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Posts Tagged ‘Regen’

Poem 11.4

Schattengedicht

Du klebst an mir
Wie eine Klette
Doch nur bei Licht

Im Dunkeln unsichtbar
Bist mein Bild im Negativ
Tanzt mit mir im Regen

Gehst mit mir durch Dick und Dünn
Bin nie allein
Doch du bist still

Ein Windhauch nur
Aus Licht und Dunkelheit
Mein ständiger Begleiter

Ein Teil von mir
Flüchtig wie Nebel
Mein schelmischer Schatten

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Ich liebe Bäume
Mit grünen Blättern

Ich liebe Rosen
Mit zartem Duft

Ich liebe Sonne
Die lauwarme Luft

Ich liebe das Meer
Die wogenden Wellen

Ich liebe den Himmel
Das leuchtende Blau

Ich liebe den Regen
Die reinigende Kraft

Ich liebe die Nacht
Wenn der Traum erwacht

Ich liebe den Morgen
Die Ruhe vor dem Sturm

Ich liebe Kaffee
Heiß und weiß

Ich liebe mein Bett
Sicher und warm

Ich liebe mein Kinder
So wie sie sind

Ich liebe unsere Katze
Weich und verschmust

Ich liebe mein Zuhause
So wie es ist

Ich liebe meine Bücher
Alle!

Ich liebe mein Schreiben
Mit ganzem Herzen und allen Schmerzen

Ich liebe mein Leben
Mit dir

Ich liebe dich
Jeden Tag immer mehr

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Linda rannte hinter ihm her.

„Sander! Warte!“, ihre Stimme hallte geisterhaft zwischen den Bäumen wieder.

Im Laufschritt stampfte sie über den schmalen Bohlweg. Sie musste sich konzentrieren nicht daneben zu treten. Ein falscher Schritt und sie landete ihm Sumpf. Atemlos erreichte sie die Treppe, die auf den befestigten Waldweg führte. Sander dieser Blödmann war schon soweit entfernt, dass sie ihn nur noch schemenhaft wahrnahm. Warum hatte sie sich nur auf diesen Mist eingelassen? Linda kannte die Antwort. Sander war der coolste Typ der Schule. Wenn er einen einlud, dann ging man mit. Ohne wenn und aber.

„Sander!“, rief sie zaghaft.

Linda hatte ihn endgültig aus den Augen verloren. Nicht einmal den Lichtkegel seiner Taschenlampe konnte sie erkennen. Dann hörte sie plötzlich wie ein Motor ansprang und der Wagen losfuhr. Sander hatte sie tatsächlich ausgesetzt. In dieser Wildnis. Lindas Herzschlag beschleunigte sich. Sie war eigentlich kein Angsthase, aber mitten in der Nacht in fremdem Gebiet, allein ohne Orientierung, dass war ein guter Grund um ängstlich zu sein. In der kanadischen Wildnis gab es Bären, Wölfe und andere Raubtiere. Ganz zu schweigen von Bärenfallen, Sümpfen und anderen furchteinflössenden Dingen, an die Linda jetzt lieber nicht denken wollte.

Zuerst überlegte Linda einfach dort stehen zu bleiben, wo sie gerade war und auf den Morgen zu warten. Aber nachdem ein leichter Regen einsetzte, beschloss sie weiter zu gehen. Auf dem Weg in das Naturschutzgebiet war Sander an einer kleinen Pension vorbei gefahren. Linda hatte Licht gesehen und naiv dran gedacht, dass er dort mit ihr die Nacht verbringen würde, wenn sie seine Mutprobe bestanden hätte. Jetzt war ihre einzige Chance es bis dorthin zu schaffen. Vorsichtig tastete sie sich zwischen den Bäumen entlang. Linda konnte nicht erkennen, ob sie sich noch auf dem ausgewiesenen Weg befand. Nur die Tatsache, dass der Pfad relativ eben war, bestärkte sie in ihrer Zuversicht.

Linda hatte jedes Zeitgefühl verloren. Sie bemühte sich so gerade zu gehen, wie es in der Dunkelheit möglich war. Sie wusste, dass sie an zwei riesigen Felsbrocken vorbei kam, wenn sie das Naturschutzgebiet verließ, aber bis jetzt waren sie noch nicht in Sicht. Der Wald wurde immer dichter, wo er lichter werden sollte. Linda wollte sich nicht eingestehen, dass sie den Weg verloren hatte und in die Irre ging.

Müde lehnte sie sich gegen einen dicken Baumstamm. Ihre Füße schmerzten und ihr war kalt. Der monotone Regen durchdrang inzwischen an einigen Stellen ihre dicke Daunenjacke. Zum hundertsten Mal fragte sich Linda, warum Sander ihr diesen miesen Streich spielte. Sie hatte ihm nichts getan – sich wirklich nichts zu Schulden kommen lassen. Und während sie dort stand, völlig erschöpft, fiel es ihr plötzlich ein. Susan! Sie war in Sanders Clique. Sie hatte Susan nicht beim Schummeln in der Mathe Klausur geholfen. Es war das erste Mal, dass Linda ihr etwas abschlug und das war ihr jetzt zum Verhängnis geworden.

