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Posts Tagged ‘Rosen’

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Ich sitze im Schatten

Unter den Rosen

Es duftet nach Heu

Die Vögel schweigen

In der Mittagshitze

Nur der nahe Bach

Plaudert munter

 

Einmal noch Kind sein

Zeit Zeit sein lassen

Den Sommer leben

Ohne Fragen an Morgen

Sich dem Tag hingeben

Alles loslassen

Sich hin und her wiegen

Wie ein Schmetterling

Von Blüte zu Blüte treiben

Mit dem Sommerwind

 

Zwischen kühlen Laken

Die Nacht durchträumen

Mit den Plejaden tanzen

In der Weite des Himmels

Mit ihnen hinabstürzen

In den frühen Morgen

Eines neuen durchglühten Tages

Dieses endlos scheinenden Sommers

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„Sommer“ von Ilse Kleberger

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich für das folgende Gedicht entschieden habe. Es gibt so viele wunderbare Zitate, Gedanken, Sätze, Absätze, Gedichte oder einzelne Worte, die mich bewegen und nachdenklich machen. Auf das Gedicht „Sommer“ von Ilse Kleberger bin ich in einem Deutschbuch meiner Kinder gestoßen. Das muss so etwa 20 Jahre her sein:

Sommer

Weißt du, wie der Sommer riecht?
Nach Birnen und nach Nelken,
nach Äpfeln und Vergissmeinnicht,
die in der Sonne welken,
nach heißem Sand und kühlem See
und nassen Badehosen,
nach Wasserball und Sonnenkrem’,
nach Straßenstaub und Rosen.

Weißt du, wie der Sommer schmeckt?
Nach gelben Aprikosen
und Walderdbeeren, halb versteckt
zwischen Gras und Moosen.
Nach Himbeereis, Vanilleeis
und Eis aus Schokolade,
nach Sauerklee vom Wiesenrand
und Brauselimonade.

Weißt du, wie der Sommer klingt?
Nach einer Flötenweise,
die durch die Mittagsstille dringt,
ein Vogel zwitschert leise,
dumpf fällt ein Apfel in das Gras,
ein Wind rauscht in den Bäumen.
Ein Kind lacht hell,
dann schweigt es schnell
und möchte lieber träumen.

Ilse Kleberger

Das Gedicht ist für mich die Verkörperung eines perfekten Sommertages. Es lässt den Duft meiner Kindertage auferstehen. Ferien auf dem Dorf, Erdbeeren naschen, ins Freibad gehen mit Freunden, Wassereis in allen Regenbogenfarben, zu den Waldteichen spazieren gehen und durch die Tannenschonung kriechen.

Es ist unbeschwert und leicht, so wie mir mein Leben als Kind erschien. Vielleicht ist es auch nur Nostalgie. Ein Foto meiner Vergangenheit in Sepia getaucht. Alles Schlimme verschwindet hinter der Sehnsucht nach zu Hause.

Wenn ich das Gedicht lese, erscheint es mir, wie manche Lieder oder Bilder, die mein Leben begleiten, von denen ich nicht weiß, wann sie sich in mein Leben schlichen und plötzlich dazugehörten. Im Grunde gehörten sie schon immer dazu, auch wenn ich sie nicht von Anfang an kannte und sie erst Stück für Stück sammelte. Wie Teile eines Puzzles, die sich in den Jahren vermehren und am Ende mein ganzes Leben abbilden.

Es rührt mich tief. Es erzählt von einer Kindheit, die wir alle gerne gehabt hätten oder die wir unseren Kindern wünschen. Heil und ganz, fern aller Sorgen und Schrecken. An nichts denken, in den Tag hinein leben und mit dem Leben dahin schwimmen. Keine Termine, die uns drängen. Einfach dem Rhythmus der Tage folgen und in einer Hängematte unter schattigen Bäumen träumen.

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Lea steigt aus dem Taxi. Das Erste, das ihr noch vor dem Haus auffällt, ist der Duft. Eine leichte Brise trägt Rosen und Lavendelduft mit sich. Darunter mischt sich das Aroma von überreifen Beeren und Gras, außerdem dringt das Plätschern von Wasser an ihr Ohr.

