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Posts Tagged ‘Lord’

Letzten Samstag traf sich unsere Schreibgruppe endlich wieder zum heiß ersehnten Schreibnachmittag. Aus Krankheitsgründen war die Gruppe etwas dezimiert, hatte aber nicht weniger Spaß beim Schreiben.

Jeder zog ein Blatt mit einem Einstiegssatz und fügte einen zweiten Satz an. Dann wurden die Zettel einmal in der Runde herumgereicht und jeder schrieb einen weiteren Satz. Am Ende hielt jeder einen Absatz in den Händen und konnte ihn nutzen um die Geschichte weiterzuschreiben. Getreu dem Motto: Themaverfehlen erlaubt und erwünscht.

Mein Text begann mit folgendem Satz:

„Einige Mitglieder dieser altehrwürdigen Familie sind nicht gerade vom Glück gesegnet.“

Daraus wurde:

Das Jahr ohne Sommer

„Einige Mitglieder dieser altehrwürdigen Familie sind nicht gerade mit Glück gesegnet“, Lord Georg Gordon Byron löste den Knoten seines Halstuchs.

„Wie kommst du denn drauf?“, Mary Godwin erhob sich und goss der kleinen Gesellschaft Tee nach.

Georg zog eine Augenbraue hoch und sah zu, wie einige Tropfen des Earl Grey auf die Untertasse schwappten.

„Was soll ich dazu sagen?“, fragte er ironisch, „es hat mit früheren Geschehnissen zu tun, die alles andere als erfreulich waren.“

Mit diesen Worten deutete er auf das überlebensgroße Porträt Lord F`s, gemalt von einem Künstler aus dem 17. Jahrhundert, das über dem Kamin wie ein Menetekel aus der Vergangenheit hing.

„Ich bitte dich, Georgy, erschreck die Damen nicht!“, Percy Shelly lachte, „ich glaube, du wirst langsam trübsinnig. Schon zu lange hält sich das schlechte Wetter und hält uns untätig im Haus fest.“

Clara Clairmont, Marys Stiefschwester betrat den Salon.

„Wer hält uns untätig im Haus fest?“, fragte sie und setzte sich neben Lord Byron.

Er nahm ihre Hand, küsste sie und lächelte spöttisch.

„Nicht wer, meine Liebste, sondern was?“

„Georgy, du machst dich über mich lustig“, sagte sie in schmollendem Tonfall, „du weißt, dass gefällt mir gar nicht.“

Mary und Percy warfen sich einen verschwörerischen Blick zu. Die Romanze der beiden war im Grunde genommen von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Clara war eine Schönheit, aber ihr Intellekt war Lord Byron nicht gewachsen.

John Polidori, der bis dahin schweigend zugehört hatte, erhob sich, ging zum Kamin und streckte die Hände dem Feuer entgegen.

„Bei diesem Wetter bleibt einem nichts anderes übrig, als trübsinnig zu werden“, sagte er mehr zu sich, als zu den anderen, „und dass ist meine Meinung als Arzt.“

„Und was hast du für ein Gegenmittel?“, Percy war ebenfalls aufgestanden und schlug dem Freund aufmunternd auf die Schulter.

„Johanniskraut könnte helfen“, knurrte John, „aber am schlimmsten ist deine unerschöpfliche gute Laune. Sie macht uns anderen nur zu deutlich, wie griesgrämig wir sind.“

„Ich bin nichts dergleichen“, sagte Claire mit glockenheller Stimme und schüttelte den Kopf, dass die blonden Locken nur so herum wirbelten. Ihr Blick richtete sich auf Mary. „Welches Thema hat euch denn in derart düstere Stimmung versetzt?“

Mary strich ihr Kleid glatt, setzte sich elegant in einen Sessel und nahm ihre Teetasse auf.

„Seine Lordschaft hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass die Herren dieses Schlosses unglücklichen Umständen ausgeliefert waren.“ Sie nahm einen Schluck Tee und fuhr fort, „ein Umstand, der für die Masse der Menschen gilt.“ Mary sah Georg Byron mit herausforderndem Blick an. „Vielleicht lässt du uns an deinem Wissen teilhaben, damit wir selbst entscheiden können, wie schrecklich ihre Vergangenheit wirklich war.“

Lord Byron schenkte der Geliebten seines Dichterfreundes ein unergründliches Lächeln. Er begehrte sie, doch trotz seines Rufes, als Lebemann und Weiberheld, hielt er sich davon zurück um Mary zu werben. Noch, dachte er, irgendwann wird sie gelangweilt sein, dann schlägt meine Stunde.

„Ja, bitte Georgy“, Claire klatschte aufgeregt in die Hände, dann griff sie nach seinem Arm, „erzähl uns eine Geschichte.“

Sie ist wie ein Kind, dachte George Byron und unterdrückte ein Seufzen, schön, aber so naiv. Als hätte die Natur nur eine Gabe zu vergeben, entweder Schönheit oder Klugheit. Erneut schweifte sein Blick in Marys Richtung. Was könnte Claire sein, wenn sie Marys Klugheit besäße, ging es ihm durch den Kopf.

Er schüttelte Claires Hand ab, erhob sich und trat in die Mitte des Zimmers. George Byron wusste um seine körperliche Präsenz und den Eindruck, den er auf die Damen machte. Der teure Anzug, saß perfekt, die dunkelbraunen Locken umrahmten ein gefälliges Gesicht, das von funkelnden Augen und einem sinnlichen Mund dominiert wurde. Ich werde Mary beeindrucken, dachte er. Langsam drehte er sich einmal um die eigene Achse und bedachte seine Freunde mit einer Miene, die ihnen bedeuten sollte, dass eine aufregende Geschichte darauf wartete, das Licht der Welt zu erblicken. Ich tue es für Mary, er nickte ihr unmerklich zu, sie wird mich lieben, weil sie nicht anders kann.

„Mach es nicht so spannend, Georgy“, Percy trat zu seinem Freund und legte ihm die Hand auf die Schulter, „wir wissen, dass du ein gutaussehender Bursche bist.“

Dann setzte er sich neben Mary und griff demonstrativ nach ihrer Hand und hauchte einen Kuss auf den Handrücken. Georg verkniff sich einen spitzen Kommentar, er wandte sich dem Porträt Lord Fontleroys zu und machte eine ausladende Geste.

„Lord Angus F. lebte im Jahre 1705 bis 1742“, begann er …

 

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„Wir treffen uns beim Tempel des Amor“, flüsterte mir seine Lordschaft zu, „gegen zehn, dann werden die anderen schon schlafen.“

Ich nickte nur. Ein Widerspruch hätte nichts genützt. Es war jedes Mal dasselbe. Irgendwann kamen die Herren in meiner Umgebung darauf, dass ich leicht zu haben sei. Für mich das Zeichen mich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen.

