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Posts Tagged ‘Schloss’

„Ich seh nur der Geister Schatten.“

Adam verdrehte theatralisch die Augen und machte die ganz große Geste. Ich boxte ihn an den Oberarm.

„Lass das! Jetzt machst du dich noch lustig. Aber wenn du erst einen Zusammenstoß mit einem Geist hattest, dann lachst du nicht mehr!“ Ich steckte den Schlüssel ins Schloss des Eisentores. „Und bitte, sei endlich leise.“

Adam zuckte mit den Schultern und schüttelte missbilligend den Kopf. Er wollte noch etwas sagen, aber ich legte den Finger an den Mund und sah ihn böse an. Beleidigt verkniff er sich den Kommentar. Ich drehte den Schlüssel und das Schloss sprang wiedererwarten mit einem sanften Klicken auf.

„Müsste das nicht quietschen?“, fragte Adam spöttisch.

Er drückte die Klinke herunter und drückte den Torflügel auf. Ich wollte ich gerade ermahnen, als zwei Dinge geschahen, die meine ganze Aufmerksamkeit forderten.

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Liste der Dinge an meinem Arbeitsplatz:

  1. Bücher aus dem Antiquariat
  2. Bleistift Faber
  3. USB-Stick Sylvester
  4. Kerze
  5. Telefon
  6. Katze
  7. Notizbuch
  8. Tagebuch
  9. Postkarte
  10. Fotoklebeecken

Text:

Fundsache

 

Der Schlüssel klemmt, als ich den Briefkasten öffne. Ich ruckele ihn hin und her. Endlich schieb sich der Riegel auf. Ein Werbeblättchen und eine Postkarte sind die Ausbeute. Na, wenigstens keine Rechung, denke ich und betrachte das iydillische Motiv auf der Postkarte.

Das Hochglanzfoto zeigt eine imposante Burg vor einem See der von Bergen gesäumt wird. Um das Doppelfenster in dem oberen Burgteil wurde ein Kreis gezeichnet. Auf der Rückseite, in der linken oberen Ecke finde ich den Standort des Motivs: Meersburg, Bodensee.

Meersburg

Ein schönes Fleckchen Erde, denke ich und lese die hastig hingeworfenen Zeilen:

„Ich habe es gefunden! Erwarte dich in drei Tagen! Gästehaus Simoni.“

Interessant, aber wer hat die Karte geschickt? Und vor allem, warum mir? Im Geist gehe ich meine wenigen Freunde durch. Keiner von ihnen ist im Urlaub.

Ich erwarte dich in drei Tagen, hat er Absender geschrieben. Das Datum des Poststempels ist von vorgestern. Das würde bedeuten, dass ich mich spätestens morgen auf den Weg machen müsste. Dummer Gedanke, sage ich mir, du willst doch nicht allen Ernstes an den Bodensee fahren, weil dir irgendein ominöser Mensch eine Postkarte schickt? Andererseits, kann ich die Person ohne Gewissensbisse im Stich lassen, die sich offenbar so auf mich verlässt?

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Diese Ferien zu buchen, war ein Fehler! Was hatte ich mir nur dabei gedacht. Rucksack-Urlaub in Rumänien. Wandern von Schloss zu Schloss, auf den Spuren von Graf Dracula.

Ich kannte mich mit den Schlössern besser aus, als unser Reiseleiter. Er war eine absolute Niete. Ich sage, war, weil er tot ist. Wer lesen kann ist klar im Vorteil, sag ich immer, und das konnte der nicht. Wie sonst ist es zu erklären, dass ich in dieser Kerkerzelle sitze und der Rest der Reisegruppe bei Graf Dracula auf dem Teller gelandet ist?

Ich sagte dem Blödmann, diese Burg sollten wir auf keinen Fall betreten. In meinem Reiseführer stand: Gefährliche Ruine! Nicht sicher! Bitte nicht betreten! Ich las es ihm vor. Laut und deutlich.

Er lachte nur und ging einfach los. Er war gerade um die nächste Ecke verschwunden, als ich seine Hilfeschreie hörte. Ich hätte ihm nicht helfen sollen wollen. Denn als ich um die Ecke stürmte, um dem Rindvieh zu helfen, fiel ich Graf Dracula in die schönen Hände. Das habe ich jetzt davon. Er hat mich bis zum Schluss aufgehoben. Na wenigstens werde ich von einem sehr gutaussehenden Mann um die Ecke gebracht. Ich sollte dankbar sein, denn so ein Exemplar habe ich in meinem echten Leben noch nie gesehen.

