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Posts Tagged ‘Schmerzen’

Sehnsucht quillt in zähen Tropfen

Rinnt in langen Striemen

Zieht Schmerzen über meine Haut

Suche Erfüllung die mein Leiden heilt

 

Du könntest meine Qualen lindern

Deine Hand auf meine Wunden legen

Mein aufgewühltes Herz zur Ruhe bringen

Doch du bist weit fort

 

In der Stille meines Zimmers

Höre ich deine samtige Stimme

Die meine Seele berührt

Mein Inneres erzittern lässt

 

Jedes Wort von deinen Lippen

Geht mir unter die Haut

Zieht mich unaufhaltsam zu dir hin

Brauch dich wie die Luft zum Atmen

 

Deine Muse die mich zärtlich küsst

Mir ein Stück Ewigkeit gewährt

Komm zu mir

Liebe mich

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Verdammt! Wo ist dieses blöde Schloss?!

Es soll für immer sein, sagte er, als er es anbrachte, ich habe es extra für uns anfertigen lassen. Klar! Große Worte nichts dahinter.

Warum habe ich mich so täuschen lassen? Waren es die dunkelbraunen Augen, die mich so leidenschaftlich ansahen, wenn er mich in den Armen hielt und mir seine Liebe beteuerte? Seine Lippen, die so unglaublich küssen konnten? Sein betörender Duft und seine zärtlichen Hände, die alle Widerstände fort streicheln konnten?

Ich hätte es wissen müssen! Er war einfach zu perfekt. Ich suchte nach dem Haken und fand keinen. Also warf ich alle Bedenken über Bord. Wir verankerten den Riegel des Schlosses. Danach war nichts mehr wie es war und doch konnte ich ihn nicht verlassen. Egal was er tat, sagte oder nicht tat und sagte. Ich war wie paralysiert. Konnte mich nicht von der Stelle bewegen.

Da! Das verdammte Schloss. Ich werde nie von ihm loskommen, wenn ich es nicht vernichte. Ich setze die kleine Metallsäge an und zersäge den Riegel. Es dauert eine Weile. Mit tränenblinden Augen und zitternden Händen sägt es sich nicht besonders gut. Endlich zerbricht der Riegel. Das Schloss fällt heraus aus der Menge. Ich gebe ihm einen Tritt. Mit einem Platsch versinkt es im Rhein. Versunken für immer, wie der Schatz der Nibelungen.

Ein Ruck geht durch meinen Körper. Ein Stich trifft mein Herz. Ich krümme mich vor Schmerzen. Doch dann, spüre ich eine unglaubliche Erleichterung. Ich atme auf. Es ist vorbei.

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Meine Knochen klappern. Die unmenschliche Kälte, das Wandern durch das Niemandsland, Dunkelheit, immer in Gefahr entdeckt zu werden. Und der Mann, der mich führt, ist ein rätselhafter Fremder. Unter seinem langen schwarzen Mantel, trägt er eine dunkle Lederrüstung und dicke Stiefel. In seinem Gürtel stecken Messer und Wurfsterne. In den beiden Rückenhalftern stecken Schwerter. Ich bin sehr sicher, dass dies nicht die einzigen Waffen sind. Bevor Malachias mich ihm anvertraute, hatte ich noch nie von ihm gehört und mir kam im Palast viel Klatsch und Tratsch zu Ohren. Malachias sagte mir, er sei einer der Schattengänger, was auch immer das bedeutet.

Ich habe Angst“, wage ich das Wort an ihn zu richten.

„Das ändert nichts“, stellt mein Begleiter gleichgültig fest.

„Mir ist so kalt. Ich kann kaum noch laufen.“

Meine Zähne schlagen beim Sprechen aufeinander. Er sieht mich herablassend an.

„Ich wusste, dass ich mit dir `ne Menge Ärger haben werde. Also gut. Eine kleine Pause. Los Junge, hinter der nächsten Biegung liegt eine kleine Hütte im Wald, da können wir rasten.“

Er packt mich energisch am Arm und zerrt mich weiter. Hat er wirklich nicht gemerkt, dass ich ein Mädchen bin? Malachias hat mir eingeschärft mich nicht erkennen zu geben. Ich kann niemandem vertrauen. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Tatsächlich ist es nicht sehr weit bis zu der Hütte. Der Schattenmann macht ein Feuer in dem kleinen gusseisernen Ofen. Ich hocke mich dicht daneben. Am liebsten würde ich den Zylinder mit beiden Armen umklammern, um die Wärme in mir aufzusaugen.

