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Posts Tagged ‘Pferde’

Es ist eine Weile her, dass ich einen Beitrag für meinen Blog geschrieben habe, und beinahe hätte ich ein schlechtes Gewissen – aber nur beinahe. Ein Schriftsteller, der einen monumentalen Fantasieroman mit verschiedenen Vampirclans und einem Jägerorden schreibt, der auf weitere Teile ausgelegt ist, darf die anderen Texte sicher auch mal etwas entspannter angehen.

Oder drastischer gesagt, ich nehme mir das einfach heraus. Bei 550 Seiten, Tendenz steigend, muss man alle Figuren im Auge behalten, damit am Ende kein Leser enttäuscht ist und sich fragt, wo ist den XYZ abgeblieben? Das gelingt mir ganz gut und ich hoffe, meine späteren Leser, sehen das ebenso. Aber das erfordert volle Konzentration und ständige Beschäftigung mit dem Stoff.

Immerhin bin ich (leider) keine Vollzeitschriftstellerin und habe noch so ein paar Kleinigkeiten nebenbei zu erledigen (und ich kann nur in meinem eigenen Tempo schreiben). Ich gehe mit meinen Figuren schlafen, und stehe mit ihnen auf. Ich gehe mit ihnen arbeiten, putze, esse, gehe einkaufen, wasche Wäsche und treffe Freunde (die Armen) mit ihnen.

Immerhin geht es um wichtige Fragen:

Wie reagiert ein Vampirfürst, wenn er ein Theaterstück – in meinem Fall „Die Zauberflöte“ – schon das Xte Mal gesehen hat?

Wie verhält sich seine Schwester, wenn sie endlich mal raus ist aus dem Familienschloss in der Pampa und er gleich alle Jungfrauen aussäuft und diverse Leichen hinterlässt?

Was sagt sein bester Freund, wenn er den „Dreck“ wegmachen muss?

Und das ist nicht alles! Meine Geschichte spielt um 1810 – da gab es gewisse Worte in der Umgangssprach nicht – besonders in gehobenen Kreisen sprach man deutlich gewählter – während die Arbeiter und Bauern eine derbere Sprache hatten. Also muss ich bei den Dialogen darauf achten, wie meine Figuren reden.

Wie lange dauerten Kutschfahrten von A nach B, und wie lange brauchte ein guter Reiter?

Welche Erfindungen hab es? Welche Häuser, Kloster oder Schlösser waren schon gebaut, welche Gärten angelegt?

Wie viele Brücken hatte Prag 1810? Eine! Die Karlsbrücke.

Wie groß waren die Städte zu der Zeit? Wie hießen die Straßen? (Alte Stadtpläne sind nicht so einfach zu finden und man braucht eine gute Lupe!)

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Ich will mich übrigens nicht darüber beschweren! Im Gegenteil! Ich habe sehr viel gelernt, während ich recherchiert habe – zum Beispiel mochten die Prager Mozart viel lieber als die Wiener 😉 . Und es gab zu der Zeit Reiter, die Strecken von über 100 Kilometer zurücklegen konnten – dazu gab es extra ausgebildete Pferde.

Tatsächlich macht es mir Spaß in dieser Zeit zu schreiben – Geschichte, mein Faible seit Kindertagen. Ich komme ursprünglich aus Hildesheim und dort gibt es ein tolles, international bekanntes Museum. Das Römer-Pelizeaus Museum. Eines DER ägyptischen Musen und ich erinnere mich noch an die Faszination, die es auf mich als Kind ausübte. Die riesigen Sarkophage, die mich überragten und die direkt als erstes in der Eingangshalle standen. Das ist bis heute so geblieben. Museen faszineren mich – besonders die, in denen Altertümer gezeigt werden. Meine Helden sind Schliemann, Carter und wie sie alle heißen.

Und so werde ich meiner Geschichtsbegeisterung treu bleiben. Denn der nächste Roman spielt um 1830 und eine Menge nordische Mythologie wird drin eine Rolle spielen.

Darum, meine Lieben, ich muss mich wieder an meinen Roman „schmeißen“, immerhin will ich den nächsten bald anfangen.

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„Der Sturm kommt.

