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Posts Tagged ‘Schlange’

Eine meiner neusten Collagen 🙂 – vielleicht zur Inspiration eines Textes?!

Schöne Schlange

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„Sorry, wichtiger Fall. Muss länger arbeiten.“

Wut steigt in meiner Kehle hoch, als ich Bernds Zeilen auf dem Display lese. Ich stehe seit 10 Minuten im Regen, der inzwischen durch meine Pumps dringt und warte auf sein Erscheinen. Es ist das dritte Mal, dass er mir absagt, doch dieses Szenario setzte dem Debakel die Krone auf.

„Du kannst mich mal, sorry“, tippe ich unbeholfen, balanciere den Regenschirm auf meiner Schulter.

Ich schiebe das Handy zurück in die Tasche und sehe mich nach einer Zuflucht um, in der ich mich aufwärmen könnte, bevor ich in meine einsamen vier Wände zurückkehre, die ein Teil meiner Schwierigkeiten sind.

Ein Stück die Straße hinunter fällt mir ein Schild auf. Musikbar Odeon. Warmes Licht spiegelt sich in den Pfützen auf dem Bürgersteig. Ich husche unter den Vordächern der geschlossenen Läden entlang. Alles ist besser, als die Einsamkeit.

Ich liebe das kleine Gartenhaus der Gründerzeitvilla, unter den riesigen alten Bäumen. Es ist wie ein verwunschenes Paradies. Leider hatte die Schlange Adam aus meinem Paradies vertrieben, oder sollte ich sagen entführt, und mich Obdachlos gemacht. Andererseits würde ich kaum in diesem traumhaften kleinen Häuschen wohnen, wenn ich nicht einen kompletten Neustart in einer fremden Stadt hingelegt hätte.

Dass sich Bernd, einer der Junior-Anwälte der Kanzlei für die ich arbeite, für mich interessierte tat mir gut, am Anfang. Jetzt ist es nur noch eine Farce. Besser, es war eine. Schluss damit.

Mit einem Ruck ziehe ich die Tür zum Odeon auf und stürze beinahe über die dicke Matte, die als Fußabtreter dient. In letzter Sekunde fange ich mich ab. Meine Handtasche und den Schirm kann ich nicht retten. Der Schirm landet unter einem Tisch und der Inhalt der Tasche ergießt sich in den Gastraum. Das Stimmengewirr der Gäste verstummt. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Nur der Mann am Flügel schaut nicht auf. Er spielt weiter, als ob nichts geschehen ist.

„Entschuldigung“, stammele ich und erröte bis unter die Haarspitzen.

Peinlich berührt von meinem Auftritt, raffe ich hastig meinen Kleinkram zusammen und stopfe ihn zurück in die Tasche. Unterstützung bekomme ich von einer freundlichen Bedienung. Die Gäste haben sich inzwischen wieder ihren Gesprächen zu gewendet.

„Machen sie sich keine Sorgen“, sagt sie und reicht mir meine Geldbörse, „das kann passieren.“

Ich ordne meine Kleider. Sie nimmt mir die Jacke ab und hängt sie an die Garderobe, steckt meinen Schirm in den dafür vorgesehenen Ständer. Ich setzte mich an die blankpolierte Bar aus rotem Holz. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass niemand hinschaut, streife ich meine nassen Pumps ab und klammere meine Zehen um den Metallring des Barhockers, der als Fußtritt dient. Die Kälte des Metalls rinnt meine Schienbeine hoch und löst eine Gänsehaut aus, die bis in den Nacken steigt. Ich erschauere.

„Was darf ich ihnen bringen?“, der Barkeeper schaut mich erwartungsvoll an.

„Einen großen Milchkaffee und etwas Alkoholisches zum Aufwärmen, bitte.“

Er lächelt und zwinkert mir zu.

„Da habe ich was für sie.“

Auf dem silbernen Schildchen an seiner Weste lese ich seinen Namen.

„Darauf habe ich gehofft, Josh“, erwidere ich sein Lächeln.

