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Posts Tagged ‘Schokolade’

Mein Protagonist rennt verzweifel „herum“ – wo genau muss ich noch klären – und plagt sich mit immer stärker werdendem Durst auf Blut. Es kratzt ihm die Schädeldecke wund, weil er weiß, ich darf nicht – eigentlich, aber ich brauche es – eigentlich.

Der Autor, in dem Falle ich, schleicht um den Charakter „herum“ – beinahe ebenso verzweifelt, wie er selbst. Ich will, dass die Szene eindringlich wird. Er ist angefixt und kann nicht anders, als es zu wollen. Jede Faser seines Körpers giert danach. Tatsächlich habe ich noch nie geraucht, irgendwelche Drogen genommen oä. Wenn man den Japp auf Schokolade, als Drogensucht ausschließt, kenne ich Sucht nicht. Ok, das Gedankenkreisen kenne ich – und eine Unzufriedenheit, wenn ich etwas will und weiß, das geht gerade nicht. Aber das Craving einer Sucht kenne ich nicht (zum Glück). Es wird also meine ganze Vorstellungskraft und meine Leseerfahrung mit „Der Haschisch-Esser“ und „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“ gefragt.

Bei meiner Schleicherei ist mir aufgefallen, dass einer meiner Schlüsselcharaktere gerade etwas zu kurz kommt – also muss ich nachsehen, wo er abgeblieben ist. Wie ich ihn kenne, sitzt er irgendwo im Halbdunkel und wartet darauf, dass Anna ihn besucht und ihm eine neue Geschichte vorliest. Vielleicht liest er auch ein paar Zeilen eines Gedichts. Sehr langsam und bedächtig, zergeht ihm jedes Wort auf der Zunge, wie Honig.

Um mein Gehirn während der Pause im Stoff zu halten, habe ich in einem Lexikon zur Vampirliteratur gelesen. Dabei stieß ich auf ein lustiges Gimmick:

„Spooky Activity Box“ von Michael O`Mara Books London. Das Design stammt von Lone Morton und nannte sich in Deutschland: „Mein schaurig schöner Gruselkoffer“.

grusel

Darin befinden sich:

1 schwarze Plastikspinne

1 furchteinflössendes Vampirgebiss

1 Fledermausmaske

1 Werwolfmaske

1 siebenteiliges Skelett zum Zusammensetzen

Dazu gibt es ein Buch mit Gruselgeschichten und Grusel-Feten-Tipps. Mein Favorit ist der Vampir-Trunk, auch wenn meinem Protagonisten damit leider nicht geholfen ist:

600ml verdünnter schwarzer Johannesbeersirup

600ml Orangensaft

600ml Limonade

1-2 Becher roter Wackelpudding

geschälte Weintrauben

(außerdem sollen dem Trunk Spinnen, Schlangen, und anderes Getier aus Plastik (???) (nicht zu klein, sonst Gefahr des Verschluckens!) zugefügt werden.

Falls jemand diesen „Wahnsinns-Cocktail“ tatsächlich ausprobieren möchte, tendiere ich zu Weingummi-Tieren.

Prost! Oder kennt jemand den original Vampirspruch für solche Anlässe? Gut Biss!?

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Das unerlaubte Vergnügen macht Spaß.

Aber – ich hörte dieses kleine gemeine Wort in dem Moment, in dem ich die Tafel Schokolade aufriss – es hat Konsequenzen. Entweder landet es auf den Hüften oder es hat schlimmere Auswirkungen. Vielleicht nicht das Stückchen Schokolade, aber eine heimliche Liebschaft. Ich betrachtete die Tafel Schokolade. Das Wasser lief mir im Mund zusammen. Ich konnte den samtig-süßen Geschmack beinahe auf der Zunge spüren. Beißen oder nicht, das war die Frage. Ich brach einen Streifen ab, verpackte den Rest und verspeiste die vier Stückchen Schokolade. Lieber ein kleines unerlaubtes Vergnügen, als keins, dachte ich.

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Hausarrest, Mondlicht, Musik, Schokolade

Mondlicht scheint in mein Zimmer. Ich sitze auf dem Fensterbrett und schaue hinaus in den Garten. Musik dringt durch das offene Fenster zu mir herein. Die Party ist in vollem Gange und ich habe Hausarrest. Schon seit drei Tagen. Ich komme mir vor wie Cinderella, nur dass keine gute Fee erscheinen wird und mich von meinem Leiden befreien wird. Mein Herz blutet. Das Loch lässt sich auch nicht mit Schokolade stopfen. Ich werfe die Tafel aus dem Fenster.

Er ist dort. Jean. Darum bin ich hier. Er hat um meine Hand angehalten. Aber ich bin nur die andere. Das Anhängsel, dass allen Probleme bereitet. Jean war für Samantha vorgesehen und nicht für mich. Ich versuche die Tränen herunterzuschlucken. Ich muss dieses Haus verlassen, koste es was es wolle.

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Eine Sache ging ihr immer wieder durch den Sinn. Wie um alles in der Welt sollte sie an die Schokolade kommen, die sie im Schaufenster liegen sah? Sie stand schon mindestens zehn Minuten vor dem Schaufenster und starrte wie versteinert auf eine haselnussbraune Tafel Schokolade, die wie eine überdimensionale Münze geformt war.
Ihre Arme, die bisher nur schlaff herunterhingen, bewegten sich langsam nach oben. Zwei Hände patschten auf das Glas und ein Kopf, dessen Augen immer größer wurden, näherte sich der Scheibe. Noch konnte sie sich zurückhalten, doch schon bald verlor sie die Beherrschung drückte ihr rundes Gesicht immer fester gegen die Scheibe. Stirn, Nase und Mund bildeten eine senkrechte Linie, Speichel floss ihr aus dem Mundwinkel und tropfte auf ihre kleinen, schwarzen Lackschuhe. Dass sie bereits einen leichten Sonnenbrand im Genick hatte, störte sie nicht. Dass bereits einige Menschen um sie herumstanden, die sie beäugten, wie sie die Schokolade beäugte, störte sie ebenso wenig. Selbst ein kleiner Dackel, der ihr um die Beine tapste und sie mit seinem rauen Fell streifte, vermochte sie nicht von ihrem Blick auf diese leckere, einfach so da liegende Schokolade zu lösen, die sie sich am liebsten in Mund, Nase und Ohren gleichzeitig schieben würde, nur damit alles ihres war und niemand sonst sich daran ergötzen konnte. Da sie aber erst sieben Jahre alt war und nicht genug Taschengeld hatte, stand sie da und bewachte geistesabwesend die Schokolade.

Dieser schöne Text entstand in einer Schreibstunde in meinem Schreibkurs und ich möchte ihn euch, mit Marios Einverständnis, nicht vorenthalten.

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Poem 3.4

Kulinarisches

Joghurt weiß & Kühl
Tee schwarz & heiß
Kandis braun & knackig
Apfel grün & saftig
Schokolade samtig & süß
Kaffee milchig & duftig
Brathuhn kross & würzig
Müsli nussig & fruchtig
Chili scharf & explosiv
Sahne cremig & luftig
Eis zart & schmelzend
Pizza italienisch & mediterran

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Diese Geschichte ist aus meinem Textordner: Second Life – die Textepisoden darin entstammen allen möglichen Epochen:  von 1824 bis 2012. Es kommen stetig welche dazu. Lesen, fallen lassen und Spaß haben *g*.

Oxford – Episode 1.

Mai 2009, Café Rosario

„Was schreiben sie?“
Erstaunt sehe ich von meinem Laptop auf und blicke in zwei kühle blaue Augen.
„Bitte?“
Er setzt sich mir gegenüber und winkt der Kellnerin. Lässig schlägt er die langen Beine über, die in einer teuren Anzughose stecken.
„Eine heiße Schokolade für die Lady“, bestellt er ohne mich gefragt zu haben.
Ein bisschen unverschämt der Mann, auch wenn er heiß wie die Schokolade ist.
„Sie sind so vertieft. Ich beobachte sie schon eine ganze Weile und sie haben nicht ein Mal aufgesehen oder mit der Wimper gezuckt.“
„Mir war nicht klar, dass ich dies hätte tun sollen“, erwidere ich angriffslustig. „Und sie sind?“
„James Harris. Oxford Police Department.“
Ein spöttisches Grinsen huscht über sein kantiges Gesicht. Er hat eine Narbe unter dem Auge und eine am Kinn, was ihn noch interessanter erscheinen lässt. Die Kellnerin bringt die Schokolade.
„So, ich muss los“, James erhebt sich, beugt sich zu mir herunter und flüstert mir ins Ohr, „wir sehen uns Lea. Schreiben sie schön.“
Dann geht er. Fährt sich lässig durch seine widerspenstigen blonden Haare.
„Woher wissen sie meinen Namen?“, rufe ich ihm hinter her.
James dreht sich nicht um. Ich habe den Verdacht, dass er nicht will, dass ich sein freches Grinsen sehe.

