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Posts Tagged ‘Happy End’

Ein Zitat zur rechten Zeit:

„Wenn du aufgeben willst, denk daran, warum du angefangen hast.“

In den letzten zwei Wochen hatte ich so etwas wie eine Blockade. Keine Schreibblockade im eigentlichen Sinn – immerhin habe ich ein Buch zu Ende geschrieben und den ganzen „Kleinkram“ drumherum erledigt. Das es läuft – was das Schreiben betrifft – ist also nicht der wunde Punkt.

Der Punkt war, wieder einmal, die Frage nach dem Sinn. Warum? Was tust du da? Wer wird das lesen und wenn interessiert das überhaupt? Fragen, die ein Schriftsteller meiden sollte wie die Pest – übrigens auch alle anderen Kreativen – aber sie schleichen sich halt manchmal an und zack, hängt man im Gedankenkarussell.

Durch die Fertigstellung des Buches und den intensiven Kontakt mit dem Verlag,  lernte ich einige sehr fleißige Autoren kennen. Der eine stellt ein Buch in einem Monat fertig. Also mit allem drum und dran ca 10 bis 12 Bücher im Jahr. Dazu Messen, Lesungen und so weiter. Und er ist kein Single – war meine erste Frage, nachdem er mir seinen Zeitplan beschrieb.*ggg*

Auch wenn er mir sagte, ich solle mir an ihm kein Beispiel nehmen, hat mir mein innerer Kritiker sofort ins Ohr geflüstert: Schau dir das mal an! Und was machst du? Du kannst ja froh sein, wenn du ein Buch im Jahr fertig bekommst!

Wenn es erst soweit ist, wird es schwierig, der Stimme zu entkommen. Natürlich denke ich nicht daran aufzugeben! Das habe ich nie getan, egal wie oft meine Romane abgelehnt wurden. Schreiben ist meine Leidenschaft, die gibt man nicht auf, ohne sich selbst aufzugeben. Dennoch wurden die Zweifel lauter.

Aber ein blindes Huhn finde bekanntlich auch mal ein Korn und so stieß ich gestern auf das obige Zitat.

Warum habe ich angefangen zu schreiben?

Ich erinnere mich an meine erste bewusst geschriebene Geschichte (ich schrieb vorher auch, aber das waren eher Zufallstexte.) Eine Liebesgeschichte. Sie war meiner desolaten Beziehungssituation geschuldet – ich brauchte schöne Gedanken und hab sie mir geschrieben, weil ich sie in der Realität nicht haben konnte.

Im Grunde tat ich, was ich schon als Kind getan hatte, als unsere Familie auseinanderbrach: Ich erzählte mir Geschichten (später meinem Bruder, meinen Freundinnen). Mit Happy End. Ich brauchte das glückliche Ende, zur Beruhigung, meine Ängste zu bewältigen, Mut zu fassen. (Inzwischen schaffe ich es auch, ein alternatives Ende zu schreiben – auch wenn es schwer fällt 😉 )

Im Grunde hat sich in den Jahren kaum etwas daran geändert. Ich bewege mich in vielen Welten – auf fremden Planeten, in der Geschichte, in der Zukunft, auf verschiedenen Kontinenten, in verschiedenen Gesellschaftsschichten, an dunklen und hellen Orten – und ich erzähle Geschichten.

Mein Motto: Ich schreibe mir das Leben schön (da wo es eigentlich nicht schön ist).

Ich schreibe, weil es meine Leidenschaft ist.

Ich schreibe, weil es mich glücklich macht.

Ich schreibe, weil es mich freut andere zu unterhalten (egal, ob eine Person oder Tausend.)

Ich schreibe, weil ich mir gerne Geschichten erzähle (und sie nicht vergessen will).

Ich schreibe, weil ich in Welten spazierengehe, die ich sonst nicht betreten könnte.

Ich schreibe, weil ich Dinge ausprobieren kann, die die Realität nicht hergibt.

Es ist okay, dass ich langsamer schreibe als andere. Ich darf mein eigenes Tempo haben! Es geht nicht darum, wie viele Bücher ich auf „meiner Liste“ habe. Es geht darum Spaß zu haben, Ideen zu erforschen und vor allem zu Leben! Denn trotz meiner Leidenschaft für das Schreiben ist da noch ein Leben zu leben und da ich Kunst liebe und mache, auch in dieser Hinsicht zu arbeiten und zu experimentieren.

Und ab und zu das Meer zu sehen 😉 .

Ein paar Sachen habe ich allerdings während der intensiven Arbeit an meinem letzten Roman gelernt und will versuchen sie in die Tat umzusetzen.

  1. So wenig digitale Medien, wie möglich! Während der Schreibzeit Smartphone aus meinem Bereich entfernen oder ausschalten.
  2. So wenig Fernsehen wie möglich! Ich belohne mich mit einer Folge meiner Lieblingsserie, wenn ich mein Pensum geschafft habe. (Miss Fishers mysteriöse Mordfälle)
  3. Wenn am Ende des Tages immer noch so viele Gedanken im Kopf sind: Notizen machen! Vertrau drauf, dass du morgen weiterschreiben kannst!
  4. Immer wichtig: kenne deine Personen … lebe mit ihnen.
  5. Nicht jammern! Hinsetzen und schreiben!
  6. Tür zu! Don`t disturb!
  7. „Sorry, ihr Lieben, ich muss schreiben“ – Treffen mit Freunden gehen meist nur nach meinen Konditionen – außer natürlich in Notfällen – dafür ist immer Zeit. (Das ist schwierig, weil nicht jeder meiner Freunde schreibt und die Dynamik versteht.)
  8. Termine sinnvoll planen. Sonst geht zu viel Zeit verloren.
  9. Kochen macht Spaß, aber ein Butterbrot mit Käse tut es auch.
  10. Immer genug Kaffee im Haus (!), Tee … und eine Tafel dunkle Pfefferminzschokolade oder Gummibärchen.
  11. Alltagskram nicht aufschieben! So schnell wie möglich erledigen, damit die Schreibzeit nicht beeinträchtigt wird.
  12. Frage: Hat das jetzt Vorrang?
  13. Pausen einschieben!!! Sonst erschöpft man sich und das blockiert erst recht.
  14. Frische Luft schnappen und die Gedanken spazierengehen lassen.
  15. Belohne dich. Kaffeetrinken mit Freunden/Mann/Frau … anderen Schreiberlingen zwecks Austausch, Inspiration usw.
  16. Feiere deine Erfolge!

Ich wünsche euch und euren kreativen Projekten viel Erfolg, Spaß und Inspirationen!

Eure Caro

PS.: Allem Anfang wohn ein Zauber inne – ich wünsche euch, dass ihr den göttlichen Funken des Anfangs immer von Neuem in euch spürt!

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Das Jahr 1965

Die folgenden Informationen stammen von der interessanten Seite http://www.was-war-wann.de/. Dort kann jeder sein Geburtsjahr oder Jahrzehnt wählen und verschiedenste Infos abrufen. Meistens erinnert man sich wohl ehr nicht an sein Geburtsjahr, sondern die Jahre in denen wir bewusst wurden – Weltgeschehnisse sind da meistens eher zweitrangig, es sei denn sie sind von erschreckenden Ausmaßen. Das Interesse bezieht sich meistens auf das nähere Umfeld. Familie, Schule, Freunde, Hobbys.

In dem Artikel über Astrid Lindgren wird hervorgehoben, dass Wärme, Menschlichkeit und Toleranz im Mittelpunkt ihrer Geschichten stand, sie ihr Anliegen: das Erzählen von Geschichten, aber nicht aus den Augen verlor. Das gefällt mir sehr.

Geschichten erzählen finde ich sehr spannend. In meinen Geschichten geht es sehr oft um Freundschaft, die alles durchsteht, dass das Innere zählt und nicht das Äußere, und ein Happy End in der Liebe.

 Als ich die Liste der beliebtesten Vornamen las, war ich ganz froh, dass meine Eltern sich nicht daran gehalten haben, auch wenn ich als Kind gerne einen anderen Namen gehabt hätte. Mit Caroline bin ich sehr zufrieden.

Gilbert Bècauds Song Nathalie mag ich übrigens auch sehr – er hat was Melancholisches. Außerdem ist er eine Liebesgeschichte, wenn ich das Lied höre, habe ich viele Bilder im Kopf.

Schlagzeilen

Artur Fischer erfindet Fischertechnik.
Der Wiederaufbau des Bergdorfes Bardou wird begonnen.
Die deutsche Hard-Rock-Band Scorpions wird gegründet. Ebenso wie Pink Floyd.
Erstmals wird der Krawattenmann des Jahres gewählt
Wolf Biermann wird in der DDR erstmals mit Auftrittsverbot bestraft.
Arno Penzias und Robert Woodrow Wilson entdecken die kosmische Hintergrundstrahlung
Die Antibabypille kommt in der DDR auf den Markt
Entwicklung des Sailwing, des ersten Gleitschirms.

Benzinpreise

Der Spritpreis 1965 lag im Durchschnitt bei 0,58 DM pro Liter. Der Liter Diesel kostete im Schnitt 0.52 DM pro Liter.

Auto des Jahres: Der Austin 1800

Nobelpreisträger 1965

Nobelpreis Physik: Richard Feynman, Julian Schwinger und Shinichirō Tomonaga
Nobelpreis Chemie: Robert B. Woodward
Nobelpreis Medizin: François Jacob, André Lwoff und Jacques Monod
Nobelpreis Literatur: Michail Scholochow
Friedensnobelpreis: UNICEF – Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen

Dies und Das

Der Besuch, den die britische Königin Elizabeth II. der Bundesrepublik Deutschland im Frühjahr 1965 abstattete, war nicht nur ein Medienereignis ersten Ranges, sondern auch eine versöhnliche Geste von britischer Seite. Zwischen diesem und dem letzten Besuch eines Monarchen Großbritanniens in Deutschland lagen zwei Weltkriege. Die BRD bestand erst 16 Jahre und verkraftete diesen Staatsbesuch souverän, auch wenn er an Pracht kaum zu übertreffen war und somit auch enorme Kosten verursacht hatte. Im selben Jahr starb Winston Churchill, der heute als der bedeutendste, britische Politiker des 20. Jahrhunderts gilt.

Er war eine internationale Berühmtheit und war ein Leben lang sehr viel Anerkennung zuteil geworden: der Friedensnobelpreisträger, der Arzt, Philosoph und Organist Albert Schweitzer. In diesem Jahr starb er 90-jährig in Lambaréné im afrikanischen Gabun.

Erstmalig sprach ein Papst vor der Generalversammlung der UNO. Die Rede von Papst Paul VI. war ein Friedensappell an die Welt und so Aufsehen erregend, dass sie als eine der bemerkenswerten Reden der 20. Jahrhunderts in die Geschichte einging.

Während in der DDR der Regimekritiker Wolf Biermann mit der Tragik eines Auftrittsverbotes zu kämpfen hatte, hatten die Menschen in Pakistan ihren Kampf gegen einen Wirbelsturm bereits im Ansatz verloren. Es starben etwa 30.000 Menschen.

Beliebteste Vornamen

Mädchennamen:
Claudia, Susanne, Petra, Andrea, Martina, Silke, Kerstin, Bettina, Birgit, Heike, Kathrin, Barbara
Jungennamen:
Thomas, Andreas, Michael, Torsten, Frank, Stefan, Matthias, Ralf, Jens, Christian, Martin, Peter

Rock Hits 1965 Musikcharts

Rolling Stones – Satisfaction
Petula Clark – Downtown
Sam The Sham & The Pharaos – Wooly Bully
The Byrds – Mr. Tambourine Man
The Beatles – Help
Casey Jones & The Governors – Don´t Ha Ha
Five Tops – Rag Doll
Nini Rosso – Il Silenzio
Sonny & Cher – I Got You Babe
The Rolling Stones – The Last Time
The Beatles – I Feel Fine
Wanda Jackson – Santo Domingo
Shirley Bassey – Goldfinger
France Gall – Poupée De Cire Poupée De Son
The Beatles – Rock & Roll Music
The Renegades – Cadillac
Casey Jones & The Governors – Jack The Ripper
The Supremes – Stop In The Name Of Love
The Rainbows – My Baby Balla Balla
Beatles – Yesterday
Barry McGuire – Eve Of Destruction
Beatles – Ticket To Ride
Rolling Stones – Get Off Of My Cloud
Mikis Theodorakis – Zorba le Grec
The Animals – House Of The Rising Sun

