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Posts Tagged ‘Küche’

Es ist genau acht Uhr, als Inspektor Robins in Begleitung eines jungen Sergeant, den schweren Türklopfer gegen die Eingangstür krachen lässt.

Misses Morse zuckt nervös zusammen und blickt Rosalie irritiert an.

„Wer kann den jetzt noch kommen?“

Ihre Augen sind vom Weinen gerötet und ihre Hand zittert, als sie an ihrem Tee nippt. Rosalie streicht beruhigend über ihre kleine, mollige Hand.

„Ich nehme an, die Polizei. Wären sie so nett, den Herren einen frischen Tee aufzubrühen und im Arbeitszimmer servieren zu lassen?“

„Natürlich, Miss“, sie springt eifrig auf und macht sich an die Arbeit.

Rosalie verlässt die Küche und begibt sich in die Eingangshalle. Ehe sie sich bemerkbar machen kann, hat der Inspektor sie bemerkt. Er steht zwischen Anthony und Gilbert, mit dem Rücken zu ihr. Als sie sich nähert, dreht er sich um. Der intensive Blick lässt ihr Herz für einen Moment schneller schlagen.

„Sie müssen Miss Graville sein“, seine Stimme ist tief und angenehm. Er reicht ihr die Hand. Sie erwidert seinen festen Händedruck und ein flüchtiges Lächeln umspielt seine etwas zu sinnlichen Lippen. „Inspektor Nathan Robins.“

Zwischen den beiden athletischen, blonden Männern mit den ebenmäßigen Gesichtszügen, wirkt der drahtige Inspektor mit dem dunklen welligen Haar, dem etwas zu eckigen Gesicht, der charakterstarken Nase und den tiefbraunen, fast schwarzen Augen, wie ein dunkler Engel. Ein Wort, eine Geste von ihm könnte Anthony und Gil aus ihrem zerbrechlichen Himmel stürzen lassen.

„Wie mir mein Sergeant berichtete, haben sie uns rufen lassen.“

Nathan lässt Rosalie nicht aus den Augen.

„Das stimmt.“

Anthony lächelt schief, während Gils Gesichtsausdruck keine Emotionen erkennen lässt.

„Sie glauben nicht, das der Sturz von Lady Edna ein Unfall war?“

Seine Blick streift die Runde und bleibt wieder bei Rosalie hängen.

„Dazu kann ich mir kein Urteil erlauben, ich bin kein Arzt. Sie war eine alte gebrechliche Dame.“
Gil unterbricht Rosalie durch einen verächtlichen Laut. Sie runzelt unmerklich die Stirn und ist sicher, dass der Inspektor es gesehen hat.

„Es wäre ein Leichtes gewesen, ihr einen Schubs zu geben, damit sie die Treppe herunterstürz“, fährt sie fort, genauso gut könnte sie gefallen sein. Aber deswegen sind sie nicht hier.“

„Nicht?“

„Nun ja, irgendwie schon“, Rosalie zuckt entschuldigend mit den Schultern, „sie sind hier, weil die Familienjuwelen aus dem Safe gestohlen wurden. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang?“

„Wo befindet sich der Safe, Mister de Clare?“

Gils Gesichtsausdruck ist Ablehnung pur. Nathan zieht eine Braue hoch, ohne die Schärfe seines Blicks zu mildern. Männer wie Gilbert de Clare lehrten Nathan nicht klein beizugeben und zu kämpfen.

„Der Safe mit dem Familienschmuck befindet sich in Lady Ednas Zimmer“, lässt Gil sich zu einer Antwort herab.

„Wann wurde der Diebstahl bemerkt?“, Nathan wendet sich erneut Rosalie zu. Miss Graville passt überhaupt nicht in dieses Haus, geht es ihm durch den Kopf, sie scheint die einzige mit gesunden Menschenverstand zu sein.

„Nachdem der Bestatter eintraf. Etwa gegen sechs Uhr. Ich sollte ein Kleid für Lady Edna heraussuchen. Sie ist im Nachthemd gestürzt“, fügt sie hinzu, als würde diese Erklärung ausreichen.

„Wo befanden sie sich alle, als Lady Edna stürzte?“

„Ich war mit Miss Graville in der Küche“, kommt Anthony Rosalie hilfsbereit zu vor.

Nathan runzelt die Stirn.

„Und sie, Mister de Clare?“

„In meinem Bett“, Gils Ton lässt deutlich erkennen, dass er die Frage des Inspektors für eine Zumutung hält.

Nathan ignoriert es und sagt zu seinem Sergeant:

„Collins, befragen sie die Angestellten.“

„Ja, Sir.“

Der junge Mann eilt dienstbeflissen in die Küche, in der sich die Dienstboden zur Verfügung halten sollen.

„Miss Graville, würden sie mir bitte den Tatort zeigen?“

Nathan macht eine einladende Handbewegung. „Darf ich sie bitten voranzugehen.“

Rosalie setzt sich in Bewegung. Gil und Anthony wollen ihr folgen, aber Nathan schüttelt den Kopf.

„Sie warten bitte in der Bibliothek.“

„In meinem Haus haben sie gar nichts zu befehlen“, Gils Stimme ist gefährlich ruhig.

Nathan lächelt überlegen.

„Ich habe nichts befohlen. Ich habe bitte gesagt.“

Über Rosalies Gesicht huscht ein Lächeln und sie ist froh, dass Gil ihr Gesicht nicht sehen kann.

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– Was hat sich Großvater nur dabei gedacht! Was habe ich mir dabei gedacht! Und dabei habe ich mir vorgenommen ganz ruhig und gefasst zu bleiben. Ich hätte auf John hören sollen, er hat mich gewarnt. – Mit energischen Schritten umrundet sie den großen Brunnen vor dem Haus. – Ich sollte nach Hause fahren. Aber das wäre ein Triumph. Gil würde sich ins Fäustchen lachen, dass er die lästige Erbin losgeworden ist. Ich muss mehr wissen. – Rosalie hält kurz inne, atmet tief durch. – Ich werde meine allwissende Quelle anzapfen müssen. – Kurz darauf sitzt sie bei Misses Morse in der Küche, genießt ein Stück frisch gebackenen Kuchen und eine Tasse Tee.

***

Rosalie liegt im Bett, in spitzenbesetzten Kissen und Decken und betrachtet den reich bestickten Baldachin über sich. Sie hat den Verdacht, das Bett gehörte schon zur ersten Möblierung des Hauses und obwohl sie in ihrem eigenen Heim den modernen Stil bevorzugt, übt das altmodische Ambiente einen besonderen Reiz auf sie aus.

Ihre Gedanken kreisen um die beiden Besitzer des Anwesens. Lady Edna, die in selbstgewählter Begrenzung aus Konvention und Arroganz wie ein zurückgebliebenes Kind wirkte, nicht im Stande einfachste Zusammenhänge zu verstehen. Während Gil sich durch die Traditionen an das Haus und das Erbe ketten ließ, alles genau beobachtete, sich auf der Suche nach einem Ausweg im Kreis drehte und eine Mauer aus eisiger Ablehnung aufbaute.

Rosalie schlägt die Decke zurück, schlüpft in Pantoffeln und Morgenrock und verlässt ihr Zimmer. Sie könnte Mister Smith aus dem Bett klingeln und ihn bitten ihr einen Tee zu bringen, doch sie will seine Abneigung gegen ihre Person nicht verstärken. Den Weg in die Küche findet sie ohne nachzudenken.

***

Durch den nachglühenden Herd herrscht in der Küche noch eine angenehme Temperatur. Rosalie legt einen Holzscheit nach und ragt mit dem Schürhaken mehr Glut um das Holz. Sie rückt den Wasserkessel über die Feuerstelle. Er ist noch zur Hälfte gefüllt und lauwarm. Rosalie nimmt eine kleine Teekanne vom Regal, füllt eine Handvoll Pfefferminzblätter ein und zieht sich einen Stuhl vor den Herd. Das trockene Holz knistert hinter der Ofentür und verströmt einen harzigen Geruch. Rosalie genießt die Stille und die behagliche Atmosphäre.

Ihre Gedanken kehren zum Nachmittag zurück, als sie Misses Morse in der Küche aufsuchte, um ihr ein paar Auskünfte bezüglich ihres Großvaters, Lady Ednas und des Familienschmucks zu entlocken.
Misses Morse genoss die Aufmerksamkeit der schönen Miss Rosalie und ließ sich nur zu gerne herab, ihr interessante Einzelheiten über ihre Ahnen anzuvertrauen. Immerhin, so sagte sie sich, war die Miss die Enkelin seiner Lordschaft und es wäre sträfliche Nachlässigkeit gewesen, ihr die Bedeutung ihres Großvaters vorzuenthalten.

Rosalie versucht sich einen Reim auf Misses Morse Mitteilungen und die merkwürdige Dynamik in dieser Familie zu machen. Nach der Testamentseröffnung hatte sie nicht vorgehabt am Dinner teilzunehmen, bis Anthony sie bei Misses Morse in der Küche aufspürte und sie mit Engelszungen davon überzeugte nicht klein beizugeben.

Sie machte aus der Not eine Tugend. Ein Erbe ihrer Eltern. Rosalie zog eines ihrer schönsten Kleider an, steckte ihr Haar zu einer eleganten Frisur auf und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Kannst du deine Feinde nicht schlagen, gewinn sie für dich, beherzigte sie die Maxime ihres Vaters. Bis dahin war es ihr meistens gelungen, Neider oder Kritiker für sich zu gewinnen, aber was Lady Edna und Gil betraf war sie alles andere als sicher.

Erleichtert stellte Rosalie fest, dass sie nicht der einzige Gast war. Lady Edna thronte wie eine bösartige Krähe in schwarzer Witwentracht und streng frisiertem Haar an einem Ende der Tafel. Neben ihr saß Pater Markus dessen geistiger Beistand, gegen diese schreckliche Frau, seine Anwesenheit verlangte. Anthony flüsterte ihr in einem unbeobachteten Moment zu, dass der Pater Lady Ednas Beichtvater war. Die alte Dame beobachte die junge Frau mit Argusaugen. Zu ihrem Überdruss konnte sie keine Regelverstöße gegen die Etikette feststellen. Die fixe Idee Rosalie bei einem Faux Pas zu erwischen und bloßzustellen, schlug fehl.

