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Posts Tagged ‘Prinz’

4. Manchmal hat die Liebe einen Preis.

„Manchmal hat die Liebe einen Preis.“
Schrieb ich oben auf das Blatt. Darüber sollte ich einen Aufsatz schreiben?! Super. Manchmal hat die Liebe ihren Preis. Wann hat sie keinen Preis? Irgendwas ist immer. Man verbiegt sich, um zu gefallen, macht sich kleiner als man ist, hält Dinge aus, die man sich unter anderen Umständen nie gefallen lassen würde und trotzdem liebt man, zahlt und zahlt.

Oder meinen die so eine Märchensache. Wenn du den Prinzen retten willst oder die Prinzessin, dann gibt`s du deinen Reichtum hin, deine Schönheit, deine Jugend und dann kriegst du sie oder ihn zurück. Im Märchen hat das ganze Bezahlen allerdings immer ein Happy End, die Opfernden kriegen den Preis zurück.

Als meine Mutter meinem Vater hinterher brüllte: „Ich habe dir die besten Jahre meines Lebens geopfert“, hat sie das sicher nicht gemeint. Sie sagt heute noch: Ich habe alles gegeben und was hatte ich davon? Und: Lass dir das eine Warnung sein! Mach nicht denselben Fehler wie ich.

Was meint sie damit? Dass ich nicht lieben oder dass ich keinen Mann, wie meinen Vater lieben soll? Ach, was weiß ich. Manchmal hat Liebe einen Preis – Liebe. Einfach nur wieder lieben. Das Herz öffnen und lieben. Es ist eine Gabe, kein Preis. Ich habe einen interessanten Satz gehört: Du kannst kein Preisschild an die Liebe hängen. Das stimmt! Doch hängen sie überall. Ich gebe dir Geld, Geschenke, Auto, Wohnung usw. und dafür bekomme ich Aufmerksamkeit, Sex, Gesellschaft von dir.

Ich erinnere mich an einen Kommentar meiner Mutter über meinen neuen Freund: „Wieder ein Mann ohne Geld.“ Er nagt nicht am Hungertuch, aber Millionär ist er nicht. Allerdings hat er ein großes Herz, eine unerschütterliche Ruhe, ist Hilfsbreit und liebt mich, so wie ich bin. Wenn er ein dickes Bankkonto hätte, könnte er mich nicht mehr lieben. Also was soll das Gerede vom Preis? Die anderen können ihre Preisschilder tragen, meins liegt schon lange im Papierkorb.

(Nach der ersten, irgendwie ernsten Betrachtung, brauchte ich eine) Zweite Version:

„Manchmal hat die Liebe einen Preis“, sagte ich leichthin und stellte ihm den bestellten Rotwein auf den Tresen.

Er sah auf mich herunter und lächelte.

„Und welchen Preis hat ihre Liebe?“, seine dunkle Stimme traf mich bis in den Bauch.

Ich errötete und schlug die Augen nieder. Warum fragte er mich das?

„Auf so privaten Fragen antworte ich nicht“, erwiderte ich.

„Und was muss ich tun, um eine Antwort zu bekommen?“

Er griff in die Innentasche seines teuren Jacketts, zog einen Geldschein heraus und schob ihn mir zu. Fünfzig Euro. Die Antwort schien ihm wichtig zu sein, aber mich konnte er nicht kaufen. Ich schob den Schein zurück. Bevor ich meine Hand wegziehen konnte, hielt er mein Handgelenk sanft fest. Erstaunt sah ich auf.

„Was muss ich tun?“, wiederholte er seine Frage eindringlich.

Mein Widerstand schien ihn zu reizen. Das passierte ihm scheinbar nicht oft. Er sah sehr gut aus. Vermutlich würden ihn viele Frauen als schön bezeichnen, obwohl da diese kleine Narbe über der Augenbraue war. Und Frauen, die einen zusätzlichen Anreiz brauchten, wurden wohl von seiner Großzügigkeit beeindruckt.

„Mir ihren Namen sagen, wäre ein Anfang.“

Er ließ mein Handgelenk los. Den fünfzig Euroschein ließ er neben seinem Glas liegen.

„Ray Givens.“

Er streckte mir die Hand entgegen.

„Lassen sie nie locker?“, ich konnte mir das Schmunzeln nicht verkneifen und legte meine Hand in seine, „Lea Winter.“

„Stimmt, Lea“, auf seinen vollen Lippen lag ein herausforderndes Lächeln, das ihn noch anziehender machte „ich akzeptiere kein Nein.“

Er schob mir den Geldschein erneut zur.