Manfred Mann – Do Wah Diddy Diddy
Chris Andrews – Yesterday Man
Beatles – Eight Days A Week
Beach Boys – Help Me Rhonda
Gilbert Bècaud – Nathalie
Renegades – Cadillac
Lords – Shakin‘ All Over
Bob Dylan – Like A Rolling Stone
The McCoys – Hang On Sloopy
Searchers – Goodbye My Love
Supremes – Baby Love
Tony Sheridan – Skinny Minnie
Rolling Stones – Little Red Rooster
Lords – Poor Boy
Herman’s Hermits – Mrs. Brown You’ve Got A Lovely Daughter
Sam The Sham & The Pharaohs – Ju Ju Hand

Erfolgreichste Filme 1965

Doktor Schiwago
James Bond – Feuerball
Die phantastische Reise
Wer hat Angst vor Virginia Woolf ?
Cincinnati Kid

Literatur 1965

Im Jahr 1965 erhielt die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren den Schwedischen Staatspreis für Literatur für ihr literarisches Werk, das mittlerweile eine Gesamtauflage von über 450 Millionen Büchern umfasst, wodurch sie eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen weltweit ist.

Die Schriftstellerin, die im Jahr 1994 auch den Alternativen Nobelpreis erhielt, schuf unsterbliche Figuren der Kinderliteratur wie den frechen Michel von Lönneberga, die ebenso starke wie mutige und selbstbestimmte Pippi Langstrumpf oder den jugendlichen Meisterdetektiv Kalle Blomquist.

Die bei Vimmerby in Schweden geborene Astrid Lindgren verlebte eine überaus glückliche und idyllische Kindheit auf dem Land, die sie im Nachhinein immer wieder als prägend für den Grundtenor ihrer Bücher angab.

Die Werke der schwedischen Kinderbuchautorin sind geprägt von Menschlichkeit und Toleranz, die Figuren sind trotz aller menschlichen Schwächen und Konflikte durchweg ausgezeichnet durch ihre Güte, ihre Hilfsbereitschaft und Lebensfreude.

Dennoch steht in ihren Büchern stets die Lust am Erzählen, die Freude am Berichten der kleinen Ereignisse im Leben ihrer Figuren am Vordergrund, pädagogische und didaktische Absichten treten zurück hinter der Stimmigkeit der Geschehnisse. Auch sind es in Lindgrens Werken weniger die großen Entwürfe, die welthaltigen Geschichten, die Millionen von Kindern entzückten und noch heute entzücken; es ist die Welt im Kleinen, die Idylle des Alltags, welche die Lektüre der Bücher zu prägenden Kindheitserlebnissen macht. Die Freuden eines Sommertags, das Spiel in Wald und Wiesen, die Ereignisse in den Ferien oder der lang ersehnte Geburtstag finden Eingang in die erzählerische Welt und sorgen für hohes Identifikationspotential bei den Kindern, an die sich die Werke der schwedischen Autorin ausdrücklich richten.

Dennoch wagte sich Astrid Lindgren auch an tiefgründige und nachdenklich stimmende Themen heran wie den Tod, den sie in ihrem Roman „Die Brüder Löwenherz“ als Reise in ein fernes, fremdes Land beschreibt, in dem es zahlreiche Abenteuer wider das Diktat der Gewalt und Unmenschlichkeit zu bestehen gilt.

Astrid Lindgrens Bücher zählen zu Recht zu den meistgelesenen Kinderbüchern der Welt, sie vermitteln Wärme, Menschlichkeit und Toleranz und vergessen dabei nie ihr eigentliches Anliegen: das Erzählen von Geschichten.

 

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„Ich habe Angst!“

Ich ziehe meinen Mantel an, wickele mir den Schal um den Hals und streife meine Handschuhe über. Richard legt mir die Hand auf die Schulter.

„Das müssen sie nicht. Ich bin ganz in ihrer Nähe.“

„Ich weiß. Aber für Leute, wie mich gibt es kein Happy End.“

Er dreht mich zu sich herum.

„Wie kommen sie darauf?“

„Es gibt vieles, das sie nicht wissen“, antworte ich resigniert.

„Vielleicht sollten sie es mir erzählen?!“ Richard hält mir die Tür auf. „Nach ihnen?“

Er lässt mir den Vortritt. Am Auto öffnet er mir die Tür. Ein Mann mit Manieren. Ich hätte ihn gerne kennengelernt, bevor dies alles passierte. Richard startet den Motor und fährt los.

„Also, was meinen sie?“, hakt er nach.

„Sicher. Reden erleichtert. Aber ich kann mir nicht denken, dass sie noch gut von mir denken, wenn sie die Wahrheit kennen.“

„Wer weiß, sie haben es noch nicht versucht.“

„Stimmt. Aber ich weiß, wie ein Mensch mich anschaute, dem ich die Wahrheit gesagt habe.“ Ich halte kurz inne. „Und ich muss zugeben, ich möchte nicht, dass sie mich so ansehen.“

„Davon abgesehen, dass ich mir das nicht vorstellen kann, warum möchten sie diesen Blick nicht von mir sehen?“

„Weil sie mir sehr sympathisch sind.“

„Nur sympathisch?“, fragt er und lächelt.

„Nicht nur“, erwidere ich.

Richard wirft mir einen kurzen Blick zu.

„So so“, sagt er zweideutig, „nicht nur.“

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Ich hasse diese Tage an denen ich das Gefühl hat, es wäre besser ich hätte mir die Decke über den Kopf gezogen und wäre liegen geblieben, weil das was kommt auf keinen Fall gut werden kann. Warum passieren „solche“ Dinge? Ich weiß es nicht. Ich bin ratlos und hilflos. Auch wenn es mich nicht direkt betrifft, so kann ich mich doch nicht völlig davon frei machen. Familie ist Familie. Und ich frage mich, welchen Teil „Schuld“ ich trage? Gibt es ungute Geschichten, die sich über Generationen fortsetzen, wie ein Abdruck auf einem Stempel … ich hatte gehofft die Tinte würde langsam verblassen – aber scheinbar gibt es das nicht im echten Leben. Erlösung von dem „Fluch“. Als Schriftsteller wäre das die Basis für eine Geschichte. Aufhebung des Fluchs. Aber wenn ich es in der Realität betrachte, fürchte ich, dass es kein Happy End gibt und das macht mich so wütend, dass ich am liebsten etwas kaputt schlagen würde. Verdammt noch mal!

