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Posts Tagged ‘Schicksal’

Die Frage ist gestellt

Ohne Worte steht sie im Raum

Ist es Illusion

Ist es Wirklichkeit

 

Zerbrech ich die Welt

Zerbricht sie mich

Fürchte das Beste

Und das Schlimmste

 

Stürzt der Himmel ein

Stürze ich in den Himmel

Rette ich meine Haut

Verbrenn ich mir die Flügel

 

Dreh ich um

Geh ich weiter

Ich drehe mich im Kreis

Stillstand gibt es nicht

 

Guter Rat ist zu teuer

Vom Leben zu wenig übrig

Zeit spielt eine Rolle

Niemand kennt das Morgen

 

Keine Götter

Nicht Schicksal oder Zufall

Lassen Würfel fallen

Die Knochen brechen

 

C`est la vie

That`s life

Asi es la vida

So spielt das Leben

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Der letzte glückliche Sommer

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit … die leuchtenden Sonnentage über einem sanften Meer, ließ in uns die Illusion entstehen, dass es immer so weitergehen und kein Ende nehmen würde. Doch in einer Nacht änderte sich alles. An dem Abend, der dieser schicksalhaften Nacht vorausging, ahnte keiner meiner Freunde, wie schrecklich es tatsächlich werden würde.

Ich erinnere mich, wie wir dem leisen Plätschern der Wellen lauschten, das sich mit dem Knistern des Lagerfeuers vermischte. Wir träumten vor uns hin. Ab und zu fielen kurze Bemerkungen, die keine besondere Bedeutung hatten. Plötzlich strich eine kühle Brise über den sonst menschenleeren Strand und die fast erloschene Glut flammte erneut auf.

Noch heute höre ich Toms raue unheilschwangere Stimme, als er sagte:

„Leute, etwas Schlimmes wird geschehen. Ich spüre es in meinen Knochen.“

Damit meinte er sein linkes Schienbein, das er sich als kleiner Junge gebrochen hatte und das ihn bei Wetterwechsel schmerzte.

Jay schüttelte den Kopf, verdrehte genervt die Augen gen Himmel und blies den Rauch seiner Zigarette in die wieder windstille Abendluft.

„Du immer mit deinen Vorahnungen. Nichts wird geschehen. Du wirst sehen“, knurrte er.

„Genau“, stimmte Sally zu, „du bist ein Schwarzseher.“

„Und du ein Schwarzfuß“, neckte Tom sie.

Worauf Sally eine leere Zigarettenschachtel nach ihm warf.

„Da passt ihr ja hervorragend zusammen“, stellte Andrew lapidar fest.

Mary stimmte Andrew zu. Die beiden waren seit Beginn des Sommers ein Paar und Mary teilte seine Auffassung im Grunde immer, wenn es um andere ging. Solange er ihrer Meinung war, wenn es um sie ging.

Ich sagte nichts, wollte nicht abergläubisch erscheinen, wusste aber, dass Tom schon einige Male recht behalten hatte, was seine Voraussagen betraf. Ich sah zu David hinüber. Er schlug die Augen auf, lächelte mir kurz zu, dann lehnte er sich wieder entspannt zurück. Solange David ruhig blieb, gab es keinen Grund besorgt zu sein. Er war der Älteste unserer Gruppe und jeder akzeptierte seine Ansichten als maßgebend.

Ich verliebte mich auf Anhieb in David. Natürlich. David war groß, sportlich, hatte dunkle Haare und die verführerischten Katzenaugen, die sich ein Mädchen vorstellen kann. Leider war ich nicht die Einzige, die seinem Charme verfiel. Jedes Mädchen im Umkreis von zwei Meilen schwärmte von ihm. Ich war sehr schüchtern und rechnete mir keine großen Chancen bei ihm aus, umso mehr erstaunte es mich, als er sich auf dem Heimweg vom Strand zu mir gesellte und nach meiner Hand griff. Ich war selig und völlig abgelenkt von dem Geschehen vor uns. Als die Gruppe den Leuchtturm passierte, blieb David stehen.

„Komm“, sagte er, „ich will mit dir allein sein.“

Mein Herz raste und ich brachte kein Wort heraus. Ich nickte nur und folgte ihm. David zog mich zum Eingang des Leuchtturms. Er drückte die Türklinke herunter und schob die schwere Eisentür auf. Wir drängten uns durch den schmalen Spalt in das finstere Innere des Turms. David legte die Arme um meine Taille und ich schlang meine Arme unbeholfen um seinen Hals. Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme, als er sagte:

„Das hast du noch nicht oft getan?“

„Nein“, flüsterte ich und verwünschte meine schwachen Nerven. David denkt bestimmt, ich bin ein „Fräulein-Rühr-mich-nicht-an“, ging es mir durch den Kopf.

„Macht nichts. Ich weiß genug für uns beide.“

Das glaubte ich ihm aufs Wort, schluckte die Bemerkung aber hinunter. Ich wünschte mir, dass David mich wollte und mir beibrachte, wovon ich bis jetzt mehr oder weniger nur gelesen hatte. Ich streckte mich ihm entgegen, als er sich zu mir herunterbeugte und mich aufreizend und fordernd küsste.

„Hat dich schon einmal ein Junge geküsst?“, fragte er.

„Ein Junge schon, aber kein Mann, wie du“, antwortete ich atemlos.

„Das Gefühl habe ich auch“, stellte er triumphierend fest.

David presste mich mit seinem muskulösen Körper gegen die Wand. Die Kälte der Mauer an meinem Rücken und seine offenkundige Erektion an meinem Bauch verursachten mir eine Gänsehaut.

„Dann sollten wir es gleich noch mal versuchen“, flüsterte er an meinem Ohr.

Sein warmer Atem löste einen neuen Schauer in mir aus und ich schmiegte mich willig an ihn. Gerade als Davids Mund sich wieder meinen Lippen näherte, hämmerte jemand gegen die metallene Tür des Leuchtturms.

„David! Bist du da drin! David!“

Es war Tom. Er schrie verzweifelt immer wieder Davids Namen. David ließ mich los und versuchte die Tür aufzureißen. Sie bewegte sich keinen Zentimeter.

„Das ist nicht möglich“, keuchte David, „sie muss aufgehen.“

Sie öffnete sich nicht, so sehr er sich mühte. Draußen schrie Tom wie von Sinnen. Drinnen kämpfte David mit der Tür. Er schrie und schlug mit den Fäusten gegen das unnachgiebige Metall. Seine Knöchel bluteten, hinterließen eine dunkelrote Spur auf dem Türblatt. Ich stand nur da, wusste nicht, wie ich hätte helfen können. Der Schrecken lähmte mich.