Ich wünschte mir sehnlich, dass es einen Mann gab, der mich wollte, ohne für meine Gabe – besser meinen Fluch – anfällig zu sein. Nur weil der Elfenkönig Oberon meine Mutter mit der roten Blume des Amor berührt hatte, als sie mit mir schwanger war, haftete mir die Versuchung an, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte.

Nach Einbruch der Dunkelheit packte ich meine wenigen Habseligkeiten und verließ das Schloss durch den Dienstboteneingang.

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Nachdem sich der Inspektor verabschiedet hatte, zog sich Rosalie in die Abgeschiedenheit der Bibliothek zurück, während Anthony  Gil, nach der denkwürdigen Besichtigung der Ahnengalerie, zu einem Ausritt drängte. Rosalie war froh ihren Recherchen ungestört nachgehen zu können.

Die Tür der Bibliothek öffnet sich mit leisem Knarren. Misses Morse lauscht, macht ein paar Schritte in den Raum, reckt den Hals und sieht sich aufmerksam um.

„Miss Rosalie“, ruft sie unsicher, „sind sie da?“

„Ja, Misses Morse“, hört sie Rosalies dumpfe Stimme, „ganz hinten links.“

Vorsichtig balanciert die Köchin ein Tablett mit frischem Brot, Butter, kaltem Hühnchen und einer Flasche Weißwein zwischen den langen Regalreihen hindurch. Erstaunt zieht sie die Augenbrauen hoch, als sie die junge Frau in einem Durcheinander aus Karten, Büchern und Grundrissen auf dem Boden sitzen sieht. Es hat den Anschein, ein Sturmwind hätte die Regale geleert.

„Miss Rosalie“, sagt sie mit leisem Vorwurf in der Stimme, „das schöne Kleid.“

Rosalie lächelt und steht vorsichtig auf, um keines der kostbaren Schriftstücke zu beschädigen.

„Liebe Misses Morse, sie haben so Recht! Ich war ganz vertieft in meine Recherche, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe.“ Sie streicht das blau schimmernde Seidenkleid glatt und rückt ihre warme Wolljacke zurecht. „Stellen sie den Tee doch auf den Tisch am Fenster. Dann kann ich die letzten Sonnenstrahlen genießen.“

„Zum Glück haben sie eine warme Jacke an. Sie holen sich in diesen zugigen Räumen noch den Tod.“ Die ältere Frau schüttelt besorgt mit dem Kopf und sagt mehr zu sich selbst, „heutzutage sind die jungen Leute so leichtsinnig, wenn es um ihre Gesundheit geht.“

Das Porzellan klirrt leise, als Misses Morse das Tablett auf dem Spieltisch vor dem Fenster abstellt. Sie richtet Rosalie einen Teller mit Brot und Hühnchen, gießt ihr ein Glas Weißwein ein. Rosalie setzt sich und kostet einen Schluck.

„Ein edler Tropfen“, stellt sie fest.

„Aus unserem Weinkeller“, erklärt Misses Morse, „der alte Lord war immer sehr eigen, was seine Weine betraf“, Rosalie horcht auf, „aber ich dachte, nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Nacht, könnte ihnen ein kleine Aufmunterung nicht schaden.“

Die Köchin zwinkert Rosalie verschwörerisch zu.

„Danke, liebe Miss Morse. Würden sie sich zu mir setzen und mir Gesellschaft leisten? Ich denke, das Hühnchen reicht für zwei und der Wein ebenso.“

Misses Morse errötet verlegen und setzt sich ganz vorne auf die Stuhlkante. Rosalie reicht ihr einen Teller und schmunzelt.

„Und einen Schluck Wein?“

„Nein, Miss, danke. Lieber nicht.“

Rosalie bestreicht das warme duftende Brot mit Butter, die sofort zerläuft.

„Sie sind eine begnadete Köchin“, Rosalie saugt den Geruch ein, „ich erwäge ernsthaft sie abzuwerben. John, mein Butler, liegt mir seit Wochen in den Ohren endlich wieder eine festangestellte Köchin einzustellen.“

Misses Morse Augen leuchten auf und Rosalie weiß, dass sie ihren Trumpf an der richtigen Stelle ausgespielt hat. Tatsächlich spielt sie mit dem Gedanken die freundliche Frau in ihren Haushalt aufzunehmen.

„Wissen sie, ob die Weinkeller zu dem alten oder neuen Teil des Hauses gehören?“

„Sie wurden auf einem alten Teil des Hauses aufgebaut, soweit ich weiß“, Misses Morse belegt ihr Brot mit einem Stück Hühnchen, „aber Mister Smith kennt sich besser mit diesen Dingen aus, schon sein Vater und Großvater haben den de Clares gedient. Ich bin erst mit vierzehn als Küchenmädchen hergekommen.“

„Danke für den Hinweis“, Rosalie gießt sich etwas Wein nach, „aber sie haben meine Theorie schon bestätigt. Wissen sie zufällig, ob es so etwas wie Eiskeller oder Erdgewächshäuser gab?“

Misses Morse kaut bedächtig an ihrem Bissen. Dann nickt sie.

„Ja, ich erinnere mich. Ich muss etwa 16 gewesen sein, als ich in der Nähe des großen Turms in ein Loch stürzte. Es hatte die Form einer kleinen Vorratskammer. Es dauerte drei Stunden, bis man nach mir suchte und mich befreite.“

„Ich nehme an, dass das Loch danach zugeschüttet wurde?“

Misses Morse zuckt mit den Schultern.

„Tut mir leid, Miss Rosalie. Ich weiß es nicht. Ich war nur heilfroh, dass sie mich da rausholten.“

„Macht nichts. Mir wäre es vermutlich genauso gegangen.“

Rosalie lächelt verständnisvoll. Sie hat erfahren, was sie wissen will.

Ihr Vater ermöglichte es ihr Geschichte zu studieren. Ein Wissensgebiet, dass ihm mehr als alles andere am Herzen lag. Wann immer sich die Gelegenheit bot, besichtigte er mit Rosalie Herrenhäuser, Schlösser, Kirchen, Museen, Galerien und Bibliotheken. Ihr Vater erzählte ihr die Legenden über Uther Pendragon und König Artur, der ebenso ein Bastardkind war, wie er selbst. Er brachte ihr bei, wie man recherchierte, Karten las und welche Bedeutung Symbole und Zeichen hatten.

Rosalies erste Arbeit, in langen Stunden recherchiert, handelte von der Verfolgung katholischer Gemeinden unter Heinrich dem VIII. Sie wusste von den Plünderungen der Kirchenschätze, den Morden an einzelnen Priester und ganzen Ordensbruderschaften. Wer nicht auf Heinrichs Seite war, war gegen ihn. Allerdings gab es auch die andere Seite. Zufluchtsstätten, geheime Schatzkammern, Menschen, die ihr Leben für das Leben fremder Menschen aufs Spiel setzten und den Tod fanden.

