Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Notizbuch’

Tintenfass, Bleistift, Duftkerze, Schere, Kaffeetasse, Federhalter, Lesezeichen, Kalender, Brille, Orchidee, Hexensteine, Tagebuch, Schal, Briefe, Notizbuch …

 

In meiner linken Hand fühlte ich die Hitze des Hexensteins. Ein Duft aus Sandelholz und Weihrauch hüllte mich ein. Ich konzentrierte mich völlig auf mein Vorhaben. Behutsam tauchte ich die silberne Feder in die nachtschwarze Tinte. Vorsichtig setzte ich die getränkte Spitze auf das feine Papier meines Notizbuches. Zaghaft schrieb ich das erste Wort. Scharf hoben sich die dunklen Buchstaben auf dem cremefarbenen Papier ab. Nichts ist für immer und doch kam es mir vor, als könnten meine Worte die Ewigkeit überstehen. Das zweite Wort wurde sichtbar, dass Dritte und so fort. Immer schneller glitt die Feder über das Papier. Füllte Seite um Seite.

Ich befand mich in einem Rausch und vermochte nicht aufzuwachen. Ich ging durch die Räume meiner Fantasie, während die Feder meine Geschichten aufschrieb. An nichts anderes konnte ich denken, weder Hunger noch Durst verspüren. Tage vergingen ungesehen, Nächte huschten an mir vorbei. Allein die Feder bannte Worte auf Papier. Anfangs nährte mich die Euphorie, aber je länger es dauerte, umso mehr zehrte sie mich aus. Gleichwohl vermochte ich mich nicht zu lösen. Nur noch ein Schatten meiner selbst verhallte irgendwo auf den gefüllten Seiten mein Leben, in dem Wunsch etwas Großes zu hinterlassen.

Ich erkannte, dass ich sterben würde. Mit der Feder in der Hand. Die Folge des unbedachten Wunsches, mich aus der Masse herauszuheben. Besonders zu sein. Mich auf den Blättern, die meinen Kosmos bedeuten, verewigt zu sein. Nicht zufrieden mit dem langweiligen, seichten Leben, dass die Welt mir bot. Nein, ich wollte hinaufsteigen in die höchste Höhe und hinab in die tiefste Tiefe. Wollte alles. Dass ich dafür alles geben musste, hatte ich nicht bedacht.

Es war zu spät. Die Tinte neigte sich dem Ende und die Feder war bereit den Schlusspunkt zu setzen. Ich spürte den Hexenstein in meiner Hand erkalten. Er brannte aus, so wie ich meine Lebenskraft verbrannt hatte, in dem Bestreben nie vergessen zu werden und damit unsterblich zu sein. Die Kunst ist eine fordernde Gebieterin. Es gibt nur Alles oder Nichts. Ich hatte meine Wahl getroffen und bezahlte den Preis. Ein Leben für Worte.

Read Full Post »

Als ich erwache, schläft Raoul noch. Seine langen dunklen Wimpern werfen einen Schatten auf seine sonnengebräunte Haut. Was ist es nur, dass mich so sehr zu ihm hinzieht. Er ist keine klassische Schönheit, sondern eher ein markanter Mann. Vielleicht ist es das Hochziehen der Augenbrauen, wenn er lächelt. Das verschmitzte Schmunzeln, wenn ich etwas sage, das ihn amüsiert, oder seine Präsens. Selbst wenn er mich nicht berührt oder neben mir steht, bin ich mir seiner Nähe und seiner Aufmerksamkeit bewusst.