Jäh verstummte Tom. David hielt inne. Wir lauschten. Die schlagartige Stille war unerträglich. Ein leises Geräusch ließ uns zusammenzucken. Der Riegel des Schlosses löste sich. Die Tür sprang auf. Ich griff nach Davids Hand. Sein warmer fester Händedruck gab mir etwas Sicherheit.
Vorsichtig traten wir ins Freie und fanden uns in einem Albtraum gefangen. Unsere Freunde waren tot. Ihre Körper zerrissen und verstümmel, als wären sie von einem Rudel wilder Tiere attackiert worden. Übelkeit stieg mir in die Kehle. Ich drehte mich weg. Mein Inneres kehrte sich nach außen.

***

Dieser Sommer liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Niemand fand heraus, wer unsere Freunde tötete und warum wir überlebten. David reiste noch vor der Beerdigung ab. Vermutlich fühlte er sich schuldig, weil es ihm nicht möglich gewesen war, Tom zu helfen. Aber wie hätten wir das tun können? Die Tür war fest verschlossen.

Seitdem gingen David und ich getrennte Wege. Doch dieses Ereignis hat uns nicht losgelassen. Jeder versuchte auf seine Weise damit fertig zu werden. Ich habe Davids berufliche Laufbahn verfolgt. Er ist ein ausgezeichneter Forensiker geworden und klärt außergewöhnliche Verbrechen auf. Während ich meinen Master in Geschichte und Mythologie gemacht habe. Ich bin die beste meines Fachgebietes.

Das muss ich sein, denn anders als David, glaube ich nicht, dass ein menschlicher Serienkiller unsere Freunde auf dem Gewissen hat und endlich habe ich einen Anhaltspunkt gefunden, der mich der Lösung des Rätsels näher bringen könnte.

Ich bin gespannt, was David dazu sagt. Heute treffe ich ihn das erste Mal, nach diesem schicksalsträchtigen Tag, wieder. Ich rief ihn an und erzählte ihm, dass ich neue Erkenntnisse habe. David lachte mich aus und wollte nicht kommen, als ich ihn bat mir eine Chance zu geben. Zwei Tage später hatte er sich anders überlegt.

In zwei Minuten kommt David mit dem Zug um 12:34 Uhr an. Zig Fragen donnern durch meinen Kopf. Wie sieht er wohl aus? Hat er sich verändert? Was erwartet er von mir? Soll ich ihn umarmen? Oder lieber nicht? Wird er mir helfen oder reist er mit dem nächsten Zug wieder ab?

„Vorsicht an der Bahnsteigkante“, schnarrt die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher, „der Zug aus London läuft ein.“

 

Der Anfangssatz und die Worte, die ich mir im Generator erspielt habe, sind:

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit…

Königin, Leuchtturm, Erfolg, Leistung, necken, gebogen, Zug, umleiten, schmal, Beerdigung, akzeptieren

Leider konnte ich noch nicht alle Wort in diesen Teil des Textes einbauen. Aber da die Aufgabe „zwischen 6 Zeilen und zwei Seiten“ lautet, habe ich nach vier Seiten ein vorläufiges Ende gesetzt. Aber es interessiert mich schon sehr, was für einen Anhaltspunkt sie gefunden hat …. 😉

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Ein sehr fiktiver Briefwechsel 😉

Liebste herzige Margarete,

du glaubst nicht, wen ich heute kennen gelernt habe! Wolfgang Amadeus Mozart! Er ist der rebellischste, talentierteste und bestaussehende Mann, den ich jemals gesehen habe. Ich weiß jetzt schon, dass ich ihn anbete und ich verrate dir kein Geheimnis, wenn ich dir hier verspreche, dass ich ihm zu Willen sein werde, wann immer er mich dazu auffordert. Oh, Liebste! Du musst bald zu Besuch kommen und ihn kennenlernen. Seine Konzerte sind einzigartig, niemand kann ihm das Wasser reichen.

1000 schwesterliche Küsse,
Deine Constanze

***

Meine herzliebste Constanze,

du weißt, wie sehr mir dein Glück am Herzen liegst und ich muss sagen, dass mich dein letzter Brief in Angst und Schrecken versetzte. Ich hörte das Gerücht, und du weißt, an jedem Gerücht ist ein Körnchen Wahrheit, dass Meister Mozart zwar wegen seiner Musik, wie unser seliger Bach gefeiert wird, aber sich im allgemeinen Umgang mit Frauen, wie ein wilder Stier benimmt und wie eine Biene von Blume zu Blume fliegt. Bitte meine Liebe, habe Geduld und wahre deine Unschuld, bis du dem Richtigen begegnest! Die Erfahrung zeigt, dass Musiker unstete, untreue Gesellen sind. Tu nichts unüberlegtes, meine liebe Constanze, ich werde dich aufsuchen, sobald Mutter mich entbehren kann.

In treuer Zuneigung
Deine Margarete

***

Liebe gute Margarete,

liebste Freundin, ich zweifele nicht an deinen besten Absichten für meine Ehre. Aber wenn du ihn gesehen hättest, dann würdest du nicht anders denken als ich. Sein sprühender Witz, seine außergewöhnliche Liebenswürdigkeit und diese seelentiefen Augen. Welche Frau könnte diesen herrlichen Charaktereigenschaften wiederstehen? Ich jedenfalls konnte es nicht. Als mich der Meister nach seiner letzten Oper, sie hieß die Zauberflöte, auf die Parkbank einlud, um mir die richtigen Flötentöne beizubringen, musste ich einfach Ja sagen. Er weckte eine Flamme in mir, die zur Feuersbrunst erwachsen ist. Oh, Margarete, ich muss dir soviel mitteilen und dir einiges beichten, was mir auf dem Herzen lastet. Ich bin mir sicher, der Herr Mozart wird mein Schicksal sein.

Ich vermisse dich und deinen überlegten Geist
Deine Constanze

***

Liebe Constanze,

ich las deinen Brief mit Erschauern. Konnte ich doch kaum atmen, angesichts der Entwicklung, die du mir berichtetest. Warum hat es denn dein Herr Mozart so eilig? Hat er nicht schon genug unerfahrene Mädchen ins Unglück gestürzt? Es muss ein übernatürlicher Zauber sein, der dir den Verstand geraubt hat. Constanze, ich flehe dich an, halte an dich. Ich werde im wilden Schweinsgalopp zu dir eilen und dir beistehen, deine keusche Jungfernschaft, oder das was davon noch übrig ist, zu bewahren. Ich folge dem Überbringer dieses Briefes auf dem Fuße.

Sei meiner Freundschaft versichert,

deine Margarete

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Der Briefkasten ist grün. Ziemlich verbeult. An einigen Stellen ist die Farbe abgeplatzt, dort setzt sich Rost ab. Grün – Farbe der Hoffnung. Doch jeden Tag, wenn ich den kleinen silbernen Schlüssel in das Schloss stecke, enttäuscht er mich seit Tagen. Kein Brief von George. Er hat es versprochen und was er zusagt, hält er. George ist der zuverlässigste Mensch, den ich kenne. Das mag an seinem Namen liegen. George – ein alter Name mit Sicherheitsgarantie, Erde und Arbeit verschmolzen. Ein Landwirt lässt seine Heimat nicht im Stich.

