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Nur die eine Runde

Laura zog die Laufschuhe an, heute würde sie es endlich mal wieder schaffen, die ganze Runde zu laufen. Sie versuchte es seit Wochen, es gelang ihr einfach nicht. Heute fühlte sie sich gut. Diesmal würde es sicher gelingen. Als sie die Haustür öffnete wehte ein heftiger Windstoß einige braune zerknitterte Herbstblätter in den Flur des alten Hauses. Laura achtete nicht auf sie.

Laufen, ermahnte sie sich, du musst laufen. Laura ging den Gartenweg zur Straße entlang, streckte sich, hob die Arme, hüpfte von einem Bein auf das andere. Noch war alles in Ordnung. Herzschlag und Puls normal. Sie sah es auf der App ihres Handys.

Laura betrat sie den Bürgersteig. Erst einen Fuß, dann den zweiten. Sofort erhöhte sich ihre Pulsfrequenz. Sie spürte, wie sich der Schlag ihres Herzens beschleunigte. Alles ist gut, sagte sie vor sich her, es ist vergangen, dir kann nichts passieren. Sie lief langsam los, setzte einen Schritt vor den anderen, sagte sich immer wieder ihr Mantra vor: alles wird gut, es ist vergangen, dir kann nichts passieren.

Bevor Laura die erste Kreuzung erreichte, war sie atemlos. Sie drosselte ihre Geschwindigkeit, lief nicht mehr, ging nur noch zügig. Immer wieder sah sie sich um. Niemand zu sehen. Die Straße war leer. Die Vorgärten der kleinen Vorstadthäuser lagen still da. Die meisten Nachbarn arbeiteten und die Kinder besuchten die Schule.

Laura blieb stehen. War da nicht ein merkwürdiges Knacken, ein Rascheln, ein Heulen, das nicht von der stürmischen Brise verursacht wurde. Alles wird gut, dachte Laura, alles wird gut, du musst weiter laufen, sonst gelingt das nie mehr. Sie widerstand der Versuchung sich umzudrehen.

Vorwärts, immer vorwärts, hatte Andrew ihr gesagt, aber was wusste er schon. Da, da war es wieder! Lauras spürte, wie ihr die Angst die Kehle zuschnürte. Diese merkwürdige Geräusch, ein Ratschen von Stoff, oder Zerreißen. Lauras Körper war von einer Gänsehaut überzogen, sie zitterte. Ein eisiger Schauer rann über ihre Beine hinauf in ihre Hüften, zog sich das Rückrad entlang. Ihre Nackenhärchen richteten sich auf.

Es waren höchstens 300 Meter bis zu ihrem Haus. Alles wird gut, betete Laura vor sich her, vorwärts. Aber sie konnte keinen Schritt tun. Es war wie damals. Nie würde sie diesen schrecklichen Tag vergessen. Ein Schlagen und Flattern. Laura fuhr herum, sprintete zurück zu ihrem Haus, den Vorgartenweg entlang, stürzte in den Hausflur und warf die Tür hinter sich zu. Schweratmend sank sie gegen die Tür, Tränen rannen ihr über das Gesicht. Sie würde es nicht schaffen, nie mehr. Seit dem schrecklichen Tag vor zwei Jahren.

Der Mann sah Laura hinterher und grinste, während er den schwarzen Regenschirm zuklappte und das Klettbändchen verschloss. Sie würde die Runde nie mehr laufen, dafür würde er sorgen.

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Der Bus hielt. Sandra griff nach den Krücken und hievte sich von ihrem Sitzplatz hoch. Jemand stieß sie an. Sandra wankte und wäre beinahe hingefallen, hätten sie nicht zwei starke Arme aufgefangen.

„Hey, passen sie doch auf“, rief der Mann dem Rempelrowdy hinterher, „sie hätten die junge Frau beinahe umgestoßen.“

Der Junge drehte sich kurz um, zeigte den Stinkefinger und ging weiter.

„Ich würde beinahe sagen, die Jugend von heute, wenn ich nicht selber dazugehören würde“, sagte Sandra.

Ihr Retter lachte.

„Zum Glück sind nicht alle so gleichgültig.“

Sandra nickte.

„Eigentlich bin ich selbst schuld. Normalerweise würde ich um diese Uhrzeit nicht Bus fahren. Schon gar nicht in meinem angeschlagenen Zustand. Aber ich habe ein Vorstellungsgespräch. Das kann ich auf keinen Fall sausen lassen.“

Der Mann lächelte. Er erinnerte Sandra an ihren Vater. Dunkles Haar, graue Schläfen. Er trug Anzug, sah aus wie ein Bänker oder Versicherungsmann.