„Oh, du bist wach!“, höre ich Liam leise sagen, „hast du Lust auf einen Kaffee?“

„Gerne warum nicht.“

Ich betrachte Raouls entspanntes Gesicht und denke, dass es besser ist, wenn er noch etwas schlafen kann. Schnell schreibe ich ihm einen Zettel, auf dem steht, dass ich mit Liam ins Bordrestaurant gegangen bin. Die Zeit vergeht wie im Flug. Liam ist ein anregender Unterhalter. Er ist schon viel gereist und hat viele Länder und Menschen kennengelernt. Gebannt höre ich zu, wie er von Bräuchen und Gewohnheiten berichtet, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte. Liam hat einige lustige Begebenheiten zu erzählen, die er aufgrund von Missverständnissen erlebte, da er sich in den landestypischen Gebräuchen nicht auskannte. Wir lachten und scherzten, als würden wir uns schon eine Ewigkeit kennen. Das schätze ich so an dieser ungewöhnlichen Reise. Ich darf Menschen kennenlernen, denen ich mich verbunden fühle und die ich niemals vergessen werde. Wer weiß, vielleicht würde ich sie irgendwann unter anderen Umständen wieder sehen. Nach dem Frühstück nahmen wir Kaffee und belegte Brötchen mit zu unserem Abteil, da Raoul nicht erschienen war.

„Er war gestern noch lange wach“, bemerkte Liam, auf meine Frage, ob Raoul gestern Abend auch gleich eingeschlafen wäre, „und hat über deinen Schlaf gewacht.“

Liam zwinkert mir zu und schmunzelt. Aber als wir ins Abteil kommen, ist Raoul fort. Alles. Sein Koffer, sein Rucksack. Einzig eine kleine Schachtel mit einer zierlichen Schleife steht auf meinem Platz. Kein Zettel, kein Wort. Er ist verschwunden. Ich lasse mich auf meinen Sitz gleiten. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Was hat das zu bedeuten? Was ist passiert? Ich erinnere mich, dass der Zug auf einem kleinen unbedeutenden Bahnhof kurz hielt, während wir im Restaurant saßen. Dort muss er ausgestiegen sein, aber welchen Grund hatte er, ohne ein Wort zu gehen. Liam setzt sich neben mich. Mitfühlend schaut er mich an.

„Es tut mir leid“, sagt er leise.

Dann zieht Liam mich sanft in seine Arme. Ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich kann nichts tun. Raoul ist gegangen, ohne Worte und ohne die Gelegenheit zu klären, warum. Ich werde weiter suchen müssen und mir bleibt nur diese kleine Schachtel, die er mir hinterlassen hat. Mein Herz blutet stärker, als mein Tränenfluss erahnen lässt.

„Du wirst ihn wieder sehen, ganz bestimmt“, flüstert Liam mir ins Ohr, „wenn es wahre Liebe ist.“

Dann legt er mir die Hand unter das Kinn, schaut mir tief in die Augen. Für eine atemlose Sekunde hält die Zeit an. Seine Lippen senken sich auf meine und Liam küsst mich so zärtlich, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit den Kopf hebt und mich ansieht, bin ich total verwirrt.

„Was hast du getan?“, wispere ich kaum hörbar.

„Das, was ich schon seit Stunden tun wollte“, Liam lächelt, „du bist schön, du bist klug. Nur leider“, er wird ernst, „bist du ein verlorenes Kind.“

„Woher weißt du das?“, frage ich überrascht.

„Weil es noch andere gibt wie dich. Ich sagte dir ja, dass ich viele lange Reisen gemacht habe und dort habe ich sie getroffen.“

„Im Zug?“

Liam lacht leise.

„Nicht nur im Zug. Im Flugzeug, zu Fuß, auf Rädern, in Bussen und Autos. Allerdings bevorzugen die meisten Verlorenen Fortbewegungsmittel in denen sie mit anderen Menschen in Kontakt treten können.“

„Und woran erkennst du sie?“, meine Neugier ist übermächtig.

„An ihren Augen, ihren Worten, ihrem Verhalten. Das kommt ganz darauf an, aber sie haben eins gemeinsam, sie sind alle auf der Suche nach zu Hause.“

„Wie findet man zu Hause?“

Mein Herz rast wie wild. Kann Liam mir sagen, wie ich den Ort finde an dem Zuhause ist?

