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Posts Tagged ‘Jahrhundertwende’

So! Hier der zweite Teil meines kleinen Schreibmarathons. Viel Spaß beim Lesen 🙂 . Die nächsten 13 Sätze für die Nachtbereitschaft warten schon. Werden morgen auf den Schreiberlebentipps gepostet unter dem Titel: 13 Sätze – 13 Geschichten

6.Heute bei der Arbeit…

Heute bei der Arbeit, ich saß im Pyjama auf dem Bett, das Laptop auf den Knien, im Fernsehen lief „Crossing Lines“, hörte ich vor meiner Zimmertür ein merkwürdiges Geräusch. Zugegeben, ich höre öfter Geräusche vor meiner Zimmertür oder über meinem Zimmer. Kein Wunder! Bei 20 Schlaf-Gästen und einem Haus, das mindestens zwei Jahrhundertwenden überdauerte, kann es die verschiedensten Geräusche geben. Türen quietschen oder krachen, Treppen knarren, Holzdielen knarzen und wer weiß, ob nicht die ein oder andere Maus im Spiel ist.

Die Töne heute waren mir jedenfalls nicht vertraut. Ich speicherte meine Datei, stellte das Netbook aufs Bett und stand auf. Das Geräusch nahm an Lautstärke zu. Ich hatte sie schon öfter gehört, nur eben nicht in diesem Haus. Ich zog meine Turnschuhe und meinen Pulli an, griff nach dem Zimmerschlüssel und drückte die Klinke herunter. Sacht zog ich die Tür auf. Ein kalter Luftzug drückte durch den Spalt zu mir herein und verursachte mir eine Gänsehaut. Völlig fassungslos starrte ich auf das Szenario vor mir.

Als Schriftstellerin kann ich mir alle möglichen wilden und abstrusen Situationen vorstellen, das ist mein Job – aber das?! Es war wie eine Szene aus einem Traum! Völlig surreal und mit nichts zu erklären. Denn trotz meiner ausufernden Fantasie bin ich mir der Naturgesetze wohl bewusste, auch wenn ich sie in meinen Geschichten gelegentlich außer Kraft setze.

Vor meiner Tür ankerte ein Schiff. Und nicht irgendein Schiff. Es war ein fünf-Mast-Segelschiff. Am Bug hing eine riesige Meerjungfrau als Galionsfigur. Ihr hellblauer Fischschwanz wand sich über der Wasseroberfläche.
Ich kniff mich in den Arm. Verdammt, das tat weh. Ich drückte panisch die Zimmertür zu. Für einen Moment herrschte Stille.

Dann hörte ich erneut Geräusche. Was stimmte nicht mit mir? Erneut öffnete ich die Tür. Dieses Mal lag vor meinen Füßen ein Bahnsteig. Mir gegenüber stand ein altmodischer Zug. Menschen gingen auf und ab. Sie trugen Kleider, wie aus den BBC Verfilmungen von Jane Austen. Niemand nahm Notiz von mir. Ich schien unsichtbar zu sein. Vielleicht können sie mich sehen, wenn ich auf den Bahnsteig trete, dachte ich und wagte einen Versuch.

7.Nach dem Ball …

Nach dem Ball ist vor dem Ball, denke ich, schleiche mich in die Garderobe und mache mich auf die Suche nach meinem Mantel. Ein langer roter Mantel aus Kaschmir. Passend zu meinen Schuhen. Es ist alles nur geliehen. Ich kann mir so teure Sache nicht leisten. Ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Na gut, etwas übertrieben. Aber für das teure Seidenkleid, das ich gerade trage, müsste ich mehr als drei Monate arbeiten. Ich fühle mich wie Cinderella. Der Fehler in meiner Geschichte ist, dass es für sie ein Happy End gab. Ich dagegen habe alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Ich habe ihn gesehen, aber er mich nicht. Morgen früh wird es so sein, als hätte es diesen Abend nicht gegeben. Ich bringe die Kleider zurück. Bis auf die Quittung wird nichts mehr daran erinnern, dass ich ein paar Stunden Prinzessin war.

Endlich habe ich meinen Mantel gefunden. Ich streiche gedankenverloren über den weichen Stoff. Er fühlt sich fantastisch an. Der Mantel trägt sich wie eine zweite Haut. Ich muss lächeln. Der Busfahrer wird sich wundern, wenn er sieht wie ich einsteige. Ich werde sagen: Guten Abend, leider habe ich meinen Kürbis verlegt. Ich hoffe, er hat Humor. Ich knöpfe den Mantel zu, schließe den Gürtel. Noch einmal sehe ich zum Ballsaal hinüber. Musik dringt heraus. Ich drehe mich um und gehe auf die breite Marmortreppe zu.

„Sie wollen schon gehen?“

Ich halte inne, sehe über die Schulter. Da steht ein großer blonder Mann in einem tadellos sitzenden Anzug, klassisch schwarz. Gutaussehend, sympathisch.

„Ja, leider. Es ist nach Mitternacht und mein Kürbis ist schon weg.“

Er lacht und kommt näher.

„Darf ich ihr Kutscher sein?“

Ich lächele.

„Ich bin mir nicht sicher. Meine Mutter hat mir immer eingebläut nicht mit fremden Männern mitzugehen. Nur weil sie einen Anzug tragen, heißt das nicht, dass sie vertrauenswürdig sind.“

In seinen blaugrauen Augen blitzt der Schalk auf.