Stöcke und Steine

Stöcke und Steine
Brechen Knochen
Deine Worte
Meine Seele

Warum
Immer wiederholt
Sich die Katastrophe
Deja vu

Wann
Endet es
Am Ende
Aller Tage

Wie viele
Tränen
Müssen fließen
Herzen zerbrechen

Wut
Rotes Knäul
Brennt
In meinem Bauch

Halt an
Jetzt
Hör auf
Sofort

Stöcke und Steine
Brechen Knochen
Nie wieder!

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Ich bin wütend. Auf die Schriftstellerin, die mich an der Nase herumgeführt hat. Davon abgesehen, dass ich auf die Verbindung zu Proust bis Seite 273 (die vorletzte Seite des Romans) warten musste, bin ich total enttäuscht über das Ende. Es mag ja ganz toll sein, dem Leser am Ende den letzten Kniff zu präsentieren. Aber so? Ich könnte platzen!

Kurz der Inhalt:

Eine alte Dame soll ins Seniorenheim und wird von ihrer Enkelin gerettet. Sie leben zusammen in der Pariser Wohnung der Enkelin und beide profitieren davon. Die alte Dame blüht auf und verliebt sich noch einmal, während die Enkelin von der Lebenserfahrung ihrer Großmutter schöpft und erkennt, was wirklich wichtig ist. Die Großmutter, eine einfache Frau, hat ihr Leben lang heimlich die alten Meister gelesen und hilft ihrer Enkelin, ihren Roman zu überarbeiten.

Soweit so gut. Es dauerte eine Weile, bevor ich mit dem Lesen in Schwung kam. Es ist ein ruhiges Buch. Mit schönen Worten geschrieben, mit Weisheiten, in denen ich mich als Schriftstellerin und Frau wiedererkannte. Darum las ich weiter. Der Gedanke gefiel mir, dass es tatsächlich diese Gemeinschaft zwischen den beiden Frauen geben könnte. Dazu die romantischen Liebesgeschichten, die trotzdem nicht kitschig waren.

Bis zum Epilog! Da erzählte mir die Autorin dann allen Ernstes, dass die Enkelin vor Schuldgefühlen zerfließt, weil die Großmutter innerhalb von vier Monaten in diesem verfluchten Heim gestorben ist, denn die Enkelin hatte nicht den Mut die Großmutter mitzunehmen. Sie hat sich im Grunde die „gute“ Geschichte nur geschrieben, weil sie zu feige für das echte Leben war.

Alles war nur Fake! Bis auf die Tatsache, dass die Großmutter heimlich gelesen hat. Warum? Verdammt und zugenäht! Darf es denn noch nicht einmal mehr in „Wohlfühl“-Büchern ein Happy End geben? Hat sich die Autorin gedacht: „Hey, ich hatte nicht genug Drama in der Geschichte – ich muss schnell noch ein schlimmes Ende erfinden.“

Ich habe schon viele Bücher gelesen. Nicht immer ging alles gut aus und jemand starb. Kein Problem. Am Ende sterben wir alle und wo es hinpasst – Super! Ich bin die Letzte, die sich deswegen beschwert (Anna Karenina, Madame Bovary …), selbst ich lasse am Ende meiner Bücher/Geschichten wichtige Personen sterben. Aber ich lese doch nicht 274 Seiten, um am Ende zu hören: „Ätsch, ich hab dich reingelegt“. Ich neige langsam zu der Ansicht, dass ich das Ende eines Buches im Voraus lesen sollte, um dann zu entscheiden, ob ich wissen will, wie es dazu kam.

             Es dauert immer eine Weile, bis ich mich beruhigt habe. Diesmal wird es nicht so lange dauern. Als Nächstes werde ich die „Grasharfe“ von Truman Capote lesen. Ich habe es in der Stadtbücherei angefangen. Es hat mich von der ersten Seite an gefesselt. So ein Buch muss ich besitzen, das leihe ich mir nicht nur aus. Es wird mir über meine Enttäuschung hinweg helfen, da bin ich ganz sicher. Bücher sind Seelentröster, und wenn uns die guten Bücher nur über die schlechten hinweg trösten – Auftrag erfüllt.

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„Das war wirklich eine aufregende Geschichte“, die Bäckereiverkäuferin strahlt über das ganze Gesicht, „sie machen das gut. Ich mag romantische Geschichten mit Happy End.“

„Danke!“, freue ich mich, „ich auch.“

Ich gebe zu, es hat mir großen Spaß gemacht, und wie ich sehe, haben auch andere Spaß daran. Vielleicht eher Frauen als Männer, aber andererseits haben meine Begleiter im Zug auch gerne zugehört. Männer mögen Geschichten mit anderen Elementen, aber Liebe und ein kleines Happy End wird nicht schaden.

„Darf ich ihnen meine Gesichte erzählen?“, fragt sie.

„Gerne“, antworte ich, „ich bin gespannt.“

„Es ist aber eine traurige Geschichte“, warnt sie mich.

„Jede Geschichte hat ihre Berechtigung und nach dieser Romanze holt uns eine reale Geschichte wieder in die „normale“ Welt zurück.“

„Das ist wohl wahr, allerdings stellt sich die Frage, ob wir das wirklich wollen?“, sie lächelt melancholisch.

„Jede Geschichte, ob real oder ausgedacht, hat wahre und unwahre Elemente. In der Erinnerung verschwimmen auch die wirklichen Ereignisse und werden zu Fiktion oder Mythos“, erkläre ich.

Ich muss an meine eigene Geschichte denken. Auch meine Vergangenheit verwandelt sich in einen Mythos, je mehr ich mich von ihr entferne, nähere ich mich ihr und auch wieder nicht. Ich weiß, dass ich nichts mehr weiß. Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage, oder sollte ich sagen: verloren sein, oder nicht.

Nachdenklich sieht mich die Dame an. Dann fasst sie sich ein Herz und erzählt mir ihre Geschichte:

„Ich liege auf dem Sofa. Die Decke fest um meine Schultern geschlungen. Draußen heult der Wind um das kleine Holzhaus. Er zerrt an den Balken, fährt zwischen die Dachschindeln und wühlt das Meer auf, das in hohen Wellen auf den Strand klatscht und bis an die Veranda heranreicht. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so einsam gefühlt, obwohl ich freiwillig hierher gekommen bin, wünsche ich mir, es wäre nicht so. In meinem Kopf rasen die Gedanken Achterbahn.

Mich verlieben in einen verheirateten Mann. Wie blöd! Niemals wollte ich das. Ein Tabu! Und dann kam er. Ein Blick in seine Augen reichte und ich konnte nicht mehr zurück. Jeden Tag wartete ich auf ein Lächeln, einen Blick und nachts träumte ich davon, wie es wäre mit ihm zusammen zu sein. Ich war besessen. Besessen von einem Mann, den ich nicht haben konnte und der nicht einmal von mir wusste, auch wenn ich ihn jeden Tag auf der Arbeit sah. Ich litt still vor mich hin unter Menschen und manchmal laut, wenn ich alleine war. Ich weinte soviel, dass ich dachte, der Tag würde kommen, an dem die Tränen versiegen würden, aber er kam nicht, so sehr ich mich danach sehnte.

Dafür kam ein anderer Tag. Der Tag, an dem ich fortgehen musste. Ich schrieb einen Brief an ihn, packte meine Sachen und stieg in den Zug ans Meer. Es war ein großes Meer. Tief und weit. Jeden Tag wanderte ich am Strand entlang und sah zum Horizont. Dann kam der Sturm und ich hatte Angst, er würde das Haus fortreißen.

Als ich am nächsten Tag erwachte, herrschte um mich herum eine Totenstille. Ich zog meine dicke Jacke an, band mir den Schal um, setzte meine Mütze auf und trat hinaus. Der Himmel war stahlgrau und das Meer lag still und glatt wie ein Spiegel. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Schnell schlüpfte ich in meine Gummistiefel und ging zur Wasserkante. Der Sturm hatte eine Menge Strandgut angespült und es schien mir, als würde das Meer vor Erleichterung aufatmen. Ich wünschte mir, auch alles ausspeien zu können, aber die Gefühle hatten mich so fest im Griff, dass sie meinen ganzen Körper und meine Gedanken durchdrungen haben. Vielleicht tobte deswegen dauernd ein Sturm in mir, weil das Treibgut meiner Liebe einfach nicht aus mir heraus geschwemmt werden konnte.

Ich trat einen Schritt vor, dann noch einen. Immer weiter ging ich ins Wasser. Das Wasser lief in meine Stiefel, stieg mir bis zu den Knien, reichte bis zu den Hüften, zur Taille und dann stand ich bis zum Hals im Meer. Die Kälte durchdrang jede Pore meines Körpers, so wie die Gedanken an ihn. Das Meer um mich herum stand still. Hielt mich aus, so wie ich die eisige Kälte aushielt. Meine Zähne schlugen aufeinander, meine Knie schlotterten. Ich überlegte weiter zugehen, aber das hätte keinen Sinn gehabt, denn ich kann schwimmen. Jemand der schwimmen kann, ertrinkt nicht einfach, der kämpft bis zum Schluss und das erschien mir dann doch zu anstrengend. Wenn sterben, dann sollte es wenigsten schnell gehen. Ich beschloss zurück ins Haus zu gehen. Was ich auch tat.

„Und was passierte dann?“, frage ich bedrückt.

Ich habe genau dasselbe Gefühl. Diese alles überschattende Einsamkeit, das Gefühl nie wieder glücklich sein zu können. Mein Herz ist taub vor Schmerz und Sehnsucht und ich weiß kein Mittel diese Gefühle aus meinem Inneren heraus zubringen.

Die Verkäuferin lächelt, aber es reicht nicht bis zu ihren Augen. In ihnen erkenne ich die Melancholie, die sie noch mit der damaligen Zeit verbindet. Ich fürchte, dass man solche Dinge nie ganz überwindet, auch wenn sie mit der Zeit nicht mehr so intensiv sind und der Schmerz sich in Wehmut verwandelt, kann man so eine Liebe doch niemals völlig vergessen.

„Ich habe überlebt. Ich habe noch nicht einmal eine Erkältung bekommen. Vielleicht lag es daran, dass ich mir einen starken Grog einverleibt habe. Aber vielleicht sollte es einfach nicht sein. Der Tod wollte mich nicht, aber vom Leben fühlte ich mich ausgeschlossen.“

„Wie kam es, dass sie hier angekommen sind? Sie machen einen glücklichen Eindruck auf mich.“

Sie schaut mich aufmerksam an, legt ihre warme Hand auf meine und sagt:

„Ich habe gelernt glücklich zu sein.“

„Wie? Ich dachte immer Glück ist eine flüchtige Sache, die fortfliegt sobald man versucht sie zu halten.“

„Das ist auch so, Kindchen. Aber wer lernt, dass er selbst für seinen Zustand Verantwortung trägt, wird viel seltener unglücklich sein.“

Ich lasse mir die Worte durch den Kopf gehen. Die Dame hat nicht unrecht. Niemand ist für mein Glück und mein Leben verantwortlich, nur ich allein. Sobald ich anfange mein Glück auf andere zu projizieren geht das Chaos los. Im Grunde fing es damit an, dass ich mein Glück bei Raoul suche und nicht in dem, was ich tat.

„Zufrieden kann man nur sein, wenn man aus seinem Leben, mit dem was man kann und hat, das Beste macht“, sagt die Verkäuferin, „alles andere ist Selbstbetrug.“

Ich nicke und komme nicht umhin ihr Recht zugeben.

„Darf ich sie etwas fragen?“

„Nur zu, Herzchen.“

„Haben sie die Liebe gefunden?“

Die Dame lacht ein warmes herzliches Lachen.

„Wenn man zu sich selber findet, dann wird einen auch die Liebe finden.“

Eine prosaische Antwort denke ich. Wie kann mich die Liebe finden, wenn ich eine Verlorene bin?

Mir fällt da eine junge Frau ein, die alle paar Wochen ihre große Liebe fand, sich die Zukunft mit ihm ausmalte und dann plötzlich feststellte, dass der Mann ihrer Träume seine ganz eigenen Vorstellungen von Liebe und Leben hatte. Wen wundert`s? Aber sie konnte diese kleinen Differenzen nicht akzeptieren. Statt dem Mann eine Chance zu geben, tolerant zu sein, ihn so zu lieben, wie er war, dasselbe was sie im Gegenzug voraussetzte, wurde er aus ihrem Leben entfernt und sie wandte sich einem neuen Mann zu. Der Kreislauf begann von vorn. Sie sucht wahrscheinlich heute noch. Was ist mit mir und Raoul? Liebte ich ihn oder ist es nur der Gedanke, den ich liebte, ihn zu lieben? In mir ist ein totales Chaos und so gerne ich der netten Backdame etwas erzählt habe, so froh bin, dass ich gleich weiter fahren kann. Ich höre das Rattern des Zuges schon von Weitem.

„So“, sage ich und erhebe mich, „ich habe mich sehr gefreut, dass wir uns unterhalten konnten. Ich hoffe, sie werden sich noch lange an mich erinnern.“

„Aber natürlich, wie könnte sie vergessen?!“

Die Dame füllt mir nochmals meinen Kaffeebecher voll.

„Und wer weiß“, sagt sie und zwinkert mir zu, „vielleicht sehen wir uns ja eines fernen Tages wieder?“

Ich wiege den Kopf leicht hin und her.

„Nun ja, wer weiß. Mal sehen, ob ich meinem Verlorenendasein bald ein Ende setzen kann.“

Die Dame nimmt meine Hand und dreht sie mit der Handfläche nach oben. Mit ernstem Gesicht blickt sie auf die Linien, die sich über meine Hand ziehen. Dann lächelt sie plötzlich.

„Ja, sie werden ES finden, da bin ich sicher.“

Ich muss lachen.

„Ja, irgendwann findet jeder etwas.“

Die Dame lacht ebenfalls.

„Genau mein Kind, alles wird gut.“

Ich umarme sie spontan und drücke ihr einen dicken Kuss auf die rosa Wange.

„Ich wünsche ihnen alles Gut, bleiben sie so, wie sind und ich hoffe, wir werden uns wieder sehen.“

„Ja, dass wünsche ich mir auch.“

Ich winke ihr zum Abschied zu und trete auf den Bahnsteig. Der Zug fährt gerade in den Bahnhof ein und hält mit quietschenden Rädern. Ich hieve meinen Trolley in den Wagen, trete ins Abteil und setzte mich an den ersten Fensterplatz, der frei ist. Ich sehe mich um. Eigentlich sind alle Fensterplätze frei, denn ich scheine die einzige Passagierin zu sein. Jedenfalls in diesem Wagon. Ist auch nicht schlimm, dann kann ich in Ruhe nachdenken. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich lehne mich in den Sitz, hole meinen MP3 Player aus dem Rucksack, stecke mir einen Stecker des Kopfhörers in mein Ohr und wähle meine liebsten Jazzsongs aus.

Die Landschaft draußen ist wirklich als lieblich zu bezeichnen. Saftiges Gras, alte Bäume, die auf Weiden stehen, auf denen sich Kühe und Schafherden tummeln. Lichte Birkenhaine trennen die Weideflächen, die hier und da von schmalen Bachläufen durchzogen werden. Dazwischen liegen kleine Dörfer und einzelne Güter, die wie aus dem Bilderbuch wirken. Über allem scheint eine laue Frühlingssonne, die in einem strahlenden Himmel steht. Ich versuche mich auf die Musik zu konzentrieren.

Es kommt mir vor als sei ich schon eine Ewigkeit unterwegs. Vielleicht bin ich das auch? Ich habe keine Zeit, kein Gefühl mehr dafür, wie lange es her ist, dass ich in meinen ersten Zug gestiegen bin. Ich erinnere mich nicht mehr, wo es war, wann und wohin ich als Nächstes fuhr. Am Anfang merkte ich mir noch die verschiedenen Stationen, aber mit der Zeit ließ ich sie nur noch an mir vorüberziehen.

Ich stöbere in meinem Rucksack und entdecke das antike Tarotkartenspiel. Ich erhielt es von einer alten Dame, die es von ihrer Großmutter erbte. Ich reiste eine Weile mit ihr und kümmerte mich um sie, weil sie krank war und Hilfe brauchte. Zum Dank gab sie es mir. Sie hatte selbst keine Kinder. Sie meinte, dass ich es sicher gut gebrauchen könnte und es bei mir in guten Händen sei. Lange habe ich es nicht mehr in den Händen gehabt. Ich wickele es aus dem roten Seidentuch. Die Karten sind abgegriffen und man sieht, dass es viel und oft benutzt wurde. Komischerweise haben die Bilder auf den Karten trotzdem kaum an Farbkraft und Ausdruck verloren.

Ich mische die Karten, schließe die Augen und versuche an nichts Besonderes zu denken. Dann ziehe ich eine Karte. Der Narr. Exemplarisch für mein Leben. Der ewige Optimist, der sich spontan und unbekümmert ins Abenteuer stürzt, und versucht das Beste daraus zu machen. Der Narr auf der suche nach sich selbst? Oder auf der Suche nach was? Der Narr, der sich ohne nachzudenken verliebt, sich blind ins Unbekannte stürzt. Der Narr, dessen Leben ständig in Bewegung ist und für den das Leben aus Überraschungen und unvorhersehbaren Situationen besteht. Der gerne Neues beginnt und der versucht die Zweifel und Sorgen zu verdrängen und sich dem Leben hinzugeben. Der Narr, der aufpassen muss, dass er sich nicht in Liebschaften stürzt und dabei seinen Kopf verliert. Die Karte warnt vor übereiltem Handeln.

