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Posts Tagged ‘Melodie’

Mit der Nacht und dem Schlaf kam der Traum.

Er fing harmlos an. Ich sah, wie ich im Bett lag und schlief. Ein sanfter Mond hing am Himmel vor meinem Fenster. Eine leichte Brise bewegte die dünnen Vorhänge aus Voile vor dem halbgeöffneten Fenster. Ich betrachtete die Szene aus einer Ecke meines Zimmers. Es war eine Weile still, dann hörte ich die Töne einer Melodie mit dem Wind ins Zimmer wehen. Ich lauschte. Eine gefällige kleine Weise, die mich an etwas erinnerte. Ich versuchte die Erinnerung auszugraben, aber es wollte mich nicht gelingen, das Bild zu erkennen, dass ich damit verband. Dann, ohne dass ich wusste welches der Anlass war, kippte mein Gefühl um. Eine dunkle Ahnung kroch mir den Rücken hinauf und klammerte sich wie eine Krallenhand in meinen Nacken. Ich wollte schreien. Mein schlafendes Ich warnen. Kein Ton kam über meine Lippen.

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„Sorry, wichtiger Fall. Muss länger arbeiten.“

Wut steigt in meiner Kehle hoch, als ich Bernds Zeilen auf dem Display lese. Ich stehe seit 10 Minuten im Regen, der inzwischen durch meine Pumps dringt und warte auf sein Erscheinen. Es ist das dritte Mal, dass er mir absagt, doch dieses Szenario setzte dem Debakel die Krone auf.

„Du kannst mich mal, sorry“, tippe ich unbeholfen, balanciere den Regenschirm auf meiner Schulter.

Ich schiebe das Handy zurück in die Tasche und sehe mich nach einer Zuflucht um, in der ich mich aufwärmen könnte, bevor ich in meine einsamen vier Wände zurückkehre, die ein Teil meiner Schwierigkeiten sind.

Ein Stück die Straße hinunter fällt mir ein Schild auf. Musikbar Odeon. Warmes Licht spiegelt sich in den Pfützen auf dem Bürgersteig. Ich husche unter den Vordächern der geschlossenen Läden entlang. Alles ist besser, als die Einsamkeit.

Ich liebe das kleine Gartenhaus der Gründerzeitvilla, unter den riesigen alten Bäumen. Es ist wie ein verwunschenes Paradies. Leider hatte die Schlange Adam aus meinem Paradies vertrieben, oder sollte ich sagen entführt, und mich Obdachlos gemacht. Andererseits würde ich kaum in diesem traumhaften kleinen Häuschen wohnen, wenn ich nicht einen kompletten Neustart in einer fremden Stadt hingelegt hätte.

Dass sich Bernd, einer der Junior-Anwälte der Kanzlei für die ich arbeite, für mich interessierte tat mir gut, am Anfang. Jetzt ist es nur noch eine Farce. Besser, es war eine. Schluss damit.

Mit einem Ruck ziehe ich die Tür zum Odeon auf und stürze beinahe über die dicke Matte, die als Fußabtreter dient. In letzter Sekunde fange ich mich ab. Meine Handtasche und den Schirm kann ich nicht retten. Der Schirm landet unter einem Tisch und der Inhalt der Tasche ergießt sich in den Gastraum. Das Stimmengewirr der Gäste verstummt. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Nur der Mann am Flügel schaut nicht auf. Er spielt weiter, als ob nichts geschehen ist.

„Entschuldigung“, stammele ich und erröte bis unter die Haarspitzen.

Peinlich berührt von meinem Auftritt, raffe ich hastig meinen Kleinkram zusammen und stopfe ihn zurück in die Tasche. Unterstützung bekomme ich von einer freundlichen Bedienung. Die Gäste haben sich inzwischen wieder ihren Gesprächen zu gewendet.

„Machen sie sich keine Sorgen“, sagt sie und reicht mir meine Geldbörse, „das kann passieren.“

Ich ordne meine Kleider. Sie nimmt mir die Jacke ab und hängt sie an die Garderobe, steckt meinen Schirm in den dafür vorgesehenen Ständer. Ich setzte mich an die blankpolierte Bar aus rotem Holz. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass niemand hinschaut, streife ich meine nassen Pumps ab und klammere meine Zehen um den Metallring des Barhockers, der als Fußtritt dient. Die Kälte des Metalls rinnt meine Schienbeine hoch und löst eine Gänsehaut aus, die bis in den Nacken steigt. Ich erschauere.

„Was darf ich ihnen bringen?“, der Barkeeper schaut mich erwartungsvoll an.

„Einen großen Milchkaffee und etwas Alkoholisches zum Aufwärmen, bitte.“

Er lächelt und zwinkert mir zu.

„Da habe ich was für sie.“

Auf dem silbernen Schildchen an seiner Weste lese ich seinen Namen.

„Darauf habe ich gehofft, Josh“, erwidere ich sein Lächeln.

Während Josh die silberglänzende imposante Kaffeemaschine dazu bringt kochendheißes Wasser durch die Düsen durch den Kaffeefilter zu pressen und mir einen Milchkaffee braut, sehe ich mich um.

Das Odeon ist eine Musikbar der gehobenen Klasse. Der Gastraum ist größer, als es beim ersten Hinsehen den Eindruck machte. Die Theke hat die Form eines langgezogenen L und führt den Besucher in einen weiteren Gastraum dahinter. Die Einrichtung ist gediegen, das Mobiliar aus dunkelrotem Holz, wie der Tresen. Die Tapete ist aus goldgemusterter Seide.

Die Gäste an den kleinen Tischen sind elegant angezogen. Die Damen tragen Kleider und Schmuck, die Herren Anzüge und Krawatten. Ich fühle mich deplatziert. Es kommt mir vor, als hätte der Sturz mich in eine andere Zeit katapultiert. Wenn sich die Tür öffnet, Hemingway und Fitzgerald hereinkommen und neben mir am Tresen platznehmen, würde ich mich nicht wundern.

Mein Blick bleibt an dem schwarzen blankpolierten Flügel und dem Eroberer seiner Tasten hängen. Die leichte Melodie, die unter seinen Fingern aus den Seiten fließt, hat eine melancholische Wendung genommen. Mein Herz macht einen schmerzhaften Hopser. Für einen Moment halte ich den Atem an. Wie kann er Musik spielen, die meinen Herzschlag beeinflusst?

„Milchkaffee und heißer Amaretto mit Sahne“, Josh stellt die Getränke neben mich auf den Tresen, „das wärmt.“

„Danke, Josh“, sage ich artig und habe das Gefühl, beobachtet zu werden.

