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Posts Tagged ‘Sand’

So kostbar wie die Luft zum Atmen.

Zu oft nutzlos vergeudet.

Erst geschätzt, wenn sie zu Ende geht.

Unendlich und doch nie einzuholen.

Rinnt sie durch die Finger wie Sand?

Ich halte meine Taschen auf.

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Schreibe einen Brief an einen fiktiven Charakter.

Lieber Ishmael,

wenn ich das Meer sehe, denke ich an dich. Ich sitze im feinen weißen Sand, schaue den Wellen zu, die ans Ufer rollen und den Segelschiffen, die in der Westerschelde mit einander wetteifern. Ab und zu kreuzt ein Containerschiff die Fahrrinne und entfernt sich gemächlich, bis es hinter der Horizontlinie verschwunden ist.

Ich liebe es dort zu sitzen und dem ewigen Rauschen des Meeres zu lauschen, unter einem hellblauen Himmel. Mein Herz schlägt höher und mein größter Wunsch ist es, nie wieder gehen zu müssen. Jeden Morgen über den Deich zu steigen und es wiederzusehen. Mein Meer. Meine Sehnsucht. Ich weiß, sie wird nie gestillt – denn ich muss wieder gehen. Fort, dorthin wo Berge meinen Blick einschränken, das Grau des Alltags mich einholt und mit festem Griff packt.

Das war bestimmt nicht dein Problem, als du mit Kaptän Ahab unterwegs warst und in seinen Hass auf den weißen Wal verwickelt wurdest. Du suchtest ein Abenteuer, eine weiße Insel mit Palmen, exotischen Schönheiten und jungen Frauen mit bronzefarbener Haut, die dich in Fantasien entführten, die du dir niemals hättest träumen lassen.

Nie hättest du gedacht, welchen Schrecken du ausgesetzt sein könntest. Der brüllende Ozean, der alles frisst, was wagemutig genug ist, ihm zu trotzen. Einem riesigen Meerungeheuer, dass kaum so furchtbar sein konnte, wie der Mann, der seine Manschaft wohlbehalten zurück in den Heimathafen bringen sollte. Du sahst deine Kameraden streben, erlebtest den Wahnsinn des Hasses an deiner eigenen unschuldigen Seele. Du musst unter einem Glückstern geboren sein, dass du diese schreckliche Katastrophe überlebt hast und davon erzählen konntest.

Wir, deine atemlosen Zuhörer wissen, dass die Geschichte eine Allegorie ist, aus der wir lernen könnten. Den Groll loslassen und vergeben, sich nicht vom Hass verzehren lassen. Doch wie wir Menschen sind, nicken wir heute betroffen mit dem Kopf, und haben es morgen vergessen.

Ich sitze im warmen Sand. Meine Zehen boren sich in die feinen Körnchen. Es riecht nach Salz, Sonne und der besonderen Essenz, die dem Meer eigen ist. Ich schaue den Möwen zu, die in der warmen Brise über dem Meer schaukeln und meine Haut streichelt.

Ich stelle mir vor, du sitzt neben mir. Wir reden nicht. Du verstehst mich und ich verstehe dich. Auf die eine oder andere Weise hat uns das Leben Narben zu gefügt. Sie heilen. Manchmal schnell, manchmal nie. Und doch bestehen wir in diesem brüllenden Ozean, der unser Leben ist. Du nimmst meine Hand in deine, küsst mich auf die Wange. Alles wird gut, sagts du. Ich glaube dir. Du hast überlebt, also muss es so sein.

Ich bleibe noch ein bisschen sitzen, genieße diese kostbaren Momente, die nicht wiederkehren, schau dir nach, wie du mit der Brise entschwindest. Du hast ein Stück meines Herzens mitgenommen und mir dafür ein Stück deines Herzens dagelassen.

Ich danke dir, für deine Zuversicht und deinen Mut

C.

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Weißt du, wie der Sommer riecht?
Nach Birnen und nach Nelken,
nach Äpfeln und Vergissmeinnicht,
die in der Sonne welken,
nach heißem Sand und kühlem See
und nassen Badehosen,
nach Wasserball und Sonnenkrem’,
nach Straßenstaub und Rosen.

Weißt du, wie der Sommer schmeckt?
Nach gelben Aprikosen
und Walderdbeeren, halb versteckt
zwischen Gras und Moosen.
Nach Himbeereis, Vanilleeis
und Eis aus Schokolade,
nach Sauerklee vom Wiesenrand
und Brauselimonade.