Die Unruhe hat mich gepackt. Es muss etwas Schreckliches passiert sein. Ein Unfall oder ein anderes tragisches Schicksal hat ihn ereilt, weswegen George sich nicht meldet.

Ich höre den schweren Schritt meiner Nachbarin. Ihre schweren Holzclogs dröhnen durch den Hausflur. Klack, klack, klack. Ich eile die Stufen hinunter. Heute muss ein Brief von George dabei sein. Ich will vor ihr am Briefkasten sein. Sie soll nicht sehen, wie ich seinen Brief herausnehme und mich fragen: „Von wem haben sie denn Post bekommen?“, in dieser näselnd neugierigen Tonart.

Hastig öffne ich das grüne Maul. Es gibt nichts her, sein Bauch ist leer. Ich kämpfe die Tränen nieder.

„Na Kindchen wieder nichts?“, höre ich meine Nachbarin hinter mir.

Ich presse die Lippen zusammen, will nicht weinen. Ich schüttele den Kopf, wende mich ab und gehe zurück ins Haus. Wieder nichts. Die Enttäuschung zieht sich in mir zusammen, wie ein dickes schwarzes Knäul, dessen feine Fäden sich in jeden Winkel meines Körpers winden und mir die Freude heraussaugen. Es gibt nichts zu tun. Nur das Warten auf Morgen und die schwindende Hoffnung auf ein Lebenszeichen von George.

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Der Zug donnert mit ohrenbetäubender Geschwindigkeit über die Gleise. Die Schienen beben, der Felsspat zwischen den Bohlen schleudert nach oben. Ich sehe ihn immer näher kommen, kannt mich nicht rühren. Schweiß steht mir auf der Stirn, mein Herz rast. Ich muss springen. Von den Gleisen weg. Spring! Schreit die Stimme in meinem Kopf. Ich bin gelähmt. Nur noch wenige 100 Meter. Ich höre den Lokführer brüllen, die Bremsen kratzen auf dem Eisen, Funken stieben auf. Ich rieche das Feuer. Schließe die Augen.

Schreiend fahre ich hoch. Der Pyjama klebt auf der Haut. Immer wieder dieser schreckliche Traum. Ich krieche aus dem Bett. Ein kranker Mond scheint durch mein Fenster und wirft Schatten auf meine Decke. Ich schleiche zur Toilette. Vielleicht liegt es am Kaffee. Aber die Kanne war fast voll gewesen und ich hatte nicht wiederstehen können.

Wann hatte ich das schon gekonnt? Wiederstehen? Wollte ich das überhaupt? Das Urteil über mich war sowieso gefällt und was konnte ein zerbrechliches Geschöpf dagegen tun.

Meine Täuschungsabsicht war aufgeflogen und ich hatte Job, Freund und selbst Feind verloren. Ich folgte einem unsichtbaren Muster, dass ein launisches Schicksal für mich gestrickt hatte. Einsam und allein. Man konnte allein sein, ohne einsam zu sein. Ich war gnadenlos einsam und allein. Kein Mensch wagte es sich mir zu nähern oder Partei für mich zu ergreifen. War das mein Urteil für die Ewigkeit? Die Verräterin, die Ausgestoßene zu sein?

Diese nagenden, brennenden Gefühle, die in meinem Bauch aufsteigen sich durch meinen ganzen Körper ziehen und meine Gedanken immer wieder kreisen lassen. Was wäre, wenn ich ihn nie getroffen hätte? Was wäre, wenn ich an diesem Tag meine Mutter besucht hätte? Was wäre, wenn mein Freund bei mir gewesen wäre?

Er hatte mich gesehen, meine Zweifel, meine Sehnsucht, meine Unsicherheit und hatte mich für seine Machenschaften benutzt. Wir tanzten die ganze Nacht. Ich hatte das Gefühl weit fort von allem zu sein. In seinen Armen. Seine Lippen meinen ganz nah. Ich hatte nicht wiederstehen können und er hatte es gewusst.

Die Briefe kamen per Express und noch bevor ich sie öffnete, ahnte ich ihren Inhalt. Der Sturz war lang und er endet noch lange nicht.

Morgen beginnt der Prozess und ich werde ganz vorne stehen. Einsam. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen, die endlich ihr Sommerloch stopfen können. Ich stürze und stürze, solange bis mich die Justiz durch jede Mangel getrieben hat, die ihr zur Verfügung steht und nichts mehr von mir übrig sein wird, als eine leere, hohle Hülle.

Er wird weit fort sein und einen anderen Schwan finden, dem er das Gefieder ausreißen kann. Einem, der ihm nicht wiederstehen kann.

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„Eine heiße, an triebhafter Illusion sich ergötzende Begierde, ergriff Besitz von ihr. Sie hatte sich gegen ihn gewehrt, aber je länger er sich um sie bemühte, um so mehr nahm er Besitz von ihren Gedanken. Seine Gestalt, seine kräftigen Hände, die breite Brust, die strahlenden Augen und der sinnliche Mund brannten sich in ihre Gedanken und ließen ihr keine ruhige Minute mehr. Als er sie dann beim Frühlingsball zum Tanzen aufforderte, erfüllte sie ein seltsames Gefühl wilden Begehrens, das ihren ganzen Körper in Aufruhr versetzte. Er spürte es und ein wissendes Lächeln huschte über seine Lippen. Seine Hand glitt etwas tiefer auf ihre Hüften und drückte ihr Becken gegen seine Lenden. Er hörte, wie sich ihr Atem beschleunigte und sie sich wie ein Kätzchen an ihn schmiegte. Heute war die Nacht, in der es endlich geschehen würde. Seine Beharrlichkeit und Ausdauer  hatten sich gelohnt und ihr herrlicher Körper war der Preis, den er sich errungen hatte. Er wusste, dass er dies auch ihrem alten lethargischen Ehemann zu verdanken hatte, dem sie außer den Füßen nicht mehr viel wärmen konnte.“

Donnerwetter! Was so herauskommt, wenn man einfach die Worte laufen lässt, ohne sich groß Gedanken zu machen. Der Unterschied zwischen Geschichten erzählen und zu schreiben ist nicht so groß, wie ich dachte. Man geht einfach seinen Ideen nach. Aber das Schreiben hat den Vorteil, dass man die vorbei huschenden Einfälle sofort notieren und die verschiedenen Möglichkeiten ausprobieren kann, während man sich beim Erzählen sofort entscheiden muss. Eine neue Zeile taucht auf:

„Ich glaube an die Sehnsucht, die wir nacheinander haben. Egal was passiert, egal wo wir sein werden, wir werden uns wiedersehen“, sagte Raoul mit leuchtenden Augen, „niemals werde ich deine Augen und dein Lächeln vergessen. Ich muss gehen, damit wir wieder zueinander finden können. Es ist nicht deinetwegen, es sind meine Zweifel, die mich forttreiben.“

Tränen treten mir in die Augen. Ist es das? Sind es seine Zweifel, seine Ängste, die ihn von mir weg führten, wann wird sich sein Herz entschieden haben, zu mir zurückzukehren. Werde ich dann wieder in seiner Welt sein?

