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Posts Tagged ‘Paris’

Der Schreibtisch steht im Erker. Von dort hat man einen guten Blick auf den Garten, der leicht verwildert, doch einer gewissen Ordnung folgt. Auf den Fensterbrettern liegen kleine Andenken. Eine getrocknete Rose, eine Druse, ein Schneckenhaus und eine große Muschel, eine Kiste in der Postkarten und Briefe gesammelt werden. Einige Bilder, die eine ältere Frau und kleines Mädchen zeigen, außerdem ein Bild eines Paares und Bild von einem Mädchen und einem Jungen beim Angeln.

Das Bett ist gemacht. Auf einem Stuhl liegen verschiedene Kleidungsstücke, darunter stehen zwei Paar Turnschuhe. Neben dem Schreibtisch steht ein Papierkorb und eine Tüte in der Altpapier gesammelt wird. Auf dem Schreibtisch steht ein Laptop, eine Tasse in der Kaffee gewesen ist und eine Flasche Wasser.

An einer Seite des Zimmers stehen Bücherregale. Die Bücher sind geordnet nach Genre. In einem Regal stehen nur Sachbücher. Davor stehen Gefäße mit Stiften, eine Stabtaschenlampe, eine Schneekugel, eine Spieluhr, eine Metallkiste mit kleinen Zangen, Schraubenziehern und diversen Schrauben, Nägeln.

Es gibt einen Kleiderschrank, nicht besonders groß, darauf bunte Kisten. Im Kleiderschrank ist eine Ordnung zu erkennen, allerdings sind Unterwäsche und Socken einfach in die Schubladen gestopft.

Neben dem Kleiderschrank stehen Reitstiefel, die glänzend geputzt sind. Außerdem eine Staffelei, die verstaubt ist. An der Wand über dem Bett hängt ein gerahmtes Poster, dass den Blick über die Dächer von Paris zeigt, in schwarz-weiß.

Auf dem Nachttischchen steht eine Kiste mit Schmuck und eine moderne Lampe, entgegen den eher antiken Möbeln. Außerdem mehrere Bücher auf einem Stapel. Scott Fitzgeralds Erzählungen, ein Gedichtband von Hilde Domin, Sigmund Freuds der dunkle Kontinent, C.G.Jungs Traumdeutung.

Der Fußboden besteht aus Holzdielen, auf denen es keine Teppiche gibt. An der Tür sind Haken angebracht, an denen Jacken und Tücher hängen.

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Mir wurde das Genre: erotisch und die Worte: Strümpfe, Sommerhitze und Zigarette vorgegeben.

Madelaine

Madelaine lag auf dem schmalen Bett und döste vor sich hin. Außer einem dünnen Hemdchen und zarten Seidenstrümpfen trug sie nichts. Seit Tagen lastete eine drückende Sommerhitze über Paris. Sie sehnte sich nach Erleichterung, aber das erlösende Gewitter kam nicht. Träge fächelte sie mit ihrem schwarzen Spitzenfächer laue Luft zu. Ihre gereizte Stimmung verschlechterte sich zusehends, als sie die Glocken von Notre Dame hörte. Alain wollte nur eine Flasche Wein holen, inzwischen war er  zwei Stunden überfällig.

Ein lauter Knall schreckte Madelaine auf. Irgendwo unter ihr im Haus warf jemand die schweren Holzfensterläden zu. Sie seufzte. – Diese entsetzliche Hitze – sie  verspürte einen lästigen Stich in ihrer Brust – und wir sind wieder nicht auf dem Land. Dabei hat Alain es mir letzes Jahr versprochen! Nächstes Jahr bestimmt, ma Cherie, hat er gesagt. Wie das Jahr davor. – Die Freunde hatten sich längst verabschiedet und es vorgezogen sich Anfang Juni in die Provence, ans Mittelmeer oder an den Atlantik zu begeben. Nur Alain und sie bleiben in Paris. Die engen schrägen Wände unter dem Dach erdrückten sie schier.

Sehnsüchtig dachte sie an das glitzernde Wasser des Atlantiks. Den leichten Wind, der nach Salz und Weite roch. Alain hatte einen Auftrag. Sagte er. Madelaine traute ihm nicht. Wer vergab im Sommer so große Aufträge? – Wenn er nur hiergeblieben ist, weil er –  hastig verscheute sie den bösartigen Gedanken und beruhigte sich, – das sind nur meine angeschlagenen Nerven. Nicht mehr! Alain liebt mich. –

Madelaine rekelte sich und gab ein leises Brummen von sich. Die Träger des Hemdchens glitten von ihren schmalen weißen Schultern und gaben den Ansatz der vollen Brüste frei. Langeweile und fortwährendes Warten zermürbten sie. Madelaine stand auf. – Ich werde Fanny besuchen. Mehr als hier, kann ich mich bei ihr nicht langweilen. Die hat Glück, dass ihr wohlhabender Galan ihre Dienste nicht teilen will. Sonst würde sie immer noch in dem stinkenden Loch bei Madame Camilles wohnen. Manche haben mehr Glück als andere. –

Madelaine versuchte den aufflammenden Neid zu unterdrücken. Sie mochte Fanny nicht. Mehr als einmal schnappte ihr die Jüngere wohlhabende Kunden vor der Nase weg. Eigentlich hatte sie keine großen Ambitionen Fanny zu besuchen, aber sie teilte das Leid der Zurückgebliebenen und Fanny bewohnte eine grandiose Zimmerflucht mit einem märchenhaften Wintergarten, in dem es herrlich kühl war.

An dem kleinen Waschbecken wusch sie sich Gesicht und Arme. Madelaine warf einen kurzen prüfenden Blick in den Spiegel. Trotz ihrer 35 Jahre war ihre Haut glatt. Die dunklen Augen hatten nichts von ihrem Feuer eingebüßt. – Warum sieht er trotzdem anderen Frauen hinterher? Wie es mir dabei geht, schert ihn nicht. Liebe ist eine Hure. – Verbittert spuckte sie ihr Spiegelbild an. – Es gibt genug Männer, die wer weiß was dafür geben würden, mich zu besitzen. –

Mit fahrigen Bewegungen streifte Madelaine sich ein leichtes Kleid über, schlang die langen schwarzen Haare in einem lockeren Knoten zusammen. – Alain liebte meine Haare. Damals. – Die wunde Stelle in ihrem Herzen zog sich schmerzhaft zusammen. – Damals galt sein Blick nur mir. Du bist mein ein und alles, hat er gesagt. Ich werde dich immer lieben. – Madelaine ahnte, dass es eine Lüge war, aber Alains Kuss, seine Hände raubten ihr den Verstand und sie wollte ihm glauben.

Während sie die Treppe hinabstieg, hielt sie immer wieder kurz inne. Vielleicht kam er gerade in diesem Moment nach Hause, aber als Madelaine das Foyer des Hauses betrat, war er nicht zurückgekehrt.
Hitze umspülte Madelaine, als sie die schwere Haustür aufzog und auf die menschenleere Straße trat. Nicht eine Kutsche, die sonst zu Dutzenden die Straße herunter klapperten. – Ich habe einfach kein Glück. – Tränen stiegen ihr in die Augen. – Nun muss ich den Weg zu Fuß gehen.

Plötzlich hörte sie hinter sich das markante Rattern eisenbeschlagener Räder und rhythmisches Hufklappern. Sie drehte sich um. Eine Mietkutsche ohne Gäste. Madelaine schluckte die Tränen herunter und winkte dem Kutscher. Er hielt direkt neben ihr. Sie nickte ihm freundlich zu und erklomm flink die kleinen Einstiegsstufen. Erleichtert ließ sie sich auf den Sitz fallen.

Der junge Kutscher betrachtete sie über seine Schulter hinweg und bedachte sie mit einem neugierigen Blick. Madelaine bemerkte es. Liebenswürdig lächelte sie ihm zu. – Andere Männer sehen mich, nur Alain nicht. – Der Kutscher ließ die Peitsche einmal kurz aufknallen. Sofort zogen die Pferde die Karosse an und verfielen in einen leichten Trapp. Durch den unerwarteten Ruck wurde Madelaine in die abgenutzten Lederpolster gedrückt und stieß einen kleinen Schreckenslaut aus.

„Sie wissen doch nicht wohin ich will“, rief sie ihm zu.

Er antwortete nicht. Blickte stur geradeaus, schwang die Peitsche erneut über die breiten Pferderücken und trieb sie in lebhaftem Tempo weiter. Madelaine fühlte sich hilflos. – Was will er von mir? Ich habe doch gar nichts, das ich ihm geben kann. – Madelaine überlegte hinaus zu springen, fand aber nicht den Mut dazu.

„Lassen sie mich gehen, bitte“, flehte sie ihn an, „ich gebe ihnen alles Geld, das ich besitze.“

Der junge Mann sah sich kurz um, schüttelte nur den Kopf. Dann wendete er sich wieder der Straße zu. Madelaine bemerkte entsetzt, dass sich die Kutsche dem Bois de Boulogne näherte. Ihre Ohnmacht steigerte sich zur Panik. Im Bois gab es viele stille Ecken, bevölkert von allerhand Gesindel. Madelaine befürchtete das Schlimmste.

Der Kutscher schien sich gut auszukennen. Geschickt lenkte er die Karosse von den breiten Spazierwegen in immer engere Pfade. Der Wald wurde dichter, legte sich bald wie ein schützender Kokon um das Gefährt und seine Insassen. Nur vereinzelt fielen dünne Sonnenstrahlen durch die verflochtenen Baumkronen. Die Luft wurde frischer und roch nach Erde und Grün. Plötzlich lenkte der Kutscher die Karosse in eine natürliche Laube aus Ästen. Mit einem Ruck brachte er die Kutsche zum Stehen…

…. Fortsetzung ist in Arbeit – aber nicht Jugendfrei *g*.