„Da kannst du schlafen.“

Er deutet auf eine Ecke in der Stroh in Säcken aufgeschichtet ist. Ein paar alte Decken liegen zusammengeknüllt obenauf.

„Hier ist es wärmer“, riskiere ich, mit einem skeptischen Blick auf die vergammelten Decken, ein Widerwort.

Unsere Augen treffen sich. – Ich beiße die Zähne zusammen und krieche ohne weiteren Protest auf das Strohlager. Es riecht stockig. Ein Ekelgefühl schüttelt mich. Ich versuche flach zu atmen. Er zieht seinen Mantel aus, legt sich hinter mich und breitet den Mantel als Decke über uns aus.

„Mir ist das Ganze auch nicht geheuer“, murmelt er.

Es ist das erste Mal, dass ich einen Anflug von Gefühlsregung bei ihm erkennen kann. Er legt seinen Arm um mich, zieht mich so dicht an seine Brust, dass kein Blatt mehr zwischen uns passt. Für einen atemlosen Moment spannt sich jeder Muskel meines Körpers an. Ich liege stocksteif da.

Nach einer Weile höre ich seine gleichmäßigen Atemzüge und entspanne mich. Ich schmiege mich so effektiv wie möglich an seinen athletischen Körper, um alle Wärme aufzunehmen, die ich erhaschen kann. Ein Geruch von Leder, Wärme und Wolle steigt mir in die Nase und ist nicht einmal unangenehm, wenn der Mief des alten Strohs nicht wäre.
Ich sehne mich beinahe schmerzlich nach einem heißen Bad mit duftenden Badeessenzen und einem dicken weichen Handtuch, mit dem ich mich einhüllen kann. Danach eine Orgie aus Cremen und Ölen, die meine Haut wie ein Schwamm aufsaugen würde.

Stattdessen liege ich auf einem stinkigen Strohlager, in den Armen eines mysteriösen Unbekannten, auf der Flucht vor meinen Häschern und vertraue ihm mein Leben an. Ich habe Furcht vor ihm. Gleichzeitig fühle ich mich in einem Maß von ihm angezogen, dass mich schwindelig macht. Seine eindrucksvolle physische Präsenz, die außergewöhnlich Ausstrahlung, der hypnotische Blick und die gebieterische Stimme machen ihn unwiderstehlich. Andererseits spüre ich, die undurchdringliche, fast wesenhafte Dunkelheit, die von ihm ausgeht.
Wie viele Leben hatte er genommen? Wie viel Blut vergossen? Schuldig oder unschuldig. Wie oft dem Tod ins Angesicht gesehen? Er war furchtlos, bis zur Selbstzerstörung. Ich hatte es selbst gesehen.

Malachias brachte mich zu dem vereinbarten Treffpunkt. Etwas war schiefgegangen und wir wurden entdeckt. Ich war den Gegnern so wichtig, dass man mich mit einem Trupp von hundert Soldaten jagte. Lächerlich. Die Flucht war vereitelt ehe sie begonnen hatte. Bis er die Schwerter zog. Er streckte die Angreifer mit eine Präzision nieder, die ihres gleichen suchte. Eiskalt. Kein Zaudern in seinem Blick. Kein Zögern, wenn er die Schwerter durch Fleisch und Knochen fahren ließ. Jeder Schlag ein Treffer. Trotz seiner Größe und Kraft bewegte er sich elegant und leichtfüßig wie ein Tänzer. Ein Tänzer des Todes in einem Ballett des Verderbens. Ich glaubte nicht an Götter und Dämonen, aber er brachte meine Überzeugung ins Wanken. Nachdem er die Hälfte der Soldaten geschlachtet hatte, ergriffen die anderen die Flucht. Er wischte das Blut vom Stahl und steckte die Schwerter zurück in ihre Holster. Nicht ein Haar hatte man ihm gekrümmt. Gab es einen Gegner, dem er nicht standhalten konnte?