Josh entfernt sich taktvoll und ich wende meine Aufmerksamkeit erneut dem Pianisten zu. Kurz habe ich den Eindruck, er hätte in meine Richtung geschaut, aber seine Augen sind auf die Notenblätter vor ihm gerichtet. Ich bin sicher, dass das Musikstück, das er jetzt spielt, nicht auf den Blättern steht. Die Melodie hüllt mich ein, streicht über meine Haut, füllt den Raum, als könnte sie ein ganzes Universum mit Energie aufladen.

Ich nippe an dem heißen Amaretto, der mir süß die Kehle hinab läuft und eine angenehme Wärme ausstrahlt. Meine Augen heften sich auf die Hände des Mannes im dunklen Anzug. Mit eleganter Leichtigkeit laufen seine Finger über die schwarz- weißen Tasten. Mal sanft, mal fest schlagen sie die Töne an, die gleich leise klirrende Perlenketten durch den Raum schwingen. Ich habe das Gefühl, er spielt nur für mich, obwohl er durch nichts zeigt, dass er mich beachtet. Sein Blick wandert nicht in meine Richtung, scheint nach innen gerichtet zu sein.

Der Amaretto ist alle. Ich habe nicht bemerkt, dass ich das Glas ausgetrunken habe. Die Melodie geht in eine andere über. Die Sehnsucht des Liedes ergießt sich in mein Herz. Es erzählt von Sehnsucht, Einsamkeit und Träumen. Tränen treten mir in die Augen. Energisch versuche ich sie wegzudrängen. Ein wehmütiges Lächeln liegt auf den sinnlichen Lippen des Mannes. Seine Lider sind halb geschlossen. Versunken in seine Musik sitzt er da. Ganz nah und doch fern.

„Noch einen Amaretto“, fragte Josh neben mir und reißt mich aus meinen Betrachtungen.

„Gerne“, ich lächele ihm dankbar zu.

„Kommt sofort.“

Ich schaffe es meinen Blick solange von dem Klavierspieler zurückzuhalten, bis Josh mir den Amaretto hinstellt und sich anderen Gästen zu wendet. Als würde ich unter einem Bann stehen, zieht es meinen Blick wieder zu ihm. Er ist schlank, hat kurze dunkelblonde Haare und dieser Mund! Mit den Augen taste ich die Linien seiner Lippen nach. Wie es sich anfühlt, wenn sich sein Mund auf meinen legt?

Jeder Anschlag eines Tons rührt etwas in meinem Inneren an. Die Schutzmauer, die ich so mühsam aufgebaut und aufrecht gehalten habe, bekommt Risse. Mein Verstand warnt mich. Wenn ich nicht bald gehe, wird sie zerbersten und einstürzen. Ich ignoriere ihn, trinke den heißen süßen Amaretto, lecke mir die Sahne von den Lippen. Genieße das wohlige Gefühl der Leichtigkeit, das der Alkohol in mir auslöst, und meine Fantasie auf den Flügeln der Musik dahin schweben lässt.

Die Finger des Klavierspielers beherrschen die besonderen Nuance, die Tasten mal sanft, mal fester anzuschlagen, je nach Belieben schnell oder langsam dahin zu fließen. Seine Hände sind gepflegt, kurze Nägel, kraftvolle schöne Finger.

Ich stelle mir vor, wie er den Reißverschluss meines Kleides herunterzieht, seine Fingerspitzen mein Rückrad entlang streichen, wie er die Haken meines BH`s öffnet und meine Brüste freilegt. Die schwarze Spitze über meine Knospen reibt und sie hart und spitz abstehen, nur darauf warten von seinen Fingern umschlossen und süßer Qual ausgesetzt zu sein. Ein erregendes Kribbeln sammelt sich in meinem Nacken, versetzt meinen Körper in lustvolle Spannung nach mehr. Ich warte gespannt, welche Wunderdinge er mit seinen Zauberhänden tun kann.

Ein Seufzer springt von meinen Lippen. Unbewusst nur, aber nicht aufzuhalten. Der Mann am Piano blickt auf. Unsere Blicke treffen sich. Funken fliegen. Ich bin sicher, er erkennt mich, die große Sehnsucht, die er mit seinem wundervollen Spiel auslöst. Doch dann schaut er auf die Tastatur, sinkt zurück in sich selbst.

Es fühlt sich an, als wäre ich in eine eiskalte Pfütze ohne Boden gesprungen. Ich gehe unter. Das Wasser schlägt über mir zusammen. Ich schnappe nach Luft, Wasser dringt in meine Kehle, nimmt mir den Atem.

„Kann ich etwas für sie tun?“, fragt Josh neben mir, „sie sind ganz blass geworden.“

„Nein danke“, sage ich und meine Stimme zittert, „ich möchte zahlen.“

Ich suche meine Geldbörse, begleiche die Rechnung.

„Würden sie mir ein Taxi rufen? Der Regen hat nicht nachgelassen und der Weg in die Kastanienallee ist weit“, bitte ich den netten Barmann nach einem kritischen Blick aus dem Fenster.

„Sehr gerne“, Josh nickt und lächelt. „Wohnen sie in einer der alten Villen?“

„Nein. Nur im Gartenhaus unter den Kastanien.“

Ich gehe zur Garderobe und schlüpfe in meine Jacke, angele meinen Schirm aus dem Schirmständer. Eingehüllt in die sanften Melodien, trete ich auf die Schwelle der Bar. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Die Töne verstummen und gießen Stille über mich aus. Nur der Regen singt sein Lied. Ich fühle sie wieder, die Einsamkeit. Schlimmer als zu vor.

Das Taxi hält. Ich laufe über den Bürgersteig, gleite auf den Beifahrersitz und nenne die Adresse. Der Fahrer gibt nur einen zustimmenden Laut von sich und fährt los. Ich sehe aus dem Fenster. Meine Gedanken fahren Achterbahn.

Ich sehne mich schmerzhaft nach ihm, dem unbekannten Mann am Flügel. Sein Spiel brannte sich in meine Seele, legte ein Feuer, das meinen Körper erfasste. Es weckte verdrängte Lüste und Begierden auf und macht mich verrückt. Ich will ihn. Will seinen Körper und seine Seele erkennen. Mein Verstand tadelt meine Gier, doch meine hungernde Seele und mein ausgezehrter Körper kämpfen jeden Einwand nieder. Ich muss ihn wiedersehen, koste es, was es wolle.