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Ich weiß, ich weiß … Winter, Schnee usw – aber für ein paar warme Gedanken ist hiermit gesorgt. *g*

Es war ein heißer Julinachmittag. Die Straßen von Paris waren staubig, unangenehme Gerüche stiegen aus der Gosse und die Hitze drückte aufs Gemüt. Tagelang herrschte diese schwüle Hitze schon. In meiner kleinen Dachkammer war es kaum zum Aushalten, obwohl ich alle Fenster geöffnet hatte. Ich lag auf meiner alten Couch, nur mit einem dünnen Spitzenunterrock bekleidet und fächelte mir Luft zu. Einen Unterschied in meinem Befinden machte das nicht, aber das Fächeln gab mir wenigstens das Gefühl nicht untätig zu sein.

Eigentlich hätte ich an meinem Bild weiterarbeiten müssen, das halb fertig auf der Staffelei stand. Die Hitze trocknete meine Ölfarben ein und das verdunstende Terpentin machte das Atmen doppelt schwer. Mister Miller, der Auftraggeber des Bildes, wollte am Abend vorbei schauen, um den Fortschritt des Meisterwerkes zu begutachten. Das Geld konnte ich gut gebrauchen, ebenso die Folgeaufträge, die ein solch spektakuläres Gemälde nach sich zog. Doch ich konnte mich einfach nicht aufraffen zu malen.

Mister Miller wollte ich allerdings auch nicht treffen, also beschloss ich mich anzukleiden und den Abend nicht zu Haus zu verbringen. Träge suchte ich ein leichtes Leinenkleid aus meinem Schrank, zog es an, suchte nach meinen Sandalen, meinem Sonnenschirm und machte mich auf den Weg zum Fluss.

Bei der Hitze war es entschieden zu weit, den Weg vom Montmatre bis an die Seine zu Fuß zurückzulegen. Ich winkte einer Mietdroschke, die vorbei fuhr, lächelte den Kutscher mit aller Liebenswürdigkeit an, zu der ich fähig war. Er beförderte mich zu einem Sonderpreis an mein Ziel. Zu dieser Jahreszeit, in der jeder, der es sich leisten konnte aufs Land flüchtete, waren schlechte Zeiten für Droschkenkutscher.

Der Fluss floss genauso träge dahin, wie ich mich selbst bewegte. Einige Boote mit weißen Segeln trieben auf der Strömung dahin, unter den Brücken lagen einige Bettler und schliefen, während Weindünste von ihnen aufstiegen, die ich sogar riechen konnte, obwohl ich in gebührendem Abstand vorüberging.

Mein Weg führte mich immer weiter am Ufer entlang, hinaus aus der Stadt. Unmerklich veränderte sich die Landschaft. Aus den großen Häusern wurden kleinere, Trauerweiden hingen über die Böschung am Ufer in den Fluss hinab und an einer flachen Stelle sah ich einen Fischreiher reglos auf Beute warten. Ich setzte mich unter einen Baum und wartete mit ihm, als er plötzlich zustieß und eine silbrige Forelle im Schnabel hielt. Er flog davon. Ich setzte meinen Weg fort, bis zu dem kleinen Bootssteg gegenüber der Kapelle Saint Jean. Von hier hatte ich einen guten Ausblick über die Weizenfelder und grünen Wiesen, auf einige Weingärten und den baumbewachsenen Friedhof, neben der Kapelle.

Auch hier lag eine große Hitze auf dem Land, die aber von einer leichten Brise hin und her bewegt wurde. Ich setzte mich auf den Steg, zog meine Sandalen aus, ließ meine Füße im Wasser baumeln und genoss das kühle Nass. Nachdem ich dort eine Weile selbstvergessen gesessen hatte, beschloss ich etwas weiter zu gehen und eine versteckte Stelle unter einer Trauerweide zu suchen, an der ich ohne gesehen zu werden ungestört baden konnte.

Unter einer großen Trauerweide, die weit über die Uferböschung hinaus ragte, streifte ich mein Kleid und meinen Unterrock ab und ließ mich ins Wasser gleiten. Meine erhitzte Haut sog die angenehme Kühle des Wassers auf. Ich schloss meine Augen und stellte mir vor, jeden Wassertropfen auf meinem nackten Körper zu spüren, wie Finger die mich sanft streichelten.
Plötzlich umfingen mich zwei starke Arme. Ich zuckte zusammen, wollte mich wehren, als eine sanfte dunkle Stimme sagte:

„Bitte wehr dich nicht, ich will dir nicht wehtun.“

Wie in Trance ließ ich ihn gewähren.

„Schließ die Augen, lass dich fallen, du wirst sehen wie schön das ist“, flüsterte er an meinem Ohr.

Ich gehorchte. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper und meine Brustspitzen richteten sich auf. Er zog mich zu sich heran, ich spürte seine muskulöse Brust an meinem Rücken und lehnte mich zurück. Seine Körperwärme begann mich zu durchströmen, seine Lippen glitten über meinen Hals, meine Schultern. Seine Hände erforschten zärtlich und geduldig jede Stelle meines Körpers und meine Gedanken, die sich anfangs noch ängstlich in meinem Kopf drehten, begannen zu verblassen und meinen Gefühlen Platz zu machen. Er redete leise mit mir, wunderschöne Worte durchflossen mich und steigerten meine Erregung.

Es war ein Traum, es musste einer sein! Aber seine Hände, seine Lippen, sein Körper waren nur zu wirklich und als er spürte, dass jeglicher Widerstand hinweggeschwemmt war, drehte er mich zu sich und kam zu mir. Ich presste mich an ihn und als er sich langsam und immer tiefer bewegte, begannen Wellen über mich hinweg, durch mich hindurch zu gleiten. Wir genossen unsere Lust, bis zur Erschöpfung.

Als er mich später im weichen Gras in den Armen hielt, küsste er mich zärtlich und sagte mir seinen Namen ……

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Ich spüre den sanften Druck weicher Lippen auf meinem Mund. Der Geruch von sauberem Leinen und warmer Haut hängt in der Luft. Ich schlage die Augen auf und sehe mich im Raum um. Ich liege in einem großen Himmelbett in einem noch größeren Raum. Seidentapeten zieren die Wände. In einem großen Kamin brennt ein Feuer. Ich kenne den Raum nicht. Wie kam ich her?

Es klopft. Ich schrecke hoch. Reiße die Augen auf. Ich bin in meinem Büro und völlig verwirrt. Die Tür schwingt auf. Der Kugelschreiber fällt mir aus der Hand und rollt meinem Chef Inspektor Sam Reynard vor die glänzenden Lederschuhe. Er füllt den Raum mit seiner Anwesenheit.

„Lea“, Inspektor Reynard bück sich und legt den Stift vor mir auf den Schreibtisch. „Ich habe eine Bitte.“

Seine Hände sind makellos. Lange Finger, gleichmäßige Fingerkuppen, gepflegte Nägel. Am linken Ringfinger trägt er einen ungewöhnlichen Ring. Ich bin plötzlich hellwach und konzentriert.

„Ja Sir, was kann ich für sie tun?“

Ich will aufstehen, aber Sam setzt sich auf die Ecke meines Schreibtisches. Oh Gott, er riecht so gut.

„Bleiben sie sitzen“, er blickt zu mir herunter, „ich habe ein Attentat auf sie vor.“

Höre ich einen verlegenen Unterton in seiner Stimme? Ich blicke zu ihm auf. Im weißen Neonlicht meines winzigen Büros haben Sams Augen die Farbe blanken Stahls.

„Dann schießen sie mal los.“

Rutscht es mir kess heraus. Am liebsten würde ich mir auf die Zunge beißen. Blöder Spruch. Sams prüfender Blick treibt mir die Röte ins Gesicht. Mein Hals ist trocken.

„Ich möchte sie bitten mich auf eine Feier zu begleiten.“

Bitte oder Befehl? Ich halte den Atem an.

„Als Bodyguard sozusagen.“

Über Sams perfekten Mund fliegt ein Schmunzeln.

„Als Bodyguard?“, wiederholte ich nervös.

Sam legt den Kopf schief und zögert kurz.

„Ja, so könnte man es nennen“, er verschränkt seine schönen Hände ineinander, „ich brauche eine Begleitung, die mit einer Waffe umgehen kann.“

„Das kann Sergeant Wu auch.“

Sam lacht. Ich schaue ihn überrascht an.

„Das stimmt. Ich fürchte nur, meine Mutter echauffiert sich, wenn ich einen zerknitterten Sergeant mittleren Alters auf die Hochzeit meiner Schwester mitbringe.“

„Die Hochzeit ihrer Schwester“, echoe ich.

Ich benehme mich wie eine Vierzehnjährige. Sam steigt mir zu Kopf. Macht mich konfus.

„Ja, genau das habe ich gesagt.“

„Entschuldigen sie Sir“, flüstert ich, „Ich bin überrascht. Darf ich fragen, warum sie auf der Hochzeit ihrer Schwester etwas zu befürchten haben.“

„Kein Problem“, Sam berührt kurz meine Hand. Als er weiter spricht beobachtet er mich sehr genau. „Das ist eine längere Geschichte. Wenn sie mich begleiten, erzähle ich ihnen die näheren Einzelheiten.“

Ich zucke mit keiner Wimper.

„Warum haben sie mich ausgewählt?“

Sam lächelt. Winzige Fältchen ziehen sich um seine Augenwinkel. Ein grüner Funke entzündet sich.

„Davon abgesehen, dass sie die beste Schützin auf dem Revier sind, machen sie von allen Sergeants die beste Figur im Kleid.“

Es liegt mir auf der Zunge auch das zu wiederholen. Ich stehe auf, um meine Aufregung zu kanalisieren. Meine Hüfte berührt sein Knie. Das Büro ist zu klein für Sam und mich. Ich lege eine sichere Distanz zwischen uns und verschränke die Arme vor der Brust. Sam verfolgt jede Bewegung. Atmen, atmen, sage ich mir immer wieder.

