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Posts Tagged ‘Reisen’

Der Schreibtisch ist leer. Keine Notizzettelchen, keine Schmierblätter oder Ähnliches. Das Buch ist fertig. Kein Grund die Überreste liegen zu lassen, was geschrieben ist, ist geschrieben und was fehlt, wird nicht hinzugefügt werden. Sollte da noch etwas sein, dann wird es in einem anderen Buch auftauchen oder im Notiznirwana landen.

Pinnwand

Das beunruhigt mich nicht. Ich habe so viele Ideen, dieses Leben wird nicht reichen, aus allen Romane zu machen. Mit einem fertigen Buch haben sich Ideen für weitere ergeben. Ich gebe zu, ich bin nicht die schnellste Schreiberin. Es gibt so viel, das ich tun möchte und mit dem ich mich beschäftige – davon abgesehen, dass ich auch ab und zu mal arbeiten muss und Zeit mit meinem Mann (und Freunden) verbringen möchte.

Die Kinder sind aus dem Haus und ich habe den Zustand erreicht, in dem ich Dinge tun kann, die ich mir schon immer gewünscht habe. Reisen, lernen, Museen besuchen, Fotografieren, mich mit Kunst beschäftigen und welche machen – und Bücher schreiben.

Nach Gesprächen mit sehr fleißigen Kollegen habe ich festgestellt, dass ich trotz mehrerer Bücher immer noch sehr intuitiv schreibe. Es gibt Luft nach oben, bei Planung, Recherche usw. Ich arbeite daran. Schreiben ist meine Leidenschaft und ich werde nicht damit aufhören, solange ich es kann. Und so wird es ein neues Buch geben.

Pinnwand voll

Die Geschichte steht, sie ist schon weit fortgeschritten, ein großer Teil der Recherche ist gemacht, und ich freue mich darauf sie zu Ende zu schreiben. Nach den Erfahrungen mit dem letzten Buch wird es sicher schneller fertig werden. Immerhin, es gibt weitere Romane, Geschichten und Gedichte zu schreiben.

Doch es gibt noch etwas anderes: Den Wind auf der Haut, das Rauschen des Meeres und die Stille hören, das Blau des Himmels sehen, Lieben und Leben. Freude!

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oder Studenten auf Reisen

 Nachdem ich endlich Studentin sein darf, ist es an der Zeit die neu gewonnene Freiheit zu genießen und sich dem Leben hinzugeben. „Das Leben wurde geschaffen für große Abenteuer & große Freundschaften.“ So haben meine Mitstudentin Uschi und ich eine spontane Reise zu einem Konzert der Band PROJEKTiON in die Niederlande geplant.

PROJEKTiON

PROJEKTiON

Nein, die Reise zum Konzert der Band ist nicht meinem neuen Seminar: Verstehen an der Grenze – Fremde Lebenswelten beobachten – verstehen – beschreiben, geschuldet, sondern wurde durch einen netten Zufall auf Twitter ausgelöst. Dort stieß ich vor einigen Wochen auf diese interessante Band aus den Niederlanden. Da ich Musik liebe  (und die Niederlande), sie auch zum Schreiben brauche, und ich es spannend finde neue Musik/er zu entdecken (dank meiner Kinder, die immer mal wieder ungewöhnliche Musik nach Hause brachten und mich inspirierten) klickte ich den Song an.

PROJEKTiON – Stranded

Dieser Song ist eine wunderschöne Ballade und gefiel mir auf Anhieb. Der Leadsänger beherrscht die leisen Töne, aber wie man bei dem Song „Delirious“ hören kann, auch die rockigen Vocals.

