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Posts Tagged ‘Schlüssel’

„Ich seh nur der Geister Schatten.“

Adam verdrehte theatralisch die Augen und machte die ganz große Geste. Ich boxte ihn an den Oberarm.

„Lass das! Jetzt machst du dich noch lustig. Aber wenn du erst einen Zusammenstoß mit einem Geist hattest, dann lachst du nicht mehr!“ Ich steckte den Schlüssel ins Schloss des Eisentores. „Und bitte, sei endlich leise.“

Adam zuckte mit den Schultern und schüttelte missbilligend den Kopf. Er wollte noch etwas sagen, aber ich legte den Finger an den Mund und sah ihn böse an. Beleidigt verkniff er sich den Kommentar. Ich drehte den Schlüssel und das Schloss sprang wiedererwarten mit einem sanften Klicken auf.

„Müsste das nicht quietschen?“, fragte Adam spöttisch.

Er drückte die Klinke herunter und drückte den Torflügel auf. Ich wollte ich gerade ermahnen, als zwei Dinge geschahen, die meine ganze Aufmerksamkeit forderten.

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„Sorry, wichtiger Fall. Muss länger arbeiten.“

Wut steigt in meiner Kehle hoch, als ich Bernds Zeilen auf dem Display lese. Ich stehe seit 10 Minuten im Regen, der inzwischen durch meine Pumps dringt und warte auf sein Erscheinen. Es ist das dritte Mal, dass er mir absagt, doch dieses Szenario setzte dem Debakel die Krone auf.

„Du kannst mich mal, sorry“, tippe ich unbeholfen, balanciere den Regenschirm auf meiner Schulter.

Ich schiebe das Handy zurück in die Tasche und sehe mich nach einer Zuflucht um, in der ich mich aufwärmen könnte, bevor ich in meine einsamen vier Wände zurückkehre, die ein Teil meiner Schwierigkeiten sind.

Ein Stück die Straße hinunter fällt mir ein Schild auf. Musikbar Odeon. Warmes Licht spiegelt sich in den Pfützen auf dem Bürgersteig. Ich husche unter den Vordächern der geschlossenen Läden entlang. Alles ist besser, als die Einsamkeit.

Ich liebe das kleine Gartenhaus der Gründerzeitvilla, unter den riesigen alten Bäumen. Es ist wie ein verwunschenes Paradies. Leider hatte die Schlange Adam aus meinem Paradies vertrieben, oder sollte ich sagen entführt, und mich Obdachlos gemacht. Andererseits würde ich kaum in diesem traumhaften kleinen Häuschen wohnen, wenn ich nicht einen kompletten Neustart in einer fremden Stadt hingelegt hätte.

Dass sich Bernd, einer der Junior-Anwälte der Kanzlei für die ich arbeite, für mich interessierte tat mir gut, am Anfang. Jetzt ist es nur noch eine Farce. Besser, es war eine. Schluss damit.

Mit einem Ruck ziehe ich die Tür zum Odeon auf und stürze beinahe über die dicke Matte, die als Fußabtreter dient. In letzter Sekunde fange ich mich ab. Meine Handtasche und den Schirm kann ich nicht retten. Der Schirm landet unter einem Tisch und der Inhalt der Tasche ergießt sich in den Gastraum. Das Stimmengewirr der Gäste verstummt. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Nur der Mann am Flügel schaut nicht auf. Er spielt weiter, als ob nichts geschehen ist.

„Entschuldigung“, stammele ich und erröte bis unter die Haarspitzen.

Peinlich berührt von meinem Auftritt, raffe ich hastig meinen Kleinkram zusammen und stopfe ihn zurück in die Tasche. Unterstützung bekomme ich von einer freundlichen Bedienung. Die Gäste haben sich inzwischen wieder ihren Gesprächen zu gewendet.

„Machen sie sich keine Sorgen“, sagt sie und reicht mir meine Geldbörse, „das kann passieren.“

Ich ordne meine Kleider. Sie nimmt mir die Jacke ab und hängt sie an die Garderobe, steckt meinen Schirm in den dafür vorgesehenen Ständer. Ich setzte mich an die blankpolierte Bar aus rotem Holz. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass niemand hinschaut, streife ich meine nassen Pumps ab und klammere meine Zehen um den Metallring des Barhockers, der als Fußtritt dient. Die Kälte des Metalls rinnt meine Schienbeine hoch und löst eine Gänsehaut aus, die bis in den Nacken steigt. Ich erschauere.

„Was darf ich ihnen bringen?“, der Barkeeper schaut mich erwartungsvoll an.

„Einen großen Milchkaffee und etwas Alkoholisches zum Aufwärmen, bitte.“

Er lächelt und zwinkert mir zu.

„Da habe ich was für sie.“

Auf dem silbernen Schildchen an seiner Weste lese ich seinen Namen.

„Darauf habe ich gehofft, Josh“, erwidere ich sein Lächeln.

Während Josh die silberglänzende imposante Kaffeemaschine dazu bringt kochendheißes Wasser durch die Düsen durch den Kaffeefilter zu pressen und mir einen Milchkaffee braut, sehe ich mich um.

Das Odeon ist eine Musikbar der gehobenen Klasse. Der Gastraum ist größer, als es beim ersten Hinsehen den Eindruck machte. Die Theke hat die Form eines langgezogenen L und führt den Besucher in einen weiteren Gastraum dahinter. Die Einrichtung ist gediegen, das Mobiliar aus dunkelrotem Holz, wie der Tresen. Die Tapete ist aus goldgemusterter Seide.

Die Gäste an den kleinen Tischen sind elegant angezogen. Die Damen tragen Kleider und Schmuck, die Herren Anzüge und Krawatten. Ich fühle mich deplatziert. Es kommt mir vor, als hätte der Sturz mich in eine andere Zeit katapultiert. Wenn sich die Tür öffnet, Hemingway und Fitzgerald hereinkommen und neben mir am Tresen platznehmen, würde ich mich nicht wundern.