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Eineiige Zwillinge, eine Einladung zu einer Party und eine verschlosse Tür

Sandra und Maria betrachteten sich begeistert in dem großen Flurspiegel im Foyer des Schlosses. Beide waren als Prinzessin verkleidet.

„Niemand wird uns auseinanderhalten können“, Sandra sah ihre Schwester mit einem breiten Grinsen an.

„Hauptsache wir finden unsere Prinzen“, Maria zupfte an ihrem Ausschnitt herum.

„Wenn nicht, was solls? Selbst ist die Frau“, wischte die resolute Sandra den Einwand hinweg.

Sandra nahm Marias Arm.

„Komm“, sie gingen die Treppe zum Ballsaal hinauf, „alles wird wunderbar.“

Der livrierte Diener streckte die Hand aus und Maria übergab ihm die Einladung. Er warf einen kurzen Blick darauf, nickte und ein weiterer Diener öffnete die Tür zum Saal. Sandra strahlte und zog Maria hinter sich her.

„Schau dir das an! Umwerfend.“

Auf der riesigen Tanzfläche unter gleißenden Kronleuchtern tanzten weitere Prinzen und Prinzessinnen, andere standen am Rand, stranken Champagner und redeten. Das Orchester saß auf einer Emphore und spielte Wiener Walzer.

„Ich glaube dort drüben sind sie.“

Maria deutete auf eine Gruppe junger Männer, die lachend die Köpfe zusammensteckte und ins Gespräch vertieft waren.

„Dann lass uns die Herren genauer betrachten.“

Sandra steuerte direkt auf die Gruppe zu.

„Nicht so schnell“, hielt Maria ihre Schwester zurück. „Lass es uns langsam angehen.“

„Langsam“, Sandra lachte und auf ihrem hübschen Gesichten sich zeigten sich zwei charmante Grübchen, „komm, trau dich, alles wird gut.“

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Verdammt! Wo ist dieses blöde Schloss?!

Es soll für immer sein, sagte er, als er es anbrachte, ich habe es extra für uns anfertigen lassen. Klar! Große Worte nichts dahinter.

Warum habe ich mich so täuschen lassen? Waren es die dunkelbraunen Augen, die mich so leidenschaftlich ansahen, wenn er mich in den Armen hielt und mir seine Liebe beteuerte? Seine Lippen, die so unglaublich küssen konnten? Sein betörender Duft und seine zärtlichen Hände, die alle Widerstände fort streicheln konnten?

Ich hätte es wissen müssen! Er war einfach zu perfekt. Ich suchte nach dem Haken und fand keinen. Also warf ich alle Bedenken über Bord. Wir verankerten den Riegel des Schlosses. Danach war nichts mehr wie es war und doch konnte ich ihn nicht verlassen. Egal was er tat, sagte oder nicht tat und sagte. Ich war wie paralysiert. Konnte mich nicht von der Stelle bewegen.

Da! Das verdammte Schloss. Ich werde nie von ihm loskommen, wenn ich es nicht vernichte. Ich setze die kleine Metallsäge an und zersäge den Riegel. Es dauert eine Weile. Mit tränenblinden Augen und zitternden Händen sägt es sich nicht besonders gut. Endlich zerbricht der Riegel. Das Schloss fällt heraus aus der Menge. Ich gebe ihm einen Tritt. Mit einem Platsch versinkt es im Rhein. Versunken für immer, wie der Schatz der Nibelungen.

Ein Ruck geht durch meinen Körper. Ein Stich trifft mein Herz. Ich krümme mich vor Schmerzen. Doch dann, spüre ich eine unglaubliche Erleichterung. Ich atme auf. Es ist vorbei.

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Der kleine Antiquitätenladen

Seit Tagen schlich ich um den kleinen blauen Antiquitätenladen herum. Immer gab es Neues in der Auslage zu entdecken. Ein kleiner Metallkasten auf vier geschwungenen Füßchen, reich verziert mit Blüten und Früchten, hatte es mir besonders angetan. Der Griff in der Mitte des Deckels hatte die Form einer Rosenblüte. Leider war der Preis des Kästchens sehr hoch und so stand ich jeden Tag vor dem Schaufenster und ergötzte mich an ihrem Anblick.

„Kommen sie doch herein“, hörte ich eine freundliche Stimme hinter mir, „ich habe sie schon einige Male vor meinem Fenster gesehen. Sie dürfen sich gerne umsehen.“

Ich sah mich um und blickte in das lächelnde Gesicht des Besitzers. Er trug einen Anzug, der zwar altmodisch, aber elegant war. Sein mit Silberfäden durchzogenes dunkles Haar war exakt geschnitten und rahmte ein markant zeitloses Gesicht ein. Ich lächelte verlegen zurück.

