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Posts Tagged ‘Kiste’

Im Museum

Der R8 schoss in die Parkbox vor dem Museum. Ich stellte den Motor aus und sah Aaron an.

„Und? So schlimm war es doch gar nicht.“

Aaron sah mich mit tadelndem Blick an. Er löste den Sicherheitsgurt und atmete hörbar auf.

„Endlich da.“

Ich verkniff mir ein Grinsen.

„Ach komm, so wie du Motorrad fährst, dürfte diese Fahrt wie auf Wolken gelaufen sein.“

„Du hast keine Ahnung!“

Aarons Diskurs wurde durch ein Klopfen an das Seitenfenster unterbrochen. Wir zuckten beide zusammen.

„Hallo, Clara, ich hatte dich nicht so früh erwartet.“ Oliver bemerkte Aaron und sein Lächeln schrumpfte zusammen. Er nickte leicht und sagte nur: „Aaron.“

„Oliver“, zu mehr war auch Aaron nicht bereit.

Die Fronten waren klar abgesteckt. Das kann ja heiter werden, dachte ich und stieg aus.

„Hallo, Oliver.“

„Schönes Auto“, sagte er anerkennend und klopfte auf das Dach des schwarzen Audis.

„Danke, das ist der Vorteil ein Agent der ABMA (Abteilung zur Beschaffung mysteriöser Artefakte) zu sein. Das Equipment ist hervorragend.“

Oliver wollte etwas sagen, aber Aaron war ebenfalls ausgestiegen und schob sich in sein Blickfeld.

„Und, alles erledigt?“

Er warf Oliver einen scharfen Blick zu. Der ignorierte ihn geflissentlich. Aarons Gesicht sprach Bände. Ich öffnete den Kofferraum. Unter einer speziellen Abdeckung, die durch ein gesondertes Schloss gesichert war, befand sich die Ausrüstung. Aaron schob Oliver beiseite und nahm seine Tasche heraus. Der gab einen knurrenden Laut von sich.

„Leute“, ich drehte mich um, „ihr könnt euch prügeln wenn ihr wollt! Später! Jetzt geht es um eine wirklich wichtige und gefährliche Sache! Reißt euch zusammen.“

Beide sahen mich an. Während Oliver Schuldbewusstsein ausstrahlte, funkelten Aarons Augen kampflustig, aber er sagte nichts. Dass hatte ich allerdings auch nicht erwartet. Ich nahm meinen Rucksack aus dem Safe und verschloss ihn wieder. Ohne auf die beiden Streithähne zu achten, steuerte ich auf das Museum für Stadtgeschichte zu. Der rote Backsteinbau thronte wie ein gigantischer Wächter über der Stadt und beherbergte eine naturkundliche und eine stadtgeschichtliche Sammlung. Erstaunlich, dass das außergewöhnliche Artefakt seit Jahren in einer Vitrine stand, der Öffentlichkeit zugänglich und nie ein außergewöhnliches Ereignis stattgefunden hatte. Oder keines, das publik geworden war.

Oliver hielt mir die Tür auf. Als ich an ihm vorbei ging, nahm ich einen Duft wahr. Er erinnerte mich an etwas, allerdings konnte ich es in diesem Moment nicht an einem bestimmten Ereignis festmachen.

„Erste Etage“, sagte er und deutete die breite Sandsteintreppe hinauf, „frühes Mittelalter.“

Der Innenraum des Museums war ebenso imposant wie das Äußere. Hier sah man, entgegen der schlichten hanseatischen Bauweise der Front, mehr Dekorationen. Schöne Türblätter, verzierte Säulen und Stuckarbeiten an den Decken erfreuten das Auge. Ganz zu schweigen von den ausgestellten Exponaten.

Hinter einem dunklen Holztresen stand eine junge Frau, die für Eintrittskarten und Museumsshop zuständig war. Oliver schien sie über unser Erscheinen informiert zu haben, denn sie grüße nur freundlich und winkte uns ohne weitere Komplikationen durch.

Wir stiegen in den ersten Stock hinauf. Oliver vor mir, Aaron hinter mir. Wieder fiel mir der Geruch auf. Fieberhaft arbeiteten meine Synapsen.