„Nein, Noelle, das kann ich leider nicht“, Liam schüttelt traurig den Kopf, „wenn ich das wüsste, dann würde ich es dir sagen. Aber all die verlorenen Kinder, die ich auf meiner Reise traf, waren auf der Suche und keiner von ihnen wusste, welches Ziel ihn erwartete.“

„Herr Grimm hat mir gesagt, ich soll die Augen schließen und mir den Ort vorstellen. Aber außer dem Duft von Kaffee und Schokolade war da nichts“, sage ich bekümmert, „was soll ich nur tun.“

Liam zieht mich an sich, küsst mein Gesicht und meinen Mund.

„Du bist so wundervoll. Komm mit mir. Du wirst alles haben, was du dir wünscht.“

„Das ist ein nettes Angebot und ich danke dir dafür“, sage ich.

„Aber du wirst es nicht annehmen, habe ich Recht?“, fragt er und ich höre Traurigkeit in seiner Stimme.

„Ich kann ich es nicht annehmen. Ich muss weiter suchen, auch wenn ich nicht weiß wie.“

„Das habe ich befürchtet. – Aber leider muss ich dich bald verlassen.“

„Ich weiß“, meine Stimme versagt mir fast den Dienst, „halt mich bitte noch ein bisschen fest.“

Ohne weitere Worte nimmt Liam mich ganz fest in seine Arme, und als sein Mund meinen sucht, lasse ich es geschehen. Ich weiß, dass Liam gehen muss. Seinen Weg zu suchen. Doch das Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit wird mir fehlen. Besonders da mich Raoul verlassen und eine tiefe Lücke in mein Herzen geschlagen hat. Der Zug hält an einem kleinen Bahnhof. Liam drückt mich noch einmal ganz fest an sich und streicht mir zärtlich eine Locke aus dem Gesicht.

„Es fällt mir schwer dich allein zu lassen, aber ich muss gehen.“

Liam küsst meine Stirn.

„Pass auf dich auf, ich werde dich niemals vergessen und wer weiß, vielleicht wird uns das Schicksal noch einmal zusammenführen.“

Ich nicke nur. Mein Hals ist wie zugeschnürt.

„Pass auch auf dich auf. Du wirst mir fehlen.“

„Du mir auch“, presse ich heraus.

Liam zwinkert mir zu, dann nimmt er seinen Koffer und geht. Ich öffne das Abteilfenster, strecke meinen Kopf hinaus, und als der Zug sich in Bewegung setzt, winke ich Liam zu, bis ich ihn nicht mehr sehen kann. Tränen laufen mir über die Wangen. Der blöde Fahrtwind. Ich schließe das Fenster, aber die Tränen laufen weiter über meine Wangen. Noch nie auf dieser Reise war ich so einsam. Das könnte auch daran liegen, dass ich noch nie solche Gefühle empfunden habe. Eine tiefe heiße Leidenschaft für Raoul und andererseits ein warmes inniges Gefühl für Liam. Habe ich einen Fehler begangen, als ich mich von Liam verabschiedet habe? Hätte ich mit aussteigen sollen, um mit ihm zu gehen? Aber ich mache mir nichts vor, mein Herz hätte es nicht zugelassen. So nah ich mich Liam gefühlt habe, wenn ich an Raoul denke, weiß ich, dass es ein Betrug gewesen wäre. Ich hätte ihn nicht so lieben können, wie er es verdient. Aber hätte nicht aus tiefer Zuneigung Liebe werden können?

Ich möchte einfach nicht mehr denken, in mir geht alles Drunter und Drüber. Meine Gefühle, mein Herz spielen verrückt. Allein der Gedanke, dass es andere gibt, die verloren sind und ihren Platz in dieser verrückten Welt suchen, beunruhigt und beruhigt mich zugleich. Ob sich die Verlorenen erkennen? Oder ob wir aneinander vorbei laufen und uns verpassen, zum Beispiel auf einem überfüllten Bahnhof. Die Vorstellung, dass ich andere getroffen und nicht erkannt habe, macht mir Bauchschmerzen.