Der Stift nimmt seine Arbeit wie von selbst wieder auf:

„Ganz Paris träumt von der Liebe“, dachte sie, „nur ich kann nicht mehr daran glauben.“ Gestern wollte sie sich mit einer Freundin in einem kleinen Cafe, auf Sacre Coeur treffen. Sie ging am Seine-Ufer entlang, genoss den träge dahin fließenden Fluss und die warmen Sonnenstrahlen der ersten Maitage. Ein Monat geschaffen für die Liebe. Mai in Paris. Sie dachte an Jean. Ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Gutaussehend, charmant, ein exzellenter Küsser. Wenn er sie besuchte, brachte er Rosen und Konfekt. Verträumt sah sie aufs Wasser, als ihr Blick sich an einem Liebespaar verfing, das eng umschlungen nicht weit von ihr stand. Erst lächelte sie, von ihrem eigenen Glück beseelt, aber dann durchfuhr es sie wie ein Stich. Der Mann, der eine aparte junge Französin im Arm hielt und mit Blicken förmlich auffraß, war Jean. Kein Unglück hätte größer sein können, als dies.“

Ich stoße einen tiefen Seufzer aus. Das soll angeblich erleichtern. Aber das erwünschte Gefühl tritt nicht ein. Raoul, der eine andere genauso begehrlich anschaut wie mich?

Worte erscheinen auf der Buchseite:

„Meine Gedanken strecken sich nach dir aus, immer und immer wieder. Ich kann nichts dagegen tun. Ich sah dich und nichts ist mehr wie vorher. Alles hat sich umgekehrt. Hell ist dunkel, schwarz ist weiß. Du ahnst nichts davon, und doch ist es immer da. Du bist immer in meiner Nähe, egal wie viele Kilometer uns trennen“, oder Zeiten, ergänze ich in Gedanken.

Die Tinte läuft aufs Papier:

„Oder werden wir uns, wenn wir uns wieder begegnen, höflich sagen: wie nett dich wieder zu sehen. Verlegen von einem Fuß auf den anderen tretend, ein paar Floskeln austauschend. Sehe ich den Ring an deiner Hand und weiß, dass ich dich verloren habe. Eine andere Frau hat deine Wege gekreuzt und dein Herz erobert.“

Das ist das Leben. Schicksal hin oder her. Man sieht sich, verliebt sich, trennt sich, vergisst und alles beginnt von vorn. Ich hasse das Leben. Ich will nicht, dass sich alles wiederholt. Ich will mein Schicksal. Mein Schicksal mit Raoul. Aber mir ist klar, die Zeit läuft davon. Wer weiß, wie viele Tage, Monate schon vergangen sind, in meiner und in seiner Welt. Besonders wenn ich davon ausgehe, dass ich nicht weiß, wo ich bin und wie ich wieder zurückkomme. Es gibt nur eine Möglichkeit. Ich muss einen Bahnhof finden und dass möglichst bald.

Meine Hand diktiert die Worte:

„Wie wünscht ich mir du, würdest dich erinnern“, sagte sie.

Sie blickte in seine Augen, die starr gegen die Decke gerichtet waren. Er lag schon viele Jahre im Koma. Damals als der Unfall passierte, war ihr Sohn noch klein. Gerade ein Jahr alt. Sie musste für ihn sorgen und arbeiten gehen, ihm Vater und Mutter sein. Heute war er erwachsen, studierte weit fort von zu Hause. Trotzdem besuchte sie ihn, sooft es ihr möglich war. Sie hätte so gern ihr Herz noch einmal verschenkt, aber es wäre ihr wie Verrat vorgekommen.

„Die Zeit vergeht so schnell. Wie Rauch, der durch ein Schlüsselloch zieht“, flüsterte sie, „wahrscheinlich würdest du dich nicht erinnern, wenn du mich sehen würdest und wenn doch, dann wärst du sicher enttäuscht.“

Traurig blickte sie in den Spiegel. Ihre schwarzen Haare durchzogen Silberfäden und ihre Augen wirkten traurig und müde. Wie viele Nächte hatte sie Tränen vergossen. Sie hatte am Anfang gedacht, es würde vorübergehen, aber es ging nicht vorbei. Vielleicht weil es nie ein Ende gegeben hat.“

Es hatte nie ein Ende gegeben. Etwas, das gerade begonnen hatte, wurde jäh unterbrochen ohne das Entscheidendes passierte oder überhaupt passieren konnte.

Jemand schlägt den Vorhang des Zeltes zurück. Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf die kostbaren Teppiche im Eingangsbereich und lassen sie in den schönsten Farben erstrahlen. Die Farben des Tages. Alles beginnt von Neuem. In dieser Nacht war alles so still, so fern. Ein sanfter Duft hüllte mich ein. Zimt und Gewürze, ein Hauch von Kakao und Marzipan. Jetzt erfüllt eine frische Brise das Zelt. Die kühle Morgenluft riecht nach Quellwasser und frisch gemähtem Gras.

„Guten Morgen“, höre ich eine angenehme Stimme und sehe Isidors Meister auf mich zu kommen, „hast du gut geschlafen?“

„Ja, danke“, sage ich, „könnte ich bitte ein Bad nehmen?“

Milans neugieriger Blick entgeht mir nicht, aber ich versuche mir nichts dabei zu denken.

„Folge mir bitte.“

Er macht eine einladende Handbewegung. Sein Gang ist geschmeidig und Milans Haltung drückt Stolz und Selbstbewusstsein aus. Seine silbernen Haare fallen heute Morgen offen über seine Schultern und geben ihm ein jungenhaftes, ja beinahe zeitloses Aussehen.

Milan schlägt einen dicken Vorhang zurück und lässt mich eintreten. In der Mitte des Raumes steht eine große Wanne mit Löwentatzen als Füßen. Das Wasser dampft und ein wohlriechender Schaum bedeckt die Oberfläche.

„Ich danke dir“, sage ich und lächele versöhnlich.

Milan deutet eine Verbeugung an und zieht sich zurück. Schnell entledige ich mich meiner Kleidung und lasse mich in das angenehm temperierte Wasser gleiten. Ich schließe die Augen. Der Duft der Badeessenzen ruft Bilder in meinem Inneren hervor. Warme Tage in südlichen Gefilden. Zypressen, Pinienwälder, Natursteinhäuser in Weinbergen, der Duft reifer Kornfelder und Lavendelplantagen. Sternklare Nächte, die Lieder der Zikaden, funkelnder Wein, sehnsuchtsvolle Lieder. Immer weiter versinke ich in meinen Träumen.