Des weiteren bereicherte eine adelige Familie aus der Nachbarschaft das Dinner. Rosalie verdächtigte Lady Edna Gil verkuppeln zu wollen. Die drei Töchter im heiratsfähigen Alter konnten ihre Augen nicht von Gil und Anthony abwenden. Es kostete Rosalie Mühe das alberne Kichern der jungen Damen nicht mit sarkastischen Worten zu kommentieren.

Victor, der schneidige Bruder der drei Mädchen entschädigte Rosalie mit einem interessanten Gespräch über eine Reise nach Ägypten, von der er gerade ein paar Tage zuvor zurückgekehrt war. Er schien Gefallen an ihr zu finden und wich ihr den ganzen Abend keinen Schritt von der Seite.

Rosalie war so beschäftigt, beschäftigt zu sein, dass sie nicht bemerkte, das sowohl Gil, als auch Anthony ihren Gesprächspartner mit Argusaugen beobachteten. Je mehr sie sich in die Unterhaltung mit Robert vertiefte, je weiter sank die Stimmung bei den beiden Herren, die parallel die Laune der flirtenden Mädchen herabsetzte.

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Rosalie wählt den Weg über die Küche, zurück ins Haus. Die rundliche Köchin teilt ihrer Küchenhilfe gerade Arbeit zu, als Rosalie den Raum betritt.

„Misses Morse“, flüstert das Mädchen und deutet mit einem leichten Kopfnicken in ihre Richtung, „die neue Miss ist da.“

Misses Morse unterbricht abrupt ihre Unterweisung und wendet sich Rosalie zu.

„Guten Morgen, Miss“, ihr Gesichtsausdruck macht klar, dass sie nicht erfreut ist.

„Miss Rosalie“, hilft Rosalie aus und setzt ihr liebenswürdigstes Lächeln auf, „liebe Misses Morse, darf ich sie um einen Tee und etwas Gebäck bitten. Die Herren sind gerade erst zu ihrem Ausritt aufgebrochen.“

Misses Morse Gesichtsausdruck verfinstert sich noch ein bisschen mehr.

„Bitte machen sie für mich kein großes Aufhebens“, beschwichtigt Rosalie die Köchin, „ich nehme meinen Tee gerne hier ein“, sie setzt sich an den großen polierten Esstisch, an dem die Bediensteten sonst ihre Mahlzeiten einnehmen, „ihre Küche ist so adrett und sauber, wie ich es selten gesehen habe. Da können sich einige herrschaftliche Haushalte eine Scheibe abschneiden.“

Ein Lächeln huscht über das Gesicht der Köchin. Und tatsächlich ist es nicht einmal übertrieben. Wenn Rosalie von dem ausgeht, womit Misses Morse arbeiten muss.

„Bitte, Miss Rosalie“, sagt die Köchin und sieht deutlich entspannter aus, als sie ihr Tee eingießt und einen Teller mit Zitronenkuchen vorsetzt.

„Vielen Dank, Misses Morse“, Rosalie deutet auf den Stuhl gegenüber, „würden sie mir einen Moment Gesellschaft leisten?“

„Danke, Miss“, unsicher setzt sich die Köchin und gießt sich ebenfalls einen Tee ein. Sie blickt zu dem Küchenmädchen, das in Ehrfurcht erstarrt scheint. „Mary, mach weiter, sonst wird das Frühstück nie fertig!“, weist sie das Mädchen zurecht, dass sich hastig wieder seiner Arbeit zu wendet.

„Wie lange stehen sie bei den de Clares in Diensten?“, beginnt Rosalie das Gespräch. Sie weiß nur zu gut, dass Dienstboten über alles wichtige Bescheid wissen und auch über alles Unwichtige.

***

Als Rosalie eine halbe Stunde später die Küche verlässt, ist sie ausgesprochen gut über den Haushalt und seine Bewohner informiert. Als der alte de Clare, ihr Großvater, vor einem Monat das Zeitliche segnete, hinterließ er Gilbert, als nächstem männlichen Erben den gesamten Besitz – mit seinen Schulden, die eine beträchtliche Summe ausmachen. Um wie viel es sich handelt, weiß niemand genau. Das soll die Testamentseröffnung ans Licht bringen, zu der auch Rosalie geladen wurde. Misses Morse erzählte Rosalie hinter vorgehaltener Hand, dass es sich um Spielschulden handelt.

Ironie des Schicksals, starb der alte Herr an einem Herzinfarkt kurz bevor er einen Kontrakt unterzeichnen konnte, in dem er das Haus als Gegenwert zu einer Wette einsetzte. Sonst wäre das ganze Anwesen der Ehrenwerten de Clares in die Hände eines Buchmachers gefallen.

Rosalie weiß nicht, ob sie Bedauern oder Schadenfreude empfinden soll. Zumindest Gilbert tut ihr Leid, auch wenn sie ihn für einen unverschämten Snob hält. Er ist die Person, die am wenigsten für die Verhältnisse kann und doch aus Ehr – und Pflichtgefühl genötigt ist die Sache zu regeln. Rosalie ist gespannt, was der Notar in der Testamentseröffnung offenbaren wird und vor allem, warum sie zu diesem Termin geladen wurde.

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Ich glaub ich träume!

Warum denken die Leute eigentlich, dass der Vollmond unseren Schlaf beeinträchtigt, denke ich und drehe mich von rechts nach links und wieder zurück.

„Weil es wohl so ist“, seufze ich und schlage die Bettdecke zurück. Eddy, mein Kater, schaut kurz auf und ich sage zu ihm, „aber vermutlich ist es der Kaffee. Ich hätte so spät keinen mehr trinken sollen.“

Eddy schließt die Augen wieder. Nicht zu ändern. Es ist zu spät. Ich bin hellwach. Silberne Lichtstraßen erhellen mein Schlafzimmer. Ein riesiger Mond hängt über meiner kleinen Stadt. Wenn er jetzt herunterfallen würde, wären alle Häuser platt. Oder vielleicht könnte ich ihn auch berühren, wenn ich keine Höhenangst hätte und auf`s Hausdach steigen würde?

„Blödsinn“, murmele ich vor mich hin. Eddy rührt sich nicht. „Ich mit meinen komischen Gedanken!“

Ich gehe in die Küche und hole mir ein Glas Wasser. Statt wieder ins Bett zu gehen, biege ich in mein Schreibzimmer ab. Mein Gedankenkarussell hat längst Fahrt aufgenommen. Wenn ich die Ideen gleich in den PC schreibe, kann ich sie morgens wenigstens noch lesen, anstelle der Hieroglyphen in meinem Notizbuch.

Auch in mein Schreibzimmer fällt das Licht des Frühlingsvollmondes. Ich kann alles klar erkennen. Die Bücherregale, meinen Schreibtisch und den PC, die Orchideen und die Figur auf der Fensterbank und – ich traue meinen Augen nicht – den Drachen. Er ist ziemlich klein. Etwa von der Größe eines Meerschweinchens. Aber geschuppt, mit Schwanz, Flügeln und Reptilienkopf, so wie ich mir einen Drachen vorstelle.

Was für ein Quatsch! Ich träume. Ich zwicke mich in die Wange. Aua, das tut weh. Ich kneife die Augen für einen Moment fest zusammen. Als ich sie wieder öffne, ist der Drache weg. Erleichtert atme ich auf. Nur Vollmond-Schriftsteller-Fantasien. Aber die Idee mit dem Drachen gefällt mir. Ich schalte meine Schreibtischlampe an und fahre den PC hoch. Ich öffne eine Datei, speichere sie unter „Notizen“ und schreibe:

„Haben sie zufällig meinen Drachen gesehen?“

Hm, habe ich das gerade jemand sagen hören? Nicht umdrehen, sagt die innere Stimme zu mir, alles nur Einbildung oder lieber doch umdrehen und der Gefahr ins Auge sehen? Langsam drehe ich mich um. Vor mir steht ein Mann in Klamotten, die an Steampunk erinnern, und schaut mich interessiert an.

„Was ist das für eine Maschine?“ Er deutet auf meinen PC.

„Ein Computer“, stottere ich.

„Aha“, sagt er, als wüsste er, was ich damit meine, „haben sie meinen Drachen gesehen?“

„Etwa so groß?“

Ich deute die Größe mit den Händen an, ohne meinen Blick von dem Fremden abzuwenden. Was ist hier los? Rotiert die Frage in einer endlos Schleife durch meinen Kopf.

„Da ist er ja“, der Mann kommt auf mich zu.

Ich rühre mich nicht von der Stelle, nehme aber aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Ehe ich etwas tun kann, sitzt der Mini-Drache auf meinem Schoss und gibt wohlige Töne von sich, die an Eddys Schnurren erinnern. Instinktiv will ich ihn kraulen.

„Halt“, warnt mich der Mann, „er beißt Fremde.“

Ich sehe auf den Drachen herunter. Er dreht mir den Hals zu, und mit zwei Fingern streiche ich über die weiche Innenseite des Halses. Der Drache gibt leise wohlige Quiecklaute von sich.

„Scheint ihm zu gefallen“, stelle ich fest.

„Interessant“, sagt er und betrachte mich prüfend.

Interessant finde ich diese Situation auch, bin mir aber nicht sicher in welcher Richtung. Die gute oder die schlechte.

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Vier Tage vor Weihnachten

1.

Autotüren schlagen. Ist Jeremy zurück? Ich springe auf, stürze zum Fenster und reiße es auf. Schneeluft zieht herein und lässt mich frösteln. Ich muss mich weit hinauslehnen, um in die Einfahrt zu sehen. Da steht Jeremys Wagen. Ob er Lucas mitgebracht hat? Viel hat er nicht von ihm erzählt, nur dass er unschuldig ist. Jeremy, er ist Anwalt, ein sehr guter dazu, flog vor zwei Wochen nach Vancouver, um einen seiner Studienfreunde, Lucas North, aus dem Gefängnis zu holen. Die ganze Familie befand sich in heller Aufregung und hoffte jeden Tag auf positive Nachrichten. Als endlich die Mitteilung kam, dass sie auf dem Rückflug waren, fiel uns ein Stein vom Herzen.