Mias Vater sah beunruhigt gen Himmel. Sie folgte seinem Blick konnte aber nichts erkennen. Es war ihr ein Rätsel, wie ihr Vater das Wetter so genau voraussagen konnte. Immer wenn sie ihn danach fragte, sagte er:

„Erfahrung Schätzchen, langjährige Erfahrung.“

Mia bettelte ihn an, ihr seine Tricks anzuvertrauen, aber er schüttelte nur den Kopf.

„Das ist nicht nötig, Schätzchen. Du bist ein Mädchen und ein hübsches noch dazu. Eines Tage wirst du einen reichen Mann heiraten, der gut für dich sorgt. Du sollst es besser haben, als dein Mutter und ich.“

Das trieb Mia jedesmal die Tränen in die Augen. Sie liebte den Hof, die Tiere und auch die Arbeit machte ihr nichts aus. Was sollte sie mit einem reichen Schnösel?

„Wir müssen die Pferde von der Koppel holen“, mahnte ihr Vater.

Mia folgte ihrem Vater zur Pferdekoppel hinter dem Haus. Er schien den Sturm schon am Morgen vorausgeahnt zu haben, denn im Allgemeinen brachte er die Pferde auf die große Wiese, die an den Wald grenzte.

Mia war schon wieder in der Scheune, als ihr Vater das letzte Pferd von der Koppel holte. Ehe sie sich versah, brach ein Sturm los, dem niemand standhalten konnte.

 

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„Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“, meine Mutter sah mich mit panischem Blick an.

„Gerade eben noch“, log ich, „dort drüben an dem Karussell.“

Ich deutete auf das altmodische Karussell mit den beiden Kutschen, den eleganten Holzpferden, indischen Elefanten und den drei majestätischen Löwen, die alle bunte Sättel trugen, die mit goldenen Details abgesetzt waren.

Meine Mutter rannte über den Platz, rief laut den Namen meines kleinen Bruders. Ich trottete langsam hinterher.

Selbst Schuld, dachte ich, warum muss er nur so viel reden und ständig igrendwelche Dummheiten machen. Kein Wunder, dass ich froh war, ihn eine Weile los zu sein. Kleiner Blödmann, dachte ich wütend, jetzt will er es mir heimzahlen und versteckt sich, damit Mama sauer auf mich ist. Nur weil er sich ein paar Minuten alleine beschäftigen sollte. Schließlich habe ich auch ein Leben. Wenn ich den in die Finger kriege.

„Wie? So lange!“, hörte ich meine Mutter mit dem Mann vom Karussell sprechen. „In welche Richtung?“

Der Schausteller deutete vom Kirchweihplatz weg, Richtung Wald.

„Er folgte dem Mann freiwillig“, sagte er und zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Meine Mutter drehte sich zu mir um. Sie sah mich an. Ihr Blick ging mir durch und durch. Ich hatte sie enttäuscht, wieder einmal.

 ***

Mein Blick fiel auf das altmodische Karussell. Ich erkannte es sofort, obwohl es zwanzig Jahre her war. Die schön geschnitzten Tiere mit den bunten Sätteln, die prunkvollen Kutschen. Es erklang dieselbe Musik. Einzig die Farben des Karussells verblassten an einigen Stellen und hier und da blätterte der Lack ab.

Sogar der Festplatz sah aus, wie damals. Ich sah zum Wald hinüber. Friedlich lag er da, im Licht der untergehenden Sonne. Niemand ahnte welches Grauen dort lauerte. Niemand hatte mir geglaubt, heute würde es nicht anders sein. Eine Welle der Erinnerung überflutete mich und eine Angst breitete sich in meinem Körper aus, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr verspürt hatte.

„Hier ist der Junge verschwunden?“, ich versuchte das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.

„Ja“, der uniformierte Dorfpolizist nickte, „wollen sie mit dem Besitzer des Karussells reden, Frau Sommer.“

Ich bemerkte den Mann im Kartenhäuschen neben dem Karussell. Er sah genauso aus, wie vor zwanzig Jahren. Er schien keinen Tag gealtert zu sein. Der Mann hob den Blick und lächelte. Immer stärker breitetet sich die Beklemmung in meinem Bauch und meiner Brust aus. Beruhige dich, redete ich mir zu, du bist erwachsen und musst einen klaren Kopf behalten. Vielleicht konnte ich endlich herausfinden, was mit meinem kleinen Bruder geschehen war.