„Dann darf ich mich vorstellen. Thomas Berger.“ Er verbeugt sich galant. „Zu ihren Diensten.“

„Lea Winter. Prinzessin für eine Nacht.“ Ich mache einen Knicks. „Schade, dass sie mich nicht in meinem Kleid sehen konnten.“

„Woher wollen sie das wissen?“, er schmunzelt, „ich habe den ganzen Abend nichts anderes gesehen.“

„Dann muss ich sie tadeln, Herr Berger.“

„Tom, bitte, sagen sie Tom“, unterbricht er mich.

„Gut. Also Tom, wenn das wahr ist, dann frage ich mich, warum sie mich nicht zu einem Tanz aufgefordert haben?“

Er wird ernst.

„Sie hatten ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Herrn gerichtet. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir einen Korb geben.“

Ich senke beschämt den Blick und erröte. Hat er recht? Bin ich so durchschaubar.

„Wollen wir das jetzt nachholen?“

Seine Stimme ist sanft. Ich sehe auf. Tom streckt mir die Hand entgegen. Ich lege meine hinein. Er zieht mich zu sich heran, legt die andere Hand in meine Taille. Wir machen die ersten Schritte. Tom ist ein guter Tänzer. Er schafft es problemlos meine Fehltritte auszugleichen. Die Prinzessin hat ihren Tanz zu guter Letzt doch noch bekommen.

„Vielen Dank für diesen Tanz“, sagt Tom, neigt leicht den Kopf und bietet mir seinen Arm, „darf ich sie nach Hause chauffieren?“

„Gerne.“

Ich genieße die Fahrt durch die nächtliche Stadt. Wir reden über Gott und die Welt. Lachen mit einander. Ich fühle mich wohl mit ihm. Tom ist ein guter Autofahrer. Entspannt und sicher. Er findet meine Straße ohne Navi, kennt sich gut aus. Vor meinem Haus steigt er aus, hält mir die Autotür auf und begleitet mich zur Haustür. Er nimmt meine Hand. Warme Finger umfassen meine.

„Darf ich sie wiedersehen?“, fragt Tom.

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

„Warum nicht?“

„Wie ich schon sagte, ich bin Prinzessin für einen Abend gewesen. Morgen bin ich wieder das Mädchen in der Asche. Ich passe nicht in ihre Welt.“ Ich deute an der Hausfassade hinauf. „Ich bin das Mädchen aus dem Dachgeschoss.“

„Was würde der Prinz jetzt tun?“, ignoriert er meinen Einwand und lächelt.

Ich zögere, sehe in seine strahlenden Augen. Der Mann ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

„Die Prinzessin küssen.“

Tom zieht mich in seiner Arme und küsst mich. Ich schließe die Augen, gebe mich dem Augenblick hin.

„Keine Angst Prinzessin“, sagt er, nachdem er mir das Versprechen abgenommen hat, ihn wiederzusehen, „alles ist möglich.“

8.Später beim Picknick…

„Später, nach dem Picknick!“

„Später, später … das sagst du immer!“, mault das Mädchen.

„Nein. Sag ich nicht.“

Sie stapft mit dem Fuß auf. Der Kellner serviert meinen Kaffee.

„Doch! Du hörst dir ja nicht mal selber zu. Du hilfst mir später bei den Hausaufgaben, du gehst später mit mir zum Gartenfest, später redest du mit meinem Lehrer, später, später, später!“

Der Mann sieht erschöpft aus. Er hat etwa mein Alter. Das Mädchen, wohl seine Tochter, zirka 13.

„Bitte, Natalie, beruhige dich. Du weißt, dass ich einen streßigen Job habe.“

„Bei Mama ist es viel besser. Ich will das Mama wiederkommt.“

„Deine Mutter ist aber noch zwei Monate im Ausland. Du wirst es wohl oder übel mit mir aushalten müssen.“

Aha, daher weht der Wind. Scheidungskind, nervt Vater und macht ihm ein schlechtes Gewissen. Natalie scheint zu spüren, dass ihr Vater die Grenze seines guten Willens erreicht. Ich trinke den letzten Schluck Kaffee.

„Bitte, Tom, bitte. Ich habe so einen Hunger“, sie hakt sich bei ihrem Vater ein.

„Na gut, dann mach die Tüte auf! Und nenn mich nicht Tom.“

Natalie zerrt eine Tüte mit Schokoriegelchen aus der Einkaufstasche und reißt sie auf. Ziel erreicht. Sie lächelt triumphierend.

Ich lege das Geld für den Kaffee neben meine Tasse. Tom bemerkt, dass ich die Szene interessiert beobachte. Ich lächele ihm zu und nickte. Er erwidert es verlegen.

„Du Papa“, Natalie zieht die Worte schmeichelnd in die Länge.

Der nächste Angriff kündigt sich an. Ich stehe auf, mache ein überraschtes Gesicht und sage:

„Mensch Tom! Jetzt erkenn ich dich! Ich bin`s die Sandra aus der Schule. Schön dich wieder zu sehen.“
Vater und Tochter sehen mich überrascht an. Ich mache noch einen Schritt nach vorn und umarme Tom stürmisch, Küsschen rechts, Küsschen links, und flüstere ihm ins Ohr:

„Einfach mitspielen, alles wird gut.“

Zu Natalie sage ich:

„Hallo und du bist Toms Tochter?“

„Ja!“, erwidert sie reserviert.