„Das ist sehr nett, aber leider kann ich mir ihre Kostbarkeiten nicht leisten.“

Er schmunzelte.

„Nun, vielleicht mache ich ihnen einen guten Preis, gegen eine kleine Gefälligkeit.“

Ich zog skeptisch die Augenbraue hoch und trat einen Schritt zurück.

„Nein“, er lachte, „nicht das, woran sie jetzt vielleicht denken.“

Er schloss die Tür zu seinem Laden auf. Das melodische Läuten einer Glocke ertönte. Er machte eine großzügige Geste.

„Ich lade sie zu einem Kaffee ein und erzähle ihnen, worum es sich handelt. Sollte ihnen mein Angebot nicht zusagen, sind sie frei abzulehnen.“

Ich warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Kästchen. Es glänzte verführerisch in der Morgensonne. Der Mann sieht nicht wie ein Gewaltverbrecher aus, überlegte ich, es wird bestimmt nichts Schlimmes geschehen. Ich gab mir einen Ruck, ging an ihm vorbei, drei Treppenstufen hinauf, und betrat den Antiquitätenladen. Hinter mir fiel die Tür leise ins Schloss. Das Glöckchen bimmelte melodisch.

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Nur noch ein paar Schritte und ich hole mir zurück, was seit Generationen meiner Familie gehörte. Ich verberge mich im Schatten. Lausche. Es ist still. Der Hausdiener macht seinen Rundgang erst in einer Stunde. Bis dahin bin ich weit fort.

Wolken schieben sich vor den Mond, tauchen den Raum in Dunkelheit. Lautlos gehe ich zu dem Schaukasten auf der anderen Seite des Raumes. Da ist er! In der Dunkelheit kann ich nur seine Form erkennen. Oft stand ich hier, dem Familienschatz zum Greifen nah, ohne ihn erreichen zu können. Mit einem Draht öffne ich das Schloss der Vitrine.

Lächerlich, dass es keine Sicherheitsvorrichtungen gibt. Der Kompass ist mehr wert, als alle anderen Gegenstände in diesem Zimmer, ja in diesem Schloss. Wenn die van Buren wüssten, welcher Zauber dem Kompass innewohnt, könnten sie Königreiche damit erwerben.

Ich bin gekommen, dies zu verhindern. Meine Familie wurde zu Wächtern des Kompasses ernannt, auch wenn ich die letzte unseres Clans bin, werde ich nicht zu lassen, dass böse Menschen den Kompass für ihre abscheulichen Pläne benutzen. Die van Buren werden für den Frevel bezahlen. Durch ihren Verrat Blut klebt an ihren Händen und ich werde ihr Richter sein.

Ich hebe den Kompass aus dem Kasten. Zum Schutz trage ich doppelt genähte Lederhandschuhe trotzdem spüre ich seine Kälte. Vorsichtig wickele ich ihn in ein unbehandeltes Seidentuch und stecke ihn in die Innentasche meiner Jacke. Es wurde aus einem einzigen Faden gewoben. Ich schließe den Deckel der Vitrine.

Da ein Geräusch. Ich halte den Atem an. Lausche. Ich bin nicht mehr allein. Sie sind zu zweit. Bis zur Tür sind es nur zehn lange Schritte. Ich atme einmal tief durch, balle meine Hände zu Fäusten. Jetzt! Ich drehe mich um, hebe die Hände und ziehe die Fäuste ruckartig nach außen. Sie geben den Mechanismus und meine Handgelenke frei. Zwei scharfe Dolche suchen sich den Weg in die Körper der Angreifer. Einer der beiden schreit laut auf. Treffer! Ich laufe los.

„Ich bin verletzt!“, keucht ein Mann, „pack dir den Dieb, Connor und keine Gnade!“

Ich höre schwere Schritte. Sehe die Silhouette eines großen Mannes an mir vorbei hasten. Als es wieder still ist, steige ich aus dem großen Wäscheschrank, in den Connor mich als Kind so oft eingesperrt hat.

Seelenruhig gehe ich in die Bibliothek und öffne die Tür des Geheimgangs. Als sie sich wieder hinter mir schließ, muss ich lächeln. Dies ist erst der Anfang! Ich mache euch van Burens das Ende so schmerzhaft wie möglich.

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Mister Smith steckt den Schlüssel ins Schloss. Er dreht ihn. Es knirscht. Die anderen Schlüssel an dem großen Eisenring stoßen geräuschvoll aneinander. Es kostet ihn Mühe die Klinke herunterzudrücken. Der Riegel klemmt. Erst nach mehrmaligem Ruckeln springt er auf.