Eine zärtliche Hand streicht über meine erhitzte Haut, ich strecke mich ihr entgegen, ohne Scheu. Warme Lippen küssen meinen Hals, Finger umkreisen meine Brustknospen, die sich sofort unter seinem Begehren aufrichten. Immer wilder werden die Küsse. Immer weiter dringen seine Hände an meine geheimen Stellen vor. Er lässt sich zu mir in die Wanne gleiten. Ich dränge mich an seinen muskulösen Körper, spüre seine harte Erektion an meinem Bauch. Die Hitze des Wassers und seiner Verführung hat mich weich und fließend werden lassen.

„Komm zu mir“, höre ich mich in Gedanken flehen.

Mit einer geschickten Bewegung hebt er mich über sich auf seinen steifen Schwanz. Meine Liebessäfte lassen ihn wie ein scharfes Schwert hineingleiten und ein lustvolles Zucken durchzieht meinen Unterleib, als er mich so perfekt ausfüllt. Ich werfe meinen Oberkörper zurück, strecke ihm meine Brüste entgegen, die er sanft mit seinen Händen umfasst, und lasse mich auf und niedergleiten. Ich suche Halt an dem gewölbten Wannenrand. Immer schneller lasse ich mein Becken kreisen, heben und senken, bedacht ihn so tief wie möglich aufzunehmen. Mein Herz rast und mein ganzer Körper ist bis zum Zerreißen gespannt. Seine kräftigen Hände liegen auf meinen Hüften und halten mich in meinem zügellosen Ritt, bis mich ein wildes Pochen und Zucken, ein lustvoller Schrei durchfährt, meine Venus seinen Phallus mit heftigem Pulsen umklammert, er seine Lenden noch einmal mit aller Kraft nach oben drückt und sich heiß in mir verströmt.

Erschöpft und glücklich lasse ich mich auf seine Brust sinken. Er legt seine Arme um mich, bedeckt mein Gesicht mit vielen kleinen Küssen. Ich öffne meine Augen, sehe in Raouls Augen.

„Ich will dich“, steht darin geschrieben. Dann küsst er meine Lippen und nimmt mir den Atem.

„Noelle!“, eine ferne Stimme ruft nach mir, „Noelle!“

Verwundert öffne ich die Augen. Ich muss mich kurz sammeln.

„Ja, gleich!“, antworte ich verwirrt.

Wo bin ich? Wo ist Raoul? Mein Körper ist noch ganz satt und schwer von der Liebe. Er ist nicht hier. Ich bin allein. Das ist unmöglich. Ich spüre ihn noch in meinem Körper. Seinen harten Schwanz, seine Hände, die meine Brüste umfassen, seine Finger, die meine Knospen necken. Das kann kein Traum gewesen sein! Und doch bin ich allein in dem Baderaum. Meine Lippen brennen von seinen gierigen Küssen, und selbst sein harter Stoß lässt meine Hitze erneut aufsteigen, wenn ich es mir vorstelle.

„Noelle, das Frühstück ist bereit.“

Das ist Isidor.

„Ich bin gleich da, nur noch einen Moment.“

Hastig steige ich aus der Wanne und kleide mich an. Ich taumele, weil mir schwindelig ist. Ich bin ausgelaugt von der Heftigkeit meiner Ekstase. Ich habe mich solange danach verzehrt ihn endlich ganz zu fühlen, dass die Erfüllung mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Die Befriedigung, die mich erfüllt, macht mich lasziv und aufreizend.

Isidor sieht mich mit einem merkwürdig forschenden Blick an. Er führt mich zurück in den Hauptraum, wo auf einem niedrigen Tischchen ein reichhaltiges Frühstück breitet wurde. Wir sitzen auf Kissen, auf dem Boden. Ich lasse mich so anmutig wie möglich darauf nieder. Meine Augen halb geschlossen, mein Körper weich, wie der einer schläfrigen Katze, noch völlig gefangen von dem ungestümen Liebesakt, versinke ich in den Bodenpolstern. Ich spüre Milans Blick und hebe meine Augen. Für einen winzigen Moment sehe ich ein goldenes Glitzern in ihnen, aber meine Gedanken sind einfach zu schlaff, um mir jetzt den Kopf zu zerbrechen.

Nach dem Frühstück, dränge ich drauf weiter zugehen, auch wenn sich meine Beine wie Wackelpudding anfühlen.

„Du kannst gerne noch bei uns bleiben“, sagt Milan freundlich und seine hellen Augen sehen mich durchdringend an, „es ist Platz genug in meinem Zelt.“

„Nein, dank. Ich schätze deine Gastfreundschaft, aber ich muss jemanden finden. Außerdem muss ich versuchen, meinen Auftrag zu erledigen und eine Geschichtenerzählerin zu werden.“

Milan nickt verständnisvoll.

„Wirst du auch über uns erzählen?“

„Natürlich“, ich lächele ihn an, „ich bin mir nur nicht sicher ob ihr ein Produkt meines Geistes oder einfach nur einer anderen Zeit entsprungen seit. Aber ohne euch wäre die Geschichte nicht vollständig.“

„Ich möchte dir zum Abschied etwas schenken“, Milan greift nach einem kunstvoll geschnitzten Kästchen, „öffne es.“

Er reicht es mir und ich hebe den Deckel. Darin liegt ein Kartenspiel mit verschlungenen geheimnisvollen Bildern und Zeichen. Farbenprächtig und von Meisterhand gestaltet.

„Es ist ein besonderes Kartenspiel“, erklärt er, „es trägt nicht nur die Bedeutung des Bildes, dass du auf jeder Karte siehst, sondern jede Karte trägt auch seine ganz eigene Geschichte. Wenn du genau darauf hörst, wirst du sie erkennen und sie wird deine Erzählungen bereichern und dir ein Weg der Inspiration sein.“

„Ich danke dir, Milan.“

Ich stecke den Kasten in meinen Rucksack. Dann reiche ich ihm die Hand. Er zieht sie an seine Lippen und drückt einen warmen Kuss auf meinen Handrücken, während sein Blick mich durchdringt. Ein aufreizend wissender Ausdruck liegt darin, der mir sagt, dass es Dinge gibt, die sich meiner Kontrolle entziehen. Ich bin mir über diese Dinge im Klaren, aber es gefällt mir nicht unbedingt.

„Ich wünsche dir eine gute Reise, mögest du finden, was du suchst. Isidor wird dich zum nächsten Bahnhof geleiten.“

Ich sehe ihn noch einmal ganz aufmerksam an, schüttele nur meinen Kopf und folge Isidor.

Wir sind noch nicht lange unterwegs, als ich in der Ferne ein Bahnhofsgebäude sehe und der Wind das Rauschen eines Zuges herüberträgt. Ich bleibe stehen und sehe mich nach Milans Zelt um, aber es ist wie vom Erdboden verschluckt.

