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Posts Tagged ‘Obsession’

Der Zerfall – The Changeling

Drama – von Thomas Middleton und William Rowley

Die beiden Dramatiker waren Zeitgenossen Shakespears. Thomas Middleton wurde 1580 in London geboren und war, neben Shakespeare, einer der erfolgreichsten Stückeschreiber der englischen Renaissance.

Über das Stück:
Beatrice–Joanna ist in Alsemero verliebt. Doch ihr Vater Vermandero hat einen anderen, Alonzo, als Ehemann für sie vorgesehen. Aus der Ferne verehrt der missgestaltete De Flores, Diener im Haus Vermaderos, die unberührbare Schöne ebenfalls. Er würde alles, wirklich alles, für sie tun.

Die verzweifelte Beatrice will den ungeliebten Bräutigam loswerden. Sie benutzt den liebeskranken De Flores, um Alonzo zu töten. Als Beatrice ihn auszahlen will, erpresst De Flores sie, als Sister in Crime, und fordert ihre Jungfräulichkeit. Sie gibt sich ihm hin und entbrennt in Leidenschaft für ihn. (Er muss wohl ein guter Liebhaber gewesen sein.)

„Dieser Mann ist einzig! Keiner dient mir wie er! Ist er auch hässlich nun, darauf kommt es nicht an. Man muss ihn lieben!“ Zitat von Beatrice-Joanna – danach.

Der Verlust ihrer Jungfräulichkeit führt zu Verwicklungen in ihrer Hochzeitsnacht mit Alsemero, dem vorgemacht werden muss, dass Beatrice noch Jungfrau ist.

Am Ende fliegen der Schwindel und die Bluttat auf. Alsemero verlässt Beatrice-Joanna. De Flores bringt Beatrice-Joanna und sich um. – So dass sie in der Hölle zusammensein können. –

***

Der Name De Flores bedeutet in Spanisch „von Blumen“, aber er hört sich, wie deflower(entjungfern) oder deflorieren an. Den Begriff deflower gibt es im Englischen seit dem 14. Jahrhundert.

Beatrice-Joannas Name ist ebenfalls ironisch gemeint. Beatrice bedeutet „Glücksbringer“ oder „gesegnet“ und Joanna „Gnade Gottes“. Auch wenn Beatrice De Flores Freude bringt(?), sind die Bedeutungen für die anderen Personen des Stücks das genaue Gegenteil.

Liebe, Obsession, Wahnsinn und Tod. Alles, was eine gute Story braucht, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen.

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Schweißgebadet schreckt sie hoch. Sie hat ein Geräusch gehört. – Vielleicht eine SMS? – Es ist Dunkel. Nur der Bildschirm ihres Computers spendet etwas Licht. Sie hat jedes Zeitgefühl verloren. Ihr Kopf tut weh. Es pocht, als schlüge jemand mit dem Hammer gegen die Schädeldecke. Sie hat einen schalen Geschmack im Mund und unterschwellige Übelkeit kriecht ihre Kehle hinauf. Neben dem PC stehen zwei leere Flaschen Rotwein. Sie hört sein leises Summen. Da wieder dieses unverkennbare Geräusch. – Oh mein Gott, er ist endlich im ICQ und ich hab es verschlafen. –

Wie von Furien gehetzt springt sie aus dem Bett, stolpert und stößt ihr Weinglas vom Tisch, das in tausend Stücke zerspringt. – So ein Scheiß. – Seit zwei Wochen hat er sich nicht gemeldet. Ihr Körper ist ausgezehrt von dieser zerstörenden Sehnsucht. Ihrer ganz persönlichen Obsession. Ein Mann, der sie nur mit Worten stimuliert, sie rasend vor Verlangen auf die Knie sinken lässt, bis sie darum bettele, dass er endlich kommt und sie fickt.  – Fast Tag und Nacht hab ich vor dieser blöden Kiste ausgehalten und ausgerechnet heute Nacht verschlafe ich ihn. –

Im ICQ-Fenster stehen nur ein paar Worte: „Hi, bist du da? Lust auf einen Quickie …“ und „Schade, schläfst wohl schon. Ok, dann mach ich es mir selber … stell mir vor, wie wir es zusammentreiben …“

In ihrem Kopf hört sie seine spöttische Stimme. Er weiß, dass sie nun Amok läuft. Sie will schreien! Aber ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Sie schluchzt, immer stärker schüttelt es sie. Ihr Körper krampft sich zusammen. Sie geht zu Boden, zusammengekauert wie ein geprügelter Hund. Der Schmerz krallt sich an ihr Herz, den quetscht ihren Magen zusammen und rast durch ihren Kopf. Sie heult und lacht, versucht ihren hysterischen Körper zu kontrollieren. – Wenn er nicht bald herkommt und mich fickt, werde ich sterben. – Sterben an ihrer kranken Liebe, an der Achterbahn ihrer Gefühle, sterben am Alkohol, der sie noch aufrecht hält. Aber es ist ihr egal. Sie braucht ihn, wie die Luft zum Atmen, auch wenn es Momente gibt, in denen sie ihn umbringen möchte. Dann könnte ihn keine andere haben. Sie rappelt sich auf. Mit zitternden Fingern zündet sie sich eine Zigarette an und geht auf die Suche nach dem Stoff, aus dem die Träume sind. Sie finde noch eine Flasche Sekt. Trinkt aus der Flasche. Ihr ausgemergelter Körper ist nur noch eine Hülle ihrer fiebrigen Hirngespinste.

