine kurze Atempause, wischt sich die Schweißtröpfchen von der Stirn. „Des Weiteren wird meine Enkeltochter Rosalie Graville, nach dem Tod Lady Ednas, das Familiengeschmeide der de Clares erben.“

„Unmöglich!“, Lady Edna springt erstaunlich agil aus ihrem Sessel auf, „dieses Bastardkind wird nicht meine Juwelen erben. Das ist unmöglich.“

Drohend schwingt sie den Stock und Rosalie überlegt, wie sie sich der alten Lady erwehren soll, als Gil ihren Arm nimmt und sie von Rosalie weg zieht.

„Bitte, Tante Edna, beruhige dich“, sagt er leise, aber bestimmt.

„Ich will mich nicht beruhigen! Das ist eine Schande, eine Schmach. Wie konnte er unser Familie das antun?!“

Rosalie hält es nicht mehr auf ihrem Platz. – Es reicht! Eine absolute Unverschämtheit! Der alte Lord macht einer jungen naiven Frau ein Kind und mein unschuldiger Vater muss noch, nach seinem Tod dafür büßen. – Kerzengrade geht sie auf Lady Edna zu. Gil wirft ihr einen warnenden Blick zu, aber es ist zu spät. Rosalie hat nicht vor, für Gils Seelenfrieden auf ihre Genugtuung zu verzichten.

„Ich kann ihnen sagen, warum!“, ihre Stimme ist ruhig, aber innerlich brodelt es in ihr, „weil er es meiner Familie zuerst angetan hat!“

Lady Edna klappt den Mund auf und wieder zu. Sie wirft Rosalie eisige Blicke zu, dann lässt sie sich von Gil hinausführen.

Mister Blythe sitzt eingesunken hinter dem Schreibtisch und tupft sich erneut die Stirn ab. Er hat einen Eklat befürchtet und ist froh, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. Rosalie wendet sich an den Anwalt. Die schöne junge Frau, die sich vor dem Schreibtisch aufbaut und ihn scharf ansieht macht ihn nervös. Unkontrolliert beginnen seine Lider zu zucken.

„Mister Blythe, bitte erklären sie mir diese Farce!“ Rosalie stützt sich mit den Händen ab und beugt sich vor, „ich komme doch nicht den weiten Weg aus London hier her, um mir Frechheiten gefallen zu lassen – für ein paar Juwelen. Das interessiert mich nicht!“

„Was interessiert sie dann?“

Gil ist lautlos ins Arbeitszimmer zurückgekehrt. Seine Stimme ist zwar kühl, lässt aber auch Interesse erkennen. Rosalie ist versucht ihm eine Antwort zu geben, überlegt es sich dann aber anders.

„Ich glaube kaum, dass sie das verstehen werden.“

Ihre blauen Augen funkeln zornig. Sie strafft die Schultern und geht ohne ein weiteres Wort hinaus.

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Der Schreibtisch steht im Erker. Von dort hat man einen guten Blick auf den Garten, der leicht verwildert, doch einer gewissen Ordnung folgt. Auf den Fensterbrettern liegen kleine Andenken. Eine getrocknete Rose, eine Druse, ein Schneckenhaus und eine große Muschel, eine Kiste in der Postkarten und Briefe gesammelt werden. Einige Bilder, die eine ältere Frau und kleines Mädchen zeigen, außerdem ein Bild eines Paares und Bild von einem Mädchen und einem Jungen beim Angeln.

Das Bett ist gemacht. Auf einem Stuhl liegen verschiedene Kleidungsstücke, darunter stehen zwei Paar Turnschuhe. Neben dem Schreibtisch steht ein Papierkorb und eine Tüte in der Altpapier gesammelt wird. Auf dem Schreibtisch steht ein Laptop, eine Tasse in der Kaffee gewesen ist und eine Flasche Wasser.

An einer Seite des Zimmers stehen Bücherregale. Die Bücher sind geordnet nach Genre. In einem Regal stehen nur Sachbücher. Davor stehen Gefäße mit Stiften, eine Stabtaschenlampe, eine Schneekugel, eine Spieluhr, eine Metallkiste mit kleinen Zangen, Schraubenziehern und diversen Schrauben, Nägeln.