„Schlaf und hör auf nachzudenken.“

Schreckte mich seine tiefe Stimme aus meinen Gedanken.

„Ich dachte, du schläfst?“

„Ich schlafe nie.“

Der Gedanke, zu keiner Zeit Ruhe zu finden, schmerzt mich körperlich.

„Hast du niemals geschlafen?“

„Doch, aber das muss tausend Jahre her sein. So fühlt es sich jedenfalls an.“

„Warum hast du den Auftrag von Malachias angenommen?“

„Er war einer der wenigen Menschen, die gut zu mir waren, wenn man zu unsereins gut sein kann. Und er hat mich gebeten den letzten Nachkommen des Hauses Schador zu beschützen.“

Er schweigt, aber ich weiß, er verheimlicht mir etwas.

„Den anderen Grund kannst du nicht verstehen“, fährt er fort, „dazu bist du zu jung. Schlaf jetzt.“

Ich habe noch so viele Fragen. Plötzlich streicht er mir über die Augen. Dunkelheit.

 

Fotzsetzung in Planung 🙂

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Ich sehe Raoul an. Sein Blick hält meinen fest.

„Was für eine schrecklich, traurige Geschichte“, sagt er leise.

„Aber Saphira ist doch glücklich geworden. Niemand sollte betrogen werden. Man muss sich der Liebe eines anderen als würdig erweisen und sie niemals als selbstverständlich hinnehmen.“

„Was wurde wohl aus Asch?“, überlegt Raoul.

„Hier steht noch ein Satz“, stelle ich fest, „Asch wanderte über das Sandmeer und beobachtete, seine Geliebte Saphira, damit ihr nie wieder jemand wehtun konnte. Als seine Tage zu Ende gingen, wurde er zum Sternbild des Falken, um über ihre Kinder und Kindeskinder zu wachen.“

„So hat die Geschichte doch noch ein gutes Ende gefunden.“

„Ja, ich denke auch“, ich schlage das Buch zu, „und wir haben gesehen, dass man doch noch einmal lieben kann, wenn man einen Menschen findet, der es wert ist.“

Raoul sieht mich sehr aufmerksam an, aber bevor er noch etwas sagen kann, erhebe ich mich und frage ihn:

„Was meinst du, wollen wir einen Kaffee holen und etwas zu essen?“

„Gerne, das ist eine gute Idee“, antwortet Raoul, „aber ich zahle.“

„Das nehme ich an“, freue ich mich.

„Wenn du mir nachher noch etwas vorliest“, feilscht er.

„Na gut, weil du so nett bist“, lächele ich.

Als ich Raouls funkelnden Blick auffange macht mein Herz einen Satz und für eine Sekunde denke ich, wie wohl ein Kuss von ihm schmeckt. Aber dann erinnere ich mich daran, dass ich erst meinen Bahnhof finden sollte, und folge Raoul in das Bordrestaurant.

„Was möchtest du essen?“

Raoul und wirft einen interessierten Blick in die Karte.

„Was gibt es denn Leckeres?“

„Ich würde Bandnudeln mit Steinpilzen empfehlen.“

„Das hört sich gut an. Möchtest du ein Glas Wein dazu trinken?“

„Gerne danke!“, ich sehe ihn aufmerksam an, „warum ist es dir so wichtig, dass ich dir vorlese?“

Raoul räuspert sich und blickt einen kurzen Moment aus dem Fenster. Dann lächelt er und sagt leise:

„Früher war es mir nie wichtig, dass mir jemand vorliest. Aber als ich die Melodie deiner Stimme hörte, war es um mich geschehen. Du weißt, dass ich die Musik liebe und deine Stimme hat ihren ganz eigenen wundervollen Klang.“

Sanft nimmt er meine Hand in seine. Schweigend schauen wir uns an. Wie viel können Blicke sagen. Wie viel das Halten der Hand. Ich könnte die nächsten 200 Seiten füllen, ohne ein einziges Wort über etwas anderes (was auch immer es sei) zu verlieren. Und auch wenn die Liebe das Herrlichste und Wichtigste ist und das Thema über, das man am meisten redet, könnte ich ja die Geschichte vom Verlorensein und Finden nicht weiter erzählen. Wenn ich in Raouls Augen sehe, sein Lächeln mein Herz erwärmt und seine schöne Hand meine festhält, dann fühle ich etwas, wie „gefunden“. Alles in mir fühlt sich zu ihm hin und von ihm angezogen.