– Er ist meine Droge, der Stoff meiner ertränkten Träume. Aber er ist nicht hier, um mich zu ficken. Dabei ist das alles, was ich will. Endlich das tun, was wir die ganze Zeit am PC treiben. Sex haben, jeden Tag Sex. Ich will diesen verdammten Sex. Ich will, dass er mich solange fickt, bis ich tot umfalle. Sterben werde ich sowieso, also warum nicht bei einem guten Fick? Was für ein Tod! Danach nie mehr aufwachen. Nie mehr Spielchen, die mich in den Wahnsinn treiben und ohne die ich nicht mehr leben kann. Nie mehr vergeblich hoffen, dass er kommt, um es mit mir zu treiben. Nie mehr die leeren Versprechungen, dass er kommt, und dann im letzen Augenblick absagt. Nie mehr die Ungewissheit, ob er mich will oder nur sein Ding durchzieht. Los komm und fick mich bis mein Herz versagt, damit ich nie mehr aufwachen muss. – Der ICQ-Ton versetzt ihrem quälenden Gedankenkarussell einen durchdringend Impuls. Sie stürzt an den Schreibtisch. Stößt sich das Schienbein am Couchtisch. Sie fühlt es nicht. – Er ist da! –

„Hey, Prinzessin, wollte mich nur kurz melden. Bin die nächsten Wochen geschäftlich viel unterwegs … denk an dich“, liest sie. „Vielleicht sehen wir uns danach.“

Mit zitternden Fingern gibt sie eine Antwort ein. Drückt auf Senden. Sie sieht, dass er den Messenger schon verlassen hat. Sie stiert auf den Bildschirm. Immer wieder liest sie seine Nachricht, als könnte sie ihnen dadurch eine andere Bedeutung verleihen, oder ihn zur Rückkehr an den PC bewegen. – Er denkt an mich. Er meldet sich, wenn er kann. Wahrscheinlich sehen wir uns, wenn er zurück ist. – Irgendwann füllen sich ihre Augen mit Tränen. Sie setzt die Flasche an, trinkt. – Ich muss nur durchhalten, dann wird alles gut. Ganz bestimmt! –

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Annie Ernaux… „Sich verlieren“ …vielleicht ist es das, was den Reiz des Schreibens für uns ausmacht. Wir können uns ganz darin verlieren. Unsere Gedanken, unsere Wünsche, unser Selbst. Alles hingeben für diese Augenblicke der Liebe, des Rausches. Nicht umsonst sagt man, beim Schreiben kommt der Flow und der kommt, aber nicht zu knapp.

Wer noch nie vor dem PC gesessen und wie wild in die Tasten gehauen hat, weil er die Gedanke schnell auf schreiben muss, die im Kopf wie ein Tornado aufsteigen, der weiß überhaupt nicht was das bedeutet. Ein süchtig machender Rausch, der eine gnadenlose Leere zurück lässt, wenn er vorbei ist. Als würde man aus 10.000 Metern aus einem Flugzeug stürzen. Nicht mal das trifft es ganz. Nach dem Absturz ist von dem Gefallenen nicht mehr viel über, aber der gefallene Autor lebt noch und muss versuchen sich immer wieder aus dem Himmel der Worte in die Abgründe zu stürzen, auch wenn er genau weiß, wie schmerzhaft der Aufprall ist.

Die Liebe und das Schreiben sind Obsessionen. Das steht fest und wenn ich das Buch von Annie E. lese, dann verstehe ich meine Freundin auch besser. Es ist das Heimliche, die Erwartung, die Hoffnung, die Worte, die einen besoffen machen vor Glück und die peinigende Stille, die einen um den Verstand bringt, wenn das Telefon still bleibt. Die quälenden Gedanken und der Körper der fast verhungert, weil er keine Liebe zu fressen bekommt.

Erlebt hab ich das auch, allerdings nicht in diesem exzessiven Ausmaß und trotzdem habe ich gelitten und dachte, nie wieder glücklich sein zu können. Ich denke, dass mein Selbsterhaltungstrieb bei allem Chaos und aller Leidenschaft relativ stark ist. Vielleicht ist das mein Glück, wenn ich bedenke, dass ich schon auf Brücken stand…

Ich überlege, ob ich meiner Freundin das Buch besorge, aber ich fürchte, dass es zu früh ist. Eine Obsession verschwindet nicht einfach, weil der andere nicht mehr zur Verfügung steht…, aber irgendwann gebe ich ihr die Story.

Eine Schriftstellerin und eine unheilvolle Leidenschaft. Ein Teil unseres Lebens, der Rausch, das Glück, der Absturz, aufstehen und wieder von vorn anfangen. Man bekommt Übung…nicht umsonst waren und sind scheinbar Schriftsteller besonders gefährdet was Drogen betrifft.

Aber ohne geht es nicht. Weder ohne Liebe noch ohne Schreiben.

„Ich kann auf der Welt nur zwei Dinge ertragen: Liebe und Schreiben, der Rest ist schwarz“.  Annie Ernaux

Was gibt es sonst noch zu sagen? Nichts!

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