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Posts Tagged ‘Haustür’

Hier meine Versuche der „show don`t tell“ – Aufgabe von der Schreiberlebentipps-Seite. Viel Spaß beim Lesen und selber probieren.

Es war Sommer.

Sara konnte fühlen wie die kleinen Tropfen Schweiß direkt aus der Haut traten. Die Hitze war unerträglich. Nachts bekam sie kein Auge zu, obwohl sie in der Wohnung alle Fenster aufriss. Doch die Abkühlung kam nicht. Am Tag zog sie morgens die Rollos herunter, aber auch das änderte nichts. Sara hatte das Gefühl in einer Blase aus heißem Wasserdampf gefangen zu sein, aus der es keinen Ausweg gab. Seit Tagen hatte es nicht geregnet. Der Rasen war zu einer braunen Masse aus Halmen verbrannt, und das Gießen ihrer geliebten Blumenbeete hatte sie aufgegeben. Die drei Regentonnen waren bis auf den letzten Tropfen geleert. Selbst die Vögel blieben still. Sara dachte an ihre Dusche. Kaltes erfrischendes Wasser, das über ihr Gesicht lief, ihre Schultern, den Körper hinab und gurgelnd im Abfluss verrann.

Er saß am Lagerfeuer und dachte nach.

George legte zwei weitere Holzscheite nach. Sofort stürzten sich die Flammen auf die Stücke. Funken stoben hoch und verglühten. Das Knistern des trockenen Holzes weckte Erinnerungen in ihm. Wie lange war es her, dass er mit ihr hier gewesen war. Es war sein geheimer Platz, den er nur mit ihr geteilt hatte. So wie damals, trug kühle Nachtluft den aromatischen Duft der Tannen und das Sprudeln der Quelle zu seinem Lagerplatz und hüllte ihn ein. Es schien Jahrhunderte her zu sein und doch waren es nur fünf Jahre.

Sie hatte Angst.

Ein kühler Luftzug wehte die leichten Stores hin und her. Sara genoss die Erfrischung und trat ans Fenster. Die letzten Tage waren nervenaufreibend gewesen. Sie hatte an der neuen Kollektion gearbeitet, die, wenn man dem Auftraggeber glaubte, schon vor einer Woche fertig sein sollte. Endlich hatte sie den letzten Entwurf gemacht und abgeschickt. Sie atmete auf.
Sara hörte, wie die schwere Haustür ins Schloss fiel. Merkwürdig, dabei ist doch niemand die Auffahrt herauf gekommen, dachte sie.
„John“, rief sie, „bist du es?“
Keine Antwort.
„Ich habe mich wohl verhört“, murmelte sie.
Sara ging zu dem kleinen Bartischchen. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr. Ein leichtes Flattern fuhr in ihren Bauch. Suchend sah sie sich um. Alles war wie immer. Als sie sich einen Scotch eingoss zitterten ihre Finger. Der scharfe Alkohol rann ihre Kehle hinunter. War da nicht eben ein leises Rascheln? Sara fröstelte, zog sich die Strickjacke enger um den schlanken Körper.
„John“, rief sie erneut, „mach keine Witze mit mir!“
Nichts rührte sich. Sara lauschte in die Stille. Etwas hatte sich verändert.

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Ich betrete die Bar. Freitagabend. Überall Leute in Gruppen mit Biergläsern, Wein und Cocktails. Auf einer winzigen Bühne drängt sich eine Band. Der Sänger sieht aus, wie eine Kopie von Freddy Mercury.

Heute ist der Abend! Chris hat mich zu einem Date eingeladen. Nachdem wir ein halbes Jahr die Zimmer in einer WG teilen, ist es endlich geschehen. Ich sehe mich nach ihm um. In meinem Bauch kribbelt es. Da! Er sitzt am Tresen. Nicht allein. Tränen würgen sich die Tränenkanäle empor. Die Frage: Gehst du heute Abend mit mir auf ein Bier, sollte also keine Einladung zu einem Date sein. Ich habe den falschen Text zwischen den Zeilen gelesen.

Sie ist blond, wie ich, aber mindestens zehn Zentimeter größer, dank High Heels. Ihr Busen ist kurz davor das Dekolleté zu sprengen. Die ganze Zeit zupft sie an Chris Hemdkragen herum und macht einen Schmollmund. Meine Eifersucht bereitet mir Übelkeit. Ich will den Rückzug antreten, als Chris mich entdeckt. Er lächelt siegessicher und zwinkert mir verschwörerisch zu, macht diese alberne „Daumen-hoch-Geste“.

Wer bin ich? Sein Saufkumpan? Die heulen allerdings nicht, wenn ihr Bro eine geile Schnitte aufreißt. Die klatschen ab. „Hey geil Alter, leg die Tussi flach. Besorg`s ihr ordentlich.“

Chris Gesichtsausdruck wird ernst, als er Tränen über meine Wangen laufen sieht. Mist, auch das noch! Es hört einfach nicht auf. Chris steht auf und befreit sich von der Tussi. Er kommt her! Ich dreh mich um, drängele mich energisch durch die Menge nach draußen und renne los.

Verdammt! Verdammt! Warum kann er mich nicht lieben? Mich so begierig ansehen? Will ich das überhaupt? Das Anschauen ja, aber auf High Heels herumstöckeln und mit dem Hintern wackeln? Den Busen bis zum Hals hochgepuscht und einen Rock tragen, der die Breite eines Gürtels hat?

Nein. Ich will ich sein. Ohne aufgesetzten Schmollmund und künstliche Nägel. Das passende Gesicht zum Gefühl. Ich will Jeans und T-Shirts tragen, aber ich will auch, dass Chris mich mit diesem „Ich-will-dich-ich-krieg-dich“ Blick ansieht.

Ich bleibe stehen. Muss Atem schöpfen. Meine Lunge brennt und die Seite sticht. Die Tränen haben eine nasse Spur auf meinem Gesicht hinterlassen. Ich wische sie mit dem Ärmel der neuen Chiffonbluse ab. Meine langen Haare, die ich extra offen trage, sind völlig zerzaust.

„Männer sind Augenmenschen“, sagte der Ratgeber. Ich wollte es zumindest versuchen und einen anerkennenden Blick von Chris erhaschen. Aber wenn er auf solche Frauen steht, kann ich nicht mithalten. Weder körperlich, Modelmaße hatte ich noch nie, noch geistig. Ich bin nicht bereit mich auf den Intellekt eines Toastbrots herunter zu lassen.

Ich bin im Park gelandet, an meinem Lieblingsplatz. Die große Fontäne des barocken Musenbrunnens ist nachts ausgestellt. Die Stadt spart. Es fängt an zu nieseln. Na toll, das auch noch. Ich mache mich auf den Heimweg. Hoffentlich ist Chris wieder in die Bar gegangen. Auf Diskussionen habe ich heute Abend keine Lust, auch wenn Chris sie spätestens morgen früh nachholt. Bis dahin habe ich mir was zu recht gelegt.

In unserer Wohnung ist alles dunkel. Ich atme auf. Trotzdem ziehe ich die Schuhe aus und schleiche die Treppe im Dunkeln hinauf. Ich halte die Luft an, als die vorletzte Stufe vor unserer Wohnungstür vernehmlich knarzt. Ich lausche. Nichts zu hören. Ganz vorsichtig öffne ich die Tür auf und schließe sie wieder. Ohne das Licht einzuschalten und auf Zehenspitzen begebe ich mich zum Badezimmer. Ich bin nass bis auf die Haut und muss mich abtrocknen.

„Was sollte das vorhin?!“, donnert eine Stimme hinter mir.

Licht flammt auf und blendet mich.

„Was geht dich das an?“, sage ich trotzig.

„Würdest du mich bitte ansehen, wenn ich mit dir rede?“

Ich höre Chris näherkommen und drehe mich um. Ich sehe nicht nur wie ein begossener Pudel aus, ich fühle mich auch so. Wieder drängen Tränen hoch und lassen sich nicht unterdrücken. Ich hasse es, so hilflos vor ihm zu stehen.

„Warum weinst du?“, fragt er sanft.

„Tu ich nicht!“

Ich wische die Tränen mit dem Handrücken weg.

„Doch tust du.“

Er kommt noch näher. Wir sind nur noch eine Armlänge voneinander entfernt.

„Seit wann interessierst du dich für mein Seelenheil“, zische ich angriffslustig.

Ich versuche mich zwischen Chris und der Wand vorbei zuschieben und in mein Zimmer zu kommen. Er verstellt mir den Weg.

„Wenn du keine Antwort gibst, kann ich dich nicht gehen lassen.“

Es klingt spöttisch und macht mich wütend. Ich versuche Chris wegzuschieben, aber er ist wie ein Fels, weicht keinen Zentimeter, drängt mich mit seinem ganzen Körper gegen die Wand. Mir ist plötzlich schwindelig.

„Warum kannst du mich nicht lieben?!“, platze ich heraus.

Chris zieht fragend die Augenbrauen hoch, ich drücke ihn energisch zur Seite. Er lässt mich gehen. Nur noch einen Schritt und ich bin in meinem Zimmer, als Chris mich am Oberarm packt, zu sich herum reißt und mich küsst, als wären wir gerade dem Tod von der Schippe gesprungen. Meine Knie geben nach. Chris hält mich, fest an sich gedrückt. Er hebt den Kopf und sieht mich an.

„Ist das Antwort genug?“

Ein „Ich-will-dich-jetzt-sofort!“ Kuss lässt mich jede sinnvolle Antwort vergessen. Warum reden, wenn man lieben kann?

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„Die Hitze der letzten Tage trieb die Reifung des Korns voran. Die goldenen Felder standen hoch in der Ähre, hier und da von einigen rot glühenden Mohnblüten und lilafarbenen Kornblumen betupft. Der Mond schwamm riesig und orange in der leuchtenden Gischt einer Federwolke über den Äckern. Die Schwalben durchbrachen in halsbrecherischem Tempo die heraufziehende Dämmerung, gefolgt von den Schatten der Fledermäuse, die mit der Dunkelheit ihre Verstecke verließen. Es roch nach einem sommerlichen Cocktail aus gemähtem Gras, reifem Korn und dem intensiven Duft der vertrocknenden Rosen, deren zerknitterte Blüten von den Büschen herabhingen und meine Sinne betörten. Mit dem Fortschreiten der blauen Stunde stieg eine angenehme Kühle aus der Flussaue auf und verschaffte unseren sonnenerhitzten erschöpften Körpern Linderung.“ 

Ich ließ den Stift sinken und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Wir saßen auf der Terrasse von Sannis Eltern. Die ganze Clique hatte sich eingefunden. Wir tranken Wein, einige rauchten und alle redeten durcheinander, lachten und die Jungs machten Sprüche. Es war wie damals, vor fünfzehn Jahren. Ich saß in meiner Ecke und betrachtete den Trubel. Die meisten hatten sich kaum verändert. Sie waren in dem kleinen Dorf am Rande der Heide hängen geblieben. Waren Postbeamte, Bäcker, Krankenschwestern, Verkäuferinnen, Klempner geworden. Hatten geheiratet, Häuser gebaut und Kinder bekommen.

Dagegen war ich nicht mehr die, die ich damals war. Nach dem Schulabschluss war ich fortgegangen, hatte alles Mögliche ausprobiert, an den verschiedensten Orten mein Lager aufgeschlagen, um schließlich bei der Schriftstellerei hängen zubleiben. Da Kunst seine Diener nicht sehr ausreichend ernährt, hielt ich mich mit diversen Nebentätigkeiten über Wasser. Aber das machte mir nichts aus. Im Gegenteil. Die reale Arbeit erdete mich für die Stunden der Einsamkeit vor meinem Computer.

Ich beobachtete meine Freunde und fühlte mich ausgeschlossen. Es war nicht ihre Schuld, sondern meine, aber dieses Gefühl fehl am Platz zu sein, wollte einfach nicht weichen. Ich sah mich als eine Zeitreisende. In den letzten fünfzehn Jahren bewegte ich mich ständig vorwärts, rast- und ruhelos. Die anderen gingen immer dieselben Straßen, sahen dieselben Gesichter und fanden nicht den Mut über ihren Tellerrand hinauszusehen. Ich hätte von meinen Reisen berichten können, von dem was ich erlebt hatte und was ich tat – aber niemand hätte es verstanden. Sogar Sanni, meine liebste beste Freundin, verstand es nicht. Ich hatte versucht davon zu erzählen, aber ich spürte schnell, dass Sanni nicht wirklich zuhörte. So beließ ich es dabei.

Der Einzige, der es verstanden hätte, war Gabriel, Sannis großer Bruder. Zu meinem Leidwesen war er nicht anwesend. Wieso sollte er auch? Er gehörte nicht zu unserer Clique. Und obwohl er von allen Mädchen angeschmachtet wurde, gab es für ihn keinen triftigen Grund sich an den Ort des Vergessens zubemühen. Dort wo er jetzt war, vermutlich am anderen Ende der Welt, wurde er mit Sicherheit ebenso angehimmelt. Ich musste unwillkürlich an seine dunklen geheimnisvollen Augen denken. An diesen besonderen Abend, den ich nie vergessen konnte.

             Es war eine dieser wilden „unsere-Eltern-sind-nicht-zu-hause-Partys“ kurz vor unserem Schulabschluss. Die meisten hatten dem Alkohol zugesprochen, nicht zu knapp. Nur ich war noch halbwegs nüchtern, dabei in der Küche Ordnung zu schaffen, als die Tür aufging und Gabriel erschien. Ja, es war eine Erscheinung. Gabriel war knapp eins-neunzig groß, trug figurbetonte Jeans, ein weißes Hemd bis zu Mitte seiner muskulösen Brust aufgeknöpft. Um seinen Hals hing ein Lederband mit einem keltischen Zeichen. Sein dunkles Haar kräuselte sich eigenwillig um sein männliches Gesicht und der Anflug eines Dreitagebartes ließ ihn verwegen aussehen. Gegen ihn, den Erwachsenen, waren meine Klassenkameraden Milchbubis. Es kostete mich alle Mühe ihn nicht zu offensichtlich anzustarren. Gabriel ging zum Kühlschrank, nahm sich eine Cola und fragte:

„Lea was machst du da?“

„Ordnung“, erwiderte ich lahm.

Gabriel lachte und zeigte eine Reihe weißer Zähne.

„Meine Mutter würde das sehr zu schätzen wissen. Aber du hast genug getan“, er deutete mit dem Kopf auf den sauberen Tellerberg, „lass für die anderen auch noch was übrig.“

Gabriel zwinkerte mir zu und ich errötete bis in jede einzelne Haarspitze. Er setzte die Colaflasche an, nahm einen langen tiefen Zug. Ich musste ihn einfach ansehen. In meiner Umgebung gab es keinen wie ihn. Seine Lässigkeit, seine Ungezwungenheit, sein ganzes Auftreten machten ihn unwiderstehlich. Er stellte die Flasche mit einem Klack auf die Arbeitsplatte und ich erschrak. Gabriel grinste.

„Komm ich bring dich nach Hause, damit dich keiner wegfängt.“

Ohne Einspruch folgte ich ihm. Wenn Gabriel etwas wollte, tat man es. Wortlos trottete ich neben meinem Schwarm die Straße hinunter. Was hätte ich ihm schon erzählen können? Neben ihm kam ich mir unscheinbar und nichtssagend vor. An der Brücke bogen wir ab und gingen den schmalen Weg am Fluss entlang. Irgendwo auf dem Uferweg stolperte ich, verlor mein Gleichgewicht und stieß gegen Gabriel. Wir kamen ins Schlingern. Er konnte uns gerade noch abfangen. Seine großen Hände lagen um meine Taille und unsere Körper berührten sich in ganzer Länge. Für einen Moment hielt ich den Atem an. So nah war ich Gabriel noch nie gewesen. Ich fühlte sein Muskelspiel unter meinen Händen, seine Wärme und seinen ganz eigenen Duft, den ich nie wieder vergaß. Das Ganze dauerte nur einige Sekunden. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor.

„Besser du nimmst meine Hand. Nicht dass du mir noch in den Fluss fällst“, sagte Gabriel leichthin.

Hand in Hand gingen wir nach Hause. Ganz fest hielt er mich. Ich wünschte mir es sollte niemals enden. Leider erreichten wir meine Haustür schneller, als mir lieb war.

„Hast du schon mal einen Kuss bekommen“, fragte er.

Sein intensiver Blick und seine warme Samtstimme ließen mein Herz Trommelwirbel schlagen. Verlegen schüttelte ich den Kopf. Sanft legte er seine Hände um mein Gesicht, beugte  sich zu mir herunter und küsste mich. Erst ganz behutsam. Als er spürte, wie hingebungsvoll ich an seinen Lippen hing, wurden seine Küsse immer sinnlicher. Die Gefühle, die in einem wilden Galopp durch meinen Körper stürmten, waren unbeschreiblich. Als er mich losließ, hatte ich das Gefühl in einen Abgrund zu stürzen. Zärtlich sah er mich an, strich mit den Fingerspitzen über meine Wange.

„Schlaf gut Kleine. Pass auf dich auf.“

Gabriel lächelte, küsste mich auf die Stirn. Dann ging er, ohne sich noch einmal umzudrehen. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass er fort war. Es war sein letzter Abend in der alten Heimat gewesen. Als ich kurz darauf selbst den Ort meiner Kindheit verließ, hatte ich ihn nicht wieder gesehen.

Gabriel war der eigentliche der Grund in das Heidedorf zurückzukehren und eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. In all den Jahren bewahrte ich mir die Hoffnung auf eine zweite Chance und ich bedauerte, dass es nicht dazu kam.

Inzwischen war es stockdunkel. Meine Klassenkameraden schienen ihre Jugendtage wiederholen zu wollen und hatten entsprechende Alkoholpegel erreicht. Ich schnappte meine Tasche und schlich mich davon. Der Abend war viel zu schön, um ihn im Alkoholrausch dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Der Himmel war sternenklar. Ich blieb stehen und sah hinauf. Es kam mir vor, als hätte ich noch nie so viele Sterne gesehen. Eine Sternschnuppe raste über das Firmament, der feurige Schweif blitzte auf. Ich erreichte die Brücke. Aus dem Fluss stieg leichter Nebel auf. Weiße Feengebilde über dunklem Wasser. Ich bog in den Uferweg ein und dachte an Gabriel. Wo er jetzt wohl sein mochte? Konnte er dieselben Sterne sehen? Hatte er sich verändert oder war er noch derselbe charmante Mann, wie damals? Langsam wanderte ich den Weg entlang, kam an der Stelle vorüber, an der ich in Gabriels Armen gelandet war. Ich musste lächeln. Dieser verrückte Mann. Ich liebte ihn seit dem Tag, als ich ihn das erste Mal sah.

Ich war sechs, in der ersten Klasse und bei meiner Freundin Sanni zum Geburtstag eingeladen. Gabriel war auch da. Ich hatte ebenfalls einen großen Bruder, aber der war ganz anders. Immer ärgerte er mich, nahm mir Sachen weg und trieb irgendwelchen Unfug. Gabriel dagegen war lustig, half beim Luftballon ausblasen und spielte mit uns lauten Gören. Vollends eroberte er mein Herz, als ich beim Spielen von einem Baum fiel und mir den Fuß brach. Ich war neun, Gabriel fünfzehn. Er hob mich hoch, schon damals war er sehr sportlich, trug mich ins Haus, machte mir Kühlpacks und versorgte mich mit Limo. Später besuchte er mich im Krankenhaus und brachte mir ein Plüschtier mit. Ich besaß es immer noch und schleppte es immer mit mir herum.

Vielleicht war das mein Problem. In jedem Mann, den ich kennenlernte, suchte ich Gabriel. Ich suchte diese Unbeschwertheit gepaart mit einer ganz besonderen Aura von Geborgenheit. Ich hatte immer das Gefühl in seiner Nähe könnte mir nichts geschehen und doch übte er einen ungeheuren sinnlichen Reiz auf mich aus. Gabriel war mein Schutzengel gewesen und in gewisser Weise hatte ich ihn nie gehen lassen. Ich hoffte irgendwann, irgendwo würde er mir wieder begegnen.

Inzwischen stand ich vor der Haustür meiner Eltern und kramte den Hausschlüssel aus meiner Tasche.

„Du hast dir Zeit gelassen“, hörte ich eine Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um, sah eine Gestalt, die sich aus den Schatten löste und auf mich zu kam.

„Ich warte schon seit einer halben Stunde. Dabei bist du die Abkürzung gegangen.“

„Gabriel!“, zu mehr reichte es nicht.

Ich starrte ihn an. Ein Geist hätte keinen größeren Schock auslösen können.

„Ja“, er grinste, „das ist mein Name. Schön, dass du dich noch erinnerst.“

Ehe ich mich fassen konnte, hatte er mich in seine Arme gezogen, strich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr und sagte in einem Ton, der sämtliche Zellen meines Körpers in Aufruhr versetzte:

„Du bist immer noch genauso süß, wie damals und jetzt bist du endlich alt genug, damit mich keiner mehr in den Knast bringt, wenn ich dich gleich verführe.“

Ich hätte auch etwas in der Art sagen können. Etwa: wow siehst du gut aus, du bist heiß, ich will dich, lass uns Sex haben. Gabriel ließ es nicht dazu kommen. Er zog mit einer Hand sanft meinen Kopf nach hinten, beugte sich zu mir herunter und küsste mich waffenscheinpflichtig. Damals hatte er mich schon aufreizend geküsst, dachte ich, aber das war nichts gegen das, was er nun tat. Ich war kein Kind von Traurigkeit gewesen, aber Gabriels Küsse zogen mir den Boden unter den Füßen weg. Als er den Kopf hob, war ich völlig atemlos.

„Gabriel“, keuchte ich, „was tust du?“

„Das, was ich längst hätte tun sollen! Dich suchen, dich finden und nie wieder loslassen.“

Unfassbar. Hatte er das wirklich gesagt.

„Das ist ein Traum“, stammelte ich, „du bist eine Fata Morgana.“

Er lachte dieses tiefe melodische Lachen und zeigte seine strahlend weißen Zähne.

„Ich glaube kaum, dass eine Fata Morgana dies tun würde.“

Gabriel küsste mich erneut. Als er von mir abließ, war ich so erregt, dass alle Fragen egal waren. Ich wollte ihn. Mehr nicht. Antworten konnte er mir später geben, falls sie dann noch wichtig waren. Ich vermutete, er sah es in meinen Augen. Jedenfalls nahm er mir den Schlüssel aus der Hand, schloss auf und zog mich ins Haus. Ich war heilfroh, dass meine Eltern weit fort im Urlaub weilten.

„Wohnst du immer noch unter dem Dach“, fragte Gabriel.

„Ja“, hauchte ich.

„Bereit zu tun, was wir vor fünfzehn Jahren angefangen haben?“, ich hörte das Schmunzeln in seiner Stimme.

„Weißt du nicht, dass ich seit damals darauf warte?“

„Wenn du so fühlst wie ich, ja.“

Gabriel presste mich fest an sich. Da war er dieser unverwechselbare Geruch. Unter seinem Hemd fühlte ich seinen immer noch trainierten Körper. Seine Hände schoben sich sacht unter mein Shirt. Zentimeter für Zentimeter. Und genauso zog sich Stück für Stück eine Gänsehaut über meinen Rücken. Als sie meinen Nacken erreichte, lief ein Zittern durch meinen Körper. Gabriel lachte leise an meinem Ohr. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und er küsste meinen Hals. Mein Stöhnen kam direkt aus meinem Bauch. Immer weiter glitten seine weichen Lippen an meinem Hals hinauf. Meine Finger krallten sich in sein Hemd.

„Oh, mein Gott“, seufzte er, „du riechst so gut. Ich könnte dich unter Tausenden finden.“

Gabriel hauchte winzige Küsse auf meine Wangen, meine Stirn, Nase, bis er meinen Mund wieder in Besitz nahm. Ja, in Besitz. Ich konnte ihm nichts entgegensetzen. Zulange wartete ich darauf. Immer wieder stellte ich es mir vor, aber in Wirklichkeit war es viel größer, heißer und wilder.

„Wenn wir nicht sofort hinaufgehen, werde ich dir hier im Flur die Kleider vom Leib reißen“, murmelte Gabriel an meinem Mund.

„Dann tu es doch.“

Gabriel lachte.

„Eines Tages tun ich das, aber nicht im Haus deiner Eltern.“

Er nahm meine Hand und führte mich die Treppe hinauf in mein Mädchenzimmer. Als Gabriel die Tür öffnete, sagte ich peinlich berührt:

„Schau nicht hin, hier hat sich seit fünfzehn Jahren nichts geändert.“

Gabriel sah sich um. Betrachtete die Figuren-Sammlung im Regal und die Zeichnungen an der Wand.

„Ist doch hübsch. So hatte ich es mir vorgestellt. Gibt es auch ein Bild von mir?“, fragte er, als er die Porträts meiner Familie sah.

Ich öffnete eine Schublade, nahm eine Mappe heraus und reichte sie ihm. Gabriel löste das Gummiband und klappte den Deckel nach hinten. Die Mappe war voll mit Bildern von ihm. Kommentarlos betrachtete er die Zeichnungen. Als er fertig war, sah er mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte.

„Ich hätte es dir nicht zeigen sollen“, sagte ich leise.

Gabriel antwortete nicht nahm mich in die Arme und drückte mich fest an sich. Ich schloss die Augen und genoss seine Nähe.

