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Posts Tagged ‘Hand’

Wir stehen am Scheideweg.

Ich reiche dir meine Hand: Komm.

Du zögerst, bleibst stehen und schaust dich um.

Vergangenes kehrt nicht zurück, lass los.

Das Leben fließt stetig nach vorn, ahndet jede verpasste Gelegenheit.

Unsere Wege müssen sich trennen, weil ich mich wandeln und du nicht wachsen willst.

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Schreibe über den Sound, die Farbe, den Geruch/Geschmack von Einsamkeit.

Lullabye

Julies Hände zittern, krampfen sich um das Lenkrad. Sie fährt rechts ran. Der Song erwischt sie eiskalt.

“Goodnight, my angel
Time to close your eyes
And save these questions for another day
I think I know what you’ve been asking me
I think you know what I’ve been trying to say
I promised I would never leave you
And you should always know
Wherever you may go
No matter where you are
I never will be far away
Goodnight, my angel
Now it’s time to sleep
And still so many things I want to say
Remember all the songs you sang for me
When we went sailing on an emerald bay
And like a boat out on the ocean
I’m rocking you to sleep
The water’s dark
And deep inside this ancient heart
You’ll always be a part of me
Goodnight, my angel
Now it’s time to dream
And dream how wonderful your life will be
Someday your child may cry
And if you sing this lullabye
Then in your heart
There will always be a part of me

Someday we’ll all be gone
But lullabyes go on and on…
They never die
That’s how you
And I
Will be …

Die letzten Töne verklingen. Tränen laufen ihr die Wangen herunter, sammeln sich in ihren Mundwinkeln, tropfen auf das T-Shirt. Das Salz wird ihr bitter auf der Zunge. Julie schluckt sie herunter. Hofft, dass die Bitternis den Schmerz überflügelt und endlich heilt.

Er schickte ihr das Lied eines Nachts, als Julies Sehnsucht sie fraß und die Einsamkeit so tiefschwarz war, dass sie dachte, ihr Herz würde brechen. Es beruhigte sie, legte sich, wie seine sanfte Hand, auf ihre Seele.

Doch dann – Dinge geschehen – manche große Lieben dürfen nicht sein. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein ängstliches Herz, Schuld, Verpflichtung. Niemand ist eine Insel. Das Leben geht keine geraden Wege.

„Wir dürfen uns nicht mehr sehen. Sie hat bemerkt, dass etwas anders ist.“

Julie blieb stumm. Sie nickte verständnisvoll. Vor diesem Moment hatte sie sich gefürchtet, gehofft er würde niemals kommen. Sie dachte an die andere Frau, die ältere Rechte hatte, die im Rollstuhl saß und seine Hilfe brauchte. Er hatte sie nicht im Unklaren über seine Situation gelassen. Julie wusste, vorauf sie sich einließ und sie tat es mit ganzem Herzen. Sie wollte ihn und war bereit jede Konsequenz zu tragen.

Julie dachte an den zauberhaften Moment ihrer ersten Begegnung. Sie waren in einem Buchladen zusammengestoßen. Ihr fielen die Bücher aus der Hand. Er hob sie auf. Ihre Blicke begegneten sich. In Julies Brust entzündet sich ein Funke, der ihr Herz in Flammen setzte.

Das Feuer brennt noch immer. Weder Entfernung, Stille, nicht Vernunft änderten etwas daran. Tausend Mal sagte sich Julie, dass es gut war. Besser früher, als später. Doch nichts überdauert länger, als unerfüllte Liebe. Die ungelebten Möglichkeiten, ungetauschten Küsse und Zärtlichkeiten, die unausgesprochenen Liebesschwüre, die nicht durchliebten Nächte, nicht gefühlten Ekstasen. Da war der Traum von etwas anderem. Eine Sehnsucht, die nichts löschen konnte.

Immer wieder sah Julie seine strahlenden Augen, das Lächeln, das ihr Herz im Sturm erobert hatte, vor sich. Sie konnte seine sanfte dunkle Stimme nicht vergessen, seine zärtlichen Lippen und die schönen Hände.

