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Posts Tagged ‘Nietzsche’

„Mein Text ist leider nicht perfekt.“ Ein Ausspruch, der in Schreibkursen sehr häufig vorkommt. Ich gestehe, auch ich habe diesen Satz das ein oder andere Mal benutz. Einerseits könnte man die Aussage als eine Art Understatement betrachten. Oder als Entschuldigung dafür, dass man einen schlechten Tag hat oder gerade nicht in Stimmung ist.

Doch der wahre Grund ist zu ca. 90 % der innere Kritiker, der in unserem Kopf herumtobt und uns sagt: „Was du da machst, ist doch Blödsinn! Ein/e Hemingway, Schätzing, Brown, Austen usw. wird doch so wieso nie aus dir!“ Und welche netten Sätze der kleine Mistkerl noch so ausbuddelt. Der kleine Mann in unserem Kopf kramt sämtliche Komplexe, hochgesteckten Erwartungen, Minderwertigkeitsgefühle, Zweifel aus unseren Schubladen und häuft sie zu einem riesigen Haufen vor uns auf. Dann lehnt er sich zufrieden zurück und sagt: „So, mein/e Liebe/r, jetzt sieh mal zu, wie du über diesen Berg kommst! Das schaffst du nie!“ Und tatsächlich ist das der Punkt, an dem so manch begabter Schreiber aufgibt. Statt den kleinen Mistkerl in den Hintern zu treten und ihn in die Verbannung zu schicken, strecken sie die Waffen. In unserem Fall den Stift. Da hilft auch gutes Zureden nicht, wie ich in meinen eigenen Schreibkursen festgestellt habe.

Benjamin Disraeli beschert uns ein Zitat, dem sicher die meisten von uns zustimmen können:
„Es steht schlimm um einen Menschen, an dem man nicht einen einzigen sympathischen Fehler entdecken kann.“

Schwierig wird es, wenn man sich in einer Gruppe befindet, in der es eine sehr kritische Person gibt oder in der die allgemeine Atmosphäre wertend und abschätzend ist. Besonders unter dem Vorwand den/die anderen Schreiber weiterzubringen. Das hat nichts mit konstruktiver Kritik zu tun, sondern mit Selbstprofilierung.

„Da Perfektion im Auge des Betrachters liegt, wird sie je nach Betrachter nie perfekt sein.“ Ilja Pohl

Der Sinn einer Gruppe ist Förderung des Talentes, Feedback, Wachstum, neue Fähigkeiten erwerben und alte verbessern. Der Künstler möchte das Beste aus sich herausholen. Das ist gut und richtig. Doch aus diesem „das Beste wollen“ kann ein Zwang werden, der sich soweit manifestiert, dass er zur Blockade wird.

Sicher kennen die meisten Kunstschaffenden die Situation: Nach reiflicher Prüfung hat man ein Projekt abgeschlossen. Alles ist in trockenen Tüchern, da fällt einem ein: Dieser oder jener Satz könnte besser sein. Das kann seine Berechtigung haben, aber irgendwann muss der Stift ruhen. Das Buch/Text/Bild/Werkstück/Skulptur/Song usw. muss in die Freiheit entlassen werden.

Nach dem Projekt ist vor dem Projekt.

Wir sind Lernende und werden es immer sein, wenn wir wollen. Das ist unser Job in diesem Leben! Es gibt einen sehr schönen Satz: Sag nicht, das kann ich nicht – sondern: das kann ich noch nicht. Es ist keine Schande etwas nicht zu können. Es liegt in unserer Hand, es zu erlernen.

Als Hilfestellung gibt es Schreibgruppen, VHS-Kurse, Schulen und Universitäten, Werkstätten usw. Kreativität lässt sich nicht erzwingen, aber sie lässt sich anlocken. Wenn eine entspannte, lockere Grundstimmung herrscht, in der sich die Teilnehmer gegenseitig inspirieren, statt zu konkurrieren, kann der kreative Same aufgehen. Dazu muss man nicht verbissen kämpfen. Aus Irrtümern, Macken, Versprechern können neue Ideen hervorgehen. Eine Schramme kann einem Tisch Charakter verleihen und eine Narbe, ein unverwechselbares Kennzeichen sein. Das ist eine Frage des Standpunktes.