„Freut mich dich kennen zu lernen“, ich sehe zu Tom, „wirklich gut hingekriegt, mein Lieber!“

„Stimmt“, er nickt leicht irritiert.

„Darf ich euch einen Vorschlag machen?“, ich sehe die beiden an und rede einfach weiter, „magst du Pferde, Natalie?“

Bitte sag ja, denke ich, alle Mädchen mögen Pferde.

„Ja, wieso?“

„Mein Bruder hat ein Gestüt. Wenn dein Vater nichts dagegen hat, könnt ihr euer Picknick dort machen und du könntest eine Reitstunde nehmen.“

Mein Vorschlag hat die gewünschte Wirkung.

„Papa, bitte, darf. Bitte, bitte, Papaaaa.“

„Wenn Sandra uns einlädt können wir so ein tolles Angebot nicht ablehnen“, sagt er verhalten.

Ich zwinkere ihm zu.

„Ich geh schon mal zum Auto!“, ruft Natalie und rennt los.

„Ich hoffe mein Überfall hat sie nicht völlig aus dem Konzept gebracht“, grinse ich Tom an, „ich bin auch alleinerziehend und meine Tochter ist im selben Alter. Ich kenne solche Situationen zu gut. Vielleicht verschafft ihnen meine Intervention einen entspannten Nachmittag.“

Tom zieht die Augenbraue hoch und schmunzelt.

„Aha, Leidensgenossin also.“

Ich nicke.

„Sie haben was gut bei mir“, sagt er und sein Blick verursacht einen Herzhopser bei mir. „Ich hoffe, dass war nicht der letzte Überfall.“

9.Wir gingen am Strand entlang…

Wir gehen am Strand entlang. Die Jungs mit großen Schritten vor weg. Ich in sicherem Abstand hinter her. Das Wetter hat sich etwas beruhigt. Der Dauerregen der letzten zwei Tage hält seit ein paar Stunden den Atem an und gönnt uns eine Verschnaufpause. Vermutlich drehe ich sonst durch.

In der kleinen Ferienhütte herrscht ein Testosteronpegel, der ausreichen würde eine ganze Klosterschule flach zu legen. Bei dem Gedanken setzt bei mir ein Kopfkino ganz besonderer Art ein. Nur gut, dass von den Fünf keiner Gedanken lesen kann.

Dass das keiner falsch versteht! Ich liebe Männer. Männer sind toll. Ich komme gut mit Männern klar. Wirklich wahr. Aber fünf Männer auf engstem Raum – alle gut befreundet und ich?!

Der ganze Ausflug fing ganz harmlos an. Wie das bei solchen Sachen meistens der Fall ist. Arbeitsurlaub nannte es unser Boss.

„Alles easy“, höre ich Adam noch sagen und dachte, na wenn er meint.

Wir arbeiten zusammen. Die Fünf und ich. In einer Drehbuchschmiede für eine SiFi-Serie. Vielleicht erklärt das den Frauenmangel im Team. Gestört hat das bis dahin nicht. Klar wird anders geredet, wenn keine Frau dabei ist und tatsächlich habe ich immer das Gefühl gehabt, in der Masse unterzugehen. Ja, hahaha, schon klar. Aber ich bin halt kein Püppchen, sondern Frau. Make up ist nicht meins. Klamotten mag ich gerne bequem, was nicht heißen soll, dass ich in Sacktuch und Asche herumlaufe. Ich bin nicht auf den Mund gefallen und eine klare Sprache macht mir nichts aus. Im Gegenteil. Mein Vater war Vorarbeiter auf dem Bau. Ich kenne den Sprachduktus unter Männern. Eigentlich finde ich es sogar witzig. Wenn es nicht total unterste Schublade ist.

Jedenfalls hatte ich in dem Jahr unserer Zusammenarbeit nicht den Eindruck der Gegenstand von Anmache zu sein, sondern eine Kollegin unter Kollegen. Voll integriert. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich daran etwas ändert, wenn wir in Klausur gehen. Wir waren heilfroh der tristen Büroatmosphäre eine Weile zu entkommen. Das Ganze sollte der Teambildung und der Ideenfindung dienen. Die Serie ist so beliebt, dass man einen Kinofilm drehen will und wir sollen das Drehbuch schreiben. Immerhin ist das unser Baby.

Die ersten zwei Tage ging alles gut. „Alles easy.“ Das Gerangel fing an, als ich am dritten Tag morgens aus dem Bad kam. Ich vergaß meine Klamotten in meinem Zimmer und trug auf dem Rückweg nur ein knappes Handtuch. Das Bad liegt im Erdgeschoss, mein Zimmer in der ersten Etage. Der Weg dorthin führt durch die Küche. Womit ich nicht rechnete war, dass meine lieben Kollegen so früh auf waren, nachdem ich sie die vorangehenden Tage wecken musste. Nein, alle fünf standen, saßen dort und tranken ihren ersten Kaffee. Muss ich noch etwas sagen?

Nur so viel. Jerry, der Spaßvogel, grinste und sagte: „Wow Kat, zeig uns mehr,“ und griff nach dem Zipfel meines Handtuchs. Es passierte, was passieren musste. Und auch wenn Jerry sich später bei mir entschuldigte, nachdem ich im Evakostüm posiert hatte, schienen „meine“ Jungs in Erwägung zu ziehen, dass ich mehr sein könnte, als ihre Kollegin und taten alles, um es mich wissen zu lassen.