„Dann wünsche ich ihnen alles Gute!“

„Vielen Dank und Danke für ihre Hilfe“, sie rückte ihren Rucksack mit der Bewerbungsmappe zurecht und wendete sich dem imposanten Büroklotz zu, „wenn ich den Job kriege und wir uns wiedersehen, lade ich sie zu einem Kaffee ein.“

„Wie wäre es mit Tee?“

„Auch das“, Sandra grinste.

Er winkte einen Gruß zum Abschied und entschwand in die entgegengesetzte Richtung. Sandra gab sich einen Ruck und stelzte auf den Eingang des Hochhauses zu. Es gefiel ihr in keiner Weise in diesem lädierten Aufzug bei dem Firmenchef eines Megakonzerns aufzutauchen, aber mit einem gebrochenen Bein konnte sie nicht wirklich Businessmäßig aussehen.

Sandra hatte den Eingang beinahe erreicht, die warme Luft aus dem Foyer drang ihr schon entgegen, als sie ein nervöses Gebell neben sich hörte (Übersetzung: Hey, du, ich brauche einen Türöffner!). Sie drehte den Kopf und da stand er. Glänzendes brauner Fell, kurze Beine, lange Ohren mit einem roten Lederhalsband und einem Herz daran. Sandra liebte Hunde und ehe sie wusste, was sie tat, sagte sie:

„Na, du Süßer, wo gehörst du denn hin?“

Als Antwort auf die Frage kläffte er kurz (Übersetzung: „Jedenfalls nicht hier her!“). Sandra übersetzte:

„Du weißt nicht, wo dein Herrchen ist?“

Sandra sah sich nach einem Hundehalter um. Aber die Leute liefen vorbei, in Gedanken versunken, vermutlich schon halb im Büro. Keiner sah wie ein potenzieller Dackelbesitzer aus. Dafür rückte dieser ein Stück näher. Sandra balancierte zu ihm herunter und streichelte sein glänzendes Fell. Das gefiel ihm außerordentlich und er erwählte Sandra zu seiner Begleiterin. Der Dackel blieb ihr dicht auf den Fersen, als sie sich anschickte das Foyer zu betreten.

„Nein, das geht nicht“, flüsterte Sandra dem Dackel zu und erntete einen finsteren Blick von einem Security-Mann in Bodybuilderformat, Glatze und Schlagstock inbegriffen.

„Der Hund muss draußen bleiben!“, knurrte er.

Der Dackel ebenfalls. (Übersetzung: „Ich denk ja gar nicht dran! Ätsch!“)

„Ich weiß, das“, sagte Sandra, „aber er nicht!“

„Binden sie ihn draußen an!“

Sein Ton verschärfte sich und er kam näher, baute sich in voller Größe vor Sandra auf. Der Dackel trippelte zwischen Sandra und den Mann in Uniform und gab ein ungnädiges Wuffen von sich. (Übersetzung: „Lass meine Gesellschafterin in Ruhe! Sonst … .“)

„Wollen sie mir drohen? Mein Freund ist bei der Presse“, log Sandra, „soll morgen in der Zeitung stehen, Security des stadtgrößten Konzerns schlägt Behinderte?“

Irritiert sah er sie an. Sandra konnte sehen, wie hinter seiner hohen Stirn die Gedanken schwerfällig auf und ab schwappten. Er kam ihr wie eine menschliche Lavalampe vor. Blubb, Blubb, Blubb.

„Ist das eine Fangfrage oder was?“, versuchte er Zeit zugewinnen.

Sein Meister-Propper-Gesicht war inzwischen purpurrot. – Ob er platzt, wenn man eine Nadel in seine Wange sticht, überlegte Sandra. – Wütend über ihre Weigerung seinem Befehl zu folgen, tippte er Sandra mit spitzen Fingern fest gegen die Schulter.

Sandra wackelte, verlor eine Krücke, der Dackel-Guard kläffte einmal scharf (Übersetzung: „Jetzt reicht`s!“), und warf sich mit aller Kraft gegen den Feind. Er sprang hoch und schnappte nach dem Unterarm des Securitymannes. Sofort setzte Gebrüll ein. Der Muskelmann wirbelte herum und versuchte den Dackel abzuschütteln. Doch der Hund hielt fest und die scharfen Zähne bohrten sich weiter in sein Fleisch, je energischer er ihn entfernen wollte.

„Verstärkung! Sanitäter!“, schrie er.