PROJECTiON – Delirious

Die Band kommt aus den Niederlande, Provinz Gelderland aus den hübschen Städtchen Winterswijk, Varsseveld, Borculo. Die Musiker blicken auf langjährige Erfahrungen zurück, traffen bei Auftritten öfter aufeinander, bis sie sich in der jetzigen Konstellation zusammenfanden. Die Bandmitglieder: Richard Immink (drums and vocals), Frank van Eerden (guitar and vocals), Herman Wiggers (lead vocals), Peter Pampiermole (keyboards and vocals), Jürgen ten Have (bassguitar and vocals) schreiben und komponieren alle Songs selbst.

Das Debüt-Album heißt Realitivity und entstand 2015 – Genre: Melodic/ Progressive Rock. Die Songs des Konzeptalbums stehen zwar alle für sich, bilden aber eine harmonische Einheit. Die Bandmitglieder haben beim Schreiben der Songs ihr Leben, ihre Erfahrungen einfließen lassen.

Das Album ist eine musikalische Beschreibung des Lebens mit allem was uns im Alltag begegnet: Eile, Stress, Erwartungen, Druck, Überzeugung, Zweifel, Reue, aber natürlich auch Freude, Liebe und Glück, die ein unersätzliches Gegengewicht bilden. Die Relativität der Realität. Realitivity. So entstand ein Album, das sich zu einer stimmig-melodischen Einheit zusammenfügt.

Background Magazin über PROJECTiON

Informationen in englischer Sprache

Webseite der Band PROJECTiON

In Niederländisch.

Das Konzert findet am 24.11.2016 im Muziek Cafe Merleyn, in 7001 Doetinchem, Grutstraat 4 statt. Muziek Cafe Merleyn

Und was das Studentische in der Reise betrifft – nach dem Konzertbesuch wird es einen kleinen Reisebericht geben. Denn tatsächlich wird dies das zweite Konzert meines Lebens. Das erste Konzert war im Olympia Stadion Berlin – U2 – Zoo Tour. Eine zweite Premiere sozusagen. Es ist doch toll, dass man mit 51 Jahren Dinge  zum (fast) ersten Mal erleben kann.

„Die Inspiration ist vorbei, nun kann ich mich wieder an die Arbeit machen.“                                             Stanislaw Afanasjew

Ein schönes Zitat. Zeigt es doch, dass wir nie aufhören dürfen neugierig und interessiert zu sein. Sich mit Neuem zu befassen um sich inspirieren zu lassen. Der Sehnsucht nachzugeben, dem Leben ein Abenteuer abzutrotzen und sich nicht kampflos dem Alltag zu überlassen. Ohne Inspiration kann unsere Kreativität nicht befruchtet werden. Das kann sicher jeder Künstler bestätigen. Und wer den Funken der Inspiration gespürt hat, kann und will ihn nicht mehr missen.

„Wir bereuen am Ende unseres Lebens das, was wir nicht getan haben. – Noch niemand hat am Ende gedacht, schade, ich habe viel zu wenig Zeit im Büro verbracht.“

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Du berührst meine Gedanken
Ganz sacht
Mit deinen Fingerspitzen
Auf meiner Seelenhaut

Kamst in meine Träume
Ganz leise
Nimmst mich wie ein Sturmwind
Mit in deinen

Du öffnest meine Quelle
Mit sanfter Hand
Reißt ein Loch in meine Mauer
Gefühl das sich befreit

Du legst Musik in meinen Kopf
Mit deinen Worten
Ich kann tanzen
Leben spüren tiefer

Du machst meinen Tag besonders
Mit deiner Gegenwart
Lässt mich erstrahlen
Herz über Kopf

Du entlockst mir ein Lächeln
Mit deinem Interesse
Es kleidet mich
Unübersehbar für andere

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Oder:

Ein kurzer Sommer oder viel Lärm um Nichts

In den letzten Monaten waren die Zeitungen voll von Berichten über die NSA – Affäre. Da ich an diesem Skandal nicht unbeteiligt war, hielt ich es für das Beste den vor mir liegenden Sommer nicht in heimatlichen Gefilden zu verbringen, um mich nicht auch noch in die Schusslinie zu begeben. Gute Jobs sind rar gesät und außerdem gefiel es mir, ein heimlicher Lauscher zu sein. Wissen ist Macht.