„Dann haben sie ein Problem“, der Schein wanderte wieder zurück, „sie können mich nicht kaufen.“

Diesmal steckte er den Schein zurück in die Jackettasche.

„Um auf die Ursprungsfrage zurückzukommen. Was ist ihr Preis?“

„Den werden sie nicht bezahlen wollen.“

Diesmal war ich es, die ihn herausforderte.

„Wieso sind sie sich da so sicher?“

„Weil sie das mit Geld nicht kaufen können.“

5. Ich bin nicht 100 % sicher, dass er es ist, aber verdammt noch mal, ich hoffe es!

„Ich bin nicht 100% sicher, dass er es ist, aber verdammt noch mal, ich hoffe es!“

Sander starrte seit einer geschlagenen halben Stunde durch das Fernglas.

„Das hast du schon drei Mal gesagt! Und du nervst total!“, zischte ich.

„Was ist denn los mit dir?“

„Wir sitzen seit beinahe drei Tagen in diesem Auto, dass sich immer mehr in einen Mülltransporter verwandelt und dieser Typ da!“, ich deutete auf den verhuschten älteren Herrn in sandfarbenem Mantel und Hütchen, „ist der dritte Mann, den du für „IHN“ hältst.“

Sander machte ein Gesicht, als hätte ich ihm einen Eimer Dreckwasser in den Kragen geschüttet.

„Also“, ich versuchte meine Gefühlsaufwallung zu mildern, „du bist mein bester Freund und ich tue alles für dich, aber diese Observierung ist eine Katastrophe. Ich muss hier raus, sonst gehe ich gleich in Flammen auf.“

Je mehr ich sagte, desto düsterer wurde Sanders Gesichtsausdruck. Ich schnappte meinen Rucksack und stieg aus.

„Hey, du kannst doch jetzt nicht einfach abhauen?“, rief er hinter mir her.

„Und wer hindert mich daran?“, ich beugte mich zum Beifahrerfenster hinunter, „ich bin frei zu gehen, wohin es mir beliebt.“

Sander machte Anstalten auszusteigen. Ich drehte mich um und rannte die Straße hinunter, bog um die nächste Ecke und rannte auf die U-Bahn zu. Sollte Sander mich einholen, würde das nicht gut ausgehen.

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1. „WOW! Was ist denn in dem Drink?“

„WOW! Was ist denn in dem Drink?“
In meinem Kopf breitete sich langsam eine nebelige Wolke aus. Ich musste mich an der Stange am Tresen festhalten. Meine Beine verloren ihre Festigkeit. Vor meinen Augen schwankten die Bilder hin und her, oder war ich es die wankte? Meine Zunge war so dick, das sie unter dem Gaumen feststeckte.
„Ich fühl mich nicht gut“, sagte ich und hörte ganz andere Worte aus meinem Mund rutschen. „Ich brauche ein Taxi.“ Auch das kam irgendwie falsch heraus.
„Kann ich ihnen helfen?“, fragte ein Mann neben mir.
Ich wollte etwas sagen, die Töne waren weg. Also nickte ich nur. Der letzte Rest meines Verstandes versuchte sich an seinem Gesicht festzuhalten, tastete sich über einen sinnlichen Mund, eine gerade Nase zu zwei hellblauen Augen hoch.
„Geht`s ihnen nicht gut?“
Ich schüttelte den Kopf, versuchte auf den Drink zu zeigen. Meine Motorik versagte. Ich traf das Glas. Es kippte. Das Geräusch des splitternden Glases fraß sich in meine Ohren. Die klebrige rote Flüssigkeit quälte sich in Schwären über den Tresen. Ich hob die Hand. Mein Blick flatterte. Blut rann den Handballen hinunter über meinen Unterarm.
„Sie haben sich verletzt“, ich fühlte, wie der Mann seinen Arm, um meine Taille legte, mir eine Serviette um die Hand wandt, „sie müssen ins Krankenhaus.“
Es wurde dunkel.

Ich schlug die Augen auf. Durch dünne Chiffonvorhänge fiel Sonnenlicht in den Raum. Sie bauschten sich unter einer leichten Brise. Eine Weile sah ich ihrem Spiel zu. Ich wollte mich aufsetzen, als ein scharfer Schmerz durch meinen rechten Arm zuckte, bis in meinen Kopf. Ein blütenweißer Verband verhüllte meine Hand und mein Gelenk. Ich versuchte mich zu erinnern, wie ich mir diese Verletzung zugezogen hatte. Glas. Glas, das zerbricht. Rote Flüssigkeit, zäh. Ich suchte nach mehr. Einem Ort, Menschen, meinem Namen. Nichts. Doch. Da war etwas. Helle blaue Augen.