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„Die Sonne ist gleich hinter den Hügeln verschwunden!“, atemlos stand Armand vor mir, „wenn wir bis dahin kein Versteck oder eine Unterkunft gefunden haben, wird es ungemütlich.“

„Und was sollen wir deiner Meinung nach tun?“

Ich hielt die Pferde am Zügel. Seit drei Stunden wartete ich auf ihn. Nur kurz wegbleiben, wollte er, um die Gegend auszukundschaften und nun kamen wir in Schwierigkeiten.

„Nicht weit von hier soll eine Herberge sein. Bis dahin müssen wir es schaffen.“

Er nahm mir die Zügel seines Pferdes aus der Hand und schwang sich in den Sattel. Königssöhne, dachte ich, nur Ärger hat man mit ihnen. Sie sind launisch, besserwisserisch und müssen immer das letzte Wort haben. Ich saß auf und folgte Armand, was sollte ich sonst tun? Irgendjemand musste dafür sorgen, dass er heil nach Hause kam.

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Nach unruhigem Schlaf und verwirrenden Träumen, in denen Gilbert de Clare eine entscheidende Rolle gespielt hat, beschließt Rosalie einen Spaziergang zu unternehmen. Es ist noch früh am Morgen, zarte Nebelschleier liegen über dem Garten und den angrenzenden Ländereien. Im Haus ist noch alles still, nur im Küchentrakt und in den Räumen der Dienerschaft herrscht reges Treiben.

Rosalie verlässt unbemerkt das Haus. Die Kühle des Morgens lässt sie erschauern. Sie schließt die oberen Knöpfe ihres Mantels und zieht sich den warmen Schal enger, um die Schultern.

Auf dem Rondell vor dem Haus befindet sich ein großer Brunnen inmitten von Rosenbeeten. Rosalie bemerkt sofort, dass sie die sorgenden Hände eines Gärtners schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen haben. Bei näherer Betrachtung stellt sie fest, dass sich das riesige Anwesen in einem bedauernswerten Zustand befindet. Es ist nicht völlig heruntergekommen, aber anders als Rosalies elegantes, modernes Stadthaus mit elektrischem Licht, fließendem Wasser und einem kleinen, aber perfekt angelegtem Garten, macht das Herrenhaus der de Clares einen verwilderten, abgewirtschafteten Eindruck. Die einzigen Gebäude, die penibel gepflegt sind, sind die Pferdeställe.

Rosalie überlegt, ob sie es sich erlauben kann, die Stallungen ohne Genehmigung des Hausherrn zu besichtigen, als sie ein fröhliche Stimme hinter sich hört.

„Guten Morgen. Sie sind früh auf, Miss Graville, nehme ich an.“

Rosalie dreht sich um und blickt in zwei strahlend blaue Augen, die zu einem Mann in einem eleganten Reitanzug gehören, der offensichtlich nicht Gilbert de Clare ist.

„Ich wünsche ihnen auch einen guten Morgen.“ Sie erwidert sein freundliches Lächeln. „Sie sind gut informiert. Ich bin Rosalie Graville.“ Sie reicht ihm die Hand, „und sie sind?“

„Anthony Douglas“, er nimmt ihre Hand und haucht einen Kuss auf ihren behandschuhten Handrücken.

„Gils Cousin, mütterlicherseits.“

„Sehr erfreut, Mister Douglas.“

Rosalie entzieht ihm ihre Hand.

„Oh, bitte, nicht so förmlich. Nennen sie mich Anthony.“

Rosalie schmunzelt. Mister Douglas ist ein charmanter Mann. Schlank, durchtrainiert, gut proportionierten Gesichtszügen und blonden, leicht widerspenstigen Haaren.

„Wie ich sehe, wollten sie gerade ausreiten. Ich möchte sie nicht abhalten.“

„Oh, sie halten mich in keiner Weise ab“, er beugt sich vor und senkt vertraulich die Stimme, „ich bin sogar sehr froh, dass ich sie hier treffe. Glauben sie mir, Rosalie, die düstere Umgebung drückt auf die Stimmung. Seit wir hier sind, hat Gil sich nicht zu seinen Gunsten verändert.“

Rosalie zieht die Brauen hoch und wendet sich dem Haus zu. Tatsächlich war ihr der verbesserungswürdige Zustand auch aufgefallen, aber düster? Diesen Eindruck hat sie nicht.

„Thony“, wie ich sehe, hast du dich schon mit Miss Graville bekannt gemacht“, hörte Rosalie die süffisante Stimme von Gilbert de Clare, „ich hoffe, er hat noch nicht alle Geheimnisse des Hauses ausgeplaudert.“

Rosalie dreht sich um. Vor ihr steht Gilbert. Er zieht den Hut und deutet eine Verbeugung an. Sie unterdrückt einen Überraschungslaut. Gilbert ist der bestaussehende Mann, den sie je gesehen hat. In der Dunkelheit am Vorabend konnte sie nur seine große Statur erkennen.

Gil ist größer als Anthony, hat aber die gleiche Haarfarbe. Allerdings sind seine Haare exakt frisiert. Das leicht ovale Gesicht wird von außergewöhnlichen, sehr hellen blauen Augen und einem schönen Mund mit vollen Lippen dominiert. Sein Kinn ziert ein kleines Grübchen.

„Nein, Mister Douglas war sehr diskret“, erwidert Rosalie, „aber ich hoffe, dass sie mir einige Fragen beantworten können.“

„Wir werden sehen, Miss Graville“, Gil verzieht keine Miene. Rosalie hat das Gefühl, als sähe er durch sie hindurch. „Ich nehme nicht an, dass sie uns heute schon wieder verlassen wollen.“

Der Sarkasmus in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Anthony setzt zu einer Milderung der Äußerung an, aber Rosalie schüttelt den Kopf.

„Ich bewundere ihren Scharfsinn, Mylord.“

Sie schenkt Gil ein strahlendes Lächeln. Für den Bruchteil einer Sekunde hebt sich eine seiner Augenbrauen, aber sofort ist er wieder ganz unterkühlte Beherrschung.

„Wir sehen uns zum Frühstück“, sagt sie zu Anthony gewandt.

„Das wäre mir eine Freude“, er kann sich ein Grinsen nur mit Mühe verkneifen, neigt leicht den Kopf und folgt Gil in den Stall.

„Tom, die Pferde“, hört sie Gils gebieterische Stimme.

„Ja, Sir, Tunder und Ares sind gesattelt“, antwortet eine jugendliche Stimme dienstbeflissen.

Rosalie wartet bis die beiden Herren die Pferde herausführen und aufsitzen. Während Anthony ihr einen freundlichen Abschiedsgruß zu winkt, hat Gil seinem Hengst schon die Sporen geben und prescht vom Vorplatz.

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So! Hier der zweite Teil meines kleinen Schreibmarathons. Viel Spaß beim Lesen 🙂 . Die nächsten 13 Sätze für die Nachtbereitschaft warten schon. Werden morgen auf den Schreiberlebentipps gepostet unter dem Titel: 13 Sätze – 13 Geschichten

6.Heute bei der Arbeit…

Heute bei der Arbeit, ich saß im Pyjama auf dem Bett, das Laptop auf den Knien, im Fernsehen lief „Crossing Lines“, hörte ich vor meiner Zimmertür ein merkwürdiges Geräusch. Zugegeben, ich höre öfter Geräusche vor meiner Zimmertür oder über meinem Zimmer. Kein Wunder! Bei 20 Schlaf-Gästen und einem Haus, das mindestens zwei Jahrhundertwenden überdauerte, kann es die verschiedensten Geräusche geben. Türen quietschen oder krachen, Treppen knarren, Holzdielen knarzen und wer weiß, ob nicht die ein oder andere Maus im Spiel ist.

Die Töne heute waren mir jedenfalls nicht vertraut. Ich speicherte meine Datei, stellte das Netbook aufs Bett und stand auf. Das Geräusch nahm an Lautstärke zu. Ich hatte sie schon öfter gehört, nur eben nicht in diesem Haus. Ich zog meine Turnschuhe und meinen Pulli an, griff nach dem Zimmerschlüssel und drückte die Klinke herunter. Sacht zog ich die Tür auf. Ein kalter Luftzug drückte durch den Spalt zu mir herein und verursachte mir eine Gänsehaut. Völlig fassungslos starrte ich auf das Szenario vor mir.