„Ihr Wein“, sagt der freundliche Kellner, „die Pasta kommt gleich.“

„Danke“, erwidert Raoul und nimmt sein Glas, „wollen wir anstoßen?“

Ich nicke zustimmend und mit einem feinen Klingen stoßen wir die Gläser zusammen. Der Kellner bringt die Pasta und wünscht uns einen guten Appetit. Das Essen ist ausgesprochen gut.

„Ich muss sagen, dass hast du gut ausgesucht, Noelle“, lob Raoul.

„Danke, ich hab eben gut getippt. – Da fällt mir etwas ein. Ich würde mich freuen, wenn du mir etwas auf einem Instrument vorspielen würdest.“

„Gerne, warum nicht“, antwortet er, „ich schaue nachher einmal nach, was ich für Instrumente eingepackt habe“, sagt er geheimnisvoll.

„Darf ich dich fragen, wie lange du schon in diesem Land wohnst?“

Raoul überlegt einen Moment.

„Ich weiß es nicht. Mir kommt es manchmal vor als sei es gestern gewesen, aber ich weiß, es kann nicht sein. Ich bin zum ersten Mal hierher gekommen, als ich auf einer Konzerttournee war. Ich hatte ein großes Orchester und einen Chor dabei. Es war wunderbar, aber irgendwann wurde mir der Rummel zu groß. Dann sah ich bei einer Autogrammstunde dieses schöne Mädchen, schlich ich mich davon und flüchtete mit ihr in ihre kleine Wohnung.“

Er macht eine kleine Pause und ich habe schon die Befürchtung, er wird die Geschichte nicht weiter erzählen. Aber er fährt fort:

„Wir verbrachten ein paar wundervolle Tage miteinander. Wir machten Picknick auf der Dachterrasse, lebten unter einem mondbeschienenen Himmel, verschliefen die heißen Tage. Durch sie wurde ich neu inspiriert. Alle Kräfte, die sich in den langen anstrengenden Tourtagen ausgezehrt hatten, wurden wieder aufgefüllt. Sie war meine Muse. Der Fluss, der meinen See füllte und obwohl wir alles teilten, fehlte nur noch eins. Ich wollte sie. Ganz. Nicht nur ihren Geist, auch ihren Körper. Aber ich war mir auch klar darüber, dass ich wieder gehen musste, ohne sie zu besitzen. Sie war ein reines Geschöpf und mir zu nehmen, was man nur dem Menschen gibt, den man liebt und dann zu gehen, brachte ich nicht fertig.“

Raoul seufzt inbrünstig und sieht mich mit einem fiebrigen Glanz in den Augen an. Sein Blick trifft mich und ein schmerzhaftes, wehmütiges Gefühl erfüllt meine Seele.

„Sag mir, warum tut Liebe nur so verdammt weh?“

Raoul fragt mich und ich spüre, dass er einen harten Panzer um sein Herz geschnürt hat, damit er seine Schmerzen nicht fühlen muss.

„Weil Liebe das Einzige ist, das wir haben“, antworte ich, „was wäre die Alternative gewesen?“

„Ich hätte mir alles nehmen können“, sagt er schlicht, „sie stand vor mir, nackt und bereit mir alles zugeben, was immer ich gefordert hätte.“

„Und warum hast du es nicht getan?“

„Weil es unfair gewesen wäre, sie zu lieben und am nächsten Tag fortzugehen, ohne zu wissen, wann ich zurückkommen kann.“

In seiner Stimme liegt soviel Trauer, dass es mir ins Herz schneidet.