„Perfektion ist der größte Makel – wer alles ist, kann nichts mehr werden.“ Maik Alwin

Der Spaß an der Sache und Freude an der kreativen Betätigung soll im Vordergrund stehen. Das hat nichts mit einem guten oder schlechten Text zu tun. Die erste Version ist immer ein Rohentwurf. Kein Schriftsteller, egal wie berühmt (berüchtigt) er sein mag, kann stante pede (stehenden Fußes/auf der Stelle/just in diesem Moment) einen druckreifen und ausgefeilten Text schreiben. (Vielleicht einen Sinnspruch, aber der hat in der Regel nur eine Zeile.) Wer sich den Anspruch der Vollkommenheit auf die Fahne schreibt, muss enttäuscht werden.

Es ist sinnvoll die erste Version als Skizze oder Basis der späteren Arbeit zu sehen. (Das Element der Textarbeit und Korrektur steht auf einem anderen Blatt.) Dadurch fällt ein großer Druck weg. In dem Stadium der Inspiration und Ideenfindung muss nichts fertig sein. Kreativität braucht Spielraum und die Vielfalt der Möglichkeiten, um sich zu entfalten.

Etwas, dass wir uns bei Kindern abschauen können. Wenn sie in ihren Spielen aufgehen, dann gibt es nichts rechts und links, sondern nur diesen Moment. Mit roten Wangen und glänzenden Augen treiben sie ihr Werk voran. Sie denken nicht darüber nach, welche Urteile andere fällen. Es wäre schön, wenn uns diese Leichtigkeit ein Leben lang erhalten bleiben könnte. Leider ist es oft nicht der Fall – entweder durch andere oder uns selbst verursacht.

Wenn wir lieben was wir tun und den Anspruch der Vollkommenheit hintenanstellen, kann sich unser Geist befreien und in den kreativen Fluss eintauchen.

„Die Feder kritzelt: Hölle das!
Bin ich verdammt zum Kritzeln-Müssen? –
So greif‘ ich kühn zum Tintenfass
und schreib‘ mit dicken Tintenflüssen.
Wie läuft das hin, so voll, so breit!
Wie glückt mir alles, wie ich’s treibe!
Zwar fehlt der Schrift die Deutlichkeit –
Was tut’s? Wer liest denn, was ich schreibe?“
Friedrich Wilhelm Nietzsche

Zum Schluss ein schönes Zitat von Özsoy Öztürk
„Die kürzeste Definition von Perfektion lautet Illusion.“

Wir können nach Vollkommenheit streben, aber wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass wir sie nicht erreichen werden. Und darin liegt doch auch ein kleiner Trost. In diesem Punkt sind wir alle gleich:

„Es gibt in der Tat nichts in der Welt, das nicht einen Vorzug hat, und nichts das nicht ein Gebrechen hat.“
Chinesische Weisheit (um 300 v.Chr.)

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Ich lese gerade Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte. Ein sehr interessantes, gutes Buch.

Dr. Breuer versucht Nietzsche zu helfen und begibt sich, aufgrund Nietzsches Misstrauen, selbst in seine „Behandlung“.

Das Buch besteht im Grunde zur Hauptsache aus den Problemen des Doktors und der Krankheit Nietzsches, aus Gesprächen und Briefen. Der Beginn der modernen Psychoanalyse (Freud erscheint am Rande als Schüler Dr. Breuers, wie es tatsächlich gewesen ist) und der Philosophie Nietzsches.

Es geht um Ausübung von Macht, Gedanken und Wille, Triebbeherrschung und ebenfalls auf die Auswirkung dieser Dinge auf den Körper, die Seele.

Als Dr. Breuer Nietzsche offenbart, dass seine Gedanken zwanghaft immer wieder zu Anna O. (in Wirklichkeit Bertha Pappenheim, die er zusammen mit Freud „behandelt“ hat) zurückkehren und ihm das Leben vergällen, weil er weiß, dass sein Begehren niemals erfüllt werden kann, fragt Nietzsche: „Was würden sie denken, wenn nicht Bertha ihre Gedanken verstopfen würde?“

Eine sehr bedeutsame Frage! Mein Denken ist auch sehr häufig verstopft. Mit Gedanken, die, wenn man sie genauer betrachtet, total unnütz sind.

Wie denken andere über mich?

Ich werde es wohl kaum erfahren.