Während Josh die silberglänzende imposante Kaffeemaschine dazu bringt kochendheißes Wasser durch die Düsen durch den Kaffeefilter zu pressen und mir einen Milchkaffee braut, sehe ich mich um.

Das Odeon ist eine Musikbar der gehobenen Klasse. Der Gastraum ist größer, als es beim ersten Hinsehen den Eindruck machte. Die Theke hat die Form eines langgezogenen L und führt den Besucher in einen weiteren Gastraum dahinter. Die Einrichtung ist gediegen, das Mobiliar aus dunkelrotem Holz, wie der Tresen. Die Tapete ist aus goldgemusterter Seide.

Die Gäste an den kleinen Tischen sind elegant angezogen. Die Damen tragen Kleider und Schmuck, die Herren Anzüge und Krawatten. Ich fühle mich deplatziert. Es kommt mir vor, als hätte der Sturz mich in eine andere Zeit katapultiert. Wenn sich die Tür öffnet, Hemingway und Fitzgerald hereinkommen und neben mir am Tresen platznehmen, würde ich mich nicht wundern.

Mein Blick bleibt an dem schwarzen blankpolierten Flügel und dem Eroberer seiner Tasten hängen. Die leichte Melodie, die unter seinen Fingern aus den Seiten fließt, hat eine melancholische Wendung genommen. Mein Herz macht einen schmerzhaften Hopser. Für einen Moment halte ich den Atem an. Wie kann er Musik spielen, die meinen Herzschlag beeinflusst?

„Milchkaffee und heißer Amaretto mit Sahne“, Josh stellt die Getränke neben mich auf den Tresen, „das wärmt.“

„Danke, Josh“, sage ich artig und habe das Gefühl, beobachtet zu werden.

Josh entfernt sich taktvoll und ich wende meine Aufmerksamkeit erneut dem Pianisten zu. Kurz habe ich den Eindruck, er hätte in meine Richtung geschaut, aber seine Augen sind auf die Notenblätter vor ihm gerichtet. Ich bin sicher, dass das Musikstück, das er jetzt spielt, nicht auf den Blättern steht. Die Melodie hüllt mich ein, streicht über meine Haut, füllt den Raum, als könnte sie ein ganzes Universum mit Energie aufladen.

Ich nippe an dem heißen Amaretto, der mir süß die Kehle hinab läuft und eine angenehme Wärme ausstrahlt. Meine Augen heften sich auf die Hände des Mannes im dunklen Anzug. Mit eleganter Leichtigkeit laufen seine Finger über die schwarz- weißen Tasten. Mal sanft, mal fest schlagen sie die Töne an, die gleich leise klirrende Perlenketten durch den Raum schwingen. Ich habe das Gefühl, er spielt nur für mich, obwohl er durch nichts zeigt, dass er mich beachtet. Sein Blick wandert nicht in meine Richtung, scheint nach innen gerichtet zu sein.

Der Amaretto ist alle. Ich habe nicht bemerkt, dass ich das Glas ausgetrunken habe. Die Melodie geht in eine andere über. Die Sehnsucht des Liedes ergießt sich in mein Herz. Es erzählt von Sehnsucht, Einsamkeit und Träumen. Tränen treten mir in die Augen. Energisch versuche ich sie wegzudrängen. Ein wehmütiges Lächeln liegt auf den sinnlichen Lippen des Mannes. Seine Lider sind halb geschlossen. Versunken in seine Musik sitzt er da. Ganz nah und doch fern.

„Noch einen Amaretto“, fragte Josh neben mir und reißt mich aus meinen Betrachtungen.

„Gerne“, ich lächele ihm dankbar zu.

„Kommt sofort.“

Ich schaffe es meinen Blick solange von dem Klavierspieler zurückzuhalten, bis Josh mir den Amaretto hinstellt und sich anderen Gästen zu wendet. Als würde ich unter einem Bann stehen, zieht es meinen Blick wieder zu ihm. Er ist schlank, hat kurze dunkelblonde Haare und dieser Mund! Mit den Augen taste ich die Linien seiner Lippen nach. Wie es sich anfühlt, wenn sich sein Mund auf meinen legt?