Als Mister Smith die Flügeltür aufdrückt, geben die Scharniere ein unangenehmes Kratzen und Knarzen von sich. Um die Bilder vor der Sonne zu schützen sind die Fensterläden geschlossen. Mister Smith zündet Petroleumlampen an und verteilt sie an den Inspektor und seinen Sergeant. Eine nimmt er selbst und geht voran.

Der Ahnensaal ist riesig. Er hat die Form eines breiten Flures und läuft in der ersten Etage über die komplette Länge des Hauses. Der muffige Geruch abgestandener Luft und die Kälte jagen Rosalie eine Gänsehaut über den Rücken. Sie zieht die leichte Seidenstola enger um die Schultern.

„Sie zittern ja“, flüstert Anthony.

Hastig zieht er sein Jackett aus und legt es ihr um die Schultern. Rosalie erschnuppert Anthonys angenehmen Duft und genießt seine Wärme, die aus dem weichen Wollstoff in ihren Körper fließt. Dankbar nickt sie ihm zu und drückt kurz seine Hand. Anthony ist versucht seinen Arm um Rosalies Schultern zu legen, als er Nathans warnendem Blick begegnet. Er zuckt leicht mit den Schultern und zieht den Arm, unbemerkt von Rosalie, zurück.

Langsam schreitet die kleine Gruppe an den Porträts der de Clares vorüber. Mister Smith geht voraus, dicht hinter ihm die beiden Polizisten, gefolgt von Rosalie und Anthony und einige Schritte dahinter Gil.

Zwischen den Gemälden hängen Kerzenleuchter und weit über ihnen befinden sich die großen Kronleuchter. In der Dunkelheit wirken sie wie vielarmige Ungeheuer, die auf ihre Beute lauern. Es ist viele Jahre her, dass sie angezündet wurden und ihr warmes glitzerndes Licht bei einem glanzvollen Ball über ein fröhliche Menschenmenge verströmen durften.

„Und hier sehen sie eines der ersten Gemälde, auf denen das Collier abgebildet ist.“ Mister Smith hält inne. Er hebt die Lampe in die Höhe, damit das Porträt besser zu sehen ist. „Das Bild entstand ca. 1292 und zeigt Lady Johanna de Clare.“

Nathan und Rosalie treten näher an das Bild.

„Sie ist wunderschön“, flüstert Rosalie ehrfürchtig.

Das Ganzkörperporträt präsentiert eine Frau mit feinen, vergeistigten Gesichtszügen, in einem dunkelgrünen Samtgewand mit goldener Bordüre. Sie breitet die Arme aus und zeigt dem Betrachter ihre offenen Handflächen. Lady Johanna steht vor einer lieblichen Hügellandschaft. Auf langen blonden Haaren trägt sie ein fein gearbeitetes Diadem und um den Hals ein stilisiertes Collier mit einem Anhänger. Das Collier hat die Form eines Spitzenkragens.

Mister Smith setzt den Weg an der Ahnenreihe fort, Rosalie fällt es schwer sich von dem Gemälde zu trennen. Gerne hätte sie länger verweilt, um alle Einzelheiten aufzunehmen.

„Kommen sie, Miss Graville“, flüstert Nathan neben ihr.

Rosalie spürt seinen warmen Atem auf ihrem Hals und ihre Nackenhärchen stellen sich auf. Er legt ihr die Hand in den Rücken und schiebt sie sanft weiter. Anthony beobachte es und drängt sich zwischen den Inspektor und die junge Frau.

„Es gibt noch bessere Abbildungen des Colliers“, sagt er, nimmt ihre Hand und klemmt sie unter seinen Arm, „es ist wirklich einmalig.“

Nathan lässt sich nicht abschütteln. Er wechselt auf Rosalies andere Seite.

„Da wird gerade davon sprechen, Mister Douglas. Wie ich hörte sind sie der Experte, wenn es um die Gerüchte bezüglich der Verwendung des Colliers geht.“

Anthony stößt einen unwilligen Laut aus.

„Bitte Inspektor Robins“, sagt er kühl, „das sind keine Gerüchte, allenfalls Legenden und somit steckt ein Körnchen Wahrheit darin. Die unterirdischen Gänge existieren. Zur Zeit Heinrich des VIII, versteckten die de Clares dort katholische Ordensleute. Sie wurden von einem missgünstigen Verwandten verraten, die Gänge verschlossen. Heute weiß niemand mehr, wo der Eingang zu den geheimen Gängen ist.“

Mister Smith hält erneut vor einem Gemälde inne. Seine Begleiter bilden einen Kreis um ihn. Nur Gil hält sich abseits. Ab und an von den Rändern eines Lichtkegels erfasst, bewegt er sich wie ein Geist unter den Geistern seiner Ahnen.