Ein paar Tage später im Café Rosario:

„Wie ich sehe sind sie fleißig“, höre ich James provozierende Stimme.
Ich nicke der Kellnerin zu. Was er kann, kann ich schon lange. Recherche ist eine meiner Stärken.
„Wie ich sehe sind sie heute nicht im Dienst, Mister Harris.“
Ich ziehe eine Augenbraue hoch und versuche ihm einen hochmütigen Blick zu zuwerfen. Aber er ist einfach besser. Sein Lächeln ist dermaßen selbstbewusst-überheblich, dass ich die Fäuste unter dem Tisch balle. Die Kellnerin stellte ihm einen Kaffee hin.
„So schwarz wie ihre Seele“, sage ich und lächele ihn herausfordernd an.
„Was wissen sie über meine Seele?“
Das sie vermutlich keine haben, liegt mir auf der Zunge, aber ich nehme an, dass die Frage rein rhetorisch ist. Ich wendet mich meinem Text zu. James muss nicht merken, dass mir unter seinem intensiven Blick das Herz in die unteren Regionen meines Körpers rutscht. Plötzlich spüre ich, wie seine Hand über meinen Oberschenkel gleitet. Ich halte den Atem an. Jetzt ist es angebracht meine Empörung kundzutun.
„Danke für den Kaffee“, flüstert er mir ins Ohr, bevor ich ein Wort hervorbringe, „morgen Abend acht Uhr. Ich hole sie ab.“
Ich schnappe nach Luft. Was bildet der sich ein?! Wie kommt er darauf, dass ich was von ihm wollen könnte? Und wenn, dann bestimmt nicht auf die Tour. Arroganter Kerl! Der hält sich wohl für Unwiderstehlich. Das erregte Ziehen in meiner Bauchgegend ignoriere ich. Als ich mich endlich wieder im Griff habe, ist er schon verschwunden.

Einen Tag später, 20 Uhr:

Es klingel aufdringlich. Ich öffne die Tür. James lehnt lässig im Türrahmen. Dunkler Anzug, schwarzes Hemd, Krawatte. In meinem Schlabberlook fühle ich mich jetzt doch fehl am Platz.
„Hey, noch nicht fertig?“
Sein Blick gleitet mit einer Selbstverständlichkeit über meinen Körper, als hätten wir jahrelang Sex miteinander gehabt.
„Wie kommen sie darauf, dass sie mir sagen können, was ich zutun und zu lassen habe!“, begehre ich auf.
James schiebt mich sanft in den Flur und schließt die Wohnungstür.
„Weil ich es kann“, er blickt auf mich herunter, „ich weiß, dass du mich willst, so wie ich dich will.“
„Nein!“
Wie kommt er darauf? Ich will weg von ihm. Drehe mich um. James fasst nach meinem Handgelenk, zieht mich zurück. Ich verliere das Gleichgewicht, falle gegen seine breite Brust.
„Lass mich los“, keuche ich.
„Willst du das wirklich?“
Seine Stimme vibriert dunkel und verführerisch. Trifft den Nerv in meinem Inneren. Lust schwappt in meinen Körper. Seine Lippen gleiten über meinen Hals. Atemlos lasse ich seine Hände auf Wanderschaft gehen. Geübt streift er mir Shirt und Hose ab. Oh, Gott ich will ihn.
„Extra für mich?“
Ich weiß, dass James auf die schwarzen Dessous anspielt. Zu spät. Verraten habe ich mich sowieso schon.
„Ja“, flüstere ich.
Hastig löse ich seine Krawatte, knöpfe mit zitternden Fingern sein Hemd auf, zerre es ihm vom Körper. Seine metallene Gürtelschnalle drückt sich kalt an meinen Bauch. Darunter fühle ich seine harte Erektion. Gierig will ich ihn von seinen Beinkleidern befreien. James greift nach meinen Händen.
„Nicht so hastig“, ich höre den leisen Spott in seiner Stimme und sehe auf, „du willst dich doch nicht um dein Vergnügen bringen.“
Eine Minute später stehe ich nackt im Flur. Er kniet vor mir, küsst meine Scham. Das halte ich nicht aus. Meine Finger wühlen sich durch seine Haare. Sein Mund wird fordernder. Ich spreize die Beine. Seine Hände umfassen meinen Po, schieben mein Becken näher an seine heißen Lippen. Seine Zunge! Meine Gedanken versacken. Mehr, ja mehr. Hab ich es ausgesprochen? James zieht mich auf den Boden. Ich höre das Geräusch seines Reißverschluss. Fühle seinen steifen Schwanz, der sich quälend langsam in meine Möse schiebt.
„Bitte fick mich“, flehe ich James an.
Er schweigt. Bewegt sich langsam, immer tiefer. Ich hebe mein Becken. Noch tiefer, mehr, schneller. Es geht in meinem Stöhnen unter. Ich reiße meine Augen auf. Treffe seinen Blick. Verlangen. Gier. Keine Fragen. Meine Lider werden schwer.
„Sie mich an!“
Sein Befehl törnt mich an. Ich richte meinen Blick wieder auf ihn. James trifft direkt ins Zentrum meiner Lust. Gleichgültigkeit ist keine Option. Er lässt nicht los. Fesselt meinen Blick an seinen Willen. Leidenschaft, maßloses Begehren. Sind es meine Lüste, die ich in ihm gespiegelt sehe? James ansteigender Rhythmus reißt mich fort. Hart und tief. Die Welle türmt sich auf. Mein Inneres bricht auf. Meine Möse umklammert seinen Schwanz. Meine Finger schlagen sich in seine Schultern. Ein Schrei! Meiner? Noch ein eiserner Stoß. Heiße Lava ergießt sich in meinen Vulkan. Zwei Körper. Schweißgebadet. Ineinander verschlungen. Atem und Säfte vermischt.
James löst sich von mir. Hilft mir beim Aufstehen. Mein Körper fühlt die Einsamkeit ohne ihn. Es darf nicht vorbei sein!
„Geh nicht“, höre ich meine fremd gewordene Stimme.
Sein typisch spöttisches Lächeln umspielt seine Lippen.
„Wie kommst du darauf? Ich bin doch gerade erst gekommen.“

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Ich schlag eines der Notizbücher auf, Erzählungen vom Leben, und beginne zu lesen:

„Ich warte und warte. Nichts passiert. Warum? Dabei brauche ich es unbedingt und meine Erwartung hat riesige Ausmaße angenommen. Was soll ich tun, wenn es nicht weitergeht? Liegen bleiben? Nie wieder aufstehen? Das widerspricht meinem Charakter. Ich hasse warten und ich will endlich etwas tun, nicht tatenlos herum sitzen. Mein ganze Leben bestand aus warten. Auf den Sommer, eine glückliche Kindheit, eine glückliche Familie, einen Job, eine Weiterbildung und auf was nicht noch alles. Aber ich will nicht immer nur warten, bis die Umstände es endlich erlauben, sondern endlich etwas tun.“

Ich blicke aus dem Fenster. Dieses Gefühl kenne ich nur zu gut. Genauso habe ich oft empfunden. Das war wohl auch der Grund, weshalb ich verloren ging. Ich wartete Jahre lang auf meine Chance, und als sie schließlich kam, wurde sie mir genommen, und ehe ich sie ergreifen konnte, löste sie sich in Luft auf. Aber ich wollte weiter gehen, nicht mehr festsitzen und warten. Solange ich noch die Gelegenheit hatte zu gehen und wachsen musste ich fort. Inzwischen war dies schon solange her, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, wo mein Verlorensein und meine Suche anfingen.

Allerdings macht mir das nicht sehr viel aus. Ich hatte auf meiner Reise so viele Menschen gesehen, soviele Schicksale gehört, in lachende und weinende Augen gesehen. Ich habe geflirtet, mir meinen Platz erobert, Regen, Schnee, Sonnenschein und Wolken gesehen. Sonnenauf- und Sonnuntergänge, den Mond und die Sterne an mir vorüber ziehen sehen. Manchmal schnell und oft auch langsam.

Ich bevorzuge die langsameren Regionalzüge, manchmal kann man in einer oberen Etage sitzen und hat einen guten Ausblick auf die Landschaft. Lichte Wälder und dunklen Tann. Saftige Auen, golden glänzende Weizenfelder, grüne Wiesen auf denen wilde Blumen blühten, Mohnfelder, die leuchteten wie in Flammen. Es gibt Stunden, da zweifele ich daran, dass meine Entscheidung für diese Art der Suche richtig ist. Aber hier mit Raoul in einem Abteil zu sitzen, diese herrliche Musik zu hören, zu sehen wie vertieft er ist, ganz in sich selbst versunken, bestätigt mir, dass es gut ist und ich wäre nirgendwo lieber als hier mit ihm. Raoul setzt die Flöte ab und sieht mich an.