„Ich glaube, ich sollte mich wieder in die Küche aufmachen“, reißt Misses Morse Rosalie aus ihren Erinnerungen. „Seine Lordschaft und Mister Douglas werden sich hungrig sein, wenn sie von ihrem Ausritt zurückkehren.“

Sie steht auf und räumt das Geschirr zusammen.

„Sie kennen seine Lordschaft seit seiner Kindheit?“

„Ja, Miss Rosalie“, die Köchin seufzt, „ein liebenswürdiger, fröhlicher Junge. Und so hübsch. Seit er den alten Lord beerbt hat und die Last dieses düsteren Hauses tragen muss, hat er sich sehr verändert. Leider nicht zum Vorteil, wenn ich diese Meinung äußern darf.“ Sie nimmt das Tablett auf. „Er ist ein musischer, künstlerisch begabter Mensch. Ich glaube nicht, dass Mister Gil für diese Art der Verantwortung geschaffen ist.“

„Da mögen sie durchaus Recht haben, Misses Morse“, stimmt Rosalie nachdenklich zu. – Ich sollte ein ernsthaftes Gespräch mit seiner Lordschaft führen. –

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Eine kleine Szene – ca 19.Jahrhundert.

Roxanne warf einen letzten Blick in den Spiegel. Perfekt, dachte sie, Anthony wird heute sein blaues Wunder erleben. Ihr rotes Haar leuchtete im Schein der Kerzen, wie frisch poliertes Kupfer. Das Kleid aus dunkelgrüner Seide harmonierte mit ihren grünen Augen. Der Schnitt im angesagten Empirestil brachte ihre schlanke Figur hervorragend zur Geltung und gewährte einen geheimnisvollen Ausblick auf ihren vollkommenen Busen. Die cremefarbene Perlenstickerei und die Smaragdohrringe taten ihr Übriges, sie wie eine Prinzessin aussehen zu lassen.

Eitelkeit gehörte nicht zu Roxannes hervorstechenden Eigenschaften, aber an diesem Abend musste sie so schön sein, dass es allen den Atem verschlug, besonders Anthony und seinen Brüdern. Es war viele Jahre her, aber Roxanne hatte die Hänseleien und Demütigungen nicht vergessen, die sie von ihnen erdulden musste.

„Aber die Zeiten ändern sich. Jetzt wirst du sehen, wer zuletzt lacht.“

Roxanne streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus. Dann setzte sie wieder ein unschuldiges Lächeln auf und verließ ihr Zimmer. Sara wartete sicher schon auf sie.

***

Der Zusammenstoß kam unerwartet. Roxanne flog der Fächer im hohen Bogen aus der Hand.

„Verzeihung, Mylady“, der Mann bückte sich nach ihrem Fächer, „ich ahnte nicht, dass ich nicht der einzige Gast bin, der zu spät auf dem Ball erscheint.“

Er machte eine leichte Verbeugung, als er ihr den Fächer überreichte. In seinen dunklen Augen blitzte der Schalk auf, als er sagte:

„Darf ich mich vorstellen? Simon Hastings, Lord of Calvedon. Und wer seid ihr?”

„Roxanne Harris, eine gute Freundin von Sara.“

„Es freut mich außerordentlich, dass ich schon jetzt die Ehre habe, die schönste Frau des Abends zutreffen, das erspart mir eine Menge Arbeit und ich kann mich sofort in eure Tanzkarte eintragen.“

Roxanne konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

„Sir, ich kenne euch. Nicht von Angesicht, aber aus den Gazetten. Ihr seid ein Herzensbrecher. Sagt man.“

Sie gingen den Flur entlang. Simon musterte sie unauffällig. Was für ein außergewöhnliches Mädchen, dachte er, und diese Augen.

„Ihr müsst nicht alles glauben, was in der Zeitung steht“, Simon schmunzelte, „leider habe ich über euch noch nichts gelesen.“

„Ich hoffe, dass es nie passieren wird.“

Roxanne blieb an der Treppe stehen und legte ihre schmale Hand auf Simons Arm. Diese kleine Vertraulichkeit gefiel ihm.

„Mylord, darf ich euch um einen Gefallen bitten?“

In Roxannes unergründlichen Augen glitzerte der Schalk.

„Wenn es in meiner Macht steht, tue ich alles für euch.“

„Nicht so voreilig. Ihr müsstet nämlich bereit sein, eurem Freund Anthony einen Streich zu spielen.“

Erstaunt zog Simon die Brauen hoch. Nicht nur rätselhafte Augen, sondern auch Geheimnisse, es wurde immer interessanter.

„Verfügt über mich“, sagte er galant.

„Gut“, Roxanne lächelte, „eigentlich müsst ihr nichts Besonderes tun. Nur das, was ihr immer tut, wenn ihr euch um eine Dame bemüht.“

„Das dürfte mir bei euch nicht schwerfallen“, Simon lachte.

Dieses Feen-Mädchen hatte scheinbar keine Ahnung, was alles dazugehörte, wenn er sich um eine Dame bemühte oder besser, was die Damen von ihm erwarteten. Simons Blick glitt über ihre nackten Schultern, das zarte Dekolleté und die zierlichen Hände, in denen sie den Fächer hielt.

„Allerdings könnte ich dabei ernsthaft in Gefahr geraten getötet zu werden. Lord Brighterton ist ein guter Schütze und sehr leicht erregbar. In welchem Verhältnis steht ihr zu ihm? Seid ihr seine Verlobte?“, fragte er und dachte, bitte sag Nein.

Roxanne lachte schallend.

„Oh, Mylord, Anthony würde mich niemals zur Braut wählen. Seht mich an.“

Simon fiel ein Stein vom Herzen. Er war frei, sich um Roxanne zu bemühen.

„Ich sehe euch an, und obwohl ich mich für intelligent halte, verstehe ich sie nicht so ganz? Wieso könntet ihr nie seine Braut sein?“

„Weil ich ein rothaariger, dicker, sommersprossiger Mops bin. Eine von Anthonys netteren Bezeichnungen für mich.“

Simon schüttelte den Kopf.

„Was immer ihr sein mögt, aber diese Bezeichnung betrachte ich als persönlichen Affront. Soll ich ihn fordern?“

Roxanne forschte in Simons Gesicht nach dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage und war froh ein listiges Funkeln in ihnen zu sehen.

„Nun, Mylady, dann wollen wir Sir Anthony einen Denkzettel verpassen.“

Simon reichte ihr den Arm und Roxanne nahm dankbar an. Sie war froh Anthony nicht allein gegenübertreten zu müssen, denn es stimmte, er hatte ein aufbrausendes Temperament. Auch wenn sie keine Kinder mehr waren und er ihr vor der versammelten Gesellschaft keine Szene machen würde, genoss Roxanne Simons bedingungslosen Schutz.