Ist es wahr? Zurückhaltung ist verrückter, als das Risiko? Durchdenke ich die Dinge nicht alle hundert Mal? Ja, das tue ich und was habe ich davon? Raoul ist weg. Liam ist gegangen und auch John ist so fern von mir. Ich weiß, dass der Narr mir einen Neubeginn andeutet. Ist nicht jeder Bahnhof, jeder neue Zug, ja jeder, der sich neben mich setzt und ein Gespräch mit mir beginnt, ein Neuanfang oder der Anfang eines Richtungswechsels? Vielleicht wird ein wilder hemmungsloser Liebhaber in mein Leben treten. Vielleicht? Wieso vielleicht? Ich will diesen erotisierenden aufregenden Liebhaber, und zwar so bald wie möglich. Meine Sehnsucht frisst mich auf. Der Gedanke seinen warmen Körper in einer innigen Umarmung mit mir zu fühlen löst ein Kribbeln in mir aus, das meinen ganzen Körper erfasst.

Ich habe es satt zu warten. Zu hoffen, ohne Erfüllung zu finden. Oft frage ich mich, worauf ich überhaupt hoffe und was passiert dann, wenn das was ich mir wünsche eingetreten ist? Werde ich wieder gehen, weil es möglicherweise zu langweilig wird, immer an einem Ort zu sein? Werde ich dort noch wachsen können oder auf der Stelle treten?

Ich will leben. Was ist leben? Ich kenne die Antwort nicht. Auf der Suche nach dem Gefühl, das Leben heißt. Wie prosaisch. Immer die Suchende und nie die Findende. Ich glaube, das war schon mein ganzes Leben so und möglicherweise auch in denen davor. Ich bin eine ewig Suchende. Durchstreife die Zeiten. Sehe, höre, rieche, taste, schmecke und doch kann ich nicht erkennen, was das wahre Leben ist.

Liebe nur ein Wort? Das Zusammenwirken von Hormonen, die uns in einem Bruchteil von Sekunden mitteilen: jetzt! Und dann nach ein paar Jahren: Jetzt nicht!

Ich nehme eins der Notizbücher „Ferne Jahre“ und schlage es an einer beliebigen Stelle auf:

„Ein leises Zischen war zu hören, und dort wo vorher nichts gewesen war, befand sich nun eine Person. Sie trug einen langen Wollmantel, einen dicken Schal, den sie mehrmals um ihren Hals geschlungen hatte und eine Wollmütze. Die Farbe ließ sich in dem diffusen Licht der Straßenlaterne nicht erkennen. Die Person war Janis, der Zeitenwandler.

Niemand hatte seine Ankunft bemerkt. Er kam still und unerkannt und so verschwand er auch wieder. Meistens. Janis musste sich erst orientieren. Er wusste nie, wo und in welchem Jahrhundert er auftauchen würde. Diesmal schien nicht soviel Zeit zwischen seinem Zeitsprung zu liegen. Denn eigentlich war er genau unter dieser Laterne auf die Reise gegangen und genau hier war er wieder aufgetaucht. Sogar die Jahreszeit schien dieselbe zu sein. Lautlos fielen Schneeflocken vom unsichtbaren Nachthimmel. Der Bürgersteig war mit einer weißen Schicht bedeckt, in dem noch kein Mensch seine Fußstapfen hinterlassen hatte.

Janis überlegte, ob er weiter reisen sollte. Manchmal konnte er, bei guter Konzentration, erreichen, dass er sofort weiter reisen konnte. Manchmal musste er auch abwarten, was passierte und wurde dann irgendwann, ohne dass er es erwartete, zu einem anderen Ort gebracht.

Janis wusste nicht, wie lange er schon so durch die Zeiten ging und er konnte sich auch nicht mehr daran erinnern, warum es angefangen hatte. Es gab Zeiten, in denen er nur ein unsichtbarer Gast war. Dann wieder gab es Zeiten, in denen er leben musste, wie alle anderen auch.

Janis war müde. Müde zu reisen, müde zu sehen. Er wünschte sich, einfach bleiben zu können. Fast war es ihm egal wo und wann. Janis hatte in seinem Leben viele Menschen geliebt und wieder verloren. Von manchen hatte er nicht einmal Abschied nehmen können. Nachdem er viele heiße Tränen vergossen hatte, beschloss Janis sich nicht mehr zu verlieben, aber es passierte doch ab und zu. Denn gegen die Liebe kann man nichts tun, sie kommt und geht, wie sie will.

Janis kam sich so einsam vor, wie nur ein Mensch sein kann. Suchend sah er sich um. Es war nun schon das dritte Mal, dass er hier unter dieser Straßenlaterne ankam.

Er war sich sicher, dass dies nicht nur ein Zufall sein konnte. Was hatte es damit auf sich. Langsam ging Janis die Straße entlang. Es war der ärmliche Vorort einer großen Stadt. Mit mehrstöckigen Häusern, die alle gleich aussahen. Reihe um Reihe dieselben Häuser. Mit den gleichartigen Sicherheitsglastüren, exakt gleich großen Fensterlöchern und trostlosen handtuchbreiten Grasstreifen, die einen Vorgarten darstellen sollten.

Plötzlich kam Janis die Gegend bekannt vor. Er zermarterte sich das Hirn, was es mit diesem Szenario auf sich hatte. Während Janis die Straßen durchquerte, kam er an einem der geklonten Häuserblöcke vorbei, der in ihm ein Gefühl der Kälte und des Grauens weckte. Ein Zittern lief durch seinen Körper und er blieb stehen. Ängstlich überlegte er, was er tun sollte.

„Ich muss mich meiner Angst stellen“, dachte er, „sonst werde ich ewig in dieser Zeit feststecken.“

Janis nahm seinen ganzen Mut zusammen und betrat das dunkle Treppenhaus durch eine kaputte Eingangstür. Es roch nach Muffigkeit, strengen Essensgerüchen und Feuchtigkeit. Janis musste kein Licht machen, um sich in der Finsternis zurecht zu finden. Er erfasste instinktiv den richtigen Abstand zwischen den Treppenstufen und wusste sogar, wie viele es zwischen den einzelnen Absätzen waren.