Jeder Anschlag eines Tons rührt etwas in meinem Inneren an. Die Schutzmauer, die ich so mühsam aufgebaut und aufrecht gehalten habe, bekommt Risse. Mein Verstand warnt mich. Wenn ich nicht bald gehe, wird sie zerbersten und einstürzen. Ich ignoriere ihn, trinke den heißen süßen Amaretto, lecke mir die Sahne von den Lippen. Genieße das wohlige Gefühl der Leichtigkeit, das der Alkohol in mir auslöst, und meine Fantasie auf den Flügeln der Musik dahin schweben lässt.

Die Finger des Klavierspielers beherrschen die besonderen Nuance, die Tasten mal sanft, mal fester anzuschlagen, je nach Belieben schnell oder langsam dahin zu fließen. Seine Hände sind gepflegt, kurze Nägel, kraftvolle schöne Finger.

Ich stelle mir vor, wie er den Reißverschluss meines Kleides herunterzieht, seine Fingerspitzen mein Rückrad entlang streichen, wie er die Haken meines BH`s öffnet und meine Brüste freilegt. Die schwarze Spitze über meine Knospen reibt und sie hart und spitz abstehen, nur darauf warten von seinen Fingern umschlossen und süßer Qual ausgesetzt zu sein. Ein erregendes Kribbeln sammelt sich in meinem Nacken, versetzt meinen Körper in lustvolle Spannung nach mehr. Ich warte gespannt, welche Wunderdinge er mit seinen Zauberhänden tun kann.

Ein Seufzer springt von meinen Lippen. Unbewusst nur, aber nicht aufzuhalten. Der Mann am Piano blickt auf. Unsere Blicke treffen sich. Funken fliegen. Ich bin sicher, er erkennt mich, die große Sehnsucht, die er mit seinem wundervollen Spiel auslöst. Doch dann schaut er auf die Tastatur, sinkt zurück in sich selbst.

Es fühlt sich an, als wäre ich in eine eiskalte Pfütze ohne Boden gesprungen. Ich gehe unter. Das Wasser schlägt über mir zusammen. Ich schnappe nach Luft, Wasser dringt in meine Kehle, nimmt mir den Atem.

„Kann ich etwas für sie tun?“, fragt Josh neben mir, „sie sind ganz blass geworden.“

„Nein danke“, sage ich und meine Stimme zittert, „ich möchte zahlen.“

Ich suche meine Geldbörse, begleiche die Rechnung.

„Würden sie mir ein Taxi rufen? Der Regen hat nicht nachgelassen und der Weg in die Kastanienallee ist weit“, bitte ich den netten Barmann nach einem kritischen Blick aus dem Fenster.

„Sehr gerne“, Josh nickt und lächelt. „Wohnen sie in einer der alten Villen?“

„Nein. Nur im Gartenhaus unter den Kastanien.“

Ich gehe zur Garderobe und schlüpfe in meine Jacke, angele meinen Schirm aus dem Schirmständer. Eingehüllt in die sanften Melodien, trete ich auf die Schwelle der Bar. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Die Töne verstummen und gießen Stille über mich aus. Nur der Regen singt sein Lied. Ich fühle sie wieder, die Einsamkeit. Schlimmer als zu vor.

Das Taxi hält. Ich laufe über den Bürgersteig, gleite auf den Beifahrersitz und nenne die Adresse. Der Fahrer gibt nur einen zustimmenden Laut von sich und fährt los. Ich sehe aus dem Fenster. Meine Gedanken fahren Achterbahn.

Ich sehne mich schmerzhaft nach ihm, dem unbekannten Mann am Flügel. Sein Spiel brannte sich in meine Seele, legte ein Feuer, das meinen Körper erfasste. Es weckte verdrängte Lüste und Begierden auf und macht mich verrückt. Ich will ihn. Will seinen Körper und seine Seele erkennen. Mein Verstand tadelt meine Gier, doch meine hungernde Seele und mein ausgezehrter Körper kämpfen jeden Einwand nieder. Ich muss ihn wiedersehen, koste es, was es wolle.