„Hat es dir gefallen?“

„Oh, ja! Und wie. Ich glaube ich kenne das Lied, es kommt mir sehr bekannt vor.“

„Das kann gut sein. Es ist die Melodie eines indischen Films, allerdings ist der ziemlich traurig, bevor es am Ende doch noch gut ausgeht.“

Ich muss schmunzeln.

„Ich mag indische Filme, aber nur wenn sie gut ausgehen. Wenn ich ehrlich bin, mag ich am allerliebsten Filme, die gut ausgehen. Dann kann ich besser schlafen.“

„Nicht jeder Film, der gut ist, muss auch gut ausgehen. Das wäre unrealistisch. Im Leben geht auch nicht alles gut aus.“

„Ich weiß, aber ich mag unrealistische Filme oder Bücher. Ist das Leben nicht schon schlimm genug?“

Raoul setzt sich neben mich und nimmt meine Hand.

„Das mag sein, aber nicht immer und gerade in diesem Moment ist das Leben wundervoll.“

„Hallo, wie geht’s“, sagt eine fröhliche Männerstimme.

Die Abteiltür schließt sich wieder und Raoul und ich sehen uns den Neuankömmling an. Ich bin mir nicht ganz sicher, was Raoul sieht, denn er hat skeptisch die Augenbrauen hochgezogen, aber was ich sehe, gefällt mir. Unter einem braunen Wuschelkopf lachen uns blaue Augen an, ein schöner Mund gibt zwei Reihen weißer Zähne frei. ER ist groß, mit breiten Schultern und schmalen Hüften. Seine langen Beine stecken in Bluejeans, unter seinem karierten Hemd blitz ein weißes Shirt hervor, über dem eine silberne Kette mit einem Drachenanhänger hängt.

„Hallo, mein Name ist Noelle“, stelle ich mich vor, „und das ist Raoul.“

„Freut mich euch kennenzulernen“, er streckt mir die Hand entgegen, „ich heiße Liam.“

„Kommst du aus Irland“, frage ich, während ich seinen festen Händedruck spüre.

„Gut geraten“, Liam lächelt und zwinkert mir zu.

Er setzt sich mir gegenüber und streckt seine langen Beine aus. Raoul drückt meine Hand fester.

„Ich nehme an, du kommst aus Indien?“, fragt Liam und sieht ihn auffordernd an.

„Nein“, stellt Raoul klar, „ich komme aus London. Meine Großeltern kommen aus Indien.“

„Ah, das ist natürlich ein Unterschied“, Liam kann seinen spöttischen Unterton nicht verbergen, „und wo wollt ihr hin?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Dorthin, wo mich das Leben hintreibt“, antworte ich wage.

Was soll ich sagen, immerhin weiß ich, nicht wohin ich will, oder besser gesagt, wo ich am Ende ankomme.

„Und du?“, fragt Liam Raoul.

„Ich bleibe dort, wo es mir gefällt“, antworte Raoul ungnädig.

„Zwei Globetrotter. Aufregend“, kommentiert Liam.

Interessiert sieht er uns an. Sein Blick bleibt an mir hängen und er lächelt.

„Darf ich raten“, fragt er und ohne abzuwarten, ob er es darf oder nicht, rät er, „sie lieben Schokolade und Kaffee.“

„Mögen Frauen nicht alle Kaffee und Schokolade“, fragt Raoul.

Ich spüre seine Verstimmung. Er betrachtet Liam als Konkurrenz. Es ist nicht so, dass ich nicht bemerkt hätte, dass er mich mag, aber dass er deswegen Eifersucht entwickeln könnte, hätte ich nicht gedacht. Aber vielleicht spüren Männer eher, wenn ein anderer Mann ein Konkurrent ist, als eine Frau. Noch dazu, wenn der andere Mann so smart ist, wie Liam.

„Schon, aber ich schätze, dass Noelle eine Vorliebe dafür hat, die doch sehr ausgeprägt ist“, erklärt Liam gönnerhaft.

Sicher liegt es daran, dass Liam sehr selbstbewusst ist und er in seiner Haltung, der Stimme und seinen Blicken ausdrückt, dass er bekommt, was er will. Kein Wunder, dass Raoul darauf allergisch reagiert. Dabei muss er sich bis jetzt keine Gedanken darüber machen. Die Frage ist, warum ich darüber nachdenke. Ich bin frei mich zu entscheiden oder nicht. Ich darf mögen, wen ich möchte. Und ich mag Raoul sehr, aber ich gebe zu, dass mich Liam sehr reizt. Seine selbstsichere Art und dieses charmante Lächeln lösen bei mir ein warmes, angenehmes Gefühl aus. Wer weiß, vielleicht spürt Raoul ja, dass Liams Anwesenheit nicht ohne eine gewisse Auswirkung auf mich geblieben ist. Liam ist ein kerniger Typ. Er trägt Cowboystiefel. Wenn man ihn ansieht käme man nicht auf den Gedanken, er könnte jemals schlechte Laune haben, während Raoul ein echter Künstler ist, zweifelnd, zerrissen und unruhig, verliebt in die Liebe und besonders in seine Kunst. Wenn ich die Beiden so betrachte, obwohl unter uns, alles rein hypothetisch, gäbe, es keinen dem ich zu diesem Zeitpunkt den Vorzug geben würde. Ich mag Menschen, die in sich ruhen. Die wissen, wer sie sind und was sie können. Aber ich mag auch Menschen, die leidenschaftlich sind und eine tiefe Liebe zur Kunst besitzen. Und ich weiß eins, um Kunst zu machen, Künstler zu sein muss man eine gewisse Exzentrik besitzen. Seine Kunst immer infrage stellen, um besser zu werden und tiefer in die Geheimnisse der Musen einzudringen. Ich kann das gut verstehen, denn ich selbst bin musisch veranlagt, könnte man sagen. Ich liebe jede Art Kunst und übe sie aus, wenn sich mir die Gelegenheit bietet. Zum Beispiel schneidere ich meine Kleider selbst. Meine exzentrische Kleidung, ja ich gebe es zu, sie ist schon ein bisschen durch geknallt (aber gewollt) in den schillernden Rot- und glitzernden Grüntönen gibt es nicht zu kaufen. Außerdem verziere ich gerne Dinge, schreibe und male auf alles, auf das man Buchstaben und Zeichnungen auftragen kann. Eines Tages möchte ich lernen aus Stein eine Skulptur zu schaffen.

Und Liam hat Recht, ich liebe Schokolade und Kaffee über alles. Bei der Schokolade kommt meine Obsession vermutlich daher, dass ich am 24.12 geboren bin, ihr habt es sicher schon geahnt, kein Wunder bei meinem Namen. Aber ist nicht schlimm, ich mag ihn, auch wenn er ein wenig abgefahren ist, es hätte schlimmer kommen können, zum Beispiel wenn ich zu Ostern oder an Sylvester geboren wäre. Wahrscheinlich sind diese merkwürdigen Zufälle dafür verantwortlich, dass ich so bin, wie ich bin. Wer weiß, sollte mein Vater tatsächlich Santa Clause sein, leider weiß ich nicht wer mein Vater ist, dann würde das möglicherweise erklären, warum ich so gerne reise, nur ohne Rentiere und nicht im Schlitten. Ich fürchte, so über den Himmel zu rasen in einem offenen Rentierschlitten, könnte einen Herzinfarkt bei mir verursachen.

„Möchtest du etwas Schokolade?“, reißt Liam mich aus meinen Betrachtungen.

Ich habe überhaupt nicht bemerkt, dass er etwas in seinem Koffer gesuchte, das er gerade zutage fördert. Eine kleine Cellophantüte, knisternd, mit einer roten Schleife und einem kostbaren Inhalt.

„Mandelsplitter verbunden mit einer zart schmelzenden Trüffelschokolade.“

Liam lächelt verführerisch. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Liegt es an Liam oder dem Leckerbissen, den er mir herausfordernd vor die Nase hält?

„Gerne, die sehen sehr köstlich aus“, sage ich und versuche meine Begeisterung zu verbergen.

„Und was bekomme ich dafür?“, fragt Liam.

So etwas habe ich mir fast gedacht. Sein Augenausdruck hat es mir gesagt, noch bevor er es mir mitteilen konnte.

„An was hast du denn gedacht“, frage ich zurück.

Ich sehe ihn direkt an und merke, dass er die Situation genießt. Besonders weil er denkt, dass er Raoul ausstechen kann, der inzwischen schon ganz unruhig ist. Sein Atem geht schneller und seine Muskeln sind angespannt. Ob er Liam schlagen würde, wen der etwas Unschickliches verlangen würde.