„Das ist ihre Urgroßmutter, Lady Mary Rosalie de Clare, Miss Graville“, erklärt er in sachlichem Tonfall.
Rosalie zuckt erschrocken zurück. Ihre Finger krallen sich in Anthonys Arm, mit der freien Hand, fasst sie nach Nathans Arm.

„Sie sieht aus wie ich?“

Die junge Frau trägt ein schlichtes weißes Kleid. Sie steht aufrecht vor einem großen Fenster und blickt den Betrachter direkt an. Ihre blauen Augen werden von langen Wimpern gerahmt. Die blonden Locken sind kunstvoll aufgesteckt und leuchten im Licht der einfallenden Sonne wie gesponnenes Gold. In der Hand hält sie einen Pinsel und steht vor einer Staffelei. Um ihren schlanken Hals liegt das kostbare Collier. Ein Detail das nicht zu der schlichten Szene passen will.

Doch es sind nicht nur die äußeren Merkmale, die ihre Urgroßmutter mit ihr gemeinsam hat, auch die Form des Gesichts und der offene neugierige Ausdruck. Lady Mary Rosalie de Clare könnte beinahe Rosalies Zwillingsschwester sein. Nur ihre Lippen sind voller und das Blau ihrer Augen dunkler und geheimnisvoller, als bei ihrer Ahnherrin.

Rosalie löst ihre Hand von Anthonys Arm und tritt einen Schritt vor. Mit der anderen hält sie immer noch Nathans Arm. Beruhigend legt er seine warme große Hand auf ihre zierliche und drückt sie sanft.

„Die Ausführung des Colliers ist meisterhaft“, bewundert Rosalie die Malerei, „an jeder Spitze hängt eine große Perle oder ein kleiner Rubin und in der Mitte ein Anhänger, der die Form eines roten Sterns hat.“

„Die Legende besagt, wer den Stein in das dafür vorgesehene Schloss steckt, finde den sagenhaften Schatz, den die Normannen auf ihren Eroberungsfeldzügen durch England erbeuteten“, erklärt Anthony.

„So, so“, sagte Nathan und der Spott in seiner Stimme ist nicht zu überhören, „Sagenhafte Schätze und Legenden. Allen hübschen Geschichten zum Trotz müssen wir einen Dieb fassen und möglicherweise einen Mörder.“ Er wendet sich an Mister Smith. „Wenn sie bitte vorangehen.“

Mister Smith waltet seines Amtes und führt die Herrschaften zurück ins Arbeitszimmer. Gil hat nicht ein Wort gesprochen.

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Der letzte glückliche Sommer

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit … die leuchtenden Sonnentage über einem sanften Meer, ließ in uns die Illusion entstehen, dass es immer so weitergehen und kein Ende nehmen würde. Doch in einer Nacht änderte sich alles. An dem Abend, der dieser schicksalhaften Nacht vorausging, ahnte keiner meiner Freunde, wie schrecklich es tatsächlich werden würde.

Ich erinnere mich, wie wir dem leisen Plätschern der Wellen lauschten, das sich mit dem Knistern des Lagerfeuers vermischte. Wir träumten vor uns hin. Ab und zu fielen kurze Bemerkungen, die keine besondere Bedeutung hatten. Plötzlich strich eine kühle Brise über den sonst menschenleeren Strand und die fast erloschene Glut flammte erneut auf.

Noch heute höre ich Toms raue unheilschwangere Stimme, als er sagte:

„Leute, etwas Schlimmes wird geschehen. Ich spüre es in meinen Knochen.“

Damit meinte er sein linkes Schienbein, das er sich als kleiner Junge gebrochen hatte und das ihn bei Wetterwechsel schmerzte.

Jay schüttelte den Kopf, verdrehte genervt die Augen gen Himmel und blies den Rauch seiner Zigarette in die wieder windstille Abendluft.

„Du immer mit deinen Vorahnungen. Nichts wird geschehen. Du wirst sehen“, knurrte er.

„Genau“, stimmte Sally zu, „du bist ein Schwarzseher.“

„Und du ein Schwarzfuß“, neckte Tom sie.

Worauf Sally eine leere Zigarettenschachtel nach ihm warf.

„Da passt ihr ja hervorragend zusammen“, stellte Andrew lapidar fest.

Mary stimmte Andrew zu. Die beiden waren seit Beginn des Sommers ein Paar und Mary teilte seine Auffassung im Grunde immer, wenn es um andere ging. Solange er ihrer Meinung war, wenn es um sie ging.