Als Schriftstellerin kann ich mir alle möglichen wilden und abstrusen Situationen vorstellen, das ist mein Job – aber das?! Es war wie eine Szene aus einem Traum! Völlig surreal und mit nichts zu erklären. Denn trotz meiner ausufernden Fantasie bin ich mir der Naturgesetze wohl bewusste, auch wenn ich sie in meinen Geschichten gelegentlich außer Kraft setze.

Vor meiner Tür ankerte ein Schiff. Und nicht irgendein Schiff. Es war ein fünf-Mast-Segelschiff. Am Bug hing eine riesige Meerjungfrau als Galionsfigur. Ihr hellblauer Fischschwanz wand sich über der Wasseroberfläche.
Ich kniff mich in den Arm. Verdammt, das tat weh. Ich drückte panisch die Zimmertür zu. Für einen Moment herrschte Stille.

Dann hörte ich erneut Geräusche. Was stimmte nicht mit mir? Erneut öffnete ich die Tür. Dieses Mal lag vor meinen Füßen ein Bahnsteig. Mir gegenüber stand ein altmodischer Zug. Menschen gingen auf und ab. Sie trugen Kleider, wie aus den BBC Verfilmungen von Jane Austen. Niemand nahm Notiz von mir. Ich schien unsichtbar zu sein. Vielleicht können sie mich sehen, wenn ich auf den Bahnsteig trete, dachte ich und wagte einen Versuch.

7.Nach dem Ball …

Nach dem Ball ist vor dem Ball, denke ich, schleiche mich in die Garderobe und mache mich auf die Suche nach meinem Mantel. Ein langer roter Mantel aus Kaschmir. Passend zu meinen Schuhen. Es ist alles nur geliehen. Ich kann mir so teure Sache nicht leisten. Ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Na gut, etwas übertrieben. Aber für das teure Seidenkleid, das ich gerade trage, müsste ich mehr als drei Monate arbeiten. Ich fühle mich wie Cinderella. Der Fehler in meiner Geschichte ist, dass es für sie ein Happy End gab. Ich dagegen habe alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Ich habe ihn gesehen, aber er mich nicht. Morgen früh wird es so sein, als hätte es diesen Abend nicht gegeben. Ich bringe die Kleider zurück. Bis auf die Quittung wird nichts mehr daran erinnern, dass ich ein paar Stunden Prinzessin war.

Endlich habe ich meinen Mantel gefunden. Ich streiche gedankenverloren über den weichen Stoff. Er fühlt sich fantastisch an. Der Mantel trägt sich wie eine zweite Haut. Ich muss lächeln. Der Busfahrer wird sich wundern, wenn er sieht wie ich einsteige. Ich werde sagen: Guten Abend, leider habe ich meinen Kürbis verlegt. Ich hoffe, er hat Humor. Ich knöpfe den Mantel zu, schließe den Gürtel. Noch einmal sehe ich zum Ballsaal hinüber. Musik dringt heraus. Ich drehe mich um und gehe auf die breite Marmortreppe zu.

„Sie wollen schon gehen?“

Ich halte inne, sehe über die Schulter. Da steht ein großer blonder Mann in einem tadellos sitzenden Anzug, klassisch schwarz. Gutaussehend, sympathisch.

„Ja, leider. Es ist nach Mitternacht und mein Kürbis ist schon weg.“

Er lacht und kommt näher.

„Darf ich ihr Kutscher sein?“

Ich lächele.

„Ich bin mir nicht sicher. Meine Mutter hat mir immer eingebläut nicht mit fremden Männern mitzugehen. Nur weil sie einen Anzug tragen, heißt das nicht, dass sie vertrauenswürdig sind.“

In seinen blaugrauen Augen blitzt der Schalk auf.

„Dann darf ich mich vorstellen. Thomas Berger.“ Er verbeugt sich galant. „Zu ihren Diensten.“

„Lea Winter. Prinzessin für eine Nacht.“ Ich mache einen Knicks. „Schade, dass sie mich nicht in meinem Kleid sehen konnten.“

„Woher wollen sie das wissen?“, er schmunzelt, „ich habe den ganzen Abend nichts anderes gesehen.“

„Dann muss ich sie tadeln, Herr Berger.“

„Tom, bitte, sagen sie Tom“, unterbricht er mich.

„Gut. Also Tom, wenn das wahr ist, dann frage ich mich, warum sie mich nicht zu einem Tanz aufgefordert haben?“

Er wird ernst.