Weißt du, wie der Sommer klingt?
Nach einer Flötenweise,
die durch die Mittagsstille dringt,
ein Vogel zwitschert leise,
dumpf fällt ein Apfel in das Gras,
ein Wind rauscht in den Bäumen.
Ein Kind lacht hell,
dann schweigt es schnell
und möchte lieber träumen.

Ilse Kleberger

Ein wunderbares Sommergedicht, das  mich an „damals“ erinnert. Es ist einfach nur schön *seufz*.

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Wieso war Raoul ausgestiegen, obwohl ich ganz deutlich spürte, dass er sich zu mir hingezogen fühlte? Angst vor Verletzungen? Lieber gleich alles aufgeben, bevor auch nur die geringste Möglichkeit bestehen könnte, sich eine Wunde zu zuziehen? – Das sind mir zu viele wenn’s und aber`s. Wunden. Wie viele Wunden kann ich mir zuziehen, bevor ich rettungslos verloren bin? Wie viel kann ein Mensch ertragen, bis die Seele sich so sehr verdunkelt, dass sie keinen Ausweg mehr sehen kann? Meine Reise erscheint mir sinnlos. Wohin soll ich gehen, wenn ich Raoul nicht mehr finden kann? Es wird keinen Ort geben, an dem ich ohne ihn sein möchte. Ich will gar nichts mehr. Ich habe keine Lust in den Büchern zu lesen, keine Lust zu denken, und wenn ich an Schokolade denke, dann wird mir plötzlich übel. Die Sache mit Justin hat mich mehr mitgenommen, als ich dachte. Ich will lieben und kann es nicht, weil ich nicht frei bin. In meinen eigenen Gefühlen verstrickt bis zum Ersticken.

Es geht ein leichtes Rucken durch den Zug. Ich blicke aus dem Fenster. Auf dem Bahnhofsschild steht: Lands End. Genau der richtige Ort um auszusteigen. Ende des Landes, Ende der Hoffnung. Ich nehme mein Gepäck und verlasse den Zug. Ein Pfiff und die Lok setzt sich in Bewegung. Ganz allein stehe ich hier. Kein aufgeregter Bahnhofsvorsteher, keine Fahrgäste, die warten oder ausgestiegen sind, außer mir. Aber was habe ich auch erwartet? Einen großen Bahnhof jedenfalls nicht. Ich setze mich auf die schäbige Bank auf dem Bahnsteig und starre auf die Gleise. Ich bin kraftlos, am liebsten würde ich mich auf die Gleise werfen und auf einen Zug warten, der mich erlöst. Gleichzeitig schießt mir ein absurder Gedanke durch den Kopf: was wenn gar kein Zug mehr kommt? Dann werde ich auf den Gleisen verhungern und verdursten. Ich entschließe mich dazu, auf eine Art zu reisen, die ich lange nicht mehr ausgeübt habe. Auf Schusters Rappen, heißt das glaube ich.

Ich erhebe ich mich, schultere meinen Rucksack und verlasse das Bahnhofsgebäude, dass diese Bezeichnung keineswegs verdient hat. Es ist nur eine gemauerte Attrappe, mehr nicht. Vor dem Bahnhof ist nichts. Lands End. Zumindest diese Bezeichnung passt hervorragend. Einzig eine staubige Straße, die wie ein unendliches Band vor mir liegt, und am Ende meines Blickes auf den Horizont trifft ist zu sehen. Mich wundert allerdings, dass sie von hier fortführt. Ich habe schon befürchtet, dass man nur an diesen Ort gelangen, ihn aber nicht mehr verlassen kann. Es muss Nachmittag sein, denn der Glast lag in seinem ganzen Schimmer über der kargen Ebene.

Ich las dieses Wort an einem fernen Tag und seitdem hat es sich in meinem Gedächtnis niedergelassen, ohne es wieder verlassen zu wollen. Ich habe dieses besondere Licht schon lange nicht mehr gesehen. Dazu waren Züge zu schnell. In dem Wort Glast verbirgt sich dieses ganz besondere Licht, das sonst nur Dichter benutzen, weil es für die triviale Prosa zu Aufsehen erregend ist.