Eine kleine Menschenmenge hatte sich um das turbulente Trio versammelt. Doch niemand kam dem Muskelprotz zu Hilfe. Einige machten Handyfotos oder nahmen die Dramödie auf. – Das kann ich mir sicher nachher auf YouTube ansehen. – Sandra nutzte die Gelegenheit und humpelte dem Aufzug zu. Was hatte die Sekretärin am Telefon gesagt? 26te Etage?

Vor dem Eingang ertönte ein nerviges Blaulicht. Endlich trafen die Sanitäter ein, die der Rezeptionist gerufen hatte.

„Würden sie bitte Platz machen“, riefen die beiden Jungs vom Roten Kreuz und versuchten sich einen Weg zu dem Opfer zu bahnen.

Die Türen des Lifts öffneten sich. Sandra trat ein. Sie drückte mit dem Fuß der Krücke auf die 26. In diesem Moment ließ der Dackel von dem Security-Mann ab. Er flog ein Stück durch die Luft, fiel, rappelte sich hoch, hoppelte in den Lift und setzte sich siegesgewiss neben Sandra.

„Hey, sie“, brüllte der Wachmann den Flüchtigen hinterher, „sofort stehen bleiben.“

Er wollte hinter her, aber die beiden Sanis hielten ihn fest. Sandra schwenkte eine Krücke, die Türen schlossen sich. Mit leisem Summen setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung. Sandra sah sich und den Dackel in den Spiegeln des Lifts und musste grinsen.

„Na, Dackelito, dem haben wir es aber gezeigt.“

Der Lift hielt im siebten Stockwerk. Zwei Männer stiegen zu. Interessiert betrachten sie Sandra und den Hund, die ihrerseits die beiden Neuankömmlinge musterten. Der Kleinere, dunkle Haare, drei-Tage-Bart stieß seinen Begleiter an. Sie grinsten.

„Das ist aber ein kleiner Behinderten-Hund“, sagte der große Blonde mit den himmelblauen Augen.

„Ich habe ja auch nur eine kleine Behinderung“, erwiderte Sandra und grinste zurück.

Das werteten die beiden Herren als Startschuss zum Flirten.

„Wo soll es denn hingehen?“, fragte der Dunkelhaarige.

„In die sechsundzwanzig. Vorstellungsgespräch.“

Die beiden warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu.

„Oh, dann viel Glück.“

„Das hört sich nicht besonders ermutigend an.“

„Nur nicht ins Boxhorn jagen lassen, sie haben doch ihre Bulldogge dabei“, sagte der große Blonde.

Dackelito fühlte sich angesprochen und kläffte. (Übersetzung: „Ich nehm es mit jedem auf!“). Ein Piepton erklang. Der Kleine zog sein Smartphone aus der Tasche, schaute aufs Display und lachte.

„Lass mal sehen“, der Blonde nahm ihm das Handy aus der Hand und sah schmunzelnd auf den Minibildschirm, „Sie sind der Star des Hauses.“

Er hielt Sandra das Handy hin. Es zeigte einen Schnappschuss von Meister Proper, der wutschnaubend versuchte den Dackel loszuwerden.

„Oh, Oh“, sagte Sandra.

Der Lift hielt in der 24. Die beiden verabschiedeten sich von Sandra und wünschten ihr Glück. Bevor die Türen zu gingen, kam der Blonde zurück, stellte sich auf die Kontaktschwelle und strahlte Sandra an.

„Vielleicht rufen sie mich an und wir feiern. Im schlimmsten Fall weinen sie sich an meiner Schulter aus.“

Bevor Sandra antworten konnte, drückte er ihr seine Visitenkarte in die Hand, hauchte verwegen einen Kuss auf ihre Wange und eilte seinem Kollegen hinterher. Dackelito kratzte sich mit der Hinterpfote hinter den langen Ohren. (Übersetzung: „Na so was.“)

„Na so was!“, Sandra war platt, „ganz schön frech.“

Ein verklärtes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Wieder hielt der Lift. Diesmal auf der 26. Die Türen glitten auf. Sandra blickte auf eine riesige Uhr, Marke Hauptbahnhof, über einem sterilen Tresen, auf dem eine weiße Orchidee blühte. Sie war pünktlich, hatte sogar noch zehn Minuten Zeit. – Ob die Orchidee echt ist, überlegte Sandra, könnte sein. – Die ältere Dame hinter dem Tresen musterte sie streng.

„Setzen sie sich. Herr Bernhard empfängt sie gleich“, sagte sie mit schnarrender Stimme.