Ich warte, bis es unten wieder still wird. Nebenan in Jeremys Zimmer höre ich Geräusche. Jetzt hab ich ihn für mich alleine. Ich husche hinüber. Ohne anzuklopfen reiße ich die Tür auf.

„Jeremy! Du meine Güte. Ich glaube, du bist gewachsen“, ziehe ich ihn auf.

Ich umarme meinen 1,90 Meter großen Bruder und drücke ihm einen dicken Kuss auf die Wange.

„Ich wollte gerade fragen, ob du geschrumpft bist!“

Er grinst über das ganze Gesicht und wirbelt mich herum.

„Hast du ihn mitgebracht?“

Ich platze vor Neugier. Jeremy wirft mir einen merkwürdigen Blick zu.

„Geht’s dir nicht gut?“

Ich knuffe ihn freundschaftlich in die Seite. Jeremy fasst mich bei den Schultern, dreht mich in die andere Richtung und mein Herz setzt einen Schlag aus.

„Meinen sie mich?“

Vor mir steht ein großer athletischer Mann. In seinem blassen Gesicht, das von dunklen Haaren eingerahmt wird, glühen ungewöhnlich blaue Augen mit langen Wimpern. Über seine schmalen Lippen huscht ein Lächeln. Oh, Himmel, sieht der Mann gut aus.

„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Keinen Geist, nur einen gefallenen Engel. Ich gehe auf ihn zu und strecke ihm meine Hand entgegen.

„Ich heiße Stella. Du bist also Lucas.“

Er nickt belustigt, aber hinter seinem fiebrigen Blick lauert etwas Dunkles, dass mich beunruhigt. Lucas schüttelt mir die Hand. Sein Händedruck ist fest und warm. Ich kann seinen Herzschlag spüren. Das beunruhigt mich noch mehr. Obwohl er ganz lässig da steht fühle ich seine innere Zerrissenheit, seine Qual und den Schmerz.

„Ich hoffe es stört dich nicht, dass ich in Jeremys Zimmer schlafe.“

„Nein, wenn es dich nicht stört, dass ich ab und zu mal vorbei komme und mir bei dir die Füße wärme“, rutscht es mir heraus.

Das ist eigentlich Jeremys Job, seit ich laufen kann. Lucas schaut mich verständnislos an. Ich erröte bis zu den Haarspitzen.

„War nur ein Scherz.“ Jeremy gibt Lucas einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und grinst. „Loses Mundwerk, die Kleine. Das hat sie so an sich, gewöhn dich dran.“

„So, also Ok, ich muss den Baum zu Ende schmücken. Wir sehen uns nachher.“

Ich muss weg. Lucas Blick geht mir unter die Haut.

„Aber mach es ordentlich! Ich schaue mir den Baum gleich an.“

„Nur nicht frech werden, mein Lieber!“

Ich versetze Jeremy einen Stoß in die Rippen, dann rase ich die Treppe hinunter, weil ich weiß, dass sich mein Bruder keine Gelegenheit zu einer Kabbelei entgehen lässt.

***

Die Leiter wackelt ein bisschen, aber der Stern muss noch auf der Tannenspitze angebracht werden. Für meine Höhenangst ist das Gift. Aber – ich bin groß, ich bin mutig – rauf auf das Ding. Mit weichen Knien klettere ich eine Stufe nach der anderen hinauf. Ich lehne mich vor, greife nach der Baumspitze und versuche den Stern darauf zu platzieren. Die Leiter kippt etwas nach links. Ich höre ein Geräusch, dreh mich um und falle – in Lucas Arme.

„Du solltest eine hohe Leiter nicht hinauf klettern, ohne dass einer festhält.“

Lucas stellt mich auf die Füße und sieht auf mich herunter. Oh, Mann, riecht der Mann gut. Ich könnte ohnmächtig werden, aber dann hätte ich nichts mehr davon. Ich spüre die Muskeln unter seinem Hemd. Diese Augen! Das Blau erinnert mich an Frühlingshimmel, umkränzt mit dunklem Flor, der ihm einen Hauch von Melancholie verleiht.

„Alles OK?“

Lucas hält mich immer noch fest.

„Ich glaube schon. – Aber der Stern hängt immer noch nicht am richtigen Platz.“

„Kein Problem.“

Lucas steigt die Leiter hinauf, befestigt den Stern und das war`s. Leider musste er mich dafür loslassen.

„Danke. – Darf ich dich was fragen?“

Mir geht die ganze Zeit die Frage durch den Kopf, wie er es im Gefängnis ausgehalten hat und ob die Wärter ihn anständig behandelt haben.

„Klar.“

Unschlüssig stehe ich da. Wie soll ich die Frage formulieren? Jeremy hatte vorher gesagt, ich sollte meine Neugier im Zaum halten. Mein Mund ist wieder schneller, als mein Kopf.

„Kinder! Kommt ihr? Der Tee ist fertig!“ Ruft meine Mum aus der Küche.

„Oh, wir reden später darüber. Wir sollten uns beeilen, sonst essen meine lieben Brüder die besten Sachen auf, bevor wir sie überhaupt gesehen haben.“

Dank Mum kann ich mich aus der Affäre ziehen. Lucas Augen durchdringen mich. Immer wieder ziehen sich unsere Blicke an. Am Tisch setzt er sich neben mich. Kerzen und gedämpftes Licht verbreiten eine angenehme anheimelnde Atmosphäre. Der sanfte Duft von Tannenzweigen, Zimt, Nelken und Orangen erfüllt die Luft. Von den Tischgesprächen bekomme ich wenig mit. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt Lucas von der Seite anzuschauen und mir jede Linie seines Gesichts einzuprägen. Er ist so präsent, dass ich an nichts anderes denken kann. Meine Geschwister und Eltern scherzen und plaudern munter drauf los und ich spüre, wie sich Lucas innere Anspannung langsam löst. Mein Blick fällt auf die Uhr. Ich muss gleich los. Sonst komme ich zu spät.

„Leider muss ich euch verlassen.“

„Musst du denn wirklich noch mal weg?“ Fragt Mum.

„Ja, du weißt doch, heute Abend ist Vorlesestunde.“

„Ach ja, stimmt. Dann sehen wir uns zum Abendessen?“

„Ich weiß noch nicht, Mum.“

„Ja, ja“, Mum lacht, „wenn Harry dich gehen lässt. Aber vielleicht erzählst du ihm, dass wir Besuch haben?“

Ich spüre Lucas forschenden Blick und vermeide es ihn anzusehen. Mein Hals ist wie zugeschnürt. Ich schlüpfe in meine Stiefel, wickel den Schal um meinen Hals und setzte mir meine Lieblingsmütze auf.

„Darf ich dir in die Jacke helfen?“

Lucas steht unerwartet neben mir, nimmt mir die Daunenjacke aus der Hand und hält sie galant hin.

„Danke.“

„Ich würde dich gerne begleiten. Ein Spaziergang an der frischen Luft wird mir gut tun.“

„Warum nicht? – Weißt du, wo ich hin will?“

„Nein. Aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.“

Unwillkürlich muss ich lächeln und zögere kurz.

„Lass dich überraschen.“

Lucas schaut mich mit diesem irritierenden Blick an. Er trägt einen dunklen halblangen Wollmantel. Statt Mütze setzt er die Kapuze seines Pullis auf und wickelt den Schal um.

„Wie hast du es im Gefängnisse ausgehalten? Ist es in den Betonklötzen warm genug?“

Lucas Blick verfinstert sich. Er zieht die Schultern hoch und vergräbt die Hände in den Taschen. Das Thema scheint nicht gefragt zu sein. Ich verwünsche meine lose Zunge. Seit ich von meinem Zustand weiß, ist es schlimmer geworden. Als müsste ich vor dem Ende noch alles rauslassen, was mir im Kopf rumgeht. Schweigend stapfen wir durch den frischen Schnee. Es knirscht unter unseren Stiefeln. Ein Geräusch, dass ich als Kind besonders geliebt habe. Ich befürchte Lucas bereut, dass er mich begleiten wollte. Außer uns beiden ist niemand unterwegs. Bedauerlich, dass mich niemand mit diesem gutaussehenden Mann sehen kann. Das wäre doch mal ein Gesprächsthema für unsere Kleinstadt. Nach einer Weile beginnt es zu schneien. Dicke Flocken schweben langsam zur Erde.

„Ist das nicht schön?“, versuche ich die Stille zu durchbrechen.

„Ja“, antwortet Lucas leise.

Mein Herz zieht sich zusammen. Lucas ist ein offenes Buch, gleichzeitig ein Minenfeld, für mich. Ich möchte ihm sagen, was ich fühle. Das ich seinen Schmerz verstehe, aber ich denke an seinen abweisenden Blick und schweige.

„Wer ist eigentlich Henry?“, fragt Lucas beiläufig.

„Henry ist mein Freund.“

„Dann wäre es vielleicht besser, wenn ich wieder nach Hause gehe.“

Lucas bleibt stehen und schaut mich herausfordern an. Ich lächele zuckersüß.

„Wieso? Ich habe Henry von dir erzählt. Er ist gespannt dich kennenzulernen.“

Lucas runzelt die Stirn. Ich hake ihn unter und ziehe ihn sanft hinter mir her.

„So, da wären wir.“

Mit einem leisen Geräusch schieben sich die Flügel der automatischen Tür auseinander und wir betreten das Seniorencenter. Henry steht im Flur und läuft nervös hin und her.

„Hallo, Stella, mein Mädchen!“ er stürzt auf mich zu und drückt mich ganz fest, „ich dachte, du hast uns vergessen.“

„Henry, also wirklich! Habe ich euch einmal vergessen?“

Henry grummelt sich etwas in den imaginären Bart.

„Darf ich dir Lucas North vorstellen?“

Ich drehe mich um und schiebe Lucas nach vorne.