Da ein Geräusch! Linda drückte sich enger an den Baum. Sie kauerte sich dicht an seine verknorpelten Wurzeln. Überraschend ertastete sie ein Loch, das große genug war, um sie aufzunehmen und ihr ein Versteck zu bieten. Drin war es trocken. Der Geruch von modrigem Holz stieg ihr in die Nase. Linda hörte Äste knacken, Laub rascheln und dann plötzlich eine Stille, die ihr Angst machte. Noch mehr, als sie eine Stimme hörte, die sie nur zu gut kannte.

„Wo kann das Miststück sein? Wir müssten sie längst aufgespürt haben!“

„Keine Ahnung. Ich bin mir sicher, sie ist in diese Richtung gegangen.“

„Ich dachte, du bist der große Jäger!“

„Mensch Sander halt die Klappe. Die Jagd ist doch das Spannendes an der Sache. Sie kann uns nicht entkommen. Entweder finden wir sie, oder die anderen und dann … .“

Der Sprecher ahmte das Geräusch eines Schusses nach.

„Ich hoffe, du triffst wenigstens, wenn wir sie haben.“

Sanders Stimme triefte vor Verachtung. Lena presste sich die Hand vor den Mund, um nicht aufzuschreien. Eiskalt lief es ihr den Rücken herunter. Sie drückte sich immer tiefer in das morsche Baumloch. In diesem Moment wünschte Lena sich einen hungrigen Grizzly, der sich auf die beiden jungen Männer stürzte und sie zu Gejagten machte. So gab es niemand, der ihr beistand und sie aus dieser ausweglosen Situation befreite.

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You save me

Sie stand im Regen. Die Tropfen, die ihr über das Gesicht liefen, vermischten sich mit ihren Tränen. War das Leben nur ein einziger Scherz? Ausgetragen zwischen Göttern und Dämonen. Der warme Lichtstrahl, der aus dem Haus zu ihr hinaus drang, erhellte ihr Gesicht, ohne ihr Herz zu berühren. Sie würde gehen, weit fort. Er hatte sie gerettet, ihr kümmerliches Leben aus den Fluten zurück gebracht, in die sie sich lebensmüde gestürzt hatte. Mehr konnte er nicht tun.

Sie sah ihn mit der hübschen blonden Frau und dem kleinen Mädchen, das sich in seine Arme schmiegte. Sie hätte an ihrer Stelle sein sollen. Sie liebte ihn so sehr, dass alles wehtat, sich ihr Inneres unter Qualen zusammenzog. Aber dieses Leben war nicht für sie bestimmt. Sie fragte sich, wer sie gerettet hatte? Ein Gott, der ihr Leben für wertvoll hielt, oder ein Dämon, der ihr das Messer unglücklicher Liebe ins Herz rammte, um zu sehen, wie viel ein Mensch erdulden konnte?

Sie wandte sich ab, ging den schmalen Gartenweg entlang und trat auf die Straße. Die Trauer schnürte ihr die Kehle zu. Aber es gab keinen anderen Weg, um das bisschen Leben zu leben, das noch in ihr atmete. Einfach nur fort von hier. Weit, weit fort. Die Tränen würden versiegen. Irgendwann. Aber der Stachel steckte fest. Als Mahnmal zementiert im Stein ihres Herzens.

Schmerzen waren ihr vertraut, seit sie denken konnte. Sie hatte das Gefühl, der Schmerz selbst zu sein. Vielleicht war es ihr Schicksal. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, während sie mühsam einen Fuß vor den anderen setzte und langsam zu einem Schemen in der Dunkelheit verschwamm, bis nichts mehr von ihr übrig war.

Dieser Text ist nach einem Musikstück entstanden, dass ich sehr mag. Jonathan Jeremiah, You save me. Trotzdem der Titel eher positiv ist, hat das Gefühl der Melodie und seiner Stimme etwas sehr Trauriges für mich. Ein kleines Beispiel für die Schreibaufgabe für den Oktober, in dem wir jeden Tag mit/über ein Lied schreiben, das wir mögen oder auch nicht mögen 😉 .

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Das Grau der Tage

Ich träume in tausend Farben

Von dir und mir

Wenn ich näher komme

Blitzt es durch

Das Grau des Tages

Asphalt und Regen

 

Suche nach dir

Gehe weite Wege

In meiner Fantasie

Kann dich sehen

Rufe deinen Namen

Erkenne dein Gesicht

 

Du bleibst ein Traum

Die Sehnsucht leerer Stunden

Verzehre mich nach deinen Händen

Deinem Mund auf meinem

Haut an Haut

Eng umschlungene Lust

 

Zehre von Illusionen

In der Wirklichkeit

Eiskalt

Schwarz weiß

Garniert mit Herzblut

 

Komm

Lass es enden

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Es regnet. Ein leiser stiller Regen, doch so dicht wie ein Vorhang. Ich bin nass bis auf die Haut. Unter dem Vordach ist es zwar trocken, aber die Kälte dringt durch alle Poren und ein Zittern läuft durch meinen Körper. Das Glucksen des Regens in der Dachrinne ist wie eine Melodie, die eine immer wiederkehrende Schleife in meinen Gedanken durchläuft.

Ich habe mir selbst ein Zeichen abverlangt. Wenn er Licht hat, werde ich klingeln. Er hat Licht. Vorsichtig drücke ich auf den Klingelknopf. Ich warte. Nichts passiert. Erleichterung macht sich in mir breit. Bis ein etwas lang gezogenes metallisches „Ja?“ aus der Sprechanlage tönt.

„Anna“, sage ich.