„Ich betrachte das als Kompliment, allerdings bin ich nicht im Besitz eines Kleides, das sich für eine große Hochzeit eignet.“

„Wie kommen sie darauf, dass es sich um eine große Hochzeit handelt.“

Ich lege den Kopf schief, die Antwort liegt mir auf der Zunge. Ich verkneife sie mir und sage:

„Intuition Sir.“

„Das dachte ich mir“, Sam greift in die Innentasche seines Jacketts und zieht eine goldene Kreditkarte hervor, „die ist für sie. Suchen sie sich was Schönes aus.“

„Nein, das kann ich nicht annehmen.“

„Oh doch“, Sam duldet keinen Wiederspruch. Er steht auf, greift nach meiner Hand, dreht sie um und legt mir die Karte auf die Handfläche. „Betrachten sie es als offiziellen Auftrag, dann ist es leichter.“

Mein Herz schlägt bis zum Hals. Sam hält meine Hand einen Augenblick zu lange. Ich hefte meine Augen auf seine breite Brust. Die Antwort bleibt mir im Hals stecken. Er beugt sich zu mir herunter und sagt leise:

„Nehmen sie sich für heute frei, kaufen sie sich ein schönes Kleid. Morgen früh um 8 schicke ich ihnen eine Limousine, die sie zum Flughafen bringt. Und packen sie sich etwas zum Übernachten ein.“

Ich spüre Sams warmen Atem auf meiner Wange. Nur eine leichte Drehung meines Kopfs und seine Lippen würden meine Wange streifen. Ich atme seinen betörenden Duft ein. Meine Gedanken und Bedenken verschwimmen im Nebel. Sam hilft mir in die Jacke.

„Bis Morgen, Lea.“

„Ja Sir.“

Meine Trance löst sich erst auf, als ich vor meinem Auto stehe. Sams goldene Kreditkarte habe ich noch in der Hand. Das Stück glänzenden Plastiks ist der Beweis, dass ich nicht geträumt habe.

*

Ich bin fix und fertig angezogen, habe meinen kleinen Reisekoffer gepackt und stehe vor der Haustür. Es ist 7:45 Uhr. In fünfzehn Minuten kommt die Limousine. Ich bin so nervös, dass ich nicht still stehen kann. Ob Sam das Kleid gefällt, das ich ausgesucht habe? Weiß seine Familie, dass ich nur eine Pseudobegleitung bin? Was weiß ich überhaupt über Sam Reynard? Ich arbeite seit drei Jahren, vier Monaten, zwölf Tagen auf seinem Revier. Sam legt großen Wert auf gute Zusammenarbeit unter Kollegen. Er bemerkt sehr schnell wenn etwas nicht stimmt, darum ist er auch so ein guter Ermittler. Er ist der jüngste Dienststellenleiter im Yard, die Aufklärungsrate unseres Reviers ist immer top. Das Gerücht geht um, er kommt aus einer reichen Familie, aber wie die Zusammenhänge sind, weiß niemand genau. Ich schätze, heute habe ich die Gelegenheit mehr zu erfahren.

Eine Limousine mit getönten Scheiben fährt vor. Der Chauffeur springt aus dem Auto, öffnet mir die Tür zum Fond und packt meinen Koffer in den Kofferraum. Der Fahrer lässt den Motor an und bringt mich auf kürzestem Weg zum Flugplatz. Er hält neben einem Privatjet. Sam kommt die kleine Gangway herunter und begrüßt mich mit einem Küsschen auf die Wange. Die Unruhe, die sich während der Fahrt gelegt hat, kehrt zurück.

„Guten Morgen Sir.“

„Schön, dass sie da sind Lea.“ Sam lächelt und macht eine einladende Bewegung. „darf ich bitten.“

Sam lässt mir den Vortritt. Der Chauffeur bringt mein Gepäck an Bord.

„Machen sie es sich gemütlich.“

Ich ziehe meine Jacke aus und setze mich. Die Sitze sind aus sandfarbenem Leder. Weich wie Handschuhe. Sam öffnet eine Flasche Champagner und gießt zwei Gläser ein. Er setzt sich neben mich und reicht mir ein Glas.

„Ich möchte mich bei ihnen bedanken Lea. Es bedeutet mir viel, dass sie mich begleiten.“ Er tickt sein Glas an meins. Es klirrt leise. „Auf ein hoffentlich entspanntes Wochenende.“

„Danke Sir.“

Ich trinke das Glas zu schnell leer und spüre die Wirkung des Alkohols.

„Das sollten sie vielleicht lassen.“

„Sie haben recht Sir. Ich vertrage nicht sehr viel.“

„Gut zu wissen“, Sam schmunzelt, „aber das meine ich eigentlich nicht. Wenn wir ein Paar spielen, solltest du nicht Sir sagen, Lea.“

„Ja Sir“, stottere ich.

„Sam“, sagt er sanft.

„Sam.“

Sein Blick treibt mir die Hitze ins Gesicht.

„Du siehst übrigens sehr hübsch aus.“ Sam windet sich eine meiner Haarsträhne um den Finger. „und du trägst die Haare offen.“

„Danke Sir. Entschuldigung – Sam.“

Ich habe mich heute Morgen zig Mal umgezogen und bin froh, dass Sam mit mir zufrieden ist. Im Dienst trage ich Jeans, Shirts und Sneakers. Heute habe ich mich für einen geblümten Sommerrock mit weißer Bluse und Riemchensandalen entschieden.

„Es gibt noch etwas, woran du dich gewöhnen solltest.“

„Ja?“

„Ja.“

Sam legt den Finger unter mein Kinn und hebt mein Gesicht. Ganz langsam nähert sich sein Mund meinen Lippen. Er schließt die Augen. Seine dunklen Wimpern sind lang und dicht. Die Wangen glatt rasiert. Sams Mund nimmt meinen. Meine Lider sinken. Wir tauchen in unsere Dunkelheit ein.

Sam schmeckt nach Champagnerperlen. Er riecht so innig, warm und weich. Das Brummen des kleinen Flugzeugs übertönt meinen wirbelnden Herzschlag. Jede Zelle meines Körpers steht unter Spannung. Sam hebt den Kopf. Mein Blick öffnete sich. Ich tauche in Sams unergründliche Tiefe. Runde Seen aus gläsernem Goldgrün, schillernde Urwälder aus Tang und Blattwerk, durchstrahlt von Sonnenlicht, in denen bernsteinfarbene Fischchen tanzen.

„Kannst du dich damit arrangieren?“, seine tiefe Stimme streicht sanft über meine Lider. „Immerhin sind wir ein Liebespaar.“

„Ja“, flüstere ich und denke, wenn es wahr wäre.

Sam legt seine Hand auf meine. Seine Finger schließen sich um meine. Ich lehne mich zurück. Wir schwimmen im Himmelsblau über den Wolken. Sam und ich. Tausende Meilen entfernt von allen Konventionen und Hindernissen. Ich spüre Sams Blick auf meinem Gesicht.

„Du hast gar nicht gefragt, wohin die Reise geht.“

„Wenn es soweit ist, wirst du es mir sagen.“

Sams Pupillen weiten sich. Ist er wirklich überrascht?

„Du bist erstaunlich.“

Nein, bin ich nicht. Ich liebe Sam, seit drei Jahren, vier Monaten, zwölf Tagen. Ich sehe ihn aufmerksam an.

„Ich muss dir noch einiges über meine Familie erzählen, bevor wir landen.“

Mein Blick ruht auf seinem schönen Gesicht, seinem perfekten Mund. Als ich nicht frage, spricht er weiter. Es fällt ihm sichtlich schwer, die richtigen Worte zu finden.

„Ich weiß nicht ob du dich für Adelsdynastien interessierst? Ich entstamme in direkter Linie dem Geschlecht der Kronberger. Meine Mutter war die zweite Frau des Fürsten, nur leider nie mit ihm verheiratet. Ich bin also ein Bastard, wie es meine hochwohlgeborenen Brüder so hübsch auszudrücken pflegen.“

Sams Miene spiegelt die Anspannung. Seine Stimme ist kalt, jedes Wort scharf, wie Glas. Er steht auf und wandert unruhig umher.

„Mein Bruder Andrew ist der Thronfolger. Allerdings gibt es noch einige andere, die sich das Erbe der Kronbergs aneignen möchten. Jeder versucht jeden auszustechen.“

Sam hält inne. Er sieht auf mich herunter. Ich habe das Gefühl mein Brustkorb wird durch einen heftigen Druck zusammengepresst. Sam gibt sich einen Ruck und spricht weiter.

„Es ist nicht das erste Mal, dass mir jemand nach dem Leben trachtet.“

Jetzt ergeben, die Dinge einen Sinn. Ich habe mich nicht getäuscht. Ich denke an die Waffe in meiner Handtasche. Um Sam zu schützen, werde ich tun was nötig ist.

„Es tut mir leid, dass ich dich in diese Sache hineinziehe. Aber du hast bewiesen, dass ich dir vertrauen kann.“

Ich denke an den Scharfschützen, der Sam letztes Jahr beinahe ins Grab brachte. Er lag vier Wochen im Krankenhaus, davon eine Woche auf der Intensivstation. Ich habe den Killer erschossen und jede freie Minute an seinem Krankenbett verbracht. Sam setzt sich, prüfend ruht sein Blick auf mir.

„Ich will mit offenen Karten spielen“, Sam zögert, „aber ich fürchte, dass wird dich schockieren.“

„Ich denk, damit kann ich umgehen.“

„Dann wärst du die erste“, der Sarkasmus ist nicht zu überhören. „Gib mir deine Hände.“

Ich strecke ihm meine Hände entgegen. Sam greift nach meinen Handgelenken. Seine Daumenkuppen liegen auf meinem Puls.