Um mich abzulenken hole ich die Notizbücher aus meinem Rucksack. Ich wünschte Raoul wäre hier und ich könnte ihm eine Geschichte vorlesen. Oder wenn er mir eine Geschichte vorlesen würde, so wie gestern Nacht, als er sich mit seiner magischen Stimme in meine Gedanken und in meine Seele geschlichen hat. Was wäre geschehen, wenn er mich geküsst hätte, wenn seine Hände meine Haut berührt und seine Stimme mir Liebkosungen zugeflüstert hätten? Allein die Vorstellung lässt mich erschauern. Ich blättere gedankenverloren in den Notizbüchern herum. Manche Texte sind in Briefform abgefasst, oder in Gedichten und Liedern. In einigen gibt es Bilder und fremde Zeichen, wie Runen oder chinesische Schriftzeichen. Manche Bilder ergeben ganze Geschichten, wie ein Comic. Und manche Bilder sind wie abstrakte Malerei schwer zu durchschauen. Zwischendurch sind immer wieder leere Seiten, die ich füllen könnte. Und auf manchen Seiten sehe ich, wie sich meine Gedanken zu Worten verdichten und wie von Zauberhand erscheinen. Vielleicht sollte ich etwas schreiben, einen Brief oder ein Gedicht. Aber zuerst krame ich in meinem Rucksack nach meinem Etui. Als ich es endlich gefunden habe, nehme ich meinen Lieblingsstift und suche mir im Buch „Erzählungen vom Leben“ eine leere Seite. Ich widme sie Raoul:

„Liebster Raoul,

ich weiß nicht wohin du gegangen bist oder warum, aber mein Herz trauert. Meine Augen würde es dir verraten, wenn du bei mir wärst. Auch wenn ich keine Tränen vergieße, so weint mein Herz doch den ganzen Tag. Es mag kitschig oder illusorisch klingen, aber dein Fortgehen hat mir einen Teil meines Mutes und meiner Zuversicht genommen, jemals den Ort aufzuspüren, an dem ich mich finden kann. Ein Blick in deine magischen Augen hat mir ein Stück meiner Selbst und meiner Zukunft gezeigt. Wie kann es ohne dich eine Zukunft geben? Werde ich dir auf ewig Geschichten schreiben? Dir meine Gedanken auf dem Weg des Windes schicken müssen, oder werden wir uns wiedersehen.

Ich habe erfahren, dass es andere wie mich gibt, die verlorenen Kinder, auf der Reise zu sich selbst. Vielleicht ist der Ort des Findens kein wirklicher Ort mit Häusern, sondern der Platz in seinem eigenen Herzen? Ich weiß es nicht, denn bis ich dich traf, dachte ich, dass ich mein Herz sehr gut kennen würde, aber das ist wohl nicht der Fall gewesen. Als ich dich sah, dein Lächeln, das dein ganzes Sein erstrahlen lässt, war es, wie nach Hause kommen. Jetzt in meiner Einsamkeit ist es, als hätte jemand alle Lichter gelöscht und mich in der Dunkelheit zurück gelassen. Du musst ein Teil meines Lebens sein, oder sollte ich mich so getäuscht haben? Hat mein Herz mich verraten? Hat es mir die Liebe nur vorgegaukelt? Ich würde mir wünschen, ich könnte das glauben und vergessen. Aber es gelingt mir nicht, denn ich bin auf die Reise gegangen, um zu finden und ich habe dich gefunden. Wie lange werde ich suchen müssen, um dich zu finden? Es könnte sein, du willst nicht gefunden werden, weil du auf deiner eigenen Reise bist und dir das Schicksal etwas anderes bestimmt hat, aber wie könnte es so grausam sein? In mir erklingt die Melodie, die du mir vorgespielt hast. Sie übertönt alles andere und nimmt mich gefangen.