„Anna, nanu? Komm rauf!“

Höre ich Freude? Langsam tappe ich die vier Treppen nach oben. Eine dicke Tropfenspur hinter mir her ziehend. Die Wohnungstür steht offen, warmes Licht fällt auf den kahlen Flur.  Ich muss es ihm sagen, höre ich die Stimme wieder. Connor steht vor mir. Ein strahlendes Lächeln empfängt mich, das mich noch kleiner werden lässt. Wenn er hört, was ich ihm zu sagen habe, wird ihm das Lachen vergehen. Ich sehe zu ihm auf, und noch ehe ich mich versehe, nimmt er mich in den Arm.

„Hallo, Kleine! Was machst du denn hier? Freitagabend und nicht unterwegs?“

Ich lächele schief. Als ob ich dauernd unterwegs wäre.

„Jetzt!“, schreit die Stimme meines Gewissens.

„Du, Connor ich muss dir was sagen!“, höre ich mich hastig hervorstoßen.

„Wow, das ist ja mal ein Statement“, Connor lacht, „meinst du, du könntest noch rein kommen und dich hinsetzen, bevor du mich mit essentiellen Dingen konfrontierst?“

Er zieht mich in die Diele, schließt die Tür und sieht an mir herunter.

„Vielleicht solltest du was Trockenes anziehen. Sonst liegst du morgen flach“, er geht in sein Schlafzimmer, und als er zurückkommt hat er ein T-Shirt und eine Jogginghose in der Hand, „Handtücher liegen im Bad, weißt ja wo?“

Hätte ich wohl auch verdient, denke ich, das mit dem Flachliegen, und sage, „danke, ich zieh mich schnell um.“

Connor nickt und grinst. Als ich im Badezimmer vor dem Spiegel stehe, weiß ich warum. Durch die nasse Bluse kann man alles, wirklich ALLES, sehen. Verdammt! Wirklich guter Einstand für ein Geständnis. Hastig zerre ich mir die nassen Klamotten vom Leib. Ich schlüpfe in die trockenen Sachen, rubbele mir die Haare trocken und fahre einmal mit den Fingern durch, das muss reichen. Seine Sachen riechen nach ihm, nach seinem Waschmittel, seinem Aftershave. Der Geruch verwirrt mich. Genau wie Connor.

Wir kennen uns schon ein paar Jahre. Haben einiges miteinander erlebt, Beziehungen kommen und gehen sehen. Weinselige Abende, verregnete Sonntage, verheulte Wochenenden und laue Nächte auf dem Balkon verbracht. Es gibt kaum etwas, dass ich nicht von ihm weiß und er von mir. Und dann wurde es mir klar. Ich liebe ihn. Ich habe ihn schon immer geliebt, ohne es zu bemerken. Aber zwischen uns gab es trotz Flirts keine körperlichen Annäherungsversuche. Ich drehe sein Rasierwasser auf, schnuppere daran und meine Gedanken überschlagen sich. Vor drei Tagen, als er aus dem Urlaub kam und wir uns zufällig auf der Straße trafen, es war so natürlich, ohne falsches Gefühl oder Scham, lagen wir uns in den Armen und freuten uns über das Wiedersehen. Ich spürte seine Wärme und diese beruhigende Nähe, dass es mich fast erschlug. In großen Lettern blinkte es in meinem Gehirn auf: Ich liebe ihn.

„Ich liebe dich“, flüstere ich, will mich an den Klang der Worte gewöhnen.

„Sag mal, Kleine, wie lange willst du noch im Bad verbringen, dein Milchkaffee wird kalt!“, fragt Connor auf der anderen Seite der Tür.

Mit zitternden Fingern drehe ich das Fläschchen wieder zu. Noch einmal durchatmen. Innerlich wappne ich mich gegen die Reaktion, die ich gleich bei Connor hervorrufen werde. „Ich liebe dich“ kann ich ihm allerdings nicht sagen. Connor ist nicht frei. Er hat eine Freundin. Meine Freundin Alicia. Er lernte sie durch mich kennen. Ich habe sie verkuppelt und jetzt betrügt sie ihn mit einem Arbeitskollegen. Das ist es, was ich ihm sagen muss. Meine Güte ist mir schlecht. Ich öffne die Badezimmertür und gehe ins Wohnzimmer. Connor sitzt auf dem Sofa und hat seine langen Beine auf den Couchtisch gelegt. Mein Kaffee steht neben seinem und ich setze mich zu ihm. Leise Musik läuft im Hintergrund. Mein Herz rast wie ein Dampfhammer.

„Weißt du“, sagt er, „ich finde, das war eine gute Idee von dir, herzukommen. Wo Alicia heute bei ihren Eltern eingeladen ist. Familienfeiern sind nicht so meine Sache.“

„Du musst es ihm sagen. Je eher, je besser.“ Die Stimme wird mich quälen, bis ich es Connor gesagt habe, aber was wird dann? Aufmerksam sieht er mich an. Sacht legt er einen Arm um meine Schulter.

„Na, was musst du mir denn sagen? Du siehst aus, als trügest du die Last der Welt mit dir herum? Was kann so schlimm sein?“

Connor schaut mich aufmunternd an.

„Alicia“, stottere ich, „Alicia nutzt dich aus. Sie ist nicht bei ihren Eltern.“

„So?“

Connor sieht mich mit hochgezogenen Brauen an.