Wie sinnvoll ist es zu schreiben, wenn ich keinen Verlag finde, der bereit ist, meine Geschichten zu drucken?

Ist es nicht genug Sinn an sich?

Verdammt schreib einfach …

Ich habe die Hälfte meiner Zeit erreicht und habe das Gefühl sie rast mir davon. Ich werde niemals schaffen, was ich noch will.

Statt darüber nachzudenken, sollte ich mich einfach daran machen, meine Wünsche umzusetzen. Mal sehen, wie weit ich komme.

Was hätte in meinem Leben anders laufen können?

Eine Menge, aber ändern lässt sich das heute nicht mehr. Ich lebe vorwärts und nicht rückwärts.

Warum will ich soviel und kann mich so unheimlich schlecht mit dem zufriedengeben, was gerade ist?

In der Lehre Buddhas gibt es das unheilvolle Anhaften an Dinge, die man nicht ändern kann. Ich verspüre den Wunsch, den Dingen nicht mehr verhaftet oder geradezu verklebt zu sein.

Warum fällt mir das so schwer? Bin ich zu schwach mich zu lösen?

Wieso hackt der innere Zensor immer wieder auf mich ein, auch wenn mir mein Kopf sagt, dass ich nicht auf ihn hören soll?

Warum höre ich bloß auf diesen Idioten und lasse mich von seinen Gemeinheiten lähmen?

Hundert Gedanken lauern mir auf. Ich muss die winzigen Pausen nutzen, um schnell einen Text hinzuwerfen. Manchmal gelingt es mir, die Verstopfung für eine längere Zeit zu vermeiden, aber sobald ich für einen Moment locker lasse, spülen diese üblen Gedanken wieder hoch und der Durchgang ist zu.

Verflixt! Warum gibt es keinen Schalter die Gedanken abzuschalten?

Weil ihn keiner eingebaut hat.

Es stimmt, ich kann schlechte Gefühle nicht gut aushalten. Ich versuche durch Tätigkeit meine kreative Blockade zu kompensieren, was im Umkehrschluss aber das kreative Tun unterbindet. Immerhin habe ich auch nur zwei Hände. So bin ich zwar nicht völlig tatenlos, aber was ich mir wünsche, nämlich zu schreiben – endlich wieder eine Geschichte zu Ende zu schreiben, geschieht nicht. Das treibt mich weiter in die Blockade und dem Zensor in die Arme.

Manchmal denke ich, wenn ich endlich einen Verlag fände, dann würde sich das ändern. Säuselt mir mein Kritiker ein: Wenn du einen Verlag findest, dann bezeugt das dein Talent. Blödsinn! Ich kenne genug Bücher, die grottenschlecht sind (Stil, Inhalt, Figuren, Adjektive, Erzählfluss, Spannung usw.), einen Verlag gefunden haben und von denen Kritiker behaupten sie sind ein großer Wurf.

Am Ende zeigt das Ganze: Mein Denken könnte sich mit den wichtigeren Dingen beschäftigen. Ich könnte in Ruhe meine Geschichte schreiben, ohne an Verlage zu denken. Einfach aus Spaß. Geschichten müssen erzählt werden und was macht es, ob sie nur von ein paar Menschen gelesen und für gut befunden werden oder von tausend?!

Das muss es wohl sein. Loslassen. Diesen kleinen eitlen Gedanken: gedruckt werden. Nicht so einfach, wenn man etwas mit so großer Leidenschaft betreibt, so davon eingenommen ist und diese Begeisterung teilen will.

Schön, wenn man die anderen Menschen durchschaut und sich selbst doch das größte Rätsel ist. Nun, so wird mir wenigstens nicht langweilig. Ich versuche die Stränge meines Lebens/Denkens zu entwirren, und dabei meiner Leidenschaft zu frönen. Schreiben.

Ergibt das alles einen Sinn? Vielleicht. Vielleicht nicht. Wer weiß, möglicherweise finde ich eines Tages die Antwort auf diese doch sehr komplexe Frage. (Und tatsächlich hält mein innerer Zensor gerade seine große Klappe und lacht mit mir. Sehr, sehr wohlwollend.)

 P.S.: Wer sich für Psychologie (Philosophie) interessiert, sollte sich unter Irvin D. Yaloms Büchern einmal umsehen. Sehr gut geschrieben!

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