Die schlafende Stadt fliegt an mir vorbei. Der Fahrer hält vor der Villa. Ich zahle, steige aus. Schnell betrete den Vorgarten, gehe den schmalen Plattenweg ums Haus entlang. Ich will nur noch eins, ins Bett. Mich in die warme weiche Decke einhüllen und die Hände des Klavierspielers auf meinem Körper fühlen, im Traum.

Ich krame in der Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Er ist nicht da. Hektisch wühle ich in dem Chaos herum. Der Schlüssel ist taucht nicht auf. Er liegt wahrscheinlich im Odeon unter einem der Tische. Ich muss nochmal zurück in die Bar. Allerdings hat der Taxifahrer mein letztes Geld bekommen. Das bedeutet den ganzen Weg zu Fuß. Im Regen, mit diesen blöden Pumps. Das alles für ein Date mit einem Mann, der mich zwei Mal versetzt hatte, nur damit ich den Samstagabend nicht wieder allein verbringen musste.

Plötzlich fühle ich mich unendlich einsam. Ich denke an den Mann am Flügel. Seine sinnlichen Lippen, die schönen Hände, die den Saiten des Instruments die sehnsüchtigen Klänge entlockten und mich auf diese unglaublich intensive Weise berührten. Tränen rinnen über meine Wangen, tropfen auf den Jackenkragen.

Es hilft nichts. Wenn ich in mein Bett will, muss ich zur Bar gehen und meinen Schlüssel holen. Ich mache mich auf den Rückweg, biege gerade um die Ecke der Villa, als ich mit einem Mann zusammenstoße. Ängstlich mache ich ein paar Schritte zurück.

„Keine Angst“, sagt er mit beruhigender Stimme, „ich wollte dir deinen Schlüssel bringen.“

„Danke“, sage ich und erkenne den Mann vom Flügel, „sie sind hier?“

„Als du das Odeon verlassen hattest, war es, als würde ein Stück meines Herzen mit dir gehen. Ich musste dich wiedersehen, um mich zu vergewissern, dass es nicht nur Einbildung ist.“

Wie ist es möglich, dass er ausspricht, was ich ebenso fühle? Auf der offenen Hand hält er mir den Schlüssel entgegen. Ich will ihn entgegen nehmen, aber er schließt mein Hand in seiner ein. Nicht fest. Ich könnte sie jederzeit herausziehen, aber ich will es nicht. So fühlen sich also seine warmen Hände auf meiner Haut an. Ein wildes Kribbeln zieht sich meinen Arm hinauf. Mein Herz überschlägt sich beinahe und mein Atem geht stoßweise.

„Möchten sie einen Kaffee mit mir trinken?“, frage ich mit zitternder Stimme.

„Ja“, sagt er und ich höre sein Lächeln, als er weiter spricht, „morgen früh. Ich bringe ihn dir ans Bett.“

In meinem Hirn rasen die Gedanken durcheinander. Bedeute es das, was ich denke, dass es bedeutet? Er führt mich zu meiner Haustür, nimmt mir den Schlüssel ab und schließt auf. Sacht schließt er die Tür hinter uns. Wir stehen im dunklen Flur, dicht voreinander. Ich weiß, dass er mich küssen, mit seinen schönen Händen berühren und meinen Körper mit seinem in Ekstase versetzten wird und doch kann ich mich nicht rühren. Ist es nur einer dieser One-Night-Stands, die meine Sehnsucht für einen Moment übertönen und mich umso sehnsüchtiger zurücklassen?

„Komm zu mir“, sagt er leise. Seine Stimme ist so melodisch, wie sein Spiel, „hab keine Angst. Ich weiß nicht, was mit uns geschieht, aber du gehörst zu mir. Ich habe lange auf dich gewartet und ich lasse dich nicht mehr gehen.“

Er legt seine Hände in meine Taille und zieht mich an sich. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Es ist wie nach Hause kommen. Der Sturm in meinen Gedanken kommt zur Ruhe, obwohl mein Körper sich in einer Aufruhr befindet, die ich seit Langem nicht mehr gefühlt habe.

„Küss mich“, flüstert er mit rauer Stimme an meinem Ohr.

Sein heißer Atem streift über mein Gesicht. Die Finger seiner linken Hand zerwühlen mein Haar. Ich lehne meinen Kopf in den Nacken und biete ihm meinen Mund zum Kuss. Er beugt sich zu mir, als sich unsere Lippen kosten, erschauern mein Körper und meine Seele unter dem aufgewühlten Gefühl, das dieser Mann in mir auslöst. Es ist wahr, muss wahr sein. Wir gehören zusammen, sind füreinander bestimmt. Er küsst mich so zärtlich, lustvoll und sinnlich, dass ich die Zeit und den Raum um mich herum vergesse, wie im Odeon, als er mich mit seinen Melodien betörte.

Wir gehen ins Schlafzimmer. Die Gefühle in mir reffen sich zu Wellen auf, wollen Ausdruck finden, doch kein Wort ist annähernd genug, um sie zu beschreiben. Er zieht mich langsam aus. Seine Fingerspitzen setzen winzige Brände auf meine Haut. Jede Berührung durchdringt mich, jagt Schauer über meinen Körper und weckt mein Begehren in einem Ausmaß, das mich um den Verstand bringt. Ich bin das Instrument, das er durch seinen Anschlag zum Klingen bringt, mal sanft, mal nachdrücklicher. Er beherrscht das Spiel auf meinem Körper ebenso virtuos, wie auf dem Flügel. Ich öffne mich ganz für ihn, überlasse ihm den Rhythmus, fließe auf seinem Gezeitenstrom. Unsere Körper sprechen aus, was nicht in Worte zu kleiden ist. Die Nacht gehört uns, löscht die Erinnerung an Einsamkeit und Kälte aus.

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Kette, Melodie, Sturz, Traum, lachen, Bonbon

 

Melodien erfüllen die Luft

Ketten aus Tönen perlengeschnürt

Verfangen sich in den blühenden Bäumen

Kinderlachen vermischt mit bunten Bonbonträumen

Sonnenstrahlen stürzen über Wolkenränder

In einen wundervollen Frühlingstag

 

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Liebeslied – Rilke
Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach, gerne möchte ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn die Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Ich sah ihn an. Die fröhlichen Augen, das einnehmende Lächeln. Was konnte ich tun? Nichts. Ihn nicht zu mögen war unmöglich – ihn zu lieben möglich. Mochte auch vieles, vielleicht alles, dagegen sprechen – wer weiß, was im Herzen eines Menschen geschieht, wenn er einem Gegenüber begegnet dessen Persönlichkeit sich mit der eigenen so elegant und mühelos verbindet? Wer weiß, welcher Schöpfer unser Inneres in Schwingungen versetzt, die sich mit denen eines anderen zu einer harmonischen Melodie verbindet?