Mein Blick bleibt an dem schwarzen blankpolierten Flügel und dem Eroberer seiner Tasten hängen. Die leichte Melodie, die unter seinen Fingern aus den Seiten fließt, hat eine melancholische Wendung genommen. Mein Herz macht einen schmerzhaften Hopser. Für einen Moment halte ich den Atem an. Wie kann er Musik spielen, die meinen Herzschlag beeinflusst?

„Milchkaffee und heißer Amaretto mit Sahne“, Josh stellt die Getränke neben mich auf den Tresen, „das wärmt.“

„Danke, Josh“, sage ich artig und habe das Gefühl, beobachtet zu werden.

Josh entfernt sich taktvoll und ich wende meine Aufmerksamkeit erneut dem Pianisten zu. Kurz habe ich den Eindruck, er hätte in meine Richtung geschaut, aber seine Augen sind auf die Notenblätter vor ihm gerichtet. Ich bin sicher, dass das Musikstück, das er jetzt spielt, nicht auf den Blättern steht. Die Melodie hüllt mich ein, streicht über meine Haut, füllt den Raum, als könnte sie ein ganzes Universum mit Energie aufladen.

Ich nippe an dem heißen Amaretto, der mir süß die Kehle hinab läuft und eine angenehme Wärme ausstrahlt. Meine Augen heften sich auf die Hände des Mannes im dunklen Anzug. Mit eleganter Leichtigkeit laufen seine Finger über die schwarz- weißen Tasten. Mal sanft, mal fest schlagen sie die Töne an, die gleich leise klirrende Perlenketten durch den Raum schwingen. Ich habe das Gefühl, er spielt nur für mich, obwohl er durch nichts zeigt, dass er mich beachtet. Sein Blick wandert nicht in meine Richtung, scheint nach innen gerichtet zu sein.

Der Amaretto ist alle. Ich habe nicht bemerkt, dass ich das Glas ausgetrunken habe. Die Melodie geht in eine andere über. Die Sehnsucht des Liedes ergießt sich in mein Herz. Es erzählt von Sehnsucht, Einsamkeit und Träumen. Tränen treten mir in die Augen. Energisch versuche ich sie wegzudrängen. Ein wehmütiges Lächeln liegt auf den sinnlichen Lippen des Mannes. Seine Lider sind halb geschlossen. Versunken in seine Musik sitzt er da. Ganz nah und doch fern.

„Noch einen Amaretto“, fragte Josh neben mir und reißt mich aus meinen Betrachtungen.

„Gerne“, ich lächele ihm dankbar zu.

„Kommt sofort.“

Ich schaffe es meinen Blick solange von dem Klavierspieler zurückzuhalten, bis Josh mir den Amaretto hinstellt und sich anderen Gästen zu wendet. Als würde ich unter einem Bann stehen, zieht es meinen Blick wieder zu ihm. Er ist schlank, hat kurze dunkelblonde Haare und dieser Mund! Mit den Augen taste ich die Linien seiner Lippen nach. Wie es sich anfühlt, wenn sich sein Mund auf meinen legt?

Jeder Anschlag eines Tons rührt etwas in meinem Inneren an. Die Schutzmauer, die ich so mühsam aufgebaut und aufrecht gehalten habe, bekommt Risse. Mein Verstand warnt mich. Wenn ich nicht bald gehe, wird sie zerbersten und einstürzen. Ich ignoriere ihn, trinke den heißen süßen Amaretto, lecke mir die Sahne von den Lippen. Genieße das wohlige Gefühl der Leichtigkeit, das der Alkohol in mir auslöst, und meine Fantasie auf den Flügeln der Musik dahin schweben lässt.

Die Finger des Klavierspielers beherrschen die besonderen Nuance, die Tasten mal sanft, mal fester anzuschlagen, je nach Belieben schnell oder langsam dahin zu fließen. Seine Hände sind gepflegt, kurze Nägel, kraftvolle schöne Finger.

Ich stelle mir vor, wie er den Reißverschluss meines Kleides herunterzieht, seine Fingerspitzen mein Rückrad entlang streichen, wie er die Haken meines BH`s öffnet und meine Brüste freilegt. Die schwarze Spitze über meine Knospen reibt und sie hart und spitz abstehen, nur darauf warten von seinen Fingern umschlossen und süßer Qual ausgesetzt zu sein. Ein erregendes Kribbeln sammelt sich in meinem Nacken, versetzt meinen Körper in lustvolle Spannung nach mehr. Ich warte gespannt, welche Wunderdinge er mit seinen Zauberhänden tun kann.

Ein Seufzer springt von meinen Lippen. Unbewusst nur, aber nicht aufzuhalten. Der Mann am Piano blickt auf. Unsere Blicke treffen sich. Funken fliegen. Ich bin sicher, er erkennt mich, die große Sehnsucht, die er mit seinem wundervollen Spiel auslöst. Doch dann schaut er auf die Tastatur, sinkt zurück in sich selbst.

Es fühlt sich an, als wäre ich in eine eiskalte Pfütze ohne Boden gesprungen. Ich gehe unter. Das Wasser schlägt über mir zusammen. Ich schnappe nach Luft, Wasser dringt in meine Kehle, nimmt mir den Atem.

„Kann ich etwas für sie tun?“, fragt Josh neben mir, „sie sind ganz blass geworden.“

„Nein danke“, sage ich und meine Stimme zittert, „ich möchte zahlen.“

Ich suche meine Geldbörse, begleiche die Rechnung.

„Würden sie mir ein Taxi rufen? Der Regen hat nicht nachgelassen und der Weg in die Kastanienallee ist weit“, bitte ich den netten Barmann nach einem kritischen Blick aus dem Fenster.

„Sehr gerne“, Josh nickt und lächelt. „Wohnen sie in einer der alten Villen?“

„Nein. Nur im Gartenhaus unter den Kastanien.“

Ich gehe zur Garderobe und schlüpfe in meine Jacke, angele meinen Schirm aus dem Schirmständer. Eingehüllt in die sanften Melodien, trete ich auf die Schwelle der Bar. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Die Töne verstummen und gießen Stille über mich aus. Nur der Regen singt sein Lied. Ich fühle sie wieder, die Einsamkeit. Schlimmer als zu vor.