„Ja“, flüstere ich, „sie hat eine Affäre mit einem Arbeitskollegen.“

Connor schweigt. Das ist der Supergau. Wenn er einen Wutausbruch hätte, das wäre mir lieber, als dieses unerträgliche Schweigen. Ich überlege fieberhaft, was ich sagen soll, aber ich habe Angst, wenn ich die Stille durchbreche, dass dann ein Erdbeben losgeht oder ein Vulkan ausbricht.

„Wie lange?“, fragt er ernst.

„Ich weiß nicht“, sage ich leise, „schon länger, fürchte ich. Ich wollte, dass sie es dir selber sagt, aber nachdem sie es scheinbar immer noch nicht getan hat, muss ich es dir sagen.“

Mir ist zum Heulen. Die Tränen stehen mir in den Augen und warten nur auf den Moment herauszulaufen.

„Soll ich gehen?“, biete ich an und will aufstehen.

Connor hält mich am Shirt fest.

„Nein!“

Schweigend sitzen wir nebeneinander. Ich halte meine Augen gerade auf meinen Milchkaffee gerichtet, traue mich aber nicht die Tasse aufzunehmen und zu trinken. Es könnte sein, dass die Katastrophe durch eine unbedachte Bewegung doch noch zum Ausbruch kommt. Immerhin bin ich schuld, dass sich die Beiden kennengelernt haben. Ich hatte gehofft Alicia würde erkennen, was für ein wertvoller Mensch Connor ist und dass es sich lohnen würde, sich endlich für einen Mann zu entscheiden und glücklich zu sein. Unabhängig von Besitz und Stellung. Ich erkannte Connors Wert, aber Alicia hatte ihn nicht gesehen. Für sie war er nur eine weitere Variante Mann, den es auszuprobieren galt. Ich hatte Connor mit meinen Augen gesehen und nicht durch Alicias merkwürdiges Raster. Ich merkte es nur nicht.

„Warum?“

„Weil ihr euch durch mich kennengelernt habt. Ich bin schuld. Ich hätte dich vorwarnen müssen“, meine Stimme versagt mir gleich den Dienst.

„Nein, das meine ich nicht. Warum hat sie eine Affäre? Wer ist es?“

„Ihr Juniorchef. Er hat Geld, ein Haus, Autos. Er ist der neue Traumprinz, der neue Seelenverwandte, bis der Nächste, Bessere kommt.“

Ich spüre, dass Connor mich ansieht. Sein Blick brennt auf meiner Haut und ich fühle, wie mir heiß und kalt wird.

„Es wundert mich nicht“, sagt er zu meiner Überraschung. „Zwischen Alicia und mir lief es nie so richtig rund. – Und du?“, fragt er, „was denkst du?“

„Ich liebe dich“, höre ich die Stimme in meinem Kopf.

Verlegen blicke ich ihn an.

„Was hat das mit mir zutun?“, versuche ich abzulenken.

„Warum wärst du sonst hier?“

„Weil ich nicht möchte, dass du weiter hinters Licht geführt wirst“, stammele ich.

Die Tränen steigen weiter.

„Und warum führst du mich hinters Licht?“, fragt er leise.

Die Tränen lösen sich, kullern die Wangen hinunter. Ich stehe schnell auf.

„Ich muss gehen!“

Connor springt aus und versperrt mir den Weg.

„Bevor du mir nicht geantwortet hast, lasse ich dich nicht gehen.“

„Ich führe dich nicht hinters Licht“, antworte ich fast trotzig, ohne den Blick zu heben.

Connor steht so dicht vor mir, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren kann.

„Ich warte!“, sagt er energisch.

Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, legt er mir die Hand unters Kinn und hebt meinen Kopf, zwingt mich ihm in die Augen zu sehen. Atemlose Momente stehen wir da. Connors Blicke durchdringen mich. Er zieht die Augenbrauen hoch und ich weiß, dass er eine Antwort erwartet.

„Ich kann nicht“, flüstere ich.

Connor lächelt.

„Es tut gar nicht weh. Glaub mir. Jetzt wäre der richtige Moment. Wir sind endlich beide frei.“

Ohne Vorwarnung zieht er mich an sich. Seine warmen Lippen berühren meinen Mund. Ein wildes erregendes Gefühl rauscht durch meinen Körper.

„Kannst du es jetzt sagen?“, fragt er sanft.

„Ich liebe dich.“

Es hört sich richtig an. So, als ob ich es schon tausend Mal zu ihm gesagt hätte. Ich liebe ihn. Alles in mir strebt danach zu ihm zu gehören, ihm zu gehören.

Connor beugt sich wieder zu mir.

„Ich liebe dich auch“, flüstert er an meinem Mund.

Dann küsst er mich wieder. So oft, so ausdauernd, dass ich alle Zeit vergesse, den Raum und alles andere um mich herum. Seine Lippen entzünden eine Erregung in mir, die ich kaum zähmen kann.

„Ich will dich“, flüstere ich heiser.

„Ich weiß“, ich kann das Schmunzeln in Connors Stimme hören, „ich will dich auch. – Und wie.“

Erstaunt sehe ich ihn an.

„Ja. Glaub mir, es gab unzählige Nächte in den letzten Jahren, in denen ich dich wollte, mehr als alles andere.“

Ungläubig starre ich ihn an. Seine Hand schiebt sich zärtlich unter das T-Shirt. Ein ungestümes Kribbeln läuft über meinen Körper und mein Herz schlägt wie verrückt.

„Ich habe solange gewartet, bis du es dir endlich eingestehst und zu mir kommst.“

Atemlos höre ich seine Worte.