Julie atmete tief durch, wischte sich energisch die Tränen aus dem Gesicht. Er war dort draußen, irgendwo. Sie liebte ihn. Es gab kein Ende ihrer Gefühle.

Unerfüllte Liebe stirbt nicht an Gewohnheiten, Streit und Desillusionierung. Sie mag mit der Zeit ein wenig verblassen, aber am Ende lässt der Gedanke „was wäre gewesen wenn“ einen nicht los.

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Was tut ein Schriftsteller, der nicht schreiben kann – nicht weil er nicht will, sondern weil er nicht kann – lesen – mehr lesen, als gewöhnlich.

In meiner heutige Kaffeelektüre aus dem Buch „Sie schreiben wie ein Mann, Madame“ von N.Kohlhagen lass ich zwei schöne Sätze. Der erste stammt von Harriet Beecher-Stowe, der Autorin von „Onkel Toms Hütte“:

„Ein Buch ist wie eine Hand, die ins Dunkel ausgestreckt wird – in der Hoffnung, dass ihr eine andere Hand begegnet.“

Das zweite Zitat stammt von Charlotte Bronte:

„Wenn ich schreibe, kann ich nicht immer daran denken, was „elegant“ und „charmant“ und „weiblich“ ist. Mit solchen Gedanken habe ich nie die Feder in die Hand genommen … .“

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Im Labor

„Gut, dass du kommst“, Aaron hielt mir triumphierend ein kleines hellblaues Tütchen entgegen, „meine neuste Entdeckung.“

Er legte mir ein Papierstäbchen in die Hand, das aussah wie die kleinen Zuckertüten, die im Cafe immer neben dem Kaffee auf der Untertasse lagen. Ich drehte es hin und her, schüttelte es. Es raschelte.

„Und was soll das sein? Sag nicht Zuckertütchen. Die gibt es schon.“

Ich setzte mich auf den Drehstuhl vor Aarons Arbeitstisch. Fasziniert und mit besorgtem Interesse betrachtete ich seine Versuchsanordnungen. In den Destillierapparaten brodelte es und in Reagenzgläsern, Petrischalen und Glaskolben agierten merkwürdige Stoffe miteinander. Es wäre nicht das erste Mal, dass Aaron Substanzen miteinander mischte, die, nun sagen wir einmal, explosive Legierungen ergaben. In seinem Labor roch es immer merkwürdig. Diesmal lag ein Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln in der Luft.

Aaron sah mich mit strafendem Blick an und nahm mir das Tütchen aus der Hand, bevor ich es aufreißen konnte.

„Ich weiß, dass du mich für einen verrückten Wissenschaftler hältst, was ich vielleicht auch bin“, er hielt kurz inne. Ehe ich ihm meine Ansicht über ihn bestätigen konnte, fuhr er fort, „aber das es Zuckertütchen schon gibt, weiß ich selbst!“

Seine blauen Augen funkelten mich ärgerlich an und in meinem Bauch flog ein wilder Schwarm Schmetterlinge auf. Aaron würde nie merken, was ich für ihn empfand. Es schien außerhalb seines Horizonts zu liegen, dass ich in ihn verliebt sein könnte. Tatsächlich waren wir wie Tag und Nacht. Was unsere Zusammenarbeit schwierig, aber auch sehr erfolgreich machte.

„Also, was ist denn nun das Besondere?“

„Schneegestöber in Tüten.“

Aaron nahm eine kleine Kiste von seinem Schreibtisch und hielt sie mir vor die Nase.

„Ähm, wie bitte?“, ich musste mich verhört haben, „Schneegestöber in Tüten?“

Ich sah Aaron misstrauisch an und argwöhnte, er wollte mich auf den Arm nehmen.