Ich versteckte mich im Dunkel der Nacht, hieß mein Herz stille sein. Blickte in meine Abgründe, verhandelte mit Engeln und Teufeln. Wurde zurückgeworfen auf mich selbst. Und weiß nur eins: ihn nicht zu mögen ist unmöglich – ihn zu lieben ist möglich. Wir haben uns angerührt. Versuchen die Masken abzulegen, uns zu sehen, wie wir sind. Herz und Gedanke, nackt und bloß, Seele in der hohlen Hand. Es ist alles was wir haben. Nur er und ich.

Uns nicht zu mögen ist unmöglich – uns zu lieben ist möglich.

Wer kann die Unausweichlichkeit der Liebe besser beschreiben, als Rilke in diesem wundervollen Gedicht? Ich weiß es nicht? Ihn nicht zu mögen ist unmöglich – ihn zu lieben ist möglich.

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Das Musikstück für den folgenden Text ist von Ben Becker – „Ich will du sein“ – aus dem Rilke-Projekt (sehr zu empfehlen! 🙂 )

Er kommt. Groß, dunkel, kraftvoll. Das Licht der Straßenlaterne wirft seinen Schatten.
Soll ich laufen oder bleiben. Ich wende mich ab, will mein Heil in der Flucht suchen.
Er ruft nach mir. Nennt meinen Namen. Saugt ihn in seinen Rachen. Er ist es.
Ich schließe die Augen. Er steht hinter mir. Spüre seinen heißen Atem. Fließt in meinen Nacken, meine Wirbel.
Gänsehaut überstreift, fängt er mich in seinem Netz aus Melodie und Klang. Lauf, lauf, sagt die Stimme der Vernunft.
„Ich will du sein. Ich will aufgehen in dir.“
Seine tiefe samtige Stimme reibt sich gleich einer aufkommenden Brise über meine glühende Haut.
Lauf, lauf, schreit die Stimme der Vernunft.
„Ich will leise Träume träumen.“
Seine Lippen kosten meinen Hals.
Woher kennt er meine Wünsche. Wer verriet ihm meine Sehnsucht? War ich es selbst, die Herz und Seele bloßlegte?
„Ich will am Feuer deiner Augen 1000 leise Opfer anzünden.“
Seine fordernden Hände liegen auf meinen Hüften. Fingerkuppen verlangen ihren Preis.
„Ich will aufgehen in dir.“
Seine weiche, wilde Stimme dringt ohne Mühe in mich ein.
Bis zu meinem Herzen, meinem sehnsuchtskranken Herzen.
Mein gieriges wollüstiges Herz will mehr. Mehr von ihm. Mehr von seiner Stimme. Sie soll mir von Liebe sprechen.
„Ich will aufgehen in dir. Ich will du sein.“
Kann nicht gehen, kann nicht bleiben. Seine Stimme hat sich in meinen Bauch gegraben, mich genommen, jede Zelle besetzt.
Ich will alles. Kann nicht aufhören seinen Worten zu lauschen. Gebe seiner Stimme meinen Willen hin. Ich will ihn in seine Nacht begleiten, ihm gehören unter den einsamsten Sternen.
„Ich will aufgehen in dir. Ich will aufgehen in dir. Aufgehen in dir.“ Ich flehe ihn an.
„Es ist längst geschehen.“
Sein Mund nimmt mich ohne Gnade, ohne Reue. Nur er und ich. Aufgegangen ineinander.

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Es regnet. Ein leiser stiller Regen, doch so dicht wie ein Vorhang. Ich bin nass bis auf die Haut. Unter dem Vordach ist es zwar trocken, aber die Kälte dringt durch alle Poren und ein Zittern läuft durch meinen Körper. Das Glucksen des Regens in der Dachrinne ist wie eine Melodie, die eine immer wiederkehrende Schleife in meinen Gedanken durchläuft.

Ich habe mir selbst ein Zeichen abverlangt. Wenn er Licht hat, werde ich klingeln. Er hat Licht. Vorsichtig drücke ich auf den Klingelknopf. Ich warte. Nichts passiert. Erleichterung macht sich in mir breit. Bis ein etwas lang gezogenes metallisches „Ja?“ aus der Sprechanlage tönt.

„Anna“, sage ich.

„Anna, nanu? Komm rauf!“

Höre ich Freude? Langsam tappe ich die vier Treppen nach oben. Eine dicke Tropfenspur hinter mir her ziehend. Die Wohnungstür steht offen, warmes Licht fällt auf den kahlen Flur.  Ich muss es ihm sagen, höre ich die Stimme wieder. Connor steht vor mir. Ein strahlendes Lächeln empfängt mich, das mich noch kleiner werden lässt. Wenn er hört, was ich ihm zu sagen habe, wird ihm das Lachen vergehen. Ich sehe zu ihm auf, und noch ehe ich mich versehe, nimmt er mich in den Arm.

„Hallo, Kleine! Was machst du denn hier? Freitagabend und nicht unterwegs?“

Ich lächele schief. Als ob ich dauernd unterwegs wäre.

„Jetzt!“, schreit die Stimme meines Gewissens.

„Du, Connor ich muss dir was sagen!“, höre ich mich hastig hervorstoßen.

„Wow, das ist ja mal ein Statement“, Connor lacht, „meinst du, du könntest noch rein kommen und dich hinsetzen, bevor du mich mit essentiellen Dingen konfrontierst?“

Er zieht mich in die Diele, schließt die Tür und sieht an mir herunter.

„Vielleicht solltest du was Trockenes anziehen. Sonst liegst du morgen flach“, er geht in sein Schlafzimmer, und als er zurückkommt hat er ein T-Shirt und eine Jogginghose in der Hand, „Handtücher liegen im Bad, weißt ja wo?“

Hätte ich wohl auch verdient, denke ich, das mit dem Flachliegen, und sage, „danke, ich zieh mich schnell um.“

Connor nickt und grinst. Als ich im Badezimmer vor dem Spiegel stehe, weiß ich warum. Durch die nasse Bluse kann man alles, wirklich ALLES, sehen. Verdammt! Wirklich guter Einstand für ein Geständnis. Hastig zerre ich mir die nassen Klamotten vom Leib. Ich schlüpfe in die trockenen Sachen, rubbele mir die Haare trocken und fahre einmal mit den Fingern durch, das muss reichen. Seine Sachen riechen nach ihm, nach seinem Waschmittel, seinem Aftershave. Der Geruch verwirrt mich. Genau wie Connor.

Wir kennen uns schon ein paar Jahre. Haben einiges miteinander erlebt, Beziehungen kommen und gehen sehen. Weinselige Abende, verregnete Sonntage, verheulte Wochenenden und laue Nächte auf dem Balkon verbracht. Es gibt kaum etwas, dass ich nicht von ihm weiß und er von mir. Und dann wurde es mir klar. Ich liebe ihn. Ich habe ihn schon immer geliebt, ohne es zu bemerken. Aber zwischen uns gab es trotz Flirts keine körperlichen Annäherungsversuche. Ich drehe sein Rasierwasser auf, schnuppere daran und meine Gedanken überschlagen sich. Vor drei Tagen, als er aus dem Urlaub kam und wir uns zufällig auf der Straße trafen, es war so natürlich, ohne falsches Gefühl oder Scham, lagen wir uns in den Armen und freuten uns über das Wiedersehen. Ich spürte seine Wärme und diese beruhigende Nähe, dass es mich fast erschlug. In großen Lettern blinkte es in meinem Gehirn auf: Ich liebe ihn.

„Ich liebe dich“, flüstere ich, will mich an den Klang der Worte gewöhnen.

„Sag mal, Kleine, wie lange willst du noch im Bad verbringen, dein Milchkaffee wird kalt!“, fragt Connor auf der anderen Seite der Tür.

Mit zitternden Fingern drehe ich das Fläschchen wieder zu. Noch einmal durchatmen. Innerlich wappne ich mich gegen die Reaktion, die ich gleich bei Connor hervorrufen werde. „Ich liebe dich“ kann ich ihm allerdings nicht sagen. Connor ist nicht frei. Er hat eine Freundin. Meine Freundin Alicia. Er lernte sie durch mich kennen. Ich habe sie verkuppelt und jetzt betrügt sie ihn mit einem Arbeitskollegen. Das ist es, was ich ihm sagen muss. Meine Güte ist mir schlecht. Ich öffne die Badezimmertür und gehe ins Wohnzimmer. Connor sitzt auf dem Sofa und hat seine langen Beine auf den Couchtisch gelegt. Mein Kaffee steht neben seinem und ich setze mich zu ihm. Leise Musik läuft im Hintergrund. Mein Herz rast wie ein Dampfhammer.

„Weißt du“, sagt er, „ich finde, das war eine gute Idee von dir, herzukommen. Wo Alicia heute bei ihren Eltern eingeladen ist. Familienfeiern sind nicht so meine Sache.“

„Du musst es ihm sagen. Je eher, je besser.“ Die Stimme wird mich quälen, bis ich es Connor gesagt habe, aber was wird dann? Aufmerksam sieht er mich an. Sacht legt er einen Arm um meine Schulter.

„Na, was musst du mir denn sagen? Du siehst aus, als trügest du die Last der Welt mit dir herum? Was kann so schlimm sein?“

Connor schaut mich aufmunternd an.

„Alicia“, stottere ich, „Alicia nutzt dich aus. Sie ist nicht bei ihren Eltern.“

„So?“

Connor sieht mich mit hochgezogenen Brauen an.

„Ja“, flüstere ich, „sie hat eine Affäre mit einem Arbeitskollegen.“

Connor schweigt. Das ist der Supergau. Wenn er einen Wutausbruch hätte, das wäre mir lieber, als dieses unerträgliche Schweigen. Ich überlege fieberhaft, was ich sagen soll, aber ich habe Angst, wenn ich die Stille durchbreche, dass dann ein Erdbeben losgeht oder ein Vulkan ausbricht.

„Wie lange?“, fragt er ernst.

„Ich weiß nicht“, sage ich leise, „schon länger, fürchte ich. Ich wollte, dass sie es dir selber sagt, aber nachdem sie es scheinbar immer noch nicht getan hat, muss ich es dir sagen.“

Mir ist zum Heulen. Die Tränen stehen mir in den Augen und warten nur auf den Moment herauszulaufen.

„Soll ich gehen?“, biete ich an und will aufstehen.

Connor hält mich am Shirt fest.

„Nein!“

Schweigend sitzen wir nebeneinander. Ich halte meine Augen gerade auf meinen Milchkaffee gerichtet, traue mich aber nicht die Tasse aufzunehmen und zu trinken. Es könnte sein, dass die Katastrophe durch eine unbedachte Bewegung doch noch zum Ausbruch kommt. Immerhin bin ich schuld, dass sich die Beiden kennengelernt haben. Ich hatte gehofft Alicia würde erkennen, was für ein wertvoller Mensch Connor ist und dass es sich lohnen würde, sich endlich für einen Mann zu entscheiden und glücklich zu sein. Unabhängig von Besitz und Stellung. Ich erkannte Connors Wert, aber Alicia hatte ihn nicht gesehen. Für sie war er nur eine weitere Variante Mann, den es auszuprobieren galt. Ich hatte Connor mit meinen Augen gesehen und nicht durch Alicias merkwürdiges Raster. Ich merkte es nur nicht.

„Warum?“

„Weil ihr euch durch mich kennengelernt habt. Ich bin schuld. Ich hätte dich vorwarnen müssen“, meine Stimme versagt mir gleich den Dienst.

„Nein, das meine ich nicht. Warum hat sie eine Affäre? Wer ist es?“

„Ihr Juniorchef. Er hat Geld, ein Haus, Autos. Er ist der neue Traumprinz, der neue Seelenverwandte, bis der Nächste, Bessere kommt.“

Ich spüre, dass Connor mich ansieht. Sein Blick brennt auf meiner Haut und ich fühle, wie mir heiß und kalt wird.

„Es wundert mich nicht“, sagt er zu meiner Überraschung. „Zwischen Alicia und mir lief es nie so richtig rund. – Und du?“, fragt er, „was denkst du?“

„Ich liebe dich“, höre ich die Stimme in meinem Kopf.

Verlegen blicke ich ihn an.

„Was hat das mit mir zutun?“, versuche ich abzulenken.

„Warum wärst du sonst hier?“

„Weil ich nicht möchte, dass du weiter hinters Licht geführt wirst“, stammele ich.

Die Tränen steigen weiter.

„Und warum führst du mich hinters Licht?“, fragt er leise.

Die Tränen lösen sich, kullern die Wangen hinunter. Ich stehe schnell auf.

„Ich muss gehen!“

Connor springt aus und versperrt mir den Weg.

„Bevor du mir nicht geantwortet hast, lasse ich dich nicht gehen.“

„Ich führe dich nicht hinters Licht“, antworte ich fast trotzig, ohne den Blick zu heben.

Connor steht so dicht vor mir, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren kann.

„Ich warte!“, sagt er energisch.

Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, legt er mir die Hand unters Kinn und hebt meinen Kopf, zwingt mich ihm in die Augen zu sehen. Atemlose Momente stehen wir da. Connors Blicke durchdringen mich. Er zieht die Augenbrauen hoch und ich weiß, dass er eine Antwort erwartet.

„Ich kann nicht“, flüstere ich.

Connor lächelt.

„Es tut gar nicht weh. Glaub mir. Jetzt wäre der richtige Moment. Wir sind endlich beide frei.“

Ohne Vorwarnung zieht er mich an sich. Seine warmen Lippen berühren meinen Mund. Ein wildes erregendes Gefühl rauscht durch meinen Körper.

„Kannst du es jetzt sagen?“, fragt er sanft.

„Ich liebe dich.“

Es hört sich richtig an. So, als ob ich es schon tausend Mal zu ihm gesagt hätte. Ich liebe ihn. Alles in mir strebt danach zu ihm zu gehören, ihm zu gehören.

Connor beugt sich wieder zu mir.

„Ich liebe dich auch“, flüstert er an meinem Mund.

Dann küsst er mich wieder. So oft, so ausdauernd, dass ich alle Zeit vergesse, den Raum und alles andere um mich herum. Seine Lippen entzünden eine Erregung in mir, die ich kaum zähmen kann.

„Ich will dich“, flüstere ich heiser.

„Ich weiß“, ich kann das Schmunzeln in Connors Stimme hören, „ich will dich auch. – Und wie.“

Erstaunt sehe ich ihn an.

„Ja. Glaub mir, es gab unzählige Nächte in den letzten Jahren, in denen ich dich wollte, mehr als alles andere.“

Ungläubig starre ich ihn an. Seine Hand schiebt sich zärtlich unter das T-Shirt. Ein ungestümes Kribbeln läuft über meinen Körper und mein Herz schlägt wie verrückt.

„Ich habe solange gewartet, bis du es dir endlich eingestehst und zu mir kommst.“

Atemlos höre ich seine Worte.

„Warum?“

„Weil ich dich will, mit allem was dazugehört. Aber dazu musstest du es erst selbst erkennen. Immerhin warst du in einer Beziehung, als wir uns kennenlernten und ich mische mich nicht ein.“

„Bleibst du bei mir?“, frage ich vorsichtig.

Connor nickt.

„Es sei denn, du willst bei mir bleiben.“

Ich muss lachen.

„Ach, Connor, du bist verrückt.“

„Ja, verrückt nach dir“, antwortet er, hebt mich hoch und wirbelt mich herum, „und ich werde dich nie wieder loslassen.“

Seine Hände geleiten über meinen Rücken, auf meinen Po, streicheln über meine Hüften. Mit einem Aufseufzen vergräbt er sein Gesicht in meinem Haar.

„Oh, mein Gott, wie sehr hab ich mich danach gesehnt. Weiß du, wie viel Beherrschung es einen Mann kosten kann, eine schlafende Frau in den Armen zu halten, die er so sehr begehrt und die er nicht anrühren kann, weil sie Liebeskummer wegen eines Idioten hat, der sie abservierte? Das ist unmenschlich.“

„Lass dich nicht aufhalten“, flüstere ich, „unter deinen Sachen trage ich nichts, außer meiner Haut.“

Mit einem gezielten Griff hebt er mich hoch und trägt mich ins Schlafzimmer.

„Das hast du nun davon!“, grinst er, „so schnell kommst du hier nicht wieder weg.“

„Wer sagt denn, dass ich das will?“, frage ich zurück.

Ohne darauf zu antworten, verschließt er meinen Mund mit einem leidenschaftlichen Kuss …

….während der Regen meine Melodie spielt und immer wieder säuselt, „ich liebe dich“.

 

 

 

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Ich sehe Raoul an. Sein Blick hält meinen fest.

„Was für eine schrecklich, traurige Geschichte“, sagt er leise.

„Aber Saphira ist doch glücklich geworden. Niemand sollte betrogen werden. Man muss sich der Liebe eines anderen als würdig erweisen und sie niemals als selbstverständlich hinnehmen.“

„Was wurde wohl aus Asch?“, überlegt Raoul.

„Hier steht noch ein Satz“, stelle ich fest, „Asch wanderte über das Sandmeer und beobachtete, seine Geliebte Saphira, damit ihr nie wieder jemand wehtun konnte. Als seine Tage zu Ende gingen, wurde er zum Sternbild des Falken, um über ihre Kinder und Kindeskinder zu wachen.“

„So hat die Geschichte doch noch ein gutes Ende gefunden.“

„Ja, ich denke auch“, ich schlage das Buch zu, „und wir haben gesehen, dass man doch noch einmal lieben kann, wenn man einen Menschen findet, der es wert ist.“

Raoul sieht mich sehr aufmerksam an, aber bevor er noch etwas sagen kann, erhebe ich mich und frage ihn:

„Was meinst du, wollen wir einen Kaffee holen und etwas zu essen?“

„Gerne, das ist eine gute Idee“, antwortet Raoul, „aber ich zahle.“

„Das nehme ich an“, freue ich mich.

„Wenn du mir nachher noch etwas vorliest“, feilscht er.

„Na gut, weil du so nett bist“, lächele ich.

Als ich Raouls funkelnden Blick auffange macht mein Herz einen Satz und für eine Sekunde denke ich, wie wohl ein Kuss von ihm schmeckt. Aber dann erinnere ich mich daran, dass ich erst meinen Bahnhof finden sollte, und folge Raoul in das Bordrestaurant.

„Was möchtest du essen?“

Raoul und wirft einen interessierten Blick in die Karte.

„Was gibt es denn Leckeres?“

„Ich würde Bandnudeln mit Steinpilzen empfehlen.“

„Das hört sich gut an. Möchtest du ein Glas Wein dazu trinken?“

„Gerne danke!“, ich sehe ihn aufmerksam an, „warum ist es dir so wichtig, dass ich dir vorlese?“

Raoul räuspert sich und blickt einen kurzen Moment aus dem Fenster. Dann lächelt er und sagt leise:

„Früher war es mir nie wichtig, dass mir jemand vorliest. Aber als ich die Melodie deiner Stimme hörte, war es um mich geschehen. Du weißt, dass ich die Musik liebe und deine Stimme hat ihren ganz eigenen wundervollen Klang.“

Sanft nimmt er meine Hand in seine. Schweigend schauen wir uns an. Wie viel können Blicke sagen. Wie viel das Halten der Hand. Ich könnte die nächsten 200 Seiten füllen, ohne ein einziges Wort über etwas anderes (was auch immer es sei) zu verlieren. Und auch wenn die Liebe das Herrlichste und Wichtigste ist und das Thema über, das man am meisten redet, könnte ich ja die Geschichte vom Verlorensein und Finden nicht weiter erzählen. Wenn ich in Raouls Augen sehe, sein Lächeln mein Herz erwärmt und seine schöne Hand meine festhält, dann fühle ich etwas, wie „gefunden“. Alles in mir fühlt sich zu ihm hin und von ihm angezogen.

„Ihr Wein“, sagt der freundliche Kellner, „die Pasta kommt gleich.“

„Danke“, erwidert Raoul und nimmt sein Glas, „wollen wir anstoßen?“

Ich nicke zustimmend und mit einem feinen Klingen stoßen wir die Gläser zusammen. Der Kellner bringt die Pasta und wünscht uns einen guten Appetit. Das Essen ist ausgesprochen gut.

„Ich muss sagen, dass hast du gut ausgesucht, Noelle“, lob Raoul.

„Danke, ich hab eben gut getippt. – Da fällt mir etwas ein. Ich würde mich freuen, wenn du mir etwas auf einem Instrument vorspielen würdest.“

„Gerne, warum nicht“, antwortet er, „ich schaue nachher einmal nach, was ich für Instrumente eingepackt habe“, sagt er geheimnisvoll.

„Darf ich dich fragen, wie lange du schon in diesem Land wohnst?“

Raoul überlegt einen Moment.

„Ich weiß es nicht. Mir kommt es manchmal vor als sei es gestern gewesen, aber ich weiß, es kann nicht sein. Ich bin zum ersten Mal hierher gekommen, als ich auf einer Konzerttournee war. Ich hatte ein großes Orchester und einen Chor dabei. Es war wunderbar, aber irgendwann wurde mir der Rummel zu groß. Dann sah ich bei einer Autogrammstunde dieses schöne Mädchen, schlich ich mich davon und flüchtete mit ihr in ihre kleine Wohnung.“

Er macht eine kleine Pause und ich habe schon die Befürchtung, er wird die Geschichte nicht weiter erzählen. Aber er fährt fort:

„Wir verbrachten ein paar wundervolle Tage miteinander. Wir machten Picknick auf der Dachterrasse, lebten unter einem mondbeschienenen Himmel, verschliefen die heißen Tage. Durch sie wurde ich neu inspiriert. Alle Kräfte, die sich in den langen anstrengenden Tourtagen ausgezehrt hatten, wurden wieder aufgefüllt. Sie war meine Muse. Der Fluss, der meinen See füllte und obwohl wir alles teilten, fehlte nur noch eins. Ich wollte sie. Ganz. Nicht nur ihren Geist, auch ihren Körper. Aber ich war mir auch klar darüber, dass ich wieder gehen musste, ohne sie zu besitzen. Sie war ein reines Geschöpf und mir zu nehmen, was man nur dem Menschen gibt, den man liebt und dann zu gehen, brachte ich nicht fertig.“

Raoul seufzt inbrünstig und sieht mich mit einem fiebrigen Glanz in den Augen an. Sein Blick trifft mich und ein schmerzhaftes, wehmütiges Gefühl erfüllt meine Seele.

„Sag mir, warum tut Liebe nur so verdammt weh?“

Raoul fragt mich und ich spüre, dass er einen harten Panzer um sein Herz geschnürt hat, damit er seine Schmerzen nicht fühlen muss.

„Weil Liebe das Einzige ist, das wir haben“, antworte ich, „was wäre die Alternative gewesen?“

„Ich hätte mir alles nehmen können“, sagt er schlicht, „sie stand vor mir, nackt und bereit mir alles zugeben, was immer ich gefordert hätte.“

„Und warum hast du es nicht getan?“

„Weil es unfair gewesen wäre, sie zu lieben und am nächsten Tag fortzugehen, ohne zu wissen, wann ich zurückkommen kann.“

In seiner Stimme liegt soviel Trauer, dass es mir ins Herz schneidet.

„Dann hast du wirklich geliebt“, flüstere ich, „du hast verzichtet und dass obwohl es direkt vor dir lag.“

„Und doch war es nicht so großherzig, wie es sich jetzt anhört“, erwidert Raoul tonlos, „ich habe Tausende Nächte wach gelegen und sie vor mir gesehen. Den makellosen Körper, die runden prallen Brüste mit den rosa Knospen, die sinnlichen Lippen und die schlanken Schenkel, die das Allerheilige verbergen. Und glaub mir, in jeder dieser Nächte habe ich das getan, wozu ich in der Wirklichkeit nicht in der Lage war, ich habe sie geliebt, wie ein Rasender. Ich habe jeden Winkel ihres Körpers berührt, geküsst und geschmeckt. In jeder verfluchten Nacht habe ich ihr einen Orgasmus bereitet und meinen verweigert, um mich für meine Feigheit zu quälen, die mich in die Flucht geschlagen hat.“

Seine Augen haften auf meinem Gesicht, nehmen jede Regung auf, jedes kleinste Zucken, das über meine Wangen huscht, während er redet, um meine Reaktion zu sehen.

„Ja“, sagt er dann leise, „ich war feige. Der schlimmste aller Feiglinge. Ich hatte das Mädchen gefunden, dass ich hätte lieben können. Doch ich habe meine Kunst, meine verdammte, wunderbare Kunst über die Liebe und das Leben gestellt. Nun siehst du mich hier sitzen, dir mein finsteres Herz und meine Wut offenbaren und eine Chance betrauern, die niemals wieder kehren wird.“

Tränen laufen mir über die Wangen. Jedes seiner Worte ist ein Hieb in mein Herz. Ich weiß, alles was er mit erzählte, ist die Wahrheit.

„Warum bist du nicht zu ihr zurückgekehrt?“, frage ich mit bebenden Lippen.

„Ich wollte zurückkehren. Wie oft habe ich es versucht. Wie oft vor ihrem Haus gestanden. Manchmal habe ich sie sogar gesehen. Aber als ich dann endlich den Mut gefunden hatte, war sie fort. Weggezogen in eine andere Stadt. Inzwischen weiß ich nicht einmal mehr, ob alles nur ein Traum war, um mich für meinen Hochmut zu strafen.“

„Darf ich ihnen einen Kaffee bringen?“, höre ich den Kellner neben mir fragen.

„Ja, bitte zwei Espressi“, bestellt Raoul.

Seine Hand greift nach meiner.

„Deine Hände sind ganz kalt“, stellt er fest, „verzeih, dass ich dich traurig gemachte.“

Ich bringe ein schwaches Lächeln zustande. Raoul nimmt meine Hände zwischen seine und reibt sie sanft. Dann, ganz überraschend, beugt er sich vor und haucht sanfte Küsse auf meine Handrücken, während er mein Gesicht nicht aus den Augen lässt. Mein Herz setzt für einen Schlag aus und ein wildes Kribbeln zieht sich meine Arme hinauf, bis zu meinen Schultern, über meinen Hals. Behutsam wischt er die Tränen von meinen Wangen.

„Du bist schön“, sagt er leise.

Verlegen schlage ich die Augen nieder. Wann hat mir ein Mann das letzte Mal so etwas gesagt? Es muss in einem früheren Leben gewesen sein. Ob es tatsächlich wahr ist, oder hatte ich es mir nur eingebildet? Das ist das Problem des Verlorenseins. Viele Dinge, die waren, verblassen und gehen ins Reich der Mythen und Märchen hinüber. Es mag sein, dass es einem tieferen Sinn dient zu vergessen, aber wenn es so ist, dann habe ich es noch nicht herausgefunden. Will ich das überhaupt? Herausfinden. Vergessen. Wie wichtig ist das alles? Warum kann mein Hirn nicht aufhören, die Gedanken hin und her zu drehen. Ich weiß nicht, wohin ich gehe, wie lange es dauert, ob ich dort das finde, was ich mir erhoffe. Allerdings kann ich auch nicht dorthin zurück, woher ich gekommen bin, denn ich kenne den Ausgangspunkt nicht. Nun, immerhin befinde ich mich in netter Gesellschaft. Sogar in sehr netter Gesellschaft.

Ich sehe in Raouls Augen, spüre die Wärme seiner Hände. Mein ganzes Sein sehnt sich danach ihm ganz nah zu sein. Aber ich befürchte, dass der Glanz in seinem Blick nicht mir gilt, sondern dem Mädchen, dass er verlassen hat, und dass ihn so beherrscht. Wer weiß, was mich auf dieser Reise noch alles erwartet, und welche Überraschungen das Leben für mich bereithält. Ich muss an den Rat von Herrn Grimm denken, erst dort auszusteigen, wo ich wirklich zu Hause sein werde.

„An was denkst du?“, fragt Raoul und drückt meine Hand, „du siehst so nachdenklich aus.“

„Ich dachte daran, nur dort zu bleiben, wohin ich gehöre“, antworte ich, „aber wer weiß, vielleicht ist es ja auch kein Ort, wo ich bleiben werde. Dieses Rätsel muss ich erst noch lösen.“ Und denke, „schließlich könnte es ja auch sein, dass der Weg das Ziel ist und nicht die Frage, wo es ist, sondern wer es ist.“

„Wollen wir wieder ins Abteil zurückgehen? Ich habe noch ein Lied bei dir gut“, schlägt Raoul vor.

„Gerne, ich freu mich schon.“

„Und wenn du lächelst, so wie jetzt, dann bist du noch schöner, und deine Augen strahlen wie ein Frühlingstag im Mai.“

So etwas hat allerdings noch niemand zu mir gesagt, daran würde ich mich garantiert erinnern, egal wie verloren ich bin, oder würde in diesem Fall vergesslich eher zutreffen.

 

Zurück im Abteil müssen wir feststellen, dass wir nicht mehr allein sind. Zwar ist niemand zu sehen, aber ein fremder Trolley liegt im Gepäcknetz und ein Rucksack steht auf einem der Sitze. Ich vermute, dass es ein Mann ist, denn ein leichter Duft von Aftershave liegt in der Luft und der ist definitiv nicht von Raoul.

„Oh, wir haben Gesellschaft bekommen“, sagt Raoul.

Ich habe das Gefühl, das ihm diese Tatsache nicht gefällt. Er nimmt eine kleine Flöte aus seinem Rucksack und spielt mir eine traurige Weise. Irgendwo habe ich sie schon einmal gehört, die Melodie ist mir nicht unbekannt und sie schlägt eine Saite in meinem Herzen an.

Wenn ich doch nur hoffen könnte. Aber worauf? Auf Raoul, den Ort den ich finden will oder auf etwas, von dem ich heute noch nichts weiß. Vielleicht, weil ich es nicht mag zu warten und nicht zu wissen worauf. Auf jedem Bahnsteig warte ich auf den nächsten Zug, der mich meinem Ziel näher bringt. Aber worauf wartet mein Herz.

Warum zerbreche ich mir den Kopf über solche Ideen? Es ändert nichts, denn die Änderung ist vorprogrammiert. Sie ist das Elixier des Lebens oder der Grundbestandteil. Immer wird sich etwas ändern, dass wir nicht vorausgesehen haben, weil wir blind vor Liebe, Hass, Trauer sind oder es im Dunkel der Zukunft liegt, die wir nicht zu ermessen vermögen. Wir können nicht einmal unsere eigene Entwicklung einschätzen, besonders wenn sie in engem Zusammenhang mit anderen Menschen steht. Wie weit bewegen sich die einzelnen Figuren auf dem Weg vor oder verharren in ihrer Position? Allein dieser Umstand hat zur Folge, dass die Anziehungen stärker oder schwächer sind und sie uns zu anderen Menschen hintreibt oder die Anziehung auf sie größer wird. Mir fällt der Satz wieder ein, den ich in einem Buch über „Liebe im Laufe der Geschichte in der Literatur“ gelesen habe: Niemand kann verführt werden, der nicht verführt werden will. Es kommt darauf an, wer verführt und wie geschickt er vorgeht. Beherrscht einer das Spiel und verschließt der andere die Augen davor, weil er möglicherweise schon von der Person in Besitz genommen wurde, dann kann so eine Verführung schnell vonstattengehen. Ehe es die Protagonisten gewahr werden, stecken sie in einem schönen Schlamassel.

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