„Hier entlang“, Oliver ging in einen Ausstellungsraum, „dort in der Vitrine.“

Der Raum beherbergte drei riesige Schränke, die einst in Kirchen gestanden hatten und in denen die sakralen Geräte untergebracht waren. Sie waren mindestens 2,50 bis 3 Meter hoch und 2 Meter breit und mit breiten Eisenscharnieren und Nieten verziert. Dazwischen standen eine Kirchenbank, Truhen und Vitrinen mit kleinen Exponaten.

„So und wie läuft das jetzt?“

Oliver sah mich aufmerksam an. Ehe ich antworten konnte, sagte Aaron:

„In dem du die Klappe hältst.“

Ich seufzte.

„Bitte! Wenn ich gewusst hätte, wie das hier abgeht, wäre ich ohne euch gefahren.“

Gespannte Stille trat ein. Ich ging auf die Vitrine zu und schaute mir die verschiedenen Behälter genau an. Besonderes Augenmerkt legte ich auf das älteste Artefakt.

kiste

Das Kästchen war sehr gut erhalten. Es hatte Verzierungen und einen Griff auf dem Deckel, der mit einem zusätzlichen Riegel am Korpus gehalten wurde. Der Schlüssel fehlte. Irgendetwas stimmte nicht. Normalerweise erkannte ich sofort, wenn ein Artefakt eine Anhaftung hatte. Doch hier spürte ich nichts. Entweder war es nicht das Kästchen selbst, das die Gefahr darstellte, sondern der Inhalt. Aber das bemerkte ich normalerweise, wenn ich in die Nähe kam. Manchmal auch von weiter weg, je nachdem wie stark die Kräfte wirkten.

„Merkwürdig“, ich öffnete den Rucksack und holte ein altes Buch heraus und schlug es auf, „es sieht genauso aus, wie auf der Abbildung.“

Aaron trat neben mich und sah mir über die Schulter. Oliver blieb in sicherer Entfernung stehen, er beobachtete mich mit Argusaugen. Ich konnte seinen stechenden Blick in meinem Nacken fühlen.

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Rad, schwarzer Rand, Draht, Kiste, schmal

„Dieses blöde Rad“, ich trat gegen den Rahmen, „ausgerechnet jetzt streikt diese blöde Kiste! Ich muss zum Vorstellungsgespräch.“

Mein Rock hing an einem losen Draht fest.

„Auch das noch! Hoffentlich macht das Ding kein Loch in den dünnen Stoff.“

Vorsichtig löste ich die beiden Komponenten von einander.

„Noch heil“, seufzte ich erleichtet, um gleich darauf in einen neuen Schrecken zu verfallen. Der weiße Stoff hatte einen schwarzen Rand. „Bestimmt vom Reifen. Ich muss dagegen gekommen sein.“

Ein Blick auf mein Smartphone sagte mir, dass ich keine Zeit hatte noch einmal nach Hause zu fahren und mich umzuziehen.

„Wenn ich noch weiter hier rumstehe, kann ich das Gespräch gleich sausen lassen“, murmelte ich.

Ich schloss das Rad an den Laternenmast, rannte die Straße hinunter. In letzter Sekunde erreichte ich den 23er Bus und schob mich durch die Falttür.

 

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Der Schreibtisch steht im Erker. Von dort hat man einen guten Blick auf den Garten, der leicht verwildert, doch einer gewissen Ordnung folgt. Auf den Fensterbrettern liegen kleine Andenken. Eine getrocknete Rose, eine Druse, ein Schneckenhaus und eine große Muschel, eine Kiste in der Postkarten und Briefe gesammelt werden. Einige Bilder, die eine ältere Frau und kleines Mädchen zeigen, außerdem ein Bild eines Paares und Bild von einem Mädchen und einem Jungen beim Angeln.

Das Bett ist gemacht. Auf einem Stuhl liegen verschiedene Kleidungsstücke, darunter stehen zwei Paar Turnschuhe. Neben dem Schreibtisch steht ein Papierkorb und eine Tüte in der Altpapier gesammelt wird. Auf dem Schreibtisch steht ein Laptop, eine Tasse in der Kaffee gewesen ist und eine Flasche Wasser.

An einer Seite des Zimmers stehen Bücherregale. Die Bücher sind geordnet nach Genre. In einem Regal stehen nur Sachbücher. Davor stehen Gefäße mit Stiften, eine Stabtaschenlampe, eine Schneekugel, eine Spieluhr, eine Metallkiste mit kleinen Zangen, Schraubenziehern und diversen Schrauben, Nägeln.

