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Posts Tagged ‘Mädchen’

Ich befand mich auf dem Heimweg, als ich das Mädchen zum ersten Mal sah. Sie ging langsam an den Häusern unseres Viertels vorbei und schaute sich die Vorgärten und Fassaden an, als suche sie etwas. Mir fiel ihre altmodische Kleidung auf. Sie trug ein Spitzenkleid, dass ihr bis auf die Knöchel fiel und dazu Schnürstiefelchen. Ihre Haare waren in einen dicken Zopf geflochten. Ich dachte, sie könnte aus einem alten Film entsprungen sein.

Unerwartet blieb sie vor einer Villa stehen. Ein wunderschönes Haus, übriggeblieben aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts. Manchmal, wenn der merkwürdige Besitzer nicht zu Hause war, waren wir mutig und spielten in dem großen Garten mit den alten Bäumen. Das Mädchen legte die Hand auf die Klinke der Eingangspforte. Noch ehe ich sie vor dem Besitzer warnen konnte, war sie schon durch den Spalt geschlüpft und verschwunden.

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Max würde nie den Sommer vergessen, in dem er wie durch Zufall die Magie entdeckte.

Es war einer der wenigen Regentage dieses weit entfernt liegenden Sommers, an dem Max seine lebensverändernde Begegnung hatte. Danach war nichts mehr wie es war, oder wie es hätte sein sollen. Max verlor alles, was ihm bis dahin wichtig gewesen war. Seine Familie, Freunde, sein Zuhause und das Mädchen, das er liebte.

Die Magie ist eine besitzergreifende Geliebte. Sie eröffnete Max eine neue Wunderwelt und darin eine weitere Welt und eine weitere dahinter. Max wusste, dass er nicht alt genug werden würde, um jede dieser Welten zu sehen, aber er konnte sich an den Schmerz erinnern, den er verspürte, als er bemerkte, dass es keinen Weg zurück gab und er nie wieder an sein altes Leben anknüpfen konnte. Dieser Schmerz würde niemals heilen.

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– Was hat sich Großvater nur dabei gedacht! Was habe ich mir dabei gedacht! Und dabei habe ich mir vorgenommen ganz ruhig und gefasst zu bleiben. Ich hätte auf John hören sollen, er hat mich gewarnt. – Mit energischen Schritten umrundet sie den großen Brunnen vor dem Haus. – Ich sollte nach Hause fahren. Aber das wäre ein Triumph. Gil würde sich ins Fäustchen lachen, dass er die lästige Erbin losgeworden ist. Ich muss mehr wissen. – Rosalie hält kurz inne, atmet tief durch. – Ich werde meine allwissende Quelle anzapfen müssen. – Kurz darauf sitzt sie bei Misses Morse in der Küche, genießt ein Stück frisch gebackenen Kuchen und eine Tasse Tee.

***

Rosalie liegt im Bett, in spitzenbesetzten Kissen und Decken und betrachtet den reich bestickten Baldachin über sich. Sie hat den Verdacht, das Bett gehörte schon zur ersten Möblierung des Hauses und obwohl sie in ihrem eigenen Heim den modernen Stil bevorzugt, übt das altmodische Ambiente einen besonderen Reiz auf sie aus.

Ihre Gedanken kreisen um die beiden Besitzer des Anwesens. Lady Edna, die in selbstgewählter Begrenzung aus Konvention und Arroganz wie ein zurückgebliebenes Kind wirkte, nicht im Stande einfachste Zusammenhänge zu verstehen. Während Gil sich durch die Traditionen an das Haus und das Erbe ketten ließ, alles genau beobachtete, sich auf der Suche nach einem Ausweg im Kreis drehte und eine Mauer aus eisiger Ablehnung aufbaute.