„Ich werde dir nichts tun. Es ist nur, damit du nicht in Panik davon läufst.“

Mein Mund ist trocken, meine Kehle wie zu geschnürt. Ich halte den Atem an. Sam schließt die Augen für einen Moment. Er öffnet die Lider. Seine Augen sind schwarz. Der Ausdruck seines Gesichts hat sich verändert. Es ist Sam und er ist es nicht. Hart sind die Züge um seinen Mund. Die weichen Züge sind vollständig gewichen, als hätte jemand sein Antlitz in Marmor gemeißelt. Ich sehe ihn wie durch einen Zerrspiegel. Furcht kriecht mir den Rücken hinauf. Adrenalin schießt durch meine Adern. Ich unterdrücke den Fluchtreflex. Sam schließt die Augen. Als er sie öffnet, ist er wieder Sam. Erstaunt sieht er mich an.

„Das macht dir nichts aus?“

„Nein Sir. Was bedeutet das?“

„Ich bin wie ein Glas Wasser, in das jemand einen Tropfen Tinte fallen ließ. Ein Mensch mit einem Teil Dämon. Ein Erbe meiner Mutter.“

Der Druck auf meinen Brustkorb wird stärker. Ich muss das Bild von Johann Heinrich Füssli „Nachtmahr“ denken. Doch es ist heller Tag und Sam sehr real.

„Beunruhigt dich das nicht?“

Ich zucke mit den Schultern und zitiere, was mir meine Großmutter immer sagte, wenn es um Dinge ging, die sie nicht erklären konnte:

„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als wir uns vorstellen können. – Ich ahnte, dass da etwas ist“, sage ich leise, „deswegen habe die Beweise im „Münzfall“ zurückgehalten und die Akte geschlossen.“

Ich schäme mich, weil ich das Gesetz gebeugt habe. Meine Gefühle für Sam haben mich korrupt gemacht. Tränen steigen mir in die Augen. Sam zieht eine Augenbraue hoch.

„Du warst das.“ Sam lockert den Griff um meine Gelenke, zieht meine Hände an seine Lippen und drückt sanfte Küsse auf die Innenflächen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Du hast mir das Leben gerettet. Danke Lea.“

Ich kann auch nichts sagen. Zu weit habe ich mich in diese Sache verstrickt. In Sam verstrickt. Ich liebe ihn verzweifelt. Seit drei Jahren, vier Monaten und zwölf Tagen habe ich keinen anderen Mann an mich heran gelassen. Ich habe alles getan, damit Inspektor Reynard mit meiner Arbeit zufrieden ist und ihm nichts Unangenehmes zustößt. Liebe vor Recht. Sam lehnt sich zurück. Er sieht mich aufmerksam an. Ich schließe die Augen. Die Tränen lösen sich, rinnen über meine Wangen. Sam ist ein Traum. Nur mein Traum.

*

„Lea“, sanft streicht eine Hand über meine Wange, „du musst aufwachen.“

„Sind wir schon da?“, murmele ich.

Ich schlage die Augen auf. Sam sieht mich an. Nur ein Traum.

„Ja, wir sind in Paris.“

Seine Stimme holt mich in die Wirklichkeit. Ich schüttele den Schlaf ab, richte meine Kleidung.

„Paris – können wir den Eifelturm ansehen?“

Sam schmunzelt und hilft mir in die Jacke.

„Ich sage dem Chauffeur er soll eine kleine Extrarunde drehen.“ Er holt ein kleines schwarzes Säckchen aus der Jackentasche. „Bevor wir gehen, wollte ich dir das hier geben.“ Er zieht das Bändchen auf und nimmt einen Ring heraus. „Der Familienring. Du solltest ihn tragen, damit jeder weiß, dass du zu mir gehörst. Er ist zu deinem Schutz.“

Sam nimmt meine Hand und steckt mir den Ring an. Es ist der gleiche, den er trägt. Anstelle eines Diamanten ist dieser mit einem Rubin besetzt. Ich kann mich nicht daran gewöhnen Sam so nah zu sein, das bringt mich völlig aus dem Konzept. Mein Herz rast oder setzt aus, ich halte plötzlich den Atem an, vergesse Luft zu holen, in meinem Magen geht es auf und ab, als würde ich bei Sturm Boot fahren. Richtig und Falsch verschwimmt. Nichts ist wie es sein soll. Schwarz und weiß verlaufen zu einer grauen Masse.

„Sir.“

„Sam“, verbessert er mich sanft.

„Sam, ich … “, seine Blick blockiert meine Gedanken. Ich habe den Faden verloren.

„Was möchtest du mir sagen?“

„Ich weiß es nicht mehr. – Aber da fällt mir ein“, ich krame meine Geldbörse aus der Handtasche und gebe Sam die Kreditkarte zurück. „Danke.“

„Ich hoffe, du hast keine Rücksicht genommen und dir gekauft, was dir gefällt.“

„Ja, Sir – Sam, entschuldige bitte. Das ist so ungewohnt.“

Ich muss daran denken, seinen Vornamen zu benutzen, wenn unsere Legende nicht auffliegen soll.

„Du schaffst das.“ Sam lächelt mir aufmunternd zu. „Komm. Die Limousine wartet.“

*

Die Hotelsuite ist grandios. Sie hat einen Salon und zwei separate Schlafzimmer mit Badezimmern. So komfortable habe ich noch nie gewohnt. Das Bett ist riesig, mit weißen Kissen und Decken. Auf dem weichen Teppich gehe ich wie auf Wolken. Aus dem Fenstern kann man über die Dächer der Stadt sehen, bis zur Seine. Ich bin dem Himmel nah. Wolken ziehen vorbei. Es wäre schön durch die Straßen zu gehen, Geschichte zu atmen, in einem Cafe zu sitzen, die Mona Lisa bestaunen, Sam an meiner Seite. Paris ist ein wundervoll.

Es ist Zeit sich umzuziehen. Das Kleid habe ich in einem Designer-Second-Hand Laden in Notting Hill gekauft, von meinem Geld. Es wäre mir billig vorgekommen, mich von Sam aushalten zu lassen. Das Kleid ist ein Traum aus changierendem schwarzen Stoff und umschmeichelt meine Figur. Der Schnitt bringt meine Rundungen und meine Taille gut zur Geltung. Ich stehe vor dem Spiegel und erkenne mich kaum wieder. Die Blütenstickerei auf dem Oberteil glitzert mit den langen Ohrringen um die Wette. Außer ihnen trage ich nur Sams Ring als Schmuck. Ich drehe mich. Der Rückenausschnitt reicht bis zur Taille. Sehr gewagt, aber ich konnte nicht wiederstehen. Ich habe mir einen weichen Seidenschal gekauft, der das Offensichtliche verdeckt. Können meine Augen das auch?

Es klopft.

„Lea bist du fertig.“

„Ja.“

Die Tür schwingt auf. Sam steht hinter mir. Im Spiegel kann ich sehen, wie sein Blick anerkennend über meinen Körper gleitet.

„Du siehst wundervoll aus.“

„Danke.“

Ich erröte und senke den Blick. Sam kommt näher. Dicht hinter mir bleibt er stehen. Sein warmer Atem streicht über meinen Nacken. Ein Schauer rinnt bis auf meine Hüften und zieht sich im Bauch zu einem pulsierenden Lustknäul zusammen.

„Bist du bereit?“

Unsere Blicke treffen sich im Spiegel. Ich nicke. Sam reicht mir die kleine Abendtasche. Ich spüre das Gewicht der Pistole. Sam bietet mir den Arm an. Ich lege meine Hand in seine Armbeuge. Sanft legt er die andere Hand auf meine. Ein letzter Blick in den Spiegel. Das Spiel kann beginnen.

*

Der Nachmittagsverkehr ist mörderisch. Wir bekommen nicht viel davon mit. Die getönten Scheiben der Limousine schließen uns in einen Kokon aus Schatten und Stille. Wir geben uns den Anschein in unsere eigenen Gedanken versunken zu sein.

„Weiß deine Mutter von unserem Arrangement?“, breche ich das Schweigen. Ich möchte seine Stimme hören.

„Nein. Ich wollte sie nicht beunruhigen.“

„Von wem erwartest du einen Angriff?“

„Es gibt unendliche Möglichkeiten. Die Zahl der Nachfolger oder derer, die es werden wollen, ist groß, dann gibt es konkurrierende Adelshäuser, den Widerstand usw.“

„Wie hast du es geschafft zu überleben?“

Er lacht leise.

„Diese Frage stelle ich mir auch oft. Als Kind hat mich meine Mutter beschützt. Sie brachte mir bei, meine dunklen Fähigkeiten zu nutzen. Ich bin ein guter Schütze und in London habe ich meine Leute.“

„Das hört sich geheimnisvoll an.“

„So schlimm ist es nicht.“

„Du solltest auf jeden Fall in meiner Nähe bleiben.“

„Das habe ich vor“, sagt er.

Sein intensiver Blick trifft direkt in das Knäul in meinem Bauch.

*

Die Limousine hält vor einer kleinen Kirche. Sam reicht mir die Hand und hilft mir beim Aussteigen.

„Samuel“, eine elegante Dame kommt auf uns zu, „wie schön, das du da bist.“

Sie umarmt Sam herzlich und küsst ihn rechts und links auf die Wange.

„Danke Mutter. Ich hoffe wir sind noch rechtzeitig?“

„Ja mein Schatz. Ohne dich hätte die Feier nicht beginnen können, du führst deine Schwester zum Altar.“

„Gut zu wissen“, die Ironie ist deutlich in Sams Stimme zu hören, „darf ich dir übrigens meine Verlobte vorstellen. Lea Wentworth.“

Verlobte? Ich dachte Freundin! Seine Mutter geht etwas Ähnliches durch den Kopf. Ihre Miene friert ein.

„Sehr erfreut sie kennenzulernen.“

Ich strecke Sams Mutter die Hand entgegen. Sie ignoriert mich. Schüttelt den Kopf.