Das Taxi hält. Ich laufe über den Bürgersteig, gleite auf den Beifahrersitz und nenne die Adresse. Der Fahrer gibt nur einen zustimmenden Laut von sich und fährt los. Ich sehe aus dem Fenster. Meine Gedanken fahren Achterbahn.

Ich sehne mich schmerzhaft nach ihm, dem unbekannten Mann am Flügel. Sein Spiel brannte sich in meine Seele, legte ein Feuer, das meinen Körper erfasste. Es weckte verdrängte Lüste und Begierden auf und macht mich verrückt. Ich will ihn. Will seinen Körper und seine Seele erkennen. Mein Verstand tadelt meine Gier, doch meine hungernde Seele und mein ausgezehrter Körper kämpfen jeden Einwand nieder. Ich muss ihn wiedersehen, koste es, was es wolle.

Die schlafende Stadt fliegt an mir vorbei. Der Fahrer hält vor der Villa. Ich zahle, steige aus. Schnell betrete den Vorgarten, gehe den schmalen Plattenweg ums Haus entlang. Ich will nur noch eins, ins Bett. Mich in die warme weiche Decke einhüllen und die Hände des Klavierspielers auf meinem Körper fühlen, im Traum.

Ich krame in der Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Er ist nicht da. Hektisch wühle ich in dem Chaos herum. Der Schlüssel ist taucht nicht auf. Er liegt wahrscheinlich im Odeon unter einem der Tische. Ich muss nochmal zurück in die Bar. Allerdings hat der Taxifahrer mein letztes Geld bekommen. Das bedeutet den ganzen Weg zu Fuß. Im Regen, mit diesen blöden Pumps. Das alles für ein Date mit einem Mann, der mich zwei Mal versetzt hatte, nur damit ich den Samstagabend nicht wieder allein verbringen musste.

Plötzlich fühle ich mich unendlich einsam. Ich denke an den Mann am Flügel. Seine sinnlichen Lippen, die schönen Hände, die den Saiten des Instruments die sehnsüchtigen Klänge entlockten und mich auf diese unglaublich intensive Weise berührten. Tränen rinnen über meine Wangen, tropfen auf den Jackenkragen.

Es hilft nichts. Wenn ich in mein Bett will, muss ich zur Bar gehen und meinen Schlüssel holen. Ich mache mich auf den Rückweg, biege gerade um die Ecke der Villa, als ich mit einem Mann zusammenstoße. Ängstlich mache ich ein paar Schritte zurück.

„Keine Angst“, sagt er mit beruhigender Stimme, „ich wollte dir deinen Schlüssel bringen.“

„Danke“, sage ich und erkenne den Mann vom Flügel, „sie sind hier?“

„Als du das Odeon verlassen hattest, war es, als würde ein Stück meines Herzen mit dir gehen. Ich musste dich wiedersehen, um mich zu vergewissern, dass es nicht nur Einbildung ist.“

Wie ist es möglich, dass er ausspricht, was ich ebenso fühle? Auf der offenen Hand hält er mir den Schlüssel entgegen. Ich will ihn entgegen nehmen, aber er schließt mein Hand in seiner ein. Nicht fest. Ich könnte sie jederzeit herausziehen, aber ich will es nicht. So fühlen sich also seine warmen Hände auf meiner Haut an. Ein wildes Kribbeln zieht sich meinen Arm hinauf. Mein Herz überschlägt sich beinahe und mein Atem geht stoßweise.

„Möchten sie einen Kaffee mit mir trinken?“, frage ich mit zitternder Stimme.

„Ja“, sagt er und ich höre sein Lächeln, als er weiter spricht, „morgen früh. Ich bringe ihn dir ans Bett.“

In meinem Hirn rasen die Gedanken durcheinander. Bedeute es das, was ich denke, dass es bedeutet? Er führt mich zu meiner Haustür, nimmt mir den Schlüssel ab und schließt auf. Sacht schließt er die Tür hinter uns. Wir stehen im dunklen Flur, dicht voreinander. Ich weiß, dass er mich küssen, mit seinen schönen Händen berühren und meinen Körper mit seinem in Ekstase versetzten wird und doch kann ich mich nicht rühren. Ist es nur einer dieser One-Night-Stands, die meine Sehnsucht für einen Moment übertönen und mich umso sehnsüchtiger zurücklassen?

„Komm zu mir“, sagt er leise. Seine Stimme ist so melodisch, wie sein Spiel, „hab keine Angst. Ich weiß nicht, was mit uns geschieht, aber du gehörst zu mir. Ich habe lange auf dich gewartet und ich lasse dich nicht mehr gehen.“

Er legt seine Hände in meine Taille und zieht mich an sich. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Es ist wie nach Hause kommen. Der Sturm in meinen Gedanken kommt zur Ruhe, obwohl mein Körper sich in einer Aufruhr befindet, die ich seit Langem nicht mehr gefühlt habe.

„Küss mich“, flüstert er mit rauer Stimme an meinem Ohr.

Sein heißer Atem streift über mein Gesicht. Die Finger seiner linken Hand zerwühlen mein Haar. Ich lehne meinen Kopf in den Nacken und biete ihm meinen Mund zum Kuss. Er beugt sich zu mir, als sich unsere Lippen kosten, erschauern mein Körper und meine Seele unter dem aufgewühlten Gefühl, das dieser Mann in mir auslöst. Es ist wahr, muss wahr sein. Wir gehören zusammen, sind füreinander bestimmt. Er küsst mich so zärtlich, lustvoll und sinnlich, dass ich die Zeit und den Raum um mich herum vergesse, wie im Odeon, als er mich mit seinen Melodien betörte.