Es gibt einen Kleiderschrank, nicht besonders groß, darauf bunte Kisten. Im Kleiderschrank ist eine Ordnung zu erkennen, allerdings sind Unterwäsche und Socken einfach in die Schubladen gestopft.

Neben dem Kleiderschrank stehen Reitstiefel, die glänzend geputzt sind. Außerdem eine Staffelei, die verstaubt ist. An der Wand über dem Bett hängt ein gerahmtes Poster, dass den Blick über die Dächer von Paris zeigt, in schwarz-weiß.

Auf dem Nachttischchen steht eine Kiste mit Schmuck und eine moderne Lampe, entgegen den eher antiken Möbeln. Außerdem mehrere Bücher auf einem Stapel. Scott Fitzgeralds Erzählungen, ein Gedichtband von Hilde Domin, Sigmund Freuds der dunkle Kontinent, C.G.Jungs Traumdeutung.

Der Fußboden besteht aus Holzdielen, auf denen es keine Teppiche gibt. An der Tür sind Haken angebracht, an denen Jacken und Tücher hängen.

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„Es handelt sich um eine wahre Geschichte, die zufälligerweise nicht passiert ist.“

Jeanne schlug die Arme übereinander und blickte Mellie mit düsterem Blick an.

„Ich bitte dich! Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?“

Mellie gab Jeanne das Gedicht zurück. Es kostete Jeanne unglaubliche Mühe nicht wie ein trotziges Kind mit dem Fuß aufzustampfen und in Tränen auszubrechen. Nicht nur, dass sie in diesem furchtbaren Internat festsaß, nein, sie hatte dermaßen fantasielose Mitinsassen, dass ihr graute.

„Du verstehst überhaupt nichts!“, erwiderte Jeanne lauter als beabsichtigt, „das Leben schreibt die Kunst und die Kunst das Leben. Wäre in deinem Kopf etwas weniger Vernunft und etwas mehr Fantasie, hättest du mir diese Frage nie gestellt!“

Mellie erhob sich und trat zum Fenster. Die beiden ungleichen Mädchen schwiegen. Die eine wütend, weil sie sich missverstanden fühlte, die andere weil sie nach dem Körnchen Wahrheit in der Behauptung ihrer Zimmergenossin suchte.

„Beweise es.“

Mellies ruhige Stimme durchbrach die Stille. Jeanne sah auf. Mellie blickte immer noch aus dem Fenster. Die untergehende Sonne färbte den Himmel in alle Schattierungen der Rotpalette. Jeanne hatte an diesem Abend keinen Blick für die Schönheit der Natur.

„Was beweisen?“, fragte sie verwirrt.

„Das die Kunst das Leben schreibt.“

Mellie drehte sich um und sah Jeanne mit merkwürdig fiebrigem Blick an. – Das passt gar nicht zu ihr, dachte Jeanne, als wäre sie in einer Art Trance. –

„Und wie stellst du dir das vor?“, fragte sie wachsam.

„So wie es Wissenschaftler machen: in einem Feldversuch. Ich stelle die Versuchsanordnung auf und du schreibst die Veränderungen, die geschehen sollen. Immer nur in Teilstücken natürlich und ich habe das letzte Wort darüber. Ich werde sie lesen, dann werden wir sie auf einem Altar opfern und sehen was passiert.“

Jeanne sah Mellie mit mitleidigem Blick an.

„Bist du verrückt? Brauchst du Hilfe?“

Jeanne hätte sich nicht gewundert. Lange konnte es ein hungriger Geist in dieser freud – und lieblosen Umgebung nicht aushalten, ohne psychische Anomalitäten zu entwickeln. Mellie lachte laut auf und warf den Kopf mit dem dunklen Locken in den Nacken.

„Ich war selten so klar“, sie kam auf Jeanne zu und blickte sie herausfordernd an, „also, machst du es?!“
Jeanne nickte ergeben.