10.Ich beobachtete den Regenbogen…

Ich beobachte den Regenbogen, der sich in leuchtenden Farben über die Straße spannt. Leider kann ich dabei die Verkehrslage nicht so gut überblicken und werde mit einem heftigen Ruck und Krachen in die Wirklichkeit zurückgeholt. Meine Tasche fliegt durch den Innenraum. Mein Apfel auch. Mist! Und vor mir ein großer BMW. Ziemlich neues Model. Glänzend poliert und chromverziert. Seufzend steige ich aus. Der Halter des BMW steht schon am Heck und beugt sich über die Stoßstange. Anzugträger, teurer Stoff, tadelloser Sitz. Durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. Der mag bestimmt keine Kratzer. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich mache mich auf einen rauen Anpfiff gefasst.

„Hm, nichts zu sehen“, sagt er und sieht mich mit einem freundlichen Lächeln an.

Ich atme auf. Keine verbale Attacke. Leider hat mein fahrbarer Untersatz mehr einstecken müssen. David gegen Goliath. Der linke Kotflügel ist verzogen und die Motorhaube hat sich nach oben gedrückt.

„Zum Glück“, sage ich und denke an meinen Versicherungsbeitrag.

„Leider muss ich ihn in die Werkstatt bringen. Ist ein Firmenwagen“, stellt er beinah bedauernd fest.

„Ok“, ich zucke mit den Schultern.

Die Prozedere kenne ich. Wenn die Schrauber das Auto erst mal in der Mache haben, wird’s teuer. Schließlich bezahlt die Versicherung – denen ist egal ob da nichts zu sehen ist. Hauptsache die Kohle stimmt. Ich krame meine Visitenkarte aus der Geldbörse und drücke sie dem BMW-Mann in die Hand. Er gibt mir seine. Creative Direktor steht drauf. Na sowas aber auch.

Wir steigen wieder in unsere Autos. Hinter uns hat sich eine morgendliche Rush-Hour-Schlange gebildet. Wir fahren weiter.

Der BMW-Mann sah gut aus und nett war er, wieder erwarten. Ich bin froh, dass ich mich in dieser Hinsicht getäuscht habe. Der Crash reicht mir, da brauche ich nicht noch einen wutschnaubenden Fahrer, der mich auf offener Straße zur Schnecke macht.

Ich lächele zufrieden. Immerhin steht auf meiner Visitenkarte Autorin. Das macht ein bisschen was her, Herr Creative Direktor, oder? Auch wenn mein kleiner Reisfresser eher nach Chaos als nach Kaviar aussieht. Aber der erste Eindruck muss ja nicht unbedingt, der richtige sein.

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Als er seine warmen Lippen auf meinen Mund legt, fahren meine Gefühle Achterbahn. Ich weiß nicht, wie lange wir so engumschlungen da stehen. Mir ist klar, dass es nur ein halbherziger Versuch ist, Raoul zu vergessen, aber dieses Gefühl von Nähe und Wärme, das Antonio in mir auslöst, weil ich es vor Sehnsucht kaum aushalten kann, bringt mich durcheinander. Ich wünsche mir ich könnte Antonio lieben. Seine schönen Augen, die mich mit einem liebevollen Blick umfassen und seine angenehme Gegenwart machen mich so traurig, weil ich sie nicht annehmen kann. Ich kann es nicht ändern, aber ich sehe Raouls melancholische Augen, seinen sinnlichen Mund und dieses Lächeln, dass mein Herz wärmt und mich gleichzeitig traurig macht. Es ist dieses innere Band, das ich zu ihm spüre, weil ich seine Zerrissenheit und seine Zweifel so gut nachvollziehen kann.

„Komm, dort drüben haben wir einen schönen Blick über das Meer und die Bucht.“

Antonio führt mich einen schmalen Pfad entlang, ein paar roh behauene Treppenstufen hinauf, auf eine Plattform. Wir setzen uns an den Rand und lassen die Beine herunter hängen. Schweigend sitzen wir da, Hand in Hand. Dem anderen ganz nah und doch ist mein Herz so fern und ich habe Angst, dass ich Antonio wehtun muss.

„Ich habe gehört, dass du eine Geschichtenerzählerin bist“, bricht Antonio nach einer Weile das Schweigen.

„Ja“, sage ich leise, „möchtest du eine Geschichte hören?“

„Das wäre schön, dann könnte ich mich immer an diesen wundervollen Moment erinnern.“

Ich höre die Niedergeschlagenheit in seiner Stimme.

„Du weißt es?“

„Ja, ich sehe es in deinen Augen“, sagt Antonio, „aber ich finde, er hat dich nicht verdient. Wenn du mich lieben würdest, würde ich dich niemals verlassen.“

Ich lächele bekümmert, denn ich weiß, dass er recht hat. Trotzdem ist alles was ich will, Raoul. Ich öffne meinen Rucksack, nehme das Notizbuch, Erzählungen vom Leben heraus, schlage es auf und fange an zu lesen:

„Also, es waren einmal drei Geschwister, die kamen nach Paris, auf der Suche nach Glück, so wie die meisten Menschen um die Jahrhundertwende. Die Stadt war voll von Glücksrittern und Karrieristen, die es zu Reichtum und Wohlstand bringen wollten. Als die drei jungen Leute am Place Gaillon ankamen, blieb das Mädchen überrascht stehen.