***

Als Roxanne und Simon den blauen Salon betraten, in dem sich die Hausgäste vor dem Ball trafen, um einen kleinen Imbiss zu nehmen, hörte sie gerade noch, wie Anthony zu Sara sagte:

„Oh bitte, doch nicht diesen dicken, sommersprossigen Mops!“

Seine Brüder lachten und Sara machte ein unglückliches Gesicht.

„Aber Anthony, ich muss dich doch sehr bitten! Roxanne ist Mamas Patenkind“, tadelte sie ihren Bruder.

„Immer noch die Liebenswürdigkeit in Person, lieber Anthony“, sagte Roxanne mit ausgesuchter Höflichkeit hinter ihm, „wie ich höre, lässt dein Sarkasmus nichts zu wünschen übrig.“

Schlagartig war es totenstill im Raum. Alle Augen richteten sich auf die schöne junge Frau an Lord Calvedons Arm. Anthony, Ben und Collin drehten sich zu Roxanne um und Sara zwinkerte Roxanne verschwörerisch zu.

„Roxi?“, flüsterte Anthony fassungslos.

„Für dich Roxanne“, erwiderte sie und hielt seinem entgeisterten Blick stand. „du darfst wieder zu dir kommen, wenn du genug gegafft hast.“

„Du bist kaum wieder zuerkennen“, stellte Collin bewundernd fest.

„Danke, mein Lieber“, Roxanne lächelte sanft, als würde sie mit einem kranken Kind reden, „ihr habt euch nicht sehr verändert.“

„Ach Sara, Liebste, sieh wen ich getroffen habe“, Roxanne warf ihrer Freundin einen konspirativen Blick zu, „Lord Calvedon.“

Simon schob sich ins Blickfeld seines Freundes und erntete einen düsteren Blick.

„Fühlst du dich nicht wohl, Anthony“, fragte er besorgt und versuchte ein Grinsen zu unterdrücken.

„Doch mir geht es sehr gut“, knurrte Anthony und fuhr sichtlich beunruhigt durch sein helles dichtes Haar, „wie ich sehe, amüsierst du dich hervorragend.“

„Oh, das tue ich doch immer bei euren Festen. Aber heute Abend besonders.“

Simon neigte den Kopf in Roxannes Richtung, was sie mit einem liebenswürdigen Lächeln quittierte. Anthony spürte einen bösartigen Stich in seinem Herzen. Es durfte unmöglich sein, dass dieses schöne Geschöpf Simon gehören sollte.

„Vergiss nicht, sie ist Gast in meinem Haus und Patenkind meiner Mutter.“

Jeder Muskel in Anthonys Körper war angespannt. Die beiden Männer maßen sich mit durchdringenden Blicken.

„Wie könnte ich das vergessen, Anthony“, erwiderte Simon spöttisch. „Mylady, würdet ihr mich zum Tanz begleiten?“

Roxanne knickste leicht.

„Sehr gerne, Mylord“, und leiser, sodass nur er es hören konnte, „ich las ihr seid ein begnadeter Tänzer.“

Simon lachte herzlich. Anthony sah den beiden unsicher hinterher und ballte die Fäuste. Bei schönen Frauen traute er Simon nicht über den Weg, Anthony kannte ihn einfach zu gut, als dass er ihm bei Roxanne ehrbare Ziele zutraute.

„Da habt ihr tatsächlich die Wahrheit gelesen.“

Roxanne ging an seiner Seite in den Ballsaal. Alles war so passiert, wie sie es sich vorgestellt hatte. Anthony hatte es die Sprache verschlagen, und sie ging mit einem der begehrtesten Männer zum Tanz. Rache ist eben doch süß, dachte sie, und gab sich der Illusion hin, dass sie Anthony eine Lektion erteilt hätte.

***

Simon betrachtete das ätherische Geschöpf an seiner Seite und konnte sein Glück kaum fassen. Was für ein unglaublicher Zufall, dass ausgerechnet er Roxanne begegnet war. Er konnte es an den Gesichtern der Anwesenden ablesen. Die Frauen tuschelten neidvoll mit ihren Bekannten und Freundinnen, während jeder Mann wünschte, an Simons Stelle zu sein. Als das Orchester die ersten Töne spielte, legte Roxanne ihre zierliche Hand in seine und er führte sie auf die Tanzfläche.
Simon hatte nicht zu viel versprochen und die Zeitungen hatten nicht untertrieben, er war ein fantastischer Tänzer.

Roxanne hatte das Gefühl auf Wolken zu schweben. Bis jetzt gab es keinen Mann, der sie gleichzeitig so sanft und doch so bestimmt führte. Einzig die Tatsache, dass Simon den Blick keine Sekunden von ihr wendete, machte sie stutzig.

„Mylord, ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte sie unsicher.

„Nein, wieso?“

„Weil ihr mich so aufmerksam betrachtet.“

Über Simons markantes Gesicht huschte ein Lächeln. Er zog sie etwas näher heran und beugte sich zu ihr hinunter.

„Ihr seid die schönste Frau des Abends, Roxanne, und ich habe die Ehre mit euch zu tanzen. Es wäre eine Schande, wenn ich euch nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenkte.“

„Sir, ihr scherzt. Bitte macht euch nicht lustig über mich.“

Simon wurde ernst.

„Niemals würde ich darüber Scherze machen. Habt ihr denn die Blicke der anderen Männer, einschließlich Anthonys und seiner Brüder, nicht bemerkt. Ich bin der meist beneidete Mann des Abends.“

„Nein, habe ich nicht.“

Roxanne riskierte vorsichtige Blicke.

„Um so besser“, Simon strahlte, „ich bin nicht bereit meine privilegierte Stellung an eurer Seite kampflos aufzugeben.“

„Oh, das müsst ihr nicht Sir. Ich genieße es mit euch zu tanzen.“

„Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Allerdings sieht das Anthony nicht sehr wohlwollend. Sein Gesicht gleicht dem eines Kriegers, der nur darauf wartet das sein Gegner ihm seine schwache Stelle präsentiert.“

„Ihr habt nichts zu befürchten. Anthony kann mich nicht leiden. Für ihn bin ich nur eine nervtötende hässliche kleine Kröte.“

Simon schüttelte den Kopf. So mochte es einmal gewesen sein. Er hatte Anthonys Blick gesehen, als sie an ihm vorbei tanzten. Dieses Mädchen war ein Juwel, nur wusste sie nichts davon, oder falls sie es wusste, bedeutete es ihr nichts, was sie um so liebenswerter machte. Er wäre jedenfalls der Letzte, der ihr sagen würde, dass Anthony für sie entflammt war, auch wenn er es vielleicht selbst noch nicht wusste.