Wir gehen ins Schlafzimmer. Die Gefühle in mir reffen sich zu Wellen auf, wollen Ausdruck finden, doch kein Wort ist annähernd genug, um sie zu beschreiben. Er zieht mich langsam aus. Seine Fingerspitzen setzen winzige Brände auf meine Haut. Jede Berührung durchdringt mich, jagt Schauer über meinen Körper und weckt mein Begehren in einem Ausmaß, das mich um den Verstand bringt. Ich bin das Instrument, das er durch seinen Anschlag zum Klingen bringt, mal sanft, mal nachdrücklicher. Er beherrscht das Spiel auf meinem Körper ebenso virtuos, wie auf dem Flügel. Ich öffne mich ganz für ihn, überlasse ihm den Rhythmus, fließe auf seinem Gezeitenstrom. Unsere Körper sprechen aus, was nicht in Worte zu kleiden ist. Die Nacht gehört uns, löscht die Erinnerung an Einsamkeit und Kälte aus.

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Schlüssel, Glas, Rot, Blütenblatt, Ende, Anruf

Der Wein in dem kostbar geschliffenen Kristallglas war tiefrot, wie die Blütenblätter der langstieligen Rose, die neben der Karaffe in einer schmalen Vase stand.

Sabrina betrachte die gefüllte Blüte. Sie war wunderschön. Sabrina verspürte den Drang die samtigen Blätter zu berühren. Die Worte des Mannes, ihr gegenüber, perlten an ihr ab, ohne in ihre Gedanken einzudringen.

Den ersten Sätzen folgte sie noch mit Interesse, fühlte sich dazu verpflichtet, immerhin hatte Anita ihr diese Verabredung verschafft.

Seit Sam fort war, hatte Sabrina niemand mehr an sich heran gelassen und ihre Schwester war inszwischen besorgt. Du musst loslassen und endlich weitermachen, sagte sie. Sabrina war anderer Ansicht, aber sie schätzte Anitas Fürsorge.

Der Mann, der sich als Tony vorgestellt hatte, drückte ihr die Rose mit einem Kompliment in die Hand, bestellte den Wein, ohne sie nach ihren Wünschen zu fragen und nachdem er sie nach ihrem Beruf und Hobbys gefragt hatte, begann er über sich zu palavern und Sandrines Gedanken begannen zu wandern.

Die Meldoie „spiel mir das Lied vom Tod“ riss Sabrina aus ihren Überlegungen. Die Gäste an den Nachbartischen sahen sich nach dem Störenfried um und tuschelten. Tony riss sein Smartphone aus der Jackentasche und nahm den Anruf entgegen.

„Hallo Martin“, sagte er laut und ohne Rücksicht auf die anderen Besucher. Dann diskutierte er mit dem Anrufer über das Für und Wieder des Kaufs eines neuen Motorrades.

Wo hat Anika diesen schrecklichen Typen aufgetrieben, dachte sie halb belustig, halb entsetzt, sie kann doch nicht im Ernst glauben, dass ich mich in den verlieben könnte?

Sabrina zog sich die Jacke an und nahm ihre Handtasche. Tony beendete das Gespräch nicht, er sagte nur:

„Warte kurz“, und zu Sabrina gewandt, „wo willst du hin?“

„Dahin wo ich hergekommen bin“, sie schüttelte ihren Schlüsselbund vor seiner Nase hin und her, „nach Hause.“

Sabrina nahm die Rose aus der Vase und verließ das Restaurant. Um Sam zu überflügeln brauchte es einiges mehr.

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Rosalie schaut auf die Uhr über dem Kaminsims. Inzwischen ist eine dreiviertel Stunde vergangen. – Was kann zu dieser Zeit so lange dauern? – Rosalie verlässt Gils Zimmer und tritt auf den Flur. Kein Laut ist zu hören. Sie zögert. – Ach, was soll`s. –

Rosalie geht die Treppe hinunter. Zuerst versucht sie ihr Glück im Arbeitszimmer. Der Raum ist dunkel und unbenutzt. In der Bibliothek hat sie mehr Glück. Im Kamin glühen die letzten Holzscheite und der imposante Schreibtisch wird von einer Lampe erhellt. Rosalie tritt näher. Bücher liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, Karten entfaltet, mit Linien, Kreisen und Kreuzen gekennzeichnet.

Einen Plan erkennt Rosalie wieder. Er fiel ihr am Morgen in die Hände, als sie auf die Chroniken eines ehemaligen Klosters stieß, das unter der Schirmherrschaft der de Clares stand, bevor Henry Tudors Säuberungsaktion in Kraft trat. – Ich habe ihn doch wieder in das Buch zurückgelegt? – Rosalie faltet den Plan auseinander. Dort sind die Grundrisse der alten Kellergewölbe aufgezeichnet. Mit Tinte sind einige neue Linien eingezeichnet. Rosalie hatte am Morgen dasselbe gedacht, aber niemals hätte sie gewagt einen so kostbaren Plan mit eigenen Notizen zu bekritzeln. – Anthony. Das ist es also, was er Gil zeigen wollte. – Ihr Herz schlägt schneller. – Gil und Anthony – Lady Edna – haben sie es zusammen geplant? – Ihr Inneres wehrt sich energisch gegen den Gedanken. – Andererseits, da ist der verheißungsvolle Schatz. Vielleicht altes Kirchengold, das die geflohenen Mönchen in den Gängen versteckten. An Anthonys Normannen-Theorie mag ich nicht glauben. Hat er Gil mit seiner Begeisterung angesteckt? Das Collier als Schlüssel? –

Rosalie eilt hinauf in ihr Zimmer. Hastig zieht sie eins ihrer schlichten Alltagskleider über, und zieht sich feste Schuhe an. Bevor sie das Haus verlässt, geht sie ins Arbeitszimmer. Dort steht ein Fernsprecher. Sie wählt die Nummer, die Inspektor Robins ihr gegeben hat. Es dauert einen Moment, dann hebt er ab.

„Robins.“

Verschlafen hört er sich nicht an. –

„Hier ist Rosalie. Ich meine, Miss Graville.“

„Guten Abend, Rosalie. Was kann ich für sie tun.“

Sie hört das Schmunzeln in seiner Stimme.