„Dann hast du wirklich geliebt“, flüstere ich, „du hast verzichtet und dass obwohl es direkt vor dir lag.“

„Und doch war es nicht so großherzig, wie es sich jetzt anhört“, erwidert Raoul tonlos, „ich habe Tausende Nächte wach gelegen und sie vor mir gesehen. Den makellosen Körper, die runden prallen Brüste mit den rosa Knospen, die sinnlichen Lippen und die schlanken Schenkel, die das Allerheilige verbergen. Und glaub mir, in jeder dieser Nächte habe ich das getan, wozu ich in der Wirklichkeit nicht in der Lage war, ich habe sie geliebt, wie ein Rasender. Ich habe jeden Winkel ihres Körpers berührt, geküsst und geschmeckt. In jeder verfluchten Nacht habe ich ihr einen Orgasmus bereitet und meinen verweigert, um mich für meine Feigheit zu quälen, die mich in die Flucht geschlagen hat.“

Seine Augen haften auf meinem Gesicht, nehmen jede Regung auf, jedes kleinste Zucken, das über meine Wangen huscht, während er redet, um meine Reaktion zu sehen.

„Ja“, sagt er dann leise, „ich war feige. Der schlimmste aller Feiglinge. Ich hatte das Mädchen gefunden, dass ich hätte lieben können. Doch ich habe meine Kunst, meine verdammte, wunderbare Kunst über die Liebe und das Leben gestellt. Nun siehst du mich hier sitzen, dir mein finsteres Herz und meine Wut offenbaren und eine Chance betrauern, die niemals wieder kehren wird.“

Tränen laufen mir über die Wangen. Jedes seiner Worte ist ein Hieb in mein Herz. Ich weiß, alles was er mit erzählte, ist die Wahrheit.

„Warum bist du nicht zu ihr zurückgekehrt?“, frage ich mit bebenden Lippen.

„Ich wollte zurückkehren. Wie oft habe ich es versucht. Wie oft vor ihrem Haus gestanden. Manchmal habe ich sie sogar gesehen. Aber als ich dann endlich den Mut gefunden hatte, war sie fort. Weggezogen in eine andere Stadt. Inzwischen weiß ich nicht einmal mehr, ob alles nur ein Traum war, um mich für meinen Hochmut zu strafen.“

„Darf ich ihnen einen Kaffee bringen?“, höre ich den Kellner neben mir fragen.

„Ja, bitte zwei Espressi“, bestellt Raoul.

Seine Hand greift nach meiner.

„Deine Hände sind ganz kalt“, stellt er fest, „verzeih, dass ich dich traurig gemachte.“

Ich bringe ein schwaches Lächeln zustande. Raoul nimmt meine Hände zwischen seine und reibt sie sanft. Dann, ganz überraschend, beugt er sich vor und haucht sanfte Küsse auf meine Handrücken, während er mein Gesicht nicht aus den Augen lässt. Mein Herz setzt für einen Schlag aus und ein wildes Kribbeln zieht sich meine Arme hinauf, bis zu meinen Schultern, über meinen Hals. Behutsam wischt er die Tränen von meinen Wangen.

„Du bist schön“, sagt er leise.

Verlegen schlage ich die Augen nieder. Wann hat mir ein Mann das letzte Mal so etwas gesagt? Es muss in einem früheren Leben gewesen sein. Ob es tatsächlich wahr ist, oder hatte ich es mir nur eingebildet? Das ist das Problem des Verlorenseins. Viele Dinge, die waren, verblassen und gehen ins Reich der Mythen und Märchen hinüber. Es mag sein, dass es einem tieferen Sinn dient zu vergessen, aber wenn es so ist, dann habe ich es noch nicht herausgefunden. Will ich das überhaupt? Herausfinden. Vergessen. Wie wichtig ist das alles? Warum kann mein Hirn nicht aufhören, die Gedanken hin und her zu drehen. Ich weiß nicht, wohin ich gehe, wie lange es dauert, ob ich dort das finde, was ich mir erhoffe. Allerdings kann ich auch nicht dorthin zurück, woher ich gekommen bin, denn ich kenne den Ausgangspunkt nicht. Nun, immerhin befinde ich mich in netter Gesellschaft. Sogar in sehr netter Gesellschaft.

