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Posts Tagged ‘Privileg’

Schreiben. In die Tasten hauen. Ich komme mir fast dekadent vor meine freie Zeit mit Geschichtenerzählen zu verbringen. Was für ein Privileg, ein Glück, ein Rausch. Im Flow sein. Nach beinah unendlichen Wochen – Zeit nimmt andere Dimensionen an, wenn wir darauf warten, dass sich etwas tut. Und nun scheint dir Sonne, ein paar Wölkchen am Himmel, der Frühling ist gerade in seiner schönsten Phase. Meine Lieblingsmusik läuft und ich erzähle Geschichten.

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Ich habe mir schon länger vorgstellt, wie es wäre Zeit zu haben. Morgens nicht aus dem Haus hetzen, in Ruhe einen Kaffee trinken, eine halbe Stunde auf dem Sofa sitzen, lesen, die Katze auf dem Schoss streicheln. Dann ab unter die Dusche und schreiben. Zu meiner Schreibzeit. Tatsächlich bin ich ein Morgenschreiber. Ich kann um sechs aus dem Bett fallen und schreiben. Wenn mich der Tag geschlaucht hat, fällt es mir viel schwerer noch etwas Vernünftiges herauszubringen. Mir meine Zeit frei einteilen und Dinge tun, die mir Spaß machen auch in Ruhe zu Ende zu bringen, konnte ich schon lange nicht mehr. Und zugegeben, wer kann das schon? Das ich die Erfüllung dieser Idee einem blöden Virus verdanke, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.

Natürlich ist auch bei uns nicht alles toll. Kurzarbeit, die Einschränkungen des Kontaktverbotes geht einem auf die Nerven und ehrlich, Maskenpflicht – nicht gerade das Szenario wie ich mir einen Einkaufsbummel vorstelle. Aber bis jetzt sind wir gesund und Zeit ist ein kostbares Gut. Ich habe seit langem mal wieder mehrere Bücher hintereinander gelesen. Und das Beste: endlich schreiben. Losgelöst von irgendwelchen Terminen da sitzen, zusehen wie sich die Seiten mit Worten füllen, fühlt sich unheimlich gut an. Zu merken: ich kann es noch.

Was vor drei Wochen als Spaßprojekt (ich hatte seit 4 Monaten nicht geschrieben) begonnen hat – nur keinen Druck aufbauen – ist inzwischen ein Romanplott mit angedachten 5 Kapiteln ( mit Untertiteln) und hat richtig Fahrt aufgenommen. Die Geschichte spielt auf Usedom, 1906, und ist eine fantastische Geschichte in der es um Zeit geht. Ist doch sehr passend. Natürlich gibt es Liebe, Verwicklungen, Gefahr, einen Gegenspieler, verborgene Artefakte usw. Wie es sich für eine Fantasy-Story gehört.

Schreiben. In die Tasten hauen. Immer tiefer eintauchen, der Geschichte folgen und sich dem Fluss überlassen. Zu wissen, es wird gut. Schreiben, eine Leidenschaft, die nicht vergeht, auch wenn sie manchmal nur noch glimmt, sobald sie mit ein paar Worten gefüttert wird, entflammt sie aufs Neue. Und das ist das Beste daran.

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Seine Gedanken geordnet auf Papier zu bringen und die Magie der sich entfaltenden Wörter zu sehen versetzt uns in Verzückung. Doch der Weg dorthin kann sehr schmerzhaft sein. Der Schreibende schöpft aus seinem Leben, seinen Emotionen, den schönen und den schrecklichen. Schreiben ist verarbeiten.

Wie erklärt man einem Menschen das Gefühl, ein Loch in seinem Herzen zu haben? Ein schwarzes Loch aus Einsamkeit, Angst, quälender Sehnsucht, der Gier nach Liebe, Anerkennung. Gar nicht. Man könnte es einfach aussprechen. Man könnte, aber der Gedanke an den verständnislosen Blick, das Erspüren, wie sich der andere abwendet, der einem gerade noch sagte: „Du kannst mir alles sagen. Ich würde dich nie verurteilen.“

Ich habe es erlebt. Mehr als einmal. Ich möchte einfach zu gerne glauben es könnte wahr sein und mein Gegenüber versteht meinen Schmerz. Leider ist es nicht so. Also behalte ich es für mich, das schwarze Loch. Ich decke es mit Lachen und einem unkomplizierten Gemüt zu. „Immer nur Lächeln immer vergnügt, wie es da drin aussieht, geht niemand was an“, heißt eine Liedzeile aus einer Operette. Diese Lehre habe ich verinnerlicht. Es gibt Dinge, die ich erzähle – Alltägliches, Dinge, die anderen auch passieren können. Die dunkle Seite, die blutenden Wunden, offenbare ich nur in absoluten Ausnahmefällen. Ich bin ein Meister der Täuschung. Ich könnte Undercover-Spion sein. Gefühlsspion.

Meine Geburt war schwierig. Mein Leben stand tatsächlich auf der Kippe. Es wäre gut möglich gewesen, dass mich niemand von den Menschen um mich herum, jemals kennengelernt hätte. Der Zufall hat anders entschieden.

Der Zufall hat entschieden, dass ich schreiben sollte. Das Leben erkennen durch das Schreiben. Geboren werden durch Schreiben. In jedem Satz, jedem Wort steckt mein Blut, vermischt mit Tinte oder Druckerschwärze. Ich lebe meine Ängste, meine Zweifel, meine Liebe, meinen Glauben, meine Lust im Schreiben. Das habe ich schon immer getan. Als ich noch nicht schreiben konnte, dachte ich mir Geschichten aus und erzählte oder träumte sie. Heute schreibe ich sie auf.
Es hat lange gedauert, bis ich es erkannte, aber in einer Zeit, als ich dachte, ich könnte nie wieder Glück empfinden, hat mir das Schreiben das Leben gerettet. „Ich schrieb mir das Leben schön.“ Ich habe mir mein Gedanken-Gefängnis bunt geschrieben. In meinen Texten kann und darf ich alles sagen und tun. Ich muss nichts verheimlichen und nichts bereuen. Das Privileg des Künstlers.

Ich darf so viel Angst empfinden, wie ich sie nie zeigen würde. So viel Tränen vergießen, wie ich nie weinen würde. So viel Liebe erleben, wie ich sie nie hatte. So viel Wut raus lassen, wie ich nie zu lassen würde. So viel Lust und Begehren erfahren, wie ich nie erleben werde. In einer Welt leben, die immer heil und ganz sein wird, egal was draußen vor sich geht. Mit dem Tod ein Tänzchen wagen, auch wenn mir der Gedanke an das Ende, die Luft abschnürt.

Das schwarze Loch in meinem Herzen lässt sich nicht flicken. Ich lebe damit, obwohl ich mir wünsche es wäre anders. Was geschehen ist, ist geschehen. Nichts wird daran etwas ändern. Das Schreiben hilft mir den Schmerz im Zaum zu halten. Meinen Blick auf das Helle gerichtet, auch wenn die die Schatten mich auffressen wollen. Worte sind die Pflaster auf meiner Seele, die die Narben bedecken und mir einen Ort sichern, an den ich immer gehen kann. Meine Fantasie.

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