„Na gut. Wann geht`s los?“

„Morgen früh.“

Mellie wandte sich ab, setzte sich an ihren Schreibtisch und zog einen Stapel Papier aus einer Schublade. Einen Moment zögerte sie, dann brachte sie die ersten Zeilen zu Papier. Jeanne beobachte sie mit wachsender Spannung. Ihre Behauptung über die Kunst schien einen verschlossenen Bereich in Mellies Persönlichkeit freigesetzt zu haben. Ein unbestimmtes flaues Gefühl breitete sich in Jeannes Körper aus. – Warum musste ich so anmaßend sein, ihr mein vermeintliches Talent zu beweisen, dachte sie und knetete nervös ihre Finger, naja, was kann sie sich schon Besonderes wünschen? –

Der Satz stammt aus dem Buch: Das verflixte Dolce Vita, von Rosalind Erskine.

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Ich glaub ich träume!

Warum denken die Leute eigentlich, dass der Vollmond unseren Schlaf beeinträchtigt, denke ich und drehe mich von rechts nach links und wieder zurück.

„Weil es wohl so ist“, seufze ich und schlage die Bettdecke zurück. Eddy, mein Kater, schaut kurz auf und ich sage zu ihm, „aber vermutlich ist es der Kaffee. Ich hätte so spät keinen mehr trinken sollen.“

Eddy schließt die Augen wieder. Nicht zu ändern. Es ist zu spät. Ich bin hellwach. Silberne Lichtstraßen erhellen mein Schlafzimmer. Ein riesiger Mond hängt über meiner kleinen Stadt. Wenn er jetzt herunterfallen würde, wären alle Häuser platt. Oder vielleicht könnte ich ihn auch berühren, wenn ich keine Höhenangst hätte und auf`s Hausdach steigen würde?

„Blödsinn“, murmele ich vor mich hin. Eddy rührt sich nicht. „Ich mit meinen komischen Gedanken!“

Ich gehe in die Küche und hole mir ein Glas Wasser. Statt wieder ins Bett zu gehen, biege ich in mein Schreibzimmer ab. Mein Gedankenkarussell hat längst Fahrt aufgenommen. Wenn ich die Ideen gleich in den PC schreibe, kann ich sie morgens wenigstens noch lesen, anstelle der Hieroglyphen in meinem Notizbuch.

Auch in mein Schreibzimmer fällt das Licht des Frühlingsvollmondes. Ich kann alles klar erkennen. Die Bücherregale, meinen Schreibtisch und den PC, die Orchideen und die Figur auf der Fensterbank und – ich traue meinen Augen nicht – den Drachen. Er ist ziemlich klein. Etwa von der Größe eines Meerschweinchens. Aber geschuppt, mit Schwanz, Flügeln und Reptilienkopf, so wie ich mir einen Drachen vorstelle.

Was für ein Quatsch! Ich träume. Ich zwicke mich in die Wange. Aua, das tut weh. Ich kneife die Augen für einen Moment fest zusammen. Als ich sie wieder öffne, ist der Drache weg. Erleichtert atme ich auf. Nur Vollmond-Schriftsteller-Fantasien. Aber die Idee mit dem Drachen gefällt mir. Ich schalte meine Schreibtischlampe an und fahre den PC hoch. Ich öffne eine Datei, speichere sie unter „Notizen“ und schreibe:

„Haben sie zufällig meinen Drachen gesehen?“

Hm, habe ich das gerade jemand sagen hören? Nicht umdrehen, sagt die innere Stimme zu mir, alles nur Einbildung oder lieber doch umdrehen und der Gefahr ins Auge sehen? Langsam drehe ich mich um. Vor mir steht ein Mann in Klamotten, die an Steampunk erinnern, und schaut mich interessiert an.

„Was ist das für eine Maschine?“ Er deutet auf meinen PC.

„Ein Computer“, stottere ich.

„Aha“, sagt er, als wüsste er, was ich damit meine, „haben sie meinen Drachen gesehen?“

„Etwa so groß?“

Ich deute die Größe mit den Händen an, ohne meinen Blick von dem Fremden abzuwenden. Was ist hier los? Rotiert die Frage in einer endlos Schleife durch meinen Kopf.

„Da ist er ja“, der Mann kommt auf mich zu.