„Das ist Henry Milton.“

„Hallo, Lucas, mein Junge, schön dich kennenzulernen.“

Henry schüttelt Lucas kräftig die Hand. Ich unterdrücke ein Grinsen, als ich Lucas ungläubigen Blick sehe.

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, erwidert Lucas.

„Ich hoffe, wir können uns mal über deine Zeit im Gefängnis unterhalten. Das würde mich sehr interessieren.“ Henry klopft Lucas freundschaftlich auf die Schulter. „Ich bewundere deine Courage.“

Henry geht uns in den Gemeinschaftsraum voran.

„Wer weiß noch alles davon“, flüstert Lucas mir zu.

„Niemand! Aber ich sagte dir, Henry ist mein Freund.“

Ich werfe Lucas einen Unschuldsblick zu und drücke sanft seine Hand, dann werden wir von den anderen Senioren begrüßt, die sich zweimal die Woche zum Vorleseabend versammeln. Elise, eine feine, silberhaarige Dame zieht mich zur Seite und sagt:

„Was für ein schöner, junger Mann. Den solltest du dir warm halten.“

Ich sehe zu Lucas und fange seinen dunklen Blick auf. Er hat gehört, was Elise gesagt hat. Rotflashalarm.

„Willst du auch vorlesen?“ frage ich Lucas.

„Heute nicht, aber beim nächsten Mal – warum nicht?“

Ich setzte mich in den Ohrensessel, der am Kamin steht und auf dem Henry das Buch bereit gelegt hat. Lucas sitzt ganz in meiner Nähe und wende den Blick keine Sekunde von mir ab. Als er sieht, dass ich aus Herr der Ringe vorlese, zieht er erstaunt seine Augenbrauen hoch.

„Bevor wir Frodo nach Rivendell begleiten, lese ich euch ein schönes Gedicht von Hilde Domin vor, dass ich diese Woche gelesen habe: Herbstaugen.“

Es ist still und die Anwesenden lauschen andächtig, als ich die Verse lese. Am Ende geht ein leises Seufzen durch die Reihen und ich muss lächeln. Lucas Augen halten mich fest und mein Herz rast. Ich bin nicht für Lucas bestimmt. Ich bin für niemand bestimmt. Aber ich liebe ihn.

„Als Frodo erwachte, lag er im Bett. Zuerst glaubte er, verschlafen zu haben, nach einem langen, unangenehmen Traum, der ihn am Rande seiner Erinnerung immer noch quälte. …“

Als ich knapp zwanzig Seiten später aufhöre, ertönt das zweite allgemeine Seufzen.

„Ich weiß, dass ihr noch stundenlang zu hören könntet, aber alles geht einmal zu Ende. In drei Tagen geht es weiter.“

„Erst in drei Tagen?“

Mary sieht enttäuscht aus. Lucas steht plötzlich neben mir und flüstert mir zu:

„Wenn ich lese, können wir doch übermorgen weiter lesen.“

„Ist das dein Ernst?“

„Glaubst du, ich würde das sagen, wenn es nicht ernst wäre?

„OK. – Hört mal Leute. Lucas bietet euch an, übermorgen weiter zu lesen.“

Kurzes Schweigen. Kurzes Getuschel. Dann allgemeine Zustimmung.

„Aber du kommst doch auch Kindchen?“, fragt Conny.

„Natürlich, ich will doch nicht, dass Lucas bei euch wilden Mädels abhanden kommt.“

„Ach, Kindchen“, kichert Conny und gibt mir einen Klaps auf den Rücken.

Lucas schaut mich fragend an und ich muss lachen.

„Die älteren Damen hier, wissen einen jungen Mann durchaus zu schätzen“, flüstere ich ihm zu.

„So?“

Er sieht verdutzt aus und ich überlege, ob ich ihn aufklären soll. Er wird schon merken, wie die alten Leutchen drauf sind.

Auf dem Heimweg gehen wir eine Weile schweigend nebeneinander her. Ich habe meine Handschuhe im Center vergessen. Tja, was man nicht im Kopf hat. Ich rubbele mein Handflächen aneinander und puste kräftig in die hohlen Hände.

„Hattest du vorhin nicht Handschuhe an?“

„Die habe ich liegengelassen. – Jeremy meint, eines Tages vergesse ich meinen Kopf.“

Lucas bleibt stehen und nimmt meine Hände in seine. Sie sind ganz warm. Er schaut auf mich herunter.

„Kleine Hände“, sagt er zusammenhangslos.

So stehen wir eine ganze Weile wortlos unter einer Laterne. Die Schneeflocken trudeln um uns herum, wie weiße kleine Motten. Wie lange hat er keine Frau mehr berührt?

„Ich glaube, wir müssen langsam weiter.“

„Sonst alarmiert deine Mum einen Suchtrupp.“

Ich muss lachen. Lucas lässt mich nicht los. Wir gehen Hand in Hand. Es fühlt sich so gut an.

„Wohl kaum. Meine Mum hat zwar einen Stall voll Kinder, aber eine Glucke ist sie nicht. Ich denke eher, dass sie auf unseren gesunden Menschenverstand vertraut. –

Von dem ich wahrscheinlich das wenigste abbekommen habe.“

„Den Eindruck machst du nicht.“

„Du kennst mich noch nicht sehr lange.“

„Dein Bruder hat mir so einiges von dir erzählt.“

„So? Na warte, wenn ich nach Hause komme.“

Hoffentlich hat er ihm nicht von der Krankheit erzählt, dann reiße ich ihm den Kopf ab. Ich hasse es, wenn die Leute Mitleid mit mir haben. Denn das haben sie meistens. Kein Mitgefühl, nur Mitleid. Ekliges klebriges Mitleid, obwohl sie keine Ahnung von dem haben, was in mir vorgeht.

„Es war nur Gutes.“

„Na, dann will ich das mal glauben.“

„Hallo, ihr Zwei, da seid ihr ja wieder! Ich statte mal eben deinem Onkel einen Besuch ab.“

Mein Dad kommt uns in der Einfahrt entgegen. Ich will Lucas meine Hand entziehen, aber er hält mich fest. Dad grinst und geht ein Stück die Straße hinunter zu Onkel Mo.

„Du kannst dich glücklich schätzen, dass du so eine tolle Familie hast.“

„Du auch.“

„Ich? Wieso?“ Lucas zieht die Augenbrauen hoch und sein Blick verdunkelt sich wieder.

„Weil du dazu gehörst.“

Er sieht mich skeptisch an.

„Man kann nicht einfach zu einer Familie gehören.“

„Zu unserer schon. Solltest du einmal in Not sein – jeder von uns würde dir zu Seite stehen und wie du gehört hast, Henry wartet nur zu gespannt auf einen Bericht von dir.“

Mum öffnet die Tür und wir entledigen uns unserer Jacken und Stiefel.

„Lucas, endlich – wir wollen einen Thriller ansehen.“

Jeremy steckt seinen Kopf zur Tür herein.

„Komme gleich“, Lucas hängt seinen Mantel auf, „kommst du nicht mit?“

Ich schüttele den Kopf.

„Nein, ich würde euch nur alle erschrecken, mit meiner Angst. Ich will noch malen.“

Langsam geht Lucas zur Tür.

„Lucas!“

Er dreht sich um.

„Das du zu uns gekommen bist, hat einen tieferen Grund, auch wenn du ihn noch nicht verstehst. Glaub mir.“

Ich eile ich die Treppe hinauf. Wenn er mich weiter so anschaut, kann ich für nichts garantieren.

***

Es klopft. Hastig schiebe ich die Bilder auf meinem Zeichenbrett zusammen.

„Ja.“

„Hallo, ich wollte dir gute Nacht sagen.“ Lucas steckt seinen Kopf zur Tür herein. „Darf ich rein kommen? Ich würde gerne sehen, was du gezeichnet hast.“

Bevor ich etwas dagegen tun kann, nimmt er die Bilder vom Brett und schaut sie an. Lucas nickt anerkennend.

„Toll! – Das bin ja ich.“

Er hält mir ein Blatt hin, das ein Porträt von ihm zeigt. Ich klopfe mir nur ungern auf die Schulter, aber das Bild ist mir sehr gut gelungen. Vielleicht liegt es daran, dass man nur mit dem Herzen gut sieht und Lucas sehe ich mit meinem Herzen.

„Erwischt.“

„Donnerwetter! Ohne Vorlage, nur aus dem Kopf.“

„Möchtest du es haben?“

Lucas schüttelt den Kopf.

„Nein. Du hast meine Gefühle nach außen gekehrt und ich glaube kaum, dass ich das Bild immer ansehen kann. – Ich hätte lieber ein Bild von dir.“

Beunruhigend wie schnell mein Herz schlagen kann. Andererseits, das Leben findet jetzt statt.

„Ich mache nicht gerne Selbstporträts, aber für dich will ich es versuchen.“

„Danke. – Wir sehen uns morgen.“

„Schlaf gut.“

„Ich versuch es, aber ich muss dich warnen. Ich schlafe sehr unruhig und hoffe, ich störe dich nicht.“

„Mach dir keine Sorgen, da sind wir schon zwei.“

Ich sehe die Frage in seinen Augen, aber er hält sie zurück. Als er draußen ist, hänge ich Lucas Bild über meinem Bett auf.

***

Es ist ein Uhr durch. Ich lege mein Buch weg, stelle die Musik aus und schließe die Augen. Die Leselampe lasse ich an. Ohne Licht kann ich nicht einschlafen. Ich habe Angst im Dunkeln aufzuwachen. Mehr noch habe ich Angst gar nicht mehr aufzuwachen, deswegen schlafe ich kaum und wenn, ist es mehr ein Dösen, als tief schlafen.
Ich lausche. Lucas schläft wirklich sehr unruhig. Ich höre ihn stöhnen, er liegt kaum still, das Bett knarrt in kurzen Abständen. Ein beklemmendes Gefühl steigt in mir auf, dass mir den Atem nimmt. Ich stehe auf. Einen Moment zögere ich vor seiner Tür. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ich ignoriere alle und drücke die Klinke geräuschlos herunter.