Das Taxi braust davon. Lea lädt sich ihr Gepäck auf. Rucksack, Reisetasche und einen große Trolley. Der Rest ihrer Besitztümer, der Hauptsächlich aus Büchern besteht, kommt mit einem Container. Sie tritt durch das verrostete Gartentor. Ein Flügel hängt schief in den Angeln. – Wenn es entrostet und gestrichen ist, wird es ein kleines Juwel sein. – Lea bemerkt die kunstvollen Verzierungen, aus Blättern und Blüten, mit Begeisterung. Mit Mühe zerrt sie ihren Trolley über den zugewucherten Weg zum Haus. Der Garten gleicht einem Urwald. Zulange hat niemand hier gelebt und die Natur forderte ihr Reich zurück.

Auch das registriert Lea mit Begeisterung. Die vor Kraft strotzenden Pflanzen gefallen ihr. Egal ob Unkraut oder Nutzpflanze. Lea liebt sie alle. Bevölkert von schillernden Insekten, die von eifrigen Vögeln verspeist wurden, Mäusen, Schildkröten, die in aller Seelenruhe durch die hohen Gräser stampften, Geckos, die sich in der Mittagshitze in ihren Verstecken verkriechen um in der Abenddämmerung auf Raubzug zu gehen. Irgendwo in der Nachbarschaft meckert eine Ziege.

Lea sieht das Haus zuerst durch die Zweige der alten knorrigen Oliven, die einen schützenden Kreis bilden. Sie fühlt sich wie ein ungebetener Gast. Vor der kleinen Treppe zur Veranda stellt Lea ihr Gepäck ab und staunt. – Das ist es also. Unglaublich! Es ist wunderschön. –

Die weiße Villa hat die Form einer Südstaatenvilla, nur zierlicher. Viereckig, mit einer rundumlaufenden Veranda. Es besteht aus einem Erdgeschoss und einer erste Etage. Zum Teil ist es mit Bougainvillea, Jasmin, Clematis und wildem Wein bewachsen. Trotz des desolaten Zustandes kommt es Lea vor, als sei es direkt aus einem ihrer Träume in die Wirklichkeit versetzt worden. – Das ist ein Traum. Ich werde aufwachen und alles wird verschwunden sein. – Aus einem Impuls heraus streckt sie die Hand aus und umfasst das Treppengeländer. Sie fühlte die abblätternde Farbe, das aufgeraute Holz, die Wärme die von ihm ausgeht. – Echt. Es ist echt. – Lea seufzt.

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Ich habe Geheimnisse.

Das ist kein Geheimnis.

 

Ich bin verliebt.

In den Tag.

In die  Nacht.

In den Himmel.

In die Sonne.

In den Mond.

In Regentage

In Schneeflocken.

 

In tiefblaue Augen mit langen dunklen Wimpern, deren Blick mich hypnotisiert und mir Gänsehaut bereitet.

In grüne Augen mit bernsteinfarbenen Sprenkeln, die so tief sind, dass ich hinab tauche, bis ich mich verloren habe.

In unschuldig hellblaue Augen, in denen eine Kraft lauert, die mich wehrlos macht.

In braune sanfte Augen, hinter denen eine ganz eigene Welt auf mich wartet.

 

Ich bin verliebt.

In die Liebe.

Ins Schreiben.

In Bücher.

In Träume.

In die Kunst.

In die Kreativität.

 

In Orchideen, wenn sie ihre feurigen Blüten zeigen.

In Orchideen, wenn sie Kraft für neue Blüten sammeln.

In Lavendel mit dem sehnsüchtigen Duft des Südens.

In Rosen, mit Blättern so weich wie Seide.

 

Ich bin verliebt.

In das Meer.

In alte Bäume.

In Küsse aller Art.

In meine Katze.

In meine Kinder.

In das Leben.

 

Ich liebe das Verliebtsein.

Ich liebe meine Muse.

Von Herzen.

Manchmal mit Schmerzen.

Liebst du mich auch?

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Weißt du, wie der Sommer riecht?
Nach Birnen und nach Nelken,
nach Äpfeln und Vergissmeinnicht,
die in der Sonne welken,
nach heißem Sand und kühlem See
und nassen Badehosen,
nach Wasserball und Sonnenkrem’,
nach Straßenstaub und Rosen.

Weißt du, wie der Sommer schmeckt?
Nach gelben Aprikosen
und Walderdbeeren, halb versteckt
zwischen Gras und Moosen.
Nach Himbeereis, Vanilleeis
und Eis aus Schokolade,
nach Sauerklee vom Wiesenrand
und Brauselimonade.

Weißt du, wie der Sommer klingt?
Nach einer Flötenweise,
die durch die Mittagsstille dringt,
ein Vogel zwitschert leise,
dumpf fällt ein Apfel in das Gras,
ein Wind rauscht in den Bäumen.
Ein Kind lacht hell,
dann schweigt es schnell
und möchte lieber träumen.

Ilse Kleberger

Ein wunderbares Sommergedicht, das  mich an „damals“ erinnert. Es ist einfach nur schön *seufz*.

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Erster Schnee

Langsam steigt eine rote Sonne

Über den Rand des Morgens

Unter ihr liegt die Welt

Weiß von Raureif

 

Wie mit Zucker bestäubt

Ein Traum aus Kindertagen

Schnee fällt in dicken Flocken

Lautlos deckt er alle Wunden zu

 

In der Stille des Tages

Knirscht der Schnee unter meinen Füssen

Sehe meine Atemwölkchen losgelöst

Von meiner Seele aufsteigen

 

Könnte ich noch einmal das Kind sein

Verspielt und verzaubert an diesem Wintertag

Wieder den Traum der Kindheit träumen

Alle Sorgen hinter mir lassen

 

Der Morgen verstreicht

Die Sonne zieht ihre Bahn

Mein Wunsch zerfließt

Wie Raureif auf den letzten Rosen

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Als er seine warmen Lippen auf meinen Mund legt, fahren meine Gefühle Achterbahn. Ich weiß nicht, wie lange wir so engumschlungen da stehen. Mir ist klar, dass es nur ein halbherziger Versuch ist, Raoul zu vergessen, aber dieses Gefühl von Nähe und Wärme, das Antonio in mir auslöst, weil ich es vor Sehnsucht kaum aushalten kann, bringt mich durcheinander. Ich wünsche mir ich könnte Antonio lieben. Seine schönen Augen, die mich mit einem liebevollen Blick umfassen und seine angenehme Gegenwart machen mich so traurig, weil ich sie nicht annehmen kann. Ich kann es nicht ändern, aber ich sehe Raouls melancholische Augen, seinen sinnlichen Mund und dieses Lächeln, dass mein Herz wärmt und mich gleichzeitig traurig macht. Es ist dieses innere Band, das ich zu ihm spüre, weil ich seine Zerrissenheit und seine Zweifel so gut nachvollziehen kann.

„Komm, dort drüben haben wir einen schönen Blick über das Meer und die Bucht.“

Antonio führt mich einen schmalen Pfad entlang, ein paar roh behauene Treppenstufen hinauf, auf eine Plattform. Wir setzen uns an den Rand und lassen die Beine herunter hängen. Schweigend sitzen wir da, Hand in Hand. Dem anderen ganz nah und doch ist mein Herz so fern und ich habe Angst, dass ich Antonio wehtun muss.

„Ich habe gehört, dass du eine Geschichtenerzählerin bist“, bricht Antonio nach einer Weile das Schweigen.

„Ja“, sage ich leise, „möchtest du eine Geschichte hören?“

„Das wäre schön, dann könnte ich mich immer an diesen wundervollen Moment erinnern.“

Ich höre die Niedergeschlagenheit in seiner Stimme.

„Du weißt es?“

„Ja, ich sehe es in deinen Augen“, sagt Antonio, „aber ich finde, er hat dich nicht verdient. Wenn du mich lieben würdest, würde ich dich niemals verlassen.“

Ich lächele bekümmert, denn ich weiß, dass er recht hat. Trotzdem ist alles was ich will, Raoul. Ich öffne meinen Rucksack, nehme das Notizbuch, Erzählungen vom Leben heraus, schlage es auf und fange an zu lesen:

„Also, es waren einmal drei Geschwister, die kamen nach Paris, auf der Suche nach Glück, so wie die meisten Menschen um die Jahrhundertwende. Die Stadt war voll von Glücksrittern und Karrieristen, die es zu Reichtum und Wohlstand bringen wollten. Als die drei jungen Leute am Place Gaillon ankamen, blieb das Mädchen überrascht stehen.