2. Das letzte Mal habe ich vor vier Stunden von ihr gehört. Ich mache mir Sorgen.

„Das letzte Mal habe ich vor vier Stunden von ihr gehört. Ich mache mir Sorgen.“
Sandra hüpfte nervös von einem Bein auf das andere. Ich konnte die ganze Aufregung nicht verstehen.
„Wo ist das Problem, du hast mir doch erzählt, der Typ ist aus reichem Haus und hätte Manieren wie ein Prinz.“
Allein diese Aussage hielt ich für totalen Schwachsinn. So etwas gab es heute nicht mehr – zumindest hatte ich noch keinen Mann kennengelernt, der auch nur ansatzweise in die Nähe dieser Bezeichnung gekommen wäre.
„Ja, ist er auch.“
Etwas in Sandras Stimme ließ mich aufhorchen.
„Und?“
Sie druckste herum.
„Wir haben dir nicht alles erzählt.“
Ich atmete tief durch und wappnete mich für die Beichte.
„Er ist ein Nachtwandler“, stieß Sandra hervor und sah mich mit großen tränennassen Augen an.
Ich sprang auf, riss meine lange gepolsterte Lederjacke vom Haken und schimpfte.
„Seid ihr verrückt geworden?! Ich habe euch tausend Mal gewarnt euch nicht mit denen einzulassen!“, ich überprüfte die Armbrust, die Innentaschen mit den Wurfsternen und den Gürtel. Vier spitze Ebereschenpflöcke steckten an der Seite und ein silberner Stab. Auf Kopfdruck stieß eine dreißig Zentimeter lange Spitze heraus. Die Pistole mit den Silberkugeln war geladen. „Wo haben sie sich getroffen?“
„Im „La Guerra“, piepste Sandra.
„Aus welchem Hause stammt er?“, fragte ich schroff und band mir die derben Stiefel zu.
„Aus dem Hause Godfrey“, Sandra schluchzte.
Am liebsten hätte ich sie geschlagen.
„Das darf doch nicht wahr sein?! Das sind die Schlimmsten! Stark wie Stiere, gefährlich wie Panther! Wenn sie jemand im Visier haben, dann gibt es kein Entkommen! Was ist nur in Anita gefahren?“ Wie konnte sie so dumm sein? Sie hätte sich auch gleich einen Strick nehmen können. „Und du hast es zugelassen und nichts gesagt?!“
„Aber er sah so gut aus“, jammerte sie.
„Er sah gut aus! Er sah gut aus!“, äffte ich Sandra nach, „Scheiße! Gut sehen die alle aus oder hast du schon einen hässlichen Nachtwandler gesehen?“ Bevor Sandra etwas sagen konnte, hob ich die Hand. „sag seinen Namen nicht oder ich flippe auf der Stelle aus.“
Wir dachten beide an Jeremy, aber das war eine ganz andere Sache. Ich war fast aus der Tür, als Sandra mit dünner Stimme rief:
„Du kannst ihr doch helfen, oder?“
„Ich tue was ich kann!“, rief ich.
Die Tür fiel ins Schloss. Ich fürchtete, dass das, was ich konnte, diesmal nicht ausreichen würde. Die Godfreys hinterließen nur verbrannte Erde, sonst nichts.

Die dreizehn Sätze, die den Anlass für die Geschichten geben, sind in meinem Blog Schreiberlebentipps zu finden „13 Sätze – 13 Geschichten“.

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Nachdem ich mich angekleidet hatte, wollte ich noch ein Stück mit Falk spazieren gehen. Ich kam an dem Flur vorbei, in dem ich heute Nachmittag Justin getroffen hatte.  Falk stellte seine  Ohren auf und knurrte leise. Regungslos lauschte ich. Dann hörte ich das Geräusch auch. Es kam direkt aus der Wand, hinter der Geheimtür. Ich wartete einen Moment. Vielleicht war das ja nur ein Tier, dass sich in die Gänge verirrt hatte.  Da war es wieder. Meine Neugierig ließ mir keine Ruhe.  Ich öffnete mit einem Druck die Wandverkleidung und legte den Eingang zu den geheimen Gängen frei. Hinter der Wand befand sich ein kleiner Flur, der zu einer Wendeltreppe führte. Falk folgte mir vorsichtig nach unten. Eine schwere Eichentür versperrte mir den Weg. Mit ganzer Kraft drückte ich die Klinke herunter und warf mich gegen die Tür. Tatsächlich gab sie nach und ich betrat ein gemütliches Arbeitszimmer. Es war leer, aber nicht unbewohnt.