Ich sagte nichts, wollte nicht abergläubisch erscheinen, wusste aber, dass Tom schon einige Male recht behalten hatte, was seine Voraussagen betraf. Ich sah zu David hinüber. Er schlug die Augen auf, lächelte mir kurz zu, dann lehnte er sich wieder entspannt zurück. Solange David ruhig blieb, gab es keinen Grund besorgt zu sein. Er war der Älteste unserer Gruppe und jeder akzeptierte seine Ansichten als maßgebend.

Ich verliebte mich auf Anhieb in David. Natürlich. David war groß, sportlich, hatte dunkle Haare und die verführerischten Katzenaugen, die sich ein Mädchen vorstellen kann. Leider war ich nicht die Einzige, die seinem Charme verfiel. Jedes Mädchen im Umkreis von zwei Meilen schwärmte von ihm. Ich war sehr schüchtern und rechnete mir keine großen Chancen bei ihm aus, umso mehr erstaunte es mich, als er sich auf dem Heimweg vom Strand zu mir gesellte und nach meiner Hand griff. Ich war selig und völlig abgelenkt von dem Geschehen vor uns. Als die Gruppe den Leuchtturm passierte, blieb David stehen.

„Komm“, sagte er, „ich will mit dir allein sein.“

Mein Herz raste und ich brachte kein Wort heraus. Ich nickte nur und folgte ihm. David zog mich zum Eingang des Leuchtturms. Er drückte die Türklinke herunter und schob die schwere Eisentür auf. Wir drängten uns durch den schmalen Spalt in das finstere Innere des Turms. David legte die Arme um meine Taille und ich schlang meine Arme unbeholfen um seinen Hals. Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme, als er sagte:

„Das hast du noch nicht oft getan?“

„Nein“, flüsterte ich und verwünschte meine schwachen Nerven. David denkt bestimmt, ich bin ein „Fräulein-Rühr-mich-nicht-an“, ging es mir durch den Kopf.

„Macht nichts. Ich weiß genug für uns beide.“

Das glaubte ich ihm aufs Wort, schluckte die Bemerkung aber hinunter. Ich wünschte mir, dass David mich wollte und mir beibrachte, wovon ich bis jetzt mehr oder weniger nur gelesen hatte. Ich streckte mich ihm entgegen, als er sich zu mir herunterbeugte und mich aufreizend und fordernd küsste.

„Hat dich schon einmal ein Junge geküsst?“, fragte er.

„Ein Junge schon, aber kein Mann, wie du“, antwortete ich atemlos.

„Das Gefühl habe ich auch“, stellte er triumphierend fest.

David presste mich mit seinem muskulösen Körper gegen die Wand. Die Kälte der Mauer an meinem Rücken und seine offenkundige Erektion an meinem Bauch verursachten mir eine Gänsehaut.

„Dann sollten wir es gleich noch mal versuchen“, flüsterte er an meinem Ohr.

Sein warmer Atem löste einen neuen Schauer in mir aus und ich schmiegte mich willig an ihn. Gerade als Davids Mund sich wieder meinen Lippen näherte, hämmerte jemand gegen die metallene Tür des Leuchtturms.

„David! Bist du da drin! David!“

Es war Tom. Er schrie verzweifelt immer wieder Davids Namen. David ließ mich los und versuchte die Tür aufzureißen. Sie bewegte sich keinen Zentimeter.

„Das ist nicht möglich“, keuchte David, „sie muss aufgehen.“

Sie öffnete sich nicht, so sehr er sich mühte. Draußen schrie Tom wie von Sinnen. Drinnen kämpfte David mit der Tür. Er schrie und schlug mit den Fäusten gegen das unnachgiebige Metall. Seine Knöchel bluteten, hinterließen eine dunkelrote Spur auf dem Türblatt. Ich stand nur da, wusste nicht, wie ich hätte helfen können. Der Schrecken lähmte mich.

Jäh verstummte Tom. David hielt inne. Wir lauschten. Die schlagartige Stille war unerträglich. Ein leises Geräusch ließ uns zusammenzucken. Der Riegel des Schlosses löste sich. Die Tür sprang auf. Ich griff nach Davids Hand. Sein warmer fester Händedruck gab mir etwas Sicherheit.
Vorsichtig traten wir ins Freie und fanden uns in einem Albtraum gefangen. Unsere Freunde waren tot. Ihre Körper zerrissen und verstümmel, als wären sie von einem Rudel wilder Tiere attackiert worden. Übelkeit stieg mir in die Kehle. Ich drehte mich weg. Mein Inneres kehrte sich nach außen.