Tatsächlich stand Anthony wie erstarrt am Rand der Tanzfläche. Sara lächelte. So hatte sie ihren großen Bruder noch nie erlebt. Er ließ Roxanne keinen Moment aus den Augen. Anthony konnte es einfach nicht fassen, aus dem hässlichen Entlein war ein Pfau geworden. Trotz ihres teuren Kleides und es kostbaren Schmucks wirkte sie natürlich. Als er sah, wie frei und offen sie Simon anlächelte und mit ihm sprach, spürte er ein heißes Gefühl von Eifersucht in sich aufflammen. Er deklarierte es als Verantwortungsgefühl, weil er sich für seine Eifersucht schämte. Immerhin hatte er Roxanne früher oft und bösartig gehänselt, bis sie in Tränen ausbrach, und seine Brüder mit hinein gezogen. Das kam ihm jetzt völlig unpassend und irreal vor. Aber es ließ sich nicht rückgängig machen. Die Frage war, ob Roxanne ihm verzeihen konnte.

Die riesigen Kristalllüster strahlten im Schein der vielen Kerzen und brachen sich in den Spiegeln, die an einer Wand angebracht waren, um den Raum größer erscheinen zu lassen. Die Paare drehten auf dem Parkett ihre Runden und inmitten all der Herrlichkeit schwebte Roxanne in Simons Armen leicht wie eine Feder. Nichts erinnerte an die pausbäckige, linkische, unscheinbare Roxanne von damals.

„Sie ist unglaublich.“

„Wer?“, Collin wandte sich seinem Bruder zu.

Anthony gab keine Antwort. Er war sich nicht einmal bewusst, dass er es laut aussprach. Roxanne schlug ihn völlig in ihren Bann und er war nicht der Einzige.

„Wer ist denn nun unglaublich?“

Collins stupste seinen Bruder in die Seite.

„Roxanne“, murmelte der.

„Da erzählst du nichts Neues. Jeder heiratsfähige Mann schaut sie an, und die anderen ebenfalls. Ich wette ihre Tanzkarte ist voll bis obenhin.“

Anthony wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Roxannes Anblick verhinderte, dass er vernünftig nachdenken konnte. Nur der Gedanke, dass er der Einzige war, der sie besitzen durfte, raste wie ein Sturm durch seinen Kopf und verhinderte, dass er angemessen reagierte.

***

Der Tanz war vorbei, und als das nächste Musikstück einsetzte, bemerkte Anthony, dass Simon mit Roxanne am Arm auf die großen Flügeltüren des Ballsaals zusteuerte. Bevor die beiden auf die Terrasse treten konnten, hatte Anthony sich vor Simon aufgebaut.

„Wohin wollt ihr?“, seine Stimme hatte einen drohenden Unterton.

„Etwas frische Luft schnappen“, erwiderte Roxanne, bevor Simon antworten konnte, „kommt, Mylord.“

„Das solltest du dir zweimal überlegen“, warnte Anthony, „er ist als Schürzenjäger verpönt. Das würde deinem Ruf sehr schaden.“

Roxanne richtete sich zu voller Größe auf. Trotzdem musste sie zu Anthony aufblicken. Ihre Blicke prallten aufeinander. Sie verstärkte den Druck auf Simons Arm. Trotzig reckte sie ihm das Kinn entgegen und antwortete kühl:

„Ich weiß ja nicht, wer dich zu meinem Vormund bestellt hat? Aber soviel sei gesagt: Dein Name, mein lieber Anthony, wird in den Zeitungen nicht weniger mit Damen zweifelhafter Reputation genannt, als der von Lord Calvedon.“

„Touché“, sagte Simon und grinste.

Anthony schnappte nach Luft. Roxanne hatte tatsächlich die Verve ihm die Stirn zu bieten.

„Du bist das Patenkind meiner Mutter. Als Hausherr und Oberhaupt der Familie habe ich die Pflicht, deinen Ruf zu schützen.“

Roxanne lachte hell auf.

„Du!? Ich staune, dass ausgerechnet du, dies anführst. Du bist immerhin der Mensch, der sich die übelsten Schimpfnamen für mich ausgedacht und sie der Öffentlichkeit verkündet hat. Wenn jemand meinen Ruf ruiniert hat, dann doch wohl du! Wenn ich mir meinen Ruf noch mal ruiniere, dann suche ich mir den Mann selbst aus, der sich dieser Ehre rühmen darf.“

Roxannes grüne Augen sprühten Funken. Ihre Blicke maßen sich mit Anthonys. Sara bekam Angst, dass sich die beiden an die Gurgel gehen könnten. Anthony hatte die Hände zu Fäusten geballt. Es kostete ihn Mühe genug Selbstbeherrschung aufzubringen, Simon nicht zu schlagen, der sich das Lachen nicht verkneifen konnte.
Simon hatte noch nie eine Frau gesehen, die Anthony widerstand, geschweige denn so entschieden die Meinung sagte. Collin und Ben beobachteten den Disput aufmerksam und rechneten sich bessere Chancen bei Roxanne aus, je schlechter Anthony da stand. Da dieser sich keinen Schritt von der Tür weg bewegte, wandte sich Roxanne an Simon.

„Sir, seid so gut und schädigt meinen angeschlagenen Ruf mit einem weiteren Tanz, bevor Lord Brighterton eine Prügelei anzettelt und ich mich noch mehr vergesse. Das ist es nicht wert.“

Anthony schluckte. Roxanne zahlte ihm seine Jugendsünden heim.

„Nichts lieber als das, Mylady.“

Simon machte eine leichte Verbeugung und ohne Anthony eines weiteren Blickes zu würdigen, folgte sie Simon zurück auf die Tanzfläche.

Ein bisschen Herz, Schmerz, Liebesgeplänkel fürs Wochenende 🙂 .

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Lulu öffnete die Schublade ihrer Kommode und nahm die kostbaren Seidenstrümpfe heraus. Vorsichtig zog sie sie über ihre schlanken Beine und knüpfte den Strumpfhalter an den verstärkten Rand. Danach stellte sie sich mit dem Rücken zu dem großen Ankleidespiegel und prüfte die Naht. Sie lief gerade über ihre Waden die Schenkel hinauf. Perfekt. Dann warf sie sich das hauchzarte Seidenkleid über, das ihre üppigen Kurven hervorragend zu Geltung brachte. Es ließ Fantasie kaum Spielraum. Lulu schlüpfte in die handschuhweichen Wildlederpumps und betrachtete ein letztes Mal ihr Spiegelbild. Sie war von sich selbst entzückt. Lulus jugendliches Gesicht strahlte Natürlichkeit und Unschuld aus, die ihr geschmeidiger Körper Lügen strafte.

Der alte Lord Yardley hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass es nicht ihr Schaden sein würde, wenn sie ihm ihre Gunst schenkte. Und Lulu war sehr interessiert seine Großzügigkeit zu genießen. Heute Abend fraß er ihr aus der Hand. Sie erinnerte sich an ein Sprichwort, das sinngemäß bedeutete, dass man mit seinen Pfunden wuchern sollte und ihr Talent war ihre Verführungskunst, die sie im Laufe der Zeit zur Meisterschaft gebracht hatte.