Im Kamin brannte ein Feuer, dass eine angenehme Wärme verbreitete. Auf dem riesig anmutenden Schreibtisch lagen Dokumente und Handschriften über die Geschichte von Stanfort Park. Ich setzte mich und blätterte vorsichtig die Seite eines dicken Buches um, als sich eine weitere geheime Tür öffnete und ein älterer Herr erschien. Ich sah ihn erstaunt an, während er auf mich zu kam und mit strahlendem Lächeln sagte:

„Guten Abend. Sie müssen Eliana Lefay sein.“

 „Ja, woher wisst ihr wer ich bin?“

Die Augen meines Gegenübers blitzten mich belustigt an.

„Ich bin Justins Vater. Er hat mir von einem Mädchen mit goldenen Haaren erzählt, das verdammt gut reiten kann.“ Er schmunzelte und mit einem Augenzwinkern sagte er: „Und glauben sie mir, mein Sohn flucht sonst nie.“

 „Justins Vater? Lord Arthur? Ich dachte, Justins Vater wäre gestorben.“

Seine Lordschaft lachte schallend. Meine Entgeisterung amüsierte ihn köstliche.

 „Ja, der bin ich. Und wie ihr seht, bin ich gesund und munter.“

 „Oh ja, dass sehe ich“, antwortete ich, „aber ich bin froh darüber, wirklich.“

„Darf  ich ihnen einen Tee anbieten, Eliana? Ich bekomme selten Besuch und bin froh über jede neue Bekanntschaft.“

„Sehr gerne“, nahm ich sein Angebot an.

Lord Arthur gefiel mir. Seine silberweißen Haare rahmten ein markantes Gesicht ein. Um seine Augen zogen sich viele winzige Lachfältchen und seine blauen Augen glichen denen von Justin sehr. Lord Arthur zog zweimal am Klingelzug neben der Tür, dann setzte er sich mir gegenüber.

„Sicher interessiert sie, jetzt da sie hinter mein Geheimnis gekommen sind, weshalb ich hier unten lebe.“

„Sehr Mylord“, ich lächelte ihn an, „ich fürchte nur, ihrem Sohn wird das nicht gefallen.“

„Ach, Justin ist ein viel zu ernster junger Mann und leider sind wir, seine Mutter und ich, nicht unschuldig daran.“

Die Tür ging auf und ein Butler erschien, mit einem Tablett Tee und Shortbread . Er schenkte seiner Lordschaft und mir Tee ein, dann zog er sich still zurück, als wäre es das normalste auf der Welt, eine junge Frau im Arbeitszimmer seines Herren vorzufinden. Lord Arthur nippte an seinem Tee, dann legte er die Fingerspitzen zusammen und sagte ernst:

„Nun, nachdem meine Frau unsere Familie durch ihre Spielsucht fast ruiniert hatte, beschloss ich, als Justin sich auf einer großen Europareise befand, zu „sterben“. Dadurch wurde Justins Trust frei und die Familie saniert. Allerdings muss der arme Justin seit dem auch die Verantwortung für alles tragen. Wenn heraus käme, dass ich noch am Leben bin, würde er als Betrüger dastehen  und seine Mutter frönt der Spielleidenschaft wie eh und je. Sie sehen, meine Liebe, eine komplizierte Angelegenheit.“

„Das verstehe ich.“

„Außerdem ist da sein Cousin Edward, der den Titel gerne erben würde und keine Gelegenheit auslässt Justin zu gefährlichen Unternehmungen zu veranlassen.“

„Wenn ich ehrlich sein darf, ist Mister Stanton mir sehr unsympathisch.“

„Sie dürfen ehrlich sein, Eliana. Ich bitte sie, sich vor Edward in Acht zu nehmen, er ist ein gefährlicher Mann, auch wenn er ziemlich unscheinbar wirkt!“

Lord Arthurs Augen ruhten besorgt auf mir.

„Ich werde an ihren guten Rat denken. Aber warum erzählen sie mir das alles?“

„Weil ich glaube, dass ich ihnen vertrauen kann. Außerdem können sie ein wachsames Auge auf Justin haben“, er schmunzelte.

„Sie können mir vertrauen, ihr Geheimnis ist in meinen Händen in Sicherheit. Aber ich glaube kaum, dass Justin möchte, dass ich ein Auge auf ihn werfe“, gebe ich zu bedenken.

Fröhlich lächelte er mich an.

„Oh, da wäre ich mir nicht so sicher“, bemerkte er und zwinkerte mir zu, „außerdem hoffe ich, sie dafür zu gewinnen Zeichnungen für mich an zu fertigen, für meine Dokumentation von Stanfort Park. Mein Sohn sagte mir, sie seien sehr begabt!“

 „Wirklich?“

Ich strahlte Lord Arthur an.

„Ja, wirklich.“

 „Wann soll ich damit beginnen?“

 „Wann sie wollen, aber nun sollten sie wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren und zum Ball gehen, ehe man sie vermisst.“

Erschrocken sprang ich auf.

„Der Ball, dass hatte ich ganz vergessen.“

Lord Arthur lächelte verschmitzt.

„Das eine Frau für mich einen Ball vergessen hat, ist lange her.“

„Verzeihen sie Mylord, dass ich sie jetzt so überstürzt verlasse. Ich hoffe, ich kann mich morgen fort schleichen, dann können wir darüber sprechen, was sie sich genau vorstellen.“

Lord Arthur nickte und ich umarmte ihn spontan.

„Mein Sohn hat großes Glück. Was würde ich darum geben heute Abend einmal mit ihnen zu tanzen.“

Ich lächelte verlegen. Über die Wendeltreppe verschwand ich wieder in die Oberwelt. Dass Justin heute Abend mit mir tanzen wollte, bezweifelte ich. Lady Isabell würde ihn sicher nicht mit mir teilen und ich musste zugeben, dass mir bei dem Gedanken ein kleiner Stachel im Herzen saß.

                                                                    6

Falk ließ ich von einem Diener auf mein Zimmer bringen und schlug den Weg zum Ballsaal ein. Ich begegnete William und Henrietta. William bot mir seinen freien Arm und geleitete uns in den Saal. Anna stand neben Justin und winkte uns herüber. Lady Isabell war nirgends zu sehen. Den Grund dafür entdeckte ich kurze Zeit später. Sie musste sich heute Nachmittag beim Ausreiten den Knöchel verstaucht haben. Sie saß an einem kleinen Tischchen und hielt ihren Fuß elegant auf einem kleinen Schemel drapiert. Gesichtsausdruck legte den Eindruck nah, dass sie in eine Zitrone gebissen hatte.

Anna sah bezaubernd aus in ihrem weißen Seidenkleid, bestickt mit rosa Rosenblüten. Ihr aufgestecktes Haar schmückten ebenfalls kleinen Rosenblüten und Perlenschnüre. William  strahlte sie so offenkundig an, dass mir warm ums Herz wurde.

 „Sie sehen bezaubernd aus Anna. Darf ich sie gleich um den ersten Tanz bitten?“

William reichte ihr den Arm und Anna ließ sich selig lächelnd aufs Parkett führen. Ich flüsterte Henrietta ins Ohr:

„Ich glaube, vor morgen früh werden sie die Tanzfläche nicht mehr verlassen.“

Wir kicherten leise. Justin hatte noch kein Wort gesagt und mich nur sehr interessiert betrachtet. Jetzt richtete er das Wort an mich:

„Sie kommen spät. Ich wollte sie vorhin abholen, aber sie waren nirgends aufzufinden.“

 Mir schoss sofort die Röte ins Gesicht.

„Entschuldigen sie Mylord, aber ich bin noch etwas mit Falk spazieren gegangen.“

„So, so.“

Mehr sagte er nicht, aber ich spürte, dass er ahnte, dass ich nicht alles gesagt hatte. Allerdings hatte ich Lord Arthur versprochen alles für mich zubehalten. Wenn er es für richtig hielt würde er Justin sicher darüber berichten. Bevor wir noch ein Wort wechseln konnten stand Prinz Niklas neben mir und verneigte sich.

„Sie sehen wunderschön aus heute Abend. Darf ich sie um diesen Tanz bitten Eliana?“

Ich sah Justin fragend an, er nickte zustimmend. Niklas reichte mir den Arm und führte mich zum Tanz.

Justin hatte Eliana sofort gesehen, als die den Saal betrat. Sie fiel auf, weil sie versuchte nicht aufzufallen. Der Schnitt ihres Kleides war schlicht und die einzige Extravaganz, die sie sich leistete, war der Stoff. Ein einzigartiges Blau, dass das Blau ihrer Augen betonte, bestickt mit silbernen Blüten, die im Licht der Leuchter glitzerten. Das schlichteste und hervorstechenste an ihr waren die Haare. Die anderen Damen hatten kunstvoll aufgesteckte Frisuren, verziert mit Edelsteinen und allerlei Zierraten. Eliana trug das weizenblonde Haar offen. Einzig die seitlichen Strähnen waren mit silbernen Bänder verflochten und fielen ihr über die Schultern bis zur Taille.