„Bist du verrückt Liebling? Eine Bürgerliche?“, sagt sie dreist.

„Sprich nicht so Mutter. Sonst steigen wir in die Limousine und fahren zurück.“

„Wenn du meinst. Entschuldige“, sagt sie beleidigt. „Kommt es wird Zeit.“

Sam sieht mich um Verzeihung bittend an, ich nicke unmerklich und folge Sam in die Kirche. Im Vorraum wartet seine Schwester ungeduldig auf ihn.

„Endlich bist du da! Ich bin so aufgeregt“, sie lächelt mich an, „sie müssen Sams Verlobte sein. Ich bin Juliette. Schön, dass sie da sind. Ich leihe mir Sam nur kurz aus. Für euch sind Plätze in der ersten Reihe reserviert.“ Sie nimmt Sams Arm. „Das ist endlich eine Frau, die zu dir passt. Halt sie fest. – Dann lass uns loslegen.“

Sam dreht sich nach mir um. Er formt die Worte: „Pass auf dich auf.“ Juliette zieht ihn in auf den roten Teppich. Die Kirche ist mit weißen Rosen geschmückt und bis auf den letzten Platz besetzt. Der Hochzeitsmarsch setzt ein. Sam geleitet Juliette zum Altar und übergibt sie dem Bräutigam. Ich gehe im Nebengang nach vorn und setzte mich. Wenn jetzt jemand auf Sam zielt, kann ich nichts tun. Sam setzt sich neben mich. Ich atme auf. Seine Mutter sieht zu uns herüber. Sam nimmt provokativ meine Hand. Angewidert dreht sie den Kopf weg.

„Keine Angst. Ich bin bei dir“, flüstert Sam.

„Kannst du Gedanken lesen?“

„Nein eigentlich nicht“, Sams Mund streift meine Wange. „Aber deine schon.“

Ich senke erschrocken den Blick und erröte.

„So bist du noch schöner.“

„Solltest du dich nicht auf die Hochzeit konzentrieren?“, frage ich.

Ein Lächeln huscht über Sams Gesicht. Er richtet seinen Blick auf das Brautpaar, aber seine Finger verstärken den Druck auf meine Hand.

*

„Das Händeschütteln ist anstrengend“, murmelt Sam. Er reicht mir ein Glas Champagner. „Ich hoffe du langweilst dich nicht zu sehr.“

Der Saal, in dem der Empfang stattfindet, ist mit Menschen, Musik, Gelächter und Gesprächen gefüllt. Ich muss meine ganze Konzentration aufbieten, alle im Blick zu haben. In Sams Nähe ist das eine Herkulesaufgabe. Mein Interesse wird immer wieder von ihm angezogen. Das ist gegen die Regel. Ein Bodyguard darf sich niemals ablenken lassen.

„Nein. Ich beobachte die Leute.“ Ich nippe an meinem Champagner. „Es sind einige darunter, die dir nicht wohlgesonnen sind.“

Sam zieht fragend die Brauen hoch.

„Ich sehe es an ihren Blicken und der Körpersprache.“

„Ich glaube, du bist die einzige, die Sympathie für mich hegt.“

Bevor ich antworten kann, nähert sich eine zierliche Blondine, in einem atemberaubend freizügigen Kleid und klammert sich an Sams Arm.

„Sam schön dich wiederzusehen“, säuselt sie.

Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn auf den Mund. Es verschlägt mir die Sprache. Sam blickt kühl auf sie herunter.

„Ich wünschte, ich könnte dasselbe über dich sagen Isabelle.“

„Oh bitte, sei doch kein Spielverderber“, das Lächeln in ihrem makellosen Gesicht ist wie festgefroren, „du musst zugeben, wir hatten viel Spaß.“

Sam löst ihre Hand von seinem Arm.

„Darf ich dir meine Verlobte Lea vorstellen.“

Sam legt seinen Arm um meine Taille, zieht mich ganz dich an sich heran und küsst mich demonstrativ auf den Mund.

„Hallo Lea“, sie mustert mich herablassend, „sie glauben, sie könnten Sam einfangen? Das haben schon andere versucht und nicht geschafft.“

Sie wendet sich an Sam.

„Du weißt, wo du mich findest, wenn du sie satt hast.“

Dann dreht sie auf dem Absatz um und geht schnurstracks auf einen anderen gutaussehenden Mann zu.

„Bist du sicher, dass du das Ziel eines Angriffs bist?“

Sam lacht leise und flüstert mir ins Ohr:

„Hätte ich geahnt welche Reaktionen du hervor rufst, hätte ich besser Sergeant Wu mit genommen.“

„Warum glaube ich dir nicht?“

„Weil du genau weißt, dass ich dich will.“

Der Klang seiner Stimme jagt mit einen Schauer über den Rücken. Ich sehe zu ihm auf. Seine Augen sind dunkelgrau verhangen, wie vor einem Sturm.

„Lass uns tanzen.“

Sam nimmt mir das Glas aus der Hand, stellt es einem Kellner auf das Tablett und geleitet mich zur Tanzfläche. Er legt seine Hand auf meinen Rücken. Die Berührung Haut auf Haut erschüttert die Grundfesten meines Seins. Meine Finger klammern sich um das Abendtäschchen. Ich fühle die Umrisse der Waffe. Ich darf mich nicht ablenken lassen und beschwöre ein Bild von kaltem Stahl, Lärm und Blut. Doch Sams Finger auf meiner Haut kann ich nicht ausblenden. Wir betreten die Tanzfläche. Sam zieht mich dicht an sich heran. Er ist überall. Seine Wärme, sein Atem, der über mein Gesicht streicht, starke Hände, die mich halten.

„Magst du mich nicht ansehen?“

Ich löse meinen Blick von seiner Brust. In seinen Augen sehe ich mein Verlangen.

„Du hättest mich nicht mitnehmen dürfen“, flüstere ich. Sam drückt mich fester an sich, „ich bin befangen, ich kann dich nicht beschützen. Du musst jemand anderen finden.“

„Nein. Das ist unmöglich.“

Seine Stimme vibriert vor Erregung, versetzt meine Lust in Schwingungen. Er neigt sich zu mir herunter, seine Lippen streifen leicht meinen Mund.

„Du weißt genau, dass ich das nicht tun kann.“

„Aber … .“

Sam unterbricht mich, „Es lief von Anfang an darauf hinaus. Lass es einfach geschehen.“

Ich lehne meinen Kopf an seine Brust. Sein Herzschlag ist stark und gleichmäßig, während meiner in einem unregelmäßigen Rhythmus gegen meine Rippen donnert. Ich erinnere mich, wie Sam mich aus dem Miller Haus zog, kurz bevor es explodierte. Er warf sich über mich und schützte mich mit seinem Körper. In schlaflosen Nächten kommt die Erinnerung an seinen Herzschlag zurück und der Geruch des Feuers.

„Lass uns gehen.“

Der drängende Ton in Sams Stimme reißt mich aus meiner Trance. Er nimmt meine Hand und dirigiert mich durch die Menge. Ich sehe Isabelle, die mit Sams Mutter redet. Sie werfen mir verächtliche Blicke zu. Ich fühle sie wie Pfeile in meinem Nacken, bis sich die Tür hinter mir schließt. Sam führt mich durch ein Labyrinth von Gängen, weg von den vielen Menschen. In einem dunklen Flur drückt er mich mit der ganzen Kraft seine athletischen Körpers an die Wand und küsst mich beinah bis zur Besinnungslosigkeit. Aufgewühlt von unseren Gefühlen schöpfen wir Atem.

Das leise Einrasten eines Türschlosses dringt, wie ein Gongschlag in mein Gehirn. Ich stoße Sam weg und reiße die Sig Sauer aus meinem Täschchen. Bevor ich einen Schuss abgeben kann, sehe ich das Mündungsfeuer und eine Kugel jagt dicht an mir vorbei. Ich ziele. Drücke zwei Mal ab. Ein Schmerzensschrei ertönt. Sam packt mein Handgelenkt und zieht mich hinter sich her.

„Schnell ins Treppenhaus.“

Ich raffe mein Kleid und folge Sam. Bis in die Tiefgarage sind es nur drei Treppen. Schritte von mindestens drei Leuten sind hinter uns.

„Da sind sie! Los“, schreit einer.

Der Donner eines Schusse hallt im Treppenhaus wieder.

„Spar dir die Kugeln!“, brüllt ein anderer.

Wir erreichen die Tiefgarage.

„Der Wagen steht dort hinten“, Sam deutet auf eine entfernte Stelle der Garage.

„Geh.“

„Ich lasse dich nicht allein.“

„Keine gute Idee. Sie haben es auf dich abgesehen. Ich bleibe hier und gebe dir Deckung. Du holst den Wagen.“

Sams Blick verrät Anerkennung. Er eilt davon. Ich verberge mich hinter einem Betonpfeiler und beruhige meinen Atem. Ich brauche eine sichere Hand. In der spärlichen Beleuchtung der Tiefgarage sehe ich vier Männer aus dem Treppenhaus kommen. Sie wenden sich in Sams Richtung.

„Wo ist die Frau?“

„Egal. Wir brauchen ihn.“

Bevor sie sich in Bewegung setzen können, gebe ich zwei Schüsse ab. Nicht tödlich, aber zwei Killer können nicht mehr laufen. Die anderen zwei gehen sofort in Deckung.

„Das kam von da drüben“, schreit eines der Opfer und zeigt in meine Richtung.

Sie eröffnen das Feuer. Betonstücke fliegen mir um die Ohren. Ich drücke mich eng an den Pfeiler. Splitter reißen mir die Haut auf. Ich höre, wie ein Wagen gestartet wird.

„Er entkommt!“

Ich kann hören, wie sie die Waffen nachgeladen. Sie sind ganz in meiner Nähe. Ich luge hinter einer Ecke hervor. Die Limousine nähert sich, die Männer zielen auf die Frontscheibe.