Lucas liegt auf dem Bett. Ich sehe die Tätowierungen auf seinem nackten Oberkörper und seinen Armen. Was hat er aushalten müssen, dass ihn so quält? Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Er wird mit diesen Schrecken noch viele Jahre leben müssen, während mir nicht mehr viel Zeit bleibt mit meinen Schrecken zu hadern.

Vorsichtig gleite ich unter seine Decke, strecke meine Hand aus und streiche sacht über seinen Arm. Langsam löst sich die Verkrampfung aus seinen Muskeln. Er atmet gleichmäßiger, seine angespannten Gesichtszüge lockern sich und seine zitternden Augenlider werden ruhig. Ich rutsche näher an ihn heran. Wie selbstverständlich schmiegen sich unsere Körper aneinander. Die Wärme seiner Haut, sein Duft, sein Atem, der über mein Gesicht streicht, wecken Gefühle in mir, die mich erzittern lassen. Plötzlich ist ganz leicht die Augen zu schließen. Lucas ist hier. Er wird nicht zulassen, dass ich von dieser auf die andere Seite gehe.

2.
Ein Augenaufschlag trennt mich von der Wirklichkeit. Lucas liegt neben mir. Er atmet ruhig. Ich spüre seinen kräftigen, warmen Körper. Nicht aufwachen aus diesem Traum. Nie mehr. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so tief geschlafen habe, ohne Angst. Ich schlage die Augen auf. Lucas sieht mich an. Wie lange schon?

„Du warst hier.“

Es ist keine Frage, eher eine Feststellung.

„Ja.“

Lucas streicht mir sanft eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Fingerspitzen fahren die Linien meines Gesichts nach. Ein angenehmes Kitzeln setzt sich auf meinen Lippen fest, als er sie berührt.

„Wie schön du bist.“

Wehmut macht sich in meiner Brust breit und ich versuche die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.

„Ich möchte nicht schön sein. Schönheit macht mich traurig. Je schöner etwas ist, umso schneller vergeht es.“

„Ich werde immer wissen, wie schön du bist.“ Lucas Atem streift mein Gesicht. „Ich will dich.“

Seine raue Stimme macht mir eine Gänsehaut. Er presst mich an sich. Mit einem wilden Aufstöhnen küsst er mich. Alles an ihm, seinen Bewegungen, ist fest und stark. Lucas hat eine Kraft, wie ich sie noch nie bei einem Mann gespürt habe. Er könnte mich ohne Anstrengung zerbrechen. Sein Feuer, seine unbändige Lust erfüllt meinen Körper. Seine Hände, sein Mund sind überall. Ich verbrenne im Feuer und erfriere gleichzeitig im eisigen Wind. Lucas ist die Flamme und der Sturm.

„Oh, mein Gott“, flüstert er und liebkost meine Brüste, „du bist so unglaublich schön.“

Seine Lippen zupfen an meinen harten Knospen und ich dränge mein Becken gegen seine Lenden, fühle seinen steifen Schwanz. Langsam gleiten seine Lippen bis zu meiner Venus hinab. Als seine heiße, raue Zunge sich den Weg zu meiner Perle sucht, stoße ich einen kleinen Schrei aus, meine Finger krallen sich in die Kissen. Seine Hände legen sich um meinen Po. Seine Zunge versinkt zwischen meinen Schamlippen und stößt gierig zu meiner Venus vor. Ich fließe vor Erregung. Das treibt Lucas immer weiter an.

„Bitte, ich will dich fühlen.“

Lucas kommt über mich, sein harter, heißer Schwanz dringt langsam und tief in mich ein. Ein wilder Laut rutscht mir aus der Kehle. Ich spüre sein Gewicht auf mir. Sein Mund sucht meinen Mund. Unsere Zungen verschlingen sich in einem wilden Spiel. Ich öffne meine Augen und sehe in seine dunklen geheimnisvollen. Die Lust peitscht sich zu einer Welle auf und Lucas stößt in einem harten langsamen Rhythmus zu. Immer weiter treibt er unsere Lust und ich klammere mich an ihn. Die Explosion folgt wie Blitz und Donner. Ich komme mit einem Schrei und Tränen laufen mir über das Gesicht. Lucas stößt noch einmal zu und mit einem tiefen Stöhnen erfüllt er mich mit seinem heißen Saft. Zwei Naturgewalten, die sich aufheben, das neue Leben und der nahe Tod. Genese und Apokalypse. Er nimmt was er so lange entbehrte und ich nehme alles was sich bietet, bevor es vorbei ist.

Sanft wischt Lucas mit dir Tränen von den Wangen. Mein Herz schlägt wild gegen meine Rippen, meine Sehnsucht ist so erschöpfend, dass ich mich in ihr auflösen könnte.

„Was sind das für Tätowierungen?“

„Sie bedeuten Leben und Tod, Hoffnung und Grauen.“

„Ich möchte dir gerne etwas schenken.“

Seine dunklen Augen treffen mich direkt ins Herz.

„So? An was denkst du?“

„Ich würde dir gerne eine neue Tätowierung schenken. – Ich zeichne sie. Meinem Bruder Jonas hat einen guten Freund, der ist Tätowierer, der sticht sie dir.“

„OK.“

Ich will mich aus seinen Armen winden, aber Lucas hält mich fest.

„Nein. Du kannst nicht einfach gehen.“

Und bevor ich mich versehe, erfüllt mich Lucas mit seinem unstillbaren Verlangen und wir stürzen zurück in einen Strudel aus Lust.

***

Ich habe es mir mit meinem Block und meinen Zeichenutensilien auf meinem Bett gemütlich gemacht. Mum und Dad sind zu Onkel Mo und Tante Tia hinüber gegangen und werden den Nachmittag und Abend dort verbringen. Meine Brüder haben Lucas dazu verleitet sie zum Eislaufen zu begleiten. Ich hoffe, sie werden ihn nicht in seine Einzelteile zerlegen. Nur ein bisschen Hockey spielen haben sie gesagt. Wie das aussieht kenne ich. Ohne blaue Flecken, Prellungen und im schlimmsten Fall gebrochenen Knochen geht das nicht ab. Es klopft.

„Herein!“

„Lucas? Nanu, schon zurück?“

Er lächelt. Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass er etwas mit sich herum schleppt, das ihm das Leben zur Folter macht.

„Ja. Deine Brüder haben nicht mit meiner Gegenwehr gerechnet. Sie müssen erst mal ihre Wunden lecken.“

Er stellt mir einen heißen Kakao auf den Nachttisch.

„Darf ich die Zeichnung sehen.“

„Nein, nur nicht so neugierig sein.“

„Na gut, sag mal, hast du das Buch „Herr der Ringe“ auch hier? Wenn ich morgen etwas vorlesen soll, dann wäre es nicht übel den Text schon gelesen zu haben.“

„Da drüben im Regal.“

Lucas holt sich das Buch, setzt sich zu mir aufs Bett und beginnt mir vorzulesen. Seiner angenehmen Stimme zu zuhören ist Genuss pur. Ich lege meine Zeichensachen zusammen, kuschele mich an ihn und höre ihm zu. Sein Herzschlag ist regelmäßig, er ist ganz versunken in den Text. Irgendwann lässt er das Buch sinken und schaut mich mit verträumtem, fernen Blick an.

„Wie schön. – Es kommt mir vor, als hätte ich es in einem anderen, früheren Leben gelesen. Als würde ich es zum ersten Mal lesen und verstehen.“

Ich betrachte seine gleichmäßigen Gesichtszüge, die aristokratische Nase. Seine sonst exakt gestylten Haare sind etwas strubbelig, was ihm einen jungenhaften Touch verleiht. Mein Herz läuft über vor Liebe und Gier nach Leben. Lucas sieht zu mir herunter. Kein Wort ist nötig. Sein Blick fängt mich ein, fesselt mich und unsere Leidenschaft brennt in lodernden Flammen.

***

„Hey, ihr zwei! Kommt ihr nochmal aus dem Zimmer raus?“ Jeremy klopft.

„Ja, sind gleich da.“

„Wir haben den Film ausgeliehen, von dem wir gestern erzählt haben.“

„OK. – Kommst du mit? Bitte. Ich will dich bei mir haben.“

Lucas zieht sich an.

„Gut. Aber ich warne dich. Ich erschrecke mich dauernd.“

Lucas lacht gelöst.

„Macht nichts. Du darfst die ganze Zeit die Augen zumachen. Solange du nur bei mir bist.“

„Na, ihr Turteltauben“, Jonas grinst, „ihr lebt wohl nur noch von Luft und Liebe.“

„Hahaha“, ich gebe ihm einen Knuff in die Seite, „ich hoffe, du hast uns noch was vom kalten Braten übergelassen. – Ich mach uns ein paar Sandwiches.“

Ich nicke Lucas zu und gehe in die Küche.

„Sag mal Lucas! Wo hast du unsere Schwester gelassen.“

Höre ich Andrew witzeln.

„Das wirst du gleich sehen“, rufe ich aus der Küche, „wenn du weiter so dummes Zeug quatscht.“

Während des Films sitze ich eng an Lucas geschmiegt. Warum müssen sich meine Brüder auch immer solche aufregenden Filme anschauen? Lucas rührt keine Wimper. Sein Herzschlag kommt nicht einmal aus dem Takt. Immer wieder schaut er mich an. Sein Mund sucht meinen. Zum Glück ist es dunkel im Raum, auch so ein Ding meiner Brüder, und sie sind zu gefesselt von dem Film, als das sie uns beiden zu viel Aufmerksamkeit schenken würden. Ich kann nicht genug von ihm bekommen. Immer mehr, mehr, mehr. Ich versuche mich zu erinnern was war bevor Lucas kam, aber ich erinnere mich nicht. Wird mein Leben am Ende nur aus diesen Stunden mit Lucas bestanden haben? Er küsst mich verlangend. Nichts ist wichtig, nur das.

3.
„Lucas, Henry ist am Telefon. Er will dich sprechen.“

Ich reiche ihm das Handy. Die beiden reden kurz miteinander.