– Was für eine schlechtgelaunte alte Schachtel! – Sandra ließ sich gegenüber auf der weißen Plastikbank mit den verchromten Füßen nieder. Dackelito benahm sich tadellos. Er sprang neben Sandra auf den Sitz, sah sich interessiert um und machte keinen Mucks. – Als würde er zum Vorstellungsgespräch gehen. – Bei dem Versuch ihre Krücken zu sichern, rutschten sie weg und fielen geräuschvoll zu Boden.

Der strafende Blick der Empfangsdame verursachte Sandra Unbehagen. – Und sie hat nicht mal den Hund gesehen. Wer weiß, was dann los ist. Durchziehen oder gleich wieder gehen? – Sandra hatte sich geschworen nie wieder in einer Firma zu arbeiten, in der schlechte Schwingungen herrschten. Weiteres Grübeln erübrigte sich. Sie hörte eine sonore Männerstimme:

„Die Nächste!“

Die Empfangsdame bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung – Mädchen steh auf, beweg dich. – Sandra brachte sich wieder in den aufrechten Stand. – Die hat mich schon abgeschrieben. Ich bin nicht mal eine paar Worte wert. – Eine Dame im eleganten Kostümchen rauschte hocherhobenen Hauptes an ihr vorbei, Richtung Fahrstuhl. Sie würdigte Sandra und den Empfangsdrachen keines Blickes. Dackelito sprang von der Bank.

„Bleib lieber hier“, raunte Sandra ihm zu, „wenn dich der Drache sieht, bist du dran. Die kann Feuerspucken.“

Dackelito legte den Kopf schief und sah Sandra aus seinen tiefbraunen Augen an. (Übersetzung: „Ich glaube, du verstehst da was falsch.“) Dann schoss er wie ein Blitz davon, um die Ecke des Tresens, in die Richtung aus der die Stimme gekommen war. Sandra schüttelte den Kopf und seufzte. Dann setzte sie sich in Bewegung. – Jetzt ist es eh schon egal. – Sandra musste ihre ganze Finesse aufbringen, um die schwere Glastür, trotz ihres Handicaps, zu öffnen. Herr Bernhard, im eleganten dunklen Anzug, stand nur da und warf ihr einen finsteren Blick zu.

„Tut mir leid“, erklärte Sandra, „nächste Woche bin ich wieder fit. Dann ist der Gips weg.“

Er murmelte etwas vor sich hin, das Sandra nicht verstand. Sie erblickte Dackelito. Der saß aufrecht und stolz, wie Bolle, auf dem großen Ledersessel hinter dem Schreibtisch. Trotz der Spannung im Raum, konnte Sandra ein Lachen nur mit Mühe unterdrücken.

„Komm darunter“, mahnte sie den Hund.

„Das wird er nicht tun“, stellte Herr Bernhard trocken fest.

„Warum nicht?“, fragte Sandra.

„Heiner sitzt immer da, wenn er im Büro ist.“

„Heiner!“, stieß Sandra hervor.

Sie kniff die Lippen zusammen, biss sich auf die Zunge, um nicht laut loszuprusten. Der Hund sprang vom Chefsessel herunter. Er setzte sich neben Sandra und schaute mit Unschuldsblick zu ihr auf. (Übersetzung: „Ich bin der liebste Hund der ganzen Welt!“)

„Eine Idee meiner Tochter“, klärte Herr Bernhard Sandra auf und schmunzelte. „Sie hat ihn mir geschenkt, damit ich Gesellschaft habe.“

Ehe er weitersprechen konnte, stürzte Herr Security herein und wollte sich mit einem Hechtsprung auf Heiner stürzen. Sandra hob die Krücke und traf direkt auf seine Brust. Er prallte ab und sie zurück. Herr Bernhard hatte gute Reflexe und fing die strauchelnde Sandra auf. Heiner sprang mit heiserem Bellen (Übersetzung: Ha! Blödmann! Mich kriegst du nicht.“) um den Wachmann herum, der nicht so viel Glück hatte. – Er hätte die beiden Rot-Kreuz-Jungs gleich mit bringen sollen -dachte Sandra schadenfroh, als sie sah, dass er nicht mehr aufstehen konnte.

„Mein Bein“, jammerte er.

Heiner kläffte lauter. (Übersetzung: Rühr dich ja nicht! Ich kann auch anders!) – Wie viel Tohuwabohu so ein kleines Tier doch anrichten kann. –

„Ruhe!“, rief Herr Bernhard.