„Schau einmal, Jean!“, rief sie freudig erregt, „dieses Teeservice mit den kleinen Rosen. Genau so eins hatte Mutter sich immer gewünscht.“

Denise drückte ihr zierliches Näschen an der Fensterscheibe des Porzellangeschäftes platt. Ihre langen blonden Haare waren zu einem dicken Zopf geflochten und sie trug ein winziges Hütchen. Ihre einfache Kleidung zeigte ihre Herkunft an, war aber sauber und ordentlich, genau, wie die ihrer älteren Brüder.

„Hmmm, wirklich nett“, brummte Jean.

Seine Aufmerksamkeit galt allerdings nicht dem kostbaren Teeservice, sondern einer jungen Dame, die in dem Café saß, das direkt an den Porzellanladen grenzte. Sie trug ein modisches Kleid und ihr Dekollete leuchtete geradezu aufreizend hell im Kontrast zu dem dunkelgrünen Stoff, der ihre Katzenaugen betonte. Sie lächelte ihr Gegenüber an und mit einer anmutigen Bewegung, schob sie sich mit einer silbernen Kuchengabel ein Stückchen Sahnetorte in den sinnlichen Mund. Gierig starrte Jean auf ihre roten Lippen.

„Wenn ich sie doch nur einmal küssen könnte“, schoss es ihm durch den Kopf.

„Komm Jean, lass uns gehen“, Andre zupfte ihn am Ärmel, und als Jean nicht reagierte, zog er ihn hinter sich her, über die belebte Straße.

 

Andres eilige Schritte waren schon von Weitem zu hören. Denise riss die Tür ihres bescheidenen Zimmerchens auf und sah in Andres strahlendes Gesicht.

„Nun, was ist los? Hast du sie?“, fragte Jean ungeduldig.

Er war aufgesprungen und schob Denise beiseite.

„Ja“, stieß Andre atemlos hervor, „und wisst ihr, was das Beste ist?“

„Nein, los sag schon! Spann uns nicht auf die Folter!“, drängte Jean seinen Bruder.

„Sie nehmen euch auch in Lohn und Brot!“

„Oh, wie schön!“

Denise jubelte und fiel Andre um den Hals, „dann muss ich mich nicht von euch trennen. Ich hatte solche Angst ganz allein in einen fremden Haushalt zu kommen.“

Denise war sechzehn Jahre alt und seit dem Tod der Eltern kümmerten sich ihre Brüder um sie. Sie war ein frisches natürliches Mädchen mit Verstand, aber Paris machte ihr Angst.

„Ich bin auch froh“, sagte Andre, der ältere der beiden Brüder, „aber du scheinst ja nicht sehr glücklich zu sein?“

Andre sah Jeans gedankenverlorenen Blick. Er machte sich Sorgen um ihn. Jean war impulsiv und hatte ein selbstquälerisches Wesen, das Andre, der ein vernünftiger, bodenständiger Charakter war, völlig fremd war.

„Doch, doch, alles ist gut“, murmelte Jean und sah aus dem Fenster auf die wogenden Massen, auf der Straße.

„Als was werde ich arbeiten?“, bestürmte Denise Andre.

„Du wirst der Köchin zur Hand gehen, da kannst du dir gleich noch etwas abschauen“, Andre lächelte sie liebevoll an.

„Und was wird Jean machen?“, fragte Denise neugierig.

„Jean wird der Kammerdiener des jungen Herrn. Der Alte hat in einen anderen Haushalt gewechselt.“

Jean fuhr herum. Sein Blick hatte sich verfinstert. Er hasste es, zu lange in engen Räumen eingesperrt zu sein. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätten sie ihr Dorf nie verlassen. Aber Andre hatte ihm klar gemacht, dass sie dort keine Zukunft hatten.

„Na, toll! Du darfst im Stall bei den Pferden arbeiten und mich sperren sie in so einen muffigen alten Kasten“, begehrte er auf.

„Beruhige dich!“

Andre legte seinem Bruder beschwichtigend eine Hand auf den Arm, aber Jean schüttelte sie ab. Er war wütend.