„Schau einmal, Jean!“, rief sie freudig erregt, „dieses Teeservice mit den kleinen Rosen. Genau so eins hatte Mutter sich immer gewünscht.“

Denise drückte ihr zierliches Näschen an der Fensterscheibe des Porzellangeschäftes platt. Ihre langen blonden Haare waren zu einem dicken Zopf geflochten und sie trug ein winziges Hütchen. Ihre einfache Kleidung zeigte ihre Herkunft an, war aber sauber und ordentlich, genau, wie die ihrer älteren Brüder.

„Hmmm, wirklich nett“, brummte Jean.

Seine Aufmerksamkeit galt allerdings nicht dem kostbaren Teeservice, sondern einer jungen Dame, die in dem Café saß, das direkt an den Porzellanladen grenzte. Sie trug ein modisches Kleid und ihr Dekollete leuchtete geradezu aufreizend hell im Kontrast zu dem dunkelgrünen Stoff, der ihre Katzenaugen betonte. Sie lächelte ihr Gegenüber an und mit einer anmutigen Bewegung, schob sie sich mit einer silbernen Kuchengabel ein Stückchen Sahnetorte in den sinnlichen Mund. Gierig starrte Jean auf ihre roten Lippen.

„Wenn ich sie doch nur einmal küssen könnte“, schoss es ihm durch den Kopf.

„Komm Jean, lass uns gehen“, Andre zupfte ihn am Ärmel, und als Jean nicht reagierte, zog er ihn hinter sich her, über die belebte Straße.

 

Andres eilige Schritte waren schon von Weitem zu hören. Denise riss die Tür ihres bescheidenen Zimmerchens auf und sah in Andres strahlendes Gesicht.

„Nun, was ist los? Hast du sie?“, fragte Jean ungeduldig.

Er war aufgesprungen und schob Denise beiseite.

„Ja“, stieß Andre atemlos hervor, „und wisst ihr, was das Beste ist?“

„Nein, los sag schon! Spann uns nicht auf die Folter!“, drängte Jean seinen Bruder.

„Sie nehmen euch auch in Lohn und Brot!“

„Oh, wie schön!“

Denise jubelte und fiel Andre um den Hals, „dann muss ich mich nicht von euch trennen. Ich hatte solche Angst ganz allein in einen fremden Haushalt zu kommen.“

Denise war sechzehn Jahre alt und seit dem Tod der Eltern kümmerten sich ihre Brüder um sie. Sie war ein frisches natürliches Mädchen mit Verstand, aber Paris machte ihr Angst.

„Ich bin auch froh“, sagte Andre, der ältere der beiden Brüder, „aber du scheinst ja nicht sehr glücklich zu sein?“

Andre sah Jeans gedankenverlorenen Blick. Er machte sich Sorgen um ihn. Jean war impulsiv und hatte ein selbstquälerisches Wesen, das Andre, der ein vernünftiger, bodenständiger Charakter war, völlig fremd war.

„Doch, doch, alles ist gut“, murmelte Jean und sah aus dem Fenster auf die wogenden Massen, auf der Straße.

„Als was werde ich arbeiten?“, bestürmte Denise Andre.

„Du wirst der Köchin zur Hand gehen, da kannst du dir gleich noch etwas abschauen“, Andre lächelte sie liebevoll an.

„Und was wird Jean machen?“, fragte Denise neugierig.

„Jean wird der Kammerdiener des jungen Herrn. Der Alte hat in einen anderen Haushalt gewechselt.“

Jean fuhr herum. Sein Blick hatte sich verfinstert. Er hasste es, zu lange in engen Räumen eingesperrt zu sein. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätten sie ihr Dorf nie verlassen. Aber Andre hatte ihm klar gemacht, dass sie dort keine Zukunft hatten.

„Na, toll! Du darfst im Stall bei den Pferden arbeiten und mich sperren sie in so einen muffigen alten Kasten“, begehrte er auf.

„Beruhige dich!“

Andre legte seinem Bruder beschwichtigend eine Hand auf den Arm, aber Jean schüttelte sie ab. Er war wütend.

„Leider ist im Stall zurzeit nur eine Stelle frei“, erklärte er, „aber wer weiß. In so einem großen Haushalt findet dauernd ein Personalwechsel statt. Es wird sich sicher bald etwas ergeben. – Und inzwischen hat jeder von uns sein eigenes Zimmer, freie Kost, einen freien Nachmittag und sein eigenes Geld.“

Jeans Unzufriedenheit konnte Andres gute Laune nicht mindern. Er war froh eine gute Lösung für sich und seine Geschwister gefunden zu haben. Besonders auf Denise musste er ein wachsames Auge haben. Sie war zu jung und naiv, um es zu wissen, aber Denise war eine kleine Schönheit und Andre wollte nicht, dass sie irgendeinem üblen Kerl in die Hände fiel.