„Es tut mir leid, dass wir so viel Zeit verloren haben“, begann er, „ich habe dich schon damals geliebt, aber du warst erst fünfzehn. Dieser letzte Abend“, Gabriel stockte.

„Ja?“

„Es war eine dumme Idee zu denken ich könnte dich küssen, dann einfach gehen und es vergessen.“ Er schwieg einen Moment, bevor er weiter sprach. „Ich habe es nie vergessen. Nicht einen Tag. Es gab Frauen. Auch einige mit denen ich länger zusammen war, aber immer wieder dachte ich an dich. Eigentlich bin ich nur gekommen, um dich zu fragen: gibt es eine zweite Chance für uns?“

Hatte ich mich eben gerade verhört? Fragte mich Gabriel, ob ich mit ihm zusammen sein wollte? Ich sah zu ihm auf. Noch nie hatte ich ihn so angespannt gesehen. Auf seiner Stirn hatten sich Falten gebildet und seine dunklen Augen blickten mich sorgenvoll an. Ich streckte mich, hauchte Küsse auf seine Mundwinkel, bevor ich ihn auf seinen sinnlichen Mund küsste.

„Ist das ein Ja?“, fragte Gabriel mit rauer Stimme.

Ich nickte nur. Konnte nichts sagen. Alles, was ich wollte, war er. Damals und heute. Daran hatte sich nichts geändert. Und dann sagte Gabriel es.

„Ich liebe dich.“

Es kam ihm ganz leicht über die Lippen. Vielleicht weil er geübt hatte oder weil es einfach eine Tatsache war, die ausgesprochen werden musste, um wahr zu sein.

„Ich liebe dich auch.“

Ihm diese Worte zu sagen warf die Last der letzten fünfzehn Jahre von mir. Wir hatten alles offen gelegt, es gab nichts, was wir noch verbergen mussten.

Gabriel lächelte mich zärtlich an, den dunklen geheimnisvollen Blick in seinen Augen. Ich ahnte was passieren würde und doch hatte ich nur ansatzweise eine Vorstellung von dem, was Gabriel mit mir tun würde. Sein leidenschaftlicher inniger Kuss war nicht einmal das Vorspiel des Vorspiels. Gabriel entführte mich in eine berauschende, wilde Nacht voller Lust und Begehren. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass Sex so sinnlich und elementar sein könnte. Gabriel beherrschte das Spiel der Erotik und ich war wie ein Schwamm, der alles in sich aufsog. Aber das war nicht alles. Ich wollte mehr und es war einfach mit Gabriel. Wir waren Spieler in unserem eigenen Spiel aus Liebe und Lust. Wenn einer von uns eine neue Richtung ausprobierte, folgte der andere neugierig. Wir waren Seelenverwandte und in dieser Nacht fanden wir, was wir solange vermisst hatten.

Bis heute folgten dieser ersten unglaublichen Nacht unzählige weitere – sogar eine in der er mir die Kleidung im Hausflur vom Leib riss – aber das ist eine andere Geschichte …

 

 

    

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Mein Leben verlief in recht geordneten Bahnen, bis ich vor drei Tagen eine Tür öffnete und mit einem Mann zusammenstieß, der meine schöne Ordnung völlig durcheinanderbrachte.

Es war die Tür meiner Lieblingsbäckerei, gleich neben dem Haus, in dem ich wohnte. Gerade hatte ich mir einen Kaffee und ein Croissant gekauft, um mir eine gemütliche Schreibstunde an meinem Roman und in der Sonne sitzend zu gönnen.

Ich trug meine Laptoptasche über der Schulter, meinen Becher Cappu in der einen und meinen Teller in der anderen Hand. Der besagte Mann kam mir in dem Moment entgegen. Seine ganze Konzentration war auf sein Handy gerichtet, dass er fest an sein Ohr drückte. Groß und wichtig rechnete er nicht mit Gegenverkehr oder nahm zumindest an, dass dieser prompt ausweichen würde. Mercedes vor Mini.

Also preschte er mit unverminderter Geschwindigkeit an mir vorbei, oder hatte es vor, aber ich, beladen wie ein Maulesel, konnte nicht schnell genug von der Bildfläche verschwinden und stieß mit ihm zusammen.

Es war wie in einem dieser Filme. Ich sah in Slow Motion, wie meine Tasse im Flug Flüssigkeit verspritzend hinunter fiel und konnte, das Geräusch des Zerbrechens hören, noch bevor sie aufschlug. Mein Croissant segelte zwischen die Bistrotischchen auf dem Bürgersteig und was am Schlimmsten war, die Tasche mit dem Laptop rutschte mir von der Schulter. Ich konnte nichts dagegen tun. Nur zusehen. Der dumpfe Aufprall des Computers drang durch meine Gehörgänge in mein Hirn und ließ sofort meine Tränenproduktion in Aktion treten. Mein bestes Stück lag auf kalten Betonfliesen.

Er hatte innegehalten, ohne das Handy vom Ohr zunehmen. Mit der freien Hand schüttelte er ein paar Tropfen Cappu von seinem Designerjackett, als wären es lästige Fliegen. Ich kannte ihn vom Sehen. Er wohnte in dem Haus gegenüber. Im Penthouse. Glas und Stahl vom Feinsten.

„Alles OK“, fragte er, das Handy schien an seinem Kopf angetackert zu sein.

Ich versuchte die aufkommende Hysterie zu unterdrücken. „Kaffee und Croissant kann ich neu kaufen, aber mein Laptop ist meine Existenz!“

Er zog eine Augenbraue hoch, als ob er damit sagen wollte, dass ich nicht so maßlos übertreiben sollte.

„Ich bin Schriftstellerin und arbeite nebenbei als freie Mitarbeiterin bei einer Zeitung“, schob ich nach und ärgerte mich über meinen Versuch mich zu rechtfertigen. Immerhin hatte er mich überrannt.

„Tut mir leid“, endlich nahm er das Handy herunter und steckte es in die Jackentasche. Ich glaubte ihm nicht.

Dann bückte er sich, hob meine Tasche auf und reichte sie mir. Ich öffnete den Reißverschluss und sah hinein. Natürlich gab es nichts zu sehen. Wenn mein Laptop etwas abbekommen hatte, dann würde sich das erst zeigen, wenn ich es in Betrieb nahm.

„Alles OK?“, fragte er.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Woher soll ich das wissen? Ich habe noch keinen Röntgenblick.“

Es sollte witzig klingen, hörte sich aber nicht so an.

„Dann sollten sie meinen Techniker mal einen Blick darauf werfen lassen.“

Ich sah mich suchend um.

„Und wo haben sie den versteckt? In ihrem Handy vielleicht?“

Unsere Blicke trafen sich und die Kälte, die ich auffing, ließ mich in der Sonne frösteln.

„Wenn sie meine Hilfe nicht wollen – noch einen schönen Tag.“

Er drehte sich um und ging. Völlig perplex sah ich ihm nach. War das wirklich passiert oder gehörte das zu dem Film von vorhin? Ohne sich umzudrehen, ging er über die Straße. Ich eilte hinter ihm her. So leicht würde er nicht davon kommen. Er betrat das Foyer seines Wohnhauses. Kurz bevor die schwere Haustür zu schlug, schlüpfte ich durch den Spalt. Der Portier sah mich mit prüfendem Blick an. Bevor er Fragen stellen konnte, deutete ich auf die Aufzüge, zeigte ein entschuldigendes Lächeln und log, ohne rot zu werden:

„Ich bin seine neue Privatsekretärin. Er hat es mal wieder ganz besonders eilig. Aber sie kennen das ja bestimmt.“

Ein winziges Zögern, dann winkte er mich durch. Er schien großen Respekt vor Mister X zu haben. Bestimmt hatte er sich schon den ein oder anderen Tadel eingefahren.

Die Lifttüren schwebten geräuschlos auf und ich trat ein. Mein Bild wurde von der Rundumverspiegelung mehrfach wiedergegeben und ich beschloss auf dem Rückweg die Treppe zu nehmen. Mich so deutlich ausgeleuchtet von allen Seiten zu sehen, war nicht gut für mein Selbstwertgefühl. Daran änderte das sanfte Gedudel der Fahrstuhlmusik auch nichts.

 

Dieser Text entstand aus den Anfangsworten, die dick gedruckt sind 🙂 . Da mich zur Zeit ein eingeklemmter Nerv ärgert, ist die Geschichte leider noch nicht fertig geworden, aber wer Lust hat, darf nach den Anfangsworten gerne seine eigene Story schreiben.

 

 

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