„Warum?“

„Weil ich dich will, mit allem was dazugehört. Aber dazu musstest du es erst selbst erkennen. Immerhin warst du in einer Beziehung, als wir uns kennenlernten und ich mische mich nicht ein.“

„Bleibst du bei mir?“, frage ich vorsichtig.

Connor nickt.

„Es sei denn, du willst bei mir bleiben.“

Ich muss lachen.

„Ach, Connor, du bist verrückt.“

„Ja, verrückt nach dir“, antwortet er, hebt mich hoch und wirbelt mich herum, „und ich werde dich nie wieder loslassen.“

Seine Hände geleiten über meinen Rücken, auf meinen Po, streicheln über meine Hüften. Mit einem Aufseufzen vergräbt er sein Gesicht in meinem Haar.

„Oh, mein Gott, wie sehr hab ich mich danach gesehnt. Weiß du, wie viel Beherrschung es einen Mann kosten kann, eine schlafende Frau in den Armen zu halten, die er so sehr begehrt und die er nicht anrühren kann, weil sie Liebeskummer wegen eines Idioten hat, der sie abservierte? Das ist unmenschlich.“

„Lass dich nicht aufhalten“, flüstere ich, „unter deinen Sachen trage ich nichts, außer meiner Haut.“

Mit einem gezielten Griff hebt er mich hoch und trägt mich ins Schlafzimmer.

„Das hast du nun davon!“, grinst er, „so schnell kommst du hier nicht wieder weg.“

„Wer sagt denn, dass ich das will?“, frage ich zurück.

Ohne darauf zu antworten, verschließt er meinen Mund mit einem leidenschaftlichen Kuss …

….während der Regen meine Melodie spielt und immer wieder säuselt, „ich liebe dich“.

 

 

 

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Teil I

Erst einmal sollte ich erzählen, wie ich verloren ging. Ehrlich gesagt, ich erinnere mich nicht mehr genau. Mit Erinnerungen ist das immer so eine Sache, in dem erlebten Moment wissen wir nicht, wie wichtig die Dinge sind und in der Rückschau verklären sie sich. Wie auf alten Fotos, die einmal scharf, im Laufe der Jahre mit gelblicher Patina die bitteren Augenblicke mit einem gnädigen Schleier verdecken.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mich verloren habe, oder ob ich verloren ging, wie ein Ding, das aus einem Loch in einer Manteltasche fiel. Am Anfang ärgert man sich noch, dass man das Eurostück oder das Feuerzeug verlor, aber schon ein paar Stunden später, ist es vergessen.

Das Leben geht weiter. Selbst für die Verlorenen geht das Leben weiter. Nur was ist, wenn du verloren gegangen bist, und dich niemand finden will? Wohin gehst du, dein Haupt zur Ruhe zu betten? Wer leiht dir ein hörendes Ohr? Kann ich gefunden werden und will ich das überhaupt?

Der Anfang meines Verlorenseins begann auf einem Bahnhof. Gibt es einen besseren Ort? Wohl kaum. Ich kenne keine Orte, an denen mehr verloren geht und wieder gefunden wird, als an Bahnhöfen. Gut, es gibt auch Airports, aber das ist nicht dasselbe. Ein Bahnhof hat immer eine ganz besondere Atmosphäre.

Ich stehe auf dem Bahnsteig, mein kleiner Trolley steht neben mir. Fast hat er etwas Tröstliches an sich, mit seinen winzigen Rädern und den persönlichen Sachen. Kalt pfeift der Wind zwischen den schmucklosen Säulen hindurch. Das Plexiglaswartehäuschen bietet weder Kälte- noch Sichtschutz und die Gitterbänke sind hart und unbequem. Es gibt ein festeingezeichnetes Areal, auf dem sich die Raucher um einen metallenen Ascher drängen. Die Durchsagen dröhnen unpersönlich durch die Lautsprecher. Ein Bahnsteig hat nichts Gemütliches an sich. Ich habe das Gefühl, dass auf Bahnsteigen niemals die Sonne scheint und sich die Regenwolken vornehmlich über Bahnhöfen festsetzen. Die Regentropfen vermischen sich mit den Tränen, die fließen, oder symbolisieren sie für die, die nicht mehr weinen können.

Nirgendwo gibt es so viele Menschen mit gebrochenem Herzen. Ich höre in mich hinein. Bin ich auch eine von ihnen? Es ist möglich, sicher bin ich mir nicht. Wie sicher kann man sich sein, wenn man verloren gegangen ist? Es gibt eine elementare Wahrheit: Nichts ist sicher, nur der Wandel.

Ich schaue dem Treiben auf dem Bahnsteig zu und frage mich, wo ich verloren ging. Da Bahnhöfe austauschbar sind, scheine ich auf meiner Reise die Übersicht verloren zu haben. Ich würde den Bahnhof gerne verlassen und mir die dazu gehörige Stadt ansehen, aber ich fürchte, ich bin noch nicht angekommen. Ich habe mir geschworen erst anzuhalten, wenn ein Bahnhof nach Kaffee und Schokolade riecht(warum, erzähle ich euch später). Bis jetzt war allerdings keiner dabei. Es roch nach vielem: Alkohol, Abort, Rauchschwaden, Menschenmassen, aber nie nach Kaffee und Schokolade. Ich habe in Erwägung gezogen, dass ich diesen einen Bahnhof nicht finden werde, dass er möglicherweise verloren ging, so wie ich. Allerdings habe ich nie gehört, dass ein Bahnhof verloren gegangen ist. Wer weiß?