„Leider ist im Stall zurzeit nur eine Stelle frei“, erklärte er, „aber wer weiß. In so einem großen Haushalt findet dauernd ein Personalwechsel statt. Es wird sich sicher bald etwas ergeben. – Und inzwischen hat jeder von uns sein eigenes Zimmer, freie Kost, einen freien Nachmittag und sein eigenes Geld.“

Jeans Unzufriedenheit konnte Andres gute Laune nicht mindern. Er war froh eine gute Lösung für sich und seine Geschwister gefunden zu haben. Besonders auf Denise musste er ein wachsames Auge haben. Sie war zu jung und naiv, um es zu wissen, aber Denise war eine kleine Schönheit und Andre wollte nicht, dass sie irgendeinem üblen Kerl in die Hände fiel.

Jean stand vor dem Spiegel. Der schwarze Anzug saß zu eng, spannte über den Schultern, den Armen und den Hüften. Außerdem war er an allen Enden zu kurz. Das gestärkte weiße Hemd schnürte ihm am Hals die Luft ab und zwickte überall. Jeans muskulöse Statur passte einfach nicht zu der eines Kammerdieners. Jean war zweiundzwanzig Jahre alt, groß und seine dunklen Locken ließen sich nie bändigen. Egal was er auch versuchte. Er musterte sich mit dunklem Blick und je länger er sich im Spiegel besah, um so mehr beneidete er Andre um seine Stelle als Reitknecht. Zu Hause war er den ganzen Tag mit seinem Vater auf den Feldern gewesen, hatte gejagt, gefischt und mit dem alten Gaul gepflügt. Hier, in diesem dunklen alten Haus, in dem es nach dem Mief von Hunderten Jahren roch, fühlte er sich wie ein alter Hofhund. Er konnte zwar ein Stück Himmel sehen, es aber nie erreichen. An die Kette gelegt und eingesperrt.

Jean fragte sich, wie er es hier aushalten sollte, dabei war gerade sein erster Tag. Gestern Abend waren sie vom Hausdiener begrüßt und in die Personalquartiere eingewiesen worden. Danach hatten sie mit dem anderen Personal zu Abend gegessen und waren früh zu Bett gegangen.

Es klopfte. Jean fuhr erschrocken zusammen. Die Tür wurde aufgestoßen und Françoise, der Kammerdiener des alten Duc de Saint-Simon, trat ein. Als er Jean so unglücklich vor dem Spiegel stehen sah, grinste er.

„Ich würde sagen, du brauchst einen neuen Anzug. Der alte Kammerdiener des jungen Herrn war kleiner und dünner als du.“

„Sieht so aus“, sagte Jean resigniert.

Er versuchte keine unbedachte Bewegung zu machen, aus Angst der dünne abgetragene Stoffe könnte der Belastung nicht standhalten.

„Ich werde das veranlassen“, sagte Françoise, „aber es kann ein paar Tage dauern, bis dahin musst du dich mit dem abfinden.“

„Ja, muss ich wohl.“

„Gut, dann komm. Ich werde dir alles zeigen. Da kannst du dir schon mal einen Überblick verschaffen. Der junge Herr wird heute zurück erwartet. Er war ein halbes Jahr in England.“

Françoise ging hinaus und Jean folgte ihm mit hängenden Schultern. Wenn es nicht für Andre und Denise gewesen wäre, dann wäre er am liebsten davon gelaufen.

 

In einem anderen Zimmer drehte sich Denise vor einem schmalen Spiegel hin und her. Das schwarze Kleid, die schwarzen Strümpfe und die feinen Schuhe gefielen ihr außerordentlich gut, auch wenn die Stiefelchen zu groß waren. Denise hatte sich ein paar ihrer eigenen dicken Socken angezogen und so schlüpfte sie nicht mehr hinaus. Ihre Haare hatte sie zu einem strengen Zopf geflochten, der ihr bis auf die Hüften reichte und ein weißes Leinentuch um den Kopf gebunden. Das war so üblich in der Küche hatte man ihr erklärt, außerdem trug sie eine weiße gestärkte Schürze. Die musste jeden Tag erneuert werden. So wünschte es die Dame des Hauses.