„Nicht nur“, er grinste breit und hielt mir den Karton hin, in dem verschiedene bunte Papiertütchen lagen, „es gibt auch Nebel, Wind und Regen in verschiedener Stärke, Blitze, Donner, und eben Schneegestöber.“

„Das mag ja ein netter Party-Gag sein, aber wie soll uns das bei der Arbeit helfen.“

Wieder das ärgerliche Funkeln in seinem Blick und mein Herzschlag beschleunigte sich. Himmel, diese Augen!

„Party-Gag!“, er sah mich mit strafendem Blick an, „das lass nur meine Sorge sein! Du kennst mich inzwischen drei Jahre und vertraust mir immer noch nicht.“ Aaron stellte den Karton wieder zurück. „Apropos, bist du mit deiner Recherche weitergekommen?“

Er setzte sich hinter den Schreibtisch, lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte die Füße auf den Tisch. Das machte er selten. Aaron musste sehr zufrieden mit seiner neuen Entdeckung sein.

„Ja, bin ich. Der Gegenstand steht im Museum in Flensburg, in der stadtgeschichtlichen Ausstellung.“

Ich stand auf und ging zur Anrichte hinüber. Ich stellte eine Tasse unter den Kaffeeautomaten und wählte Milchkaffee.

„Bist du sicher?“, ein leiser Ton von Skepsis schwang in seiner Stimme mit.

Diesmal funkelte ich Aaron ärgerlich an. Hinter mir setzte sich die Kaffeemaschine in Gang und gab ein Zischen und Mahlen von sich.

„Wie sicher kann man sich sein? Reicht dir 99%?“

„99,999% wären mir lieber. Aber gut, wenn du meinst.“

Ich nahm die Kaffeetasse von der Maschine und setzte mich wieder. Durchatmen, nicht provozieren lassen, dachte ich.

„Eine Ferndiagnose zu stellen ist immer schwierig“, erwiderte ich so lässig, wie möglich, „deswegen fahre ich morgen früh nach Flensburg, um mich selbst von der Echtheit des Artefakts zu überzeugen“, und um Aaron zu ärgern fügte ich hinzu, „Oliver ist schon unterwegs und bereite alles vor.“

„Oliver?“, Aarons Gesichtsausdruck versteinerte sich, „du willst mit diesem Dilettanten zusammenarbeiten?“

„Von ihm stammt der Tipp. Ich finde, da hat er es verdient, dabei zu sein.“

Aaron stand auf, beugte sich über den Schreibtisch und sah mir tief in die Augen.

„Nur über meine kalte Leiche!“, sagte er und ich konnte die Wut in seiner Stimme hören, „das letzte Mal, als er dabei war, wärst du beinahe getötet worden. Das Risiko gehe ich nicht noch einmal ein! Ich begleite dich auf Schritt und Tritt.“

Ich öffnete den Mund, aber er hob den Finger.

„Keine Widerrede! Ich lasse dich keine Sekunde mit diesem Schwachkopf allein. Denk nicht mal daran!“

Ich schloss den Mund wieder. Tatsächlich wollte ich ihm nur sagen, dass ich mit seiner Begleitung sehr einverstanden war. Doch wenn er unbedingt an meinen Widerspruch glauben wollte, ich hinderte ihn nicht daran.

Oliver war noch neu in unserem Business und hatte wenig Erfahrung. Er war ein auffallend gutaussehender Mann und versuchte sich ausdauernd an mich heranzumachen, aber ganz wohl war mir in seiner Gegenwart, seit dem letzten gemeinsamen Auftrag, auch nicht mehr.

„Ich hole dich um acht Uhr ab.“

Ich musste lachen.

„Das tust du nicht! Ich fahre. Um acht Uhr vor deiner Haustür.“

„Du fährst wie ein Henker“, stellte Aaron fest und zog eine Braue hoch.

„Und du wie meine Großmutter!“, ich schüttelte den Kopf, „entweder auf meine Weise oder du musst mit dem Zug fahren.“

Aaron zögerte und für einen Moment dachte ich, er würde sich gegen die Autofahrt mit mir entscheiden, aber der Gedanke an Oliver und mich schien ihm wenig zu behagen.