***

Dieser Sommer liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Niemand fand heraus, wer unsere Freunde tötete und warum wir überlebten. David reiste noch vor der Beerdigung ab. Vermutlich fühlte er sich schuldig, weil es ihm nicht möglich gewesen war, Tom zu helfen. Aber wie hätten wir das tun können? Die Tür war fest verschlossen.

Seitdem gingen David und ich getrennte Wege. Doch dieses Ereignis hat uns nicht losgelassen. Jeder versuchte auf seine Weise damit fertig zu werden. Ich habe Davids berufliche Laufbahn verfolgt. Er ist ein ausgezeichneter Forensiker geworden und klärt außergewöhnliche Verbrechen auf. Während ich meinen Master in Geschichte und Mythologie gemacht habe. Ich bin die beste meines Fachgebietes.

Das muss ich sein, denn anders als David, glaube ich nicht, dass ein menschlicher Serienkiller unsere Freunde auf dem Gewissen hat und endlich habe ich einen Anhaltspunkt gefunden, der mich der Lösung des Rätsels näher bringen könnte.

Ich bin gespannt, was David dazu sagt. Heute treffe ich ihn das erste Mal, nach diesem schicksalsträchtigen Tag, wieder. Ich rief ihn an und erzählte ihm, dass ich neue Erkenntnisse habe. David lachte mich aus und wollte nicht kommen, als ich ihn bat mir eine Chance zu geben. Zwei Tage später hatte er sich anders überlegt.

In zwei Minuten kommt David mit dem Zug um 12:34 Uhr an. Zig Fragen donnern durch meinen Kopf. Wie sieht er wohl aus? Hat er sich verändert? Was erwartet er von mir? Soll ich ihn umarmen? Oder lieber nicht? Wird er mir helfen oder reist er mit dem nächsten Zug wieder ab?

„Vorsicht an der Bahnsteigkante“, schnarrt die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher, „der Zug aus London läuft ein.“

 

Der Anfangssatz und die Worte, die ich mir im Generator erspielt habe, sind:

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit…

Königin, Leuchtturm, Erfolg, Leistung, necken, gebogen, Zug, umleiten, schmal, Beerdigung, akzeptieren

Leider konnte ich noch nicht alle Wort in diesen Teil des Textes einbauen. Aber da die Aufgabe „zwischen 6 Zeilen und zwei Seiten“ lautet, habe ich nach vier Seiten ein vorläufiges Ende gesetzt. Aber es interessiert mich schon sehr, was für einen Anhaltspunkt sie gefunden hat …. 😉

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Sie biegt ab, fährt auf die Autobahn auf und gibt Gas. Das Radio dudelt die neusten Hits. Die Sonne scheint, als ob Sonntag ist. Wie an einer Schnur gezogen fährt sie den Weg, ohne sich ein einziges Mal zu verfahren.

Das Haus liegt genauso still da. Wie damals. Sie steigt aus, wechselt auf die andere Straßenseite. – Ob er überhaupt zu Hause ist? Was tue ich eigentlich hier? Es war eine blöde Idee herzufahren. Ich kann mich nicht ungefragt in sein Leben drängeln. –
Sie schlägt den Weg zum Schloss ein. Wie damals. Sie setzt sich auf die Bank im Schatten der Platanen und schaut dem Spiel der Sonnenstrahlen auf dem gepflasterten Platz zu. Ihr Herz beruhigt sich langsam wieder. – Welcher Teufel hat mich da bloß geritten? Ich gehe noch einen Kaffee trinken, dann fahre ich wieder. –

Sie schlendert Richtung Innenstadt. Vor einem Buchladen bleibt sie stehen und schaut sich die Auslagen an. Ein Passant bleibt neben ihr stehen. Sie wirft einen kurzen Seitenblick auf ihn und zuckt zusammen. Er lächelt.

„Was machst du denn hier?“ fragt er.

„Bücher anschauen“, stottert sie.

Er lacht.

„So, so. Ist das alles?“

„Nein. Ich wollte noch einen Kaffee trinken.“

„Ohne deinen alten Freund zu besuchen?“

In seiner Stimme liegt leiser Spott. Sie schweigt verlegen. Er nimmt ihren Arm und zieht sie sanft hinter sich her.

„Na, komm, ich lade dich auf einen Kaffee ein.“

„Ok. Aber dann muss ich wieder los.“

Ihre Blicke treffen sich. Als er eine Augenbraue hochzieht und sagt: „Bist du sicher?“ Wird sie rot. Vor einem hübschen kleinen Café bleibt er stehen.