„Es tut mir leid, dass ich sie so spät störe.“

„Kein Problem. Worum geht es?“

„Ich glaube, ich weiß, wer Lady Edna getötet hat.“

„Ja?!“

Rosalie zögert. Ihr Verdacht bereitet ihr Unbehagen.

„Ich glaube es war Gilbert.“

Sie hört, wie sich der Inspektor am anderen Ende der Leitung räuspert.

„Wie kommen sie darauf?“

„Es geht um seine horrenden Schulden und den mysteriösen Schatz. Ich nehme an, er hofft das Gold zu finden, bevor seine Gläubiger ihn finden.“

„Finden sie nicht, dass ihre Bedenken doch etwas weit hergeholt sind? Hätte es nicht gereicht, Lady Edna um das Collier zu bitten?“

„Ich bin mir nicht sicher“, Rosalie resigniert, „entschuldigen sie nochmals die Störung, Inspektor. Ich muss gehen, bevor noch ein Mord geschieht.“

„Wohin?“, Nathan klingt besorgt.

„In die alten Keller unter dem Turm. Dort vermutet Anthony den Eingang.“

„Rosalie, warten sie!“

Sie hat aufgelegt.

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„Die Hitze der letzten Tage trieb die Reifung des Korns voran. Die goldenen Felder standen hoch in der Ähre, hier und da von einigen rot glühenden Mohnblüten und lilafarbenen Kornblumen betupft. Der Mond schwamm riesig und orange in der leuchtenden Gischt einer Federwolke über den Äckern. Die Schwalben durchbrachen in halsbrecherischem Tempo die heraufziehende Dämmerung, gefolgt von den Schatten der Fledermäuse, die mit der Dunkelheit ihre Verstecke verließen. Es roch nach einem sommerlichen Cocktail aus gemähtem Gras, reifem Korn und dem intensiven Duft der vertrocknenden Rosen, deren zerknitterte Blüten von den Büschen herabhingen und meine Sinne betörten. Mit dem Fortschreiten der blauen Stunde stieg eine angenehme Kühle aus der Flussaue auf und verschaffte unseren sonnenerhitzten erschöpften Körpern Linderung.“ 

Ich ließ den Stift sinken und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Wir saßen auf der Terrasse von Sannis Eltern. Die ganze Clique hatte sich eingefunden. Wir tranken Wein, einige rauchten und alle redeten durcheinander, lachten und die Jungs machten Sprüche. Es war wie damals, vor fünfzehn Jahren. Ich saß in meiner Ecke und betrachtete den Trubel. Die meisten hatten sich kaum verändert. Sie waren in dem kleinen Dorf am Rande der Heide hängen geblieben. Waren Postbeamte, Bäcker, Krankenschwestern, Verkäuferinnen, Klempner geworden. Hatten geheiratet, Häuser gebaut und Kinder bekommen.

Dagegen war ich nicht mehr die, die ich damals war. Nach dem Schulabschluss war ich fortgegangen, hatte alles Mögliche ausprobiert, an den verschiedensten Orten mein Lager aufgeschlagen, um schließlich bei der Schriftstellerei hängen zubleiben. Da Kunst seine Diener nicht sehr ausreichend ernährt, hielt ich mich mit diversen Nebentätigkeiten über Wasser. Aber das machte mir nichts aus. Im Gegenteil. Die reale Arbeit erdete mich für die Stunden der Einsamkeit vor meinem Computer.

Ich beobachtete meine Freunde und fühlte mich ausgeschlossen. Es war nicht ihre Schuld, sondern meine, aber dieses Gefühl fehl am Platz zu sein, wollte einfach nicht weichen. Ich sah mich als eine Zeitreisende. In den letzten fünfzehn Jahren bewegte ich mich ständig vorwärts, rast- und ruhelos. Die anderen gingen immer dieselben Straßen, sahen dieselben Gesichter und fanden nicht den Mut über ihren Tellerrand hinauszusehen. Ich hätte von meinen Reisen berichten können, von dem was ich erlebt hatte und was ich tat – aber niemand hätte es verstanden. Sogar Sanni, meine liebste beste Freundin, verstand es nicht. Ich hatte versucht davon zu erzählen, aber ich spürte schnell, dass Sanni nicht wirklich zuhörte. So beließ ich es dabei.

Der Einzige, der es verstanden hätte, war Gabriel, Sannis großer Bruder. Zu meinem Leidwesen war er nicht anwesend. Wieso sollte er auch? Er gehörte nicht zu unserer Clique. Und obwohl er von allen Mädchen angeschmachtet wurde, gab es für ihn keinen triftigen Grund sich an den Ort des Vergessens zubemühen. Dort wo er jetzt war, vermutlich am anderen Ende der Welt, wurde er mit Sicherheit ebenso angehimmelt. Ich musste unwillkürlich an seine dunklen geheimnisvollen Augen denken. An diesen besonderen Abend, den ich nie vergessen konnte.

             Es war eine dieser wilden „unsere-Eltern-sind-nicht-zu-hause-Partys“ kurz vor unserem Schulabschluss. Die meisten hatten dem Alkohol zugesprochen, nicht zu knapp. Nur ich war noch halbwegs nüchtern, dabei in der Küche Ordnung zu schaffen, als die Tür aufging und Gabriel erschien. Ja, es war eine Erscheinung. Gabriel war knapp eins-neunzig groß, trug figurbetonte Jeans, ein weißes Hemd bis zu Mitte seiner muskulösen Brust aufgeknöpft. Um seinen Hals hing ein Lederband mit einem keltischen Zeichen. Sein dunkles Haar kräuselte sich eigenwillig um sein männliches Gesicht und der Anflug eines Dreitagebartes ließ ihn verwegen aussehen. Gegen ihn, den Erwachsenen, waren meine Klassenkameraden Milchbubis. Es kostete mich alle Mühe ihn nicht zu offensichtlich anzustarren. Gabriel ging zum Kühlschrank, nahm sich eine Cola und fragte:

„Lea was machst du da?“

„Ordnung“, erwiderte ich lahm.