„Gut, auf deinen Weise“, gab er nach, „ich muss noch einige Vorbereitungen treffen.“

Das war mein Zeichen.

„Dann lass ich dich mal machen“, ich grinste, „bis morgen.“

Beschwingt tänzelte ich aus Aarons Labor. Ich freute mich auf unseren Ausflug. Es war das erste Mal nach meinem Unfall.

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„Sorry, wichtiger Fall. Muss länger arbeiten.“

Wut steigt in meiner Kehle hoch, als ich Bernds Zeilen auf dem Display lese. Ich stehe seit 10 Minuten im Regen, der inzwischen durch meine Pumps dringt und warte auf sein Erscheinen. Es ist das dritte Mal, dass er mir absagt, doch dieses Szenario setzte dem Debakel die Krone auf.

„Du kannst mich mal, sorry“, tippe ich unbeholfen, balanciere den Regenschirm auf meiner Schulter.

Ich schiebe das Handy zurück in die Tasche und sehe mich nach einer Zuflucht um, in der ich mich aufwärmen könnte, bevor ich in meine einsamen vier Wände zurückkehre, die ein Teil meiner Schwierigkeiten sind.

Ein Stück die Straße hinunter fällt mir ein Schild auf. Musikbar Odeon. Warmes Licht spiegelt sich in den Pfützen auf dem Bürgersteig. Ich husche unter den Vordächern der geschlossenen Läden entlang. Alles ist besser, als die Einsamkeit.

Ich liebe das kleine Gartenhaus der Gründerzeitvilla, unter den riesigen alten Bäumen. Es ist wie ein verwunschenes Paradies. Leider hatte die Schlange Adam aus meinem Paradies vertrieben, oder sollte ich sagen entführt, und mich Obdachlos gemacht. Andererseits würde ich kaum in diesem traumhaften kleinen Häuschen wohnen, wenn ich nicht einen kompletten Neustart in einer fremden Stadt hingelegt hätte.

Dass sich Bernd, einer der Junior-Anwälte der Kanzlei für die ich arbeite, für mich interessierte tat mir gut, am Anfang. Jetzt ist es nur noch eine Farce. Besser, es war eine. Schluss damit.

Mit einem Ruck ziehe ich die Tür zum Odeon auf und stürze beinahe über die dicke Matte, die als Fußabtreter dient. In letzter Sekunde fange ich mich ab. Meine Handtasche und den Schirm kann ich nicht retten. Der Schirm landet unter einem Tisch und der Inhalt der Tasche ergießt sich in den Gastraum. Das Stimmengewirr der Gäste verstummt. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Nur der Mann am Flügel schaut nicht auf. Er spielt weiter, als ob nichts geschehen ist.

„Entschuldigung“, stammele ich und erröte bis unter die Haarspitzen.

Peinlich berührt von meinem Auftritt, raffe ich hastig meinen Kleinkram zusammen und stopfe ihn zurück in die Tasche. Unterstützung bekomme ich von einer freundlichen Bedienung. Die Gäste haben sich inzwischen wieder ihren Gesprächen zu gewendet.

„Machen sie sich keine Sorgen“, sagt sie und reicht mir meine Geldbörse, „das kann passieren.“

Ich ordne meine Kleider. Sie nimmt mir die Jacke ab und hängt sie an die Garderobe, steckt meinen Schirm in den dafür vorgesehenen Ständer. Ich setzte mich an die blankpolierte Bar aus rotem Holz. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass niemand hinschaut, streife ich meine nassen Pumps ab und klammere meine Zehen um den Metallring des Barhockers, der als Fußtritt dient. Die Kälte des Metalls rinnt meine Schienbeine hoch und löst eine Gänsehaut aus, die bis in den Nacken steigt. Ich erschauere.

„Was darf ich ihnen bringen?“, der Barkeeper schaut mich erwartungsvoll an.