Bei meinem Besuch im Reisebüro zog ich zuerst eine Afrika – Safari in betracht, verwarf den Plan aber schnell wieder, da ich bei einer „Weltreise in Turnschuhen“, die mir der nette Berater ans Herz legte, 36% sparen konnte. Tatsächlich war mir zu dem Zeitpunkt nicht klar, auf welch skurrilen Trip mich dieses Angebot führen würde.

Zwei Tage später stieg ich mit Rucksack und kleinem Trolley im Schlepptau an dem winzigen Provinz-Bahnhof von Almhütte aus, das noch nicht einmal ein Wartehäuschen und einen Bahnsteig besaß. Zum Glück hielt der Zug, wenn auch nur kurz, so dass es mir erspart blieb, während der Fahrt abzuspringen. Einiges an der Situation erinnerte mich an das Sujet eines Westerns. Allerdings gab es keinen Salon mit Pferdetränke, sondern ein Gasthaus direkt gegenüber der kleinen Kirche, die sich mit einigen Häusern um einen großen Brunnen drapierten. Für Ruhesuchende sicher ein lohnendes Reiseziel, war es nicht das, was ich erwartet hatte. Ich trug zwar Turnschuhe, war aber von einer Weltreise war ich weit entfernt. Meilenweit. An den Fenstern des Gasthofes prangten riesige Blumenkästen mit Geranien in allen Farben. Dies sollte also für die nächsten Wochen meine Bleibe sein. Ich überlegte umzudrehen und den nächsten Zug zurück in die Zivilisation zu nehmen, aber meine Smartphone hatte keinen Empfang und ich beschloss, zumindest einen Blick in das Wirtshaus zu werfen. Ein gutes Essen und eine Maß Bier würden meine Lebensgeister wieder auf den rechten Pfad bringen.

Kaum hatte ich einen Fuß über die Schwelle gesetzt, als jegliches Gespräch zum Erliegen kam. Die Anwesenden wendeten sich mir mit unverhohlener Neugier zu und warteten. Ich vermutete, dass es sich bei den Gästen, um sämtliche Einwohner des Dorfes handelte, denn ich bemerkte bei einigen gewisse Familienähnlichkeiten. Ich fühlte mich wie ein Pekinese unter Schäferhunden. Ein falscher Laut und die Meute würde sich auf mich stürzen und zerreißen. Der dicke Wirt zog die buschigen Augenbrauen zusammen. Seine Frau, eine dralle Blondine, um einige Jahre jünger, als ihr Ehegespons, warf mir einen interessierten Blick zu. Ich wollte mich gerade zu einer Begrüßung herablassen, als sie um den Tresen eilte, auf mich zu kam und sich vor mir aufbaute.

„Grüß Gott, der Herr. Sie müssen Herr Brauer sein. Manfred Brauer. Wir erwarten sie schon.“

Ich lächelte und mein Blick wanderte von ihrer gefüllten Dirndlbluse hinauf zu ihren kornblumenblauen Augen. Eine gewisse Benommenheit bemächtigte sich meiner und ich dachte an ein weiches Bett mit Federkissen und einem Kruzifix über dem Kopfteil der Schlafstadt. Wie ging das noch: Auf der Alm da gibt`s keine Sünde. Bei den Katholiken lag die Vergebung direkt neben dem Sünder oder eben darüber, das kam auf die Perspektive an.

„Ja, der bin ich, grüß Gott“, sagte ich.

In meinem Ausweis stand zwar ein anderer Name, aber sollten sie glauben, ich wäre Manfred Brauer. Wenn sie mir die Tarnung schon auf dem Silbertablett servierten, wer war ich, dass ich sie ablehnte. Was für ein listiger Fuchs ich doch bin, dachte ich. Ich stand am Kreuzweg und verpasste die rechte Abzweigung, aber das wusste ich in diesem Moment noch nicht. Wenn einem Mann zwei entscheidende Tatsachen präsentiert werden, können wichtige Details schnell zur Nebensache werden. Der Auftritt war gut inszeniert, wie ich später feststellen sollte.