„Nun, ich hatte da an eine Geschichte gedacht“, erwidert Liam und grinst Raoul aufreizend provokativ an.

„Eine Geschichte!?“, wiederhole ich erstaunt.

„Ja, aber nicht irgendeine Geschichte“, stellt Liam eine Bedingung.

Ich ziehe fragend die Augenbrauen hoch und frage mich, was jetzt kommt.

„Und wie soll die Geschichte aussehen?“

„Nun, ich dachte, dass es eine Gutenachtgeschichte wird. Wie ihr seht, geht der Mond langsam auf. Könntest du ihm“, er deutet mit dem Kopf auf Raoul, „und mir, eine Geschichte mit einem Hauch erotischer Würze erzählen.“

Raoul schnappt nach Luft. Bevor er etwas sagen kann und Liam die Schokolade möglicherweise wieder verschwinden lässt, sage ich:

„Gut, ich erzähle eine würzige Geschichte“, ich lege meine Hand beruhigend auf Raouls, „sicher werde ich in den Notizbüchern eine geeignete finden.“

So habe ich es geschickt umgangen, zu Liams vollem Entzücken eine Geschichte von mir zu erzählen und gleichzeitig kann ich seinem Wunsch nachkommen und die Schokolade für mich bekommen. Die Leidenschaft für Schokolade macht mich bestechlich. Liam reicht mir die Tüte, und bevor ich eines der Bücher aufschlage, stecke ich mir ein Stückchen in den Mund. Der zarte Trüffelschmelz und die gerösteten Mandeln betören meine Geschmacksnerven und mir wird plötzlich ganz sinnlich zumute. Tatsächlich passt zu diesem Geschmack eine Geschichte mit erotischem Einschlag. Ich nehme eines der Bücher: Ferne Jahre, und blättere ein wenig darin herum. Da stoße ich auf eine aufregende Überschrift:

„Maja und der Sultan“, lese ich vor.

„Sehr vielversprechend“, schmunzelt Liam.

Ich sehe Raoul an, dann beuge ich mich zu ihm hinüber und hauche ihm einen Kuss auf die Wange. Er schaut mich erstaunt an, aber er entspannt sich sichtlich.

„Es wird dir gefallen“, flüstere ich ihm ins Ohr, dann beginne ich zu lesen:

 

„Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich diese Geschichte hörte. Es könnte vor langer Zeit gewesen sein, aber es könnte sich auch gerade erst zugetragen haben. Es ist die Geschichte einer Liebe, und Liebe kennt keine Zeit. Maja war die älteste Tochter eines Nomadenfürsten. Um sich die Gnade und das Wohlwollen des Landesherren zu sichern, verheiratete er Maja mit dem Fürsten.

Sultan Sandor war ein gütiger Herrscher, dem das Wohl seines Volkes über alles ging. Er sorgte für seine Untertanen wie ein Vater, obwohl er noch jung an Jahren war.

Maja liebte Sandor, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Aber er nahm sie nicht wahr. Nicht, dass sie hässlich gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Maja war eine Schönheit. Ihr kastanienbraunes Haar glänzte in der Sonne und ihre grünen Augen hatten die Tiefe von Bergseen.

Im Übrigen hatte der Sultan einen großen Harem. Die Frauen dort buhlten jedes Mal um seine Gunst, während die bescheidene Maja es nicht fertig brachte sich in den Vordergrund zu drängen. Sie war zierlich und nicht sehr groß und so wurde sie bei der abendlichen Auswahl immer in den Hintergrund gedrängt.

Maja bemühte sich auch deswegen nicht darum ausgewählt zu werden, weil sie ihn mehr als alles auf der Welt liebte. Sie wollte nicht eine von vielen sein. Sie hatte das Ideal die Einzige zu sein, aber da sie auch realistisch genug war zu wissen, dass es niemals so sein würde, liebte sie ihn nur aus der Ferne.

Oft vermisste sie die Weite des Horizonts in der Wüste, den Vollmond, wenn er wie ein Juwel über dem nächtlichen Himmel leuchtete und den Glanz der Millionen Sterne. Sie vermisste ihren Falken, ihren Hengst Aldebaran, den sie jeden Tag geritten war. Hier im Harem, wenn er auch ein großes Terrain umgab, fühlte sie sich oft eingesperrt.

So ging sie abends nach der Auswahl des Sultans oft im Garten spazieren, badete im See oder besuchte den Reitstall des Sultans. Oft saß sie dort und sang den Pferden die süßen Lieder aus den Zelten der Nomaden und dachte an Zuhause.

Auf einem ihrer Streifzüge bemerkte sie einen versteckten Durchlass. Neugierig wollte sie erforschen, wohin er führte, aber bevor sie hindurchschlüpfen konnte, sah sie ein paar dunkle Gestalten, die sich Zugang zum Palastareal verschafften. Besorgt beobachtete Maja, wie die Vermummten alles auskundschafteten. Sie versteckte sich und sah, wie der Großwesir mit den Männern sprach. Sie hörte wie sie Pläne schmiedeten den Sultan in der nächsten Nacht zu stürzen, und seinem Cousin zur Macht zu verhelfen. Majas Herz blieb stehen. Sandor sollte sterben. Das durfte sie nicht zulassen, sie musste den Sultan warnen.“

Ich höre ein lautes gleichmäßiges Atmen und blicke auf. Liam hat seinen Kopf an die Kopfstütze gelehnt und ist eingedöst.

„Das ging aber schnell“, sage ich leise und sehe Raoul an.

Sein Blick hängt gebannt an meinen Lippen und mein Herz macht einen kleinen Sprung. Seine Blicke sind wie Streicheleinheiten und jagen mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Raoul beugt sich zu mir herüber und flüstert mir ins Ohr:

„Und wie geht es weiter?“

Sein Atem streicht über meinen Hals und als seine Lippen sanft die empfindliche Stelle hinter meinem Ohr küssen, erschauere ich.

„Raoul“, sage ich so leise, dass es kaum zu hören ist.

„Ja, meine Schöne“, er nimmt mir das Buch aus der Hand, „soll ich dir die Geschichte zu Ende erzählen?!“

Widerspruchslos lasse ich mir das Buch aus Hand nehmen, und während Raoul weiter liest, schließe ich meine Augen und genieße seine zärtliche Stimme, die meinen Körper zum Erbeben bringt.

„Maja überlegte, wie sie es anstellen könnte, zum Sultan zu gelangen. Der einzige Weg, der ihr einfiel war, die nächste Nacht bei Sandor zu verbringen. Dazu musste sie die anderen Frauen ausstechen, damit der Sultan sie zur Kenntnis nehmen würde, um sie in seine Gemächer bringen zu lassen. Am nächsten Abend legte sie die schönsten Gewänder an, die sie besaß. Flocht ihre Haare kunstvoll und steckte sich das kostbare Diadem mit dem leuchtenden Mondstein in ihre Frisur. Während die Frauen sich zur Besichtigung aufstellten, wartete Maja einen günstigen Augenblick ab und als der Sultan die Gemächer betrat, stimmte sie eines der Liebeslieder ihres Volkes an, dass die Frauen ihren Liebsten sangen.

Da Maja es in ihrer Muttersprache sang, konnte Sandor es nicht verstehen. Die schöne Stimme und der zärtliche Klang ließen ihn aufhorchen und er fragte den Eunuchen, der für die Frauen zuständig war, welche seiner Haremsdamen diese herzergreifende Weise sang.

Maja wurde vor den Herrscher gebracht und als er Maja anschaute war er so angetan von ihrem anmutigen Wesen und ihrem klaren Blick, dass er ihr den Arm bot und sie in seine Gemächer geleitete.“

Raouls Stimme ist so einschmeichelnd, dass ich mich kaum auf das konzentrieren kann, was er mir vorliest. Ich bin mir auch nicht sicher, dass er das vorliest, was dort im Buch steht. Ich hatte ein paar Sätze im Voraus überflogen und dort einen ganz anderen Wortlaut gelesen. Raoul hört auf zu lesen. Ich spüre seinen aufmerksamen Blick. Will er mich verführen, mich verrückt machen oder mich einfach nur aus der Ruhe bringen. Er hatte alles erreicht, wenn es das ist, was er vorhat.

„Und was passierte dann?“, frage ich atemlos.

„Möchtest du das wirklich wissen?“, ich kann sein Lächeln hören.

„Ja“, antworte ich und das Kribbeln in meinem Körper wird immer stärker.

„Ich warne dich nur im Voraus, das ist eine sehr aufregende Geschichte“, höre ich seine aufreizend sinnliche Stimme an meinem Ohr.

Raoul lässt seinen Finger über meinen Hals hinab gleiten. Über mein Schlüsselbein, den Hals wieder hinauf bis zum Kinn. Sanft zeichnet er die Linie meines Mundes nach. Mir rutscht ein entzückter Seufzer heraus.