Die schlafende Stadt fliegt an mir vorbei. Der Fahrer hält vor der Villa. Ich zahle, steige aus. Schnell betrete den Vorgarten, gehe den schmalen Plattenweg ums Haus entlang. Ich will nur noch eins, ins Bett. Mich in die warme weiche Decke einhüllen und die Hände des Klavierspielers auf meinem Körper fühlen, im Traum.

Ich krame in der Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Er ist nicht da. Hektisch wühle ich in dem Chaos herum. Der Schlüssel ist taucht nicht auf. Er liegt wahrscheinlich im Odeon unter einem der Tische. Ich muss nochmal zurück in die Bar. Allerdings hat der Taxifahrer mein letztes Geld bekommen. Das bedeutet den ganzen Weg zu Fuß. Im Regen, mit diesen blöden Pumps. Das alles für ein Date mit einem Mann, der mich zwei Mal versetzt hatte, nur damit ich den Samstagabend nicht wieder allein verbringen musste.

Plötzlich fühle ich mich unendlich einsam. Ich denke an den Mann am Flügel. Seine sinnlichen Lippen, die schönen Hände, die den Saiten des Instruments die sehnsüchtigen Klänge entlockten und mich auf diese unglaublich intensive Weise berührten. Tränen rinnen über meine Wangen, tropfen auf den Jackenkragen.

Es hilft nichts. Wenn ich in mein Bett will, muss ich zur Bar gehen und meinen Schlüssel holen. Ich mache mich auf den Rückweg, biege gerade um die Ecke der Villa, als ich mit einem Mann zusammenstoße. Ängstlich mache ich ein paar Schritte zurück.

„Keine Angst“, sagt er mit beruhigender Stimme, „ich wollte dir deinen Schlüssel bringen.“

„Danke“, sage ich und erkenne den Mann vom Flügel, „sie sind hier?“

„Als du das Odeon verlassen hattest, war es, als würde ein Stück meines Herzen mit dir gehen. Ich musste dich wiedersehen, um mich zu vergewissern, dass es nicht nur Einbildung ist.“

Wie ist es möglich, dass er ausspricht, was ich ebenso fühle? Auf der offenen Hand hält er mir den Schlüssel entgegen. Ich will ihn entgegen nehmen, aber er schließt mein Hand in seiner ein. Nicht fest. Ich könnte sie jederzeit herausziehen, aber ich will es nicht. So fühlen sich also seine warmen Hände auf meiner Haut an. Ein wildes Kribbeln zieht sich meinen Arm hinauf. Mein Herz überschlägt sich beinahe und mein Atem geht stoßweise.

„Möchten sie einen Kaffee mit mir trinken?“, frage ich mit zitternder Stimme.

„Ja“, sagt er und ich höre sein Lächeln, als er weiter spricht, „morgen früh. Ich bringe ihn dir ans Bett.“

In meinem Hirn rasen die Gedanken durcheinander. Bedeute es das, was ich denke, dass es bedeutet? Er führt mich zu meiner Haustür, nimmt mir den Schlüssel ab und schließt auf. Sacht schließt er die Tür hinter uns. Wir stehen im dunklen Flur, dicht voreinander. Ich weiß, dass er mich küssen, mit seinen schönen Händen berühren und meinen Körper mit seinem in Ekstase versetzten wird und doch kann ich mich nicht rühren. Ist es nur einer dieser One-Night-Stands, die meine Sehnsucht für einen Moment übertönen und mich umso sehnsüchtiger zurücklassen?

„Komm zu mir“, sagt er leise. Seine Stimme ist so melodisch, wie sein Spiel, „hab keine Angst. Ich weiß nicht, was mit uns geschieht, aber du gehörst zu mir. Ich habe lange auf dich gewartet und ich lasse dich nicht mehr gehen.“

Er legt seine Hände in meine Taille und zieht mich an sich. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Es ist wie nach Hause kommen. Der Sturm in meinen Gedanken kommt zur Ruhe, obwohl mein Körper sich in einer Aufruhr befindet, die ich seit Langem nicht mehr gefühlt habe.

„Küss mich“, flüstert er mit rauer Stimme an meinem Ohr.

Sein heißer Atem streift über mein Gesicht. Die Finger seiner linken Hand zerwühlen mein Haar. Ich lehne meinen Kopf in den Nacken und biete ihm meinen Mund zum Kuss. Er beugt sich zu mir, als sich unsere Lippen kosten, erschauern mein Körper und meine Seele unter dem aufgewühlten Gefühl, das dieser Mann in mir auslöst. Es ist wahr, muss wahr sein. Wir gehören zusammen, sind füreinander bestimmt. Er küsst mich so zärtlich, lustvoll und sinnlich, dass ich die Zeit und den Raum um mich herum vergesse, wie im Odeon, als er mich mit seinen Melodien betörte.

Wir gehen ins Schlafzimmer. Die Gefühle in mir reffen sich zu Wellen auf, wollen Ausdruck finden, doch kein Wort ist annähernd genug, um sie zu beschreiben. Er zieht mich langsam aus. Seine Fingerspitzen setzen winzige Brände auf meine Haut. Jede Berührung durchdringt mich, jagt Schauer über meinen Körper und weckt mein Begehren in einem Ausmaß, das mich um den Verstand bringt. Ich bin das Instrument, das er durch seinen Anschlag zum Klingen bringt, mal sanft, mal nachdrücklicher. Er beherrscht das Spiel auf meinem Körper ebenso virtuos, wie auf dem Flügel. Ich öffne mich ganz für ihn, überlasse ihm den Rhythmus, fließe auf seinem Gezeitenstrom. Unsere Körper sprechen aus, was nicht in Worte zu kleiden ist. Die Nacht gehört uns, löscht die Erinnerung an Einsamkeit und Kälte aus.

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Aufgabe: Schreibe einen „Schlangentext“.

 

Ende

 

„Falsche Schlange!“

John sprang auf, sein Stuhl kippte nach hinten.

Elisa blieb seelenruhig sitzen.

„Du hast es die ganze Zeit gewusst, ich bin wieder der Letzte, der etwas erfährt!“

Seine Hände ballten sich zu Fäusten. In seinem Kopf herrschte Chaos. Elisas Ankündigung traf ihn bis ins Mark. Heimlich regelte sie alles hinter seinem Rücken und überging ihn.

Elisa gab keine Regung von sich. Kein Wimpernschlag, kein Muskelzucken. War sie so gleichgültig, so kalt geworden? Und er hatte es nicht bemerkt.

„Hast du mir sonst noch etwas zu sagen!“, er spukte die Worte aus, wie Gift.

„Wenn du mich so fragst“, Elisa erhob sich gemächlich. Ihr schlanker, biegsamer Körper hatte auch nach zwanzig Jahren noch die Anmut einer Tänzerin. „ich möchte, dass du morgen mein Haus verlässt.“

Langsam ging sie um den Tisch herum, legte ein schmales Büchlein neben seinen verschmähten Teller.

„Hier, deine Abfindung“, ein spöttischer Unterton hatte sich in ihre Stimme geschlichen. „Ich denke, du kannst zufrieden sein.“

Sie drehte sich um, nahm ihr halbvolles Weinglas und ging ins Wohnzimmer. Einen Augenblick später hörte John die Stimme des BBC-Moderators, der einen Krimi ansagte. John stand nur da, konnte sich nicht rühren, es nicht fassen. Die Gedanken rasten durch sein Hirn, ohne anzuhalten. John vermochte nicht zu begreifen, was Elisa ihm mitteilte. Die Worte waren zu ihm hindurchgedrungen, aber er konnte ihnen keine Bedeutung zuordnen.

Abfindung, sagte sie. Eine Abfindung wovon? Ihr Haus verlassen, hatte sie gesagt. Aber es war doch auch sein Haus. Zwanzig Jahre hatte er hier gewohnt, gearbeitet, Kinder aufwachsen sehen, und hier hatte er Elisa geliebt.