Da fällt mir ein, ich habe vergessen mich vorzustellen. Wie unhöflich! Mein Name ist Noelle Snow. Ein lustiger Name, ich weiß, wer ihn einmal hört, der vergießt ihn nicht mehr. Allerdings könnte das auch im Zusammenhang mit meinem Äußeren stehen. Jedenfalls sagte mir das der ältere Herr, der mir vor ein paar Stunden im Regionalexpress Gesellschaft leistete. Ich habe feuerrote Haare, grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und liebe alle Grünschattierungen mit Glitzerelementen in Gold und Rot. Der ältere Herr lächelte mich verschmitzt an und sagte:

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie sind die schöne Tochter des Weihnachtsmannes.“

„Wer weiß, wer weiß“, erwiderte ich geheimnisvoll und zwinkerte lachend zurück.

Wir unterhielten uns sehr angeregt, und als er ausstieg, machte mich das traurig. ER erinnerte mich an meinen Großvater. Er hatte schlohweiße Haare und einen ebensolchen Bart. Sein Lachen war warm und herzlich und er erzählte seine Geschichten so lebendig, dass ich den Eindruck hatte, dabei gewesen zu sein. Als ich ihn nach seinem Namen fragte, antwortete er rätselhaft:

„Den verrate ich ihnen nicht. Er ist ein Geheimnis, aber sie werden früher oder später selbst darauf kommen.“

Ich machte neugierig, aber ich wollte höflich sein und drang nicht weiter in ihn. Nachdem er ausgestiegen war, fiel mir ein Beutel auf, den er neben seinem Sitz lag.

Oh, nein! Er hat seine Tasche vergessen, hoffentlich ist nichts Wertvolles darin, schoss es mir durch den Kopf.

Ich öffnete die Tasche und erschrak. Sechs Notizbücher lagen darin. Sie waren feinsäuberlich zusammengebunden und oben im Knoten steckte ein Bleistift. Der Zug hatte inzwischen eine längere Strecke zurückgelegt. Ich überlegte fieberhaft, wie ich dem Mann sein Eigentum zurückgeben könnte, obwohl ich seinen Namen nicht kannte und nicht wusste, wie der Bahnhof hieß, an dem er ausgestiegen war. Da bemerkte ich einen zusammengerollten Zettel. Ich zog ihn aus dem Knoten und rollte ihn auf. In sauberer geschwungener Handschrift stand darauf:

„Liebe Noelle,

ich wünsche ihnen auf ihrer Reise alles Gute. Es ist nicht einfach den Platz zu finden, an dem man sich nicht mehr verloren fühlt. Haben sie keine Angst, wenn es etwas länger dauern sollte, haben sie Zutrauen zu sich selbst und sie werden den richtigen Ort finden. Schließen sie die Augen und denken sie an die Dinge, die sie am meisten lieben.“

Ich schloss die Augen und hörte in mich hinein. Ich hörte das Sprudeln der Kaffeemaschine und konnte den Duft von Kaffee und Schokoladenkuchen riechen.

„Haben sie es getan? Dann wissen sie, wo sie aussteigen müssen. Bis dahin können sie sich mit meinen Geschichten die Zeit vertreiben. Aber seien sie vorsichtig, es könnte sein, die Zeit wird ihnen zu lang und sie wollen irgendwo bleiben. Halten sie nicht an, bevor sie wirklich den richtigen Bahnhof gefunden haben.

Mit Hochachtung der Ihre

Ihr Jacob Grimm

PS.: Es ist noch Platz ihre eigene Erlebnisse aufzuschreiben.“

Das konnte unmöglich wahr sein. Jacob Grimm. Etwa einer DER Grimms? Ich kniff mich in den Arm. Das tat weh. Ich schlief nicht. Der Mann war mir tatsächlich begegnet, wer immer er in Wahrheit sein mochte. Vorsichtig, ja fast ehrfürchtig, öffnete ich den Knoten und sah mir die Notizbücher an. Es waren alte Hefte, schwarz-weiß gemustert, mit einem kleinen weißen Feld, in das der Titel jeden Buches eingetragen war:

1. Ferne Jahre

2. Beginn eines unbekannten Zeitalters

3. Das Buch der Wanderungen

4. Erzählungen vom Leben

5. Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters

(Wie kann ein beginnendes Zeitalter verschwinden? Weil morgen heute schon gestern ist?) und als Letztes:

6. Die Windrose

Ich höre das Rattern eines Zuges herannahen und muss gleich einsteigen. Woher er kommt und wohin er fährt, weiß ich nicht, aber ich freue mich einzusteigen und mich den interessanten Geschichten in den Notizbüchern zu widmen.

Wenn ich nachts fahre, gehe ich in ein Zugabteil. Dort habe ich Ruhe und kann schlafen, ohne zu oft gestört zu werden. Tagsüber suche ich mir einen Platz am Fenster in einem Großraumwaggon. Ich kann mir die vielen Leute anschauen, die ein- und aussteigen, die hindurch gehen, auf der Suche nach einem Platz oder dem Bordrestaurant. Ich lausche den Atemzügen meines Nachbarn, der gerade eingeschlafen ist, oder höre einem Gespräch zu, das in meiner Nähe geführt wird. Wenn sich jemand zu mir setzt, der mir sympathisch ist, unterhalte ich mich gerne mit ihm.