„Na, was hat er denn?“

„Henry fragt, ob wir eher kommen. Er würde gerne mit mir reden.“

„Klar. Ich helfe Sara beim Servieren, dann könnt ihr ein Gespräch unter Männern führen.“

Lucas grinst.

„Bevor Henry dich einem anderen Mann anvertraut, muss er ihn wohl erst abchecken.“

„Das kann sein. – Du bist der erste Mann in meinem Leben.“

Erstaunt sieht Lucas mich an.

„Wie meinst du das, der erste Mann?“

„So wie ich es gesagt habe. Es gab keinen Mann vor dir.“ Und es wird keinen nach dir geben. „Es war das erste Mal.“

Zärtlich nimmt Lucas mich in den Arm.

„Warum hast du nichts gesagt?“

„Was hätte ich sagen sollen? Ich wollte dich.“

„Habe ich dir auch nicht weh getan?“

Ich schüttele den Kopf.

„Nein. Es war einfach nur Wahnsinn. Ich könnte das bis zum Ende meines Lebens mit dir tun.“

Lucas lacht.

„Keine Angst. Du wirst das noch sehr oft haben.“

Ich wünschte es wäre so. Lucas knöpft langsam meine Bluse auf und küsst jeden Zentimeter Haut, den er freilegt. Als er mir die Bluse von den Schultern streift, bin ich so erregt, dass ich kaum an mich halten kann.

„Du bist wie eine Saite. Nur ein winzige Berührung und du klingst.“

Ich schließe die Augen, gebe mich seinen begehrlichen, sinnlichen Liebkosungen hin. Für Scheu, Scham und Hemmungen habe ich keine Zeit. Ich will alles, jetzt. Explodieren bis ich explodiere.

***

„Hallo, ihr beiden!“

Henry erwartet uns, drückt mich herzlich und schüttelt Lucas die Hand.

„Dann lass ich euch zwei reden. Ich gehe zu Sara. Sie kann bestimmt noch zwei Hände gebrauchen.“

„Tu das mein Mädchen. – Komm Lucas, lass uns mal einen kleinen Schnack halten.“

Lucas zieht mich zu sich heran, küsst mich sanft.

„Lauf ja nicht weg“, flüstert er.

„Niemals.“

Wie könnte ich das, nachdem ich mich an ihn verloren habe.

***

Es wird Zeit zum Vorlesen. Die Zuhörer haben sich im Gemeinschaftsraum versammelt. Nur Henry und Lucas sind noch nicht zurück. Ich will gerade mit dem Vorlesen beginnen, als sie auftauchen. Beide mit ernsten Gesichtern. Das Gespräch scheint nicht nur aus Nettigkeiten bestanden zu haben. Lucas setzt sich und beginnt. Diesmal beobachte ich ihn. Seine Stimme ist gewandt und fließt angenehm über die Zeilen. Jede Linie seines Gesichts ist mir so vertraut und doch fremd. Mein Herz könnte zerspringen vor Traurigkeit und Glück.

Als Lucas fertig ist, sind die Senioren begeistert. Sofort ist er von einer ganzen Schar älterer Damen umringt, die sich mit ihm unterhalten wollen. Lucas Superstar. Ich muss lächeln. So einen hübschen Mann sehen sie hier nicht oft. Henry gesellt sich zu mir, legt mir den Arm um die Schultern.

„Ein toller Junge. – Du liebst ihn, nicht wahr?“

„Ja, Henry, ich liebe ihn mehr als du ahnst.“

„Hast du es ihm gesagt.“

Ich schüttele den Kopf.

„Du musst es ihm sagen. Er hatte es schwer genug und er ist mit dem, was er erlebt hat, noch nicht im Reinen.“

„Ich dachte es mir. Auch wenn er lächelt, sind seine Augen meistens traurig.“

Lucas kommt auf uns zu.

„Pass auf ihn auf“, flüstert Henry, „du bist stärker als er.“

Erstaunt sehe ich Henry an. Lucas fasst sofort nach meiner Hand.

„Was habt ihr zwei zu tuscheln?“

„Geheimsachen“, sagt Henry und grinst, „macht`s gut ihr zwei. – Geht schon.“

Er schiebt uns sanft Richtung Ausgang.

„Danke, Henry.“

„Gerne, immer doch.“

***

Lucas Handy klingel. Er nimmt ab. Hört kurz zu, legt auf. Sein Gesicht hat plötzlich einen zornigen Ausdruck angenommen. Ich lege sanft meine Hand auf seine.

„Lucas, was ist los?“

„Nichts. Ich muss morgen nach Portland.“

Ich möchte ihn fragen warum, aber ich sage nichts. Henrys Rat fällt mir ein. Ihm die Wahrheit sagen. Wie? – Ach, Lucas, was ich dir noch sagen wollte, ich habe einen Tumor im Kopf und könnte jederzeit tot umfallen. Aber mach dir keine Gedanken, alles wird gut. – Schweigend sitzen wir da und hängen unseren Gedanken nach. Lucas löscht das Licht. Mondlicht erhellt das Zimmer. Ich stehe auf und gehe zum Fenster, blicke auf die verschneite, märchenhafte Landschaft.

„Ist es nicht wunderschön? Winterwunderland.“

Lucas tritt hinter mich, legt dir Arme um mich, küsst meinen Hals und meinen Nacken. Sofort regt sich mein Verlangen.

„Komm“, flüstert er, „ich will dich ganz nah spüren.“

Es hört sich so traurig an, als wäre es das letzte Mal. Mit geschickten Fingern kleidet er mich aus. Lucas zieht mich etwas vor, bis ich in einem Kegel aus Mondstrahlen stehe.

„Du siehst aus wie eine Göttin. Aus dem Licht des Mondes geboren.“

„Dann würde ich mit dem Mondlicht verschwinden und du würdest mich erst beim nächsten Vollmond wiedersehen.“

Ich strecke meine Arme nach ihm aus. Lucas sieht zu mir herunter. Ich kann seine Augen nicht sehen. Er steht im Schatten. Ich fühle, dass er mir etwas sagen möchte, aber er bleibt stumm. Als wäre ich eine Feder hebt er mich hoch und trägt mich zum Bett. Lucas entledigt sich seiner Kleidung und legt sich neben mich. Engumschlungen liegen wir da, spüren die Nähe des anderen, die Wärme, den Herzschlag. Als wenn das ein Abschied ist.

„Kommst du zurück?“

Lucas schweigt. Als er spricht ist seine Stimme nicht seine eigene.

„Ich weiß es nicht.“

Dann küsst er mich mit einer Leidenschaft, die mich verbrennt. Kein Morgen, kein gestern. Nur jetzt, dieser Moment. In dieser Nacht liegt mein Leben, wenn er morgen geht, sterbe ich bevor mich der Tumor aus dem Leben kickt, ohne ihn ist alles sinnlos.

4.
„Henry! Lucas ist weggefahren.“

„Wohin?“

„Nach Portland.“

„Sag Jeremy und Jonas Bescheid, dann hol mich ab.“

Ich zerre meine Jacke vom Haken, schlüpfe in meine Stiefel. Während ich den Wagen aus der Garage fahre, rufe ich Jeremy und Jonas an. Als ich beim Seniorencenter vorfahre, steht Henry schon fix und fertig da. Jeremy und Jonas biegen gerade in Jonas schwarzer Corvette um die Ecke. Jeremy kurbelt das Fenster runter.

„Was ist los?“, fragt er.

„Lucas ist weg. Nach Portland“, presse ich hervor.

„Wohnt da nicht irgendwo Lucas Exfrau?“, Jeremy runzelt die Stirn.

Ich zucke mit den Schultern. Davon weiß ich nichts.

„Wir sollten uns beeilen. Fahr erst mal Richtung Portland und gib mir bitte dein Handy.“

Henry nickt mir zu. Ich starte den Wagen.

„Liegt da vorne in der Mulde.“

Ich lenke den Wagen auf die Schnellstraße. Henry telefoniert mit einem alten Freund. Ich höre Lucas Namen und ein paar andere Infos.

„Wie viel Vorsprung hat Lucas?“

„Eine Dreiviertelstunde, vielleicht etwas mehr.“

Henry gibt die Infos weiter. Gespannt lauscht er dem anderen Gesprächsteilnehmer. Dann programmiert er das Navi.

„Danke, Mike, wir sehen uns dort.“

„Geht es dir gut?“, fragt Henry.

„Geht schon.“

Schweigend rasen wir über die leere Schnellstraße. Zum Glück ist es früh am Tag und es herrscht noch kein Verkehr. Das Navi lotst uns in ein sauberes Villenviertel. Vor einem umzäunten Grundstück halten wir an. Jeremy und Jonas halten hinter uns. Wir steigen aus. Vor dem Haus steht ein schwarzer SUV. Lucas Wagen.

„Hier wohnt Lucas Exfrau.“

„Henry, was ist los?“

„Der Typ, für den Lucas unschuldig im Knast saß, ist ein ehemaliger Arbeitskollege. Erst hat er sich seinen Job unter den Nagel gerissen und dann seine Exfrau. Ich fürchte Lucas wird eine Dummheit begehen, die er nicht wieder gut machen kann.“

Jetzt ist mir einiges klar.

„Er hat es mir nicht erzählt, weil er mich nicht belasten wollte?!“

Henry nickt. Ein Polizeiauto in Zivil hält.

„Das ist Mike, ein alter Freund von mir.“

Mike begrüßt uns, während sich zwei seiner Kollegen an dem eisernen Tor zu schaffen machen.

„Meine Jungs machen das Tor auf.“

Tatsächlich schwebt die Eingangspforte geräuschlos auf.

„Bitte, lass mich gehen.“

Ich sehe Mike flehentlich an. Meine Angst, sie könnten Lucas verletzen oder Schlimmeres, schnürt mir die Kehle zu.

„Das ist ein Männerjob.“

„Meine Schwester wird mehr erreichen als sie, Sir.“, Jeremy hält den Polizisten zurück.