„Tja, hier verändern sich die Dinge in Sekundenschnelle“, bemerkt Isidor, als er meinen verwunderten Blick auffängt.

„Das sehe ich. – Du darf ich dich mal was fragen?“

„Klar, immer doch“, antwortet er und schaut mich gespannt an.

„Wie lange war ich hier?“, frage ich vorsichtig.

Nach meiner Erfahrung bei Lady Shelley bin ich vorsichtig geworden.

„Einen Tag, eine Nacht und einen halben Tag“, beantwortet Isidor meine Frage umständlich.

„Zum Glück“, atme ich auf.

„Wieso? Ist das ein Problem?“

„Nein, aber als ich das letzte Mal ausgestiegen bin, war ich drei Monate dort gewesen, obwohl ich das Gefühl hatte, es wäre nur eine sehr kurze Zeit gewesen.“

„Oh, da mach dir nur keine Gedanken. Hier läuft die Zeit parallel zu eurer Zeit.“

Wir sind inzwischen in der Nähe des Bahnhofgebäudes angekommen.

„So“, Isidor stellt meinen Koffer ab, „ich werde mich jetzt von dir verabschieden, die da“, er deutet auf den Bahnhof, „müssen mich nicht sehen.“

Ich beuge mich zu ihm herunter, streiche über seinen Wuschelkopf und umarme ihn.

„Ich wird dich vermissen“, flüstere ich, „schön, dass ich dich getroffen habe und vielen Dank noch mal, dass du mich vor Poseidon gerettet hast.“

„Kein Problem“, Isidor zwinkert mir zu, „ich wünsche dir eine gute Reise und denk manchmal an mich.“

„Das werde ich“, sage ich leise.

Ich blicke hinter ihm her, bis er sich meinen Blicken entzieht. Aufgelöst in einer leichten Brise. Ein Elementar zu sein hatte auf jeden Fall nicht zu unterschätzenden Vorteile. Man kann sich in Luft auflösen, die unberechenbaren Götter in ihre Schranken verweisen und sich ein Feuer anzünden, wann immer man es braucht. Soviel Macht haben nicht einmal die Götter, dass ihre Pläne nicht von einem höheren Wesen durchkreuzt werden können. In gewisser Weise beruhigt mich das. Allein Zeus mit seinem cholerischen wollüstigen Wesen braucht jemand, der auch ihn in seine Schranken weist, damit er nicht zu viel Dummheiten anstellt. Die Olympier sind wie Kinder, die die Menschen als ihre Spielzeuge ansehen und sie willkürlichen Experimenten aussetzten, um zu sehen, was wohl dabei herauskäme. Keine nette Art mit Schwächeren umzugehen.

Ich ziehe meinen Trolley zu dem Bahnhofsgebäude und steige die Treppen hinauf. Als ich die Schwingtür aufdrücke, steigt mir ein herrlicher Duft von Kaffee in die Nase. Wenn der nur halb so gut schmeckt, wie er riecht, dann muss er ausgezeichnet sein. In der schlichten Halle ist ein kleiner Backshop. Hinter dem Tresen steht eine dralle Verkäuferin, die das Thema Backwaren verkörpert, als sei sie dazu geboren. Ihre blonden Locken fallen in großzügigen Wellen über ihren Rücken, gehalten von bunten Bändern. Die weiße Schürze überstrahlt die Sahnetorten um ein vielfaches und ihr Blümchenkleid schreit „bunte Zuckerstreusel“. Ihre rosa Wangen riechen nach Weihnachtsbäckerei und sie duftet auch so. Marzipan, Zimt, Orangeade und Pfefferkuchen. Der ganze Backshop ist zudem in eine wundervolle Wolke aus frisch geröstetem Kaffee gehüllt. Die Verkäuferin strahlt mich an, und als ich auf sie zusteuere, fragt sie mich:

„Darf ich ihnen einen Kaffee machen?“

„Oh, das wäre herrlich“, seufze ich und sauge sämtliche Wohlgerüche ein, die mir entgegenströmen.

„Café au Lait?!“

„Sie sind eine Hellseherin“, schmunzele ich.

„Und eine Blätterteig-Nuss-Nougat-Schnecke?“

„Oh ja!“

Ich strahle die nette Dame an. Sie gibt das Strahlen zurück und verpackt mir das Blätterteigstückchen in eine weiße Schachtel, deren Ränder hübsch perforiert sind, und bindet sie mit einer roten weiß gepunkteten Schleife zu. Dann lässt sie einen dampfenden Espresso in einen schlichten weißen Porzellanbecher fließen und vermischt ihn mit einer Portion heiß schäumender Milch. Der Duft ist so himmlisch, dass es mir den Atem verschlägt.

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„Es war einmal“, beginne ich.

„Oh, ein Märchen?“

Raoul zieht erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Nein“, ich muss lachen, „aber es muss ja einen Anfang für die Geschichte geben. Ich kann auch beginnen mit: Es wird einmal sein. Diese Geschichte kann immer und jederzeit stattfinden.“

„Gut. Entschuldige, ich werde versuchen, nicht mehr dazwischen zu reden.“

Raoul zwinkert mir zu.

„Es ist die Geschichte einer jungen Frau und eines jungen Mannes. Nennen wir sie Maja und Gabriel. Sie trafen sich in einem fernen Land, an einem fernen Meer, wie es der Zufall so wollte.“

„Oder das Schicksal“, murmelt Raoul.

Ich ignoriere den Einwurf.

„Maja hatte das Gefühl, von einer Last befreit zu sein. Ihr Herz atmete auf und warf alles von sich, was sie bedrückte. Vor ihr lag das Meer und über ihr erstrahlte ein blauer Himmel, der so hoch war, dass man das Ende nicht abwägen konnte. Die kleine Pension, in der sie untergekommen war, lag auf einem Felsen, direkt über einer winzigen Bucht, die man über eine schmale Steintreppe erreichen konnte. In ihrem Koffer befanden sich nur die wichtigsten Dinge, kein unnötiger Ballast. Ihre beiden Lieblingsbücher und ein Laptop steckten in einem Rucksack und warteten auf ihren Einsatz. Der Balkon vor ihrem Zimmer lag zum Meer hin und hatte gerade genug Platz für ein Tischchen und zwei bequeme Korbstühle. Am Geländer war ein Sonnenschirm angebracht, der alle Farben des Regenbogens auf seinem Schirm vereinte. Von irgendwoher ertönte leise Musik. Sanfte lateinamerikanische Rhythmen, die sich wie aromatische Düfte in die Luft erhoben und sich in ihren Gedanken verewigten. Sie war sich sicher, dass sie später, wenn sie an diese ersten Augenblicke zurückdachte, immer diese Musik hören würde. Unauslöschlich verbanden sie sich mit diesem magischen Moment. 