Jean stand vor dem Spiegel. Der schwarze Anzug saß zu eng, spannte über den Schultern, den Armen und den Hüften. Außerdem war er an allen Enden zu kurz. Das gestärkte weiße Hemd schnürte ihm am Hals die Luft ab und zwickte überall. Jeans muskulöse Statur passte einfach nicht zu der eines Kammerdieners. Jean war zweiundzwanzig Jahre alt, groß und seine dunklen Locken ließen sich nie bändigen. Egal was er auch versuchte. Er musterte sich mit dunklem Blick und je länger er sich im Spiegel besah, um so mehr beneidete er Andre um seine Stelle als Reitknecht. Zu Hause war er den ganzen Tag mit seinem Vater auf den Feldern gewesen, hatte gejagt, gefischt und mit dem alten Gaul gepflügt. Hier, in diesem dunklen alten Haus, in dem es nach dem Mief von Hunderten Jahren roch, fühlte er sich wie ein alter Hofhund. Er konnte zwar ein Stück Himmel sehen, es aber nie erreichen. An die Kette gelegt und eingesperrt.

Jean fragte sich, wie er es hier aushalten sollte, dabei war gerade sein erster Tag. Gestern Abend waren sie vom Hausdiener begrüßt und in die Personalquartiere eingewiesen worden. Danach hatten sie mit dem anderen Personal zu Abend gegessen und waren früh zu Bett gegangen.

Es klopfte. Jean fuhr erschrocken zusammen. Die Tür wurde aufgestoßen und Françoise, der Kammerdiener des alten Duc de Saint-Simon, trat ein. Als er Jean so unglücklich vor dem Spiegel stehen sah, grinste er.

„Ich würde sagen, du brauchst einen neuen Anzug. Der alte Kammerdiener des jungen Herrn war kleiner und dünner als du.“

„Sieht so aus“, sagte Jean resigniert.

Er versuchte keine unbedachte Bewegung zu machen, aus Angst der dünne abgetragene Stoffe könnte der Belastung nicht standhalten.

„Ich werde das veranlassen“, sagte Françoise, „aber es kann ein paar Tage dauern, bis dahin musst du dich mit dem abfinden.“

„Ja, muss ich wohl.“

„Gut, dann komm. Ich werde dir alles zeigen. Da kannst du dir schon mal einen Überblick verschaffen. Der junge Herr wird heute zurück erwartet. Er war ein halbes Jahr in England.“

Françoise ging hinaus und Jean folgte ihm mit hängenden Schultern. Wenn es nicht für Andre und Denise gewesen wäre, dann wäre er am liebsten davon gelaufen.

 

In einem anderen Zimmer drehte sich Denise vor einem schmalen Spiegel hin und her. Das schwarze Kleid, die schwarzen Strümpfe und die feinen Schuhe gefielen ihr außerordentlich gut, auch wenn die Stiefelchen zu groß waren. Denise hatte sich ein paar ihrer eigenen dicken Socken angezogen und so schlüpfte sie nicht mehr hinaus. Ihre Haare hatte sie zu einem strengen Zopf geflochten, der ihr bis auf die Hüften reichte und ein weißes Leinentuch um den Kopf gebunden. Das war so üblich in der Küche hatte man ihr erklärt, außerdem trug sie eine weiße gestärkte Schürze. Die musste jeden Tag erneuert werden. So wünschte es die Dame des Hauses.

Denise war gespannt, wann sie die Duchesse kennenlernen würde. Die Dienerschaft hatte gestern beim Abendessen darüber spekuliert, wann die Herrschaften eintreffen würden. Denn es war Herbst und die Ballsaison würde bald beginnen. Die ersten Einladungen waren eingetroffen. Mademoiselle Manon war ihren Eltern voraus gereist, da sie sich mit einer ihrer Freundinnen treffen wollte, während Monsieur Jules am nächsten Tag erwartete wurde. Denis strich sich noch einmal ihre Schürze glatt, stellte sich aufrecht hin und hob den Kopf. „Immer Kopf hoch, egal was auch passiert. Du musst dich vor niemand verstecken“, hatte ihre Mutter immer gesagt. Denise war festentschlossen diesem Motto getreu zu handeln. Sie atmete tief durch und ging dann hinunter in die Küche.

 

Andre war an diesem Morgen schon sehr früh auf den Beinen gewesen. Er hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Er fragte sich, wie alles sein würde und ob er den Anforderungen des Duc gerecht werden konnte.

Andre hatte Schmied gelernt und Pferde waren ihm vertraut. Einmal hatte er sogar eins zugeritten, für den Pfarrer seines Ortes. Der unwissende Mann hatte sich von einem Händler, zu einem weit überhöhten Preis, einen jungen Hengst andrehen lassen, der kaum zugeritten war. Verzweifelt war er zu Andre gekommen und hatte ihn gebeten, ob er nicht einmal sein Glück mit dem Tier versuchen wollte. Es war zwar ein hartes Stück Arbeit gewesen, aber Andre hatte es tatsächlich geschafft, den Hengst zu einem guten Reitpferd zu machen. Seitdem träumt er davon einen eigenen Stall zu besitzen und Pferde zu züchten.

Andre war sich im Klaren, dass dies nur ein Traum war, aber auch wenn er versuchte seine Chancen immer möglichst realistisch abzuwägen, so spukte ihm dieser Wunsch trotz allem im Kopf herum.

So war Andre viel früher als die anderen Knechte im Stall, um sich die Pferde anzusehen und die Arbeit einzuschätzen, die ihn erwartete. Im Gegensatz zu dem hitzköpfigen, verschlossenen Jean, hatte Andre ein offenes, freundliches Wesen, das ihm bei der Arbeit mit Mensch und Tier zugute kam. Alle schätzten ihn und legten Wert auf seine Meinung.

Andre hoffte, dass ihm auch hier gelingen würde, eine gute Atmosphäre zu schaffen. Er war zwar nur zwei Jahre älter als Jean, aber sein selbstbewusstes überlegenes Auftreten sicherte ihm schnell eine gewisse Autorität.

Andre hatte wie sein Bruder dunkles Haar, aber ohne seine Widerspenstigkeit, die seinem Charakter widersprochen hätte. Seine hellen Augen standen im außergewöhnlichen Kontrast zu seinem pechschwarzen Haar und fielen sofort auf, während Jean die schwarzen seelenvollen Augen seiner Mutter geerbt hatte. Andre hatte dieselbe Statur seines Bruders, allerdings war Jean feingliedriger. Andres Körper hatte die schwere Schmiedearbeit geprägt und an Kraft konnten es wenige Männer mit ihm aufnehmen. Er war sich dessen nicht bewusst, aber wenn er irgendwo in Erscheinung trat, richteten sich alle Blicke auf ihn, egal ob die der Männer oder der Frauen.

Seine Befürchtungen waren allerdings umsonst. Nach den ersten Stunden im Stall stellte sich heraus, dass Andre mehr als geeignet war, diese Stelle zu versehen. Der Stallmeister überlegte sich schon, wie er dem Duc am geschicktesten klar machen konnte, was für einen guten Fang sie mit Andre gemacht hatten.

 

Jean stand in den Räumen des jungen Herrn. Der Salon allein war geräumiger, als das Haus in dem er mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt hatte. Dazu gab es noch ein Schlafzimmer, Ankleidezimmer und ein Bad. Françoise hatte Jean eine Menge erklärt und ihm brummte der Kopf. Auf was er alles achten sollte. Jean hielt diese ganzen Regeln des Anstands und der Etikette für Schwachsinn, aber er musste sie wohl oder übel befolgen, sonst würde er hinausfliegen.

„Das werde ich wohl nie schaffen. Bei der ersten Gelegenheit werde ich irgendetwas falsch machen und hinaus geworfen“, dachte er, „andererseits, warum nicht? Vielleicht ist es das Beste, was mir passieren kann. Denise und Andre sind gut untergebracht und ich suche mir was Besseres.“

„Hallo, Jules!“, hörte Jean eine glockenhelle Stimme, „bist du schon zurück?“

Hastig drehte er sich um und hörte ein Ratschen. Das Jackett war entzwei gerissen.

„Oh, nein! Auch das noch“, dachte er verzweifelt.

Da kam sie auch schon herein. Es war die Dame aus dem Café. Jean starrte sie aus seinen schwarzen Augen an. Es war wie eine Erscheinung. Ihr zartes lindgrünes Kleid war so duftig wie Rosenblätter und ließ ihre feurigen roten Locken aufstrahlen. Ihre grünen Augen blitzen freudig in Erwartung ihres Bruders Jules, aber als sie Jean sah veränderte sich ihr Blick und wurde fragend neugierig.

„Oh“, sagte sie, „ich hatte meinen Bruder Jules erwartet. Wer sind sie?“

„Mein Name ist Jean Laval. Ich bin der neue Kammerdiener ihres Bruders“, antworte Jean steif, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

„Ich bin Manon de Saint Simon“, stellte sie sich vor, „ich hoffe, dass ihr länger hier sein werdet, als der vorherige. Mein Bruder hasst die ständigen Veränderungen.“

Manon tat so als würde ihr sein eindringlicher Blick entgehen. Sie wandte sich zur Tür.

„Dann will ich sie nicht bei der Arbeit stören. Guten Tag, Jean“, säuselte sie.

Jean sah dem göttlichen Wesen nach, das aus der Tür schwebte. Sein Herz raste wie verrückt und er hoffte, dass Manon keinen zu schlechten Eindruck von ihm bekommen hatte. Immerhin sah er in dem schlecht sitzenden Anzug nicht gerade vornehm aus.

„Ach, du Schreck“, fiel ihm wieder ein, „die Jacke ist gerissen. Ich muss sie nähen.“

Eiligen Schrittes verließ er Jules Räume, um Francois zu suchen.

 

Kaum hatte Manon den Raum verlassen, als sie ein Lachen nicht mehr zurückhalten konnte. Sie schien einen außerordentlichen Eindruck auf den jungen Mann gemacht zu haben. Er hatte den Blick nicht von ihr lassen können und sie war sich sicher, dass er sich in sie verliebt hatte. Manon war zwanzig Jahre alt und hatte inzwischen einige Erfahrung mit Männern, die sich in sie verliebt hatten.

„Tölpel alle samt“, dachte sie verächtlich, „kaum haben sie mich gesehen und aus Männern werden Dummköpfe. Kein Stolz und keine Stärke mehr. Alles dahin.“

Manon wollte zwar einen Mann, der in sie verliebt war, aber keinen der jede Selbstachtung verlor und vor ihr zu Kreuze kroch. Leider war ihr dieser Mann noch nicht begegnet und sie fürchtete inzwischen, dass er auch nie kommen würde. Manon hatte sich einige Prüfungen ausgedacht, denen sie die Männer aussetzte. Diejenigen, die darauf hereinfielen, sortierte sie sofort aus und bis jetzt hatte noch keiner bestanden.