Während ich meinen ersten Schritt auf die Straße setze, erfasse ich den Glast mit allen Sinnen. Ich rieche die Wärme, die der Sand gespeichert hat, und höre das Zirpen der Grillen, die sich kaum bändigen können vor Überschwang. Und über dem Land liegt dieser eigentümliche Glanz, ein Flirren in der Mittagshitze. Am schönsten ist es, wenn der Glast über einem Gewässer zu sehen ist. Ein mattes Gleißen und Schimmern. Wenn eine leichte Brise über das Wasser streicht, verwandelt der Glast die durchsichtige Flüssigkeit in ein funkelndes Meer aus Silber. Immer weiter tragen mich meine Füße. Und in Gedanken höre ich die Worte die Bilbo zu Frodo sagte:

„Es ist gefährlich, Frodo aus der Tür zu treten und seine Füße auf die Straße zu setzen, denn man weiß nie, wo sie einen hinführt.“

Aber er sagte auch:

„Die Straße gleitet fort und fort, weg von der Tür, wo sie begann. Weit über Land, von Ort zu Ort, ich folge ihr so gut ich kann.“

Ich möchte mir nicht anmaßen, den Hobbits Konkurrenz zu machen, aber ich werde der Straße folgen und sehen, wohin sie mich bringt. Ich werde sehen, ob ich mich in einem gekrümmten Raum befinde oder ob die Straße gerade vor mir herlaufen wird. Allerdings habe ich das Gefühl mich in einer verbogenen Zeit zu befinden. Ich rase in einer Schleife durch die Zeiten und komme niemals an. Aber vielleicht kann mich das archaische Ritual des Wanderns aus der Schleife befreien.

Ich bin schon eine ganze Weile unterwegs. Wie lange kann ich nicht sagen, unter diesem strahlenden Himmel und in der Weite, lässt sich dass nicht einschätzen. Da sehe ich vor mir eine Baumgruppe. Das ist ein schöner Platz zum Ausruhen. Ich wandere darauf zu und bin erfreut, als ich sehe, dass die Bäume an einem See stehen.

Das Wasser ist glatt wie ein Spiegel. Ich stelle mein Gepäck ab, entkleide mich ohne Scheu, hier in dieser Einöde wird mir niemand begegnen, da bin ich sicher, dann prüfe ich die Wassertemperatur. Mit einem Satz springe ich ins erfrischende Nass. Mit langen Zügen durchmesse ich den See. Lange habe ich mich nicht mehr so wohl und entspannt gefühlt. Das Schweben auf dem Wasser, die Leichtigkeit, das kühle Wasser, dass meine erhitze Haut umschmeichelt, versetzt mich in einen tranceartigen Zustand. Das Wasser umschließt mich wie ein Kokon. Die Vorstellung ich könnte mich einspinnen, schlafen bis meine Verwandlung abgeschlossen ist, und dann als ein schöner Schmetterling aus meiner Zelle schlüpfen, gefällt mir.

Entgegen den Meinungen der Männer, die mir viele Komplimente gemacht haben, finde ich mich nicht besonders schön. Ich mag meine roten Locken und meine Augen, aber mein Mund ist zu klein und die Sommersprossen auf der Nase, na ja. Meine Leidenschaft für Schokolade lässt meinen Körper nicht eben wie den einer Gazelle erscheinen. Ich bin nicht dick, aber meine Rundungen sind eher barock zu nennen. Gut proportioniert, fest und glatt, aber mit einem Hauch Rubens. Ich steige aus dem See und betrachte mein Spiegelbild. Mir gefällt, was ich sehe. Meine Silhouette ergibt ein ausgewogenes Bild und meine weiße Haut schimmert im Wasser.

Plötzlich gerät das Wasser in Bewegung. Hastig weiche ich zurück und fixiere den Wasserspiegel. Vor meinen Augen öffnet sich ein Strudel. Wie gebannt stehe ich da und kann mich nicht abwenden. Immer stärker rauscht das Wasser, dann durchbricht ein Mann die Oberfläche und nähert sich dem Ufer. Über seinen muskulösen Körper läuft das Wasser und zwei strahlend blaue Augen sehen mich mit begehrlichem Blick an. In seinem blonden Schopf und seinem Bart hängen glitzernde Tropfen. Am meisten irritiert mich allerdings der Dreizack in seiner Hand. Seine Augen haben eine hypnotische Wirkung. Langsam gehe ich auf ihn zu. Je näher ich dem Wasser komme, je stärker wird seine Anziehung auf mich. Ich sehe nur noch seine Augen, blau wie der Himmel, der sich in seinem See spiegelt. Aber hinter diesem Blau erkenne ich eine unendliche Tiefe, die des Meeres. Er spricht kein Wort und doch höre ich seine Stimme, die mich umschmeichelt, ein leichtes Säuseln, das mich schwindlig macht. Kurz bevor meine Füße wieder das Wasser berühren, höre ich eine aufgeregte helle Stimme hinter mir:

„Nein! Nicht weiter gehen! Sonst sind sie verloren.“

Aufgeschreckt aus meiner Trance weiche ich zurück. Eine kleine Hand packt meinen Arm und reißt mich vom Ufer weg.

„Ihr dürft das Wasser nicht berühren, sonst gewinnt Poseidon Macht über euch und ihr kehrt nie wieder zurück.“

Neben mir steht ein Junge, nicht älter als zehn Jahre.

Verwirrt sehe ich von ihm zu dem Mann im Wasser. Poseidon. Ich würde mich wundern, wenn ich auf meiner Reise nicht schon soviel außergewöhnliche Dinge gesehen hätte. Poseidons Blick sprüht Funken. Er scheint sehr wütend darüber zu sein, dass sein Fangversuch schief gegangen ist. Ich höre ein wildes Rauschen und Stürmen. Blitzschnell taucht er ab und eine gewaltige Woge überrollt ihn und überspült den Strand bis zu meinen Füße. Knöcheltief stehe ich in der Flut. Der Junge zerrt an mir.

„Komm, komm weg aus dem Wasser“, schreit er aufgeregt, „das ist sein Element. Es wird dich in die Tiefe ziehen!“

Noch ehe ich reagieren kann, reißt es mich von den Füßen. Das Wasser besteht plötzlich aus Händen, die mich packen und immer weiter zum See zerren. Ich wehre mich aller Kraft, aber gegen diese geballte Macht kann ich bestehen. Da ertönt eine laute gebieterische Stimme. Sie spricht in einer fremden Sprache. Ich kann die Worte nicht verstehen, aber ich spüre ihre große Macht. Immer lauter hallt die Stimme über den See. Von Sekunde zu Sekunde lässt das Zerren an mir nach, bis das Wasser völlig zurückgegangen ist. Der Junge steht auf einem großen Stein, beide Arme ausgebreitet und die Augen geschlossen. Er hat diese Stimme hervor gerufen und Poseidon zurück in sein Reich gedrängt.

„Komm, wir müssen weg von hier. Ich kann Poseidon eine Weile aufhalten, aber jetzt wo er dich gesehen hat, wird er wieder kommen.“

Schnell ziehe ich mich an und folge dem Jungen zurück zur Straße. Er trägt einen hübschen Anzug aus blauer Seide, mit Troddeln und silbernen Tressen, dazu schwarze glänzend polierte Stiefel.

„Danke für deine Hilfe. Wie heißt du?“, frage ich ihn.

„Isidor Lilienstein“, sagt er und lächelt, „und du bist Noelle, nicht wahr.“

„Ja. Woher weißt du das?“

„Nun, ich kenne die Orte sehr gut, wo sich die Elfen und ihr Gefolge treffen.“

„Dann kennst du also Puck, wenn ich richtig liege?“

Isidor lacht.

„Genau. Und er hat mir von dir erzählt.“

Ich stimme in sein Lachen ein.

„Warum wundert mich das nicht?“

„Weil du ein kluges Mädchen bist.“

„Sag mir“, frage ich ihn, „bist du ein Zauberer?“

Er macht eine unbestimmte Handbewegung.

„Nicht so ganz. Man nennt so etwas wie mich Elementare. Wir beherrschen die Elemente: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Ich bin noch ein Schüler und beherrsche immer nur eins auf einmal. Aber die Meister können mit allen vier jonglieren, als wären sie nichts.“

„Das hört sich sehr spannend an“, stelle ich fest.

„Ist es auch, glaub mir.“

Isidors helle Augen strahlen mich begeistert an. Sein hübsches Gesicht wird von einer Stupsnase mit Sommersprossen dominiert, eingerahmt von schwarzen Locken, die beim Lachen auf und ab wippen.

„Würdest du gerne meinen Meister kennenlernen?“

„Warum nicht?“, sage ich möglichst emotionslos.

Immerhin kann man nie wissen, was sich hinter diesem harmlosen Meister verbirgt. Wenn aus einem hübschen kleinen  See Poseidon persönlich steigt und mich in die Tiefe des Ozeans reißen will, wer weiß, was dann mit einem Mann los ist, der mit vier Elementen gleichzeitig um sich wirft.

„Toll. Er wird sich freuen dich zu sehen“, Isidor hüpft fröhlich neben mir her, „es ist nicht mehr weit.“

Ich halte Ausschau nach irgendetwas, dass wie eine Behausung aussieht. Ein Zelt oder eine Höhle. Vielleicht auch nur ein Lagerfeuer, aber es ist nichts zu sehen. Ich weiß nicht wie viele Kilometer ich heute zurückgelegt habe, aber die Umgebung hat sich noch nicht grundlegend verändert. Immer noch wandere ich in einer steppenartigen Ebene. Inzwischen sind am Horizont, wie ein Gebilde aus Nebel ferne Berge zu erkennen. Neben dem niedrigen Gestrüpp bereichern jetzt Büsche und kleine Bäume das Landschaftsbild. Nur von einer Behausung ist nichts zu sehen.

„Sag mal“, frage ich Isidor, „ist Poseidon wirklich so schlimm?“

„Schlimmer“, erwidert der Junge und macht ein besorgtes Gesicht, „er lockt Mädchen an, dann verwandelt er sie in seinesgleichen und bringt sie in seinen Unterwasserpalast. Dort werden sie gehalten wie Gefangene. Sie gehören nicht zu den echten Meernixen und können doch nicht mehr zurück an Land. Oder hast du schon einmal einen Menschen mit Fischschwanz gesehen.“

„Nein, habe ich nicht“, gebe ich zu.

„Manchmal, in Vollmondnächten erlaubt Poseidon ihnen an die Wasseroberfläche zu kommen. Dort vergießen sie heiße Tränen und singen traurige Lieder, die die Seeleute in den Wahnsinn treiben und Schiffbruch erleiden lassen. Dann solltest du Poseidons Lachen hören“, Isidor schüttelt traurig den Kopf, „und die armen Mädchen vergießen noch heißere Tränen, weil sie Unschuldige in den Tod gerissen haben.“

„Könnt ihr Elementare nichts dagegen tun?“

„Nicht sehr viel. Sich mit Poseidon anzulegen ist nicht sehr ratsam. Schließlich hat er es sich nicht ausgesucht, der Herrscher der Meere zu sein, sondern Zeus hat ihn dort hin verfrachtet. Diese Schmach hat er bis heute nicht vergessen.“

„Findest du nicht, dass Götter weniger rachsüchtig sein sollten? Wenn sie die Schöpfer der Menschen und der Erde sind, sollten sie ihrer Schöpfung helfen und nicht zu einem Spielball ihrer Leidenschaften machen.“

„Du hast Recht, aber sag das mal den Göttern“, er senkt die Stimme, „die sind nicht gerade mit Intelligenz und Sanftmut gesegnet.“

„Sag mir, Isidor, du bist doch ein schlaues Kerlchen, kannst du mir sagen, wo ich eigentlich bin? Ich bin schon lange auf der Reise, aber noch nie, habe ich solche außergewöhnlichen Erlebnisse gehabt.“

„Weißt du noch, wann es anfing?“, fragt er.

„Ja, es war kurz, nachdem ich die Notizbücher von Herrn Grimm fand.“

„Und du hast sie aufgeschlagen?“

Isidor ist ganz blass um die Nase. Er schaut mich an, als sei ich ein Gespenst.

„Ja, warum nicht? Es war ein Brief dabei, der an mich gerichtet war und ich dachte mir nichts Böses dabei.“

„Na, das kann ich mir vorstellen. Dein Wagemut grenzt an Dummheit. Hat man dir als Kind nicht beigebracht, nichts von Fremden anzunehmen?“

Isidor ist für sein jugendliches Alter sehr bestimmt und altklug.

„Ich weiß es nicht. Ich bin eine Verlorene“, erkläre ich.

„Jetzt wundert mich nichts mehr“, seufzt Isidor.

„Hör bitte auf, herum zu orakeln. Erkläre mir lieber, was das bedeuten soll.“

„Wie soll ich dir das erklären?“

Isidor macht ein unglückliches Gesicht.

„Fang einfach an.“

„Also, Herr Grimm reist schon seit ewigen Zeiten durch die Lande, um einen Nachfolger für sich zu finden. Er ist auch ein Verlorener gewesen und hat das Amt des Geschichtenerzählers vor vielen, vielen Jahren von einem Reisenden übertragen bekommen, genau wie du. Aber das Entscheidende ist, dass jeder neue Geschichtenerzähler von einer schrecklichen Kreatur verfolgt wird, die versucht seine Fantasie und seine Liebe zu fressen und die Welt in einen kalten Rationalismus zu stürzen, der jegliche Farbe und Freud verschlingt. Alles wird dann automatisch ablaufen, für Spontaneität und Ideen wird es keinen Platz mehr geben.“

Er macht eine bedeutungsvolle Pause. Ich versuche das Gehörte zu verarbeiten. Aber das, was Isidor mir eben gesagt hat, kommt mir völlig wiedersinnig und verrückt vor.

„Kannst du dir eine Welt ohne Musik, Tanz, Kunst und Lachen vorstellen?“

Ich schüttele den Kopf.

„Ich verstehe, dass dir das auf den Magen schlägt. Wenn man das zum ersten Mal hört, haut einen das bestimmt um.“

„So könnte man das auch nennen. Aber wer sollte Interesse daran haben, die Fantasie und die Liebe abzutöten?“

„Kannst du dir das nicht denken?“, fragt Isidor, „es sind Mammon, Arroganz, Dummheit und Bosheit. Du hast doch schon selbst die Erfahrung gemacht. Erinnerst du dich nicht?“

„Doch, leider“, antworte ich, „aber ich wünschte ich könnte das vergessen.“

„Du solltest nicht vergessen. Wissen ist dein einziger Schutz. Die Menschen sind von Hektik, Gier nach schnellem Geld und Rücksichtslosigkeit geprägt, da bleibt für die wichtigen Dinge im Leben keine Zeit. Die Geschichtenerzähler sind die Einzigen, die sich dieser Krankheit des Vergessens in den Weg stellen, aber dafür müssen sie ihre eigenen Dämonen und die Schatten besiegen, die sie zerstören wollen.“

Ich habe plötzlich das Gefühl, mein Rucksack, mit den Büchern des Jacob Grimm, ist schwer wie Blei. Sie lasten auf mir, wie Felsbrocken. Ich kann keinen Schritt mehr gehen.

„Es tut mir leid, Isidor, aber ich kann nicht weiter gehen. Ich bin müde und mein Rucksack lastet auf mir.“

Erschöpft lasse ich mich auf einem Stein nieder, der am Wegesrand liegt.

„Du Arme, das hat dich aber ganz schön mitgenommen!“, stellt Isidor erschrocken fest, „aber ich darf dich nicht hier lassen. Mein Herr hat mir aufgetragen dich sicher zu ihm zugeleiten. Wenn ich dich nicht zu ihm bringe, dann kriege ich riesigen Ärger.“

Für einen langen Augenblick sehe ich Isidor an.

„Na, gut, aber lange kann ich nicht mehr laufen. Das ist heute einfach zu viel gewesen.“

„Gut, dann komm, bevor die Nacht hereinbricht. Ich werde dir helfen und deinen Koffer ziehen.“

Diensteifrig schnappt er sich den Trolley und marschiert los. Wortlos schultere ich meinen Rucksack wieder und folge ihm. Ich frage mich, warum Herr Grimm ausgerechnet mich ausgesucht hat? Liam sagte doch, es gäbe andere Verlorene. Ich wollte doch nur einen Ort finden, der meine Heimat werden könnte. Nun war ich praktisch auf der Flucht. Da kommt mir der Gedanke, dass alles nur ein Traum sein könnte. Ich werde irgendwann aufwachen und alles ist wieder normal.

„Leider nicht“, höre ich Isidor, „das hier ist kein Traum.“

„Liest du etwa meine Gedanken?“, frage ich gereizt.

„Entschuldige, nur ein bisschen. Wenn ich nicht aufpasse, kommt das vor, aber nur ausversehen“, rechtfertigt Isidor seinen Ausrutscher.

„Na, gut. Aber jetzt ist Schluss“, gebiete ich ihm energisch.

Isidor nickt eifrig. Schweigsam gehen wir weiter.

Rasch verwandelt sich die Dämmerung mit einem wilden Aufflammen aller Rotschattierungen in Nacht.

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