Sie setzte sich auf den Balkon und lauschte gedankenverloren der köstlichen Melodie, die zu ihr herauf schwebte, sich in ihre Ohrmuschel setzte, unter ihre Zunge kroch, die Bilder in ihrer Iris einkreiste, über ihren Hals, ihre Schultern strich, bis sie schließlich von ihrem ganzen Körper Besitz ergriffen hatte.

Noch vor ein paar Stunden hatte sie auf einem lauten Flugplatz gestanden. In einem grauen Häusermeer, unter einem stahlgrauen Himmel, mit der Schuld einer gescheiterten Beziehung beladen, die sie befürchten ließ, sich eher von einer Klippe zu stürzen, als einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu erblicken. Aber nun, hier an diesem Meer, unter diesem Himmel gab es nichts mehr, das sie von sich trennte. Ihr Herz, ihre Seele und ihre Gedanken begannen wieder im Einklang miteinander zu schwingen. Alles relativierte sich unter der Unendlichkeit des Himmels und er Tiefe des Meeres. Was ist Zeit im Angesicht der Ewigkeit der Gezeiten? Was für eine Bedeutung hat das Leben im Angesicht der unbändigen Gewalt der Elemente?

Da hörte Maja einen Schrei. Hastig sprang sie auf und sah, dass jemand im Wasser trieb. Die Person musste von der Klippe gesprungen sein. In Windeseile rannte Maja die Treppe hinunter, zu der Stelle von der die Person gesprungen war. Der Körper trieb leblos im Wasser. Maja riss sich die Kleider vom Leib und sprang hinter her. Sie war eine gute Schwimmerin, aber es fiel ihr schwer den leblosen Körper zum Ufer zu schleppen. Die Wellen waren nicht hoch, aber es kostete sie alle Kräfte. Sie zog die Person an den Strand. Es war ein Mann, Gabriel. Sein schwarzes wirres Haar ließ sein schönes Gesicht noch bleicher erscheinen. Maja beugte sich zu ihm herunter und blies ihm ihren warmen Atem zwischen die kalten Lippen. Immer wieder gab sie ihm ihren Atem zu trinken, bis sein stummes Herz einen Schlag tat. Voller Angst, dass er wieder in die schreckliche Dunkelheit zurückfiel, küsste sie ihn. Da schlug er seine Augen auf. Sie waren von einem goldenen Braun und in ihnen lag alle Traurigkeit der Welt. Er sah Maja fragend an.

„Warum?“

Gabriel fiel in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

„Ich kenne den Grund“, flüsterte Maja leise.

 

„So!“, unterbricht Raoul ungehalten meine Erzählung, „und was ist der Grund dafür?“

Erstaunt, von so viel Leidenschaft, sehe ich ihn an und bemerke ein dunkles Glimmen in seinen schönen Augen.

„Unerwiderte Liebe. – Verzeih mir, wenn ich dich verletzt haben sollte.“

„Man lebt nur einmal und man liebt nur einmal!“, sagt er ohne mich anzusehen.

Raoul blickt aus dem Fenster und ich sehe, wie aufgewühlt er ist.

„Du hast meine Geschichte erzählt“, stößt er wütend hervor.

„Das wusste ich nicht! Verzeih mir. Es ist so herausgesprudelt.“

Deshalb hatte ich so viel Traurigkeit in seinen Augen gesehen und deswegen, war es mir gewesen, als ob ich ihn kennen würde. Mir ist so etwas schon öfter passiert. Ich setze mich neben ihn, nehme seine Hand und streichele sie beruhigend. Er zittert bei meiner Berührung. Still sitzen wir einfach nur da. Sehen der Landschaft zu, die an uns vorbei huscht und ich bemerke, dass sich langsam der Abend über dem Land ausbreitet. Die untergehende Sonne hat den Himmel mit einem sanften rosa Schleier überzogen.

„Wie der Schleier einer Braut“, sage ich leise.

Ich will mich wieder auf meinen Platz setzen, aber Raoul hält meine Hand fest.

„Erzähl mir noch eine Geschichte“, bittet er.

„Gut. Ich habe von einem netten Herrn ein paar Bücher geschenkt bekommen. Daraus werde ich dir vorlesen“, schlage ich vor.

Ich hoffe, dass die Geschichten darin weniger aufregend für Raoul sind. Raoul nickt zustimmend. Ich hole das Bündel Notizbücher aus dem Rucksack und reiche es Raoul.

„Aus welchem soll ich dir vorlesen?“

Er schaut sich die Etiketten an. Dann nimmt er eins davon und legt es auf die anderen.

„Dies hier“, sagt er und sein eindringlicher Blick trifft mich.

„Gut. Die Windrose.“

Ich stecke die anderen Bücher wieder ein und schlage, das Notizbuch auf.

 

„Es war einmal eine Zeit, als noch Götter auf Erden weilten, da lebte ein Nomadenvolk am Rande einer großen Wüste. Sie wurde Sandmeer genannt, da es in ihr soviel Sandkörner, wie Wassertropfen in den Ozeanen gab. Am Tage war es dort so heiß, dass sich kaum jemand aus den Zelten herauswagte, nur die mutigsten Krieger bestiegen ihre Kamele und kundschafteten die mächtigen Sanddünen aus. Nur während der kurzen Zeit der Dämmerung und der Morgenröte war es möglich unbeschadet hinauszugehen, denn in den sternenübersäten Nächten sank die Temperatur so stark, dass man aufpassen musste nicht zu erfrieren.

Die Nomadenfrauen waren die schönsten Blumen, die je ein Menschenauge erblickte. Ihre Haut war weiß, ja fast durchsichtig und ihre Augen so schwarz, wie der nächtliche Himmel. Sie waren feingliedrig und zart und doch von starkem Willen. Wer einmal eine dieser Frauen sah, verfiel ihr ohne sich je wieder davon zu erholen. Deswegen passten die Wüstensöhne besonders gut auf ihre Töchter und Schwestern auf.

Eines Tages, es war zurzeit der Dämmerung, kam der Gott Asch auf die Erde, um nach seinen Kindern zu sehen. Um nicht erkannt zu werden, nahm er die Gestalt eines Falken an und kreiste über der Oase Nahadip, wo die Wüstensöhne ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Asch ließ sich auf einer Palme nieder und beobachtete das Treiben der Menschen. Da wurde er eines Mädchens gewahr, so schön, dass die Göttinnen vor Neid erblassen würden. Ihre langen Haare hatten die Farbe von glänzendem Kupfer, und als sie ihre Kleidung ablegte, um in dem Spiegelteich der Oase zu baden, sah Asch ihren makellosen Körper im Licht der untergehenden Sonne wie einen Mondstein leuchten. Er hielt den Atem an und war gebannt. In dem Moment, in dem er seine Augen auf sie richtete, erfasste ihn eine unbändige, unsterbliche Liebe zu dem Mädchen. Sein Falkenherz schlug so laut, dass das Mädchen für einen Moment zu ihm aufblickte. Ein Lächeln huschte über ihre sanften Gesichtszüge und Asch hatte das Gefühl bei diesem Anblick sterben zu müssen.