Justin erkannte, dass er sich ein völlig falsches Bild von seiner Cousine und ihrer Familie gemacht hatte. Seine Mutter bezeichnete ihre Verwandtschaft als arrogant und verschwenderisch. Das Gegenteil war der Fall. Anna war tadellos erzogen und trotz ihres Standes bescheiden. Er freute sich, dass sie sich so gut mit William verstand. Die Beiden passten ausgezeichnet zusammen. Justin wusste, dass William Anna nicht wegen ihres Vermögens heiratete. Ein Punkt der Eliane sehr am Herzen lag. Bei Prinz Niklas sah das anderes aus. Seine Beweggründe, Eliana den Hof zu machen, waren nicht so selbstlos. Man munkelte, er hätte Spielschulden und versuche sich durch eine Heirat zu sanieren. Darum war er froh, dass Eliana keine tieferen Gefühle für ihn hegte. Sie tanzte leichtfüßig wie eine Elfe und zog die Blicke vieler Männer auf sich. Justin bemerkte, dass Niklas Eliana hinüber zu den großen Terrassentüren führte und als er für einen Moment abgelenkt war, waren sie verschwunden.

Niklas war charmant wie immer. Er war ein guter Tänzer und ich genoss das Gefühl über die Tanzfläche zu schweben. Als er mich bat mit ihm ein bisschen frische Luft zu schnappen, ging ich arglos mit ihm hinaus auf die Terrasse.

 „Ist es nicht ein wunderschöner Abend Eliana?“, Niklas lächelte mich an.

„Ja, Prinz Niklas. Ein wundervoller Ball. Alles ist so hübsch arrangiert.“

„Das stimmt, aber das Schönste an diesem Abend seid ihr“,  seine Stimme klang rau.

Plötzlich nahm er meine Hand in seine.

„Bitte, so etwas dürfen sie nicht sagen.“

Ich entzog ihm meine Hand, wandte mich verlegen ab und ging ein Stück die große Treppe hinab, die in den Park führte.

 „Wieso?“

Niklas kam hinter mir her.

„Endlich habe ich die Gelegenheit ihnen zu sagen, wie sehr ich sie verehre und liebe.“

Erneut ergriff er meine Hand und führte sie an die Lippen. Mir wurde mulmig und mein Herz schlug schneller. Was wollte er von mir? Ich hatte ihm doch bedeutet, dass mir die Situation sehr unangenehm war, aber sein Griff lockerte sich nicht.

„Bitte, Prinz Niklas. Sie kennen mich doch überhaupt nicht.“

Ich riss mich los und wich weiter in den Garten zurück. Beharrlich folgte er mir.

„Das ist nicht so entscheidend. Wenn sie meine Frau sind, werden sie lernen mich zu lieben.“

Plötzlich erkannte ich, in welch missliche Lage ich mich, durch meine Vertrauensseligkeit, gebracht hatte. Wenn ich zulange vermisst würde und mit Prinz Niklas erwischt wurde, möglicherweise in einer zweideutigen Situation, wäre ich kompromittiert und müsste auch noch froh sein, seine Frau zu werden. Ängstlich sah ich mich um. Niemand war zu sehen und der einzige Weg zu entkommen war der Park. Wenn er mich dort einholte, wäre alles nur noch schlimmer. In der Abgeschiedenheit des großen Geländes hatte er mich in der Hand. Niklas kam immer näher.

„Sträuben sie sich nicht Eliana. Ich werde sie sehr glücklich machen.“

Energisch zog er mich in seine Arme.

„Aber nicht an diesem Abend Niklas“, sagte eine eisige Stimme hinter uns.

Niklas ließ mich abrupt los. Ich stürzte in Justins Arme und presste mich zitternd an ihn.

„Prinz Niklas ich wünsche, dass sie morgen mein Haus verlassen. Sie haben meine Gastfreundschaft missbraucht, in dem sie Eliana, die mir anvertraut wurde, zu kompromittieren versuchten, um eine Heirat zu erwirken.“

„Wie sie wünschen Mylord.“ Prinz Niklas verzog beleidigt das Gesicht. „Es tut mir leid, dass meine Werbung so schroff abgelehnt wird. Besonders, da mir Lady Amanda bedeutete, dass ich als Ehemann sehr willkommen sei!“

„Lady Amanda?“, Justins Stimme vibrierte vor Zorn, „ich bin der Herr dieses Haus.“

Prinz Niklas verneigte sich ohne weitere Worte, drehte sich auf dem Absatz um und ging hocherhobenen Hauptes zurück zum Haus.

Ich lag immer noch in Justins Armen, und obwohl Niklas fort war, hielt er mich fest. Mein Kopf ruhte an seiner Schulter. Seine Wärme umfing mich und ich konnte den Schlag seines Herzens hören. Das durfte nicht sein, kam es mir schlagartig zu Bewusstsein. Sicher war Justin wütend auf mich, weil ich so dumm war und Niklas Absichten nicht erkannte. Ich löste mich aus seiner Umarmung und wich einen Schritt zurück.

