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Posts Tagged ‘Normannen’

Rosalie schaut auf die Uhr über dem Kaminsims. Inzwischen ist eine dreiviertel Stunde vergangen. – Was kann zu dieser Zeit so lange dauern? – Rosalie verlässt Gils Zimmer und tritt auf den Flur. Kein Laut ist zu hören. Sie zögert. – Ach, was soll`s. –

Rosalie geht die Treppe hinunter. Zuerst versucht sie ihr Glück im Arbeitszimmer. Der Raum ist dunkel und unbenutzt. In der Bibliothek hat sie mehr Glück. Im Kamin glühen die letzten Holzscheite und der imposante Schreibtisch wird von einer Lampe erhellt. Rosalie tritt näher. Bücher liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, Karten entfaltet, mit Linien, Kreisen und Kreuzen gekennzeichnet.

Einen Plan erkennt Rosalie wieder. Er fiel ihr am Morgen in die Hände, als sie auf die Chroniken eines ehemaligen Klosters stieß, das unter der Schirmherrschaft der de Clares stand, bevor Henry Tudors Säuberungsaktion in Kraft trat. – Ich habe ihn doch wieder in das Buch zurückgelegt? – Rosalie faltet den Plan auseinander. Dort sind die Grundrisse der alten Kellergewölbe aufgezeichnet. Mit Tinte sind einige neue Linien eingezeichnet. Rosalie hatte am Morgen dasselbe gedacht, aber niemals hätte sie gewagt einen so kostbaren Plan mit eigenen Notizen zu bekritzeln. – Anthony. Das ist es also, was er Gil zeigen wollte. – Ihr Herz schlägt schneller. – Gil und Anthony – Lady Edna – haben sie es zusammen geplant? – Ihr Inneres wehrt sich energisch gegen den Gedanken. – Andererseits, da ist der verheißungsvolle Schatz. Vielleicht altes Kirchengold, das die geflohenen Mönchen in den Gängen versteckten. An Anthonys Normannen-Theorie mag ich nicht glauben. Hat er Gil mit seiner Begeisterung angesteckt? Das Collier als Schlüssel? –

Rosalie eilt hinauf in ihr Zimmer. Hastig zieht sie eins ihrer schlichten Alltagskleider über, und zieht sich feste Schuhe an. Bevor sie das Haus verlässt, geht sie ins Arbeitszimmer. Dort steht ein Fernsprecher. Sie wählt die Nummer, die Inspektor Robins ihr gegeben hat. Es dauert einen Moment, dann hebt er ab.

„Robins.“

Verschlafen hört er sich nicht an. –

„Hier ist Rosalie. Ich meine, Miss Graville.“

„Guten Abend, Rosalie. Was kann ich für sie tun.“

Sie hört das Schmunzeln in seiner Stimme.

„Es tut mir leid, dass ich sie so spät störe.“

„Kein Problem. Worum geht es?“

„Ich glaube, ich weiß, wer Lady Edna getötet hat.“

„Ja?!“

Rosalie zögert. Ihr Verdacht bereitet ihr Unbehagen.

„Ich glaube es war Gilbert.“

Sie hört, wie sich der Inspektor am anderen Ende der Leitung räuspert.

„Wie kommen sie darauf?“

„Es geht um seine horrenden Schulden und den mysteriösen Schatz. Ich nehme an, er hofft das Gold zu finden, bevor seine Gläubiger ihn finden.“

„Finden sie nicht, dass ihre Bedenken doch etwas weit hergeholt sind? Hätte es nicht gereicht, Lady Edna um das Collier zu bitten?“

„Ich bin mir nicht sicher“, Rosalie resigniert, „entschuldigen sie nochmals die Störung, Inspektor. Ich muss gehen, bevor noch ein Mord geschieht.“

„Wohin?“, Nathan klingt besorgt.

