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Posts Tagged ‘Kofferraum’

Sommer im Treibhaus

Die Hitze lastete wie ein Mantel aus Blei auf der kleinen Stadt, in der jeder jeden kannte und die selten einen Fremden zu sehen bekam. Doch genau auf dem Höhepunkt der nervenzehrenden Schwüle hielt ein Wagen auf der Hauptstraße vor dem einzigen Hotel. Seine Ankunft wurde kaum bemerkt. Jeder, der in der Lage war sich zurückzuziehen, hatte sich einen möglichst schattigen Platz gesucht und hielt Siesta.

Der Fremde holte eine Reisetasche aus dem Kofferraum. Er stieg die drei Stufen zur Veranda hinauf, öffnete die Tür und trat ein.

Jimmi Shulman, einer der wenigen, die ihn ankommen sahen, berichtete später, dass die Kälte, die der Mann ausstrahlte, ihn derart erschütterte, dass er das Gefühl nicht loswurde eine eisige Klammer hätte sich um sein Herz gelegt.

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Im Museum

Der R8 schoss in die Parkbox vor dem Museum. Ich stellte den Motor aus und sah Aaron an.

„Und? So schlimm war es doch gar nicht.“

Aaron sah mich mit tadelndem Blick an. Er löste den Sicherheitsgurt und atmete hörbar auf.

„Endlich da.“

Ich verkniff mir ein Grinsen.

„Ach komm, so wie du Motorrad fährst, dürfte diese Fahrt wie auf Wolken gelaufen sein.“

„Du hast keine Ahnung!“

Aarons Diskurs wurde durch ein Klopfen an das Seitenfenster unterbrochen. Wir zuckten beide zusammen.

„Hallo, Clara, ich hatte dich nicht so früh erwartet.“ Oliver bemerkte Aaron und sein Lächeln schrumpfte zusammen. Er nickte leicht und sagte nur: „Aaron.“

„Oliver“, zu mehr war auch Aaron nicht bereit.

Die Fronten waren klar abgesteckt. Das kann ja heiter werden, dachte ich und stieg aus.

„Hallo, Oliver.“

„Schönes Auto“, sagte er anerkennend und klopfte auf das Dach des schwarzen Audis.

„Danke, das ist der Vorteil ein Agent der ABMA (Abteilung zur Beschaffung mysteriöser Artefakte) zu sein. Das Equipment ist hervorragend.“

Oliver wollte etwas sagen, aber Aaron war ebenfalls ausgestiegen und schob sich in sein Blickfeld.

„Und, alles erledigt?“

Er warf Oliver einen scharfen Blick zu. Der ignorierte ihn geflissentlich. Aarons Gesicht sprach Bände. Ich öffnete den Kofferraum. Unter einer speziellen Abdeckung, die durch ein gesondertes Schloss gesichert war, befand sich die Ausrüstung. Aaron schob Oliver beiseite und nahm seine Tasche heraus. Der gab einen knurrenden Laut von sich.

„Leute“, ich drehte mich um, „ihr könnt euch prügeln wenn ihr wollt! Später! Jetzt geht es um eine wirklich wichtige und gefährliche Sache! Reißt euch zusammen.“

Beide sahen mich an. Während Oliver Schuldbewusstsein ausstrahlte, funkelten Aarons Augen kampflustig, aber er sagte nichts. Dass hatte ich allerdings auch nicht erwartet. Ich nahm meinen Rucksack aus dem Safe und verschloss ihn wieder. Ohne auf die beiden Streithähne zu achten, steuerte ich auf das Museum für Stadtgeschichte zu. Der rote Backsteinbau thronte wie ein gigantischer Wächter über der Stadt und beherbergte eine naturkundliche und eine stadtgeschichtliche Sammlung. Erstaunlich, dass das außergewöhnliche Artefakt seit Jahren in einer Vitrine stand, der Öffentlichkeit zugänglich und nie ein außergewöhnliches Ereignis stattgefunden hatte. Oder keines, das publik geworden war.

Oliver hielt mir die Tür auf. Als ich an ihm vorbei ging, nahm ich einen Duft wahr. Er erinnerte mich an etwas, allerdings konnte ich es in diesem Moment nicht an einem bestimmten Ereignis festmachen.

„Erste Etage“, sagte er und deutete die breite Sandsteintreppe hinauf, „frühes Mittelalter.“

Der Innenraum des Museums war ebenso imposant wie das Äußere. Hier sah man, entgegen der schlichten hanseatischen Bauweise der Front, mehr Dekorationen. Schöne Türblätter, verzierte Säulen und Stuckarbeiten an den Decken erfreuten das Auge. Ganz zu schweigen von den ausgestellten Exponaten.

Hinter einem dunklen Holztresen stand eine junge Frau, die für Eintrittskarten und Museumsshop zuständig war. Oliver schien sie über unser Erscheinen informiert zu haben, denn sie grüße nur freundlich und winkte uns ohne weitere Komplikationen durch.

Wir stiegen in den ersten Stock hinauf. Oliver vor mir, Aaron hinter mir. Wieder fiel mir der Geruch auf. Fieberhaft arbeiteten meine Synapsen.

„Hier entlang“, Oliver ging in einen Ausstellungsraum, „dort in der Vitrine.“

Der Raum beherbergte drei riesige Schränke, die einst in Kirchen gestanden hatten und in denen die sakralen Geräte untergebracht waren. Sie waren mindestens 2,50 bis 3 Meter hoch und 2 Meter breit und mit breiten Eisenscharnieren und Nieten verziert. Dazwischen standen eine Kirchenbank, Truhen und Vitrinen mit kleinen Exponaten.

„So und wie läuft das jetzt?“

Oliver sah mich aufmerksam an. Ehe ich antworten konnte, sagte Aaron:

„In dem du die Klappe hältst.“

Ich seufzte.

„Bitte! Wenn ich gewusst hätte, wie das hier abgeht, wäre ich ohne euch gefahren.“

Gespannte Stille trat ein. Ich ging auf die Vitrine zu und schaute mir die verschiedenen Behälter genau an. Besonderes Augenmerkt legte ich auf das älteste Artefakt.

kiste

Das Kästchen war sehr gut erhalten. Es hatte Verzierungen und einen Griff auf dem Deckel, der mit einem zusätzlichen Riegel am Korpus gehalten wurde. Der Schlüssel fehlte. Irgendetwas stimmte nicht. Normalerweise erkannte ich sofort, wenn ein Artefakt eine Anhaftung hatte. Doch hier spürte ich nichts. Entweder war es nicht das Kästchen selbst, das die Gefahr darstellte, sondern der Inhalt. Aber das bemerkte ich normalerweise, wenn ich in die Nähe kam. Manchmal auch von weiter weg, je nachdem wie stark die Kräfte wirkten.

„Merkwürdig“, ich öffnete den Rucksack und holte ein altes Buch heraus und schlug es auf, „es sieht genauso aus, wie auf der Abbildung.“

Aaron trat neben mich und sah mir über die Schulter. Oliver blieb in sicherer Entfernung stehen, er beobachtete mich mit Argusaugen. Ich konnte seinen stechenden Blick in meinem Nacken fühlen.

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Aus dem Radio drang Musik in das Wageninnere. Die Klänge vereinten die beiden Menschen in ungefährlichem Schweigen. Sie hingen ihren Gedanken nach. Lea versuchte sich auf die Straße zu konzentrieren. Normalerweise gelang ihr das mühelos, aber der herrliche Frühlingstag füllte ihren Kopf mit anderen Gedanken, die sie am liebsten sofort in eine Geschichte verwandelt hätte.

Schreiben wäre jetzt schön. Einfach schreiben. Fenster auf. Sonne und Luft herein lassen.

Sätze flossen durch ihren Kopf. Absätze. Sie formte, änderte, verdichtete, verwarf, nur um sie in einem neuen Gedankengang wieder auferstehen zu lassen.

Liebe, immer wieder diese verfluchte, komplizierte Liebe. Gibt es denn nichts anderes? Gut, Liebe und Tod. – Auch nicht besser! Am Ende läuft es doch immer wieder auf dasselbe raus: Ohne Liebe geht nichts. – Das ist Jacks Schuld.

Heute Morgen war er wieder durch ihre Träume gegeistert und hatte sie in Aufruhr versetzt.

Immer wieder Jack. Dabei ist er nur eine Figur aus einem Film. Was hat der Mann nur an sich, dass ich auf ihn anspringe, wie eine Zecke und mich so festbeiße, dass er sogar vor meinen Träumen keinen Halt macht?

„Wild, Wild, one“, tönte Iggy Pop aufreizend aus dem Lautsprecher. Seine tiefe, gefühlvolle Stimme fuhr Lea in den Bauch und versetzte sie in lustvolle Vibrationen.

Wild sein, das wäre toll. – Ich bin viel zu brav.

Sie warf ihrem Beifahrer einen hastigen Seitenblick zu. Er hieß David, hatte sie auf ihrem Adresszettel gelesen, und ein Augenschmaus, das war selten. Lea atmete seinen Duft ein. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen.

Er riecht gut. Beinahe lecker. Als würde die ganze Wohnung nach frisch gebackenem Schokokuchen duften. – Es sollten viel mehr Männer so gut riechen. „The New Fragrance For Man – David Brownie – von Bossy”. Vielleicht sollten Frauen nach Steak riechen, wenn sie Männer aufreißen wollen?

Sie musste lächeln. Bei der Begrüßung, am Auto heute Morgen, hatte David ihr einen angenehm, erfreuten Blick zu geworfen und als sie sein Gepäck einladen wollte, strikt abgelehnt.

„Kommt gar nicht in Frage! Wäre ja noch schöner!“

Ohne Probleme hatte er seine Taschen im Kofferraum verfrachtet. Geschmeidig und lässig, jeder Zentimeter selbstbewusst und mit einer knackigen Rückenansicht.

Warum der wohl bei uns zur Reha war? Er sieht überhaupt nicht versehrt aus.

Leas Blick blieb an seinem ebenmäßigen Gesicht hängen. David war der dunkle Typ, Sonnyboy mit Restgeheimnis.

Oh, Gott. Kitsch as Kitsch can. Du solltest es besser wissen, als Schriftstellerin. – Er würde eine gute Figur als Vampir abgeben. – Kuck auf die Straße!

Der Kofferraum schnappte zu. Lea beklagte es selten auf der Rückfahrt keinen Fahrgast zu haben. Heute, ohne Davids kribbelnde Gesellschaft, bedauerte sie es doch. Sie wollte ihm gerade die Hand zum Abschied reichen, als er fragte:

„Müssen sie gleich weiter? Oder darf ich ihnen noch einen Kaffee anbieten?“

Davids Stimme hatte eine rote Melodie, die sich in Leas Sinne schmeichelte. Barry Whites Soulsexstimme. Das war es. Ihr Herz entzündete sich.

Wild sein! Jetzt! Das kommt nie wieder.

Der Gedanke rannte ihr wie Opium durch den Kopf und betäubte ihre letzten Skrupel.

„Ja“, sagte sie. Es klang wie eine Frage.

David hielt ihr die Tür auf. Die Wohnung war gemütlich. Bilder, Pflanzen, ein weiches Sofa mit Kissen. Ein vollgestopftes Bücherregal fiel Lea sofort ins Auge. Eilig flogen ihre Blicke über die Buchrücken. Garcia-Marquez, Shakespeare, Lasker-Schüler, Hesse, Rilke, Kästner, Hohlbein, Kunstbände. Lea beruhigte sich. Die meisten Bücher besaß sie selbst. Letzte Zweifel an David verflogen. Das war ein gutes Omen.

„Der Kaffee ist fertig.“ David stellte zwei Kaffeetassen auf den Couchtisch. „Milch und Zucker?“

„Milch, danke.“

Ihre Finger berührten sich, als David Lea die Tasse reichte.

Fehlt nur das Zischen und Funken sprühen, dachte Lea.

Sie lagen Seite an Seite. Ihre Blicke berührten sich. Tauchten ineinander, streichelten, liebkosten, verschmolzen.  Silberne Fische im Strom.

Lea sah David atemlos an. Jede Linie seines Gesichts war ihr vertraut. Tausendfach erinnerte es sie an die sehnsuchtsvollen Nächte, in denen sie Jacks Gesicht vor sich gesehen hatte. David war Jack.

„Ich will dich.“

Seine Stimme rieb über Leas Haut. Warm und fest. Ihre Sinne und ihr Körper öffneten sich für ihn. Füllten ihre vereinsamten Herzkammern mit glühender Lust.

„Ich will dich jetzt.“

Davids Stimme brach die letzte Brücke ihres alten Lebens ab. Die Zeit blieb stehen, verging, hielt an. David wurde ihr Schöpfer. Seine Lippen, seine Hände, sein Körper erschafften einen neuen Menschen. Lea war nicht länger eine Hülle, sondern ein Gefäß. Ihre Gefühle waren keine Illusion aus schlaflosen Nächten, sondern greifbare Wirklichkeit. David verwandelte Lea mit loderndem Feuer und sengender Hitze aus Lust und unbändigem Verlangen. Mit donnerndem Strom und plätscherndem Regen. Mit lieblicher Brise und brüllendem Sturm, der sie zerfetzte und neu zusammensetzte. Dem heißen Atem der Wüste und der kalten Stille des Eises. Leas Körper schrie vor Begierde nach mehr. David entfesselte das Meer für sie. Hoch aufgepeitscht, begrub seine Leidenschaft alles unter sich. Er riss Lea in seinen Abgrund der Sinnlichkeit, bis sie im Rausch jeden Halt verlor. David nahm Leas Sehnsüchte und ersetzt sie durch seine.

„David?“, flüsterte sie atemlos.

„Ich bin hier. Du gehörst mir.“

Seine sanfte Stimme drang Lea bis ins Blut und zeigte ihr den Weg.

„Ja, ich weiß. Ich habe es immer gewusst.“

David lachte leise, dann zog er Lea in den nächsten hemmungslosen Strudel.

Lea lag in Davids Armen. Ihr Atem ein erschöpftes Keuchen. Sein Verlangen hatte alles genommen, ihre Gier alle Grenzen gesprengt. Ihre bedenkenlose Unersättlichkeit hatte alle Hemmnisse abgebrannt.

Wild, Wild one.

Die Worte flackerten in Neonfarben hinter ihren geschlossenen Augenlidern auf und ab. Wild war sie gewesen, wie noch nie in ihrem Leben. Kein Kitsch, kein Klischee auf Papier. Einfach sie und die Lust, die sie spürte. David, der ihren Körper in Besitz nahm, sie zum Fließen brachte, ihr seinen Rhythmus gab, sie zu diesem ekstatischen Tanz verführt und eine ungeahnte Lust verschafft hatte. Er beherrschte das Spiel meisterlich. Das war Leben zum Anfassen. David betrachte sie mit dunklen Augen. Lea hatte ihn genauso überrascht, wie sie sich selbst.

Weggefegt habe ich ihn. Alles aus ihm rausgeholt. Ihn fertig gemacht.

Lea lachte leise. Sie hatte das Gefühl, David immer noch hart und tief in sich zu spüren. Ein letztes Mal fuhren ihre Finger über Davids warme Haut. Unauslöschlich in ihr Leben gebrochen, hatte er wilde Samen auf ihre Zurückhaltung gesät. Melancholie sprang sie an.

„Ich muss gehen.“

Lea griff nach ihren Sachen, wollte sich anziehen.

„Born to be wild.“

Davids Worte hakten sich in Leas Gedanken. Energisch zog er sie zurück in seine Arme.

Geboren um wild zu sein.

Die Saat zerstörte Leas Widerstand. Das Ende war ein Anfang.

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