„Sie hatten ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Herrn gerichtet. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir einen Korb geben.“

Ich senke beschämt den Blick und erröte. Hat er recht? Bin ich so durchschaubar.

„Wollen wir das jetzt nachholen?“

Seine Stimme ist sanft. Ich sehe auf. Tom streckt mir die Hand entgegen. Ich lege meine hinein. Er zieht mich zu sich heran, legt die andere Hand in meine Taille. Wir machen die ersten Schritte. Tom ist ein guter Tänzer. Er schafft es problemlos meine Fehltritte auszugleichen. Die Prinzessin hat ihren Tanz zu guter Letzt doch noch bekommen.

„Vielen Dank für diesen Tanz“, sagt Tom, neigt leicht den Kopf und bietet mir seinen Arm, „darf ich sie nach Hause chauffieren?“

„Gerne.“

Ich genieße die Fahrt durch die nächtliche Stadt. Wir reden über Gott und die Welt. Lachen mit einander. Ich fühle mich wohl mit ihm. Tom ist ein guter Autofahrer. Entspannt und sicher. Er findet meine Straße ohne Navi, kennt sich gut aus. Vor meinem Haus steigt er aus, hält mir die Autotür auf und begleitet mich zur Haustür. Er nimmt meine Hand. Warme Finger umfassen meine.

„Darf ich sie wiedersehen?“, fragt Tom.

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

„Warum nicht?“

„Wie ich schon sagte, ich bin Prinzessin für einen Abend gewesen. Morgen bin ich wieder das Mädchen in der Asche. Ich passe nicht in ihre Welt.“ Ich deute an der Hausfassade hinauf. „Ich bin das Mädchen aus dem Dachgeschoss.“

„Was würde der Prinz jetzt tun?“, ignoriert er meinen Einwand und lächelt.

Ich zögere, sehe in seine strahlenden Augen. Der Mann ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

„Die Prinzessin küssen.“

Tom zieht mich in seiner Arme und küsst mich. Ich schließe die Augen, gebe mich dem Augenblick hin.

„Keine Angst Prinzessin“, sagt er, nachdem er mir das Versprechen abgenommen hat, ihn wiederzusehen, „alles ist möglich.“

8.Später beim Picknick…

„Später, nach dem Picknick!“

„Später, später … das sagst du immer!“, mault das Mädchen.

„Nein. Sag ich nicht.“

Sie stapft mit dem Fuß auf. Der Kellner serviert meinen Kaffee.

„Doch! Du hörst dir ja nicht mal selber zu. Du hilfst mir später bei den Hausaufgaben, du gehst später mit mir zum Gartenfest, später redest du mit meinem Lehrer, später, später, später!“

Der Mann sieht erschöpft aus. Er hat etwa mein Alter. Das Mädchen, wohl seine Tochter, zirka 13.

„Bitte, Natalie, beruhige dich. Du weißt, dass ich einen streßigen Job habe.“

„Bei Mama ist es viel besser. Ich will das Mama wiederkommt.“

„Deine Mutter ist aber noch zwei Monate im Ausland. Du wirst es wohl oder übel mit mir aushalten müssen.“

Aha, daher weht der Wind. Scheidungskind, nervt Vater und macht ihm ein schlechtes Gewissen. Natalie scheint zu spüren, dass ihr Vater die Grenze seines guten Willens erreicht. Ich trinke den letzten Schluck Kaffee.

„Bitte, Tom, bitte. Ich habe so einen Hunger“, sie hakt sich bei ihrem Vater ein.

„Na gut, dann mach die Tüte auf! Und nenn mich nicht Tom.“

Natalie zerrt eine Tüte mit Schokoriegelchen aus der Einkaufstasche und reißt sie auf. Ziel erreicht. Sie lächelt triumphierend.

Ich lege das Geld für den Kaffee neben meine Tasse. Tom bemerkt, dass ich die Szene interessiert beobachte. Ich lächele ihm zu und nickte. Er erwidert es verlegen.

„Du Papa“, Natalie zieht die Worte schmeichelnd in die Länge.