Ich rühre mich nicht von der Stelle, nehme aber aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Ehe ich etwas tun kann, sitzt der Mini-Drache auf meinem Schoss und gibt wohlige Töne von sich, die an Eddys Schnurren erinnern. Instinktiv will ich ihn kraulen.

„Halt“, warnt mich der Mann, „er beißt Fremde.“

Ich sehe auf den Drachen herunter. Er dreht mir den Hals zu, und mit zwei Fingern streiche ich über die weiche Innenseite des Halses. Der Drache gibt leise wohlige Quiecklaute von sich.

„Scheint ihm zu gefallen“, stelle ich fest.

„Interessant“, sagt er und betrachte mich prüfend.

Interessant finde ich diese Situation auch, bin mir aber nicht sicher in welcher Richtung. Die gute oder die schlechte.

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Der Bus hielt. Sandra griff nach den Krücken und hievte sich von ihrem Sitzplatz hoch. Jemand stieß sie an. Sandra wankte und wäre beinahe hingefallen, hätten sie nicht zwei starke Arme aufgefangen.

„Hey, passen sie doch auf“, rief der Mann dem Rempelrowdy hinterher, „sie hätten die junge Frau beinahe umgestoßen.“

Der Junge drehte sich kurz um, zeigte den Stinkefinger und ging weiter.

„Ich würde beinahe sagen, die Jugend von heute, wenn ich nicht selber dazugehören würde“, sagte Sandra.

Ihr Retter lachte.

„Zum Glück sind nicht alle so gleichgültig.“

Sandra nickte.

„Eigentlich bin ich selbst schuld. Normalerweise würde ich um diese Uhrzeit nicht Bus fahren. Schon gar nicht in meinem angeschlagenen Zustand. Aber ich habe ein Vorstellungsgespräch. Das kann ich auf keinen Fall sausen lassen.“

Der Mann lächelte. Er erinnerte Sandra an ihren Vater. Dunkles Haar, graue Schläfen. Er trug Anzug, sah aus wie ein Bänker oder Versicherungsmann.

„Dann wünsche ich ihnen alles Gute!“

„Vielen Dank und Danke für ihre Hilfe“, sie rückte ihren Rucksack mit der Bewerbungsmappe zurecht und wendete sich dem imposanten Büroklotz zu, „wenn ich den Job kriege und wir uns wiedersehen, lade ich sie zu einem Kaffee ein.“

„Wie wäre es mit Tee?“

„Auch das“, Sandra grinste.

Er winkte einen Gruß zum Abschied und entschwand in die entgegengesetzte Richtung. Sandra gab sich einen Ruck und stelzte auf den Eingang des Hochhauses zu. Es gefiel ihr in keiner Weise in diesem lädierten Aufzug bei dem Firmenchef eines Megakonzerns aufzutauchen, aber mit einem gebrochenen Bein konnte sie nicht wirklich Businessmäßig aussehen.

Sandra hatte den Eingang beinahe erreicht, die warme Luft aus dem Foyer drang ihr schon entgegen, als sie ein nervöses Gebell neben sich hörte (Übersetzung: Hey, du, ich brauche einen Türöffner!). Sie drehte den Kopf und da stand er. Glänzendes brauner Fell, kurze Beine, lange Ohren mit einem roten Lederhalsband und einem Herz daran. Sandra liebte Hunde und ehe sie wusste, was sie tat, sagte sie:

„Na, du Süßer, wo gehörst du denn hin?“

Als Antwort auf die Frage kläffte er kurz (Übersetzung: „Jedenfalls nicht hier her!“). Sandra übersetzte:

„Du weißt nicht, wo dein Herrchen ist?“

Sandra sah sich nach einem Hundehalter um. Aber die Leute liefen vorbei, in Gedanken versunken, vermutlich schon halb im Büro. Keiner sah wie ein potenzieller Dackelbesitzer aus. Dafür rückte dieser ein Stück näher. Sandra balancierte zu ihm herunter und streichelte sein glänzendes Fell. Das gefiel ihm außerordentlich und er erwählte Sandra zu seiner Begleiterin. Der Dackel blieb ihr dicht auf den Fersen, als sie sich anschickte das Foyer zu betreten.