Das bezahlte Taxi hupte und Lulu stieg die steile Treppe aus dem Dachgeschoss hinunter. Als der Fahrer sie sah, sprang er eilfertig aus dem Auto und riss die hintere Seitentür auf.
„Bitte Miss!“

Er starrte sie unverhohlen an. Lulu lächelte. Sie war an die Blicke gewöhnt. Im Grunde waren Männer leicht zu durchschauen. Ein volles Dekolleté, Taille, praller Po und lange Beine. Dazu ein naives Lächeln und schon hingen sie am Haken. Frau durfte nur nicht zeigen, dass sie es wusste. Männer mochten es nicht, wenn eine Frau ihnen überlegen war, also behielt Lulu es besser für sich.

Der Taxifahrer fädelte sich in den Verkehr ein. Immer wieder blickte er in den Rückspiegel. Was für eine Frau. Eine Haut wie frischer Schnee und die Rundungen, die sich unter ihrem Kleid abzeichneten, machten ihn atemlos. Sie wollte ins „Chez Albert“. Es war der eleganteste Nachtclub der Stadt. Er passte zu ihr. Diese Frau spielte in einer anderen Liga. Ein unangenehmes Gefühl von Ohnmacht füllte seinen Bauch. Niemals würde er es sich leisten können so ein Luxusgeschöpf zu besitzen.
Als er vor dem Club hielt, öffnete einer der livrierten Pagen die Wagentür und verwehrte ihm einen letzten Blick auf sie zu werfen.

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Für alle die gerne etwas Herz-Schmerz mögen, hier eine meiner heißgeliebten historischen Stückchen :-).

                                 Anno 1856

Die Sonne versank hinter den hohen Bäumen von Staverley Court. Der Himmel war in die verschiedensten orange Töne getaucht. Besonders im September, wenn sich die Blätter der Bäume zu färben begannen, war das Farbenspiel unbeschreiblich schön. Ich ließ den Pinsel sinken und setzte mich auf die breite Fensterbank unseres alten Kinderzimmers. Mit den Jahren hatte ich diese Szene viele Male gesehen, trotzdem hatte sie nichts von ihrer Fazsination verloren. Während ich die Farbenpracht in mir aufsaugte, fragte ich mich, wie oft ich dieses Schauspiel noch verfolgen könnte. Ich seufzte. Was würde  nächstes Jahr um diese Zeit sein? Wo wäre ich und wo meine Schwester Anna? Seit meine Mutter vor zwei Wochen beerdigt wurde, warteten wir auf Lord Justin Stanford, den neuen Besitzer von Staverley Court.

Lord Staverley, Mamas Mann, war nicht mein richtiger Vater, allerdings ließ er mich dass nie spüren und ich hatte ihn sehr gerne. Er heiratete meine Mutter, kurz nachdem mein Vater bei einem Reitunfall ums Leben kam. Sie liebten sich sehr und als meine kleine Schwester Anna geboren wurde, war das Glück perfekt. Anna und ich genossen eine vorzügliche Ausbildung und waren unzertrennlich.

 Vor drei Jahren war Annas Vater an einer starken Grippe erkrankt, hatte sich eine Lungenentzündung zugezogen und starb. Seit dieser Zeit, war Mutter nicht mehr dieselbe. Sie litt unter Depressionen, war anfällig für alle möglichen Krankheiten und nun hatte sie uns auch verlassen. Ich war der Meinung, sie starb an gebrochenem Herzen. Anna weinte sich die Augen aus dem Kopf. Ich war wie erstarrt. Die Menschen, die ich am meisten liebte waren fort. Nur Anna war mir geblieben, sie durfte ich nicht auch verlieren. Ich befand mich in einem schwarzen Loch. In meinem Kopf ging alles drunter und drüber. Wenn Lord Stanford, der letzte männliche Verwandte Lord Staverleys eintraf, erwartete er vermutlich nur eine junge Frau. Was würde er sagen wenn er zwei vorfinden würde, mit denen er sich befassen musste. Besonders, da ich nicht direkt mit seiner Familie verwandt war, was würde mit mir passieren? Unvermittelt überlief mich ein kalter Schauer, trotz der lauen Brise, die durch das offene Fenster herein wehte. Könnten wir zusammen bleiben oder würde er uns trennen? Ich wusste, dass ich das nicht ertragen könnte und auch Anna hatte Angst davor.

Allerdings war das  kein Wunder, wir hatten die Stanfords nie kennen gelernt. Lord Staverley pflegte keinen Kontakt zu der Familie seiner älteren Schwester. Er behauptete immer, seine Schwester schlüge völlig aus der Art. Sie neigte dem Glücksspiel zu und man munkelte, dass sie ihren älteren Ehemann betrog, als er noch unter den Lebenden weilte. Inzwischen war Lord Arthur verstorben und sein Sohn das Oberhaupt der Stanfords. Das erfuhren wir aus der Zeitung. Da wir auf dem Land keine große Beschäftigung hatten, nahmen wir jede Nachricht begierig auf und studierten die Zeitungen solange, bis wir sie auswendig kannten. Besonders seit Mutter krank war, hatten wir kaum noch Umgang mit anderen Menschen, da wir völlig in ihrer Pflege aufgingen und so waren die Gazetten unsere einzige Brücke zur Außenwelt. In der wenigen Freizeit ritten wir aus, lasen uns durch aufregende Reiseberichte aus Vaters Bibliothek und stellten uns vor, fremde Länder zu bereisen. Manchmal richteten wir uns in unserem alten Kinderzimmer ein und malten. Anna war besonders begabt.

 Ich hatte mich zum Malen zurückgezogen, um mich von den kommenden Ereignissen abzulenken. Anna verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer und ließ sich nicht bewegen, mit mir zu kommen. Ich sah schon eine ganze Weile aus dem Fenster, als ein Reiter, der die Allee herauf geprescht kam, meine Aufmerksamkeit auf sich zu zog. Wer wollte uns so spät seine Aufwartung machen? Rasch schloss ich das Fenster, zog meinen alten Kittel aus und rannte die Wendeltreppe hinunter in Annas Zimmer.

„Anna!“

Ich stieß die Tür auf und Anna zuckte erschrocken zusammen.

„Anna, tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe! Wir bekommen Besuch. Ich glaube, es ist Lord Stanford.“

Ihre Augen weiteten sich ängstlich. Bevor wir noch ein Wort wechseln konnten, klopfte es.

„Herein!“

James, unser Butler, erschien in der Tür.

„Lord Stanford ist eingetroffen und wünscht Miss Staverley zu sehen. Ich habe ihn in die Bibliothek geführt.“

„Danke, James! Sagen sie ihm, wir kommen gleich.“

James zog sich leise zurück.

„Nein, bitte, Eliana, ich will ihn nicht sehen. Bitte, rede du mit ihm!“, Anna sah mich beschwörend an.