„Setz dich.“

Widerspruchslos lässt sie sich in einen Korbsessel gleiten. Er setzt sich ihr gegenüber und streckt seine langen Beine aus. Provozierend schaut er sie an.

„Gibt es in München nicht die Bücher, die du suchst?“

„Ach, hör auf. Du weißt, dass ich nicht wegen der Bücher gekommen bin.“

Um sich abzulenken, rührt sie in ihrem Kaffee. Seine prüfenden Blicke bohren sich in ihre Gedanken.

„Schau mich bitte nicht so an“, sie seufzt.

Er ignoriert ihre Bitte.

„Du hättest also nicht bei mir geklingelt?“

Sie schüttelt den Kopf.

„Nein, hätte ich nicht.“

Schweigend nippt er an seinem Kaffee und sieht sie mit seltsamem Ausdruck an.

„Warum?“, fragt er nach einer Weile.

„Warum sollte ich? Du hast mir nicht geantwortet“, erwidert sie schlicht.

„Warum?“, fragt er wieder.

„Weil ich das Unmögliche hoffte. Dich zu sehen.“ Sie trinkt einen Schluck. „Aber warum fragst du mich? Eigentlich weiß du es doch schon.“

„Ich will nur, dass du dir sicher bist“, sagt er. Wie damals.

 – Ob er das ironisch meint? Ich bin mir sicher, schon lange. Im Grunde von Anfang an. –

Der Rückweg verläuft still. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Sie würde ihm gerne soviel sagen, aber sie hat Angst und schweigt. Vor dem Haus streckt sie ihm die Hand entgegen.

„Machs gut“, sagt sie leise.

Ein dicker Kloß schnürt ihr die Kehle zu. Er schüttelt den Kopf.

„Kommt gar nicht infrage! Der Weg ist viel zu weit. Du kannst hier schlafen und morgen fahren.“

„Nein, ich schaff das schon. Das macht mir nichts aus“, wehrt sie ab.

„Keine Widerrede.“

Er legt ihr eine Hand auf den Rücken und schiebt sie den Gartenweg entlang zum Haus.

„Nein.“

„Psst.“

Er legt einen Finger auf den Mund. Er führt sie ins Wohnzimmer. Legt eine CD auf.

„Bin gleich wieder da, ich hol uns schnell was zum Essen. Mach es dir bequem.“

Steif lässt sie sich auf dem Sofa vor dem kleinen Tisch nieder. – Ich dürfte nicht hier sein. Ich sollte gehen. – Sie will gerade zur Tür hinaus, da steht er mit einem Teller mit Pizza und einer Flasche Wein vor ihr.

„Nanu, du willst doch nicht flüchten.“

Er stellt die Sachen auf das Tischchen und lässt sich auf dem Boden nieder.

„Komm, hier wird nicht gekniffen.“

Er grinst spitzbübisch. Sie setzt sich neben ihn, und als er ihr ein Glas Rose hinschiebt, trinkt sie.

„Du musst was essen“, sagt er und beißt in ein Stück Pizza.

„Nein, ich bringe nichts runter.“

Als er fertig gegessen hat, erhebt sie sich.

„Ich sollte jetzt schlafen gehen, damit ich Morgen früh fahren kann.“

Der Wein verursacht einen angenehmen Schwindel.

„Danke. Wo geht’s noch mal ins Gästezimmer?“

„Ich zeig es dir.“

Er nimmt ihre Hand und führt sie über den Flur.

„Ich glaub, ich hab einen Schwips“, Sie kichert.

„Ja“, sagt er leise, „so wie damals.“

„Ja, aber damals hast du mich geküsst“, sie lacht.

Vor dem Bett bleibt er stehen und schaut auf sie herunter. Sein Blick trifft in ihr Herz.

„Und du bist noch genauso süß, wie damals“, seine Stimme ist rau.

Er nimmt ihr Gesicht in seine Hände und küsst sie. Nicht sanft, wie damals. Sondern Wild und leidenschaftlich. Er zieht sie eng an sich. Sie spürt seine suchenden Hände auf ihrem Körper.

„Ich will dich,“ flüstert er. „Ich habe solange gewartet.“

„Warum?“, sie schaut ihn erstaunt an.

„Weil ich Angst hatte.“

„Warum?“

„Weil ich mich auf der Stelle in dich verliebt habe und panische Angst vor einer weiteren Verletzung hatte.“

„Du wusstest, dass ich gehen musste. Aber ich wäre wiedergekommen.“

„Ich weiß.“

Und als er sie erneut küsst, überlässt sie sich seinen Zärtlichkeiten. Sie wird wiederkommen. Für immer.

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