„Nein, das geht nicht“, flüsterte Sandra dem Dackel zu und erntete einen finsteren Blick von einem Security-Mann in Bodybuilderformat, Glatze und Schlagstock inbegriffen.

„Der Hund muss draußen bleiben!“, knurrte er.

Der Dackel ebenfalls. (Übersetzung: „Ich denk ja gar nicht dran! Ätsch!“)

„Ich weiß, das“, sagte Sandra, „aber er nicht!“

„Binden sie ihn draußen an!“

Sein Ton verschärfte sich und er kam näher, baute sich in voller Größe vor Sandra auf. Der Dackel trippelte zwischen Sandra und den Mann in Uniform und gab ein ungnädiges Wuffen von sich. (Übersetzung: „Lass meine Gesellschafterin in Ruhe! Sonst … .“)

„Wollen sie mir drohen? Mein Freund ist bei der Presse“, log Sandra, „soll morgen in der Zeitung stehen, Security des stadtgrößten Konzerns schlägt Behinderte?“

Irritiert sah er sie an. Sandra konnte sehen, wie hinter seiner hohen Stirn die Gedanken schwerfällig auf und ab schwappten. Er kam ihr wie eine menschliche Lavalampe vor. Blubb, Blubb, Blubb.

„Ist das eine Fangfrage oder was?“, versuchte er Zeit zugewinnen.

Sein Meister-Propper-Gesicht war inzwischen purpurrot. – Ob er platzt, wenn man eine Nadel in seine Wange sticht, überlegte Sandra. – Wütend über ihre Weigerung seinem Befehl zu folgen, tippte er Sandra mit spitzen Fingern fest gegen die Schulter.

Sandra wackelte, verlor eine Krücke, der Dackel-Guard kläffte einmal scharf (Übersetzung: „Jetzt reicht`s!“), und warf sich mit aller Kraft gegen den Feind. Er sprang hoch und schnappte nach dem Unterarm des Securitymannes. Sofort setzte Gebrüll ein. Der Muskelmann wirbelte herum und versuchte den Dackel abzuschütteln. Doch der Hund hielt fest und die scharfen Zähne bohrten sich weiter in sein Fleisch, je energischer er ihn entfernen wollte.

„Verstärkung! Sanitäter!“, schrie er.

Eine kleine Menschenmenge hatte sich um das turbulente Trio versammelt. Doch niemand kam dem Muskelprotz zu Hilfe. Einige machten Handyfotos oder nahmen die Dramödie auf. – Das kann ich mir sicher nachher auf YouTube ansehen. – Sandra nutzte die Gelegenheit und humpelte dem Aufzug zu. Was hatte die Sekretärin am Telefon gesagt? 26te Etage?

Vor dem Eingang ertönte ein nerviges Blaulicht. Endlich trafen die Sanitäter ein, die der Rezeptionist gerufen hatte.

„Würden sie bitte Platz machen“, riefen die beiden Jungs vom Roten Kreuz und versuchten sich einen Weg zu dem Opfer zu bahnen.

Die Türen des Lifts öffneten sich. Sandra trat ein. Sie drückte mit dem Fuß der Krücke auf die 26. In diesem Moment ließ der Dackel von dem Security-Mann ab. Er flog ein Stück durch die Luft, fiel, rappelte sich hoch, hoppelte in den Lift und setzte sich siegesgewiss neben Sandra.

„Hey, sie“, brüllte der Wachmann den Flüchtigen hinterher, „sofort stehen bleiben.“

Er wollte hinter her, aber die beiden Sanis hielten ihn fest. Sandra schwenkte eine Krücke, die Türen schlossen sich. Mit leisem Summen setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung. Sandra sah sich und den Dackel in den Spiegeln des Lifts und musste grinsen.

„Na, Dackelito, dem haben wir es aber gezeigt.“

Der Lift hielt im siebten Stockwerk. Zwei Männer stiegen zu. Interessiert betrachten sie Sandra und den Hund, die ihrerseits die beiden Neuankömmlinge musterten. Der Kleinere, dunkle Haare, drei-Tage-Bart stieß seinen Begleiter an. Sie grinsten.