Immer weiter stieg Janis hinauf, bis er in der letzen Etage angekommen war. Hier gab es nur noch eine Wohnung. Eine winzig kleine Dachwohnung, in der es jetzt eisig kalt sein musste und im Sommer brütend heiß. Janis wusste genau, wie die Zimmer hinter der zerkratzen Tür angeordnet waren. Er konnte sich sogar an die Gesichter der Bewohner erinnern.

In seinem Herzen ahnte Janis, wo er sich befand, aber die Angst es anzuerkennen war zu groß. Für einen Moment wollte Janis kehrt machen und die Treppen wieder hinunter laufen.

„Es hat keinen Zweck“, murmelte er mit hängenden Schultern, „ich muss hier sein, sonst werde ich niemals von hier fortkommen.“

Mit einem Krachen flog die Haustür gegen die Wand und jemand drückte den Lichtschalter. Ein paar Lampen flammten auf, aber dort wo Janis war, blieb es dunkel. Er hörte polternde Schritte. Jemand sang lauthals und lallte vor sich hin. Janis kannte die Stimme. Immer näher kam sie und ihm sträubten sich die Nackenhaare. Janis presste die Lippen fest zusammen, um nicht schreien zu müssen. Ein ungepflegter Mann erschien in der letzten Etage. Für einen Moment hielt er inne.

„Ist da wer?“, lallte er.

„Niemand ist hier, Vater“, dachte Janis bitter.

Der Mann, der Janis Vater war, sah sich um, konnte aber niemand entdecken.

„Ich glaub ich bin hackedicht“, kicherte der Mann.

Unbeholfen versuchte er die Tür aufzuschließen, aber er bekam den Schlüssel nicht ins Schloss. Immer wütender wurde er und schlug dann mit der Faust gegen die Tür.

„Mach auf!“, schrie er, „mach auf, du Miststück! Hast wohl Angst?“

Irgendwo riss ein Hausbewohner die Tür auf.

„Halts Maul, du Alki! Andere Leute wollen schlafen.“

„Da scheiß ich drauf!“

„Ich hol die Bullen!“

„Mir doch egal!“

Janis zitterte am ganzen Leib. Wie oft hatte er diese Szenen erlebt. Da öffnete sich die Tür und eine Frau, die seine Mutter war, zog den betrunkenen Mann in die Wohnung. Janis folgte ihnen mit einem schmerzhaften Ziehen in der Magengegend.

„Wird aber auch Zeit, du Schlampe“, grölte sein Vater, „wo ist denn das undankbare Balg?“

Der Betrunkene ging auf Janis früheres Kinderzimmer zu.

„Lass ihn“, versuchte seine Mutter den Vater zu beruhigen, „er schläft schon. Morgen muss er zu Schule.“

„Schule?“, johlte der Vater, „der Bengel hat nur Flausen im Kopf und ist viel zu blöd es jemals zu was zu bringen.“

„Bitte“, sagte die Mutter und fasste den Vater am Arm.

Noch ehe sie sich versah, hatte ihr der Mann eine klatschende Ohrfeige versetzt.

„Fass mich nicht an!“, sagte er, „du weißt, dass ich stärker bin als du.“

Der drohende Unterton in seiner Stimme jagte Janis einen kalten Schauer über den Rücken. Ihm war übel und er vermochte es kaum noch auszuhalten. Der Vater riss die Tür zu dem Kinderzimmer auf. Dort lag ein schmächtiger Junge, zitternd vor Panik im Bett. Der Betrunkene zog dem Kind die Decke weg und höhnte:

„Los du Versager, hol deinem Vater ein Bier aus dem Kühlschrank.“

Als der Junge nicht gleich reagierte, zerrte ihn der Vater am Arm aus dem Bett, schubste ihn in die Küche und brüllte ihn an:

„Du hast zu gehorchen! Ich bin dein Vater, kapiert, du Niete!“

Der Junge nickte nur, holte eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und gab sie dem Vater.

„So ist`s recht“, sagte der Mann und lachte böse, „warum nicht gleich so?“

Er holte aus und seine große Hand traf den Jungen im Gesicht. Er verlor den Halt und stürzte.

„Weichei“, brummte der Vater.

Dann trat er ihn mit seinem schweren Stiefeln in die Seite und ging hinaus. Janis krümmte sich vor Schmerzen, hielt sich die schmerzende Hüfte und weinte lautlos vor sich hin.

„Komm, Janis, steh auf“, sagte seine Mutter und zog ihn vom Boden, „du weißt doch, er meint es nicht so. Er ist kein schlechter Mensch. Er liebt dich.“

Der Junge wankte ins Bett. Er weinte, ohne ein Geräusch von sich zu geben, das hatte er nach vielen Schlägen lernen müssen. Wer einen Laut von sich gab, wurde wieder geschlagen. Der Junge lag im Bett und betete:

„Lieber Gott, wenn du da bist, lass mich von hier verschwinden. Ich ertrage es nicht mehr! Wenn du mir nicht hilfst, dann muss ich von einer Brücke springen oder mich vor einen Zug setzen. Bitte, Gott! Hilf mir. Amen.“

Janis fiel es wie Schuppen von den Augen. Das war der Anfang gewesen. Er war verschwunden, so wie er es sich gewünscht hatte. Damals vor unendlichen Jahren, war er vor Erschöpfung eingeschlafen, und als er wieder aufwachte, lag er in einem anderen Bett, an einem anderen Ort zu einer unbekannten Zeit. Am Anfang war es ihm schwergefallen die Zeiten einzuschätzen, aber es war ihm immer besser gelungen, je länger er sprang.

Janis sah auf den zitternden Jungen. Er ging zu ihm, strich ihm sanft über den Kopf und flüsterte:

„Hab keine Angst, du wirst bald frei sein.“

Ein Lächeln huschte über Janis Gesicht. Es würde enden. Er war erwachsen geworden. Janis verließ die Wohnung, ging die Straße hinunter, die inzwischen mit einer dichten Schneedecke überzogen war und sein Herz wurde leichter. Janis wusste, dass dies seine letzte Reise sein würde und dass er dort sein Glück finden würde. Er war frei. Es hatte seine Zeit gedauert, aber es war geschehen. Der Schnee glitzerte im Licht der Straßenlaternen. Janis trat ins Licht und verschwand, so leise und unbemerkt, wie er gekommen war. Frei!“

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