„Ich bin die Walli. Ich zeige ihnen ihr Zimmer.“

Ich wollte ihr folgen, als mich der Wirt zurückrief.

„Hallo sie, erst die Formalitäten, dann das Zimmer.“

In meinem Kopf formten sich die Worte „Frauenzimmer“, da mein Blick direkt auf die wohlgeformte Rückseite der Walli gerichtet war. Der Herr des Hauses reichte mir ein Gästebuch über den Tisch und ich füllte die entsprechenden Zeilen aus.

„Ganz schöne Kritzelei, der Herr Brauer.“

Ich zuckte mit den Schultern. Er warf mir noch einen scharfen Blick zu, dann nickte er und ich war entlassen. Walli brachte mich zu meinem Quartier. Auf den ersten Blick ein Bilderfriedhof, dem man nicht gerne einen zweiten gönnte. Ob der dicke Wirt der wahnsinnige Dekorateur war? Die Surrealisten konnten von dem wilden Kunstmix noch etwas lernen. Der Stoff aus dem Albträume gestrickt sind. Wallis geschickte bayrische Handarbeit entschädigte mich kurz darauf dafür, dass ich in diesem kruden Sammelsurium aus Reprints, Postern, Heimatmalerei und diverser Jagdtrophäen mein Haut zur Ruhe betten sollte. Auf meinen diversen Reisen traf ich viele Frauen, aber Walli legte sich besonders in Zeug. Eigentlich hätte mich das misstrauisch machen müssen, aber mein Gehirn operierte im Stand-by-Modus und ich war zu keiner objektiven Betrachtung der Situation fähig.

Als ich mein Bewusstsein wiedererlangte, saß ich gefesselt in einem feuchten Keller. Auge in Auge mit einer Ratte. Ich hätte gerne laut geschrien, fand dies aber aufgrund meines Status als nachrichtendienstlicher Ermittler unangebracht. Außerdem hätte mich der Knebel dran gehindert. In diesem Moment erinnerte ich mich an einen Ausspruch meines Onkels Specht, der viele Jahre als Seidenstrumpfverkäufer im Außendienst tätig und kein Kind von Traurigkeit gewesen war: „Ja, mein Jung, wie das auf solchen Reisen eben so ist.“

Der Text entstand in einer Schreibrunde. Anstoß waren Worte und Sätze aus der Zeitung „Die Zeit“. Jeder Schreiber generierte aus den Schlagzeilen 10 Titel für Geschichten, schrieb auf 10 Zettelchen jeweils ein interessantes Wort, die ihm beim Durchblättern ins Auge fielen und dazu jeweils noch drei Sätze auf separate Zettel. Nach dem wir unsere Zettelwirtschaft gemischt und neu verteilt hatten, wurden für jeden Schreiber drei Titel ausgewählt, aus denen er sich die Überschrift für seine Geschichte aussuchen konnte.

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„Es ist noch nicht einmal die Demütigung, Geschichten schreiben zu müssen, die unter meiner Würde sind. Das ist mir egal,  aber nicht an meinen Sachen arbeiten zu können, obwohl es das Einzige ist, das ich je gewollt habe. Ich habe das Gefühl, dass das ganze Material in mir drin schlecht wird. Wenn ich es nicht bald niederschreiben kann, werde ich es für immer verlieren.“

„Ich kann nicht. Ich bin zu müde, um nachzudenken. Morgens überkommt es mich manchmal, aber bevor ich irgendwas aufschreiben kann, schreit das Baby oder ich muss zur Arbeit aufbrechen. Und am Ende des Tages sind dann keine Worte mehr übrig. Außerdem sind wir hier so weit von allem entfernt. Ich habe keine Ahnung, wer gerade was schreibt und was wichtig ist.“