„In die alten Keller unter dem Turm. Dort vermutet Anthony den Eingang.“

„Rosalie, warten sie!“

Sie hat aufgelegt.

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Mister Smith steckt den Schlüssel ins Schloss. Er dreht ihn. Es knirscht. Die anderen Schlüssel an dem großen Eisenring stoßen geräuschvoll aneinander. Es kostet ihn Mühe die Klinke herunterzudrücken. Der Riegel klemmt. Erst nach mehrmaligem Ruckeln springt er auf.

Als Mister Smith die Flügeltür aufdrückt, geben die Scharniere ein unangenehmes Kratzen und Knarzen von sich. Um die Bilder vor der Sonne zu schützen sind die Fensterläden geschlossen. Mister Smith zündet Petroleumlampen an und verteilt sie an den Inspektor und seinen Sergeant. Eine nimmt er selbst und geht voran.

Der Ahnensaal ist riesig. Er hat die Form eines breiten Flures und läuft in der ersten Etage über die komplette Länge des Hauses. Der muffige Geruch abgestandener Luft und die Kälte jagen Rosalie eine Gänsehaut über den Rücken. Sie zieht die leichte Seidenstola enger um die Schultern.

„Sie zittern ja“, flüstert Anthony.

Hastig zieht er sein Jackett aus und legt es ihr um die Schultern. Rosalie erschnuppert Anthonys angenehmen Duft und genießt seine Wärme, die aus dem weichen Wollstoff in ihren Körper fließt. Dankbar nickt sie ihm zu und drückt kurz seine Hand. Anthony ist versucht seinen Arm um Rosalies Schultern zu legen, als er Nathans warnendem Blick begegnet. Er zuckt leicht mit den Schultern und zieht den Arm, unbemerkt von Rosalie, zurück.

Langsam schreitet die kleine Gruppe an den Porträts der de Clares vorüber. Mister Smith geht voraus, dicht hinter ihm die beiden Polizisten, gefolgt von Rosalie und Anthony und einige Schritte dahinter Gil.

Zwischen den Gemälden hängen Kerzenleuchter und weit über ihnen befinden sich die großen Kronleuchter. In der Dunkelheit wirken sie wie vielarmige Ungeheuer, die auf ihre Beute lauern. Es ist viele Jahre her, dass sie angezündet wurden und ihr warmes glitzerndes Licht bei einem glanzvollen Ball über ein fröhliche Menschenmenge verströmen durften.

„Und hier sehen sie eines der ersten Gemälde, auf denen das Collier abgebildet ist.“ Mister Smith hält inne. Er hebt die Lampe in die Höhe, damit das Porträt besser zu sehen ist. „Das Bild entstand ca. 1292 und zeigt Lady Johanna de Clare.“

Nathan und Rosalie treten näher an das Bild.

„Sie ist wunderschön“, flüstert Rosalie ehrfürchtig.

Das Ganzkörperporträt präsentiert eine Frau mit feinen, vergeistigten Gesichtszügen, in einem dunkelgrünen Samtgewand mit goldener Bordüre. Sie breitet die Arme aus und zeigt dem Betrachter ihre offenen Handflächen. Lady Johanna steht vor einer lieblichen Hügellandschaft. Auf langen blonden Haaren trägt sie ein fein gearbeitetes Diadem und um den Hals ein stilisiertes Collier mit einem Anhänger. Das Collier hat die Form eines Spitzenkragens.

Mister Smith setzt den Weg an der Ahnenreihe fort, Rosalie fällt es schwer sich von dem Gemälde zu trennen. Gerne hätte sie länger verweilt, um alle Einzelheiten aufzunehmen.

„Kommen sie, Miss Graville“, flüstert Nathan neben ihr.

Rosalie spürt seinen warmen Atem auf ihrem Hals und ihre Nackenhärchen stellen sich auf. Er legt ihr die Hand in den Rücken und schiebt sie sanft weiter. Anthony beobachte es und drängt sich zwischen den Inspektor und die junge Frau.