„Das ist aber ein kleiner Behinderten-Hund“, sagte der große Blonde mit den himmelblauen Augen.

„Ich habe ja auch nur eine kleine Behinderung“, erwiderte Sandra und grinste zurück.

Das werteten die beiden Herren als Startschuss zum Flirten.

„Wo soll es denn hingehen?“, fragte der Dunkelhaarige.

„In die sechsundzwanzig. Vorstellungsgespräch.“

Die beiden warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu.

„Oh, dann viel Glück.“

„Das hört sich nicht besonders ermutigend an.“

„Nur nicht ins Boxhorn jagen lassen, sie haben doch ihre Bulldogge dabei“, sagte der große Blonde.

Dackelito fühlte sich angesprochen und kläffte. (Übersetzung: „Ich nehm es mit jedem auf!“). Ein Piepton erklang. Der Kleine zog sein Smartphone aus der Tasche, schaute aufs Display und lachte.

„Lass mal sehen“, der Blonde nahm ihm das Handy aus der Hand und sah schmunzelnd auf den Minibildschirm, „Sie sind der Star des Hauses.“

Er hielt Sandra das Handy hin. Es zeigte einen Schnappschuss von Meister Proper, der wutschnaubend versuchte den Dackel loszuwerden.

„Oh, Oh“, sagte Sandra.

Der Lift hielt in der 24. Die beiden verabschiedeten sich von Sandra und wünschten ihr Glück. Bevor die Türen zu gingen, kam der Blonde zurück, stellte sich auf die Kontaktschwelle und strahlte Sandra an.

„Vielleicht rufen sie mich an und wir feiern. Im schlimmsten Fall weinen sie sich an meiner Schulter aus.“

Bevor Sandra antworten konnte, drückte er ihr seine Visitenkarte in die Hand, hauchte verwegen einen Kuss auf ihre Wange und eilte seinem Kollegen hinterher. Dackelito kratzte sich mit der Hinterpfote hinter den langen Ohren. (Übersetzung: „Na so was.“)

„Na so was!“, Sandra war platt, „ganz schön frech.“

Ein verklärtes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Wieder hielt der Lift. Diesmal auf der 26. Die Türen glitten auf. Sandra blickte auf eine riesige Uhr, Marke Hauptbahnhof, über einem sterilen Tresen, auf dem eine weiße Orchidee blühte. Sie war pünktlich, hatte sogar noch zehn Minuten Zeit. – Ob die Orchidee echt ist, überlegte Sandra, könnte sein. – Die ältere Dame hinter dem Tresen musterte sie streng.

„Setzen sie sich. Herr Bernhard empfängt sie gleich“, sagte sie mit schnarrender Stimme.

– Was für eine schlechtgelaunte alte Schachtel! – Sandra ließ sich gegenüber auf der weißen Plastikbank mit den verchromten Füßen nieder. Dackelito benahm sich tadellos. Er sprang neben Sandra auf den Sitz, sah sich interessiert um und machte keinen Mucks. – Als würde er zum Vorstellungsgespräch gehen. – Bei dem Versuch ihre Krücken zu sichern, rutschten sie weg und fielen geräuschvoll zu Boden.

Der strafende Blick der Empfangsdame verursachte Sandra Unbehagen. – Und sie hat nicht mal den Hund gesehen. Wer weiß, was dann los ist. Durchziehen oder gleich wieder gehen? – Sandra hatte sich geschworen nie wieder in einer Firma zu arbeiten, in der schlechte Schwingungen herrschten. Weiteres Grübeln erübrigte sich. Sie hörte eine sonore Männerstimme:

„Die Nächste!“

Die Empfangsdame bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung – Mädchen steh auf, beweg dich. – Sandra brachte sich wieder in den aufrechten Stand. – Die hat mich schon abgeschrieben. Ich bin nicht mal eine paar Worte wert. – Eine Dame im eleganten Kostümchen rauschte hocherhobenen Hauptes an ihr vorbei, Richtung Fahrstuhl. Sie würdigte Sandra und den Empfangsdrachen keines Blickes. Dackelito sprang von der Bank.