Aus Madame Hemingway, Paula McLain

Zurzeit lese ich gerade Madame Hemingway (siehe Zitate). Das Buch ist gut und flüssig geschrieben, und beschreibt die Beziehung zwischen Hemingway und seiner ersten Frau, während der Jahre in Paris. Teils wahr, teils fiktiv. Davor habe ich Hemingways Buch „Paris – ein Fest fürs Leben“ gelesen. (Inspiriert durch Woody Allens Film: Midnight in Paris, den ich übrigens genial finde und wegen seiner Atmosphäre liebe.)

Ich liebte „Paris – ein Fest fürs Leben“ von der ersten Zeile. Das Leben der Boheme der 20er Jahre springt einen an. Schreiben in Cafés, Schriftstellerzirkel, gemeinsame Verlage und Projekte, Dispute, gemeinsame Reisen, Feste, Familien, Affären. Und neben all dem schrieben sie sich die Seele aus dem Leib. Ein kreatives Knäul aus Schriftstellern, Verlegern und Förderern.

Kunst war Kunst, um der Kunst willen (bis es plötzlich chic war Künstler zu sein oder einen zu kennen). Man trieb sich gegenseitig an und entwickelte sich weiter. Das Schreiben stand an erster Stelle.

Das ewige Ringen nach dem Wort. Eine Qual, ohne die ein Schriftsteller nicht leben kann, denn nichts kommt dem Gefühl gleich, einen guten Text zu schreiben. Wir haben nichts, nur unser Talent und unsere Motivation, auch das erkämpfen wir uns schwer. Wer kann einen Schriftsteller verstehen? Ein anderer Schriftsteller, wenn man Glück hat.

Hemingway war ein Genie, man mag ihn mögen oder nicht, Ansichtsache. Er hatte ein Kriegstrauma, kein Geld, aber eine Familie, die er ernähren musste, diverse Rückschläge usw. Eine Kerze, die an zwei Enden angezündet wird, verbrennt schneller. Ich weiß, wie anstrengend es ist alles im Gleichgewicht zu halten. Familie, Arbeit, der Alltag mit allem was an Sorgen dazu gehört, und das Schreiben, dass ich tun muss, auch wenn ich kein Schriftstellergenie bin.

Ich ringe nach Worten, zweifele, schreibe, versuche herauszufinden was einen guten Text ausmacht und mir trotz Schreibregeln, mit dem uns Ratgeber und Gurus zuschütten, nicht den Spaß und die Intuition verderben zu lassen. (Also nicht, dass manche Ratschläge sinnvoll sein mögen – aber zu viel des Guten hemmt den Fluss.) Auf der Suche nach dem wahren Satz, wie Hemingway es nannte. Leider sind auch bei mir nach einem langen Tag, oft keine Worte mehr übrig(siehe Zitat). Mein Kopf ist voll, aber ich kann den Sturm nicht bändigen.

Dazu ein schönes Zitat von Marie von Ebner Eschenbach: „Es schreibt keiner wie ein Gott, der nicht gelitten hat, wie ein Hund.“ Ich will mich nicht beschweren, wenn Leid mich läutern und Musen inspirieren sollen, um ein guter Schriftsteller zu sein, dann bitte, muss ich damit leben. Zumindest bin ich in guter Gesellschaft.

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Der kleine Herr Mann verließ an diesem Morgen sehr missmutig das Haus. Den dunkelblauen Hut tief ins Gesicht gezogen, den Wollmantel bis auf die Knöchel reichend. Zu seinem Unglück war es nebelig. Die schmutzigen und unschönen Dinge wurden vom Schnee der Nacht unter einer gnädigen Decke verborgen. Seine trübseligen Gedanken ließen nicht zu, dass er die seltsame Schönheit des Morgens genießen konnte. Er eilte durch den stillen Kurpark ohne ihn wahrzunehmen. In dieser Jahreszeit verirrte sich nur selten ein Spaziergänger hierher. Es kamen immer weniger Touristen und die Kurstadt würde langsam sterben.