Ich sehe in Raouls Augen, spüre die Wärme seiner Hände. Mein ganzes Sein sehnt sich danach ihm ganz nah zu sein. Aber ich befürchte, dass der Glanz in seinem Blick nicht mir gilt, sondern dem Mädchen, dass er verlassen hat, und dass ihn so beherrscht. Wer weiß, was mich auf dieser Reise noch alles erwartet, und welche Überraschungen das Leben für mich bereithält. Ich muss an den Rat von Herrn Grimm denken, erst dort auszusteigen, wo ich wirklich zu Hause sein werde.

„An was denkst du?“, fragt Raoul und drückt meine Hand, „du siehst so nachdenklich aus.“

„Ich dachte daran, nur dort zu bleiben, wohin ich gehöre“, antworte ich, „aber wer weiß, vielleicht ist es ja auch kein Ort, wo ich bleiben werde. Dieses Rätsel muss ich erst noch lösen.“ Und denke, „schließlich könnte es ja auch sein, dass der Weg das Ziel ist und nicht die Frage, wo es ist, sondern wer es ist.“

„Wollen wir wieder ins Abteil zurückgehen? Ich habe noch ein Lied bei dir gut“, schlägt Raoul vor.

„Gerne, ich freu mich schon.“

„Und wenn du lächelst, so wie jetzt, dann bist du noch schöner, und deine Augen strahlen wie ein Frühlingstag im Mai.“

So etwas hat allerdings noch niemand zu mir gesagt, daran würde ich mich garantiert erinnern, egal wie verloren ich bin, oder würde in diesem Fall vergesslich eher zutreffen.

 

Zurück im Abteil müssen wir feststellen, dass wir nicht mehr allein sind. Zwar ist niemand zu sehen, aber ein fremder Trolley liegt im Gepäcknetz und ein Rucksack steht auf einem der Sitze. Ich vermute, dass es ein Mann ist, denn ein leichter Duft von Aftershave liegt in der Luft und der ist definitiv nicht von Raoul.

„Oh, wir haben Gesellschaft bekommen“, sagt Raoul.

Ich habe das Gefühl, das ihm diese Tatsache nicht gefällt. Er nimmt eine kleine Flöte aus seinem Rucksack und spielt mir eine traurige Weise. Irgendwo habe ich sie schon einmal gehört, die Melodie ist mir nicht unbekannt und sie schlägt eine Saite in meinem Herzen an.

Wenn ich doch nur hoffen könnte. Aber worauf? Auf Raoul, den Ort den ich finden will oder auf etwas, von dem ich heute noch nichts weiß. Vielleicht, weil ich es nicht mag zu warten und nicht zu wissen worauf. Auf jedem Bahnsteig warte ich auf den nächsten Zug, der mich meinem Ziel näher bringt. Aber worauf wartet mein Herz.

Warum zerbreche ich mir den Kopf über solche Ideen? Es ändert nichts, denn die Änderung ist vorprogrammiert. Sie ist das Elixier des Lebens oder der Grundbestandteil. Immer wird sich etwas ändern, dass wir nicht vorausgesehen haben, weil wir blind vor Liebe, Hass, Trauer sind oder es im Dunkel der Zukunft liegt, die wir nicht zu ermessen vermögen. Wir können nicht einmal unsere eigene Entwicklung einschätzen, besonders wenn sie in engem Zusammenhang mit anderen Menschen steht. Wie weit bewegen sich die einzelnen Figuren auf dem Weg vor oder verharren in ihrer Position? Allein dieser Umstand hat zur Folge, dass die Anziehungen stärker oder schwächer sind und sie uns zu anderen Menschen hintreibt oder die Anziehung auf sie größer wird. Mir fällt der Satz wieder ein, den ich in einem Buch über „Liebe im Laufe der Geschichte in der Literatur“ gelesen habe: Niemand kann verführt werden, der nicht verführt werden will. Es kommt darauf an, wer verführt und wie geschickt er vorgeht. Beherrscht einer das Spiel und verschließt der andere die Augen davor, weil er möglicherweise schon von der Person in Besitz genommen wurde, dann kann so eine Verführung schnell vonstattengehen. Ehe es die Protagonisten gewahr werden, stecken sie in einem schönen Schlamassel.

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