Ich habe es mir gemütlich gemacht, als unerwartet der junge Mann an mir vorbei geht, der mir auf dem Bahnhof aufgefallen ist, und sich nach einem Platz umschaut. Vorhin als er den Bahnsteig betrat, fiel er mir sofort auf. Ich fühlte, dass es nicht unsere erste Begegnung war. Auch er warf mir einen erkennenden Blick zu und mit einem strahlenden Lächeln sagte er:

„Hallo.“

Ich erwiderte seinen Gruß. Dann war er vorübergegangen. Als er sich kurz nach mir umdrehte und mir zu nickte, setzte mein Herzschlag für einen Moment aus. Nach ein paar Augenblicken verlor er sich im Gewühl der Wartenden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn wiedersehen würde. Woher kenne ich ihn nur? Bis jetzt ist es mir nicht eingefallen. Ich höre das Pfeifen des Zugbegleiters und schon setzt sich der Zug in Bewegung, um mich irgendwann an mein Ziel zu bringen.

In diesem Zug ist es nicht sehr voll. Überall sind Plätze frei. Einige der Passagiere dösen vor sich hin, andere schauen aus dem Fenster, oder sprechen leise miteinander. Die Landschaft fliegt vorbei und ich wünschte, ich könnte mehr davon sehen. Aber als Reisende darf man nicht unzufrieden sein. Eines Tages werde ich ankommen und dann kann ich alles ganz genau anschauen. Die Berge oder das Meer. Am liebsten beides. Vor mir das Meer und hinter mir die Berge, Bäume aller Art. Wenn ich es mir aussuchen dürfte, dann Zypressen, Oliven- und Mandelbäume, Korkeichen und Pinien. Ich liebe Bäume. Die verschiedenen Blätter, die raue Rinde, die bei jedem Baum anders ist, wie eine Signatur, ein Fingerabdruck. Ich finde es faszinierend Bäume zu fühlen, ihnen zu lauschen, wenn der Wind durch ihr Laub fährt und sie mit ihrem Rauschen immer neue Geschichten erzählen. Außerdem soll es dort Häuser geben, aus rotem Backstein mit Reetdächern, oder weiß getünchte Häuser, die in der Sonne wie Edelsteine strahlen, mit Dachterrassen, auf denen man die Weite des Meeres und des Himmels sehen kann. Ich wünsche mir einen Ort mit Blumen. Bougainvilleas in ihren wundervollen Farben, Rosen, die mit ihrem zarten Duft die Luft erfüllen. Flieder, Goldregen, Schneebälle und Rhododendron, ich weiß, das sind Büsche, aber ich mag ihre Blüten so sehr. Aber Lavendel, Veilchen, Margeriten, Vergissmeinnicht und Gänseblümchen sind Blumen. Ich bin leider kein guter Blumenkenner, aber ich mag sie außerordentlich.

„Hallo“, sagt eine freundliche Stimme.

Ich blicke auf und sehe in zwei bernsteinfarbene Augen.

„Darf ich mich zu ihnen setzten?“

„Ja, gerne“, antworte ich erfreut.

Der Mann vom Bahnsteig setzt sich mir gegenüber.

„Wo soll es denn hingehen?“, fragt er und lächelt.

„Ich weiß es nicht.“

„Oh, das ist aber selten. Sie wollen also in ein Abenteuer aufbrechen“, stellt er belustigt fest.

„Nein, so würde ich es nicht sagen“, ich schüttele den Kopf, „ich bin verloren gegangen und suche diesen einen bestimmten Ort, wissen sie?“

Da verdunkeln sich seine schönen Augen und eine große Traurigkeit senkt sich auf ihn herab.

„Ja, ich weiß“, sagt er leise, mehr zu sich selbst als zu mir.

Wir schweigen eine Weile, dann hebt er den Blick und sieht mich bedauernd an.

„Ich möchte sie nicht beunruhigen, aber ich fürchte sie werden ihn niemals finden.“

Ein kleiner Stich geht mir durchs Herz. Ob der Mann die Wahrheit sagt. Er sieht aus, als hätte er schon Erfahrungen mit dem Verlorensein und dem Finden gemacht. Doch dann denke ich an Jacob Grimm. Er sagte, ich solle nicht einfach irgendwo bleiben. Ich glaube fest, dass ich meinen Zielort finden werde.

„Wohin wollen sie?“, frage ich den Mann.

„Ich weiß nicht. Irgendwohin. Ich bleibe, wo es mir gefällt, und fahre weiter, wenn ich es nicht mehr aushalte.“

Nervös fährt er sich durch sein pechschwarzes Haar. Seine Haut ist von der Sonne gebräunt und schimmert golden in ihren Strahlen. Meine Haut dagegen ist weiß, wie Schnee und egal was ich tue, sie bleibt es.

„Wenn sie möchten, lade ich sie ein, ein Stück mit mir zu reisen“, schlage ich ihm vor.

Er legt den Kopf etwas schief und ein kleines Lächeln huscht wieder über sein Gesicht.

„Warum nicht“, antwortet er, „ich habe noch nie jemanden wie sie getroffen. Wer weiß, vielleicht, wenn sie ihren Platz gefunden haben, werde ich eine Weile bleiben und sehen, wie das Leben dort ist. Getreu meinem Motto, man muss immer gierig sein, auch wenn man nicht hungrig ist.“

Ich strecke ihm die Hand hin.