„Ich denke auch, Mike“, stimmt Henry zu, „lass sie mit Lucas reden.“

„Na, gut, aber wir bleiben in der Nähe.“

„Beeil dich, Kleine und hol ihn da heil raus. Ich kümmere mich um den Rest“, sagt Jonas mein Polizistenbruder.

Er drückt mich fest an sich, dann schiebt er mich durch das Tor. Henry und Jeremy sind mir dicht auf den Fersen. Direkt dahinter Mike und Jonas. Lautlos schleichen wir um die Villa in den Garten. Da sehe ich eine dunkle Gestalt zwischen den schneebedeckten Büschen. Lucas. Ich pirsche mich heran.

„Stehen bleiben.“

Seine Stimme ist kalt wie Eis. Da erkennt er mich. Erstaunen huscht über sein Gesicht. Ich sehe die Waffe in seiner Hand.

„Stella?! – Bitte geh! Ich muss das tun.“

„Ich kann nicht gehen, Lucas. Ich weiß, was du tun willst.“

„Er hat mir alles genommen. Erst hat er mir das Rauschgift untergejubelt, dann hat er meinen Posten genommen und meine Frau. Das er bezahlt ist das Mindeste. Er soll leiden, so wie ich gelitten habe.“

Lucas Stimme zittert vor Wut.

„Er soll bezahlen, aber nicht so. Lucas, ich flehe dich an, lass dich von deiner Rache nicht zerstören.“

Ich gehe auf ihn zu.

„Du wirst sterben.“

„Woher weißt du das?“

Er hat es gewusst. Und nichts gesagt.

„Jeremy hat es mir erzählt, bevor ich zu euch kam.“

„Du hast mich aus Mitleid geliebt?“

Die Enttäuschung schmerzt mehr, als ich ahnte. Tränen laufen mir über die Wangen. Lucas schaut mich mit fiebrigem Blick an.

„Zuerst war es Mitleid. – Aber dann, hat sich alles geändert. – Ich liebe dich mehr als mein Leben. Ohne dich hat nichts einen Sinn und er“, Lucas deutet mit der Waffe auf die Villa, „muss bezahlen. Jemand muss für das Unrecht bezahlen.“

„Du hast Recht. Aber Jeremy ist ein guter Anwalt. Er wird ihn bezahlen lassen. Stimmt`s?“

Jeremy steht plötzlich neben mir.

„Lucas, lass den Scheiß! Mach dich nicht unglücklich. Ich biete jeden Mann aus meinem Büro auf! Der Mistkerl soll bluten.“

„Junge, du hast eine zweite Chance bekommen. Nutze sie und sei nicht so dumm, wie ich damals.“

Was meint Henry denn damit? Was hat er Lucas erzählt? Zumindest hat seine Stimme eine beruhigende Wirkung. Lucas lässt die Waffe sinken. Jonas taucht unerwartet aus dem Schatten auf und nimmt ihm die Waffe ab. Ich fasse nach Lucas Hand und ziehe ihn sanft hinter mir her. Alles ging so schnell, dass kein Hausbewohner etwas mitbekommen hat. Während sich die Männer noch besprechen und die Kollegen das Tor wieder verschließen, steigen Lucas und ich in den Wagen. Ich fahre los. Lucas lehnt seinen Kopf erschöpft gegen die Scheibe, schließt die Augen. Ich lege eine CD ein. Michael Buble singt „I wanna go home…“.
Ich halte auf der Marquam Brücke. Ehe Lucas reagieren kann, bin ich aus dem Auto gesprungen, und schwinge mich über das Geländer. Die Tiefe macht mir ungeheure Angst. Ich zittere am ganzen Körper und klammere mich am Geländer fest.

„Komm sofort zurück!“, brüllt Lucas.

Er packt mich an der Hand. Sein Griff ist stahlhart.

„Ich werde sterben, Lucas. Irgendwann.“

„Das kann sein, aber solange du lebst hast du nicht das Recht dein Leben wegzuwerfen.“

„Ich weiß. Du auch nicht.“

„OK, ich hab`s verstanden. Jetzt komm sofort zurück!“

Ich drehe mich ein Stück, lehne mich zu ihm und will zurück auf die Straßenseite klettern, als ich abrutsche. Ein Schrei. Lucas reagiert blitzschnell, packt mit der einen Hand meine Jacke, fast mit dem anderen Arm nach und hält mich an der Taille. Mit einem Ruck zieht er mich zu sich hinüber, presst mich fest an sich. Der Schreck sitzt tief.

„Oh, mein Gott, ich hab dich schon fallen sehen. – Tu das nie, nie wieder.“

Ich nicke. So habe ich mir das auch nicht vorgestellt. Lucas nimmt mein Gesicht in seine Hände und küsst mich. Ein Auto hält neben uns. Jonas lässt die Scheibe herunter.

„Seht zu, dass ihr nach Hause kommt. Sonst haben wir Mum und Dad am Hals. Das wollt ihr bestimmt nicht.“

„Das hat mir gerade noch gefehlt.“ Lucas lächelt befreit. „Mit Mum und Dad soll man sich nicht anlegen.“

„Nein, bestimmt nicht.“

Jonas lässt den Motor aufheulen, grinst und fährt los. Lucas nimmt mir den Schlüssel aus der Hand.

„Nach dem Schreck fahre ich. Nicht das du versuchst mich noch mal zu überraschen.“

Ohne Wiederrede lasse ich mich auf den Beifahrersitz sinken. Abrutschen hatte ich nicht vorgesehen, ich wollte ihn nur erschrecken. Lucas startet den Wagen. Sein liebevoller Blick trifft mich.

„Lass uns nach Hause fahren.“

„Ja, nach Hause.“

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Schlaf mit mir

Jede Zelle meines Körpers gierte nach Berührung. Ich hatte aufgegeben die Tage zu zählen, die ich vor Sehnsucht verging. An Schlaf war nicht zu denken. Ich stand auf und wollte in die Küche gehen. Als ich an Edwards Zimmer vorbei kam, hörte ich den Fernseher laufen. Ich blieb stehen und lauschte. War er allein? Seit 7 Monaten wohnten wir in einer WG zusammen und verstanden uns gut. Unsere gebrochenen Herzen hatten uns zusammengeführt. Halbes Leid, war geteiltes Leid. Edward versuchte seine Wunden mit schnellem Sex zu heilen, ich mit völligem Rückzug. Geholfen hatte es uns beiden nicht. Zaghaft klopfte ich.
„Komm rein.“

Immer noch zaghaft drückte ich die Klinke herunter, atmete einmal tief durch und stieß die Tür auf. Edward lag auf seinem Bett, nur mit Pyjamahose bekleidet. Er hatte einen Traumkörper. Breite Schultern, schmale Hüften, Sixpack, kräftige Beine, einen strammen Hintern, schöne Hände und ein gut geschnittenes Gesicht, seine dunklen Haare etwas zerzaust, auch das stand ihm.

„Was kann ich für dich tun?“
Edward lächelte und sah mich aufmerksam an.
„Schlaf mit mir.“
Es kam selbstbewusster über meine Lippen, als ich mich fühlte.
„Wie bitte?“
Er setzte sich auf.
„Schlaf mit mir. Du schläfst mit jeder Frau, die nicht bei drei auf dem Baum ist. Nun, ich bin eine Frau und ich werde nicht weglaufen.“
Edward sah mich an, als hätte ich die Apokalypse angekündigt.
„Nein, tut mir leid. Das kann ich nicht.“
Ohne ein weiteres Wort ging ich und schloss die Tür.

In meinem Zimmer warf ich mich aufs Bett, krümmte mich zusammen, wie ein angeschossenes Tier. Der Schmerz saß tief in der Mitte meines Körpers. Tränen quollen aus meinen geschlossenen Augen. Kein Laut kam über meine Lippen. Mir war bewusst, dass Sex das Loch in meinem Herzen nicht dauerhaft füllen würde, aber das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Lust schmerzte mindestens genauso, wie die Trauer einer verlorenen Liebe. Die Tür wurde geöffnet, ein Lichtstrahl fiel auf mein Bett, die Tür ging zu, es war wieder dunkel. Ich war nicht mehr allein.

„Ich kann nicht mit dir schlafen“, Edwards Stimme war sanft.
„Warum nicht? Bin ich dir zu dick? Nicht schön genug?“, presste ich wütend hervor.
„Nein, dass hat damit überhaupt nichts zu tun. Dein Körper ist wunderbar und du bist sehr hübsch.“
„Was ist es dann?“
„Wir sind Freunde. Alles würde sich ändern.“
„Das verstehe ich nicht. Was sollte sich ändern? Hast du Angst ich würde dich dran hindern mit anderen Frauen zu schlafen?“
„Glaubst du nicht, es würde dir schwer fallen, mich mit anderen Frauen zu sehen? Du bist keine von denen, die sich auf One-Night-Stands einlassen.“
„Woher willst du das wissen?“

Ein Schluchzen schüttelte meinen Körper. Ich spürte, wie sich die Matratze absenkte, dann fühlte ich Edwards warmen, festen Körper. Er zog mich gegen seine Brust, legte seine Arme ganz fest um mich. Oh Himmel, fühlte sich das gut an. Meine Anspannung legte sich und mein Körper wurde weich und geschmeidig.
„Ich weiß es. Ich kenne dich besser als du denkst“, flüsterte er mir ins Ohr.
Meine sämtliche Nackenhaare stellten sich auf. Ich drückte meinen Rücken und meinen Po fester gegen ihn. Edward ließ es geschehen. Sein heißer Atem auf meinem Hals und meinen Schultern ließ eine prickelnde Kaskade über meinen Körper rinnen.
„Ich kann diesen Zustand der Kälte nicht mehr aushalten“, wisperte ich.
„Aber ein One-Night-Stand ändert nichts daran. Glaub mir, ich hab Erfahrung.“

Schweigend lagen wir eng umschlungen in der Dunkelheit. Ich lauschte Edwards tiefen Atemzügen, sog seine Wärme auf. Fühlte jeden Zentimeter seines Körpers auf meinem.
„Warum tust du es dann?“, brach ich das Schweigen.
„Ich habe Angst, dass ich noch einmal so verletzt werden könnte. Darum nur hemmungsloser Sex, keine Liebe.“
„Du hast Angst es könnte dich in Stücke reißen und auch noch den Rest von dir auflösen, den du aus der Katastrophe gerettet hast.“
„Ja.“
Ich drehte mich in seinen Armen um. Schemenhaft konnte ich die Umrisse seines Gesichts erkennen.
„Könnte dich Liebe heilen?“, als er nicht antwortete, fragte ich, „eine Freundin, die dich liebt?“
„Ist das wahr? Du liebst mich?“
„Das tue ich“, sagte ich schlicht, „schon seit einer Weile.“

Ich streckte mich etwas und hauchte Edward einen Kuss auf den Mund. Er fasste fester zu und ich schmiegte mich noch enger an ihn.
„Du weißt, dass wir alles verlieren können?“
Ich hörte die Besorgnis in Edwards Stimme.
„Aber wir können auch alles gewinnen. Für dich gehe ich dieses Risiko ein.“
„Dann stehen die Chancen gut.“
„Ja“, flüsterte ich, „sehr gut.“
Edward küsste mich so erregend, dass in meinem Kopf und meinem Körper ein Feuerwerk abbrannte. In diesem Moment gab es nur uns beide. Im Schutz der Nacht öffneten wir unsere Herzen und Sinne, die unsere Körper in Sprache verwandelten. Erst in der Dämmerung eines neuen Tages schliefen wir eng umschlungen und zufrieden ein.