Denise war gespannt, wann sie die Duchesse kennenlernen würde. Die Dienerschaft hatte gestern beim Abendessen darüber spekuliert, wann die Herrschaften eintreffen würden. Denn es war Herbst und die Ballsaison würde bald beginnen. Die ersten Einladungen waren eingetroffen. Mademoiselle Manon war ihren Eltern voraus gereist, da sie sich mit einer ihrer Freundinnen treffen wollte, während Monsieur Jules am nächsten Tag erwartete wurde. Denis strich sich noch einmal ihre Schürze glatt, stellte sich aufrecht hin und hob den Kopf. „Immer Kopf hoch, egal was auch passiert. Du musst dich vor niemand verstecken“, hatte ihre Mutter immer gesagt. Denise war festentschlossen diesem Motto getreu zu handeln. Sie atmete tief durch und ging dann hinunter in die Küche.

 

Andre war an diesem Morgen schon sehr früh auf den Beinen gewesen. Er hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Er fragte sich, wie alles sein würde und ob er den Anforderungen des Duc gerecht werden konnte.

Andre hatte Schmied gelernt und Pferde waren ihm vertraut. Einmal hatte er sogar eins zugeritten, für den Pfarrer seines Ortes. Der unwissende Mann hatte sich von einem Händler, zu einem weit überhöhten Preis, einen jungen Hengst andrehen lassen, der kaum zugeritten war. Verzweifelt war er zu Andre gekommen und hatte ihn gebeten, ob er nicht einmal sein Glück mit dem Tier versuchen wollte. Es war zwar ein hartes Stück Arbeit gewesen, aber Andre hatte es tatsächlich geschafft, den Hengst zu einem guten Reitpferd zu machen. Seitdem träumt er davon einen eigenen Stall zu besitzen und Pferde zu züchten.

Andre war sich im Klaren, dass dies nur ein Traum war, aber auch wenn er versuchte seine Chancen immer möglichst realistisch abzuwägen, so spukte ihm dieser Wunsch trotz allem im Kopf herum.

So war Andre viel früher als die anderen Knechte im Stall, um sich die Pferde anzusehen und die Arbeit einzuschätzen, die ihn erwartete. Im Gegensatz zu dem hitzköpfigen, verschlossenen Jean, hatte Andre ein offenes, freundliches Wesen, das ihm bei der Arbeit mit Mensch und Tier zugute kam. Alle schätzten ihn und legten Wert auf seine Meinung.

Andre hoffte, dass ihm auch hier gelingen würde, eine gute Atmosphäre zu schaffen. Er war zwar nur zwei Jahre älter als Jean, aber sein selbstbewusstes überlegenes Auftreten sicherte ihm schnell eine gewisse Autorität.

Andre hatte wie sein Bruder dunkles Haar, aber ohne seine Widerspenstigkeit, die seinem Charakter widersprochen hätte. Seine hellen Augen standen im außergewöhnlichen Kontrast zu seinem pechschwarzen Haar und fielen sofort auf, während Jean die schwarzen seelenvollen Augen seiner Mutter geerbt hatte. Andre hatte dieselbe Statur seines Bruders, allerdings war Jean feingliedriger. Andres Körper hatte die schwere Schmiedearbeit geprägt und an Kraft konnten es wenige Männer mit ihm aufnehmen. Er war sich dessen nicht bewusst, aber wenn er irgendwo in Erscheinung trat, richteten sich alle Blicke auf ihn, egal ob die der Männer oder der Frauen.

Seine Befürchtungen waren allerdings umsonst. Nach den ersten Stunden im Stall stellte sich heraus, dass Andre mehr als geeignet war, diese Stelle zu versehen. Der Stallmeister überlegte sich schon, wie er dem Duc am geschicktesten klar machen konnte, was für einen guten Fang sie mit Andre gemacht hatten.

 

Jean stand in den Räumen des jungen Herrn. Der Salon allein war geräumiger, als das Haus in dem er mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt hatte. Dazu gab es noch ein Schlafzimmer, Ankleidezimmer und ein Bad. Françoise hatte Jean eine Menge erklärt und ihm brummte der Kopf. Auf was er alles achten sollte. Jean hielt diese ganzen Regeln des Anstands und der Etikette für Schwachsinn, aber er musste sie wohl oder übel befolgen, sonst würde er hinausfliegen.