Der nächste Angriff kündigt sich an. Ich stehe auf, mache ein überraschtes Gesicht und sage:

„Mensch Tom! Jetzt erkenn ich dich! Ich bin`s die Sandra aus der Schule. Schön dich wieder zu sehen.“
Vater und Tochter sehen mich überrascht an. Ich mache noch einen Schritt nach vorn und umarme Tom stürmisch, Küsschen rechts, Küsschen links, und flüstere ihm ins Ohr:

„Einfach mitspielen, alles wird gut.“

Zu Natalie sage ich:

„Hallo und du bist Toms Tochter?“

„Ja!“, erwidert sie reserviert.

„Freut mich dich kennen zu lernen“, ich sehe zu Tom, „wirklich gut hingekriegt, mein Lieber!“

„Stimmt“, er nickt leicht irritiert.

„Darf ich euch einen Vorschlag machen?“, ich sehe die beiden an und rede einfach weiter, „magst du Pferde, Natalie?“

Bitte sag ja, denke ich, alle Mädchen mögen Pferde.

„Ja, wieso?“

„Mein Bruder hat ein Gestüt. Wenn dein Vater nichts dagegen hat, könnt ihr euer Picknick dort machen und du könntest eine Reitstunde nehmen.“

Mein Vorschlag hat die gewünschte Wirkung.

„Papa, bitte, darf. Bitte, bitte, Papaaaa.“

„Wenn Sandra uns einlädt können wir so ein tolles Angebot nicht ablehnen“, sagt er verhalten.

Ich zwinkere ihm zu.

„Ich geh schon mal zum Auto!“, ruft Natalie und rennt los.

„Ich hoffe mein Überfall hat sie nicht völlig aus dem Konzept gebracht“, grinse ich Tom an, „ich bin auch alleinerziehend und meine Tochter ist im selben Alter. Ich kenne solche Situationen zu gut. Vielleicht verschafft ihnen meine Intervention einen entspannten Nachmittag.“

Tom zieht die Augenbraue hoch und schmunzelt.

„Aha, Leidensgenossin also.“

Ich nicke.

„Sie haben was gut bei mir“, sagt er und sein Blick verursacht einen Herzhopser bei mir. „Ich hoffe, dass war nicht der letzte Überfall.“

9.Wir gingen am Strand entlang…

Wir gehen am Strand entlang. Die Jungs mit großen Schritten vor weg. Ich in sicherem Abstand hinter her. Das Wetter hat sich etwas beruhigt. Der Dauerregen der letzten zwei Tage hält seit ein paar Stunden den Atem an und gönnt uns eine Verschnaufpause. Vermutlich drehe ich sonst durch.

In der kleinen Ferienhütte herrscht ein Testosteronpegel, der ausreichen würde eine ganze Klosterschule flach zu legen. Bei dem Gedanken setzt bei mir ein Kopfkino ganz besonderer Art ein. Nur gut, dass von den Fünf keiner Gedanken lesen kann.

Dass das keiner falsch versteht! Ich liebe Männer. Männer sind toll. Ich komme gut mit Männern klar. Wirklich wahr. Aber fünf Männer auf engstem Raum – alle gut befreundet und ich?!

Der ganze Ausflug fing ganz harmlos an. Wie das bei solchen Sachen meistens der Fall ist. Arbeitsurlaub nannte es unser Boss.

„Alles easy“, höre ich Adam noch sagen und dachte, na wenn er meint.

Wir arbeiten zusammen. Die Fünf und ich. In einer Drehbuchschmiede für eine SiFi-Serie. Vielleicht erklärt das den Frauenmangel im Team. Gestört hat das bis dahin nicht. Klar wird anders geredet, wenn keine Frau dabei ist und tatsächlich habe ich immer das Gefühl gehabt, in der Masse unterzugehen. Ja, hahaha, schon klar. Aber ich bin halt kein Püppchen, sondern Frau. Make up ist nicht meins. Klamotten mag ich gerne bequem, was nicht heißen soll, dass ich in Sacktuch und Asche herumlaufe. Ich bin nicht auf den Mund gefallen und eine klare Sprache macht mir nichts aus. Im Gegenteil. Mein Vater war Vorarbeiter auf dem Bau. Ich kenne den Sprachduktus unter Männern. Eigentlich finde ich es sogar witzig. Wenn es nicht total unterste Schublade ist.