„Aber Anna, er will dich sehen!“

Ich fasste nach ihren Händen, sie waren eiskalt.

„Ich kann das nicht! Ich befürchte, ich falle in Ohnmacht, wenn ich ihm gegenüber treten muss. Sag ihm, ich liege im Bett und fühle mich nicht wohl!“ Anna begann zu schluchzen. „Bitte!“

 „Na, gut!“ Ich atmete tief durch.

„Viel Glück!“

Anna drückte dankbar meine Hände.

„Danke, dass kann ich gebrauchen!“

Ich richtete mich kerzengerade auf, und mit aller Würde, die ich aufbringen konnte, ging ich hinunter. So musste es sich anfühlen, zu seiner eigenen Hinrichtung zu gehen. Ich dachte an all die Gerüchte, die wir über Lord Justin gehört hatten. Er war ein überragender Reiter, dem die Frauen zu Füßen lagen. Seine neuste Errungenschaft war die schöne Lady Isabell. Lord Stanford war als gefühlskalt und zynisch bekannt, ein Mann ohne Nerven, der keine Gefahr scheute. Das war der Grund für Annas Abneigung. In ihrer Trauer konnte sie keine harten Worte vertragen und fing bei jeder Kleinigkeit an zu weinen.

Vor der Bibliothek blieb ich stehen, straffte meine Schultern und klopfte.

„Herein!“

Vorsichtig öffnete ich die Tür und trat ein. Das Feuer im Kamin verbreitet ein warmes Licht. Lord Stanford sah in die prasselnden Flammen, mit dem Rücken zu mir. Eine letzte gute Gelegenheit die Flucht zu ergreifen.

„Guten Abend, Mylord“, meine Stimme zitterte.

Lord Stanford richtete sich zu voller Größe auf und drehte sich zu mir um. Ein leicht erstaunter Ausdruck trat in seine Augen, als er mit fester, kühler Stimme sagte:

„Guten Abend, Miss Staverley. Ich hielt sie für jünger!“

Ich hatte es geahnt.

„Miss Staverley ist jünger. Sie lässt sich entschuldigen. Seit dem Tod unserer Mutter befindet sie sich nicht gut“, versuchte ich mich souverän zu geben.

„Anna hat eine Schwester?“

Er kam aufreizend langsam näher. Interessiert musterte er mich ich. Trotzdem ich nicht klein war, überragte Lord Stanfort mich mindestens um einen Kopf. Er sah mich durchdringend an und ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Wie ein Kaninchen in der Falle.

 „Wie heißen sie?“

Er fixierte mich mit seinen kühlen blauen Augen und ich antwortete mit zitternder Stimme.

„Eliana Lefay.“

Justin zog eine Augenbraue hoch.

„Sie sind Französin?“

„Ja, zur Hälfte. Mein Vater war ein französischer Edelmann. Anna ist meine Halbschwester.“

„So, so!“

Er ging einmal um mich herum und begutachtete mich. Wie ein Pferd auf einer Auktion. Ich rührte mich nicht und sah auf meine Schuhspitzen.

„Nun, ich denke, dass wird die Sache nicht unnötig erschweren.“

Ich wandte den Kopf.

„Welche Sache?“

Was meinte er?

„Sie und ihre Schwester gut zu verheiraten.“

„Heiraten?“

Ich war sprachlos.

„Natürlich! Was sollte ich sonst mit ihnen tun? Mir obliegt die Verantwortung für sie und ihre Schwester. Für zwei junge Damen ihres Alters, ist es das Beste, zu heiraten und versorgt zu sein. Schließlich habe ich auch noch andere Verpflichtungen, als auf sie aufzupassen.“

„Andere Verpflichtungen? Sie meinen wohl Lady Isabell?“, rutschte es mir ausversehen heraus.

Sofort traf mich ein strafender Blick seinen stahlblauen Augen. Ich zuckte unter dieser Kälte  zusammen und entsetzt sah ich ihn an, als er weiter redete.

„Ihre Schwester wird eine Mitgift von 80.000 Pfund erhalten. Und was ist für sie vorgesehen?“

„Im Fall einer Heirat wird ein Trust frei, der etwa 50.000 Pfund wert ist“, antwortete ich tonlos.

„Das erleichtert meine Pläne um einiges.“

Lord Stanford klang völlig gleichgültig. Er wollte uns loswerden, verkaufen. Und bei dem Geld, das uns bei unserer Hochzeit zustehen würde, hätte er sicherlich keine Probleme einen Abnehmer für uns zu finden. Meistbietend ersteigert. Das konnte nicht sein ernst sein. Der Gedanke daran, welche zwielichtigen Heiratskandidaten sich für uns interessieren würden, machte mir Angst. Männer, die es nur auf unsere Mitgift abgesehen hatten, ein widerlicher Gedanke!

In Lord Stanfords Gesicht erkannte ich keine Gefühlsregung. Sollten die Gerüchte wahr sein? Konnte er uns, ohne unsere Wünsche in Betracht zu ziehen, einfach verschachern?

„Ich möchte nicht von meiner Schwester getrennt werden“, wagte ich einen Versucht ihn umzustimmen.

„Ich kann ihnen nichts versprechen. Vorläufig werden sie noch zusammen sein, also sollten sie es genießen. Sie werden die nächsten Wochen auf unserem Familienbesitz verbringen. Meine Mutter wird sie in die Gesellschaft einführen. Alles Weitere wird sich finden.“

Das er damit auf heiratswillige Männer anspielte, war mir klar.

„Von hier fort gehen?“

Meine Beherrschung ließ mich langsam aber sicher im Stich und meine Augen füllten sich mit Tränen. Das war ein einziger großer Alptraum, und ich hoffte daraus aufzuwachen.

„Ich kann sie ja schlecht hier lassen. Zwei junge Damen der Gesellschaft ohne Anstandsdame. Oder wie hatten sie sich das vorgestellt?“

Justin setzte sich hinter den großen Schreibtisch seines Vaters und ließ mich nicht aus den Augen.

„Bis jetzt sind wir sehr gut alleine zu Recht gekommen.“

Alles in mir sträubte sich gegen seine Pläne. Ich senkte den Blick, damit er die Tränen nicht sah, die mir über die Wangen rollten. Als Justin nicht antwortete, fragte ich leise:

„Dürfen wir unsere Pferde und unsere Hunde mitnehmen?“

„Natürlich!“

Seine Stimme klang weicher. Ich sah ihn an und unsere Blicke trafen sich. Mein Herz schlug plötzlich schneller.

„Alles was sie möchten, können sie mitnehmen, ich werde das Nötige veranlassen.“  

„Danke, Mylord“,  ich neigte den Kopf. „Darf ich mich jetzt entschuldigen? Ich bin müde!“

„Sicher. Ich würde morgen gerne mit ihrem Verwalter sprechen, um die finanziellen Dinge zu regeln.“

Auch das noch. Ich gab mir einen Ruck, sah ihn direkt an und sagte:

„Nun, da werden sie wohl mit mir vorlieb nehmen müssen.“

„Mit ihnen?“

Das schien zur Abwechslung ihm die Sprache zu verschlagen.