Rosalie schlägt die Decke zurück, schlüpft in Pantoffeln und Morgenrock und verlässt ihr Zimmer. Sie könnte Mister Smith aus dem Bett klingeln und ihn bitten ihr einen Tee zu bringen, doch sie will seine Abneigung gegen ihre Person nicht verstärken. Den Weg in die Küche findet sie ohne nachzudenken.

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Durch den nachglühenden Herd herrscht in der Küche noch eine angenehme Temperatur. Rosalie legt einen Holzscheit nach und ragt mit dem Schürhaken mehr Glut um das Holz. Sie rückt den Wasserkessel über die Feuerstelle. Er ist noch zur Hälfte gefüllt und lauwarm. Rosalie nimmt eine kleine Teekanne vom Regal, füllt eine Handvoll Pfefferminzblätter ein und zieht sich einen Stuhl vor den Herd. Das trockene Holz knistert hinter der Ofentür und verströmt einen harzigen Geruch. Rosalie genießt die Stille und die behagliche Atmosphäre.

Ihre Gedanken kehren zum Nachmittag zurück, als sie Misses Morse in der Küche aufsuchte, um ihr ein paar Auskünfte bezüglich ihres Großvaters, Lady Ednas und des Familienschmucks zu entlocken.
Misses Morse genoss die Aufmerksamkeit der schönen Miss Rosalie und ließ sich nur zu gerne herab, ihr interessante Einzelheiten über ihre Ahnen anzuvertrauen. Immerhin, so sagte sie sich, war die Miss die Enkelin seiner Lordschaft und es wäre sträfliche Nachlässigkeit gewesen, ihr die Bedeutung ihres Großvaters vorzuenthalten.

Rosalie versucht sich einen Reim auf Misses Morse Mitteilungen und die merkwürdige Dynamik in dieser Familie zu machen. Nach der Testamentseröffnung hatte sie nicht vorgehabt am Dinner teilzunehmen, bis Anthony sie bei Misses Morse in der Küche aufspürte und sie mit Engelszungen davon überzeugte nicht klein beizugeben.

Sie machte aus der Not eine Tugend. Ein Erbe ihrer Eltern. Rosalie zog eines ihrer schönsten Kleider an, steckte ihr Haar zu einer eleganten Frisur auf und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Kannst du deine Feinde nicht schlagen, gewinn sie für dich, beherzigte sie die Maxime ihres Vaters. Bis dahin war es ihr meistens gelungen, Neider oder Kritiker für sich zu gewinnen, aber was Lady Edna und Gil betraf war sie alles andere als sicher.

Erleichtert stellte Rosalie fest, dass sie nicht der einzige Gast war. Lady Edna thronte wie eine bösartige Krähe in schwarzer Witwentracht und streng frisiertem Haar an einem Ende der Tafel. Neben ihr saß Pater Markus dessen geistiger Beistand, gegen diese schreckliche Frau, seine Anwesenheit verlangte. Anthony flüsterte ihr in einem unbeobachteten Moment zu, dass der Pater Lady Ednas Beichtvater war. Die alte Dame beobachte die junge Frau mit Argusaugen. Zu ihrem Überdruss konnte sie keine Regelverstöße gegen die Etikette feststellen. Die fixe Idee Rosalie bei einem Faux Pas zu erwischen und bloßzustellen, schlug fehl.

Des weiteren bereicherte eine adelige Familie aus der Nachbarschaft das Dinner. Rosalie verdächtigte Lady Edna Gil verkuppeln zu wollen. Die drei Töchter im heiratsfähigen Alter konnten ihre Augen nicht von Gil und Anthony abwenden. Es kostete Rosalie Mühe das alberne Kichern der jungen Damen nicht mit sarkastischen Worten zu kommentieren.

Victor, der schneidige Bruder der drei Mädchen entschädigte Rosalie mit einem interessanten Gespräch über eine Reise nach Ägypten, von der er gerade ein paar Tage zuvor zurückgekehrt war. Er schien Gefallen an ihr zu finden und wich ihr den ganzen Abend keinen Schritt von der Seite.