Liam ist gegangen. Er wollte mich mitnehmen, aber ich konnte nicht mit ihm gehen. Mit der Liebe spielt man nicht, besonders nicht, wenn man merkt, dass man einem anderen Menschen nicht dieselben Gefühle entgegen bringt, wie er es tut. Wie soll er sonst jemals seine wahre Liebe finden, wenn man aus Selbstsucht und aus Angst vor dem Alleinsein das Herz eines anderen blind macht. Aber vielleicht hast du ja auch diesen Weg gewählt, als du mich verlassen hast? Möglicherweise hast du gesehen, wie mein Herz blind wurde, und wolltest mir einen größeren Kummer ersparen. Eines Tages werde ich es wissen. Bis dahin wird mich deine Melodie begleiten.

In Liebe, Deine Noelle.“

Ich lasse den Stift sinken und schließe die Augen. Vor mir sehe ich Raouls Lächeln und mein Herz verkrampft sich vor Schmerz. Ich spüre, wie mir heiße Tränen in die Augen steigen und ich versuche sie herunter zu schlucken, aber es gelingt mir nicht. Sie winden sich durch meine gesenkten Lider und laufen mir die Wangen herunter. Es tut so weh, dass es keine Worte dafür gibt. Wie kann man beschreiben, wenn ein Herz bricht? Es ist wie Feuer und Eis. Der Gedanke, dass der Andere einen nur nicht erkannt hat, fügt der Qual noch eine besondere Schärfe hinzu.

Ich erinnere mich an einen Satz, den ich einmal irgendwo gehört habe: „Hast du schon einmal gedacht, wenn dieser besondere Mensch dich einfach nur genau betrachten würde, dich wirklich kennen würde, dann würde er genau wissen, dass du der oder die Richtige für ihn bist.“ Und ist es nicht dass, wonach wir uns sehnen? Erkannt zu werden. Unter unserer Unsicherheit, den kleinen und größeren Macken, unseren Schwächen und Ängsten, wollen wir nur eins, von diesem einen besonderen Menschen erkannt werden. Spüren, dass er unsere Einzigartigkeit erkennt und uns liebt, so wie wir sind. Nirgendwo wird soviel gespielt, verschleiert, betrogen und getäuscht wie in der Liebe.

Das macht mich traurig. Ist es der Egoismus unserer Zeit. Früher wurden Ehen arrangiert, jeder wusste, was von ihm erwartet wurde, Liebe spielte keine Rolle. Keine sehr glückliche Angelegenheit in meinen Augen, aber heute projizieren viele Menschen ihr Glück auf einen anderen. Das kann nicht gut gehen. Jeder muss sein Glück für sich selbst bestimmen und wenn man dann einen anderen Menschen findet, den man lieben darf und der einen wieder liebt, dann ist das eine schöne Zugabe für das Leben. Aber man darf keinem Menschen zumuten, der Faktor für die eigene Zufriedenheit zu sein. Diese Last ist einfach zu groß.

„Warum bist du so traurig?“, höre ich eine interessierte Stimme.

Erschrocken schlage ich die Augen auf. Ich muss wohl eingedöst sein, denn ich habe gar nicht bemerkt, dass jemand mein Abteil betreten hat. Irritiert sehe ich mein Gegenüber an. Ungläubig reibe ich mir die Augen, ich bin mir sicher ich träume, dass was ich sehe, kann nicht echt sein. Aber das unfassbare Bild verschwindet nicht vor meinen Augen. Mir gegenüber sitzt ein Faun.

„Kannst du nicht sprechen?“, fragt die Gestalt, „bist du stumm?“

Ich schüttele den Kopf.

„Wer bist du? Wie bist du hier hergekommen? Bist du echt? Was willst du von mir?“, sprudelt es aus mir heraus.

„Oh, so viele Fragen“, antwortet er, „also erst einmal möchte ich mich dir vorstellen. Es wäre sicher unhöflich dich solange im Ungewissen über meine Herkunft zu lassen.“

Er steht auf, verbeugt sich galant und sagt:

„Mein Name ist Puck, Oberons Hofnarr und Berater.“

„Ich bin Noelle Snow“, antworte ich mechanisch.

„Ich weiß, wer du bist“, Puck lacht, „was denkst du, warum ich hier bin.“

Ich zucke ahnungslos mit den Schultern, ohne meinen Blick von ihm abzuwenden. Das ist unmöglich. Es gibt keine Faune in dieser Welt, alles nur Fantasiegestalten von Schriftstellern und Künstlern.

„Du irrst dich, mein Kind“, sagt Puck, „es gibt uns. Nur weil ihr nicht an uns glauben wollt, heißt das noch nicht, dass es uns nicht gibt.“

„Du kannst meine Gedanken lesen!?“

„Nein, nicht direkt, aber diesen ungläubigen Blick habe ich schon zu oft gesehen, um ihn nicht deuten zu können“, Puck grinst, „was meinst du, wie Shakespeare mich angesehen hat, als ich plötzlich vor ihm stand?“

„Aber wieso bist du hier?“, frage ich immer noch unter Schock.

„Du armes Kind“, mitleidig sieht er mich an, „der Verlust des jungen Mannes, muss dich sehr mitgenommen haben.“ Nachdenklich streicht er sich über seinen Ziegenbart. „Du hast mich gerufen.“

„Daran kann ich mich nicht erinnern“, muss ich zugeben.

Pucks Augen blitzen mich plötzlich schelmisch an.

„Das könnte sein. Aber du bist doch unglücklich und haderst mit der Liebe?“

„In gewisser Weise könnte man das sagen“, überlege ich, „aber ich habe dich nicht gerufen.“

„Nein, natürlich nicht direkt, aber wenn du Shakespeare gelesen hast, und das setze ich bei so einem kapriziösen Mädchen, wie dir einfach voraus, dann weißt du, was Oberon mir aufgetragen hat. Damals.“

Ich bin mir nicht sicher, was es mit dieser Situation auf sich hat, aber ich beschließe, gute Mine zum verrückten Spiel zu machen.

„Ja, ich weiß, dass du das Blümchen, das durch Amors Pfeil getroffen, purpurn wurde, holtest, damit Oberon es Titania ins Auge träufeln konnte, um für ihren Hochmut bestraft zu werden.“

„Ich wusst`s!“, Puck schlägt sich mit der flachen Hand auf seine haarigen Ziegenbeine, „du bist ein belesenes Mädchen.“

Die Begeisterung hält ihn nicht auf seinem Platz. Er steht auf und setzt sich neben mich. Puck hat einen merkwürdigen Geruch an sich, der meine Sinne benebelt. Dabei riecht er nicht nach Stall, wie man vermuten könnte, sondern nach sonnenverwöhnten Wiesen, auf denen man die Mohnblumen blühen sieht, nach klarem Quell in dunklen Tannenwäldern und duftenden Fichtennadeln. Es ist betörend und sinnlich. Ich muss mich sehr konzentrieren, um den Faden meiner Gedanken nicht zu verlieren.

„Ich bin gekommen dir zu helfen, deine Liebe wieder zu finden.“

„Das könnte einige Schwierigkeiten in sich bergen“, sage ich traurig, „denn ich bin eine Verlorene. Wie willst du etwas finden, das eine Verlorene verloren hat.“

Puck lacht hell auf und seine grün-gelblichen Augen sprühen Funken.

„Ich bin Puck! Schon vergessen? Ich habe schon alle Gestade bereist. Von Süd nach Nord und Ost nach West. Ich ziehe einen Gürtel um die Erde in nur viermal zehn Minuten.“

„Ja, ich erinnere mich. Du bist wirklich schnell, aber du bist auch ein Schelm, ein Kobold und ein Poltergeist“, weise ich ihn mit einem Lächeln zurecht.

Langsam fängt es an mir Spaß zu machen, mit diesem lustigen Faun zu reden. Mit gespieltem Ernst zieht Puck eine Augenbraue hoch und schüttelt den Kopf.

„Ich schwöre euch, hoch und heilig, dass ich nur die besten Absichten habe. Oberon persönlich hat mich geschickt, dir zu beizustehen.“

Puck nimmt meine Hand und haucht mir einen Kuss auf den Handrücken. Seine sinnlichen Lippen zucken verräterisch und ich frage mich, wie viel Wahrheit in seinem Schwur steckt.

„Wenn also, ganz überraschend, Oberon hier hereinschneien würde, hättest du keine Bedenken deinen Schwur zu wiederholen.“

Einen kurzen Moment zögert er und sieht mich mit treuherzigem Blick an.

„Nur ein ganz kleines Bisschen“, antwortet Puck, „aber Oberon hätte bestimmt Verständnis dafür, denn immerhin hat er auch Hermia und Lysander und Helena und Demetrius zu ihrem Liebesglück verholfen. Und sei ehrlich – es sah schon sehr düster aus für die beiden Paare.“

„Ich kenne dir Geschichte. Du hast nicht aufgepasst und die Tropfen in die falschen Augen geträufelt.“

Ich entziehe Puck meine Hand.

„Es war ein Versehen, glaub mir. In der Dunkelheit, die Kleidung – ich kann nichts dafür“, stammelt er verlegen.

„Zum Glück ist alles gut gegangen.“

„Und alle wurden glücklich. Darum kommen wir jetzt zurück zu meinem Angebot. Lass mich dir helfen.“

Ich sehe in Pucks Gesicht. Es scheint ihm wirklich ernst damit zu sein.

„Das ist sehr nett von dir. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn du noch eine Weile bei mir bleibst, aber ich möchte nicht, dass Raoul mich liebt, weil du seine Augen beträufelst. Sondern, weil er mich so liebt, wie er mich sieht.“

„Und wenn er dich nicht genug liebt. Die Blume könnte helfen“, gibt Puck zu bedenken.

„Nein, danke. – weißt du was mich interessieren würde?“, frage ich.

„Was denn?“

„Wie war Shakespeare so?“

„Oh, er war ein talentierter Mann, mit vielen Ideen und Visionen, aber das war es auch, was ihn so anfällig für Störungen machte. Wen er sich verliebte und das waren leider meistens unglückliche Lieben, dann hatte er Schreibblockaden und wusste nicht weiter.“

„Das scheint mir ein allgemeines Problem von Künstlern zu sein“, stelle ich fest.

„Ja, mit besonderer Häufigkeit ist das der schreibenden Zunft vorbehalten. So ganz unter uns, die Schreiberlinge sind ganz schön empfindlich, wenn es um solche atmosphärischen Störungen geht.“

„Höre ich da einen gewissen Spott in deiner Stimme“, frage ich belustig.

„Durchschaut“, Puck zwinkert mir zu, „aber ich habe einige äußerst interessante Charaktere kennengelernt.“

„Wirklich, das ist beeindruckend. Wen hast du alles kennen gelernt?“, die Neugier hat mich gepackt.

„Tut mir leid, aber Oberon hat mir verboten darüber zu reden.“

Puck blickt nach rechts und links, als ob uns jemand belauschen könnte. Dann rückt er noch etwas näher, hält seine Hand vor den Mund und flüstert:

„Aber ich kann dir versichern es waren viele Dichter, zum Beispiel Rilke, Goethe, Wilde und noch einige andere, denen mein Herr und ich auf die Sprünge geholfen haben.“

„So, so“, ich muss lachen, „die Literatur der Welt beruht auf der Fantasie eines Elfenkönigs und seines Fauns.“

„Ja, mein Kind, so ist es.“

Puck erhebt sich, macht eine leichte Verbeugung und sagt:

„Liebes Kind, ich werde sie jetzt verlassen.“

„Wie schade“, bedauere ich, „werden wir uns wieder sehen.“

„Ich weiß es nicht. Ich bin auf Geheiß meines Herrn Oberon gekommen, sicher hat er inzwischen wieder einiges für mich zutun.“

Er verdreht die Augen und lacht leise.

„Chefs, eben. – Darf ich dich um etwas bitten?“

„Gerne was möchtest du denn?“, frage ich.

„Einen Kuss?“

Irgendwie hatte ich mir das schon gedacht und schmunzele.

„Ausnahmsweise.“

Puck beugt sich zu mir herunter, küsst mich sanft auf die Wange und sagt leise:

„Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du ihn wieder findest und glücklich wirst. Egal wohin dich deine Reise führt.“

Er dreht sich um und geht zur Tür.

„Du bist ein wundervolles Mädchen“, sagt er noch, bevor die Tür leise wieder in ihre Ausgangsposition geleitet.

Read Full Post »

Heute kam das Gespräch auf Laster…so die üblichen Dinge: Rauchen, Alkohol. Das ließ mir keine Ruhe. Ich rauche nicht, trinke selten. Welches sind meine Laster? Also nicht dieser Kleinkram, gerne Schoki essen, ab und an mal ein bisschen Klimbim kaufen, sondern ein Laster, eher eine Sucht, die mich nicht loslässt.

Schreiben und Lieben. Auf diese Dinge kann ich auf keinen Fall verzichten. Ich habe seit einigen Tagen keine Schokolade gegessen und es stört mich nicht. Ich denke noch nicht mal dran und habe keinen Jap danach. Kleinkram eingekauft hab ich das letzte Mal vor fünf Tagen und ich habe nicht das Gefühl ich sollte es schon wieder tun. Allerdings weiß ich nicht, wie groß das Verfallsdatum in Bezug auf die Zeiträume von Suchtwiederholungen sind?

Beim Schreiben und Lieben liegen die Dinge anders. Es gibt keinen Tag an dem ich nicht schreibe, oder an das Schreiben denke. Und wenn es nur zwei, drei Zeilen sind, ich will jeden Tag etwas hinterlassen. Einen winzigen Fingerabdruck des Tages an dem ich lebte. Wenn ich es nicht schaffe, diese Spur zu legen, bin ich in gewisser Weise unglücklich und ich denke nur daran, wann ich endlich wieder an meinem PC bin, oder ich ein Stück Papier in die Hand kriege. In freien Minuten denke ich an meine Geschichten, an eine Idee, die mir durch den Kopf geht…

…und mit der Liebe geht’s mir so ähnlich. Ich habe in meiner Single-Zeit gelernt, dass ich gut allein klar komme und meine Sachen regeln kann…und doch ist es Liebe auf die ich nicht verzichten kann. Ich liebe die Liebe, jeden Tag. Das Verliebtsein, die Energie, das Herzklopfen, das Kribbeln und die Spannung. Und ich gebe es zu, ich liebe sogar das unselige Herzschmerzgefühl. Ist schon verrückt, aber nichts macht einen so kreativ wie die Liebe(und die unerfüllte umso mehr). Meine besten Gedichte schreibe ich im Angesicht einer unglücklichen Liebe oder unerreichbaren Muse und am besten kann ich über Erotik schreiben, wenn ich Sehnsucht habe, diese allesverzehrende, fatale Sehnsucht. Die wildesten Storys fallen mir ein, wenn ich verliebt bin und mir vorstelle, wie ich diese Person erobern würde.

So schließt sich der Kreis. Schreiben und Lieben. Lieben und Schreiben. Ich brauche meine Dosis jeden Tag, sonst kommen unweigerlich die Entzugserscheinungen und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, die sind schlimm, wirklich schlimm. Also habe ich immer ein Notizbuch und Stifte in der Tasche, damit ich zumindest einem Teil meiner Sucht frönen kann, wenn ich es nicht mehr aushalte. Und verliebt bin ich immer irgendwie und wenn es nur in den schönen Tag ist…und …alles andere fällt unter die Schweigepflicht.

 

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: