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Einladung zum Tanz

Endlich erfüllt sich mein Vorsatz für dieses Jahr. Es hat elf Monate gedauert, den Wunsch in die Tat umzusetzen.

Vor ein paar Tagen habe ich einen großen Briefumschlag in meinem Briefkasten vorgefunden. Teures Büttenpapier. Vorsichtig, beinahe ehrfürchtig öffnete ich den Umschlag. Ich las:

„Einladung zum Tanz. Liebe Juliette, am 03.11. um 19:30 Uhr erwartet Dich eine Limousine, vor Deiner Haustür. Der Marquis“

Mein Herz schlug so schnell, dass ich kaum atmen konnte. Ein wildes Kribbeln rann durch meinen Körper. Er hatte meinen Wunsch nicht vergessen.

Heute Abend ist es endlich soweit. Ich stehe vor dem Spiegel. Prüfend drehe ich mich hin und her. Das schlichte schwarze Kleid bildet einen intensiven Kontrast zu meiner hellen Haut und den blonden Haaren. Warum musste es unbedingt das Schwarze sein? Ich hätte auch das Royalblaue kaufen können, dass meine Augenfarbe so wunderbar hervorgehoben hatte. Werde ich den Marquis damit beeindrucken können? Aber nein, ich wollte etwas Unauffälliges. Nun ist es zu spät für Reue.

Ich sehe auf die Uhr. Halb acht. Ich gehe zum Fenster. Die Limousine fährt vor. Bis zu diesem Augenblick gab es diesen kleinen Zweifel. Doch er hat Wort gehalten.

Mit einem Zittern im Herzen verlasse ich meine winzige Wohnung und steige die Treppen hinab. Als ich auf den Wagen zu gehe, steigt ein Chauffeur aus und hält mir die Tür auf. Ich lasse mich vorsichtig in die weichen Lederpolster gleiten. Lange Kleider trage ich sonst nicht. Der Fahrer schließt die Tür und damit alle Geräusche aus.

Meine Aufregung steigt ins Unermessliche. Werden die Fantasien, die wir tauschten, wahr? Sie sind sehr explizit, weit entfernt von dem üblichen süßlichen ersten Date. Meine Finger streichen über das weiche Leder der Sitze, ich stelle mir vor, wie er mir die Strümpfe von den Beinen streift und mein Kleid nach oben schiebt. Ehe ich weiter in verlockenden Träumen versinken kann, hält die Limousine und der Chauffeur öffnet den Fond. Er reicht mir die behandschuhte Hand und hilft mir beim Aussteigen.

„Dort entlang“, er deutet auf die breite Treppe zu einem villenähnlichen Gebäude.

Ich nicke. Fühle mich eingeschüchtert und gehe unsicher auf das Haus zu. Ich erreiche die Treppe und ein Page eilt mir entgegen. Er reicht mir den Arm.

„Miss Winter, darf ich sie begleiten? Der Marquis erwartet sie“, sagt er und lächelt freundlich.

Erleichtert lege ich meine Hand auf seinen Arm.

„Sehr gerne.“ In dem Augenblick wird mir bewusste, dass ich den Marquis noch nie gesehen habe. Wir haben uns nur in einem Forum geschrieben und zwei Mal telefoniert. Trotzdem habe ich eine sehr genaue Vorstellung von ihm. Er ist mir in den letzten Wochen so wirklich geworden, ich weiß so viel von ihm und er von mir, dass ich komplett verdrängt habe, dass ich ihn nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. Werde ich ihn trotzdem erkennen?

Der Page öffnet die Tür und lässt mich eintreten. Stimmen, Lachen und Musik dringen in den Windfang. Eine weitere Tür öffnet sich und ich trete in die Vorhalle. Überall stehen Grüppchen elegant angezogener Gäste. Ich bin froh, dass sich niemand nach mir umdreht.

„Hier entlang“, höre ich die Stimme des Pagen neben mir.

Ich wende mich nach links und folge ihm. Er führt mich in einen riesigen Saal mit Spiegeln und gleißenden Lüstern. Ich muss aufpassen, dass mir der Mund nicht offen stehen bleibt. Natürlich habe ich schon Ballsäle gesehen. Ich liebe Schlösser und Burgen und habe einige besichtigt. Doch dieser Anblick ist einfach grandios.

Bevor ich mich weiter in das Interieur vertiefen kann, bemerke ich zwei Männer, die auf mich zu kommen. Mein Herzschlag beschleunigt sich, mein Brustkorb presst sich zusammen und als der Page sagt: „Der Marquis“, bleibe ich wie angewurzelt stehen.

„Miss Juliette Winter“, stellt mich der Page vor.

Der Größere, der beiden, tritt einen Schritt vor, reicht mir die Hand. Seine dunklen Augen mustern mich interessiert. Er zieht meine Hand an seine Lippen drückt einen Kuss auf meinen Handrücken. Ich lasse es geschehen.

„Ich freue mich, dich endlich kennenzulernen“, sagt er. Seine Stimme ist sanft und tief.

„Danke“, presse ich unsicher hervor.

Irritiert sehe ich den Marquis an. Irgendetwas stimmt nicht. Warum sagt er meinen Namen nicht? In unseren Gesprächen nannte er mich oft bei meinem Namen, ebenso in den beiden Telefongesprächen. Er spricht ihn auf eine ganz eigene Art aus. Es ist ein süßes Flüstern, eine erregende Verheißung, dass er nicht nur meinen Namen auf eine Weise behandelt, wie es noch kein Mann zu vor getan hat, sondern auch meinen Körper und meine Seele auf eine Weise in Besitz nehmen wird, die mich nie wieder an einen anderen Mann denken lassen werden.

Der Begleiter des Marquis kommt näher. Er umfasst mein Handgelenk, dreht es sanft und haucht einen Kuss auf meinen Puls. Ich halte den Atem an. Er lässt mein Gesicht nicht aus den Augen. Ich versinke in seinem tiefen Blick.

„Wie schön dich endlich zu sehen, Juliette.“

Er sagt es auf diese eine unnachahmliche Weise, die mich seit Wochen in meinen Träumen begleitet.

„Du bist es.“

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es sage oder nur denke. Er lächelt triumphierend.

„Ich sagte dir, sie wird mich erkennen“, sagt er zu dem falschen Marquis.

Der andere Mann deutet eine leichte Verbeugung an und zieht sich zurück. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, hat mich der Marquis in seine Arme gezogen. Er nimmt meine Hand in seine, hält meinen Blick fest und für einen Moment hört die Welt auf sich zu drehen.

„Du gehörst mir“, sagt er.

Ich nicke wortlos. Wozu etwas bestätigen, dass in dem Augenblick besiegelt war, als er meinen Namen sagte.

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„Der geflügelte Löwe“, flüsterte Karan, „es gibt ihn wirklich.“

„Meinst du, es ist wahr und hier liegt das Geheimnis der Fürsten der alten Reiche verborgen?“

Alynd berührte sacht Karans Arm. Er erschrak, so sehr bannte das große Siegel seine Gedanken. Karan kannte den Zauberspruch, der es öffnen konnte. Besessen war er davon gewesen, die Burg der Alten zu finden und dem Wahrheitsgehalt der Legenden auf den Grund zu gehen. Nun da Karan sein Ziel fast erreicht hatte, schien ihm das Ganze nichts mehr zu bedeuten. Zu viele Opfer hatte er bringen müssen und niemand war Schuld dran, nur er allein.

„Willst du den Spruch nicht sagen?“

Alynd sah ihn fragend an. Karan vermied es zurückzuschauen.

„Sollen die Opfer umsonst gewesen sein? Der Schmerz, die Tränen und Entbehrungen?“, fragte sie sanft.

Karan wandte ihr das Gesicht zu. Kein Vorwurf über sein Versagen lag in ihren dunklen Augen, nur unendliche Liebe. Sie liebte ihn, hatte es schon immer getan. Jetzt, am Ende des Weges, erkannte er es. Wie war das möglich? War das die Antwort auf alle Fragen? Den Sinn, die Tiefe, die Essenz des Lebens an sich? Die Liebe.

„Bist du sicher? Wollen wir das wirklich tun?“, fragte er.

Alynd nickte.

„Ja. Ich werde immer bei dir sein. Wohin du auch gehst. Ob zum Guten oder Schlechten. Nichts wird mich von dir trennen.“

Sie griff nach seiner Hand. Spürte die rauen Stellen, die Schwielen der harten Arbeit an seinen Fingern. Hände die hart zupacken und sanft streicheln konnten. Karan hob Alynds Hand zum Mund und küsste ihren Handrücken. Ihre Augen versanken in einander. Die Prinzessin und der Schmied. Das waren sie einmal gewesen. Alynd kam es vor, als wäre es Zeitalter her. Nun waren sie Liebende. Sie lächelte ihm ermutigend zu.

Karan legte die frei Hand auf das große Siegel. Er spürte das Relief des geflügelten Löwen unter seiner Handfläche. Dann sprach er den Zauberspruch.

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Nathalie sah ihn hereinkommen. Sein Anzug saß wie angegossen und die Schuhe glänzten. Er warf einen kurzen Blick in den pompösen Barockspiegel, strich sich durch die dunklen Haare und steuerte direkt auf Sara zu. Nathalie bemerkte die Blicke der umstehenden Damen, als er sich durch die Grüppchen der schwatzenden Gäste drängte. Als er Sara erreichte, wechselte das Orchester zu einem langsamen Walzer.

Nathalies Aufmerksamkeit wurde kurzzeitig von einem schneidigen Offizier abgelenkt, der sie zum Tanz aufforderte. Nachdem sie ihn abgewimmelt hatte, sah sie, wie er sich über Saras Hand beugte und ihr einen Kuss auf den Handrücken drückte, ohne den Blick von ihrem Gesicht zu wenden.

In Nathalies Hirn sprangen sämtliche Alarmleuchten an. Er machte seine Drohung wahr. Fieberhaft überlegte sie, was sie tun konnte, die Katastrophe abzuwenden.

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Nach unruhigem Schlaf und verwirrenden Träumen, in denen Gilbert de Clare eine entscheidende Rolle gespielt hat, beschließt Rosalie einen Spaziergang zu unternehmen. Es ist noch früh am Morgen, zarte Nebelschleier liegen über dem Garten und den angrenzenden Ländereien. Im Haus ist noch alles still, nur im Küchentrakt und in den Räumen der Dienerschaft herrscht reges Treiben.

Rosalie verlässt unbemerkt das Haus. Die Kühle des Morgens lässt sie erschauern. Sie schließt die oberen Knöpfe ihres Mantels und zieht sich den warmen Schal enger, um die Schultern.

Auf dem Rondell vor dem Haus befindet sich ein großer Brunnen inmitten von Rosenbeeten. Rosalie bemerkt sofort, dass sie die sorgenden Hände eines Gärtners schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen haben. Bei näherer Betrachtung stellt sie fest, dass sich das riesige Anwesen in einem bedauernswerten Zustand befindet. Es ist nicht völlig heruntergekommen, aber anders als Rosalies elegantes, modernes Stadthaus mit elektrischem Licht, fließendem Wasser und einem kleinen, aber perfekt angelegtem Garten, macht das Herrenhaus der de Clares einen verwilderten, abgewirtschafteten Eindruck. Die einzigen Gebäude, die penibel gepflegt sind, sind die Pferdeställe.

Rosalie überlegt, ob sie es sich erlauben kann, die Stallungen ohne Genehmigung des Hausherrn zu besichtigen, als sie ein fröhliche Stimme hinter sich hört.

„Guten Morgen. Sie sind früh auf, Miss Graville, nehme ich an.“

Rosalie dreht sich um und blickt in zwei strahlend blaue Augen, die zu einem Mann in einem eleganten Reitanzug gehören, der offensichtlich nicht Gilbert de Clare ist.

„Ich wünsche ihnen auch einen guten Morgen.“ Sie erwidert sein freundliches Lächeln. „Sie sind gut informiert. Ich bin Rosalie Graville.“ Sie reicht ihm die Hand, „und sie sind?“

„Anthony Douglas“, er nimmt ihre Hand und haucht einen Kuss auf ihren behandschuhten Handrücken.

„Gils Cousin, mütterlicherseits.“

„Sehr erfreut, Mister Douglas.“

Rosalie entzieht ihm ihre Hand.

„Oh, bitte, nicht so förmlich. Nennen sie mich Anthony.“

Rosalie schmunzelt. Mister Douglas ist ein charmanter Mann. Schlank, durchtrainiert, gut proportionierten Gesichtszügen und blonden, leicht widerspenstigen Haaren.

„Wie ich sehe, wollten sie gerade ausreiten. Ich möchte sie nicht abhalten.“

„Oh, sie halten mich in keiner Weise ab“, er beugt sich vor und senkt vertraulich die Stimme, „ich bin sogar sehr froh, dass ich sie hier treffe. Glauben sie mir, Rosalie, die düstere Umgebung drückt auf die Stimmung. Seit wir hier sind, hat Gil sich nicht zu seinen Gunsten verändert.“

Rosalie zieht die Brauen hoch und wendet sich dem Haus zu. Tatsächlich war ihr der verbesserungswürdige Zustand auch aufgefallen, aber düster? Diesen Eindruck hat sie nicht.

„Thony“, wie ich sehe, hast du dich schon mit Miss Graville bekannt gemacht“, hörte Rosalie die süffisante Stimme von Gilbert de Clare, „ich hoffe, er hat noch nicht alle Geheimnisse des Hauses ausgeplaudert.“

Rosalie dreht sich um. Vor ihr steht Gilbert. Er zieht den Hut und deutet eine Verbeugung an. Sie unterdrückt einen Überraschungslaut. Gilbert ist der bestaussehende Mann, den sie je gesehen hat. In der Dunkelheit am Vorabend konnte sie nur seine große Statur erkennen.

Gil ist größer als Anthony, hat aber die gleiche Haarfarbe. Allerdings sind seine Haare exakt frisiert. Das leicht ovale Gesicht wird von außergewöhnlichen, sehr hellen blauen Augen und einem schönen Mund mit vollen Lippen dominiert. Sein Kinn ziert ein kleines Grübchen.

„Nein, Mister Douglas war sehr diskret“, erwidert Rosalie, „aber ich hoffe, dass sie mir einige Fragen beantworten können.“

„Wir werden sehen, Miss Graville“, Gil verzieht keine Miene. Rosalie hat das Gefühl, als sähe er durch sie hindurch. „Ich nehme nicht an, dass sie uns heute schon wieder verlassen wollen.“

Der Sarkasmus in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Anthony setzt zu einer Milderung der Äußerung an, aber Rosalie schüttelt den Kopf.

„Ich bewundere ihren Scharfsinn, Mylord.“

Sie schenkt Gil ein strahlendes Lächeln. Für den Bruchteil einer Sekunde hebt sich eine seiner Augenbrauen, aber sofort ist er wieder ganz unterkühlte Beherrschung.

„Wir sehen uns zum Frühstück“, sagt sie zu Anthony gewandt.

„Das wäre mir eine Freude“, er kann sich ein Grinsen nur mit Mühe verkneifen, neigt leicht den Kopf und folgt Gil in den Stall.

„Tom, die Pferde“, hört sie Gils gebieterische Stimme.

„Ja, Sir, Tunder und Ares sind gesattelt“, antwortet eine jugendliche Stimme dienstbeflissen.

Rosalie wartet bis die beiden Herren die Pferde herausführen und aufsitzen. Während Anthony ihr einen freundlichen Abschiedsgruß zu winkt, hat Gil seinem Hengst schon die Sporen geben und prescht vom Vorplatz.

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