„Bleib lieber hier“, raunte Sandra ihm zu, „wenn dich der Drache sieht, bist du dran. Die kann Feuerspucken.“

Dackelito legte den Kopf schief und sah Sandra aus seinen tiefbraunen Augen an. (Übersetzung: „Ich glaube, du verstehst da was falsch.“) Dann schoss er wie ein Blitz davon, um die Ecke des Tresens, in die Richtung aus der die Stimme gekommen war. Sandra schüttelte den Kopf und seufzte. Dann setzte sie sich in Bewegung. – Jetzt ist es eh schon egal. – Sandra musste ihre ganze Finesse aufbringen, um die schwere Glastür, trotz ihres Handicaps, zu öffnen. Herr Bernhard, im eleganten dunklen Anzug, stand nur da und warf ihr einen finsteren Blick zu.

„Tut mir leid“, erklärte Sandra, „nächste Woche bin ich wieder fit. Dann ist der Gips weg.“

Er murmelte etwas vor sich hin, das Sandra nicht verstand. Sie erblickte Dackelito. Der saß aufrecht und stolz, wie Bolle, auf dem großen Ledersessel hinter dem Schreibtisch. Trotz der Spannung im Raum, konnte Sandra ein Lachen nur mit Mühe unterdrücken.

„Komm darunter“, mahnte sie den Hund.

„Das wird er nicht tun“, stellte Herr Bernhard trocken fest.

„Warum nicht?“, fragte Sandra.

„Heiner sitzt immer da, wenn er im Büro ist.“

„Heiner!“, stieß Sandra hervor.

Sie kniff die Lippen zusammen, biss sich auf die Zunge, um nicht laut loszuprusten. Der Hund sprang vom Chefsessel herunter. Er setzte sich neben Sandra und schaute mit Unschuldsblick zu ihr auf. (Übersetzung: „Ich bin der liebste Hund der ganzen Welt!“)

„Eine Idee meiner Tochter“, klärte Herr Bernhard Sandra auf und schmunzelte. „Sie hat ihn mir geschenkt, damit ich Gesellschaft habe.“

Ehe er weitersprechen konnte, stürzte Herr Security herein und wollte sich mit einem Hechtsprung auf Heiner stürzen. Sandra hob die Krücke und traf direkt auf seine Brust. Er prallte ab und sie zurück. Herr Bernhard hatte gute Reflexe und fing die strauchelnde Sandra auf. Heiner sprang mit heiserem Bellen (Übersetzung: Ha! Blödmann! Mich kriegst du nicht.“) um den Wachmann herum, der nicht so viel Glück hatte. – Er hätte die beiden Rot-Kreuz-Jungs gleich mit bringen sollen -dachte Sandra schadenfroh, als sie sah, dass er nicht mehr aufstehen konnte.

„Mein Bein“, jammerte er.

Heiner kläffte lauter. (Übersetzung: Rühr dich ja nicht! Ich kann auch anders!) – Wie viel Tohuwabohu so ein kleines Tier doch anrichten kann. –

„Ruhe!“, rief Herr Bernhard.

Sofort wurde Heiner still und setzte sich ganz brav neben Sandra.

„Was soll denn das Theater“, fuhr er den Wachmann an, „können sie nicht klopfen?!“

„Aber der Hund …“ nölte der Gefallene.

„Gehört mir!“

Herr Bernhard rief die Sanitäter. Diesmal erreichten sie den Ort des Geschehens schneller. Sie waren gerade erst einen Block weit weg, als sie den Notruf erhielten.
Als es endlich wieder still im Büro geworden war, sah Herr Bernhard Sandra mit prüfendem Blick an, dann sagte er wohlwollend:

„Sie haben den Job.“

„Danke …“

Herr Bernhard unterbrach Sandra energisch.

„Unter einer Bedingung!“

Sandra sah ihn erwartungsvoll an.

„Sie kümmern sich darum, dass der Hund genug Auslauf hat und meine Security-Leute nicht zu Kleinholz verarbeitet. Dafür dürfen sie sich während der Arbeitszeit jederzeit freinehmen.“

Sandra nickte begeistert. – Toller Job. – Heiner wuffte kurz. (Übersetzung: „Tolle Betreuerin.“)

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