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Posts Tagged ‘Glockenschlag’

Das Orchester wird leiser. Gleich ist es soweit! Ich drehe mich nach links. Der große Zeiger der Standuhr steht schon auf zwölf und der Sekundenzeiger überschreitet die Elf. Dann der erste Schlag. Mein Gott warum habe ich nur solange gewartet. Ich muss gehen. Sofort! Nur noch sechs Schläge, bis die Masken fallen.

Mein Herr wird mich erkennen. Dann gibt es keine Gnade. Ich habe die Grenze überschritten. Einmal schön sein. Einmal von ihm bemerkt. Er denkt ich bin eine von ihnen. Diesen sinnlich, erregenden Damen.

Ich bin nur die Kinderfrau. Jeden Tag im grauen Kleid. Keinen Schmuck, mit einem strengen Dutt. Ein Schatten, ein Niemand. Liebe ihn unbemerkt und ungebeten. Aber heute Abend hier hat er mich begehrt, hat mir Avancen gemacht. Wenn er wüsste, wer ich wirklich bin. Noch in dieser Nacht würde ich in der Gosse landen.

Noch zwei Schläge. Wo ist der Ausgang? Die berauschte Menschenmenge nimmt mir die Sicht. Sie drängen sich zusammen wie eine Herde Schafe, aufgeschreckt durch den Glockenschlag. Er darf mich nicht erkennen. Ich tauche unter, wieder auf. Er bleibt mir auf den Fersen. Der letzte Schlag. Ich sehe die Tür direkt vor mir. Die Hand auf der Klinke. Er packt mich, dreht mich zu sich herum. Die Maske fällt. Jetzt ist alles vorbei. Mein angsterfüllter Blick stürzt in seine blauen Augen.

Die Tür geht auf, er zieht mich fort und flüstert triumphierend:

„Ich wusste, dass du es bist.“

Der Text entstand nach der Aufgabe: Masken II, aus meinem Blog Schreiberlebentipps

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