„Wartet bis er nah genug ist“, brüllt einer.

Ich nehme ihn ins Visier und drücke ab. Er geht zu Boden. Der andere wirbelt herum. Mein nächster Schuss. Es reißt ihm die Schulter weg, er lässt seine Waffe fallen. Die beiden anderen Verletzten ballern in meine Richtung, was das Zeug hält. Ich kann mich nicht schnell genug wegdrehen. Eine Kugel streift meinen Arm.

Der Schmerz presst sich mit Gewalt in mein Hirn. Ich beiße die Zähne zusammen. Nicht schwach werde, rede ich mir zu, du hältst das aus. Der Wagen hält neben mir. Ich reiße die Tür auf und gleite auf den Beifahrersitz. Mit quietschenden Reifen starte Sam und rast dem Ausgang der Tiefgarage zu. Weitere Schüsse fallen. Die Scheibe auf der Fahrerseite zerbirst. In der Frontscheibe bleiben mehrere Kugeln stecken und zerlegen das Sicherheitsglas in ein Puzzle. Sam lenkt die Limousine in halsbrecherischem Tempo in den abendlichen Verkehr.

„Danke. Du hast mir das Leben gerettet.“

„Nicht der Rede wert“, wiegele ich ab und versuche den Schmerz zu unterdrücken.

„Du bist verletzt!“ Sam sieht besorgt auf meinen blutverschmierten linken Arm. „Ich bringe dich ins Krankenhaus.“

„Nein, alles in Ordnung. Du machst mir einfach ein Pflaster drauf. Das geht schon.“

Sam legt die Hand auf meinen Oberschenkel.

„Keine Widerrede. Ich bin dein Boss. Wir fahren ins Krankenhaus.“

Ich zucke mit den Schultern, lehne mich zurück und schließe die Augen.

*

„Das dürfte genügen“, der junge Doktor lächelt.

Die Wunde ist gesäubert, genäht und bepflastert. Eine Tetanusspritze habe ich auch bekommen.

„Es könnte sein, dass die Einstichstelle etwas schmerzt. Dann legen sie bitte Eis darauf und am Montag bitte zum Hausarzt.“

„Ich sorge dafür. Danke für ihre schnelle Hilfe.“

„Das ist mein Job“, erwidert er und strahlt mich an.

Eine adrette Schwester steckt den Kopf zur Tür herein und drückt Sam einen Zettel in die Hand.

„Hier das Rezept für Madame Wentworth.“

„Danke Ann-Marie“, der Doktor nickt ihr zu, wendet sich an Sam, „Schmerztabletten, falls nötig und Verbandmaterial.“

Sam ist nicht einen Zentimeter von meiner Seite gewichen und hat jede Handbewegung des Krankenhauspersonals beobachtet. Als der Doktor mir die Betäubungsspritze verabreichte, gab ich einen Schmerzenslaut von mir. Sam wäre ihm beinahe an die Gurgel gegangen.

„Wollen wir gehen?“, sanft legt Sam seinen Arm um meine Taille. „Du solltest dich ausruhen.“

„Ja. Alles was sie wollen.“

Sams schaut mich durchdringend an.

„Entschuldigen sie Sir. Ist das nicht ein Auftrag?“

Er sagt nichts. Vor dem Krankenhaus wartet ein Taxi. Galant hält er mir die Tür auf. Sam setzt sich neben mich. Das Taxi fädelt sich in den Verkehr ein. Paris bei Nacht ist traumhaft. Die Menschen sitzen in Cafés und Bistros. Die Theater und Varietés sind hell erleuchtet. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich dachte, ich könnte mit Sam diese Reise machen. Ihn beschützen, ihm zeigen, dass ich ihn liebe. Ich wollte es so sehr. Es war ein Fehler. Alles ist kompliziert geworden. Kurz bevor das Taxi das Hotel erreicht, sieht er mich an und sagt:

„Denkst du das wirklich?“

Tränen steigen mir in die Augen. Ich ignoriere seine Frage. Das Taxi hält. Sam hilft mir beim Aussteigen.

„Sollten wir überhaupt hier sein?“, frage ich, „was wenn sie es wieder versuchen.“

„Mach dir keine Sorgen. Ich habe ein anderes Zimmer für uns gebucht.“

Wir steigen in den Lift. Sam drückt einen Knopf. Der Aufzug setzt sich in Bewegung. Er sieht mich an. Ich halte die Luft an. Sam nimmt mich in die Arme. Unsere Blicke haken sich fest.

„Oh Gott, du bist unglaublich schön und mutig“, flüstert er, dann küsst er mich so zärtlich, dass sich alle Fragen nach Sinn oder Unsinn auflösen.

Der Lift hält. Wir gehen den Flur hinunter. Unser Zimmer liegt in der Nähe des Treppenhauses. Sam schließt die Tür hinter uns zu.

„Sam ich …“, er verschließt mir den Mund mit einem intensiven Kuss. Der Schmerz in meinem Arm lässt nach. Seine Finger gleiten über meinen Rücken, bis zum tiefsten Punkt meines Ausschnitts.

„Lea ich will dich“, er sieht mich ernst an, „ich will dich ganz.“

Ich schlucke. Sehe ihn mit aufgerissenen Augen an. Habe ich richtig gehört?

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragt er besorgt.

„Nein.“

Ich möchte Sam sagen, was ich fühle, wie sehr ich ihn liebe. Kein Wort kommt über meine Lippen. Ich kann ihn nur anstarren. Sam hat mich völlig in der Hand. Er lächelt, während er mir den Reißverschluss meines Kleides herunterzieht und es mir von den Schultern streift. Ein Schauer schüttelt mich, als seine Fingerspitzen über meine Haut streichen. Ich schließe die Augen. Sam zieht mich in seine Arme, küsst mich immer wieder, überall. Seine kühle Gürtelschnalle drückt gegen meinen Bauch. Der seidige Stoff seines Anzugs reibt über meine Haut.

„Ich möchte dich lieben.“

Ich öffne die Augen sehe ihn verträumt an. Seine grünen Augen glänzen im sanften Licht der Nachttischlampen. Seine Stimme ist samtweich als er weiter spricht.

„Ich will deinen Körper und deinen Geist in Ekstase versetzen.“

„Ich gehöre dir.“

„Einfach so?“, seine Pupillen ziehen sich für den Bruchteil einer Sekunde zusammen.

„Einfach so. Warum überrascht dich das?“

„Weil du weißt, wer oder besser, was ich bin.“

Darauf gibt es nur eine Antwort. Ich liebe Sam. Mehr als Wort ausdrücken und mehr als Sam sich vorstellen kann. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und küsse seine weichen Lippen. Seine Hände gleiten auf meine Hüften, er presst mich fest gegen sein Becken.

„Ich werde verrückt, wenn ich dich nicht haben kann“, seine Stimme ist heiser und die Farbe seiner Augen lässt ein Gewitter ahnen.

Ich öffne langsam die Knöpfe seines Hemdes, lege meine Hände auf seine Brust. Sam lässt mich keine Sekunde aus den Augen. Es fällt ihm schwer still zu halten. Sein Atem geht schneller. Ich spüre wie sein Herz einen donnernden Rhythmus gegen seine Rippen schlägt. Zum ersten Mal erlebe ich, dass Sam den Gleichmut verliert. Er packt mich, hebt mich hoch und trägt mich zum Bett. Mit einem gezielten Handgriff zerreißt er mein Spitzenhöschen. Mit zwei, drei weiteren Griffen entledigt Sam sich seiner Kleidung. Sams Körper ist perfekt, muskulös ohne aufgepumpt zu sein. Breite Schultern, kräftige Arme und Beine, schmale Hüften, einen schönen Penis. Er steht vor mir und zögert.

„Ich will dich, aber ich habe Angst dir weh zu tun.“

Es klingt beinahe verzweifelt.

„Warum?“

„Weil ich manchmal die Kontrolle verliere.“

„Das ist mir egal.“

Das ist es wirklich. Ich habe drei Jahre, vier Monate, zwölf Tage gewartet. Die Zeit ist um. Ich ziehe Sam zu mir aufs Bett, schmiege mich eng an ihn. Er stöhnt leise. Ich küsse, die kleine Vertiefung an seinem Hals. Seine Fingerkuppen drücken sich in meinen Po, pressen mein Becken gegen seine Lenden und seine Erektion.

„Wenn du weiter machst, kann ich mich nicht mehr zurückhalten.“

„Dann tu es nicht.“

Ich strecke mich, küsse ihn den Hals hinauf. Jede Berührung meiner Lippen quittiert Sam mit einem Stöhnen. Als ich seinen Mund erreiche, packt er mich, drückt mich mit seinem Gewicht in die Kissen und küsst mich so intensiv, dass mir fast die Luft weg bleibt. Ich fühle ihn auf jedem Zentimeter meines Körpers. Das Spiel seiner Muskeln, sein rasanter Herzschlag und nicht eine Sekunde wendet Sam den Blick von mir ab.

Ich will ihn in mir fühlen. Seine Erregung, die mich in Ekstase versetzt, tief in mir. Ich öffne die Schenkel, bereit ihn aufzunehmen. Langsam dringt Sam in mich ein. Er füllt mich ganz aus. Ich dränge ihm entgegen. Fühle ihn hart und heiß in mir. Sams Hitze, seine Härte treffen direkt in mein Lustzentrum.

Für einen winzigen Moment schließt Sam die Augen. Als seine Lider den Blick wieder freigeben, sind seine Pupillen schwarz und riesengroß, füllen seine Iris beinahe ganz aus. Seine Muskeln sind stahlhart. Sam bewegt sich nicht. Er hält mich nur, sieht mich an. Langsam beugt er sich zu mir herunter, küsst mich. Seine Zunge öffnet meine Lippen, beginnt einen wilden Tanz mit meiner Zunge. Die Erregung läuft durch meine Nervenbahnen wie Feuer, über meine Haut, meine Brüste. Meine harten Knospen drücken gegen Sams muskulöse Brust. Er drückt sich hoch, jeder Muskel in seinen Armen zeichnet sich ab.