„Ja, in den letzten drei Jahren habe ich die Bücher geführt und den Besitz verwaltet.“

„Höchst ungewöhnliche Methoden“, er hob irritiert die Augenbrauen.

„Ja, Mylord. Gute Nacht!“

Ich wollte die Bibliothek verlassen, als Justin mich zurückhielt.

„Eliana!“

Er erhob sich und kam zu mir herüber. Seine Nähe machte mich nervös und ich verschränkte die Finger ineinander.

„Sehen sie mich an!“, es klang wie ein Befehl und ich gehorchte. „Sträuben sie sich nicht gegen ihre Zukunft, dann wird es für uns alle leichter sein. Jeder muss seine Pflicht erfüllen.“

Justin legte eine Hand unter mein Kinn und sagte mit rauer Stimme:

 „Wenn ihre Schwester nur halb so reizvoll ist, wie sie, werden sich sicher respektable Ehemänner finden.“

Das konnte alles nicht wahr sein. Mein Kampfgeist erwachte.

„Ich werde niemals einen Mann heiraten, den ich nicht liebe, eher sterbe ich!“

Ich warf meinen Kopf zurück und verließ schnurstracks die Bibliothek.

 

Das konnte heiter werden. Justin sah Eliane kopfschüttelnd hinterher. Er hatte gehofft, wie ein Retter empfangen zu werden, aber das Gegenteil war der Fall. Nicht nur das. Plötzlich wurde mit zwei Mädchen konfrontiert. Eliana schien ziemlich widerspenstig zu sein. Trotzdem die Leute behaupteten, er sei kühl und unnahbar, besaß er genug Menschenkenntnis um erkennen, dass ihre schönen blauen Augen sehr traurig blickten. Die letzten drei Jahre, in denen sie den ganzen Haushalt geführt, ihre kleine Schwester erzogen und ihre Mutter pflegte, hatten ihr sicher große Kräfte abverlangt. Und auch jetzt gestattete sie sich keine großen Gefühlsregungen, weil sie für ihre Schwester stark sein musste. Es tat ihm leid, aber darauf konnte er wenig Rücksicht nehmen. Probleme hatte er auch so genug. Es würde nicht einfach werden, einen Mann zu finden, der Eliana gewachsen war. Allerdings war ihr Aussehen ein großer Pluspunkt. Sie war ein schönes schlankes Mädchen, die langen blonden Haare fielen in weichen Wellen über ihre Schultern, bis zu ihrer Taille und in ihrem fein geschnittenen Gesicht, mit dem schön geschwungenen Mund, standen Augen von einem Blau, wie er es noch nie gesehen hatte. Ob Anna auch so hübsch war und so schwierig? Nun, er würde es morgen wissen.

 

Ich schlug die Tür der Bibliothek hinter mir zu. So eine Frechheit! Wie konnte Justin so gefühllos sein? Ich lief durch die Küche hinaus zu den Ställen. Als ich die Stalltür öffnete schnaubte Brego, mein schwarzer Hengst. Ich betrat seine Box und schlang meine Arme um seinen Hals.

 „Ach, Brego!“

Das erste Mal, seit der Beerdigung unserer Mutter, weint ich. Ich weinte um mich, um Anna und ich hatte Angst vor dem was kommen würde.

„Brego, was soll aus uns werden? Anna und ich werden verkauft. Verkauft an irgendwelche Männer, die wir nicht kennen und nicht lieben. Wenn ich doch auf der Stelle tot umfallen könnte? Aber was würde aus Anna? Ich kann sie doch nicht allein lassen?“

Brego schnaubte leise und stupste mich mit seinem weichen Maul an.

 „Ja, wenn du ein Mann wärst, du würdest mich retten und weit, weit weg bringen. Stimmt`s?!“

Ein leises Geräusch schreckte mich auf.

„Hallo, ist da jemand?“  

„Ja! Ich bin hier!“

Oh, nein! Justin! Wie lange war er schon hier? Hatte er gehört was ich Brego  erzählt hatte? Ich wischte mir verstohlen die Tränen aus dem Gesicht. Justin betrat die Box. Er ließ sich zumindest nichts anmerken, als er fragte:

„Ist das ihr Pferd?“  

„Ja, er heißt Brego!“

„Sehr ungewöhnlich. –  Wie sehr viele Sachen in diesem Haus. Woher kommt der Name Brego?“

Im Halbdunkel konnte ich sein Gesicht nicht erkennen und fragte mich, ob seine Augen wieder so kühl blickten, wie vorhin.

„Es ist ein alter nordischer Name und bedeutet „königlich“.“

Justin trat näher und streckte seine Hand vor, damit Brego seinen Geruch aufnehmen konnte, danach streichelte er ihm sanft über Hals und Nüstern und Brego ließ es sich gefallen. Wenn er mit Menschen so sanft umgehen würde, wie mit Tieren! 

„Und was bedeutet ihr Name, Eliana?“

Er stand ganz dicht neben mir und seine Stimme war plötzlich sehr sanft und eindringlich.

„Mein Name kommt aus dem Griechischen, ein Steckenpferd meines Vaters. Er kommt von Helios – Sonne“, antwortete ich verlegen.

„Eine schöne Bedeutung. Gehen sie jetzt zu Bett und schlafen sie sich aus. Wenn morgen die Sonne aufgeht, sieht alles schon ganz anders aus.“

„Ja, Mylord.“

„Schlafen sie gut, Eliana.“

Ich verließ den Stall. Seine sanfte Stimme brachte mich mehr aus der Ruhe, als seine Distance von vorhin.

Justin hatte alles gehört. Er hatte sich vorgenommen, seine Gefühle außen vor zu lassen,  aber Eliana rührte irgendwie an sein Ehrgefühl. Er würde einen Ehemann aussuchen, den sie akzeptieren konnte.

„Tja, Brego, ich hoffe, sie hasst mich nicht zu sehr, dass würde es uns allen leichter machen.“

Justin tätschelte Bregos Hals und der schnaubte leise.

Ich huschte die Treppe hinauf, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich hatte kaum Erfahrung mit Männern und Justin war ein außergewöhnliches Exemplar von Mann. Mit seiner anziehenden und gleichzeitig distanzierten Art hatte er sicherlich schon vielen Frauen das Herz gebrochen, aber nicht mit mir! Ich öffnete leise die Tür zu Annas Zimmer. Sie schlief tief und fest, daher ging ich in mein Zimmer und begab mich in mein Bett. Ich war so erschöpft, dass ich schnell einschlief. Entgegen meinen Befürchtungen war mein Schlaf tief und traumlos.

 

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