Gabriel lachte und zeigte eine Reihe weißer Zähne.

„Meine Mutter würde das sehr zu schätzen wissen. Aber du hast genug getan“, er deutete mit dem Kopf auf den sauberen Tellerberg, „lass für die anderen auch noch was übrig.“

Gabriel zwinkerte mir zu und ich errötete bis in jede einzelne Haarspitze. Er setzte die Colaflasche an, nahm einen langen tiefen Zug. Ich musste ihn einfach ansehen. In meiner Umgebung gab es keinen wie ihn. Seine Lässigkeit, seine Ungezwungenheit, sein ganzes Auftreten machten ihn unwiderstehlich. Er stellte die Flasche mit einem Klack auf die Arbeitsplatte und ich erschrak. Gabriel grinste.

„Komm ich bring dich nach Hause, damit dich keiner wegfängt.“

Ohne Einspruch folgte ich ihm. Wenn Gabriel etwas wollte, tat man es. Wortlos trottete ich neben meinem Schwarm die Straße hinunter. Was hätte ich ihm schon erzählen können? Neben ihm kam ich mir unscheinbar und nichtssagend vor. An der Brücke bogen wir ab und gingen den schmalen Weg am Fluss entlang. Irgendwo auf dem Uferweg stolperte ich, verlor mein Gleichgewicht und stieß gegen Gabriel. Wir kamen ins Schlingern. Er konnte uns gerade noch abfangen. Seine großen Hände lagen um meine Taille und unsere Körper berührten sich in ganzer Länge. Für einen Moment hielt ich den Atem an. So nah war ich Gabriel noch nie gewesen. Ich fühlte sein Muskelspiel unter meinen Händen, seine Wärme und seinen ganz eigenen Duft, den ich nie wieder vergaß. Das Ganze dauerte nur einige Sekunden. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor.

„Besser du nimmst meine Hand. Nicht dass du mir noch in den Fluss fällst“, sagte Gabriel leichthin.

Hand in Hand gingen wir nach Hause. Ganz fest hielt er mich. Ich wünschte mir es sollte niemals enden. Leider erreichten wir meine Haustür schneller, als mir lieb war.

„Hast du schon mal einen Kuss bekommen“, fragte er.

Sein intensiver Blick und seine warme Samtstimme ließen mein Herz Trommelwirbel schlagen. Verlegen schüttelte ich den Kopf. Sanft legte er seine Hände um mein Gesicht, beugte  sich zu mir herunter und küsste mich. Erst ganz behutsam. Als er spürte, wie hingebungsvoll ich an seinen Lippen hing, wurden seine Küsse immer sinnlicher. Die Gefühle, die in einem wilden Galopp durch meinen Körper stürmten, waren unbeschreiblich. Als er mich losließ, hatte ich das Gefühl in einen Abgrund zu stürzen. Zärtlich sah er mich an, strich mit den Fingerspitzen über meine Wange.

„Schlaf gut Kleine. Pass auf dich auf.“

Gabriel lächelte, küsste mich auf die Stirn. Dann ging er, ohne sich noch einmal umzudrehen. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass er fort war. Es war sein letzter Abend in der alten Heimat gewesen. Als ich kurz darauf selbst den Ort meiner Kindheit verließ, hatte ich ihn nicht wieder gesehen.

Gabriel war der eigentliche der Grund in das Heidedorf zurückzukehren und eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. In all den Jahren bewahrte ich mir die Hoffnung auf eine zweite Chance und ich bedauerte, dass es nicht dazu kam.

Inzwischen war es stockdunkel. Meine Klassenkameraden schienen ihre Jugendtage wiederholen zu wollen und hatten entsprechende Alkoholpegel erreicht. Ich schnappte meine Tasche und schlich mich davon. Der Abend war viel zu schön, um ihn im Alkoholrausch dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Der Himmel war sternenklar. Ich blieb stehen und sah hinauf. Es kam mir vor, als hätte ich noch nie so viele Sterne gesehen. Eine Sternschnuppe raste über das Firmament, der feurige Schweif blitzte auf. Ich erreichte die Brücke. Aus dem Fluss stieg leichter Nebel auf. Weiße Feengebilde über dunklem Wasser. Ich bog in den Uferweg ein und dachte an Gabriel. Wo er jetzt wohl sein mochte? Konnte er dieselben Sterne sehen? Hatte er sich verändert oder war er noch derselbe charmante Mann, wie damals? Langsam wanderte ich den Weg entlang, kam an der Stelle vorüber, an der ich in Gabriels Armen gelandet war. Ich musste lächeln. Dieser verrückte Mann. Ich liebte ihn seit dem Tag, als ich ihn das erste Mal sah.

Ich war sechs, in der ersten Klasse und bei meiner Freundin Sanni zum Geburtstag eingeladen. Gabriel war auch da. Ich hatte ebenfalls einen großen Bruder, aber der war ganz anders. Immer ärgerte er mich, nahm mir Sachen weg und trieb irgendwelchen Unfug. Gabriel dagegen war lustig, half beim Luftballon ausblasen und spielte mit uns lauten Gören. Vollends eroberte er mein Herz, als ich beim Spielen von einem Baum fiel und mir den Fuß brach. Ich war neun, Gabriel fünfzehn. Er hob mich hoch, schon damals war er sehr sportlich, trug mich ins Haus, machte mir Kühlpacks und versorgte mich mit Limo. Später besuchte er mich im Krankenhaus und brachte mir ein Plüschtier mit. Ich besaß es immer noch und schleppte es immer mit mir herum.

Vielleicht war das mein Problem. In jedem Mann, den ich kennenlernte, suchte ich Gabriel. Ich suchte diese Unbeschwertheit gepaart mit einer ganz besonderen Aura von Geborgenheit. Ich hatte immer das Gefühl in seiner Nähe könnte mir nichts geschehen und doch übte er einen ungeheuren sinnlichen Reiz auf mich aus. Gabriel war mein Schutzengel gewesen und in gewisser Weise hatte ich ihn nie gehen lassen. Ich hoffte irgendwann, irgendwo würde er mir wieder begegnen.