„Das ist ein Wort. Mein Name ist übrigens Noelle Snow.“

„Sehr erfreut, Noelle, mein Name ist Raoul Kapoor.“

Er nimmt meine Hand und drückt sie fest. Raoul hat warme, schlanke Hände mit schönen Fingern.

„Sie haben Klavierhände“, stelle ich fest, „sind sie Klavierspieler?“

Raoul schaut mich erstaunt an.

„Woher wissen sie das?“

„Ich weiß es nicht. Ich nehme es nur an. Ihr Name hat so eine eigene harmonische Melodie und ihre grazilen Finger dazu.“

„Ich kann nicht nur Klavier spielen. Ich spiele jedes Instrument, das es gibt.“

„Oh, geht das?“, jetzt ist es an mir erstaunt zu sein.

„Ja“, erklärt er, „natürlich muss ich es in den Händen halten und mich daran gewöhnen, aber es gelingt mir innerhalb kürzester Zeit, jedes Instrument zu erlernen.“

„Was für eine wundervolle Gabe!“, bewundernd sehe ich ihn an.

„Und was für eine Gabe haben sie?“

„Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, ich bin eine Erzählerin.“

Ich höre ganz tief in mich hinein und es fühlt sich richtig an.

„Warum sind sie sich nicht sicher?“

„Weil ich mich verloren habe und nun muss ich mich finden und dazu den Ort, an dem ich gefunden werde.“

„Wer wird sie finden?“, fragt Raoul, „oder weiß jemand, dass sie verloren gingen?“

„Ich weiß es nicht. Bis jetzt scheint niemand nach mir zu suchen.“

„Woher wissen sie dann, dass sie eine Geschichtenerzählerin sind?“, hakt Raoul nach.

„Weil ich Geschichten über alles liebe und mir selbst immer neue Geschichten ausdenke, wenn ich alle anderen schon kenne“, erkläre ich, „dazu ist das Reisen übrigens von Vorteil. Ich sehe und höre soviel, dass mir die Geschichten niemals ausgehen.“

Raoul sieht mich nachdenklich an. Seine Augen ruhen auf meinem Gesicht, als würde er es mit den Fingern abtasten. Ich erröte und senke meinen Blick. Ein warmes Gefühl erfüllt mich. Es fühlt sich ein bisschen so wie finden an. Als ich Raoul wieder anschaue, hängt sein Blick an meinen Lippen und ich spüre ein leichtes Kitzeln, wie von Sonnenstrahlen.

„Sie mögen Schokolade, nicht wahr?“, fragt er ohne Zusammenhang.

„Ja, und wie gerne.“

Ich klatsche in die Hände. Raoul lächelt über meine kindliche Begeisterung.

„Darf ich meine mit ihnen teilen?“

Raoul zieht eine bunte feine Seidentüte aus seinem Rucksack. Er öffnet die goldene Schleife und gibt mir die glitzernde Kordel.

„Für sie“, sagt er nur.

„Danke, wie schön!“

Ich schlinge das Band um meine roten Locken und binde mir einen Pferdeschwanz. Raoul hat ein winziges Päckchen aus der Tüte geholt und hält es mir hin.

„Bitte sehr.“

Er lächelt. In seinen Augen tanzen kleine Funken. Ich nehme das Päckchen, öffne es vorsichtig, um die Verpackung nicht kaputt zumachen. In dem Schächtelchen liegt eine kostbare Praline. Obenauf ist ein winziger Splitter Blattgold drapiert, der das Ganze noch wertvoller macht. Verzückt sehe ich Raoul an.

„Die ist wunderschön! Viel zu schön, um sie zu verspeisen.“

Raoul lacht.

„Bedenken sie aber, dass solch ein Kunstwerk vergänglich ist. Zuviel Wärme, ein Stoß … und schon ist es kaputt und verliert an Geschmack.“

Raoul hat Recht. Ich nehme die kleine Kugel in die Hand und lege sie behutsam auf meine Zunge. Raoul schaut mir gebannt dabei zu. Ich schließe meinen Mund und meine Augen. Man kann besser schmecken, wenn die Augen geschlossen sind, weil sich der ganze Sinn auf das Schmecken konzentriert. Langsam schmilzt der äußere zartbittere Kern und setzt die Nuancen der anderen Zutaten frei. Ich erkenne Mandeln, Orangen, ein Hauch von Lavendel und Rose, und einen Geschmack, den ich nicht kenne.

„Das ist das Gold“, höre ich Raoul.

Als die kleine Kostbarkeit sich aufgelöst hat, öffne ich meine Augen wieder, sehe Raoul an und habe plötzlich das übermächtige Gefühl, als würde ich ihn eine Ewigkeit kennen. Ich zögere einen Moment, dann fasse ich mir ein Herz.

„Raoul, da du mir so eine Kostbarkeit zum Geschenk gemacht hast, darf ich dir auch etwas von mir geben?“, frage ich.

„Ja, sehr gerne. Was ist es denn?“

„Nun, ich habe nichts Kostbares, außer meinen Geschichten.“

„Ich liebe Geschichten.“

Raoul lehnt sich bequem in seinem Sitz zurück und sieht mich erwartungsvoll an. Etwas nervös, weil er mich so genau betrachtet, ziehe ich das goldene Band aus meinem Haar und spiele damit herum, während ich nach einem Anfang suche.

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