Sam küsst meinen Hals, meine Schultern, hinab zu meinen Brüsten. Während er meine Brustspitzen mit den Lippen umschließt, beginnt er sich in mir zu bewegen. Erst zieht er sanft an meinen Knospen, leckt, zwirbelt. Ich drücke mein Becken gegen seine Lenden und strecke ihm meine Brüste entgegen. Meine Finger krallen sich in seine Oberarme. Sam zieht das Tempo an. Die intensiver Reibung in mir und seine Lippen, die meine Brustspitzen fester einsaugen, setzen meinen Körper unter Strom. Das Stöhnen, aus meiner Kehle kommt direkt aus meinem Bauch. Sam treibt mich weiter, schneller, härter. Mein Inneres, Nerven, Sehnen, Muskeln ziehen sich zusammen. Seine Hitze und sein Rhythmus brennen sich in mich hinein. Ich kann die Schreie nicht mehr unterdrücken. Sam beugt sich herunter, nimmt meine Lippen mit seinem Mund und fängt meine Schreie auf. Ich winde mich, werfe mich gegen ihn. Meine Nägel kratzen seinen Rücken hinab.

Sam sieht mir tief in die Augen. Die Erregung verschleiert meinen Blick. Ich schließe meine Augen und weiß, dass Sam es nicht tun wird. Er will mich sehen, den Ausdruck in meinem Gesicht, wenn ich komme. Plötzlich zerbricht der Knoten in meinem Körper und schießt einen Orgasmus durch meine Zellen in jeden Winkel meines Gehirns.

Ich zwinge meine Augen auf. Sams Blick trifft mich und reißt mich weiter. Er lässt mich nicht los, stößt weiter in meine pulsierende Spalte, die sich fest um seinen Penis schließt und treibt mich in einem weiteren Höhepunkt. Mein Körper bebt und zittert haltlos. Plötzlich wirft Sam seinen Kopf in den Nacken. Sein Stöhnen hört sich wie ein Knurren an. Hart stößt er zu und sein heißer Saft vermischt sich mit meinem.

Sam küsst mich zärtlich. Nicht eine Sekunde lässt er mich aus seinem Arm. Ich drücke mein Gesicht an seine Schulter und hauche viele kleine Küsse auf seine Brust. Sein Geruch macht mich süchtig. Ich kann nicht genug von ihm bekommen.

Sams Fingerspitzen gleiten meinen Rücken hinab. Ich seufze leise. Sam küsst meinen Hals. Jedes Härchen meines Körpers stellt sich auf. Ich will seine warme Haut, seinen starken Körper an meinem spüren. Er hat einen Abdruck in mir, meinen Gedanken auf meinem Körper hinterlassen, den kein anderer mehr füllen kann.

„Ich liebe dich“, wispere ich.

Sam nimmt mein Gesicht in seine Hände. Er lächelt. Seine Augen glänzen wie geschliffene Jade, durchsetzt mit goldenen Sprenkeln.

„Du bist wunderschön und unglaublich. Ich werde dich nie wieder gehen lassen.“

Dann küsst Sam mich lange und intensiv, bevor wir in einen neuen Rausch aus Lust und Begehren stürzen.

*

Das Telefon klingelt. Ich taste nach dem Hörer.

„Guten Morgen Madame. Monsieur Reynard bat mich sie zu wecken. Der Zimmerservice bringt ihnen in einer halben Stunde das Frühstück. Um 9 steht ihnen die Limousine zur Verfügung und bringt sie zum Flugplatz.“

„Danke.“

Sam ist gegangen. Ich fühle ihn noch. Warm und stark. Seine Bewegungen in mir, seine Hände und Lippen überall auf meiner Haut. Ohne ihn ist es leer und grau. Lustlos stehe ich auf, dusche und ziehe mich an. Das Frühstück sieht verlockend aus, aber ich kann keinen Bissen zu mir nehmen. Angst steigt in mir hoch. Meine Kehle ist wie zu geschnürt. Jemand schickte vier Killer, um Sam zu töten, ich glaube nicht, dass es vorüber ist. Wohin ist Sam gegangen?

*

Sam ist nicht am Flughafen. Der Chauffeur übergibt meinen Koffer dem Steward. Zehn Minuten nachdem ich an Bord bin, startet das Flugzeug. Sam ist nicht gekommen. Ich fühlte mich noch nie in meinem Leben so einsam und ich weiß, was Einsamkeit bedeutet. Paris verabschiedet mich mit Nieselregen.

*

London empfängt mich mit heftigen Regenschauern. Das Wetter passt sich meinem Gefühlszustand an. Der Himmel weint, damit ich es nicht tun muss. Selbst wenn ich wollte könnte ich nicht weinen. In mir ist alles starr.

Sams Chauffeur wartet auf mich. Er plaudert munter drauf los. Sieht er mir an, wie dunkel es in mir ist? Ich will nur noch schlafen. Nichts denken, nichts fühlen. Endlich halten wir vor meinem Haus. Der Fahrer will mir den Koffer hinauf tragen. Ich kann ihn gerade noch davon abhalten. Mein Trinkgeld lehnt er ab.

Ich schleppe mich in die fünfte Etage. Schließe die Tür zu meiner Wohnung auf. Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, bricht meine äußere Haltung. Ich sinke auf den Boden und weine. Lautlos, haltlos. Ich mache Sam keinen Vorwurf. Ich wollte ihn, gleichgültig wie die Konsequenzen aussehen würden. Der, der liebt verliert.

Ich schlage die Augen auf. Jeder Knochen in meinem Körper schmerzt. Ich zittere wie Espenlaub. Es ist dunkel. Ich liege noch im Flur. Wie viel Zeit ist vergangen? Ich raffe mich auf und krieche in mein Bett.

Der Raum ist dunkel. Im Kamin brennt kein Feuer. Der Wind drückt gegen die Scheiben und übertönt meinen ängstlichen Herzschlag. Das große Bett ist verwaist. Es riecht nach kaltem Rauch und Staub. Ich fühle die Einsamkeit, wie eine Wunde in meinem Körper aufsteigen. Es beginnt im Bauch und kriecht immer weiter hinauf, in meine Brust, meine Schultern, meine Kehle, bis die Tränen eine Spur auf meine Wangen brennen. Ich höre einen Schrei. Ein Tier? Noch ein Schrei.

Ich schrecke hoch. Es war mein Schrei. Mein Hals ist wund. Es ist dunkel. Immer noch oder schon wieder? Es klingelt. Wieder und wieder. Dann ist es endlich still. Die Müdigkeit ist schwer wie Blei, drückt mir die Augen zu. Schlafen, immer weiter schlafen, bis es vorbei ist.

*

Hände zerren an mir. Lösen mich aus meiner Erstarrung. Schwebe über allem dahin. Sanftes Brummen umkreist mich. Schaukelt mich in einer warmen Woge durch die Dunkelheit. Licht streift mich, um sofort wieder zu entschwinden. Das Brummen wird leiser. Helligkeit hüllt mich ein, zerrinnt in sanftes Leuchten. Treibe auf einem Fluss aus Wärme dahin, bis alles im Nebel verschwimmt.

Weiche Laken schmiegen sich um meinen Körper. Ich fühle starke Arme, einen kräftigen Körper, der mich umfängt und mich hält. Ich schlage die Augen auf. Die Sonne fällt durch große Fenster und taucht den Raum in warmes Licht.

„Du bist wach. Das ist gut.“

„Sam.“

„Ja.“

Ich drehe mich zu ihm. Seine grünen Augen fangen den goldenen Glanz der Sonnenstrahlen ein.

„Wo bin ich?“

„Bei mir zu Hause. Ich habe mir Sorgen gemacht, als du auf meine Anrufe nicht reagiert hast. Es ging dir schlecht. Ich konnte dich nicht dort lassen.“

„Aber … .“

Sam unterbricht mich.

„Verzeih mir“, flüstert er. Sein Blick verdunkelt sich für einen Moment, „Ich habe den Abflug verpasst.“

Das bedeutet nichts Gutes.

„Was ist passiert?“

„Nicht jetzt“, auf Sams Stirn zeigen sich Sorgenfalten, „es ist vorbei und weit weg.“

Ich zeichne mit dem Finger die Linien seines Gesichts nach, küsse seine weichen Lippen.

„Ich liebe dich“, flüstert er.

Ungläubig sehe ich ihn an. Sam lacht.

„Hast du das nicht gewusst? Drei Jahre, vier Monate, fünfzehn Tage.“ Sam beugt sich über mich, sieht mich liebevoll an. „Der Ring, den ich dir gab, ist übrigens ein Verlobungsring. Darum war meine Mutter so wütend. Ich hatte schon die ein oder andere Freundin, aber keine hat je diesen Ring getragen.“

Atemlos höre ich zu.

„Willst du für immer zu mir gehören?“

Ich bin perplex. Nicke wortlos.

„Ich wusste, dass du zu mir gehörst, als ich dich das erste Mal sah.“

„Du hast nie etwas gesagt“, flüstere ich.

Sam seufzt. Sanft streicht er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Finger hinterlassen eine Spur aus Hitze auf meiner Haut.