Sofort wurde Heiner still und setzte sich ganz brav neben Sandra.

„Was soll denn das Theater“, fuhr er den Wachmann an, „können sie nicht klopfen?!“

„Aber der Hund …“ nölte der Gefallene.

„Gehört mir!“

Herr Bernhard rief die Sanitäter. Diesmal erreichten sie den Ort des Geschehens schneller. Sie waren gerade erst einen Block weit weg, als sie den Notruf erhielten.
Als es endlich wieder still im Büro geworden war, sah Herr Bernhard Sandra mit prüfendem Blick an, dann sagte er wohlwollend:

„Sie haben den Job.“

„Danke …“

Herr Bernhard unterbrach Sandra energisch.

„Unter einer Bedingung!“

Sandra sah ihn erwartungsvoll an.

„Sie kümmern sich darum, dass der Hund genug Auslauf hat und meine Security-Leute nicht zu Kleinholz verarbeitet. Dafür dürfen sie sich während der Arbeitszeit jederzeit freinehmen.“

Sandra nickte begeistert. – Toller Job. – Heiner wuffte kurz. (Übersetzung: „Tolle Betreuerin.“)

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Seline ließ ihren Stift sinken und dachte an die lauten Straßen Londons. Manchmal vermisste sie das pulsierende Leben, die Pubs und die Clubs, in denen sie bis in die frühen Morgenstunden tanzte.

In Carrigan gab es eine Bar, das Golden Goose, für alles: Tanzvergnügen, Sportwetten, Billard, Steakhouse und Kaffeekränzchen. Seline seufzte. Was sagte Oma Mary immer, wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus. Von dieser Warte aus, hätte es Seline schlechter treffen können. Sie hatte ein eigenes Büro, auf dessen Tür ihr Name stand und eine eigene Sekretärin, wenn man Anna-Luise so bezeichnen konnte.

In ihrer Londoner Kanzelei waren die Sekretärinnen top gestylt. Make up, Haare vom Coiffeur, und das schicke Business Kostüm mit Pumps gehörte zur Grundausstattung. Anna-Luise trug Jeans, Turnschuhe, dazu T-Shirts mit den wildesten Logos und Aufdrucken und eine Frisur, die an einen Punk-Irokesen erinnerte. Anna-Luise war im Grunde gegen alles. Rebellion war für sie ein Lebensstil und kein Anliegen. Aber was Recherche und Computerkenntnisse betraf machte ihr keiner etwas vor. Neuliche hatte sie sich in den Rechner des CSIS gehackt. Das war wirklich eine große Nummer.

Seline war immer noch erstaunt, was Anna-Luise in so einem Kaff wie Carrigan verloren hatte. Seline fragte sie einmal danach, aber Anna-Luise blockte dieses Thema rundweg ab. Seitdem hegte Seline den Verdacht, dass ihre Sekretärin entweder auf der Flucht vor dem Gesetze lebte oder in einem Zeugenschutzprogramm steckte.

Selines Handy klingelte und riss sie aus ihren Gedanken. Seit wann gab es im „Golden Goose“ ein Netz? Sie erkannte die Nummer und ahnte Schreckliches. Niemand hatte dort Empfang, aber wenn ihre Mutter anrief, gab es kein Funkloch, in das sich Seline verkriechen konnte. Sie zögerte, aber nach dem das Handy gefühlte 20 Mal geklingelt hatte, gab sie auf. Ihre Mutter würde es wieder versuchen, da konnte sie das Gespräch auch gleich führen.

„Hallo Mama.“

„Ich habe so oft auf deine Mailbox gesprochen, wieso rufst du nicht zurück?“

„Dir auch einen schönen Tag Mutter!“

„Mutter, Mutter, treuloses Kind. Erst machst du dich bei Nacht und Nebel aus dem Staub und dann meldest du dich nicht mehr.“

Seline verdrehte die Augen.

„Und verdreh nicht deine Augen.“

Seline sah sich erschrocken um. Sie erwartete direkt in das Gesicht ihrer Mutter zu sehen, aber sie war allein.

„Ich kenne dich Missy.“

„Mutter ich bin beinahe dreißig Jahre. Ich weiß, was ich tue.“

„Aber scheinbar nicht, was du mir antust!“

Die Stimme von Miss Monroe kippte ins Hysterische.