Rosalie war so beschäftigt, beschäftigt zu sein, dass sie nicht bemerkte, das sowohl Gil, als auch Anthony ihren Gesprächspartner mit Argusaugen beobachteten. Je mehr sie sich in die Unterhaltung mit Robert vertiefte, je weiter sank die Stimmung bei den beiden Herren, die parallel die Laune der flirtenden Mädchen herabsetzte.

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Wie hilflos kann man sein, denke ich und sehe auf den rauchenden Motor. Tja, wenn man als Frau eine Panne hat, dann sollte man entweder Mechatronikerin sein, ein Handy dabei haben, um den ADAC zu rufen, oder lange Beine und eine tiefes Dekolleté sein eigenen nennen, die einen Mann dazu bringen Mitleid zu haben. Da ich nichts von den drei Dingen zur Hand habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu Fuß zu gehen.

Die letzte Behausung sah ich vor etwa 10 Kilometern. Ich habe die Qual der Wahl, entweder den Weg zurück oder darauf hoffen, dass ich in Fahrtrichtung eher auf einen hilfsbreiten Menschen treffe. Dass ich in Rumänien in der tiefsten Provinz liegen geblieben bin und kein Wort Rumänisch spreche ist das nächste Problem, aber darum werde ich mich kümmern, wenn ich einen Einheimischen vor mir habe.

Ich schnappe meinen Rucksack mit den wichtigen Sachen und entscheide mich, in Fahrtrichtung zu laufen. Da ein Unglück selten allein kommt, setzt die Dämmerung schlagartig ein, kaum das ich mich in Bewegung setze. Von Natur aus bin ich kein Angsthase, aber hier, nicht weit weg von Mythen und Legenden, beginne ich mir doch Gedanken zu machen.

Aber da mir keine Menschenseele begegnet und ich zwischen üppigen Wiesen und lichten Hainen wandere, schiebe ich meine wilden Fantasien beiseite. Irgendwo werde ich einen Parkplatz und einen Autofahrer finden, der mir weiter hilft. Auf meiner Fahrt die Landesstraße hinunter habe ich viele gesehen, manche kaum zwei Kilometer auseinander. Jetzt wo ich einen brauchte, kommt keiner. Murphys Gesetz geht mir durch den Kopf – du stehst immer an der falschen Schlange in der Kasse, das Brot fällt immer mit der Butterseite nach unten und wenn ich einen Parkplatz brauche, dann ist keiner da.

Während ich über den Ungerechtigkeiten des Lebens brüte, bemerkte ich nicht, dass ich beobachtet werde. Erst als mich jemand anruft und ich beinahe einen Herzkasper bekomme, seh ich sie. Am Wegesrand steht ein kleines Mädchen. Sie sieht ärmlich gekleidet aus, aber sauber. Ihr dunkles Haar ist zu Zöpfen geflochten. Sie starrt mich an, als hätte sie noch nie einen Menschen gesehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich zu ihr gehen soll. Was ist wenn sie plötzlich ihren kleinen Mund aufreißt, ihre Vampirzähne ausklappt und mich beißt. Wir stehen uns eine ganze Weile gegenüber und messen uns mit Blicken. Sie vertraut mir genauso wenig, wie ich ihr.

Das Ding ist, dass ich nicht mehr jungfräulich bin, was solche Erscheinungen betrifft. Meine letzte Begegnung mit einem kleinen bezopften Mädchen kostete meinen Partner das Leben. Ich gebe mir die Schuld, da ich auf sie herein gefallen bin und er mich rettete. Mein bisschen Leben schulde ich seinem Blut.
Plötzlich lächelt sie und winkt mir zu. Sie scheint wirklich harmlos zu sein, sieht aus wie ein ganz normales süßes Kind. Gerade will ich auf sie zugehen, als ich eine leise Stimme höre:
„Tu es nicht, lauf!“
Und ich laufe.

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