„Das werde ich wohl nie schaffen. Bei der ersten Gelegenheit werde ich irgendetwas falsch machen und hinaus geworfen“, dachte er, „andererseits, warum nicht? Vielleicht ist es das Beste, was mir passieren kann. Denise und Andre sind gut untergebracht und ich suche mir was Besseres.“

„Hallo, Jules!“, hörte Jean eine glockenhelle Stimme, „bist du schon zurück?“

Hastig drehte er sich um und hörte ein Ratschen. Das Jackett war entzwei gerissen.

„Oh, nein! Auch das noch“, dachte er verzweifelt.

Da kam sie auch schon herein. Es war die Dame aus dem Café. Jean starrte sie aus seinen schwarzen Augen an. Es war wie eine Erscheinung. Ihr zartes lindgrünes Kleid war so duftig wie Rosenblätter und ließ ihre feurigen roten Locken aufstrahlen. Ihre grünen Augen blitzen freudig in Erwartung ihres Bruders Jules, aber als sie Jean sah veränderte sich ihr Blick und wurde fragend neugierig.

„Oh“, sagte sie, „ich hatte meinen Bruder Jules erwartet. Wer sind sie?“

„Mein Name ist Jean Laval. Ich bin der neue Kammerdiener ihres Bruders“, antworte Jean steif, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

„Ich bin Manon de Saint Simon“, stellte sie sich vor, „ich hoffe, dass ihr länger hier sein werdet, als der vorherige. Mein Bruder hasst die ständigen Veränderungen.“

Manon tat so als würde ihr sein eindringlicher Blick entgehen. Sie wandte sich zur Tür.

„Dann will ich sie nicht bei der Arbeit stören. Guten Tag, Jean“, säuselte sie.

Jean sah dem göttlichen Wesen nach, das aus der Tür schwebte. Sein Herz raste wie verrückt und er hoffte, dass Manon keinen zu schlechten Eindruck von ihm bekommen hatte. Immerhin sah er in dem schlecht sitzenden Anzug nicht gerade vornehm aus.

„Ach, du Schreck“, fiel ihm wieder ein, „die Jacke ist gerissen. Ich muss sie nähen.“

Eiligen Schrittes verließ er Jules Räume, um Francois zu suchen.

 

Kaum hatte Manon den Raum verlassen, als sie ein Lachen nicht mehr zurückhalten konnte. Sie schien einen außerordentlichen Eindruck auf den jungen Mann gemacht zu haben. Er hatte den Blick nicht von ihr lassen können und sie war sich sicher, dass er sich in sie verliebt hatte. Manon war zwanzig Jahre alt und hatte inzwischen einige Erfahrung mit Männern, die sich in sie verliebt hatten.

„Tölpel alle samt“, dachte sie verächtlich, „kaum haben sie mich gesehen und aus Männern werden Dummköpfe. Kein Stolz und keine Stärke mehr. Alles dahin.“

Manon wollte zwar einen Mann, der in sie verliebt war, aber keinen der jede Selbstachtung verlor und vor ihr zu Kreuze kroch. Leider war ihr dieser Mann noch nicht begegnet und sie fürchtete inzwischen, dass er auch nie kommen würde. Manon hatte sich einige Prüfungen ausgedacht, denen sie die Männer aussetzte. Diejenigen, die darauf hereinfielen, sortierte sie sofort aus und bis jetzt hatte noch keiner bestanden.

 

Andre striegelte den schwarzen Wallach. Unruhig tänzelte das schöne Tier hin und her. Er war noch nicht an Andre gewöhnt und war nervös. Andre redete beruhigend auf ihn ein und klopfte ihm sanft auf die Flanken.

„Ganz ruhig, mein Schöner. Du wirst dich an mich gewöhnen müssen.“

„Und ich wohl auch!“, vernahm Andere eine weibliche Stimme.

Er richtete sich auf und sah über den Pferderücken hinweg eine junge Frau im dunkelgrünen Reitkostüm. Es war auf Figur geschnitten und betonte ihren wohlgeformten Körper.

„Sie sind nun schon das zweite neue Gesicht, das ich im Haus sehe. Wie ist ihr Name?“, fragte sie.

„Ich bin Andre Laval und sie sind sicher die Duchesse de Saint Simon“, sagte Andre und sah Manon aufmerksam an.

„Genau die bin ich!“ Manon sah Andre mit einem Stirnrunzeln an, „satteln sie mir Malice, ich will ausreiten!“

„Natürlich, Mademoiselle“, sagte Andre freundlich.

