Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Rumpelstilzchen’

Die Schneiderstube liegt nur ein paar Schritte über den Hof. Sie gehört unseren Vermietern, Herrn und Frau Ölkers. Es ist ein kleines Backsteinhaus. Ich sitze brav auf dem durchgesessenen, dunkelroten Samtsofa. Herr Ölkers thront, genauso wie das tapfere Schneiderlein, mit gekreuzten Beinen auf einem großen Holztisch. Dieser steht am Fenster, damit Herr Ölkers auch gut sehen kann und keine falschen Stiche macht. Seine Brille hängt ganz vorne auf der Nasenspitze. Er schaut mehr über deren Rand, als durch die Gläser. Sie wird von einer großen Warze gehalten und verleiht ihm ein märchenhaftes Aussehen. Er erinnert mich irgendwie an Rumpelstilzchen. Ich sehe vor meinem geisteigen Auge, wie Herr Ölkers Stroh zu Gold spinnt oder um das Feuer springt und ruft: „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind… .“

Herr Ölkers ist meistens etwas brummig. Ich habe großen Respekt vor ihm. Er hat eine Tonsur, wie ein Mönch und irgendwie ist es in der Schneiderstube fast wie in einer Einsiedelei. Nur zugelassen für ausgewählte Personen und ich gehöre, stolz wie eine Schneekönigin, dazu. Manchmal schneidet Herr Ölkers auf seinem Tisch die Stoffe zu. Er heftet die Teile einer Jacke oder Hose zusammen, die er dann an der alten Tretnähmaschine zusammennäht. Die rattert und surrt, wie am Schnürchen und meine größte Freude ist es, wenn ich daran sitzen darf und treten kann, dass macht einen Heidenspaß. Das darf nicht jeder. Frau Ölkers hilft ihm in der Nähstube. Wenn sie da ist, darf ich Stoffreste mit Knöpfen verzieren, zusammennähen oder mit der bunten Schneiderkreide anmalen. Das ist ziemlich schwer, denn sie ist viel stumpfer als Schulkreide. Ich wühle zu gerne in der großen Kiste mit den Knöpfen. Darin kann man richtige Schätze finden.

Frau Ölkers ist eine warmherzige Frau, ich sage Tante zu ihr. Sie ist meine Ersatz Omi, und wenn meine Eltern abends ausgehen, passt sie auf mich auf. Ich darf dann in dem großen Eichenbett mit den riesigen Daunendecken schlafen. Ich versinke darin und nur noch meine Nase kuckt raus. Tante Ölkers nimmt mich dann immer in ihre Arme, ins Nestchen. Ich schlafe so gut und habe gar keine Angst vor der Dunkelheit.

 

Read Full Post »

Der Prinz war recht glücklich mit seiner rechten Braut. Sie war bildschön und anschmiegsam, außerdem recht brav.

Und doch war da ein Stachel in seinem Herzen. Die falsche Braut hatte ihm, wenn er ehrlich war, besser gefallen. Dunkles langes Haar, glutvolle Augen und ein Mund, der sich zu küssen lohnte. Ein echtes Rasseweib. Jeden Abend, wenn seine Frau sich zur Ruhe gebettet hatte, stand er auf und sah aus dem Fenster.

Mehr als ein Mal kam ihm der verwegene Gedanke, er könnte die falsche Braut zurückholen und gegen die Echte tauschen, die alles andere als leidenschaftlich war. Aber es gab kein Zurück. Sein Vater hatte die falsche Braut in ein Nagelfass gesperrt und einen Abhang hinunter gestürzt.

Der Prinz seufzte. Seine Braut hatte sich als Gänseliesel im Grunde genommen viel besser gemacht und außerdem hatte sie den Peter im Griff gehabt, den frechen Lümmel. Jetzt faulenzte er wieder den ganzen Tag und spielte den Dienern Streiche.

„Ach, wenn ich nur nicht so vorschnell gehandelt hätte“, murmelte er, „aber jetzt muss ich es so nehmen wie es ist.“

„Wieso?“, fragte eine kecke Stimme hinter ihm.

Der Prinz fuhr herum und sah ein merkwürdig gekleidetes Männlein mit krummen Beinen und einem Buckel.

„Wer bist du?“

„Ich bin Rumpelstilzchen und mache gerne Geschäfte mit verzweifelten Hoheiten“, kicherte das Männlein, das sich insgeheim die Hände rieb. Diesen Dienst würde es sich etwas kosten lassen.

„Je schwieriger der Wunsch, um so teurer“, sagte es daher, als der Prinz fragte, was es denn für den Gefallen verlangen würde, die Bräute zurückzutauschen.

„Ich möchte 1000 Gulden und den Peter“, verlangte es.

„Wozu das?“, fragte der Prinz erstaunt, „1000 Gulden kannst du haben. Aber was willst du denn mit Peter?“

„Weil die falsche Braut beim Teufel Dienst tut und der gibt sie nicht so einfach her. Der will einen Ersatz“, sagte Rumpelstilzchen.

„Aber da nimm doch lieber gleich meine Braut mir“, schlug der Prinz vor und dachte, dass er sehr schlau sei.

„Nein“, widersprach das Rumpelstilzchen energisch, „der Teufel mag keine netten Prinzessinnen. Der will was Freches, das er zähmen kann.“

„Na gut“, lenkte der Prinz ein, „hier hast du das Geld. Wo der Peter schläft weißt du sicher.“

So war der Handel perfekt und der Prinz musste sich überlegen, wie er die echte Braut ohne Aufsehen los wurde. Dafür gab es ja genug böse Feen. 100 Jahre Schönheitsschlaf ließen sich bestimmt irgendwie arrangieren…es kam nur auf den richtigen Preis an.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: