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Posts Tagged ‘Masken’

Liebeslied – Rilke
Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach, gerne möchte ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn die Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Ich sah ihn an. Die fröhlichen Augen, das einnehmende Lächeln. Was konnte ich tun? Nichts. Ihn nicht zu mögen war unmöglich – ihn zu lieben möglich. Mochte auch vieles, vielleicht alles, dagegen sprechen – wer weiß, was im Herzen eines Menschen geschieht, wenn er einem Gegenüber begegnet dessen Persönlichkeit sich mit der eigenen so elegant und mühelos verbindet? Wer weiß, welcher Schöpfer unser Inneres in Schwingungen versetzt, die sich mit denen eines anderen zu einer harmonischen Melodie verbindet?

Ich versteckte mich im Dunkel der Nacht, hieß mein Herz stille sein. Blickte in meine Abgründe, verhandelte mit Engeln und Teufeln. Wurde zurückgeworfen auf mich selbst. Und weiß nur eins: ihn nicht zu mögen ist unmöglich – ihn zu lieben ist möglich. Wir haben uns angerührt. Versuchen die Masken abzulegen, uns zu sehen, wie wir sind. Herz und Gedanke, nackt und bloß, Seele in der hohlen Hand. Es ist alles was wir haben. Nur er und ich.

Uns nicht zu mögen ist unmöglich – uns zu lieben ist möglich.

Wer kann die Unausweichlichkeit der Liebe besser beschreiben, als Rilke in diesem wundervollen Gedicht? Ich weiß es nicht? Ihn nicht zu mögen ist unmöglich – ihn zu lieben ist möglich.

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Das Orchester wird leiser. Gleich ist es soweit! Ich drehe mich nach links. Der große Zeiger der Standuhr steht schon auf zwölf und der Sekundenzeiger überschreitet die Elf. Dann der erste Schlag. Mein Gott warum habe ich nur solange gewartet. Ich muss gehen. Sofort! Nur noch sechs Schläge, bis die Masken fallen.

Mein Herr wird mich erkennen. Dann gibt es keine Gnade. Ich habe die Grenze überschritten. Einmal schön sein. Einmal von ihm bemerkt. Er denkt ich bin eine von ihnen. Diesen sinnlich, erregenden Damen.

Ich bin nur die Kinderfrau. Jeden Tag im grauen Kleid. Keinen Schmuck, mit einem strengen Dutt. Ein Schatten, ein Niemand. Liebe ihn unbemerkt und ungebeten. Aber heute Abend hier hat er mich begehrt, hat mir Avancen gemacht. Wenn er wüsste, wer ich wirklich bin. Noch in dieser Nacht würde ich in der Gosse landen.

Noch zwei Schläge. Wo ist der Ausgang? Die berauschte Menschenmenge nimmt mir die Sicht. Sie drängen sich zusammen wie eine Herde Schafe, aufgeschreckt durch den Glockenschlag. Er darf mich nicht erkennen. Ich tauche unter, wieder auf. Er bleibt mir auf den Fersen. Der letzte Schlag. Ich sehe die Tür direkt vor mir. Die Hand auf der Klinke. Er packt mich, dreht mich zu sich herum. Die Maske fällt. Jetzt ist alles vorbei. Mein angsterfüllter Blick stürzt in seine blauen Augen.

Die Tür geht auf, er zieht mich fort und flüstert triumphierend:

„Ich wusste, dass du es bist.“

Der Text entstand nach der Aufgabe: Masken II, aus meinem Blog Schreiberlebentipps

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Der Spiegel ist blind. Ich nehme ein feuchtes Handtuch und wische mir ein Stück frei. Was ich sehe, erstaunt mich. Das Gesicht kommt mir bekannt vor. Aber nur entfernt. Es lächelt wie festgefroren. Ich versuche verschiedene Gesichtsausdrücke, aber dieses Eis gewordene Lächeln verschwindet nicht. Als ich die Konturen meines Gesichts abtaste, bemerke ich, dass ich eine Maske trage. Feinstes Porzellan. Es muss lange gedauert haben, sie herzustellen. Sie ist mir so ähnlich, dass sie mich irregeführt hat. Wie lange trage ich diese Maske schon? Ich erinnere mich nicht. Werde ich sie abnehmen können? Und was wird mich hinter der Maske erwarten? Bin ich noch ich, oder habe ich mich in die Maske verwandelt, die ich solange trage?

Erst vorsichtig, dann mit aller Kraft reiße ich an der Maske, aber sie sitzt bombenfest. Und da ist immer noch dieses unheimliche, unveränderte Lächeln.

„Geh weg von mir!“, schreie ich mein Spiegelbild an.

Tränen rinnen hinter der Maske über mein Gesicht. Das Porzellan fühlt sich rau und schmierig an. Plötzlich beginnt die Maske zu schmelzen. Verunstaltet und verzerrt zerläuft sie. Ich kratze mir die Reste von der Haut. Es fühlt sich an, als würde ich die Haut gleich mit herunterziehen. Der Schmerz ist nicht ohne. Tausende Stiche, die ich nicht nur auf meinem Gesicht, sondern auch in meinem Herzen spüre.

Wie konnte es geschehen, dass ich nicht bemerkt habe, wie taub ich geworden bin? Musste ich mein Herz mit einem Panzer umgeben, der sich in Form dieser beklemmenden Maske seinen Weg nach Außen suchte?

Ich konnte die Bosheit der Menschen nicht mehr ertragen. Rücksichtslosigkeit, Ausbeutung jeglicher Art, Lieblosigkeit und eiskalter Egoismus. Ich musste die Maske tragen, um nicht verletzlich und ängstlich zu wirken. Gleichzeitig haben sich die negativen Gefühle, wie eine Müllhalde in meinem Bauch aufgehäuft und mir Übelkeit bereitet. Ich öffne meinen Mund und speie all den Unrat aus, der sich in mir angesammelt hat. Messerscharf zerkratzt mir der Dreck meine Speiseröhre. Endlich ist alles draußen. Ich fühle mich wund und schwach. Mein Inneres hat sich nach Außen gekehrt.

Ich sehe mein Gesicht im Spiegel. Verquollene Augen, wundgekratzte Wangen, Lippen aufgesprungen, Haare wirr. Der Schmerz wird noch anhalten. Mein Körper muss den Bodensatz des Schmutzes ausschwemmen. Aber ich lebe. Verletzt, aber lebend. Das Atmen fällt immerhin schon etwas leichter. Ich putze den Spiegel blitzblank, um einen guten Blick auf mich zu haben. Die Maske hat mein Leben lange genug bestimmt. Es mag sein, dass es anderen nicht gefällt, dass ich die Maske ablege. Auch das werde ich überleben. Wenn eines Tages die Zeit zum Abschied kommt, will ich sagen: ich bin, die ich bin. Ich brauchte keine Maske, um ein lebenswertes Leben zu haben.

Der Text ist nach der Schreibaufgabe „Masken“  in Schreiberlebentipps entstanden.

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