Ohne Eile legte er die Bürste weg und ging den langen Gang zu Malice Box hinunter. Das Sattelzeug hing neben der Box und Andre sattelte den Fuchs. Nervös trat das junge Tier von einem Bein auf das andere. Andre spürte, dass es noch nicht reif war, von einer ungestümen jungen Dame geritten zu werden.

„Mademoiselle darf ich ihnen einen Rat geben?“, Andre drehte sich zu Manon um, „ich würde ihnen lieber eins der anderen Pferde satteln. Malice ist heute Morgen sehr nervös.“

Manon sah Andre mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Was erlaubte sich der Mann eigentlich. Malice war ihr Pferd und sie würde ihn reiten, wann es ihr passte. Unwillig schüttelte sie den Kopf.

„Nein, danke!“, antwortete sie eisig, „ich werde Malice reiten.“

Unverschämter Kerl. Erst starrte sie sein Bruder an, wie das siebte Weltwunder und dann versuchte ihr der Pferdeknecht Vorschriften zu machen. Andre zuckte nur mit den Schultern und legte dem Pferd das Zaumzeug an.

„Hebt mich hoch“, befahl Manon.

Andre verschränkte die Hände zu einem Tritt, ließ Manon mit einem Fuß darauf steigen und hob sie in den Sattel. Kaum saß sie auf dem Pferd, als es auch schon in die Höhe stieg. Verzweifelt versuchte Manon das Tier zu bändigen, aber je fester sie zugriff, um so mehr scheute das Tier. Andre versuchte an die Zügel zu kommen, aber ehe er zufassen konnte, fiel Manon auch schon. Geschickt fing Andre sie auf, stellte sie auf die Füße und griff in Malice Zügel. Beruhigend redete er dem Pferd zu, das schnaubte und versuchte auszubrechen. Mit einiger Mühe gelang es ihm, Malice wieder in die Box zu bugsieren. Andre zog die Box zu, dann wandte er sich mit einem liebenswürdigen Lächeln an Manon.

„Soll ich ihnen ein anderes Pferd satteln“, der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Nein, danke. Ich hab genug“, erwiderte Manon ärgerlich.

So würdig es ihr nach dieser Niederlage möglich war, trat sie den Rückzug an. Einerseits war sie zornig, weil er nicht danach gefragt hatte, wie es ihr ging. Anderseits bewunderte sie sein beherztes Zugreifen und noch ein paar Stunden später, spürte sie seinen festen Griff um ihre Taille, als er sie aufgefangen hatte.

 

Manon erwachte schweißgebadet. Sie hatte schwer geträumt. Sie fiel und fiel, dabei spürte sie heftige Tritte von Pferdehufen, und als sie schon dachte, es wäre alles aus, wurde sie aufgefangen. Sie fand sich in Andres starken Armen wieder. Manon hatte das Gefühl nackt zu sein, denn sie spürte seine Haut direkt auf ihrer, wie Feuer brannte es und als sie in seine Augen sah, wurde ihr ganzer Körper von einem erregenden Gefühl erfasst, dass bis zu ihrer Venusspalte reichte und eine ungeahnte Feuchtigkeit in ihr auslöste. Andre hatte ohne Umschweife seine Hände zwischen ihre Schenkel geschoben und seine Finger bewegten sich geschickt zwischen ihrer Spalte und ließen ihren Saft immer heftiger fließen. Immer schneller glitten seine Finger in sie hinein und heraus. Die Erregung war kaum auszuhalten und dann, als die Lust sie wie eine Welle hoch aufgetürmt war und Manon die Erfüllung erwartete, erwachte sie durch ein lautes Geräusch und alles war vorüber.

Zittern lag Manon in der Dunkelheit. Draußen donnerte es wie Kanonenschläge, dicke Blitze zuckten über den Himmel und große Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheiben. Manon fühlte sich leer und betrogen. Sie sah Andres spöttische Augen vor sich, die zu sagen schienen „soll ich ihnen ein anderes Pferd satteln“, und sie fühlte sich gedemütigt und doch wusste sie, wenn Andre zu ihr kommen würde, dann würde sie sich sofort in seine Arme werfen und sich ihm bedenkenlos hingeben.

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