Da aber die Götter nicht bei den Sterblichen verweilen dürfen, kehrte Asch in den Himmel zurück. Aber was er auch tat, immer sah er nur sie vor seinen Augen, die holde Wüstenblume aus der Oase Nahadip. Asch kehrte jeden Abend zu dem Spiegelsee der Oase zurück und wartete auf das Mädchen. Oft sah er sie und sie erblickte ihn. Eines Abends streckt sie die Hand aus und rief ihn. Nach einer Schrecksekunde breitete der Falke seine Flügel aus und schwebte auf ihren Arm. Ganz nah kam sie ihm und betrachtete seine Augen, die ganz anders als Vogelaugen blickten.

„Wer bist du?“, fragte sie.

„Ich bin Asch, der Falkenköpfige“, antwortete er.

„Und ich bin Saphira, die Tochter von Amir dem Helden“, stellte sie sich vor und fragte ihn, „warum kommst du jeden Abend hier her? Du bist ein Gott und hast sicher Wichtigeres zu tun?“

„Was gibt es Wichtigeres als dich zu sehen, Schönste aller Wüstenblumen.“

Asch verwandelte sich in einen Mann und Saphira betrachtete ihn voll Wohlwollen.

„Ich danke dir für dein Lob, aber du hast meine Schwestern noch nicht gesehen“, lächelte Saphira bescheiden.

„Und wenn sie tausend Mal schöner wären als du, bist du doch die eine, die ich will“, sagte Asch voller Inbrunst und Leidenschaft.

„Ich danke dir abermals. Du bist der schönste Mann, den ich je erblickte und wenn meine Schwestern dich sehen, dann werden sie um dich buhlen und du wirst mich vergessen.“

„Niemals!“, stieß Asch erregt hervor.

Inzwischen hatte sich die Nacht auf die Oase herabgesenkt und Asch musste Saphira wieder verlassen. Durch diese Begegnung war er in noch größerer Liebe entbrannt und ließ keinen Abend verstreichen, ohne Saphira zu besuchen. Seine Vorliebe für die schöne Menschenfrau blieb den anderen Göttern nicht verborgen. Eines Tages stellte ihn Bastet, die Göttin des Glücks und der Fruchtbarkeit, zur Rede. Asch schüttete ihr sein Herz aus. Bastet, die ein großes Herz für Liebende hatte, versprach ihm ein gutes Wort bei Amun einzulegen. Tatsächlich ließ sich Amun erweichen und ließ Asch zu sich rufen.

„Wie ich von Bastet hörte, hast du dein Herz an eine Sterbliche verloren“, sagte Amun.

„Ja, so ist es, Herr. Es ist über mich gekommen, wie ein Sandsturm, den man kommen sieht und dem man nicht entkommen kann.“

„Du weiß, dass es verboten ist, sich eine Menschenfrau zu erwählen?“

„Ich weiß, mein Herr, aber ich kann nichts dagegen tun. Lieber verzichte ich auf mein ewiges Leben, als auf Saphira.“

„Große Worte, Asch, große Worte“, sprach Amun, „wenn es aber nun dein unbedingter Wunsch ist, dann soll er sich erfüllen.“

Asch fiel auf die Knie.

„Danke, oh Herr, ich werde dir auf ewig dankbar sein.“

„Aber es sind Bedingungen daran geknüpft“, warf Amun ein, „niemals darfst du Saphira unglücklich machen, indem du anderen Frauen nachschaust, oder sie betrügst.“

„Das verspreche ich, ich werde Wort halten!“, sagte Asch voller Leidenschaft und überglücklich, seinem Wunsch so nahe zu sein.

„Hältst du nicht Wort, wirst du den Rest deiner Tage als Falke verbringen, ohne dich zurück verwandeln zu können und ich werde Saphira einen würdigeren Mann geben, als dich.“

„Das wird niemals geschehen! Niemals!“

Asch sprang auf und verneigte sich.

„Dann geh und handele weise!“, sagte Amun.

Nachdenklich sah er Asch nach, denn er kannte das verräterische Herz der Menschen und wusste, wie viel Leid sie über sich brachten.

     Asch nahm Saphira zur Frau und war glücklich. Sie versüßte seine Nächte und erfreute seine Tage. Dann, eines Tages, kam eine Schwester von Saphira zu Besuch. Erst bemerkte Asch sie nicht, er hatte nur Augen für seine Frau. Aber je länger die Schwester im Haus weilte, umso mehr sah er, wie schön sie war. Dann lauerte er ihr eines Tages am Spiegelsee auf, als die Stunde der Dämmerung nahte. Begehrlich betrachtete Asch die schöne junge Frau. Plötzlich kam ihm seine eigene Frau so glanzlos und einfach vor. Immer öfter schlich er sich hinaus und beobachtete die Jungfrau. Sein Herz wurde immer dunkler und schwärzer. Seine verbotene Leidenschaft machte ihn streitsüchtig und reizbar, das ließ er an seiner Frau aus. Saphira konnte Asch nichts mehr recht machen und wurde von Tag zu Tag unglücklicher. Eines Abends, als er wieder am Spiegelsee auf das Mädchen wartete, erschien Bastet und sah Asch traurig an.

„Was willst du hier?“, fragte Asch wütend.

„Ich bin hier, um dir eine Nachricht von Amun zu überbringen“, erwiderte Bastet traurig, „er lässt dir sagen, dass er die Not deiner Frau Saphira gesehen hat und wenn du dich nicht änderst, wird er die Strafe an dir vollziehen.“

„Mach dir keine Sorgen, ich mach das schon“, wehrte er Bastets guten Rat ab.

In der nächsten Zeit versuchte er sich zu ändern, aber es dauerte nicht lange und er fiel wieder in seine unselige Verhaltensweise zurück. Als er versuchte Saphiras Schwester zu verführen, vollstreckte Amun die Strafe an Asch und verwandelte ihn in einen Falken. Niemals wieder würde er menschliche Gestalt annehmen können. Asch weinte und flehte, er demütigte sich, aber Amun ließ sich nicht erweichen.

„Du warst ein Gott und ich habe dich gewarnt, aber du hast nicht auf mich gehört.“

Amun suchte unter den mutigsten Söhnen der Nomaden einen stattlichen guten Mann aus, Samadi, der nach langen Prüfungen und Härten Saphiras Herz gewann. Ihr Vertrauen war durch Aschs Verrat verloren gegangen und musste erst von Neuem gewonnen werden. Es dauerte lange ehe sie Asch, den schönen Gott, vergessen konnte, aber der Krieger Samadi erwies sich Saphiras Liebe als würdig und die Beiden lebten ein langes glückliches Leben in der Oase Nahadip.“

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