„Es gibt noch bessere Abbildungen des Colliers“, sagt er, nimmt ihre Hand und klemmt sie unter seinen Arm, „es ist wirklich einmalig.“

Nathan lässt sich nicht abschütteln. Er wechselt auf Rosalies andere Seite.

„Da wird gerade davon sprechen, Mister Douglas. Wie ich hörte sind sie der Experte, wenn es um die Gerüchte bezüglich der Verwendung des Colliers geht.“

Anthony stößt einen unwilligen Laut aus.

„Bitte Inspektor Robins“, sagt er kühl, „das sind keine Gerüchte, allenfalls Legenden und somit steckt ein Körnchen Wahrheit darin. Die unterirdischen Gänge existieren. Zur Zeit Heinrich des VIII, versteckten die de Clares dort katholische Ordensleute. Sie wurden von einem missgünstigen Verwandten verraten, die Gänge verschlossen. Heute weiß niemand mehr, wo der Eingang zu den geheimen Gängen ist.“

Mister Smith hält erneut vor einem Gemälde inne. Seine Begleiter bilden einen Kreis um ihn. Nur Gil hält sich abseits. Ab und an von den Rändern eines Lichtkegels erfasst, bewegt er sich wie ein Geist unter den Geistern seiner Ahnen.

„Das ist ihre Urgroßmutter, Lady Mary Rosalie de Clare, Miss Graville“, erklärt er in sachlichem Tonfall.
Rosalie zuckt erschrocken zurück. Ihre Finger krallen sich in Anthonys Arm, mit der freien Hand, fasst sie nach Nathans Arm.

„Sie sieht aus wie ich?“

Die junge Frau trägt ein schlichtes weißes Kleid. Sie steht aufrecht vor einem großen Fenster und blickt den Betrachter direkt an. Ihre blauen Augen werden von langen Wimpern gerahmt. Die blonden Locken sind kunstvoll aufgesteckt und leuchten im Licht der einfallenden Sonne wie gesponnenes Gold. In der Hand hält sie einen Pinsel und steht vor einer Staffelei. Um ihren schlanken Hals liegt das kostbare Collier. Ein Detail das nicht zu der schlichten Szene passen will.

Doch es sind nicht nur die äußeren Merkmale, die ihre Urgroßmutter mit ihr gemeinsam hat, auch die Form des Gesichts und der offene neugierige Ausdruck. Lady Mary Rosalie de Clare könnte beinahe Rosalies Zwillingsschwester sein. Nur ihre Lippen sind voller und das Blau ihrer Augen dunkler und geheimnisvoller, als bei ihrer Ahnherrin.

Rosalie löst ihre Hand von Anthonys Arm und tritt einen Schritt vor. Mit der anderen hält sie immer noch Nathans Arm. Beruhigend legt er seine warme große Hand auf ihre zierliche und drückt sie sanft.

„Die Ausführung des Colliers ist meisterhaft“, bewundert Rosalie die Malerei, „an jeder Spitze hängt eine große Perle oder ein kleiner Rubin und in der Mitte ein Anhänger, der die Form eines roten Sterns hat.“

„Die Legende besagt, wer den Stein in das dafür vorgesehene Schloss steckt, finde den sagenhaften Schatz, den die Normannen auf ihren Eroberungsfeldzügen durch England erbeuteten“, erklärt Anthony.

„So, so“, sagte Nathan und der Spott in seiner Stimme ist nicht zu überhören, „Sagenhafte Schätze und Legenden. Allen hübschen Geschichten zum Trotz müssen wir einen Dieb fassen und möglicherweise einen Mörder.“ Er wendet sich an Mister Smith. „Wenn sie bitte vorangehen.“

Mister Smith waltet seines Amtes und führt die Herrschaften zurück ins Arbeitszimmer. Gil hat nicht ein Wort gesprochen.

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