„Ich möchte sie trotzdem hören“, flüstere ich.

Ich wage einen direkten Blick in seine dunklen Augen.

„Wer bist du?“, fragte der Sultan“, fährt Raoul in der Erzählung fort.

„Maja“, antworte die Schöne.

„Wie kommt es, dass ich dich noch nie gesehen habe?“, fragte Sandor, „bist du neu in meinem Harem?“

„Nein, mein Herr“, antwortete Maja, „ich bin schon zwei Jahre in eurem Haus. Ich bin die Tochter eines euch ergebenen Wüstenfürsten. Wir besitzen keinen Reichtum, aber wir sind ein ehrliches, mutiges Volk und mein Vater gab mich euch, um euch seiner Treue zu versichern.“

„Dann hat er mir das Schönste und Kostbarste gegeben, dass er hatte“, stellte Sandor begeistert fest, „Ihr seid wunderschön und eure Stimme ist die eines Engels.“

„Ich danke euch, Herr“, sagte Maja verlegen und senkte schüchtern den Blick.

„Es gibt keinen Grund verlegen zu sein.“

Sandor legte seine Finger unter Majas Kinn und hob ihren Kopf, damit er ihre Augen sehen konnte. Maja konnte den Blick nicht von seinem wenden. Sie liebte ihn so sehr, dass sie alles vergaß, was sie ihm mitteilen wollte und sein Blick und sein Wille hielten ihren gefangen.

Sandor versank in ihren smaragdenen Augen und eine tiefe Leidenschaft ergriff sein ganzes Wesen. Noch nie hatte er eine so schöne Frau gesehen, die durch einen edlen Charakter und einen klaren Geist sein Herz gewonnen hatte. Er lockerte die Bänder ihres Kleides und zog es ihr von den Schultern. Ihr schlanker, makelloser Körper mit den vollen Brüsten und den kecken Knospen weckte sein Begehren. Maja löste ihr Haar und als es ihr in schweren Locken über die Schultern fiel, hatte er nur noch den Wunsch sie zu besitzen.

Sandor zog das zitternde Mädchen in seine Arme und küsste ihre zarten Lippen. Tausend zärtliche Liebesworte flüsterte er. Sein begehrender Mund erkundete jeden Zentimeter ihrer Haut, über ihre Schultern, ihre Hüften und ihren flachen Bauch, ihre weißen sehnigen Schenkel, bis zu ihrem Venushügel.

Maja zuckte anfänglich vor seiner Leidenschaft zurück, aber sie hatte Sandor solange von Weitem geliebt, dass sie ihre Ängstlichkeit besiegte und sich in seine Hand gab. Sandor, der ein erfahrener Liebhaber war, bei so einem großen Harem sollte man das voraussetzen, ließ sich Zeit und eroberte ihren Körper und ihr Herz Stück für Stück. Seine Hände berührten sie überall, und seine heißen Lippen brannten sich in ihre Haut. Ihr Köper wurde von heißen Wellen erfasst, die Sandor in ihr erweckte und immer weiter anfachte. Alles in Maja drängte diesem Mann entgegen. Sie sehnte sich danach, das zu empfangen, wovon sie die letzten Jahre jede Nacht geträumt hatte. Ihr Körper reagierte auf seine Liebkosungen, als wäre sie nur dazu geboren worden, sich ihm hinzugeben und seiner Lust ein vollkommenes Ebenbild zu werden.

Sandor näherte sich langsam und genießerisch dem Ziel seines Begehrens. Als seine geschickte Zunge ihre Venus erkundete, die kleine harte Perle fand und ein wollüstiges Spiel mit ihr begann, wand Maja sich unter seinen Liebkosungen. Sie vergaß sich völlig, existierte allein zu seinem Begehren und seiner Erfüllung, die Sandor ihr seinerseits nicht verweigerte. Als sich sein sehniger, muskulöser Körper über ihren beugte und sein harter Phallus von ihrer feuchten heißen Venus aufgenommen wurde, stöhnet Maja laut auf. Sie presste ihr Becken gegen seine Lenden. Sandor spürte, wie wilde Zuckungen durch ihren Körper strömten, sich in seinem fortsetzen und er konnte sein Verlangen nicht lange zurück halten und mit ein paar mächtigen Stößen ergoss er sich in ihr.

„Nun gehörst du mir“, stieß er schwer atmend hervor, „und es wird nicht das letze Mal sein.“

„Wird es immer so sein, wie heute?“, fragte Maja und seufzte leise und zufrieden.

„Es wird besser“, flüsterte Sandor ihr ins Ohr, „jedes Mal wird besser sein.“

Die beiden Menschen sahen sich mit glänzenden heißen Blicken an. Ihre Lust, die gerade erst entflammt war, brannte lichterloh und ihre empfindlichen Körper wollten die Glut von Neuem auflodern lassen.

„Wenn du einmal gekostet hast, kannst du nicht mehr aufhören. Du willst dieses Gefühl immer wieder spüren“, hörte Maja Sandors raue Stimme.

„Ja“, sagte sie nur schlicht, „aber ich will es nur mit dir tun.“

Das hatte sie so einfach, aber so direkt gesagt, dass Sandor genau spürte, wie es gemeint war. Er sah ihr für einen Moment fragend in die Augen.

„Und du wirst die Eine sein, mit der ich es tun will.“

„Ist das wahr, mein Liebster?“

Maja konnte es kaum glauben. Ein Traum ging in Erfüllung.

„Ja, Juwel meines Herzens“, flüsterte er und küsste sie.

„Sandor, mein Herr, ich muss dir noch etwas sehr Wichtiges mitteilen“, sagte Maja nun mit ernster Stimme, „dein Wesir hat sich gegen dich verschworen. Er hat Männer gedungen, die dich töten sollen, um deinen Cousin zum Sultan zu machen. Wir müssen fliehen.“

Ungläubig sah Sandor sie an.

„Wie kannst du so etwas sagen?“

„Weil ich sie beobachtet und belauscht habe. In der äußeren Mauer gibt es einen versteckten Durchlass, dort werden sie eindringen. Wir sollten handeln und gehen.“

„Wohin sollte ich gehen?“, fragte Sandor ärgerlich, „ich muss mich der Gefahr stellen und kämpfen.“

„Das kannst du aber nicht, wenn du tot bist. Lass uns zu meinem Vater fliehen. Mein Volk ist mutig und kann kämpfen. Dort sind wir sicher und mein Vater und seine Brüder können dir helfen dein Reich zurückerobern.“

Sandor zögerte. Er wollte seinen Palast und seinen Hofstaat nicht zurücklassen. Aber wem konnte er noch vertrauen? So gab er seinen Eunuchen bescheid, dass er für einige Zeit fortginge und sie für ihn Erkundigungen einziehen sollten, bis er mit Verstärkung zurückgekehrt wäre. Dann ging er mit Maja zu den Ställen und sie flüchteten mit seinen besten Pferden.“

Raoul endet mit seiner Erzählung und sein Blick liegt auf meinem Gesicht. Ich weiß, dass ich gerötete Wangen habe. Aber seine erotische Erzählung, gepaart mit dieser samtigen eindringlichen Stimme, hat meinen Körper in erregende Schwingungen versetzt und nicht nur das. Ich habe das Gefühl, mein Innerstes brennt wie ein Feuer. Raoul beherrscht nicht nur viele Instrumente, er beherrscht auch seine Stimme meisterhaft. Mal sanft, mal rau, erregend, eindringlich, schneller oder langsamer, tief und weich, samtig ist sie durch jede Pore meiner Haut gedrungen, bis in mein inneres Zentrum. Sie hat alle meine Gefühle zum Schwingen gebracht. Noch dazu hat sie sich in meine Gedanken geschlichen und sich dort in meinem Lustzentrum festgesetzt. Ich will nicht, dass er aufhört zu sprechen. Ich möchte, dass er immer weiter redet und meinen Kopf mit Bildern und Gefühlen füllt, bis sie überfließen und zu einem reißenden Fluss werden, der uns beide fortschwemmt.

„Und entkamen sie?“, frage ich leise.

„Ich weiß es nicht“, antwortet Raoul, „die Geschichte endet hier, aber ich denke, dass alles gut wurde. Denn die Götter sind mit den wahrhaft Liebenden.“

Während er redet, streichen seine Fingerspitzen leicht über meinen nackten Unterarm und ich erzittere unter seiner Berührung wie eine Blüte unter einem Windhauch. Auch unsere Augen berühren sich. Versinken ineinander, wie in einem Meer aus Wolken. Immer tiefer, bis nichts mehr von uns bleibt, alle Nebel fallen und nur wir beide übrig sind. Nackt und bloß. Ich fließe über, mein Körper und mein Herz schwimmen in seiner Stimme, seinem Atem, der mich trägt und leicht macht, wie eine Feder. Ich weiß, dass er mich gleich küssen wird, seine Lippen sind meinen so nah, dass ich seine Haut schon fast spüre, seinen Geruch in mir aufsauge und seinen Atem atmen kann.

„Ist die Geschichte schon vorbei?“, murmelt eine verschlafene Stimme von den gegenüberliegenden Sitzen.

Wir schrecken aus unserer Verzauberung auf und ich sehe irritiert zu Liam hinüber. Wieso ist er hier? Wo bin ich und was ist nur passiert. Ich sehe an Raouls Gesicht, dass er sehr ungehalten über diese Störung ist. Ich beuge mich etwas vor und hauche einen Kuss auf seinen Mund und flüstere:

„Danke, das war wunderbar.“

Dann nehme ich ihm das Buch aus der Hand und schaue hinein. Überrascht schaue ich Raoul an, der mich mit einem begehrlichen Blick anschaut. Tatsächlich hat sich die Geschichte verändert, während Raoul sie vorgelesen hat. Es sind andere Worte, als die, die ich gelesen hatte. Ich überlege, ob ich mir deswegen Gedanken machen sollte, verwerfe das aber schnell wieder. Auf dieser Reise war nichts „normal“, also wieso sollte ich daran Gedanken verschwenden, entweder würde ich erfahren, was es mit den Büchern auf sich hatte, oder nicht.

„Ja, leider hast du den besten Teil verschlafen“, sage ich zu Liam, der mich enttäuscht anblickt.

„Na, ja, da stehen ja noch mehr Geschichten drin“, grinst er, „beim nächsten Mal.“

„Ja, aber jetzt wollen wir etwas schlafen. Ich bin müde.“

Ich lehne meinen Kopf an Raouls Schulter und kuschele mich an ihn. Seine Wärme und sein Atem, der mein Gesicht streichelt, lassen mich schnell in den Schlaf gleiten.

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Teil I

Erst einmal sollte ich erzählen, wie ich verloren ging. Ehrlich gesagt, ich erinnere mich nicht mehr genau. Mit Erinnerungen ist das immer so eine Sache, in dem erlebten Moment wissen wir nicht, wie wichtig die Dinge sind und in der Rückschau verklären sie sich. Wie auf alten Fotos, die einmal scharf, im Laufe der Jahre mit gelblicher Patina die bitteren Augenblicke mit einem gnädigen Schleier verdecken.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mich verloren habe, oder ob ich verloren ging, wie ein Ding, das aus einem Loch in einer Manteltasche fiel. Am Anfang ärgert man sich noch, dass man das Eurostück oder das Feuerzeug verlor, aber schon ein paar Stunden später, ist es vergessen.

Das Leben geht weiter. Selbst für die Verlorenen geht das Leben weiter. Nur was ist, wenn du verloren gegangen bist, und dich niemand finden will? Wohin gehst du, dein Haupt zur Ruhe zu betten? Wer leiht dir ein hörendes Ohr? Kann ich gefunden werden und will ich das überhaupt?

Der Anfang meines Verlorenseins begann auf einem Bahnhof. Gibt es einen besseren Ort? Wohl kaum. Ich kenne keine Orte, an denen mehr verloren geht und wieder gefunden wird, als an Bahnhöfen. Gut, es gibt auch Airports, aber das ist nicht dasselbe. Ein Bahnhof hat immer eine ganz besondere Atmosphäre.

Ich stehe auf dem Bahnsteig, mein kleiner Trolley steht neben mir. Fast hat er etwas Tröstliches an sich, mit seinen winzigen Rädern und den persönlichen Sachen. Kalt pfeift der Wind zwischen den schmucklosen Säulen hindurch. Das Plexiglaswartehäuschen bietet weder Kälte- noch Sichtschutz und die Gitterbänke sind hart und unbequem. Es gibt ein festeingezeichnetes Areal, auf dem sich die Raucher um einen metallenen Ascher drängen. Die Durchsagen dröhnen unpersönlich durch die Lautsprecher. Ein Bahnsteig hat nichts Gemütliches an sich. Ich habe das Gefühl, dass auf Bahnsteigen niemals die Sonne scheint und sich die Regenwolken vornehmlich über Bahnhöfen festsetzen. Die Regentropfen vermischen sich mit den Tränen, die fließen, oder symbolisieren sie für die, die nicht mehr weinen können.

Nirgendwo gibt es so viele Menschen mit gebrochenem Herzen. Ich höre in mich hinein. Bin ich auch eine von ihnen? Es ist möglich, sicher bin ich mir nicht. Wie sicher kann man sich sein, wenn man verloren gegangen ist? Es gibt eine elementare Wahrheit: Nichts ist sicher, nur der Wandel.

Ich schaue dem Treiben auf dem Bahnsteig zu und frage mich, wo ich verloren ging. Da Bahnhöfe austauschbar sind, scheine ich auf meiner Reise die Übersicht verloren zu haben. Ich würde den Bahnhof gerne verlassen und mir die dazu gehörige Stadt ansehen, aber ich fürchte, ich bin noch nicht angekommen. Ich habe mir geschworen erst anzuhalten, wenn ein Bahnhof nach Kaffee und Schokolade riecht(warum, erzähle ich euch später). Bis jetzt war allerdings keiner dabei. Es roch nach vielem: Alkohol, Abort, Rauchschwaden, Menschenmassen, aber nie nach Kaffee und Schokolade. Ich habe in Erwägung gezogen, dass ich diesen einen Bahnhof nicht finden werde, dass er möglicherweise verloren ging, so wie ich. Allerdings habe ich nie gehört, dass ein Bahnhof verloren gegangen ist. Wer weiß?

Da fällt mir ein, ich habe vergessen mich vorzustellen. Wie unhöflich! Mein Name ist Noelle Snow. Ein lustiger Name, ich weiß, wer ihn einmal hört, der vergießt ihn nicht mehr. Allerdings könnte das auch im Zusammenhang mit meinem Äußeren stehen. Jedenfalls sagte mir das der ältere Herr, der mir vor ein paar Stunden im Regionalexpress Gesellschaft leistete. Ich habe feuerrote Haare, grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und liebe alle Grünschattierungen mit Glitzerelementen in Gold und Rot. Der ältere Herr lächelte mich verschmitzt an und sagte:

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie sind die schöne Tochter des Weihnachtsmannes.“

„Wer weiß, wer weiß“, erwiderte ich geheimnisvoll und zwinkerte lachend zurück.

Wir unterhielten uns sehr angeregt, und als er ausstieg, machte mich das traurig. ER erinnerte mich an meinen Großvater. Er hatte schlohweiße Haare und einen ebensolchen Bart. Sein Lachen war warm und herzlich und er erzählte seine Geschichten so lebendig, dass ich den Eindruck hatte, dabei gewesen zu sein. Als ich ihn nach seinem Namen fragte, antwortete er rätselhaft:

„Den verrate ich ihnen nicht. Er ist ein Geheimnis, aber sie werden früher oder später selbst darauf kommen.“

Ich machte neugierig, aber ich wollte höflich sein und drang nicht weiter in ihn. Nachdem er ausgestiegen war, fiel mir ein Beutel auf, den er neben seinem Sitz lag.

Oh, nein! Er hat seine Tasche vergessen, hoffentlich ist nichts Wertvolles darin, schoss es mir durch den Kopf.

Ich öffnete die Tasche und erschrak. Sechs Notizbücher lagen darin. Sie waren feinsäuberlich zusammengebunden und oben im Knoten steckte ein Bleistift. Der Zug hatte inzwischen eine längere Strecke zurückgelegt. Ich überlegte fieberhaft, wie ich dem Mann sein Eigentum zurückgeben könnte, obwohl ich seinen Namen nicht kannte und nicht wusste, wie der Bahnhof hieß, an dem er ausgestiegen war. Da bemerkte ich einen zusammengerollten Zettel. Ich zog ihn aus dem Knoten und rollte ihn auf. In sauberer geschwungener Handschrift stand darauf:

„Liebe Noelle,

ich wünsche ihnen auf ihrer Reise alles Gute. Es ist nicht einfach den Platz zu finden, an dem man sich nicht mehr verloren fühlt. Haben sie keine Angst, wenn es etwas länger dauern sollte, haben sie Zutrauen zu sich selbst und sie werden den richtigen Ort finden. Schließen sie die Augen und denken sie an die Dinge, die sie am meisten lieben.“

Ich schloss die Augen und hörte in mich hinein. Ich hörte das Sprudeln der Kaffeemaschine und konnte den Duft von Kaffee und Schokoladenkuchen riechen.

„Haben sie es getan? Dann wissen sie, wo sie aussteigen müssen. Bis dahin können sie sich mit meinen Geschichten die Zeit vertreiben. Aber seien sie vorsichtig, es könnte sein, die Zeit wird ihnen zu lang und sie wollen irgendwo bleiben. Halten sie nicht an, bevor sie wirklich den richtigen Bahnhof gefunden haben.

Mit Hochachtung der Ihre

Ihr Jacob Grimm

PS.: Es ist noch Platz ihre eigene Erlebnisse aufzuschreiben.“

Das konnte unmöglich wahr sein. Jacob Grimm. Etwa einer DER Grimms? Ich kniff mich in den Arm. Das tat weh. Ich schlief nicht. Der Mann war mir tatsächlich begegnet, wer immer er in Wahrheit sein mochte. Vorsichtig, ja fast ehrfürchtig, öffnete ich den Knoten und sah mir die Notizbücher an. Es waren alte Hefte, schwarz-weiß gemustert, mit einem kleinen weißen Feld, in das der Titel jeden Buches eingetragen war:

1. Ferne Jahre

2. Beginn eines unbekannten Zeitalters

3. Das Buch der Wanderungen

4. Erzählungen vom Leben

5. Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters

(Wie kann ein beginnendes Zeitalter verschwinden? Weil morgen heute schon gestern ist?) und als Letztes:

6. Die Windrose

Ich höre das Rattern eines Zuges herannahen und muss gleich einsteigen. Woher er kommt und wohin er fährt, weiß ich nicht, aber ich freue mich einzusteigen und mich den interessanten Geschichten in den Notizbüchern zu widmen.

Wenn ich nachts fahre, gehe ich in ein Zugabteil. Dort habe ich Ruhe und kann schlafen, ohne zu oft gestört zu werden. Tagsüber suche ich mir einen Platz am Fenster in einem Großraumwaggon. Ich kann mir die vielen Leute anschauen, die ein- und aussteigen, die hindurch gehen, auf der Suche nach einem Platz oder dem Bordrestaurant. Ich lausche den Atemzügen meines Nachbarn, der gerade eingeschlafen ist, oder höre einem Gespräch zu, das in meiner Nähe geführt wird. Wenn sich jemand zu mir setzt, der mir sympathisch ist, unterhalte ich mich gerne mit ihm.

Ich habe es mir gemütlich gemacht, als unerwartet der junge Mann an mir vorbei geht, der mir auf dem Bahnhof aufgefallen ist, und sich nach einem Platz umschaut. Vorhin als er den Bahnsteig betrat, fiel er mir sofort auf. Ich fühlte, dass es nicht unsere erste Begegnung war. Auch er warf mir einen erkennenden Blick zu und mit einem strahlenden Lächeln sagte er:

„Hallo.“

Ich erwiderte seinen Gruß. Dann war er vorübergegangen. Als er sich kurz nach mir umdrehte und mir zu nickte, setzte mein Herzschlag für einen Moment aus. Nach ein paar Augenblicken verlor er sich im Gewühl der Wartenden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn wiedersehen würde. Woher kenne ich ihn nur? Bis jetzt ist es mir nicht eingefallen. Ich höre das Pfeifen des Zugbegleiters und schon setzt sich der Zug in Bewegung, um mich irgendwann an mein Ziel zu bringen.

In diesem Zug ist es nicht sehr voll. Überall sind Plätze frei. Einige der Passagiere dösen vor sich hin, andere schauen aus dem Fenster, oder sprechen leise miteinander. Die Landschaft fliegt vorbei und ich wünschte, ich könnte mehr davon sehen. Aber als Reisende darf man nicht unzufrieden sein. Eines Tages werde ich ankommen und dann kann ich alles ganz genau anschauen. Die Berge oder das Meer. Am liebsten beides. Vor mir das Meer und hinter mir die Berge, Bäume aller Art. Wenn ich es mir aussuchen dürfte, dann Zypressen, Oliven- und Mandelbäume, Korkeichen und Pinien. Ich liebe Bäume. Die verschiedenen Blätter, die raue Rinde, die bei jedem Baum anders ist, wie eine Signatur, ein Fingerabdruck. Ich finde es faszinierend Bäume zu fühlen, ihnen zu lauschen, wenn der Wind durch ihr Laub fährt und sie mit ihrem Rauschen immer neue Geschichten erzählen. Außerdem soll es dort Häuser geben, aus rotem Backstein mit Reetdächern, oder weiß getünchte Häuser, die in der Sonne wie Edelsteine strahlen, mit Dachterrassen, auf denen man die Weite des Meeres und des Himmels sehen kann. Ich wünsche mir einen Ort mit Blumen. Bougainvilleas in ihren wundervollen Farben, Rosen, die mit ihrem zarten Duft die Luft erfüllen. Flieder, Goldregen, Schneebälle und Rhododendron, ich weiß, das sind Büsche, aber ich mag ihre Blüten so sehr. Aber Lavendel, Veilchen, Margeriten, Vergissmeinnicht und Gänseblümchen sind Blumen. Ich bin leider kein guter Blumenkenner, aber ich mag sie außerordentlich.

„Hallo“, sagt eine freundliche Stimme.

Ich blicke auf und sehe in zwei bernsteinfarbene Augen.

„Darf ich mich zu ihnen setzten?“

„Ja, gerne“, antworte ich erfreut.

Der Mann vom Bahnsteig setzt sich mir gegenüber.

„Wo soll es denn hingehen?“, fragt er und lächelt.

„Ich weiß es nicht.“

„Oh, das ist aber selten. Sie wollen also in ein Abenteuer aufbrechen“, stellt er belustigt fest.

„Nein, so würde ich es nicht sagen“, ich schüttele den Kopf, „ich bin verloren gegangen und suche diesen einen bestimmten Ort, wissen sie?“

Da verdunkeln sich seine schönen Augen und eine große Traurigkeit senkt sich auf ihn herab.

„Ja, ich weiß“, sagt er leise, mehr zu sich selbst als zu mir.

Wir schweigen eine Weile, dann hebt er den Blick und sieht mich bedauernd an.

„Ich möchte sie nicht beunruhigen, aber ich fürchte sie werden ihn niemals finden.“

Ein kleiner Stich geht mir durchs Herz. Ob der Mann die Wahrheit sagt. Er sieht aus, als hätte er schon Erfahrungen mit dem Verlorensein und dem Finden gemacht. Doch dann denke ich an Jacob Grimm. Er sagte, ich solle nicht einfach irgendwo bleiben. Ich glaube fest, dass ich meinen Zielort finden werde.

„Wohin wollen sie?“, frage ich den Mann.

„Ich weiß nicht. Irgendwohin. Ich bleibe, wo es mir gefällt, und fahre weiter, wenn ich es nicht mehr aushalte.“

Nervös fährt er sich durch sein pechschwarzes Haar. Seine Haut ist von der Sonne gebräunt und schimmert golden in ihren Strahlen. Meine Haut dagegen ist weiß, wie Schnee und egal was ich tue, sie bleibt es.

„Wenn sie möchten, lade ich sie ein, ein Stück mit mir zu reisen“, schlage ich ihm vor.

Er legt den Kopf etwas schief und ein kleines Lächeln huscht wieder über sein Gesicht.

„Warum nicht“, antwortet er, „ich habe noch nie jemanden wie sie getroffen. Wer weiß, vielleicht, wenn sie ihren Platz gefunden haben, werde ich eine Weile bleiben und sehen, wie das Leben dort ist. Getreu meinem Motto, man muss immer gierig sein, auch wenn man nicht hungrig ist.“

Ich strecke ihm die Hand hin.

„Das ist ein Wort. Mein Name ist übrigens Noelle Snow.“

„Sehr erfreut, Noelle, mein Name ist Raoul Kapoor.“

Er nimmt meine Hand und drückt sie fest. Raoul hat warme, schlanke Hände mit schönen Fingern.

„Sie haben Klavierhände“, stelle ich fest, „sind sie Klavierspieler?“

Raoul schaut mich erstaunt an.

„Woher wissen sie das?“

„Ich weiß es nicht. Ich nehme es nur an. Ihr Name hat so eine eigene harmonische Melodie und ihre grazilen Finger dazu.“

„Ich kann nicht nur Klavier spielen. Ich spiele jedes Instrument, das es gibt.“

„Oh, geht das?“, jetzt ist es an mir erstaunt zu sein.

„Ja“, erklärt er, „natürlich muss ich es in den Händen halten und mich daran gewöhnen, aber es gelingt mir innerhalb kürzester Zeit, jedes Instrument zu erlernen.“

„Was für eine wundervolle Gabe!“, bewundernd sehe ich ihn an.

„Und was für eine Gabe haben sie?“

„Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, ich bin eine Erzählerin.“

Ich höre ganz tief in mich hinein und es fühlt sich richtig an.