Inzwischen stand ich vor der Haustür meiner Eltern und kramte den Hausschlüssel aus meiner Tasche.

„Du hast dir Zeit gelassen“, hörte ich eine Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um, sah eine Gestalt, die sich aus den Schatten löste und auf mich zu kam.

„Ich warte schon seit einer halben Stunde. Dabei bist du die Abkürzung gegangen.“

„Gabriel!“, zu mehr reichte es nicht.

Ich starrte ihn an. Ein Geist hätte keinen größeren Schock auslösen können.

„Ja“, er grinste, „das ist mein Name. Schön, dass du dich noch erinnerst.“

Ehe ich mich fassen konnte, hatte er mich in seine Arme gezogen, strich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr und sagte in einem Ton, der sämtliche Zellen meines Körpers in Aufruhr versetzte:

„Du bist immer noch genauso süß, wie damals und jetzt bist du endlich alt genug, damit mich keiner mehr in den Knast bringt, wenn ich dich gleich verführe.“

Ich hätte auch etwas in der Art sagen können. Etwa: wow siehst du gut aus, du bist heiß, ich will dich, lass uns Sex haben. Gabriel ließ es nicht dazu kommen. Er zog mit einer Hand sanft meinen Kopf nach hinten, beugte sich zu mir herunter und küsste mich waffenscheinpflichtig. Damals hatte er mich schon aufreizend geküsst, dachte ich, aber das war nichts gegen das, was er nun tat. Ich war kein Kind von Traurigkeit gewesen, aber Gabriels Küsse zogen mir den Boden unter den Füßen weg. Als er den Kopf hob, war ich völlig atemlos.

„Gabriel“, keuchte ich, „was tust du?“

„Das, was ich längst hätte tun sollen! Dich suchen, dich finden und nie wieder loslassen.“

Unfassbar. Hatte er das wirklich gesagt.

„Das ist ein Traum“, stammelte ich, „du bist eine Fata Morgana.“

Er lachte dieses tiefe melodische Lachen und zeigte seine strahlend weißen Zähne.

„Ich glaube kaum, dass eine Fata Morgana dies tun würde.“

Gabriel küsste mich erneut. Als er von mir abließ, war ich so erregt, dass alle Fragen egal waren. Ich wollte ihn. Mehr nicht. Antworten konnte er mir später geben, falls sie dann noch wichtig waren. Ich vermutete, er sah es in meinen Augen. Jedenfalls nahm er mir den Schlüssel aus der Hand, schloss auf und zog mich ins Haus. Ich war heilfroh, dass meine Eltern weit fort im Urlaub weilten.

„Wohnst du immer noch unter dem Dach“, fragte Gabriel.

„Ja“, hauchte ich.

„Bereit zu tun, was wir vor fünfzehn Jahren angefangen haben?“, ich hörte das Schmunzeln in seiner Stimme.

„Weißt du nicht, dass ich seit damals darauf warte?“

„Wenn du so fühlst wie ich, ja.“

Gabriel presste mich fest an sich. Da war er dieser unverwechselbare Geruch. Unter seinem Hemd fühlte ich seinen immer noch trainierten Körper. Seine Hände schoben sich sacht unter mein Shirt. Zentimeter für Zentimeter. Und genauso zog sich Stück für Stück eine Gänsehaut über meinen Rücken. Als sie meinen Nacken erreichte, lief ein Zittern durch meinen Körper. Gabriel lachte leise an meinem Ohr. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und er küsste meinen Hals. Mein Stöhnen kam direkt aus meinem Bauch. Immer weiter glitten seine weichen Lippen an meinem Hals hinauf. Meine Finger krallten sich in sein Hemd.

„Oh, mein Gott“, seufzte er, „du riechst so gut. Ich könnte dich unter Tausenden finden.“

Gabriel hauchte winzige Küsse auf meine Wangen, meine Stirn, Nase, bis er meinen Mund wieder in Besitz nahm. Ja, in Besitz. Ich konnte ihm nichts entgegensetzen. Zulange wartete ich darauf. Immer wieder stellte ich es mir vor, aber in Wirklichkeit war es viel größer, heißer und wilder.

„Wenn wir nicht sofort hinaufgehen, werde ich dir hier im Flur die Kleider vom Leib reißen“, murmelte Gabriel an meinem Mund.

„Dann tu es doch.“

Gabriel lachte.

„Eines Tages tun ich das, aber nicht im Haus deiner Eltern.“

Er nahm meine Hand und führte mich die Treppe hinauf in mein Mädchenzimmer. Als Gabriel die Tür öffnete, sagte ich peinlich berührt:

„Schau nicht hin, hier hat sich seit fünfzehn Jahren nichts geändert.“

Gabriel sah sich um. Betrachtete die Figuren-Sammlung im Regal und die Zeichnungen an der Wand.

„Ist doch hübsch. So hatte ich es mir vorgestellt. Gibt es auch ein Bild von mir?“, fragte er, als er die Porträts meiner Familie sah.

Ich öffnete eine Schublade, nahm eine Mappe heraus und reichte sie ihm. Gabriel löste das Gummiband und klappte den Deckel nach hinten. Die Mappe war voll mit Bildern von ihm. Kommentarlos betrachtete er die Zeichnungen. Als er fertig war, sah er mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte.

„Ich hätte es dir nicht zeigen sollen“, sagte ich leise.

Gabriel antwortete nicht nahm mich in die Arme und drückte mich fest an sich. Ich schloss die Augen und genoss seine Nähe.

„Es tut mir leid, dass wir so viel Zeit verloren haben“, begann er, „ich habe dich schon damals geliebt, aber du warst erst fünfzehn. Dieser letzte Abend“, Gabriel stockte.