Was war geschehen? Der Tag begann, wie so viele Tage in den letzten Jahren. Nichts hatte auf dieses Desaster hingedeutet. So gar die Sonne schien, an diesem Januarmorgen. Es gab keinen Stau auf der Autobahn und im Büro war alles glattgegangen.

Johns Anspannung ließ abrupt nach. Er sank vor dem Tisch auf den Boden. Ab morgen gab es kein Büro mehr, keine Firma, kein zu Hause. War es das, was Elisa damit sagen wollte?

John fiel aus seinem ausgefüllten Leben in eine schwarze tiefe Leere. Kein Geld der Welt konnte ihn darüber hinweg trösten. Der Schmerz in seinem Inneren zog sich zusammen wie ein riesiges unentwirrbares Knäul aus tausend Fäden, die er nicht gesponnen und die ihn doch zu Fall gebrachten.

John raffte sich auf. Für ihn gab es nur einen Ausweg. Er griff nach seinen Autoschlüsseln und ging.

 

Aufgabe: Satzassoziationen zu:

 

John fiel aus seinem ausgefüllten Leben in eine schwarze tiefe Leere.

 

Voll, Universum, hoch, Sturz, Hochhaus, hell dunkel, Film Noir, Stress, laufen, stolpern, einsam, Trauer, schwarzes Loch, Geburt, Ende, Lauf der Dinge, fliegen, Absturz, Zerstörung, Krypta, Gruft, Schmerz, endlos, bersten, Bewusstlosigkeit, Aufprall,

 

Ausgewählte Worte für den nächsten Text: Tod, Stress, allein, Jahre, Feuer, bodenlos

 

I am legend

 

Karim sah Selina immer noch. Er konnte sich nicht erinnern, wie viele Jahre vergangen waren. Am Anfang zählte er die Stunden, die Tage, Wochen, Monate. Aber er war nun schon so lange allein, dass Zeit keine Bedeutung mehr hatte.

Zeit – welch seltsames Ding. Damals, vor Selinas Tod, war sie angefüllt bis an den Rand und doch so schnell vergangen, als verschüttete man ein Glas. Nach Selinas Tod gab es kaum noch etwas zu tun, und die Stunden krochen dahin, langsam und quälend, nie enden wollend.

Karim erhob sich. Es wurde Zeit auf die Suche nach etwas Essbarem zu gehen. Hätte er die Ruinenstadt verlassen, wäre es vielleicht einfacher, immer genug Nahrung zu finden. Und möglicherweise begegnete er anderen, die das große Feuer überlebt hatten. Karim konnte nicht gehen. Er hätte den Ort verlassen, an dem seine letzten glücklichen Erinnerungen wohnten.

Karim verließ sein Haus, nicht ohne die Tür zu verschließen. Es gab niemand, der etwas genommen hätte, aber die Rituale halfen ihm, nicht völlig verrückt zu werden. Oder war dies schon das Verrückte? Der Stress des Alleinseins. Lächerlich. Stress der Einsamkeit.

Karim wanderte durch die Straßen. Um etwas zu Essen zu finden, musste er immer weitere Kreise ziehen. Anfangs hatte er nur in den Nachbarhäusern nach Nahrung gesucht. Inzwischen waren die Vorräte verbraucht und die Wanderungen wurden länger. Manchmal schaffte er es vor Einbruch der Nacht nicht nach Hause. Dann kampierte er in unwirtlichen Gebäuden voller Schutt und Unrat. Dort konnte er nicht schlafen. Wenn ihn die Müdigkeit trotzdem übermannte, hatte er Albträume, die ihn tagelang verfolgten.

Und überall begleitete ihn Selina. Er redete mit ihr, auch wenn sie ihm nicht antwortete. Sie hielt ihn davon ab ins Bodenlose zu stürzen. Selina, seine wunderschöne Selina. Am Ende der Zeit stand sie. Er hatte sie bald erreicht.