„Warum sind sie sich nicht sicher?“

„Weil ich mich verloren habe und nun muss ich mich finden und dazu den Ort, an dem ich gefunden werde.“

„Wer wird sie finden?“, fragt Raoul, „oder weiß jemand, dass sie verloren gingen?“

„Ich weiß es nicht. Bis jetzt scheint niemand nach mir zu suchen.“

„Woher wissen sie dann, dass sie eine Geschichtenerzählerin sind?“, hakt Raoul nach.

„Weil ich Geschichten über alles liebe und mir selbst immer neue Geschichten ausdenke, wenn ich alle anderen schon kenne“, erkläre ich, „dazu ist das Reisen übrigens von Vorteil. Ich sehe und höre soviel, dass mir die Geschichten niemals ausgehen.“

Raoul sieht mich nachdenklich an. Seine Augen ruhen auf meinem Gesicht, als würde er es mit den Fingern abtasten. Ich erröte und senke meinen Blick. Ein warmes Gefühl erfüllt mich. Es fühlt sich ein bisschen so wie finden an. Als ich Raoul wieder anschaue, hängt sein Blick an meinen Lippen und ich spüre ein leichtes Kitzeln, wie von Sonnenstrahlen.

„Sie mögen Schokolade, nicht wahr?“, fragt er ohne Zusammenhang.

„Ja, und wie gerne.“

Ich klatsche in die Hände. Raoul lächelt über meine kindliche Begeisterung.

„Darf ich meine mit ihnen teilen?“

Raoul zieht eine bunte feine Seidentüte aus seinem Rucksack. Er öffnet die goldene Schleife und gibt mir die glitzernde Kordel.

„Für sie“, sagt er nur.

„Danke, wie schön!“

Ich schlinge das Band um meine roten Locken und binde mir einen Pferdeschwanz. Raoul hat ein winziges Päckchen aus der Tüte geholt und hält es mir hin.

„Bitte sehr.“

Er lächelt. In seinen Augen tanzen kleine Funken. Ich nehme das Päckchen, öffne es vorsichtig, um die Verpackung nicht kaputt zumachen. In dem Schächtelchen liegt eine kostbare Praline. Obenauf ist ein winziger Splitter Blattgold drapiert, der das Ganze noch wertvoller macht. Verzückt sehe ich Raoul an.

„Die ist wunderschön! Viel zu schön, um sie zu verspeisen.“

Raoul lacht.

„Bedenken sie aber, dass solch ein Kunstwerk vergänglich ist. Zuviel Wärme, ein Stoß … und schon ist es kaputt und verliert an Geschmack.“

Raoul hat Recht. Ich nehme die kleine Kugel in die Hand und lege sie behutsam auf meine Zunge. Raoul schaut mir gebannt dabei zu. Ich schließe meinen Mund und meine Augen. Man kann besser schmecken, wenn die Augen geschlossen sind, weil sich der ganze Sinn auf das Schmecken konzentriert. Langsam schmilzt der äußere zartbittere Kern und setzt die Nuancen der anderen Zutaten frei. Ich erkenne Mandeln, Orangen, ein Hauch von Lavendel und Rose, und einen Geschmack, den ich nicht kenne.

„Das ist das Gold“, höre ich Raoul.

Als die kleine Kostbarkeit sich aufgelöst hat, öffne ich meine Augen wieder, sehe Raoul an und habe plötzlich das übermächtige Gefühl, als würde ich ihn eine Ewigkeit kennen. Ich zögere einen Moment, dann fasse ich mir ein Herz.

„Raoul, da du mir so eine Kostbarkeit zum Geschenk gemacht hast, darf ich dir auch etwas von mir geben?“, frage ich.

„Ja, sehr gerne. Was ist es denn?“

„Nun, ich habe nichts Kostbares, außer meinen Geschichten.“

„Ich liebe Geschichten.“

Raoul lehnt sich bequem in seinem Sitz zurück und sieht mich erwartungsvoll an. Etwas nervös, weil er mich so genau betrachtet, ziehe ich das goldene Band aus meinem Haar und spiele damit herum, während ich nach einem Anfang suche.

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… besonders wenn drei fleißige Schreiberinnen eine Anthologie mit diesen Appetithäppchen herausbringen wollen und sich eine Deadline gesetzt haben. Die Ordner sind voller Dokumente. Fertige, angefangene, Notizen, Ideenzettel. Es mangelt keineswegs an aufregendem Stoff und auch für die leibliche Stärkung ist gesorgt. – NEIN! Nicht was ihr jetzt denkt – wir sitzen brav am Schreibtisch vor unseren Laptops und liegen nicht mit Hugh Jackman, Chris Hemsworth, Alexander Skarsgard oder diversen anderen Sahneschnitten auf der Couch. – Ich meine Kaffee, Schokolade in jeglicher Form, gekühlter Rose oder gerne auch ein Sekt, Salzstangen und Weingummi…

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und JA, diesmal meine ich die rote Couch, den Autorücksitz, die Folterkammer (was E.L.James kann, dass können wir schon lange, und glaubt mir Mädels (und Jungs) wir machen keine halben Sachen und langen ordentlich hin.),die Umkleidekabine und den Billardtisch. Ich habe mir sagen lassen, das taugt nur als Fantasie, da man sich auf dem Filzbelag die Knie wund scheuert. (Schreiben bildet also auch das Allgemeinwissen.)

Da sitzt du also, draußen ist alles Grau, das schmutzige Geschirr verunstaltet deine Küche, die Wäsche möchte bitte endlich die Waschmaschine verlassen und aufgehängt werden. Die Katze jammert dich seit einer halben Stunde an, weil du verdammt noch mal jetzt aufstehen und sie füttern sollst. Ach und waren da nicht noch Kinder, die gerade irgendwas von Feuer legen und überschwemmen gesagt haben??? Egal. Die Zeit läuft. Die Storys sollen fertig werden, wenn`s geht, pronto! Schließlich haben wir nicht ewig Zeit und das Schreiben ist erst der Anfang. Korrigieren, überarbeiten, Titel, Cover, Pseudonym (?) Umfang des Buches usw. muss besprochen werden.

Alles Dinge, die die erotische Stimmung nicht unbedingt heben. Besonders wenn man seine Geschichte das 10te Mal gelesen und bearbeitet hat, und der geile Sex inzwischen zu einer lahmen Ente geworden zu sein scheint, weil du jedes Wort, jede Stimmung, jeden Handgriff zum x-ten Mal gelesen und es dir vorgestellt hast. Da wird auch der schärfste Kerl aus deiner Fantasie zu einem Schoßhündchen (da dürft ihr reinlesen, was ihr wollt 😉 ).

Da hilft nur eins: schmeiß dich in erotische Unterwäsche. Auch wenn du eine Schlabberhose drüber ziehst, wichtig ist: du weißt, wie sexy du drunter bist. Wer weiß, wozu es später gut ist, wenn der Herr des Hauses auf der Bildfläche erscheint? Dufte nach deinem Lieblingsparfüm, höre Musik, die zum Thema passt, tanz dazu, wenn du gerade nicht weißt, wie es weiter geht. Tanzen versetzt nicht nur den Körper in Schwingungen. Trink Cappuccino (oder was du magst) und lass dir genüsslich etwas Schokolade auf der Zunge zergehen. Ein Glas Sekt zur Anregung kann dich lockermachen, aber Vorsicht(!) zu viel Alkohol blockiert, weil man dann nicht mehr besonders gut denken kann. Und Recherche. Es gibt sehr ansprechende Seiten im Netz, Dokus und Bücher (z. B.: Sexratgeber – Kamasutra *g*), die die Fantasie ankurbeln.

So vorbereitet sollte Frau es schaffen, sich dem Text und der Inspiration hinzugeben. Ich könnte hier noch ein paar eindeutige Zweideutigkeiten einfließen lassen und ich gebe zu, es kitzelt in meinen Fingerspitzen. Aber ich begnüge mich einfach damit: Let it flow and have fun. Harte Arbeit und Spaß müssen sich nicht ausschließen. Da bekommt das Sprichwort „Arbeit macht das Leben süß“ (von G.W.Burmann, 1777) doch direkt eine ganz neue Bedeutung.

Also meine Damen, erhebt die Gläser! Sagen wir es mit Hoffmann von Fallersleben:

 

Es leben die Poeten!
Die erhabenen begrabenen
Und die sterbenden lebenden,

sinnig waltenden,
innig entfaltenden,
minnig gestaltenden,

klangentzückten entzückenden,
sangbeglückten beglückenden,

bei Erlebnissen,
bei Begebnissen,
bei Begräbnissen,
bei Hoch-
und bei noch
andern Zeiten
und Gelegenheiten —

Es leben alle Poeten auf Erden,
Die’s heute schon sind oder morgen noch werden!

Have a good time to write. Cheers!!!

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