„Ich wollte es so oft. Aber am Anfang warst du sehr distanziert, vermutlich weil ich dein Chef bin. Später kamen dann diese ganzen unangenehmen Sachen, die du für mich getan hast und ich wollte dich nicht noch stärker in meine Angelegenheiten ziehen. Du warst schon in Gefahr, warum das unnötig forcieren.“

„Was hat sich geändert?“

„Du und ich. Als du eingewilligt hast mich zu begleiten, wusste ich, ich bin dir nicht gleichgültig. Und als du verletzt wurdest, bin ich fast verrückt geworden vor Sorge. Das Ganze hat sich noch gesteigert, weil ich dich nicht erreichen konnte.“

„Ich habe nichts von deiner Unruhe bemerkt.“

„Das ist mein Job. Ruhe ausstrahlen, alles im Griff haben, Vorausdenken. Wenn meine Leute das Gefühl haben, ich wüsste nicht was los ist, was sollen sie dann tun?“ Sam küsst mich auf die Stirn. „Mein Leben ist kompliziert. Wenn du dich für mich entscheidest, wirst du in Gefahr sein.“

„Das spielt keine Rolle. Ohne dich hat nichts Sinn.“

„Ich weiß“, Sams Stimme ist rau, „ich will nie wieder ohne dich sein. Drei Jahre haben mich sehr hungrig gemacht.“

Sam rollt mich herum, legt sich auf mich und hält mich unter sich fest. Mein Körper reagiert sofort.

„Gefällt dir das?“, Sam lacht.

„Was denkst du?“, frage ich provozierend.

„Dir ist klar, dass ich an nichts anderes denken kann, wenn du in meiner Nähe bist?“

Er presst mich an sich, dreht sich mit mir und zieht mich auf seinen Bauch. Seine Hände streichen meinen Rücken hinunter. Seine Finger umfassen meinen Po und kneten gefühlvoll.

„Das will ich hoffen“, seufze ich.

Sein Mund sucht meinen. Er zieht mich in den Sog aus Lust und Begehren. Mein Leben und meine Liebe gehören Sam. So ist es vom dem Moment an gewesen, als ich ihn sah und so wird es sein, bis zu meinem letzten Atemzug.

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„Es ist noch nicht einmal die Demütigung, Geschichten schreiben zu müssen, die unter meiner Würde sind. Das ist mir egal,  aber nicht an meinen Sachen arbeiten zu können, obwohl es das Einzige ist, das ich je gewollt habe. Ich habe das Gefühl, dass das ganze Material in mir drin schlecht wird. Wenn ich es nicht bald niederschreiben kann, werde ich es für immer verlieren.“

„Ich kann nicht. Ich bin zu müde, um nachzudenken. Morgens überkommt es mich manchmal, aber bevor ich irgendwas aufschreiben kann, schreit das Baby oder ich muss zur Arbeit aufbrechen. Und am Ende des Tages sind dann keine Worte mehr übrig. Außerdem sind wir hier so weit von allem entfernt. Ich habe keine Ahnung, wer gerade was schreibt und was wichtig ist.“

Aus Madame Hemingway, Paula McLain

Zurzeit lese ich gerade Madame Hemingway (siehe Zitate). Das Buch ist gut und flüssig geschrieben, und beschreibt die Beziehung zwischen Hemingway und seiner ersten Frau, während der Jahre in Paris. Teils wahr, teils fiktiv. Davor habe ich Hemingways Buch „Paris – ein Fest fürs Leben“ gelesen. (Inspiriert durch Woody Allens Film: Midnight in Paris, den ich übrigens genial finde und wegen seiner Atmosphäre liebe.)

Ich liebte „Paris – ein Fest fürs Leben“ von der ersten Zeile. Das Leben der Boheme der 20er Jahre springt einen an. Schreiben in Cafés, Schriftstellerzirkel, gemeinsame Verlage und Projekte, Dispute, gemeinsame Reisen, Feste, Familien, Affären. Und neben all dem schrieben sie sich die Seele aus dem Leib. Ein kreatives Knäul aus Schriftstellern, Verlegern und Förderern.

Kunst war Kunst, um der Kunst willen (bis es plötzlich chic war Künstler zu sein oder einen zu kennen). Man trieb sich gegenseitig an und entwickelte sich weiter. Das Schreiben stand an erster Stelle.

Das ewige Ringen nach dem Wort. Eine Qual, ohne die ein Schriftsteller nicht leben kann, denn nichts kommt dem Gefühl gleich, einen guten Text zu schreiben. Wir haben nichts, nur unser Talent und unsere Motivation, auch das erkämpfen wir uns schwer. Wer kann einen Schriftsteller verstehen? Ein anderer Schriftsteller, wenn man Glück hat.

Hemingway war ein Genie, man mag ihn mögen oder nicht, Ansichtsache. Er hatte ein Kriegstrauma, kein Geld, aber eine Familie, die er ernähren musste, diverse Rückschläge usw. Eine Kerze, die an zwei Enden angezündet wird, verbrennt schneller. Ich weiß, wie anstrengend es ist alles im Gleichgewicht zu halten. Familie, Arbeit, der Alltag mit allem was an Sorgen dazu gehört, und das Schreiben, dass ich tun muss, auch wenn ich kein Schriftstellergenie bin.

Ich ringe nach Worten, zweifele, schreibe, versuche herauszufinden was einen guten Text ausmacht und mir trotz Schreibregeln, mit dem uns Ratgeber und Gurus zuschütten, nicht den Spaß und die Intuition verderben zu lassen. (Also nicht, dass manche Ratschläge sinnvoll sein mögen – aber zu viel des Guten hemmt den Fluss.) Auf der Suche nach dem wahren Satz, wie Hemingway es nannte. Leider sind auch bei mir nach einem langen Tag, oft keine Worte mehr übrig(siehe Zitat). Mein Kopf ist voll, aber ich kann den Sturm nicht bändigen.

Dazu ein schönes Zitat von Marie von Ebner Eschenbach: „Es schreibt keiner wie ein Gott, der nicht gelitten hat, wie ein Hund.“ Ich will mich nicht beschweren, wenn Leid mich läutern und Musen inspirieren sollen, um ein guter Schriftsteller zu sein, dann bitte, muss ich damit leben. Zumindest bin ich in guter Gesellschaft.

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Noch ein Text über Essen und seine Wirkung auf Beziehungen *g*. Es hätte auch lecker werden können, vielleicht beim nächsten Mal. Entstand übrigens in an demselben Nachmittag, wie der Gewürztext.

Ahle Worscht, Tomaten, Eier, Pecorino, Mozzarella, Mangochutney

Immer wenn er Paris erwähnt, muss ich an das Restaurant-Desaster denken. Tausende gibt es in Paris. Bistros jeder Couleur. Restaurants aller Nationen. Wohin lud Holger mich ein? In einen dieser typisch Touriimbisse. Bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass es solche schäbigen Etablissements in dieser mondänen Stadt überhaupt gab. Holger hatte es mit seinem untrüglichen Gespür fürs Banale gefunden. Wie ein Bluthund, der die Ahle Worscht einen Kilometer gegen den Sturm riechen kann.

Ich wehrte mich mit Händen und Füßen. Holger, der die stoische Ruhe eines Bernhardiners hat, um bei den Hundevergleichen zu bleiben, ließ sich nicht abbringen. Mit größter Skepsis bestellte ich ein Omelette aus drei Eiern mit verschiedenen Käsesorten, Tomatensalat und ein Glas Weißwein. Zumindest bei dem Wein könnte nichts schiefgehen, dachte ich. Bis der schmierige Typ, der die Bezeichnung Kellner nicht verdiente, das Glas vor mir abstellte. Es war unsauber, und auf dem Getränk, dass eher ein Gebräu war, schwamm Kork. Mein erster Impuls war mich zu beschweren. Als ich die glasigen Augen des „Kellners“ sah, unterließ ich es.

Endlich wurde das Omelette serviert. Ich rechnete kaum noch damit und wurde enttäuscht. Es gab weder den angekündigten Pecorino noch den Mozzarella. Den Tomatensalat hatten sie ersatzlos gestrichen. Stattdessen hatte jemand einen Löffel Mangochutney auf den Teller geschüttet. Ich sagte Holger, dass in diesem Bistro so einiges stank, und nicht nur das Essen, das vom süßlichen Duft des Hanfs aus der Küche überdeckt wurde.

Im Grunde ist es mir egal, wie chillig das Küchenpersonal drauf ist, aber dies Omelette war der Hohn. Holger zuckte die Schultern.

„Stell dich nicht so an“, sagte er und säbelte an einer Schuhsohle herum, die als Schnitzel deklariert wurde.

Es hatte keinen Zweck mit Holger zu streiten. Kulinarische Genüsse gehören nicht zu Holgers Lebensstil. Ich erwähnte das Essen nie wieder.

„Weißt du noch, Paris … “, sagt Holger.

Er starrt auf den Beitrag im Fernsehen. „Spezialitäten von der Seine.“

Ich halte mich nicht für einen Menschen unüberlegter Handlungen, aber das Fass ist voll, der Pool läuft über, der Schlauch platzt. Ich werde Holger ganz chillig verlassen. Den nächsten Zug nach Paris nehmen und mich mit Pierre treffen. Ich lernte ihn in dem hübschen Bistro kennen, direkt neben der Pension, in der wir damals wohnten. Dort wird eine sensationelle Bouillabaisse serviert. Vivere la France! I love Paris.    

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Ich gehe die Straßen, die ich mit dir gegangen bin. Die Sonne scheint. Damals geregnete es. Paris im Regen, sagtest du, ist für Liebende. Ich hätte ich nicht herkommen sollen. Aber der Mensch ist ein merkwürdiges Geschöpf. Früher oder später kehrt er an den Ort seiner Erinnerungen zurück. Ich wandere als ein Tourist unter vielen am Ufer der Seine entlang. In dem Jahr meiner Abwesenheit hat sich kaum etwas verändert und doch, Paris hat seinen Charme verloren. Ich gebe dir Recht. Paris ist für Liebende.

Damals wäre ich mit dir überall hingegangen. Bis ans Ende der Welt. Soweit sind wir nicht gekommen. Es reichte bei dir nur für das Ende meines Urlaubs. Zeit sich die Tränen vom Gesicht zu wischen und nach vorne zu sehen. Paris ist für Liebende. Vielleicht irgendwann auch wieder für mich. 

Der Song für dieses Lied stammt von Wolfman/Pete Doherty „This ist for Lovers“.

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