„Einen großen Milchkaffee und etwas Alkoholisches zum Aufwärmen, bitte.“

Er lächelt und zwinkert mir zu.

„Da habe ich was für sie.“

Auf dem silbernen Schildchen an seiner Weste lese ich seinen Namen.

„Darauf habe ich gehofft, Josh“, erwidere ich sein Lächeln.

Während Josh die silberglänzende imposante Kaffeemaschine dazu bringt kochendheißes Wasser durch die Düsen durch den Kaffeefilter zu pressen und mir einen Milchkaffee braut, sehe ich mich um.

Das Odeon ist eine Musikbar der gehobenen Klasse. Der Gastraum ist größer, als es beim ersten Hinsehen den Eindruck machte. Die Theke hat die Form eines langgezogenen L und führt den Besucher in einen weiteren Gastraum dahinter. Die Einrichtung ist gediegen, das Mobiliar aus dunkelrotem Holz, wie der Tresen. Die Tapete ist aus goldgemusterter Seide.

Die Gäste an den kleinen Tischen sind elegant angezogen. Die Damen tragen Kleider und Schmuck, die Herren Anzüge und Krawatten. Ich fühle mich deplatziert. Es kommt mir vor, als hätte der Sturz mich in eine andere Zeit katapultiert. Wenn sich die Tür öffnet, Hemingway und Fitzgerald hereinkommen und neben mir am Tresen platznehmen, würde ich mich nicht wundern.

Mein Blick bleibt an dem schwarzen blankpolierten Flügel und dem Eroberer seiner Tasten hängen. Die leichte Melodie, die unter seinen Fingern aus den Seiten fließt, hat eine melancholische Wendung genommen. Mein Herz macht einen schmerzhaften Hopser. Für einen Moment halte ich den Atem an. Wie kann er Musik spielen, die meinen Herzschlag beeinflusst?

„Milchkaffee und heißer Amaretto mit Sahne“, Josh stellt die Getränke neben mich auf den Tresen, „das wärmt.“

„Danke, Josh“, sage ich artig und habe das Gefühl, beobachtet zu werden.

Josh entfernt sich taktvoll und ich wende meine Aufmerksamkeit erneut dem Pianisten zu. Kurz habe ich den Eindruck, er hätte in meine Richtung geschaut, aber seine Augen sind auf die Notenblätter vor ihm gerichtet. Ich bin sicher, dass das Musikstück, das er jetzt spielt, nicht auf den Blättern steht. Die Melodie hüllt mich ein, streicht über meine Haut, füllt den Raum, als könnte sie ein ganzes Universum mit Energie aufladen.

Ich nippe an dem heißen Amaretto, der mir süß die Kehle hinab läuft und eine angenehme Wärme ausstrahlt. Meine Augen heften sich auf die Hände des Mannes im dunklen Anzug. Mit eleganter Leichtigkeit laufen seine Finger über die schwarz- weißen Tasten. Mal sanft, mal fest schlagen sie die Töne an, die gleich leise klirrende Perlenketten durch den Raum schwingen. Ich habe das Gefühl, er spielt nur für mich, obwohl er durch nichts zeigt, dass er mich beachtet. Sein Blick wandert nicht in meine Richtung, scheint nach innen gerichtet zu sein.

Der Amaretto ist alle. Ich habe nicht bemerkt, dass ich das Glas ausgetrunken habe. Die Melodie geht in eine andere über. Die Sehnsucht des Liedes ergießt sich in mein Herz. Es erzählt von Sehnsucht, Einsamkeit und Träumen. Tränen treten mir in die Augen. Energisch versuche ich sie wegzudrängen. Ein wehmütiges Lächeln liegt auf den sinnlichen Lippen des Mannes. Seine Lider sind halb geschlossen. Versunken in seine Musik sitzt er da. Ganz nah und doch fern.

„Noch einen Amaretto“, fragte Josh neben mir und reißt mich aus meinen Betrachtungen.

„Gerne“, ich lächele ihm dankbar zu.