 

Andre striegelte den schwarzen Wallach. Unruhig tänzelte das schöne Tier hin und her. Er war noch nicht an Andre gewöhnt und war nervös. Andre redete beruhigend auf ihn ein und klopfte ihm sanft auf die Flanken.

„Ganz ruhig, mein Schöner. Du wirst dich an mich gewöhnen müssen.“

„Und ich wohl auch!“, vernahm Andere eine weibliche Stimme.

Er richtete sich auf und sah über den Pferderücken hinweg eine junge Frau im dunkelgrünen Reitkostüm. Es war auf Figur geschnitten und betonte ihren wohlgeformten Körper.

„Sie sind nun schon das zweite neue Gesicht, das ich im Haus sehe. Wie ist ihr Name?“, fragte sie.

„Ich bin Andre Laval und sie sind sicher die Duchesse de Saint Simon“, sagte Andre und sah Manon aufmerksam an.

„Genau die bin ich!“ Manon sah Andre mit einem Stirnrunzeln an, „satteln sie mir Malice, ich will ausreiten!“

„Natürlich, Mademoiselle“, sagte Andre freundlich.

Ohne Eile legte er die Bürste weg und ging den langen Gang zu Malice Box hinunter. Das Sattelzeug hing neben der Box und Andre sattelte den Fuchs. Nervös trat das junge Tier von einem Bein auf das andere. Andre spürte, dass es noch nicht reif war, von einer ungestümen jungen Dame geritten zu werden.

„Mademoiselle darf ich ihnen einen Rat geben?“, Andre drehte sich zu Manon um, „ich würde ihnen lieber eins der anderen Pferde satteln. Malice ist heute Morgen sehr nervös.“

Manon sah Andre mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Was erlaubte sich der Mann eigentlich. Malice war ihr Pferd und sie würde ihn reiten, wann es ihr passte. Unwillig schüttelte sie den Kopf.

„Nein, danke!“, antwortete sie eisig, „ich werde Malice reiten.“

Unverschämter Kerl. Erst starrte sie sein Bruder an, wie das siebte Weltwunder und dann versuchte ihr der Pferdeknecht Vorschriften zu machen. Andre zuckte nur mit den Schultern und legte dem Pferd das Zaumzeug an.

„Hebt mich hoch“, befahl Manon.

Andre verschränkte die Hände zu einem Tritt, ließ Manon mit einem Fuß darauf steigen und hob sie in den Sattel. Kaum saß sie auf dem Pferd, als es auch schon in die Höhe stieg. Verzweifelt versuchte Manon das Tier zu bändigen, aber je fester sie zugriff, um so mehr scheute das Tier. Andre versuchte an die Zügel zu kommen, aber ehe er zufassen konnte, fiel Manon auch schon. Geschickt fing Andre sie auf, stellte sie auf die Füße und griff in Malice Zügel. Beruhigend redete er dem Pferd zu, das schnaubte und versuchte auszubrechen. Mit einiger Mühe gelang es ihm, Malice wieder in die Box zu bugsieren. Andre zog die Box zu, dann wandte er sich mit einem liebenswürdigen Lächeln an Manon.

„Soll ich ihnen ein anderes Pferd satteln“, der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Nein, danke. Ich hab genug“, erwiderte Manon ärgerlich.

So würdig es ihr nach dieser Niederlage möglich war, trat sie den Rückzug an. Einerseits war sie zornig, weil er nicht danach gefragt hatte, wie es ihr ging. Anderseits bewunderte sie sein beherztes Zugreifen und noch ein paar Stunden später, spürte sie seinen festen Griff um ihre Taille, als er sie aufgefangen hatte.

 

Manon erwachte schweißgebadet. Sie hatte schwer geträumt. Sie fiel und fiel, dabei spürte sie heftige Tritte von Pferdehufen, und als sie schon dachte, es wäre alles aus, wurde sie aufgefangen. Sie fand sich in Andres starken Armen wieder. Manon hatte das Gefühl nackt zu sein, denn sie spürte seine Haut direkt auf ihrer, wie Feuer brannte es und als sie in seine Augen sah, wurde ihr ganzer Körper von einem erregenden Gefühl erfasst, dass bis zu ihrer Venusspalte reichte und eine ungeahnte Feuchtigkeit in ihr auslöste. Andre hatte ohne Umschweife seine Hände zwischen ihre Schenkel geschoben und seine Finger bewegten sich geschickt zwischen ihrer Spalte und ließen ihren Saft immer heftiger fließen. Immer schneller glitten seine Finger in sie hinein und heraus. Die Erregung war kaum auszuhalten und dann, als die Lust sie wie eine Welle hoch aufgetürmt war und Manon die Erfüllung erwartete, erwachte sie durch ein lautes Geräusch und alles war vorüber.

Zittern lag Manon in der Dunkelheit. Draußen donnerte es wie Kanonenschläge, dicke Blitze zuckten über den Himmel und große Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheiben. Manon fühlte sich leer und betrogen. Sie sah Andres spöttische Augen vor sich, die zu sagen schienen „soll ich ihnen ein anderes Pferd satteln“, und sie fühlte sich gedemütigt und doch wusste sie, wenn Andre zu ihr kommen würde, dann würde sie sich sofort in seine Arme werfen und sich ihm bedenkenlos hingeben.

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