Jedenfalls hatte ich in dem Jahr unserer Zusammenarbeit nicht den Eindruck der Gegenstand von Anmache zu sein, sondern eine Kollegin unter Kollegen. Voll integriert. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich daran etwas ändert, wenn wir in Klausur gehen. Wir waren heilfroh der tristen Büroatmosphäre eine Weile zu entkommen. Das Ganze sollte der Teambildung und der Ideenfindung dienen. Die Serie ist so beliebt, dass man einen Kinofilm drehen will und wir sollen das Drehbuch schreiben. Immerhin ist das unser Baby.

Die ersten zwei Tage ging alles gut. „Alles easy.“ Das Gerangel fing an, als ich am dritten Tag morgens aus dem Bad kam. Ich vergaß meine Klamotten in meinem Zimmer und trug auf dem Rückweg nur ein knappes Handtuch. Das Bad liegt im Erdgeschoss, mein Zimmer in der ersten Etage. Der Weg dorthin führt durch die Küche. Womit ich nicht rechnete war, dass meine lieben Kollegen so früh auf waren, nachdem ich sie die vorangehenden Tage wecken musste. Nein, alle fünf standen, saßen dort und tranken ihren ersten Kaffee. Muss ich noch etwas sagen?

Nur so viel. Jerry, der Spaßvogel, grinste und sagte: „Wow Kat, zeig uns mehr,“ und griff nach dem Zipfel meines Handtuchs. Es passierte, was passieren musste. Und auch wenn Jerry sich später bei mir entschuldigte, nachdem ich im Evakostüm posiert hatte, schienen „meine“ Jungs in Erwägung zu ziehen, dass ich mehr sein könnte, als ihre Kollegin und taten alles, um es mich wissen zu lassen.

10.Ich beobachtete den Regenbogen…

Ich beobachte den Regenbogen, der sich in leuchtenden Farben über die Straße spannt. Leider kann ich dabei die Verkehrslage nicht so gut überblicken und werde mit einem heftigen Ruck und Krachen in die Wirklichkeit zurückgeholt. Meine Tasche fliegt durch den Innenraum. Mein Apfel auch. Mist! Und vor mir ein großer BMW. Ziemlich neues Model. Glänzend poliert und chromverziert. Seufzend steige ich aus. Der Halter des BMW steht schon am Heck und beugt sich über die Stoßstange. Anzugträger, teurer Stoff, tadelloser Sitz. Durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. Der mag bestimmt keine Kratzer. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich mache mich auf einen rauen Anpfiff gefasst.

„Hm, nichts zu sehen“, sagt er und sieht mich mit einem freundlichen Lächeln an.

Ich atme auf. Keine verbale Attacke. Leider hat mein fahrbarer Untersatz mehr einstecken müssen. David gegen Goliath. Der linke Kotflügel ist verzogen und die Motorhaube hat sich nach oben gedrückt.

„Zum Glück“, sage ich und denke an meinen Versicherungsbeitrag.

„Leider muss ich ihn in die Werkstatt bringen. Ist ein Firmenwagen“, stellt er beinah bedauernd fest.

„Ok“, ich zucke mit den Schultern.

Die Prozedere kenne ich. Wenn die Schrauber das Auto erst mal in der Mache haben, wird’s teuer. Schließlich bezahlt die Versicherung – denen ist egal ob da nichts zu sehen ist. Hauptsache die Kohle stimmt. Ich krame meine Visitenkarte aus der Geldbörse und drücke sie dem BMW-Mann in die Hand. Er gibt mir seine. Creative Direktor steht drauf. Na sowas aber auch.

Wir steigen wieder in unsere Autos. Hinter uns hat sich eine morgendliche Rush-Hour-Schlange gebildet. Wir fahren weiter.

Der BMW-Mann sah gut aus und nett war er, wieder erwarten. Ich bin froh, dass ich mich in dieser Hinsicht getäuscht habe. Der Crash reicht mir, da brauche ich nicht noch einen wutschnaubenden Fahrer, der mich auf offener Straße zur Schnecke macht.

Ich lächele zufrieden. Immerhin steht auf meiner Visitenkarte Autorin. Das macht ein bisschen was her, Herr Creative Direktor, oder? Auch wenn mein kleiner Reisfresser eher nach Chaos als nach Kaviar aussieht. Aber der erste Eindruck muss ja nicht unbedingt, der richtige sein.

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