„Kommt sofort.“

Ich schaffe es meinen Blick solange von dem Klavierspieler zurückzuhalten, bis Josh mir den Amaretto hinstellt und sich anderen Gästen zu wendet. Als würde ich unter einem Bann stehen, zieht es meinen Blick wieder zu ihm. Er ist schlank, hat kurze dunkelblonde Haare und dieser Mund! Mit den Augen taste ich die Linien seiner Lippen nach. Wie es sich anfühlt, wenn sich sein Mund auf meinen legt?

Jeder Anschlag eines Tons rührt etwas in meinem Inneren an. Die Schutzmauer, die ich so mühsam aufgebaut und aufrecht gehalten habe, bekommt Risse. Mein Verstand warnt mich. Wenn ich nicht bald gehe, wird sie zerbersten und einstürzen. Ich ignoriere ihn, trinke den heißen süßen Amaretto, lecke mir die Sahne von den Lippen. Genieße das wohlige Gefühl der Leichtigkeit, das der Alkohol in mir auslöst, und meine Fantasie auf den Flügeln der Musik dahin schweben lässt.

Die Finger des Klavierspielers beherrschen die besonderen Nuance, die Tasten mal sanft, mal fester anzuschlagen, je nach Belieben schnell oder langsam dahin zu fließen. Seine Hände sind gepflegt, kurze Nägel, kraftvolle schöne Finger.

Ich stelle mir vor, wie er den Reißverschluss meines Kleides herunterzieht, seine Fingerspitzen mein Rückrad entlang streichen, wie er die Haken meines BH`s öffnet und meine Brüste freilegt. Die schwarze Spitze über meine Knospen reibt und sie hart und spitz abstehen, nur darauf warten von seinen Fingern umschlossen und süßer Qual ausgesetzt zu sein. Ein erregendes Kribbeln sammelt sich in meinem Nacken, versetzt meinen Körper in lustvolle Spannung nach mehr. Ich warte gespannt, welche Wunderdinge er mit seinen Zauberhänden tun kann.

Ein Seufzer springt von meinen Lippen. Unbewusst nur, aber nicht aufzuhalten. Der Mann am Piano blickt auf. Unsere Blicke treffen sich. Funken fliegen. Ich bin sicher, er erkennt mich, die große Sehnsucht, die er mit seinem wundervollen Spiel auslöst. Doch dann schaut er auf die Tastatur, sinkt zurück in sich selbst.

Es fühlt sich an, als wäre ich in eine eiskalte Pfütze ohne Boden gesprungen. Ich gehe unter. Das Wasser schlägt über mir zusammen. Ich schnappe nach Luft, Wasser dringt in meine Kehle, nimmt mir den Atem.

„Kann ich etwas für sie tun?“, fragt Josh neben mir, „sie sind ganz blass geworden.“

„Nein danke“, sage ich und meine Stimme zittert, „ich möchte zahlen.“

Ich suche meine Geldbörse, begleiche die Rechnung.

„Würden sie mir ein Taxi rufen? Der Regen hat nicht nachgelassen und der Weg in die Kastanienallee ist weit“, bitte ich den netten Barmann nach einem kritischen Blick aus dem Fenster.

„Sehr gerne“, Josh nickt und lächelt. „Wohnen sie in einer der alten Villen?“

„Nein. Nur im Gartenhaus unter den Kastanien.“

Ich gehe zur Garderobe und schlüpfe in meine Jacke, angele meinen Schirm aus dem Schirmständer. Eingehüllt in die sanften Melodien, trete ich auf die Schwelle der Bar. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Die Töne verstummen und gießen Stille über mich aus. Nur der Regen singt sein Lied. Ich fühle sie wieder, die Einsamkeit. Schlimmer als zu vor.

Das Taxi hält. Ich laufe über den Bürgersteig, gleite auf den Beifahrersitz und nenne die Adresse. Der Fahrer gibt nur einen zustimmenden Laut von sich und fährt los. Ich sehe aus dem Fenster. Meine Gedanken fahren Achterbahn.