„Verzeihung, Mylord. Ich danke euch für eure Hilfe.“ Meine Stimme zitterte. Ich versuchte seinen Gesichtsausdruck zu deuten, aber in der Dunkelheit der Nacht, war das nicht möglich. „Wenn ihr es wünscht, werde ich in mein Zimmer gehen,“ sagte ich leise.

„Es war dumm von euch Prinz Niklas in den Garten zu folgen. Ich halte euch zu gute, dass ihr keine Erfahrung mit Männern habt.“ Seine Stimme war beherrscht, aber die Spannung in seiner ganzen Haltung war spürbar. „Allerdings wäre es noch dümmer, wenn sie jetzt dem Fest fernbleiben und dem Getuschel auch noch Nahrung geben.“

„Ja Mylord“, antwortete ich kleinlaut.

Ich musste ihm Recht geben, von Männern hatte ich keine Ahnung. Justin reichte mir seinen Arm.

„Kommen sie Eliana. Ich hoffe, sie haben etwas dazu gelernt, wenn auch auf sehr unerfreuliche Weise. Sollte noch einmal so etwas passieren, werde ich sicher nicht mehr so verständnisvoll reagieren können. Sie müssen bedenken, solange sie noch nicht verheiratet sind, trage ich die Verantwortung für sie.“

Nach diesem Vortrag hatte ich keinen Zweifel mehr, Justin würde mich so schnell wie möglich verheiraten, um sich seiner Verantwortung zu entledigen.

Wir betraten den Saal, als gerade eine artistische Darbietung stattfand. Die Gäste waren verzückt und konzentrierten sich auf die Artisten, also erregten wir kein Aufsehen. Die Einzige, die uns bemerkte war Lady Isabell. Der Blick, den sie mir zuwarf, als sie sah, dass ich an Justins Arm ging, war alles andere als freundlich. Trotzdem ließ Justin mich an diesem Abend nicht mehr aus den Augen und ich wich nicht von seiner Seite, aus Angst Prinz Niklas noch einmal zu begegnen.

Das Orchester spielte einen Walzer. Justin sah Elianas traurige Augen. Sie hätte sicher gerne getanzt. Er war sehr ärgerlich, als er sah, wie Prinz Niklas sie in seine Arme zog. Am liebsten hätte er ihn geschlagen. Aber als Eliana sofort in seine Arme flüchtete, zitternd wie Espenlaub, wusste er, das diese Situation außerhalb ihrer Vorstellung gelegen hatte. In den letzten Jahren hatte sie kaum mit Menschen außerhalb von Staverley Court zutun gehabt, geschweige denn mit Männern. Der einzige Mann, mit dem sie näher zutun hatte, war ihr Butler und der war nicht besonders gefährlich. Justin hatte ihren anschmiegsamen weichen Körper gespürt, als sie sich schutzsuchend an ihn schmiegte und es hatte ihn große Überwindung gekostet, nicht selbst die Situation auszunutzen, wie es Niklas versucht hatte.

„Darf ich sie um diesen Tanz bitten?“, fragte Justin versöhnlich.

Eliana sah ihn fragend an.

„Mylord?“

„Lassen sie uns Frieden schließen.“

Justin reichte ihr seinen Arm und sie sah dankbar zu ihm auf.

„Ja“, hauchte sie und legte ihre schmale Hand auf seinen Arm.

Justin führte Eliana auf die Tanzfläche. Er legte den Arm um ihre schmale Taille. Als sie ihre Hand in seine legte, vertrauensvoll in seine Augen sah, war er sich seiner eigenen Gefühle nicht mehr sicher. Justin liebte es nicht besonders mit jungen Mädchen zu tanzen, die in seiner Nähe meistens so nervös wurden, dass sie mehr auf seinen Füßen standen, als auf dem Parkett. Eliana zeigte kein Anzeichen von Verunsicherung. Sie tanzte, als täte sie nichts anderes. Seine Nähe schien sie in keiner Weise durcheinander zu bringen. Nach diesem Walzer wollte Justin sie nicht mehr aus seinen Armen lassen. So ließen sie keinen Tanz aus und Eliana schien jede Sekunde zu genießen.

Justin begleitete mich zu meinem Zimmer.

„Ich hoffe, sie konnten den Rest des Balles noch gebührend genießen!“

Freundlich sah er mich an.

„Ja, danke, Mylord. Es war wundervoll“, antwortete ich leise.

 Unter seinem prüfenden Blick errötete ich. Wenn er gewusst hätte, wie sehr ich es genoss in seinen Armen zu liegen und zu tanzen, wäre er sicher nicht begeistert gewesen.

„Schlafen sie wohl und träumen sie schön!“

Justin sah mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte. Für einen langen Moment standen wir nur da und sahen uns an, dann nahm er meine Hand in seine, zog sie an seine Lippen und küsste sie. Die Berührung seiner Lippen auf meiner Haut verursachte ein Vibrieren in meiner Magengegend. Langsam entzog ich ihm meine Hand.

„Guten Nacht Mylord.“

Ich neigte den Kopf und zog mich auf mein Zimmer zurück. Erhitz von dieser langen Ballnacht und den angenehmen Gefühlen ging ich ins Bett. Justin hatte mich den Vorfall mit Niklas vollkommen vergessen lassen. Ich sagte mir, dass ich mich nicht in Justin verlieben durfte. Diese Liebe würde mich genauso unglücklich machen, wie Lady Isabell, aber es war zu spät.

Justin lächelte in sich hinein und begab sich in seine Zimmer. Er legte seine Jacke ab, zog seine Stiefel aus und ließ sich auf sein Bett fallen. Eliana war das außergewöhnlichste Mädchen, das er jemals gesehen hatte. Sie war unverdorben und arglos, was ihren Umgang mit Männern betraf, andererseits war sie intelligent und scharfsichtig und sich in ihrer Gesellschaft zu befinden war äußerst angenehm.

Er hatte ihr Erschauern gespürt, als seine Lippen ihre zarte Hand berührten und er fragte sich, wie es sich anfühlen würde, ihre weichen Lippen zu küssen und ihr zu zeigen, was es bedeutete geliebt zu werden.

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Der Prinz war recht glücklich mit seiner rechten Braut. Sie war bildschön und anschmiegsam, außerdem recht brav.

Und doch war da ein Stachel in seinem Herzen. Die falsche Braut hatte ihm, wenn er ehrlich war, besser gefallen. Dunkles langes Haar, glutvolle Augen und ein Mund, der sich zu küssen lohnte. Ein echtes Rasseweib. Jeden Abend, wenn seine Frau sich zur Ruhe gebettet hatte, stand er auf und sah aus dem Fenster.

Mehr als ein Mal kam ihm der verwegene Gedanke, er könnte die falsche Braut zurückholen und gegen die Echte tauschen, die alles andere als leidenschaftlich war. Aber es gab kein Zurück. Sein Vater hatte die falsche Braut in ein Nagelfass gesperrt und einen Abhang hinunter gestürzt.

Der Prinz seufzte. Seine Braut hatte sich als Gänseliesel im Grunde genommen viel besser gemacht und außerdem hatte sie den Peter im Griff gehabt, den frechen Lümmel. Jetzt faulenzte er wieder den ganzen Tag und spielte den Dienern Streiche.

„Ach, wenn ich nur nicht so vorschnell gehandelt hätte“, murmelte er, „aber jetzt muss ich es so nehmen wie es ist.“

„Wieso?“, fragte eine kecke Stimme hinter ihm.

Der Prinz fuhr herum und sah ein merkwürdig gekleidetes Männlein mit krummen Beinen und einem Buckel.

„Wer bist du?“

„Ich bin Rumpelstilzchen und mache gerne Geschäfte mit verzweifelten Hoheiten“, kicherte das Männlein, das sich insgeheim die Hände rieb. Diesen Dienst würde es sich etwas kosten lassen.

„Je schwieriger der Wunsch, um so teurer“, sagte es daher, als der Prinz fragte, was es denn für den Gefallen verlangen würde, die Bräute zurückzutauschen.

„Ich möchte 1000 Gulden und den Peter“, verlangte es.

„Wozu das?“, fragte der Prinz erstaunt, „1000 Gulden kannst du haben. Aber was willst du denn mit Peter?“

„Weil die falsche Braut beim Teufel Dienst tut und der gibt sie nicht so einfach her. Der will einen Ersatz“, sagte Rumpelstilzchen.

„Aber da nimm doch lieber gleich meine Braut mir“, schlug der Prinz vor und dachte, dass er sehr schlau sei.

„Nein“, widersprach das Rumpelstilzchen energisch, „der Teufel mag keine netten Prinzessinnen. Der will was Freches, das er zähmen kann.“

„Na gut“, lenkte der Prinz ein, „hier hast du das Geld. Wo der Peter schläft weißt du sicher.“

So war der Handel perfekt und der Prinz musste sich überlegen, wie er die echte Braut ohne Aufsehen los wurde. Dafür gab es ja genug böse Feen. 100 Jahre Schönheitsschlaf ließen sich bestimmt irgendwie arrangieren…es kam nur auf den richtigen Preis an.

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