„Ja?“

„Es war eine dumme Idee zu denken ich könnte dich küssen, dann einfach gehen und es vergessen.“ Er schwieg einen Moment, bevor er weiter sprach. „Ich habe es nie vergessen. Nicht einen Tag. Es gab Frauen. Auch einige mit denen ich länger zusammen war, aber immer wieder dachte ich an dich. Eigentlich bin ich nur gekommen, um dich zu fragen: gibt es eine zweite Chance für uns?“

Hatte ich mich eben gerade verhört? Fragte mich Gabriel, ob ich mit ihm zusammen sein wollte? Ich sah zu ihm auf. Noch nie hatte ich ihn so angespannt gesehen. Auf seiner Stirn hatten sich Falten gebildet und seine dunklen Augen blickten mich sorgenvoll an. Ich streckte mich, hauchte Küsse auf seine Mundwinkel, bevor ich ihn auf seinen sinnlichen Mund küsste.

„Ist das ein Ja?“, fragte Gabriel mit rauer Stimme.

Ich nickte nur. Konnte nichts sagen. Alles, was ich wollte, war er. Damals und heute. Daran hatte sich nichts geändert. Und dann sagte Gabriel es.

„Ich liebe dich.“

Es kam ihm ganz leicht über die Lippen. Vielleicht weil er geübt hatte oder weil es einfach eine Tatsache war, die ausgesprochen werden musste, um wahr zu sein.

„Ich liebe dich auch.“

Ihm diese Worte zu sagen warf die Last der letzten fünfzehn Jahre von mir. Wir hatten alles offen gelegt, es gab nichts, was wir noch verbergen mussten.

Gabriel lächelte mich zärtlich an, den dunklen geheimnisvollen Blick in seinen Augen. Ich ahnte was passieren würde und doch hatte ich nur ansatzweise eine Vorstellung von dem, was Gabriel mit mir tun würde. Sein leidenschaftlicher inniger Kuss war nicht einmal das Vorspiel des Vorspiels. Gabriel entführte mich in eine berauschende, wilde Nacht voller Lust und Begehren. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass Sex so sinnlich und elementar sein könnte. Gabriel beherrschte das Spiel der Erotik und ich war wie ein Schwamm, der alles in sich aufsog. Aber das war nicht alles. Ich wollte mehr und es war einfach mit Gabriel. Wir waren Spieler in unserem eigenen Spiel aus Liebe und Lust. Wenn einer von uns eine neue Richtung ausprobierte, folgte der andere neugierig. Wir waren Seelenverwandte und in dieser Nacht fanden wir, was wir solange vermisst hatten.

Bis heute folgten dieser ersten unglaublichen Nacht unzählige weitere – sogar eine in der er mir die Kleidung im Hausflur vom Leib riss – aber das ist eine andere Geschichte …

 

 

    

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Alice versuchte sich zu erinnern, wer ihr den Schlüssel gegeben hatte. Selbst an den Zeitpunkt, an dem er in ihren Besitz gelangte konnte sie sich nicht erinnern. Vielleicht war er schon immer im Besitz ihrer Familie, andererseits schien er uralt zu sein und niemand aus ihrer Familie, soweit sie zurück denken konnte, war jemals im Besitz einer Burg oder eines Schlosses gewesen.

Zuerst hatte Alice angenommen, dass der Schlüssel zu einem alten Keller gehörte, aber dazu war er einfach zu kostbar. Sie hatte ihn Dr. Winter, ihrem Professor für Kunstgeschichte, gezeigt. Er war der Ansicht, der Schlüssel könnte zu einer Geldtruhe gehören, wie sie Adelige im Mittelalter besaßen. Das hörte sich geheimnisvoll an, brachte Alice aber nicht weiter. Also gab sie es auf weitere Nachforschungen anzustellen. – Bis zu dem Abend, als sie in ihre kleine Studentenwohnung kam und das Chaos eines Einbruchs vorfand.

Die Eindringlinge hatten alles durchwühlt. Ihre Bücher aus dem Regal gerissen, ihre Matratze und Kissen aufgeschlitzt, die Küchenschränke leergeräumt. Die Einbrecher hatten keinen Stein auf dem anderen gelassen und beinahe das gesamte Inventar in Schutt und Asche gelegt. Alice stand da. Fassungslos. Ihr traten Tränen in die Augen. Was hatten sie gesucht? Das, was am meisten kostete, ihren Laptop, hatten sie stehen lassen. Sonst besaß sie nichts von Wert, selbst ihr Schmuck bestand zu 90 % aus Modeschmuck. Zum Glück hatte ihr Vater eine kleine Hausratversicherung für sie abgeschlossen, Studentenrabatt. Trotzdem machte Alice die brutale Verwüstung Angst. Sie kramte ihr Handy aus ihrem Rucksack und wollte gerade die 110 wählen, als sie den Zettel auf ihrem Laptop bemerkte. In krakeligen Buchstaben stand da: „Wo ist der Schlüssel? 24 Uhr, Goethedenkmal. Komm allein, sonst wirst du es bereuen.“

Instinktiv fasste Alice nach dem Lederband, das sie um den Hals trug. Das hatten sie also gesucht! Einen silbernen Schlüssel, fein geprägt und ziseliert, mit einem kreuzförmigen Rubin in der Reite, dem Griff. Wie viel war der Schlüssel wert, dass jemand ihre Wohnung zerstörte und sie bedrohte?

Alice steckte ihr Handy zurück in den Rucksack, machte auf dem Absatz kehrt und rannte die Treppe hinunter. Sie schnappte sich eines der alten Fahrräder, die auf dem hässlichen feuchten Hinterhof schon seit ewigen Zeiten vor sich hingammelten und raste Richtung Uni. Professor Winter hielt heute Abend einen Vortrag über Bauten im Rokoko. Sie musste ihn unbedingt sprechen.

Dieser Anfang einer Geschichte enstand im Schreibkurs. Der fettgedruckte erste Satz war der Schreibanlass. Ich denke, dass es eine Fortsetzung geben wird 🙂 . Schließlich geht es jetzt erst richtig los.

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