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Ich habe ihn mir angesehen. Schöne Bilder, ein Hollywoodstar, ein Happy End und die Gewissheit: Ich will das auch, aber das wird wohl nichts.

Wie oft habe ich schon gedacht: Ich bin dann mal weg. Stellt sich nur die Frage: wohin? Um ein Jahr auszusteigen, also so richtig WEG und nicht nur mal in heimatliche Gefilde oder zu einer Freundin (bei denen man garantiert nicht die Ruhe finde, die man braucht).

Ich habe das Buch zum Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht, nicht gelesen. Aber mal ehrlich: Das Leben ist kein Hollywoodfilm. – Auch wenn ich es mir manchmal wünsche.

Der Film behandelt die Midlife-Crisis einer Enddreißigerin. Ihre Ehe fühlt sich falsch an, obwohl sich beide dieses Leben geschaffen haben. Es ist dieses Typische: das-kann-doch-nicht-alles-gewesen-sein-Gefühl, das wir Middel-Ager alle schon mal hatten (wer nicht, der verrate mir das Geheimnis). Sie hat keine Kinder. Zum Glück, sonst fiele der Selbsterfahrungstrip nämlich direkt ins Wasser.

Welche Mutter wäre so eigennützig ihre Kinder für ein Jahr im Nirgendwo zu lassen, nur um sich selbst zu finden? Wo uns Frauen doch heute von überall her (Frauenzeitschriften voraus) das wunderbare Bild vermittelt wird: ihr schafft das Haushalt, Job (möglichst irgendwo in der Führungsetage) Kinder, und perfekte Ehefrau, Geliebte und Freundin zu sein. So ganz nebenbei betätigen wir uns noch kreativ, denn DAS kann doch nicht alles gewesen sein.

Dieses Bild finden wir, als sie von ihrer Freundin am Flughafen verabschiedet wird. Karrierefrau, Mutter, Ehefrau. Erschöpft von ihrem Alltag treten ihr die Tränen in die Augen, als sie zugibt, sie wäre gerne an der Stelle ihrer Freundin. An diesem Punkt stellen sicher 80 Prozent der Zuschauerinnen fest: Ich bin die Freundin und leider nicht die Hauptdarstellerin. Wir sind der Nebendarsteller, von dem jeder sofort weiß, den erwischt es in der ersten Viertelstunde. Bei „Eat, Pray, Love“ dauert das „Abschießen“ der Freundin etwas länger, aber es ändert nichts an den Tatsachen. Mist!

Also fliegt unsere Hauptdarstellerin nach Italien, isst sich durch die famose mediterrane Küche (und ehrlich, wenn Julia Roberts fünf Kilo zulegt, wen stört das? Bei uns Normalfrauen würde diese Tatsache einen Supergau auslösen.) und findet natürlich sofort Freunde! Und was für welche! Danach (also ich wäre unter diesen Bedingungen in Rom hängen geblieben, denn da wollte ich immer schon mal hin. Dolce far niente!) geht’s in einen indischen Ashram.

Dasselbe Spiel von vorne. In diesem Ashram gibt`s tatsächlich gutes Essen und reichlich, sogar für die lebensüberdrüssigen Europäer, die im Mangel lernen wollen, ihren Überfluss zu Hause zu schätzen. Und natürlich ist auch dort alles toll. Dem indische Mädchen, das mit siebzehn Jahren von ihren Eltern verheiratet wird, prophezeit die Hauptfigur eine glückliche Ehe, weil sie es sich so vorstellt. Oder würde man visualisiert sagen? Super, wenn man plötzlich seherische Fähigkeiten entwickelt.

(In der ersten Szene des Films weissagt ihr ein „Medizinmann“, dass sie ihren ganzen Besitz verlieren würde, aber dass sie sich alles wiederholen würde. Das mit dem Verlieren kam zwar nirgendwo vor. Allerdings hat sie mit dem Buch und dem Film mit Sicherheit soviel Geld verdient, dass sie sich keine Sorgen mehr um die Finanzen machen muss.)

Dann kann sie endlich meditieren und fährt wieder nach Bali zu erwähntem Medizinmann. Und dann wird’s natürlich richtig toll. Leben im Paradies. Den ganzen Tag meditieren. Eine traumhafte Landschaft und KLAR: hier taucht der Mann ihres Lebens auf. Am Ende steht das Happy End. Nachdem sie kurzzeitig einen Aussetzer hat, weil sie Angst hat sich in der Liebe zuverlieren (oder sich aufzugeben, nachdem sie sich doch endlich in dem letzten Jahr gefunden hat. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu zynisch werde.) Da gibt’s ja in Schnulzenromanen mehr Hindernisse. Seit wann ist das Leben ein Ponyhof?

Zugegeben in gewisser Weise hat mir der Film gefallen. Ich liebe schöne Landschaften (und die im Film sind wirklich toll). Ich mag den Gedanken, dass man überall Freunde finden kann und es ist nicht so, dass ich mich nicht in der Hauptfigur wiedererkenne.

An einer Stelle sagt sie: Ich will aus der Fassung gebracht werden. Das will ich auch. Ich will auf positive Weise aus der Fassung gebracht werden. Ich möchte fremde Menschen treffen. Sie kennenlernen und feststellen, dass sie mich ebenso gerne kennenlernen wollen. Ich möchte neue Erfahrungen machen. Dinge sehen und neugierig sein. Den alten Trott absägen und etwas Neues anfangen.

Gleichzeitig stelle ich mir die Frage: Was erwartest du? Dass jemand vom Himmel fällt, mich sieht und denkt: hey, interessante Frau, die möchte ich kennenlernen, mit der könnte ich mich verstehen. Warum kann ich keine Fülle fühlen? Egal wie viel ich esse, ich werde nie satt. Egal wie viel ich lerne, ich weiß nie genug. Egal wie wenig ich schlafe, ich schaffe nie genug.

Da ist diese Leere, die Dunkelheit, die mich immer begleitet. Es gibt nur wenige Momente, in denen ich sie vergessen kann. Wenn ich draußen in der Natur bin (im Wind, der Sonne, dem Regen), wenn ich mit Freunden zusammen bin, bei der Liebe. Im Moment des Schreibens, in der völligen Versunkenheit. Dann kann ich die Illusion erzeugen, dass alles gut ist. Das Liebe ewig währt, Freundschaft eine Seele in zwei Körpern ist, dass ich Frieden haben könnte.

Ein Zitat von Michael Ende trifft es ziemlich genau:

„Du meinst das Fantasie nicht wirklich sei? Aus ihr allein erwachsen künftige Welten. In dem, was wir erschaffen sind, wir frei.“

Das macht mich traurig. Mein Herz ist schwer von Worten und Melancholie. Ich spüre die Grenzen meines Daseins jeden Tag und weiß, dass meine wirkliche Freiheit nur in meiner Fantasie liegt. Darum schreibe ich und darum quält es mich vielleicht auch so sehr, wenn es diese Tage gibt, an denen ich „nichts zustande“ bringe.

Ich esse, bete und liebe, aber das hat in keiner Weise mit diesem Film zu tun, einer hübsch angemalten Hollywood Version eines Lebens.

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Ich bin total im Rausch. Stehe unter Strom, wie aufgezogen. Sitze am PC schreibe, lese, fabuliere, fantasiere und vergesse die Zeit und alles andere. Als ob zwischen mir und dem Rest der Welt eine unsichtbare Mauer stünde. Kriege nicht mit, was mir jemand sagt, was im Fernsehen läuft oder was sonst alles passiert. Neben mir könnte eine Bombe einschlagen und ich würde es nicht merken.

Erst brannten die Nudeln an, der Topf ist hin, jetzt sind es die Kartoffeln. Eigentlich sollten es Pellkartoffeln werden, aber ich hab gleich den nächsten Schritt gemacht, Bratkartoffeln. Wenn das so weiter geht, gibt es demnächst nur noch kalte Küche und garantiert einen Familienstreik. Wie dem auch sei … nur der PC hört mein Seufzen, wenn mir wieder der Brandgeruch um die Nase weht.

Ist das Essen anbrennen lassen, nicht eigentlich das Klischee für`s verliebt sein? Wenn, dann bin ich mächtig verliebt in die Muse der Literatur. Diese launische Geliebte, die gibt und zurückhält, wie es ihr gefällt, ohne Rücksicht auf meine Gefühle. Sie verabreicht ihre Droge in unregelmäßigen Abständen, um sich meiner Unterwürfigkeit zu versichern … eine Droge, die süchtig macht (hast du erst reingeschnuppert gibt es kein zurück), aber keinem schadet. Es sei denn, man zählt die Kartoffeln dazu … bitte, verzeiht einer Schreibsüchtigen eure Brandwunden …!

 

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