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Schreibe über Schlangen … Die meisten Menschen würden mit Schlangen Falschheit und Bösartigkeit assoziieren. Dies Vorurteil habe ich schon lange nicht mehr. Vor einer gefühlten Ewigkeit arbeitete ich in einem Zoogeschäft. Dort habe ich gelernt, dass Schlangen sehr sensible Wesen sind. Wenn sie gefressen haben und gestört werden, dann müssen sie sich übergeben. Außerdem, jeder der schon einmal eine Doku über Schlangen gesehen hat, hat sicher mitbekommen, dass Schlangen Vibrationen über ihr Mittelohr wahrnehmen können, wenn sie ihren Kopf auf den Boden legen. Also wirklich sensible Tiere.

Wenn „man“ Menschen kennenlernt, dann behauptet man nie wieder, dass Schlangen bösartig oder falsch sind. So falsch wie unsere eigene Art ist, können Schlangen gar nicht werden. Tier ist Tier. Was sie tun ist Instinkt. Bei uns ist das anders. Wir haben ein Gewissen, wir haben Verstand und doch tun wir anderen Menschen Dinge an, die wir nie und nimmer selbst aushalten möchten. Sei es: Mobbing, Verrat, Betrug, Übervorteilung, Frechheiten aller Art, von Mord und Todschlag gar nicht zu reden. Je Ärmer, je kleiner deine Lobby. Bist du dick, heißt es, du hast keine Selbstdisziplin. Bist du arm heißt es, du könntest mehr arbeiten oder sparen. – Auf jeden Fall hast du verloren.

„Ein pfiffiger Arbeitgeber schafft es, dir die Reibungswärme, die entsteht, wenn er dich über den Tisch zieht, als Nestwärme zu verkaufen.“ (Hab den Spruch von meinem Bruder *g*)

Das ist Falschheit. Wären die, die uns über den Tisch ziehen, an unserer Stelle, sie würden jammern und jaulen, sich beschweren und schimpfen. Aber wenn wir uns wehren, dann sind wir aggressiv und undankbar.

Aber am härtesten ist es, wenn die Leute, die dich gegen die Ungerechtigkeit verteidigen sollten, dir das Geld aus der Tasche ziehen wollen, dass du nicht hast.

„Nein, keine Prozesskostenbeihilfe, nur gegen Honorar.“

Na super! Jetzt bist du schon am unteren Ende der Nahrungskette, jetzt geben sie dir auch noch einen Schubs! Da kommst du dir vor wie ein Lemming, mit dem Unterschied, dass die angeblich selber springen (was nachgewiesenermaßen nicht stimmt). Eins steht fest, egal wie sehr du auch im Recht bist, irgendwo gibt es ein Gebüsch aus dem jemand heraus springt und dich den Abhang runter schubst, den du gerade mühsam hochgeklettert bist.

Eigentlich sollte ich deswegen deprimiert sein – ich höre in mich hinein, aber da ist nichts – die Depression ist gerade zum Teufel gegangen. Die ganze Situation ist so grotesk, dass ich nur lachen kann. Zugegeben, das hat was Psychotisches, aber das Ganze ist eine riesige Farce. So etwas kann man sich nicht ausdenken. Ich muss das wissen. Ich bin Schriftstellerin – die haben bekanntermaßen `ne Menge Flausen im Kopf.

Das ist so irre … wie in dem Film: Geschenkt ist noch zu teuer – mit Tom Hanks – er schüttet den letzten Eimer Wasser in die Badewanne, die dann durch alle Etagen bis in den Keller stürzt, während er oben vor dem Loch steht und wie ein Irrer lacht.

Mir ist das auch schon mal passiert. Aber da haben wir nur den Autoschlüssel innen stecken gelassen, damals, als es noch keine Keycards gab, mit denen man die Autos aus der Ferne aufschließen kann.

Im Moment wäre ich lieber in Tom Hanks Situation … der Mann ist ein Superstar und hat Geld wie Heu. Aber da ich nicht so begütert bin, muss ich sehen, wie ich den Abhang wieder rauf komme. Eins steht fest, wenn ich wieder oben bin, mache ich um Gebüsche einen riesigen Bogen. Diese ganze Kletterei kostet einfach zu viel Energie, die lässt sich anders besser einsetzen.

 

 

 

 

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