„Was habe ich dir getan, dass du mich so verlassen hast.“

„Zum hundertsten Mal! Ich habe dich nicht verlassen. Ich wollte nur endlich auf eigenen Beinen stehen.“

„Das hättest du auch hier tun könne. Dein Vater hätte dir eine Kanzelei eingerichtet.“

„Ich wollte unabhängig sein Mutter. Verstehst du?“

„Ich verstehe gar nichts. Willst du uns bestrafen?“

Seline schüttelte den Kopf. Ihre Mutter würde nie verstehen, dass Seline nicht die kleine Tochter des großen Strafverteidigers Sir Albert Monroe sein wollte. Sondern Seline Monroe, Anwältin. Dass sie dafür bis nach Kanada gehen musste, hätte sie nicht gedacht, aber so lag immerhin der Atlantik und ein Teil der kanadischen Wildnis zwischen ihr und ihren Eltern.

Plötzlich erklang ein Piepton vom anderen Ende der Leitung. Das Netz war zusammengebrochen. Seline sandte ein Stoßgebet zum Himmel, der große Handynator hatte ein Einsehen und sie von ihrer Mutter erlöst. Vorerst. Vor Anna-Luise verschonte er sie nicht.

„Da sind sie ja. Ich habe sie überall gesucht!“

Anna-Luise ließ sich auf die gegenüberliegende Polsterbank fallen. Ihr Iro war heute gelb-grün und auf ihrem T-Shirt prangte ein riesiges Hanfblatt mit dem Logo „Gebt das Hanf frei“. Seline überlegte einen Moment, ob sie protestieren sollte. Immerhin war sie Anwältin und dem Gesetz verpflichtet. Andererseits, was machte das schon? Weniger Mandanten würde sie dadurch nicht haben, denn sie war die einzige Anwältin im Umkreis von 150 Meilen.

„Überall gesucht, finde ich etwas übertrieben“, wandte Seline ein.

„Sie müssen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen“, Anna-Luise sah Seline an, als hätte sie es mit einem zurückgeblieben Kind zutun. „Sie wissen was ich meine. Ich bin auch nur gekommen, weil der Mann am Telefon gesagt hat, es wäre dringend. Sie sollen sofort zum Bearscreek – Hotel kommen.“

„Und wer war der Mann am Telefon?“, Selines Geduld war nach dem Gespräch mit ihrer Mutter erschöpft.

„Ich glaube, Mister North.“

„Sie glauben? Es geht um Fakten und Tatsachen. Das ist in meinem Beruf essenziell.“

„Fakten, Fakten, Fakten“, betete Anna-Luise herunter, „wenn sie mich nachts wecken, würde mir das als erstes einfallen. – Was ist jetzt? Fahren wir nach Bearscreek raus oder nicht?“

„Wir?“

„Ja wir. Ich habe keine Lust den ganzen Tag in dem muffigen Büro zu hocken, das ist mal eine Abwechslung.“

„Meinetwegen. Aber ich fahre! In ihr Auto steige ich nie wieder.“

Seline dachte mit Schrecken an die Todesangst, die sie ausgestanden hatte, als sie vor drei Wochen mit Anna-Luise fahren musste, weil ihr Rover in der Werkstatt war.

„Ok. Aber wenn wir nicht bald fahren, sitzt Mister North im Knast.“

Seline verschluckte sich an ihrem letzten Tropfen Kaffee.

„Knast? Was soll das heißen?“

„Der Bulle meint, Mister North hätte seinen Bruder um die Ecke gebracht.“

„Und das sagen sie mir erst jetzt?!“

„Würde es dann schneller gehen?“

Anna-Luise sah Seline mit einem Unschuldsblick an. Seline ignorierte sie, legte das Geld auf den kleinen Teller und eilte zur Tür.

„Los Anna-Luise! Schlafen sie nicht ein“, rief sie ihrer Sekretärin über die Schulter zu, „sonst fahre ich ohne sie.“

Seline dachte an ihre Mutter. Anna-Luise wäre genau der Typ Mensch, den sie ihrer Mutter gönnte und umgekehrt. Vielleicht sollte sie die beiden zusammen auf eine einsame Insel schicken. Wer von beiden wohl zuerst einen Nervenzusammenbruch erleiden würde? Seline grinste. Der Gedanke verbesserte ihre angeschlagene Laune immerhin soweit, dass sie die Fahrt nach Bearscreek genießen konnte. …

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Postkartentext – von einem Schreibpartner

(auf der Karte ist ein Indiansummer-Wald hinter einem See mit Kanu zu sehen)

Hallöchen Schwesterherz,

du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön es hier ist. Kanada ist ein Traum. Zuerst hatte ich echt Schiss, dass es mir hier zu ruhig wird, aber ich kann dir nur eins sagen, damit kann ich leben. Es ist einfach nur himmlisch, nicht jeden Morgen von dem melodischen Gebrüll unserer lieblichen Mutter geweckt zu werden. Sogar die Kreissägen im nahe gelegenen Sägewerk klingen sanfter! J Aber du fehlst mir dafür umso mehr. Ich denke an dich und hab dich lieb.