Ich sehne mich schmerzhaft nach ihm, dem unbekannten Mann am Flügel. Sein Spiel brannte sich in meine Seele, legte ein Feuer, das meinen Körper erfasste. Es weckte verdrängte Lüste und Begierden auf und macht mich verrückt. Ich will ihn. Will seinen Körper und seine Seele erkennen. Mein Verstand tadelt meine Gier, doch meine hungernde Seele und mein ausgezehrter Körper kämpfen jeden Einwand nieder. Ich muss ihn wiedersehen, koste es, was es wolle.

Die schlafende Stadt fliegt an mir vorbei. Der Fahrer hält vor der Villa. Ich zahle, steige aus. Schnell betrete den Vorgarten, gehe den schmalen Plattenweg ums Haus entlang. Ich will nur noch eins, ins Bett. Mich in die warme weiche Decke einhüllen und die Hände des Klavierspielers auf meinem Körper fühlen, im Traum.

Ich krame in der Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Er ist nicht da. Hektisch wühle ich in dem Chaos herum. Der Schlüssel ist taucht nicht auf. Er liegt wahrscheinlich im Odeon unter einem der Tische. Ich muss nochmal zurück in die Bar. Allerdings hat der Taxifahrer mein letztes Geld bekommen. Das bedeutet den ganzen Weg zu Fuß. Im Regen, mit diesen blöden Pumps. Das alles für ein Date mit einem Mann, der mich zwei Mal versetzt hatte, nur damit ich den Samstagabend nicht wieder allein verbringen musste.

Plötzlich fühle ich mich unendlich einsam. Ich denke an den Mann am Flügel. Seine sinnlichen Lippen, die schönen Hände, die den Saiten des Instruments die sehnsüchtigen Klänge entlockten und mich auf diese unglaublich intensive Weise berührten. Tränen rinnen über meine Wangen, tropfen auf den Jackenkragen.

Es hilft nichts. Wenn ich in mein Bett will, muss ich zur Bar gehen und meinen Schlüssel holen. Ich mache mich auf den Rückweg, biege gerade um die Ecke der Villa, als ich mit einem Mann zusammenstoße. Ängstlich mache ich ein paar Schritte zurück.

„Keine Angst“, sagt er mit beruhigender Stimme, „ich wollte dir deinen Schlüssel bringen.“

„Danke“, sage ich und erkenne den Mann vom Flügel, „sie sind hier?“

„Als du das Odeon verlassen hattest, war es, als würde ein Stück meines Herzen mit dir gehen. Ich musste dich wiedersehen, um mich zu vergewissern, dass es nicht nur Einbildung ist.“

Wie ist es möglich, dass er ausspricht, was ich ebenso fühle? Auf der offenen Hand hält er mir den Schlüssel entgegen. Ich will ihn entgegen nehmen, aber er schließt mein Hand in seiner ein. Nicht fest. Ich könnte sie jederzeit herausziehen, aber ich will es nicht. So fühlen sich also seine warmen Hände auf meiner Haut an. Ein wildes Kribbeln zieht sich meinen Arm hinauf. Mein Herz überschlägt sich beinahe und mein Atem geht stoßweise.

„Möchten sie einen Kaffee mit mir trinken?“, frage ich mit zitternder Stimme.

„Ja“, sagt er und ich höre sein Lächeln, als er weiter spricht, „morgen früh. Ich bringe ihn dir ans Bett.“

In meinem Hirn rasen die Gedanken durcheinander. Bedeute es das, was ich denke, dass es bedeutet? Er führt mich zu meiner Haustür, nimmt mir den Schlüssel ab und schließt auf. Sacht schließt er die Tür hinter uns. Wir stehen im dunklen Flur, dicht voreinander. Ich weiß, dass er mich küssen, mit seinen schönen Händen berühren und meinen Körper mit seinem in Ekstase versetzten wird und doch kann ich mich nicht rühren. Ist es nur einer dieser One-Night-Stands, die meine Sehnsucht für einen Moment übertönen und mich umso sehnsüchtiger zurücklassen?