Es gibt einen Kleiderschrank, nicht besonders groß, darauf bunte Kisten. Im Kleiderschrank ist eine Ordnung zu erkennen, allerdings sind Unterwäsche und Socken einfach in die Schubladen gestopft.

Neben dem Kleiderschrank stehen Reitstiefel, die glänzend geputzt sind. Außerdem eine Staffelei, die verstaubt ist. An der Wand über dem Bett hängt ein gerahmtes Poster, dass den Blick über die Dächer von Paris zeigt, in schwarz-weiß.

Auf dem Nachttischchen steht eine Kiste mit Schmuck und eine moderne Lampe, entgegen den eher antiken Möbeln. Außerdem mehrere Bücher auf einem Stapel. Scott Fitzgeralds Erzählungen, ein Gedichtband von Hilde Domin, Sigmund Freuds der dunkle Kontinent, C.G.Jungs Traumdeutung.

Der Fußboden besteht aus Holzdielen, auf denen es keine Teppiche gibt. An der Tür sind Haken angebracht, an denen Jacken und Tücher hängen.

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Die Luke zum Boden klappt mit einem lauten Knall nach Hinten. Staubwolken wirbeln auf und rieseln als feinste Teilchen wieder hinunter. Ich warte einen Moment, bevor ich die steile Stiege hinauf klettere.

James und ich haben das alte Anwesen vor einem Monat zu einem Schnäppchenpreis ersteigert und ich bin neugierig welche weiteren Schätze sich in seinem Inneren verbergen.
Durch die Ritzen der alten Schindeln fallen vereinzelte Sonnenstrahlen, in denen die Staubkörnchen einen mystischen Tanz aufführen. Auf dem riesigen Terrain des Speichers wurde im Lauf der Jahrzehnte ein Sammelsurium der verschiedensten Behältnisse eingelagert. Kisten, Körbe, Truhen, Säcke, Schränke, Reisekoffer, Schrankkoffer, Seesäcke und diverse Möbelstücke. Ein blinder Spiegel mit mattem Goldrahmen, ein Schaukelstuhl, zwei verblichene Kinderstühlchen mit Tisch, ein antikes Schaukelpferd, eine Wiege, eine samtbezogene Chaiselongue und mehrere Tischchen und Kommödchen.

Ich öffne eine der großen Truhen, die in der Nähe des Spiegels stehen. Als ich den Deckel aufklappe, fliegt ein Schwarm winziger pudriger Motten auf und ich zucke leicht zusammen. Angsthase, schelte ich mich, und ziehe eines der alten Kleidungsstücke heraus.

Ein verblasstes Ballkleid, früher musste es die Farbe eines Frühlingshimmels gehabt haben, heute ähnelt es den Blütenblättern vertrockneter Hortensien auf denen winzige Tropfen aus Strass schimmern. Wie es wohl war, das Mädchen, das ihren Liebsten in diesem Traum aus Tüll und Strasstränen empfing? Ich lege es vorsichtig zurück, als sei es aus kostbarster Seide.

Zu meinen Füßen raschelt es. Ich springe zurück. Es ist nur ein vergilbter Zeitungsausschnitt, der auf den Boden gefallen sein muss, als ich das Kleid heraus nahm. Ich hebe ihn auf. Das Datum ist aus dem Jahr 1952. Ich lese die Schlagzeile.

„Verehrer erschlägt Ballkönigin mit einem Zinnaschenbecher!
A.H., Schüler der Memorie High, erschlug N.B., die diesjährige Ballkönigin. Sie hat eingewilligt mit ihm zum Jahresabschlussball zu gehen. Als A.H. bei N.B. ankam um sie abzuholen, musste der junge Mann mit ansehen, wie N.B. am Arm eines anderen aus dem Haus trat. Er fühlte sich gedemütigt, was durch boshafte Kommentare des Nebenbuhlers und der Angebeteten noch angestachelt wurde. In rasender Wut griff er sich den Aschenbecher von der Veranda und schlug auf N.B. ein, die lebensgefährlich verletzt wurde. A.H. wurde dem Haftrichter vorgeführt.“

Wie schrecklich. Eine junge Frau ist gestorben. Und ein junger Mann hat sein Leben zerstört. Irgendwo im Haus höre ich ein lautes Krachen. Mein Herzschlag setzt für einen Moment aus. Das ist sicher James, denke ich, als ich einen eisigen Lufthauch spüre…

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