1000 Drücker, bis bald

Seline

Text von mir:

Seline ließ ihren Stift sinken und dachte an die lauten Straßen Londons. Manchmal vermisste sie das pulsierende Leben, die Pubs und die Clubs, in denen sie bis in die frühen Morgenstunden tanzte. Hier in Carrigan gab es eine Bar, dass Golden Goose, für alles. Tanzvergnügen, Sportwetten, Billard, Steakhaus und Kaffeekränzchen.

Seline seufzte. Was hatte Oma Mary immer gesagt: wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus. Und von dieser Warte ausgesehen hätte sie es auch schlechter treffen können. Seline hatte ein eigenes Büro, auf dessen Tür ihr Name stand, eine Sekretärin, wenn man Alissa so bezeichnen konnte.

In ihrer Londoner Kanzlei waren die Sekretärinnen immer top gestylt. Make up, Frisur vom Coiffeur, und das schicke Business Kostüm mit Pumps gehörte zur Grundausstattung. Alissa trug Jeans, Turnschuhe, dazu T-Shirts mit den wildesten Logos und Aufdrucken. Ihre Frisur erinnerte stark an einen Punk-Irokesen. Alissa war im Grunde gegen alles. Rebellion ein Lebensstil und kein Anliegen. Aber was Recherche und Computerkenntnisse betraf, machte ihr niemand etwas vor. Neulich hackte sie sich sogar in den Rechner des CSIS, das war wirklich eine große Nummer.

Seline war immer noch erstaunt darüber, was Alissa in so einem Kaff wie Carrigan verloren hatte. Bei Nachfragen blockte sie sofort ab. Seitdem hegte Seline den Verdacht, dass ihre Sekretärin entweder auf der Flucht vor den Gesetzesvertretern lebte oder in einem Zeugenschutzprogramm steckte.

Selines Handy klingelte. Erschrocken zuckte sie zusammen. – Um Himmelswillen, seit wann gibt es im „Golden Goose“ ein Netz? – Sie erkannte die Nummer und ahnte Schreckliches. – Na klar, niemand hat hier Empfang, aber wenn meine Mutter anruft, dann gibt es kein Funkloch das groß genug ist, um mich darin zu verkriechen. – Seline zögerte. Nachdem das Handy gefühlte zwanzig Mal geklingelt hatte, gab sie auf. Ihre Mutter würde es wieder versuchen, da konnte sie dieses Gespräch auch gleich führen. Seline nahm den Anruf an und wappnete sich innerlich gegen die kommende Tirade.

„Hallo Mama.“

„Ich habe schon sooft auf deine Mailbox gesprochen, wieso rufst du nicht zurück?“

„Dir auch einen schönen Tag, Mutter!“

„Mutter, Mutter! Treuloses Kind. Erst machst du dich bei Nacht und Nebel aus dem Staub und dann meldest du dich nicht mehr.“

Seline verdrehte die Augen. – Nacht und Nebel, na klar!-

„Und verdreh nicht deine Augen.“

Seline sah sich erschrocken um. Sie erwartete direkt in das Gesicht ihrer Mutter zu sehen, aber sie war allein. – Woher weiß sie das? –

„Ich kenne dich, Missy.“

Kam die Antwort postwendend. – Und Gedankenlesen kann sie auch. –

„Mutter, ich bin beinahe dreißig Jahre alt. Ich weiß was ich tue.“

„Aber scheinbar nicht, was du mir antust!“

Die Stimme von Miss Monroe kippte ins Hysterische.

„Was habe ich dir getan, dass du mich so verlassen hast.“

„Zum hundertsten Mal! Ich habe dich nicht verlassen. Ich will endlich auf eigenen Beinen stehen.“

„Das hättest du auch hier in London tun können. Dein Vater hätte dir eine Kanzelei eingerichtet.“

„Aber ich will unabhängig sein, Mutter. Verstehst du?“

„Ich verstehe gar nichts. Willst du uns bestrafen?“

Seline schüttelte den Kopf. – Mutter wird nie verstehen, dass ich nicht ewig die kleine Tochter des großen Strafverteidigers Sir Albert Monroe bleiben will, sondern Seline Monroe, Anwältin. Dass ich dafür bis nach Kanada gehen muss, habe ich zwar nicht gedacht, aber so liegen wenigstens der riesige Atlantik und ein Teil der kanadischen Wildnis zwischen mir und ihnen. –

Plötzlich erklang ein Piepton vom anderen Ende der Leitung. Das Netz war zusammengebrochen. Seline sandte ein Stoßgebet zum Himmel, der große Handynator hatte ein Einsehen und sie von ihrer Mutter erlöst. Vorerst. Vor Alissa verschonte er sie nicht.