Das berührte Herrn Mann nicht besonders. Für ihn ging jeder Tag im gleichen Trott dahin. Er war in diesem Ort geboren und hier würde er sterben. Er ging in den kleinen Uhrenladen, der vor ihm seinem Vater gehört hatte. Von genau 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr und von 14.30 Uhr bis 18.00 Uhr. Jeden Tag, das ganze Jahr. So war es immer. Bis auf die 14 Tage Betriebsferien im Januar. Dann versuchte Herr Mann in seinem Elternhaus, der Villa Louise, einen ruhigen Platz zu finden.

In seinen Jugendjahren hatte er sich oft gewünscht in die Welt hinaus zu gehen. Weit weg von der Villa Louise, noch einmal anzufangen. Heute fast fünfzig Jahre alt, lagen seine Träume im Park unter der alten Eiche begraben. Abgestreift und vergessen, wie die alten Handschuhe in der Schachtel für Fundsachen, die schon zum zweiten Mal überwinterten. Die Handschuhe würde er nachher sofort entsorgen.

In Herrn Manns Innern nagte der Neid, wie eine Maus, die ihn stetig und mit spitzen Zähnen immer weiter aushöhlte. Er ertrug es nicht, wenn andere träumten, weil er es nicht durfte. Zum Beispiel die junge Frau aus dem Buchladen gegenüber. Sie wohnte noch nicht lange hier. Kam irgendwo aus Norddeutschland. Ihre kleine Tochter hatte seiner Tochter erzählt, dass sie viel auf Reisen gewesen waren. Er sah sie oft hinter dem Tresen sitzen und in einem Buch lesen. Herr Mann las nicht gerne. Das lag in der Natur der Dinge. Die Bücher hätten seinen Geist auf Wanderschaft gehen lassen. Er hätte die sorgsam versteckten Träume wieder ausgraben müssen.

Auf dem Weg zu seinem Uhrenladen, wurde er unfreiwillig an seine Träume erinnert. An der alten Eiche begegnete er der Frau aus dem Buchladen. Fröhlich wünschte sie ihm einen schönen Tag. Er erschrak und konnte nur ein gemurmeltes „Morgen“ hervor stoßen. Sein Unbehagen wuchs, denn er ahnte dass ihn die Begegnung den ganzen Tag beschäftigen würde. Seine Verbitterung hätte sich noch gesteigert, hätte er gewusst, dass die Frau ihre Sachen für einen Umzug packte.

Er mochte sie nicht. Sie hielt sich nicht an die Regeln, nach denen er lebte. Er konnte nicht ausbrechen. Lustlos steuerte der arme Herr Mann auf seinen Laden zu. Schloss das Schloss dreimal auf, schaltete das Licht ein und entriegelte die Kasse. Er zog seinen Mantel aus, hängte den Hut an den Haken, stellte seine Aktentasche an den vorgesehenen Platz. Als er in den Verkaufsraum kam, sah er sie wieder. Einem Passanten zu lächelnd, schloss sie die Ladentür auf und verschwand in seinem geheimnisvollen Inneren. Herr Mann sah gebannt hinüber. Er wartete. An den sonnigen Tagen stellte sie immer den Postkartenständer vor die Tür. Heute geschah nichts.

Gedanken verloren stand er da, starrte auf das Schaufenster mit den niedergeschrieben Träumen. Abrupt stürzte er zu seinem Schrank, riss die Kiste mit den Fundsachen heraus und schleuderte die unschuldigen Handschuhe in den Papierkorb. Dass sich Träume nicht wegwerfen lassen wie ein Paar alte Handschuhe hatte er nicht bedacht. So wurde der kleine Herr Mann den ganzen Tag von den Gedanken an seine begrabenen Träume verfolgt.

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