„Komm zu mir“, sagt er leise. Seine Stimme ist so melodisch, wie sein Spiel, „hab keine Angst. Ich weiß nicht, was mit uns geschieht, aber du gehörst zu mir. Ich habe lange auf dich gewartet und ich lasse dich nicht mehr gehen.“

Er legt seine Hände in meine Taille und zieht mich an sich. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Es ist wie nach Hause kommen. Der Sturm in meinen Gedanken kommt zur Ruhe, obwohl mein Körper sich in einer Aufruhr befindet, die ich seit Langem nicht mehr gefühlt habe.

„Küss mich“, flüstert er mit rauer Stimme an meinem Ohr.

Sein heißer Atem streift über mein Gesicht. Die Finger seiner linken Hand zerwühlen mein Haar. Ich lehne meinen Kopf in den Nacken und biete ihm meinen Mund zum Kuss. Er beugt sich zu mir, als sich unsere Lippen kosten, erschauern mein Körper und meine Seele unter dem aufgewühlten Gefühl, das dieser Mann in mir auslöst. Es ist wahr, muss wahr sein. Wir gehören zusammen, sind füreinander bestimmt. Er küsst mich so zärtlich, lustvoll und sinnlich, dass ich die Zeit und den Raum um mich herum vergesse, wie im Odeon, als er mich mit seinen Melodien betörte.

Wir gehen ins Schlafzimmer. Die Gefühle in mir reffen sich zu Wellen auf, wollen Ausdruck finden, doch kein Wort ist annähernd genug, um sie zu beschreiben. Er zieht mich langsam aus. Seine Fingerspitzen setzen winzige Brände auf meine Haut. Jede Berührung durchdringt mich, jagt Schauer über meinen Körper und weckt mein Begehren in einem Ausmaß, das mich um den Verstand bringt. Ich bin das Instrument, das er durch seinen Anschlag zum Klingen bringt, mal sanft, mal nachdrücklicher. Er beherrscht das Spiel auf meinem Körper ebenso virtuos, wie auf dem Flügel. Ich öffne mich ganz für ihn, überlasse ihm den Rhythmus, fließe auf seinem Gezeitenstrom. Unsere Körper sprechen aus, was nicht in Worte zu kleiden ist. Die Nacht gehört uns, löscht die Erinnerung an Einsamkeit und Kälte aus.

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Verloren

 

Ich habe dich verloren

Kenne nicht den Grund

So viele Fragen gestellt

Du bliebst die Antwort schuldig

 

Welcher Schnitt hat uns getrennt

Die Bindung vieler Jahre zerstört

Schlimmer ist dein Schweigen

Als ein Schlag ins Gesicht

 

Kann ich es ungeschehen machen

Ich reiche dir die Hand

Du schaust mich nicht an

Dein Stolz lässt es nicht zu

 

Die Zeit verrinnt beharrlich

Der Schmerz verblasst schleppend

Die Erinnerung an dich bleibt

Ein Splitter in meinem Herzen

 

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In dem Café

„Hoch-über-der-Stadt“,

Nahe dem Turm

Mit dem goldenen Zifferblatt

 

Saß ein Liebespaar,

Hand in Hand,

Und er schwieg und er sah,

Und sie sah und verstand.

 

In dem Café

Hoch über der Stadt,

Wo es Wolken und

Sonne hat,

 

Ziehen die Wege fort

Über Land,

Pappeln stehen

Am Wegesrand,

 

Und die Welt ist

Wehend und weit!

Nahe dem Turm

Mit der goldenen Zeit

 

Saß ein Liebespaar,

Hand in Hand,

Und sie sah und sie schwieg –

Und er schwieg und verstand.

                                       J.R.Becher

 

Heute Morgen habe ich einen kleinen Abstecher zum Bücherflohmarkt gemacht und in einem Gedichtband – „Ich denke dein“ – dieses hübsche Gedicht gefunden.

 

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