„Da sind sie ja. Ich habe sie schon überall gesucht!“

Alissa ließ sich auf die gegenüberliegende Polsterbank fallen. Ihr Iro war heute Morgen gelb-grün und auf ihrem T-Shirt prangte ein riesiges Hanfblatt mit dem Logo „Gebt das Hanf frei“.

Seline überlegte einen Moment, ob sie gegen Alissas Outfit protestieren sollte. Immerhin war sie Anwältin und dem Gesetz verpflichtet. – Andererseits, was macht das schon? Weniger Mandanten werde ich dadurch nicht haben. Als einzige Anwältin im Umkreis von 150 Meilen.-

„Überall gesucht finde ich etwas übertrieben, wenn man bedenkt, dass Carrigan nur zwei Hauptstraßen und vielleicht 15 Nebenstraßen hat“, wendete Seline ein.

„Sie müssen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Und Carrigan hat 23 Nebenstraßen!“, Alissa sah Seline an, als hätte sie es mit einem zurückgeblieben Kind zutun. „Sie wissen was ich meine. Ich bin auch nur gekommen, weil der Mann am Telefon gesagt hat, es wäre dringend und sie sollen sofort zum Bearscreek – Hotel kommen.“

„Und wer war der Mann am Telefon?“, Selines Geduld war nach dem Gespräch mit ihrer Mutter erschöpft.

„Ich glaube der Bulle.“

Alissa zuckte gleichgültig, mit den Schultern. Sie machte sich nichts aus Polizisten, um nicht zu sagen, sie hatte eine Antipathie ihnen gegenüber.

„Sie glauben es war Sheriff Cole? Es geht um Fakten und Tatsachen. Das ist in meinem Beruf essenziell.“

„Fakten, Fakten, Fakten“, betete Alissa herunter, „wenn sie mich nachts wecken, würde mir das als erstes einfallen. – Was ist jetzt, fahren wir nach Bearscreek raus oder nicht?“

„Wir? Ich denke, sie mögen keine Bullen.“

„Tu ich auch nicht. Aber bei dem Wetter habe ich keine Lust den ganzen Tag in dem muffigen Büro zu hocken, während sie sich einen schönen Tag am See machen.“

„Meinetwegen. Aber ich fahre! In ihr Auto steige ich nie wieder.“

Seline dachte mit Schrecken an die Todesangst, die sie ausgestanden hatte, als sie vor drei Wochen mit Alissa fahren musste, weil ihr Rover zur Inspektion in der Werkstatt war.

„OK. Aber wenn wir nicht bald fahren, sitzt Mister North im Knast.“

Seline verschluckte sich an ihrem letzten Tropfen Kaffee.

„Mister North in den Knast? Was soll das heißen?“

„Der Bulle ist der Ansicht, Mister North hätte seinen Bruder um die Ecke gebracht. Deswegen sollen sie ja hinfahren.“

„Und das sagen sie mir erst jetzt?!“

„Wäre es sonst schneller gegangen?“

Alissa sah Seline mit einem Unschuldsblick an. Seline beschloss sie zu ignorieren. Sie legte das Geld auf den kleinen Teller neben die Rechnung und eilte zur Tür.

„Los, Alissa, schlafen sie nicht ein“, rief sie ihrer Sekretärin über die Schulter zu, „sonst fahre ich ohne sie.“

Alissa war genau der Typ Mensch, den Seline ihrer Mutter gönnte und umgekehrt. – Vielleicht sollte ich die beiden zusammen auf eine einsame Insel schicken. Wer von beiden wohl zuerst einen Nervenzusammenbruch bekäme? – Seline grinste. Der Gedanke verbesserte ihre angeschlagene Laune immerhin soweit, dass sie die Fahrt nach Bearscreek genießen konnte, obwohl sie Alissa im Schlepptau hatte.

Der Anfang dieser Krimistory entstand in einem Schreibkurs. Der Text auf der Postkarte wurde von einer Mitschreiberin geschrieben, was mich zu der folgenden Geschichte inspirierte.

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